Ohne Infrastruktur ist kein Staat zu machen

12. Dezember 2009 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 2 von 12 der Serie Frauen bewegen

Eine Bewegung entsteht, weil Bewusstsein für mindestens eine Problemlage vorhanden ist – sei es, weil ein „nicht-bemerken“ der Problemlage unmöglich ist (zum Beispiel Hunger oder Armut) oder weil die theoretische Arbeit, das Problem zu sehen, geleistet und vermittelt wird (zum Beispiel foebud).

Betrachte ich also susimaus´ Kommentar „die frauen sind zu satt für die ‘straße’. es besteht für viele gar kein anlass mehr für feminismus“ unter meinem letzten Beitrag unter diesem Blickwinkel, besteht eine wesentliche Aufgabe der dritten Welle des Feminismus in der Vermittlung der Problemlage an die Frauen bzw. Basis.

Antje Schrupp sah als einen der Ansatzpunkte, um das Politische ins Private zu tragen, Folgendes: „Es kommt darauf an, die persönliche Verhandlungsstärke von Frauen zu erhöhen, damit sie dort in Konflikte gehen können, wo sie privat/persönlich werden und ihnen kein Gesetz helfen kann: Stichworte Selbstsicherheit, Rückhalt in konkreten Beziehungen usw.“

Geht es also um die Vermittlung der Problemlage, geht es immer auch darum, mit dieser Problemlage umzugehen bzw. gegen das Problem anzuarbeiten. Dabei ist eine vielschichtige Herangehensweise notwendig: Blogs erhöhen die Aufmerksamkeit auf das Thema, Bücher bieten ein Mehr an Information, die Politik wird über verschiedene Personen und Organisationen sensibilisiert …

Ein wesentlicher Punkt fehlt jedoch in dieser Aufzählung: Das erreichen der Basis vor Ort.

Die Zweite Frauenbewegung hat in diesem Bereich Unglaubliches geleistet: Frauenzentren, -beratungsstellen, -kulturzentren, -büros, -buchhandlungen, – bildungsorte usw. wurden aufgebaut – einige konnten sich bis heute halten. Noch besteht eine weitflächige Infrastruktur, die es für die Dritte Frauenbewegung zu erobern gilt.

Feminismus vor Ort verdeutlicht im konkreten Leben der Einzelnen den Anlass für Feminismus und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, sich feministisch auszubilden und die eigene Stärke zu erhöhen. Dennoch: Erobern wir uns nicht die Frauenorganisationen, haben wir auch keinen Einfluss auf das Programm.

Um aus der dritten Welle des Feminismus eine Dritte Frauenbewegung zu zaubern und damit die Gesellschaft bzw. den Staat zu schaffen, den wir haben wollen, braucht es die Infrastruktur des World Wide Web, der Printmedien, der Politik und der Frauenzusammenhänge vor Ort.

Alleine ist Keine: Damit wir nicht als Einzelkämpferinnen in den verschiedenen Handlungsfeldern der dritten Welle des Feminismus dahinvegetieren, fände ich es toll, über die Kommentare zu erfahren, wo zum Beispiel du dich engagierst? Wo braucht es tatkräftige Unterstützung, um einer dritten Frauenbewegung Kraft zu verleihen? Wo hat die dritte Welle des Feminismus bereits „einen Fuß in der Tür“?


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Das Politische ist privat

13. November 2009 von Stephanie
Dieser Text ist Teil 1 von 12 der Serie Frauen bewegen

Betrachte ich die Frauenbewegung als Ganzes, fällt mir in Bezug auf unsere heutige Zeit eines besonders auf: Zum ersten Mal trifft eine Frauenbewegung auf eine andere Generation. Als die Zweite bzw. Neue Frauenbewegung begann, waren die Frauen der Ersten sicherlich zu 99 Prozent tot und auch vergessen. Mühsam wurden sie wieder ausgegraben, eben weil die Frauen der Zweiten nach Vorbildern suchten.

Jetzt erleben wir eine Situation, in der die Frauen der Zweiten Frauenbewegung häufig versuchen, sich gegenüber der 3. Welle des Feminismus zu verteidigen. Sicherlich, weil einerseits die Vertreterinnen der 3. Welle die Abgrenzung zu den „Alten“ suchen, aber auch weil es einfach kein how-to für die Frauen gibt, die sich als Fortsetzung der Zweiten Frauenbewegung begreifen.

Als ich die Kritik an „Wir Alphamädchen“ und an „Neue deutsche Mädchen“ in der Emma las, war ich durchaus erstaunt. Einerseits weil ich die Kritik im Kontext der jeweiligen Bücher nicht nachvollziehen konnte, andererseits weil ich bei feministischen Frauen der 2. Welle meistens einem großen Interesse am „Nachwuchs“ begegne.

Ich sehe in der 3. Welle des Feminismus viel Stärke und auf dem „To-do Zettel“ des Feminismus noch so viel zu tun, dass meines Erachtens ein Erstarken der Frauenbewegung Not tut. Bleibt die Frage, in welcher Form?

Ältere Feministinnen fragen mich häufig, warum die jungen Frauen nicht einfach die Zweite bzw. Neue Frauenbewegung nicht einfach fortsetzen. Tatsächlich halte ich die 3. Welle des Feminismus für eigenständig, da sie einen anderen Handlungsstrang verfolgt. Während die Zweite Frauenbewegung sich daran orientierte, das als privat erlebte in die Politik zu tragen – „Das Private ist politisch“ – beobachte ich in den Publikationen der 3. Welle einen diametral entgegen gesetzten Schwerpunkt: Selbstverständlich gäbe es auf der politischen Ebene viel zu tun, jedoch ist das häufigste Thema, das politisch erwirkte auch privat durchzusetzen. „Neue deutsche Mädchen“ zeigen dies sehr deutlich: Während die politischen Bedingungen geschaffen wurde, keine Grenzen qua Geschlechts im Beruf zu erleben, stellen sie fest, trotzdem an eine gläserne Decke zu stoßen. Die Menschen stellen das größte Problem dar, nicht die Politik.

Dementsprechend wäre der Slogan der 3. Welle: „Das Politische ist privat“.

Mit einem genau ins Gegenteil gekehrten Schwerpunkt ist aber eine Fortsetzung der Zweiten Frauenbewegung nicht möglich, es braucht eine Dritte.

Auch wenn das für mich klar ist, spreche ich trotzdem von der 3. Welle des Feminismus, nicht von einer Bewegung – noch fehlt der dafür meines Erachtens notwendige Druck. Bisher fehlt mir noch eine Antwort auf die Frage, wie wir diesen Druck aufbauen können. Die traditionellen „Druckmacher“, zum Beispiel Besetzungen, Demos usw., sind unter dem Anspruch, das Politische ins Privatleben zu tragen, schwer denkbar – wenn auch nicht unmöglich.


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