Amy Winehouse, im Kino und im Patriarchat: „Sing, oder ich will mein Geld zurück!“

4. September 2015 von Nadia
Dieser Text ist Teil 21 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Die Geschichte, die ich erzählen will, wäre vielleicht noch interessanter, wenn ich sagen könnte, ich hätte Amy Winehouse schon immer richtig spitze gefunden. So war es aber nicht, denn das erste Mal kam ich mit Amy in Berührung als sie 2004 mit „Will you still love me tomorrow“ auf dem Soundtrack des Bridget Jones-Sequels landete, und ich ignorierte sie erstmal direkt: Eine weitere nicht-Schwarze Frau die einen auf Jazz machte, die nächste Norah Jones Schrägstrich Joss Stone Schrägstrich Diana Krall. Und die mit ihren Tracks wahrscheinlich sowohl wunderbar auf Sektempfängen als auch in Fahrstühlen funktionieren könnte. Langweilig, langweilig, langweilig.

In einem Leben, das damals noch wunderbar vorwiegend analog funktionierte, tauchte sie breitflächig erst wieder 2006 in meiner Wahrnehmung mit „Rehab“ auf, transportiert via MTV, optisch und musikalisch verziert mit der ganzen Rutsche des Ausleihens von Musikkultur-Erbschaften im großem Stil, und zwar glasklar in Richtung Black Appropriation, denn ihre Vintage-Selbstinszenierung war schon damals natürlich nicht unproblematisch. (mehr …)


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Jenseits von #Ehefüralle: Trans_Kämpfe in den USA

16. Juni 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 20 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Auf nytimes.com gibt es eine sehenswerte englischsprachige Reportage über die jahrzehntelangen aktivistischen Kämpfe von Trans_Menschen in den USA, insbesondere Trans_Frauen of Color. Die Reportage thematisiert die frühen Kämpfe von LGBT inklusive der tagelang andauernden Stonewall-Kämpfe von 1969, dem „Geburtsort“ der US-amerikanischen LGBT-Bewegung.

Was oftmals unerwähnt bleibt: Tragende Rollen spielten Trans_Frauen of Color wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera. In massenmedialen Erzählungen oder Mainstream schwullesbischen Kämpfen spielen Trans_Realitäten und Trans_Rechte heute hingegen kaum eine Rolle. Gay Marriage – das deutsche Äquivalent: „Ehe für alle“ – sei nur deshalb eine so zentrale Forderung, weil dringende Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, medizinische Unterversorgung und Gewalt in LGBT-Bewegungen an den Rand gedrängt werden. Die interviewte Aktivistin Lourdes Ashley Hunter vom Trans Women of Color Collective stellt fest: „Ehe [für alle] ist nicht oberste Priorität – nicht für Schwarze Trans_Frauen“*

Die Reportage enthält Beschreibungen von (sexualisierter) Gewalt.

* „The priority is not [gay] marriage – not for Black trans women.“ – Lourdes Ashley Hunter (Trans Women of Color Collective)


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Pitch Perfect 2: A-Ca-müsant, A-Ca-usbaufähig

18. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 19 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

[Inhaltshinweis: (Milde) Spoiler für Pitch Perfect 2]

Bridesmaids, The Heat, Pitch Perfect (und nun offenbar auch Mad Max) – Hollywood-Blockbuster, in denen Frauen nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch andere Interessen als die Jagd nach einer heterosexuellen romantischen Zweierbeziehung haben, sind noch immer eher spärlich gesät. Der erste Teil von Pitch Perfect, der sich um die Frauen-A-Capella-Gruppe „Barden Bellas“ dreht, kam 2012 ins Kino und wurde zum unvermuteten Hit. Pitch Perfect 2, der am 15. Mai anlief, setzt letztlich da an, wo der erste Film aufhörte.

Die Barden Bellas haben mittlerweile drei nationale Titel für ihre Sangeskünste gewonnen und stehen wieder auf der Bühne. Fat Amy (dargestellt von Rebel Wilson) hat eine, nun ja, „Wardrobe Malfunction“ bei einem Stunt und zeigt der Welt was passieren kann, wenn man keine Unterwäsche trägt und die Hose reisst. Die Barden Bellas sollen daraufhin aufgelöst werden, es sei denn – und man hinterfragt die Logik hier am besten einfach nicht – sie gewinnen den internationalen A-Capella-Wettbewerb in Kopenhagen und werden Weltmeisterinnen. Wie man sich denken kann, passieren auf dem Weg nach Kopenhagen lustige Dinge, Probleme müssen gelöst und Lieder und Choreographien einstudiert werden, und darüber hinaus stellt sich für jede Barden Bella die Frage, wie es nach dem College-Abschluss weitergehen soll.

Quelle: Wikipedia.

Quelle: Wikipedia.

Während sich das Narrativ im ersten Teil noch stark an der Ent­wick­lung von Beccas (dargestellt von Anna Kendrick) und Jesses Be­zieh­ung orien­tier­te, spielen die ro­man­ti­schen Be­ziehun­gen der Bar­den Bel­las in Pitch Perfect 2 eine er­fri­schend ne­ben­säch­li­che Rol­le. Gezeigt werden vor­nehm­lich die Un­ter­stütz­ung durch Be­­­zieh­­ung­s­­­part­­­­ner und die un­be­darft-über­for­der­ten Ver­­­su­­che Ben­­jis, mit der Barden-Bella-Nach­wuchs­sänger­in Emi­­ly zu flir­­­ten, bis die­­­se selbst die Ini­­­tia­­ti­­­ve er­­­greift. Im Zen­­­trum stehen aber im­­­mer die Be­­­zieh­­ung­en der Bar­­­den Bel­­­las zu­­­einan­­­der und Fra­­­gen der per­­­sön­­­li­­chen (Weiter-)Ent­­wick­­­lung. Den Bechdel-Test besteht Pitch Perfect 2 also wieder mit Leich­tig­keit. Pitch Perfect 2 wurde zudem von Frauen ge­schrie­ben und pro­du­ziert, und Eli­za­beth Banks (die die Kommentatorin Gail spielt) führ­te Regie.

Pitch Perfect 2 ist lustig: Die deutsche A-Capella-Gruppe und größte Barden-Bella-Konkurrenz „Das Sound Machine“ wurde zielsicher mit Youtube-Sternchen Flula Borg besetzt und hart akzentuiert, und auch sonst geben sich einige bekannte Gesichter die Ehre, angefangen von Keegan-Michael Key, John Hodgeman und David Cross über diverse Greenbay Packers-Spieler und Snoop Dogg, hin zu Christina Aguilera, Robin Roberts, Rosie O’Donnell und Rosie Perez. Es beweist sich ebenfalls erneut, dass Witze über Deutschland immer ziehen und dass es amüsant bleibt, Uncoolness liebevoll in Szene zu setzen. Pitch Perfect 2 tut gut daran Fat Amy stärker in den Mittelpunkt zu rücken, und Sexismus und Misogynie werden auch in dieser Fortsetzung persifliert.

Genau hier zeigt sich aber das übliche Problem: Das allein reicht nicht. Bei Think Progress hat Jessica Goldstein schon beschrieben, warum „racism for comic relief“, also der Einsatz von rassistischen Witzen und Klischees, auch in Pitch Perfects Fortsetzung in die Hose ging. Ich hoffte beim Gucken immer wieder, dass diese Witze irgendwann aufgelöst würden – also, dass ein Charakter einen solchen lakonisch kommentiert, dass irgendwann peinlich berührte Stille herrscht in einer Szene oder durch eine Aktion das Gegenteil des Gesagten bewiesen wird. Bei Sexismus-Satire, die Pitch Perfect (beide Teile) ganz gut drauf hat, funktioniert das ja auch. Hier bleibt Flo (dargestellt von Chrissie Fit), die neue Barden Bella aus Guatemala, allerdings ein rassistisches Latina-Klischee, die ausschließlich und allein für komödiantischen Effekt von ihren Fluchterfahrungen erzählen darf. Auch Lilly (dargestellt von Hanna Mae Lee) muss weiterhin die leise, schüchterne, aber heimlich kampferprobte und leicht angsteinflößende asiatisch-amerikanische Barden Bella mimen.  (mehr …)


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„Masters of Sex“ – oder wie Sex emanzipieren kann

16. April 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 18 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Inna studiert Philosophie und Soziologie in Rostock und versucht dabei Philosophinnen zu entdecken, anstatt sich von der Männerdominanz in beiden Fachrichtungen entmutigen zu lassen. Am liebsten schreibst sie über Serien, Filme und Menschen, die sie auf verschiedenste Weise bewegen. Der folgende Beitrag erscheint demnächst auch im Rostocker Studierendenmagazin Heuler.

„Frauen denken oft, dass Sex und Liebe dasselbe sind, aber das muss nicht so sein, das kann man auch voneinander trennen“, sagt die emanzipierte und selbstbewusste Virginia Johnson (Lizzy Caplan) zu Beginn der TV-Serie Masters of Sex. Als  Forschungsassistentin, die durch ihr besonders unkonventionelles Denken im Jahr 1956 für diesen Posten geeignet erscheint, erforscht sie mit dem renommierten Gynäkologen William Masters (Michael Sheen) das menschliche Sexualverhalten.

Basierend auf den realen Leben von William Masters und Virginia Johnson, spielen Michael Sheen und Lizzy Caplan die Geschichte zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch gemeinsam jegliche Erkenntnisse über  menschliches Sexualverhalten revolutionieren. Eine wichtige Feststellung dabei lautet, dass es keinen Unterschied gibt zwischen vaginalen und klitoralen Orgasmen. Es zeugt von einer gewissen Ironie und ist auch gleichzeitig paradox, dass es letzten Endes ein Mann ist, der den Frauen sagt, dass sie sich auch selbst befriedigen können.

Die Serie ist von gegensätzlichen Verhältnissen geprägt. William Masters, ein Mann, der beweisen will, dass Frauen sich auch ohne Männer gut und gerne befriedigen können, ist gleichzeitig ein frauenfeindlicher, ignoranter Kontrollfreak mit einem gigantischen Ego. Dabei ist der Gipfel der fragilen Verflechtungen von Paradoxien die Tatsache, dass er aus Stolz seiner Frau Libby (Caitlin Fitzgerald) nicht sagen kann, dass nicht sie der Grund ist, weshalb sie (bislang) kein Kind bekommen konnte, sondern er.

Virginia ist hingegen ihrer Zeit weit voraus. Den Höhepunkt stellt dabei ihr überaus erfülltes Sexleben dar, was in Kombination mit der Tatsache, dass sie eine zweifache, alleinerziehende, unverheiratete Mutter und Sexualforscherin in den 60er Jahren ist, nur skandalös sein kann. Es geht bei dieser Serie offensichtlich um mehr als nur Sex oder das Beobachten von Menschen beim Masturbieren oder Koitus, während sie mit Aufzeichnungsgeräten verkabelt sind. Rollenbilder werden hinterfragt, Vorreiter_innen geschaffen und Sex auf eine Art und Weise emanzipiert, auf die es auch tatsächlich allen Beteiligten Spaß machen darf und kann!

„Der Sex war immer eine Art Vehikel, um Diskussionen über wirklich schwierige Themen führen zu können“, sagt Produzentin Michelle Ashford in einem Interview. Es gibt in der Serie zwei weitere zentrale Themen: Die zu diesem Zeitpunkt in den USA vorherrschende Segregation zwischen Schwarzen und weißen Menschen und der Kampf dagegen, den Masters Frau Libby – bis dato unscheinbar und naiv – beginnt zu unterstützen. Zum anderen spielt das Thema Homosexualität beispielsweise für die ehemalige Prostituierte Betty DiMello (Annaleigh Ashford) eine Rolle, da sie sich mit einer Gesetzeslage konfrontiert sieht, die sog. Homosexualität bis 1962 in allen Staaten unter Strafe setzte. Auch danach wurden homosexuell lebende Personen in der Gesellschaft weder akzeptiert, noch gleichwertig behandelt.

2015 hat die Serie kaum an Aktualität verloren. In Zeiten von rassistischen Spaziergängen, sexueller Gewalt in Werbungen und Videos, die als witzig und harmlos empfunden wird, und homophoben Regierungen kann ich die Serie als kurzen Wink mit dem Zaunpfahl gar nicht genug empfehlen.

Die zweite Staffel ist gerade auf ZDF.neo angelaufen.


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Film-Empfehlungen – Garantiert ohne Oscargewinner

23. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 17 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Heute Nacht wurden die Oscars verliehen. Und auch wenn es in den letzten Jahren immer viele Gründe zur Beschwerde gab, dieses Jahr wurde schon allein bei den Nominierungen (negativ) aufgetrumpft:

  1. Es wurden ausschließlich weiße Schauspieler_innen in allen Kategorien nominiert. (Für alle, die Zahlen mögen: 20 von 20!)
  2. Ausschließlich Männer wurden als beste Regisseure und Drehbuchautoren nominiert.
  3. Und das, obwohl es beispielweise Ava DuVernay mit „Selma“ gegeben hatte – ein Film, der überhaupt einfach missachtet wurde. Dazu möchte ich auch noch an den Colorlines Artikel „Academy Voter Offended by Selma Cast Wearing ‘I Can’t Breathe’ Tees“ erinnern, oder Flavorwires Zusammenstellung „Whitesplaining ‘Selma‘: A Hall of Shame„.

Wer trotz alledem noch etwas zu den diesjährigen Oscars lesen möchte, empfehle ich den Liveblog bei Autostraddle nachzulesen (vor allem auch wegen der GIFs!) und Stacy L. Browns Artikel bei BitchThe Oscars Needs to Solve its Diversity Issues—Or Become Irrelevant„. (Nachtrag: Außerdem lesenswert Shakesvilles Zusammenfassung des Abends inklusive einer kritischen Analyse von Patricia Arquettes Aussagen.)

Und für all jene, die gern Filme gucken möchten, die nicht die immer gleichen Geschichten über die immer gleichen Figuren ansehen möchten, habe ich noch kurze Filmbesprechungen (Achtung, eventuell Inhalts-Spoiler) rückblickend auf die Berlinale. Dyke Hard hatte Hengameh hier bereits besprochen. Drei weitere Filme, nach denen es sich lohnt Ausschau zu halten:

Body von Małgorzata Szumowska

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Berlinale 2015: Traut dem Hype, schaut euch „Dyke Hard“ an!

6. Februar 2015 von Hengameh
Dieser Text ist Teil 16 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Bitte Anderssons Musical-Film Dyke Hard wird dieses Jahr auf der Berlinale gezeigt. Hier findet ihr die Termine auf dem Festival-Spielplan und hier ist die Film-Homepage.

Die Lesben Peggy, Scotty, Bandito und Riff gehören in der Schule nicht gerade zur High Society, sondern sind sie eher – jede auf ihre eigene Art – klassische Außenseiter_innen. Es gibt eine Alternative zum Aushalten der Tyrannei ihrer Mitschüler_innen: Sie starten eine Rockband und ermächtigen sich als Gruppe lesbischer Freund_innen.
Kaum erobert ihre Band Dyke Hard die Charts, schon lässt der Erfolg wieder nach. Der bestimmerischen Frontperson Riff reicht es nicht, als One-Hit-Wonder zu gelten – und überhaupt findet sie ihre Band-Kolleg_innen ziemlich inkompetent. Wohl oder übel trennt sie sich von ihnen und beschließt, die Szene solo zu erobern.

Dyke Hard lassen sich von dieser Trennung nicht erschüttern, sondern sehen in ihr die Chance, endlich hierarchieflach zu arbeiten und ein angenehmes Klima innerhalb der Band zu schaffen. Ihren Neustart möchten sie auf dem bevorstehenden Bandcontest in der Großstadt feiern. Doch diesen Wettbewerb möchte auch Riff für die eigene Karriere nutzen. Mit Hilfe der geheimnisvollen Moira will sie ihre Konkurrenz ausschalten und ihren Ego-Trip weiterfahren. Der Weg in die Großstadt ist in vieler Hinsicht das Ziel: Dyke Hard lernen durch diese Umstände die charismatische Thai-Boxerin Dawn kennen, die für einen anderen Wettbewerb in dieselbe Richtung muss. Auf diesem gemeinsamen Road-Abendteur begegnen ihnen zahlreiche Kuriositäten, ein Geisterhaus, Cyborgs, Ninjas und letztlich auch ein fester Kitt für ihre Freund_innenschaft.

In Schwedens aktivistischer Tradition queerer Musicals dominiert zwar die Camp-Ästhetik den Film, doch auch Elemente aus den Bereichen Horror, Action, Sci-Fi und Rock’n’Roll-Kultur bereichern dieses Mosaik.  Viele Darsteller_innen sind szeneintern sehr bekannt, Lina Kurttila (stellt Riff dar) ist das Gesicht aus dem Youtube-Video „Top 60 Swedish Lesbian Ghetto names„, welches trotz rassistischer Problematik vom Titel bis zur Umsetzung eine sehr hohe Popularität hat. (Es ist sehr schade, ihre Videos könnten sehr witzig sein, wenn sie sich nicht dieses Ghetto-Entitlement geben würde.) Insgesamt gibt es in der Besetzung viele Persons of Color, Schwarze Personen und Trans*personen, unter den Hauptfiguren ist die dicke Person sogar die mit den meisten Flirts und Groupies. (Und es ist traurig, dass ich das als positive Seite hervorheben muss.)

Witzig, spannend, explizit, überspitzt kitschig_geschmacklos und *dykelicious* ist das Musical einmalig und im Kontext der ernsten, artsyfartsy Berlinale eine selbstironische Erfrischung.


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Berlinale 2015: Doku-Empfehlungen

3. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 15 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Gestern habe ich bereits eine Reihe von langen und kurzen Spielfilmen vorgestellt, die auf der Berlinale laufen, heute wende ich meinen Blick den Dokus zu:

dokumentarische Form

Feelings Are Facts: The Life of Yvonne Rainer
USA 2015, 83 Min
Yvonne Rainer ist heute 80 Jahre alt und immer noch als Choreographin aktiv. In den 60er Jahren hat sie mit ihren Inszenierungen Vorstellungen von Tanz revolutioniert, in dem sie Alltagsbewegungen sezierte und neu_inszenierte. Mit ihrem Film MURDER and murder (1996) über ein lesbisches Paar, wo eine der Frauen an Krebs erkrankt, gewann sie 1997 auf der Berlinale den Teddy Award. Der Dokumentarfilm von Jack Walsh zeichnet nun Rainers bisheriges Leben und Schaffen durch Filmausschnitten, Archivaufnahmen, Neuinterpretationen ihrer Choreographien und Interviews nach.

Hotline
Israel / Frankreich 2015, 100 Min
Filmemacherin Silvina Landsmann, die auch Dokumentarfilm an der Kinemathek von Tel Aviv unterrichtet, folgt in ihrem aktuellen Film Aktivistinnen, die in Tel Aviv Geflüchtete (vor allem aus Sudan und Eritrea) unterstützen. Landsmann zeigt, wie die Geflüchteten und Aktivistinnen zwischen rassistischen Resentiments, Gesetzgebungen, in Ämtern, in Gerichten und an anderen Orten agieren und für Aufenthaltsrechte kämpfen.

Je suis Annemarie Schwarzenbach
Frankreich 2015, 85 Min
Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) war eine Schweizer Schrifstellerin, Fotografin und Journalistin. Bekannt und in Erinnerung ist sie für die unterschiedlichsten Dinge geblieben: Ihre fiktiven und dokumentarischen Texte, ihre Freund_innenschaft mit Klaus und Erika Mann, ihre Autoreise nach und durch Afghanistan Ende der 1930er, ihr als androgyn gelabeltes Auftreten, ihre Fotografien, die den Aufstieg des Faschismus in Europa dokumentierten, oder aber auch ihr Drogenkonsum. Véronique Aubouy lässt in ihrem Film eine Reihe junger Schauspieler_innen sich Schwarzenbach annähern und erstellt so ein Kaleidoskop, in welchen die verschiedenen Facetten eingefangen und variert werden.

Misfits
Dänemark / Schweden 2015, 74 Min
Tulsa, Oklahoma, ist eine Stadt um so bezeichneten „Bible Belt“. Filmemacher Jannik Splidsboel begleitet vom einzigen LGBT-Jugendzentrum ausgehend drei Jugendliche, ihren Alltag, ihr Lieben, Konfrontrationen mit den engen, hetero_cis_sexistischen gesellschaftlichen Grenzen, aber auch Zusammenhalt.

What Happened, Miss Simone?
USA 2015, 102 Min
Liz Garbus, die mit ihrem Dokumentarfilm The Farm (1998) für den Oscar nominiert war, über die große Musikerin und Aktivistin Nina Simone vor. Der Film arbeitet eher traditionell mit Archivmaterial und Interviewsequenzen, z.B. mit Simones Tochter. Dabei werden die verschiedenen Lebensphasen betrachtet, Höhen und Tiefen, musikalische Errungenschaften und politisches Engagement finden Platz.


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Berlinale 2015: Spielfilm-Empfehlungen

2. Februar 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 14 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Diese Woche startet die 65. Berlinale. Vom 05. bis 15. Februar werden rund 400 Filme gezeigt, wovon viele erstmals (oder zu mindestens erstmals in Europa) dem Kinopublikum präsentiert werden. Seit letzter Woche ist endlich das Programm online. Leider ist auch bei perfektem Zeitmanagement und unendlichen Geldressourcen der Besuch aller Filme unmöglich, darum habe ich mich durch die Angebote geklickt und einige Filme zusammengetragen, die interessant klingen/ aussehen. Eine lustige Gemeinsamkeit einer Reihe der Filme: 17-jährige Protagonistinnen.

Spielfilme (lang)

Body
Polen 2015, 90 Min
Der Film von Małgorzata Szumowska, die das Drehbuch schrieb (mit Michał Engler) und Regie führte, erzählt die Geschichte von Olga (Justyna Suwała) und Anna (Maja Ostaszewska), die beide auf unterschiedliche Weise Umgänge mit Trauer suchen. Im Zentrum steht dabei der Körper – wie der Filmtitel erahnen lässt, aber auch Reflektionen zu Esoterik, Glauben und all den komplexen Umgangsstrategien.

Chaiki
Russische Föderation 2015, 87 Min
Chaiki ist das Langspielfilm-Debut der Filmemacherin Ella Manzheeva, die vor zwei Jahren Teil des Berlinale TalentCampus gewesen ist. Der Film dreht sich um Elza (Evgeniya Mandzhieva), eine junge Frau in einer kleinen Stadt in Kalmückien am Kaspischen Meer, die vor allem raus möchte, sich aber auch nicht traut. Als ihr Mann vom illegalen Fischfang nicht zurückkehrt, lotet sie erneut ihre Wünsche und Möglichkeiten aus.

Dyke Hard
Schweden 2014, 94 Min
Bei der Berlinale laufen nicht nur bitterernste Filme, sondern beispielsweise auch das Examensprojekt Dyke Hard der Regisseurin, Comiczeichnerin und Illustratorin Bitte Andersson. Die Band Dyke Hard feiert in diesem Film erst ihren ersten großen Erfolg, um dann gleich auseinanderzubrechen. Doch dann hören sie von der großen „Battle of the Bands“, begeben sich auf einen Roadtrip, treffen auf Geisterhäuser, Todestrakt, Omas mit Agenda, Ninjas und Cyborgs, quasi alle Elemente die bei einem Filmplot-Brainstorming so fallen. Das könnte auf jeden Fall einen riesigen Spaß ergeben.

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Bones – Knochen lügen nicht. Rassismus und Sexismus unter der Haut

4. Dezember 2014 von Melanie
Dieser Text ist Teil 13 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Serien waren schon immer mein Laster. Meine Prokrastinationsform Nummer eins. Die Serie Bones faszinierte mich, weil sie mit einer meiner Sehnsüchte spielt: Die Sehnsucht danach, zu WISSEN, wie der Mensch von Grund auf funktioniert, die Sehnsucht nach unhintergehbaren Tatsachen, die Menschen ausmachen. Und dieses Wissen liegt nach Bones in den Knochen.

Dass dabei mit rassistischen und sexistischen – vermeintlichen – Wahrheiten über die „Natürlichkeit“ des Menschen und die Wissenschaft vom Menschen gespielt wird, erschließt sich der_m Betrachter_in oftmals erst auf den zweiten Blick, macht es doch unter dem Deckmantel von „Wissenschaftlichkeit“, „Rationalität“ und „Logik“ jeden Widerspruch zu nichte.

Für diejenigen unter Euch, die mit der Serie nicht vertraut sind ein paar Infos:

Dr. Temperance Brennan ist forensische Anthropologin im (fiktiven aber an das real existierende Smithsonian Institute angelehnte) Jeffersonian Institute in Washington, D.C. und arbeitet bei Kriminalfällen mit dem FBI-Agenten und ausgebildeten Scharfschützen Seeley Booth zusammen. Ihr Spezialgebiet sind dabei die Fälle, in denen vom Opfer nur noch Knochen übrig sind. Anhand der Knochen zieht Brennan, Spitzname „Bones“, Rückschlüsse auf das Opfer, den Mörder und/oder die Tatwaffe und den Mordhergang. Ein Team von weiteren Wissenschaftler_innen unterstützt die beiden dabei.

Auf der einen Seite werden in der Serie Geschlechterstereotype unterwandert und das Team ist durchweg „divers“ – in der ersten Staffel wird das Institut noch von einem Schwarzen Archäologen geleitet, in der zweiten Staffel bekommt Bones noch eine direkte Vorgesetzte – eine Schwarze Gerichtsmedizinerin. Und wie nun kann eine wissenschaftliche Gruppe, die von einer Schwarzen FRAU! geleitet wird, Rassismen und Sexismen re/produzieren?

Dr. Brennan, also Bones, wird als rational und logisch denkend dargestellt. Nur das Zwischenmenschliche ist ihr völlig fremd: „Ich hasse Psychologie. Das ist eine weiche Wissenschaft“ erklärt sie in der ersten Folge der ersten Staffel. Aber natürlich gibt es eine Begründung für Brennans Rationalität: Dadurch, das Temperance als Kind von ihren Eltern verlassen wurde und (bis zur ersten Staffel der Serie) auch nicht weiß, warum und was aus ihnen geworden ist, lehnt sie die menschlichen Beziehungen ab und verlässt sich nur noch auf wissenschaftliche Fakten. Ähnliche Meme gibt es in Computerspielen, wenn es für die kampfeslustigen Frauen stets eine Hintergrundgeschichte gibt, die ihre Brutalität erläutert (meistens steckt dann Rache/Vergeltung als Motiv dahinter).

Anhand der Serie ließe sich viel verdeutlichen, über die „moderne“ Sicht auf die Wissenschaft vom Menschen. Darüber, wie als „wissenschaftlich“ nur das gilt, was mit modernster Technik sichtbar oder begreifbar (im buchstäblichen Sinne) gemacht wird. Wie die Metapher von hart und weich, also von wissenschaftlich/unantastbar mit unwissenschaftlich/schwammig an den „Knochen“ festgemacht wird. Und das, wo selbst die moderne Medizin inzwischen weiß, dass Knochen nicht „hart“ und unveränderlich sind, angefangen beim Wachstum, über ihre Reperaturfähigkeit, Nachgiebigkeit und so weiter und so fort.

An dieser Stelle will ich nur darauf eingehen, wie hier Geschlecht und „Rasse“ als „natürlich“ und wissenschaftliche Tatsache dargestellt und im selben Moment ad absurdum geführt werden. (Um es gleich vorweg zu nehmen: Bereits auf einem UNESCO-Workshop stellten Fachwissenschaftler_innen aus dem Bereich Humanbiologie/Anthropologie fest, dass es keinen wissenschaftlichen Grund gebe, den Begriff „Rasse“ weiterhin zu verwenden. Wer mehr dazu lesen möchte: siehe Literaturtipp unten)

Nehmen wir der Einfachheit halber direkt die erste Folge der ersten Staffel. In einem See wird eine Leiche gefunden und geborgen. Bones und ihr Assistent kommen mit Booth, dem FBI-Ermittler an den Tatort:

Booth: „Was kannst Du mir sagen?“

Bones: „Nicht viel, sie war eine junge Frau, wahrscheinlich zwischen 18 und 22 (…) Hautfarbe unbekannt“ (…)

Assistent erklärend: „Die Epiphysenfuge zeigt das Alter an, die Form der Beckenknochen das Geschlecht“

Später wird Angela, eine Teamkollegin, ein 3D-Modell des Opfers darstellen. Mit einem B.A. in bildender Kunst und Informatik hat sie die Fähigkeit, sowohl „Phantombilder“ der Opfer zu zeichnen, als auch ein Programm entwickelt, dass die 3D-Darstellung von Personen anhand der von Bones weitergegebenen Informationen ermöglicht. Das Programm kann auch ganze Tathergänge nachstellen, aber soweit nur, damit ihr Euch folgenden Dialog besser vorstellen könnt:

Angela präsentiert das Opfer als Hologramm: „Ihr Schädel war schwer zerstört. Aber Rassemerkmale, Größe der Wangenknochen, Nasenbogen, Größe des Hinterkopfs, alles spricht für eine Afro-Amerikanerin.“

Man braucht hier noch nicht mal Kenntnisse über den Aufbau menschlicher Knochen oder bekannter Rassentheorien, um zu merken, dass „Afroamerikanerin“ ein Konstrukt ist, das historisch gewachsen ist und Vorstellungen von (als natürlich gedachter) „Rasse“ und Migrationsgeschichten vermischt. Afroamerikanisch meint: Menschen mit schwarzer Hautfarbe, die in US-Amerika leben* (*Den Komplex der darüberhinaus geht, lass ich an dieser Stelle weg). Wie man das an Knochen erkennen soll? (Und erinnern wir uns an den Satz weiter oben: „Hautfarbe unbekannt“ – Hautfarbe reicht hiernach bis auf die Knochen)

Aber es wird noch absurder:

Bones: „Angela, lass das Programm noch mal durchlaufen und nimm die Parameter einer weißen Frau.“ (scheint immer noch unzufrieden mit dem Ergebnis) „Splitte es auf, gemischte Merkmale.“

Angela: „Lenny Kravitz oder Vanessa Williams?“

Bones: „Ich weiß nicht, was das bedeutet.“

Offensichtlich lassen die „Rassemerkmale, Größe der Wangenknochen…“ doch keinen eindeutigen Rückschluss zu. Bones lässt Angela die „Parameter einer weißen Frau“ eingeben, ohne das ersichtlich wird, welche ‚Parameter’ das genau sind, ist offenbar immer noch unzufrieden (sprechen die Knochen wohl doch keine so genaue Sprache?) und bittet um „gemischte Merkmale“. Auch diese Angabe ist zumindest Angela nicht eindeutig genug, so dass sie zurückfragen muss, ob eher so Lenny Kravitz-gemischt oder Vanessa Williams-gemischt. Mit dem Standardsatz von Bones, „Ich weiß nicht, was das bedeutet“ macht sie deutlich, dass sie von der Existenz dieser Prominenten keine Ahnung hat.

Und an dieser Stelle kann man sich immer noch, ohne vorhandene Kenntnisse vom Aufbau des menschlichen Skeletts folgende Fragen stellen:

– Wie konnten die deutschen Übersetzer_innen dieser Serie so unsensibel eins zu eins Begrifflichkeiten verwenden, die bereits bei der „Judenvermessung“ im dritten Reich verwendet wurde, diese mitbegründet hat? (Aber auch für andere Gruppen verwendet wurde). Ab wann ist eine Schwarze schwarz – hier wird mit der weißen „Angst“ gespielt, dass phänotypisch angeblich stets

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Lupita! Ach ja, und der Rest der Oscar-Verleihung.

3. März 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 12 von 31 der Serie Die Feministische Videothek

Dieses Jahr habe ich das erste Mal seit vielen, vielen Jahren _nicht_ die Oscarverleihung angeschaut. Dabei habe ich heute sogar frei, aber ich war tatsächlich zu müde und die Enttäuschung, trotz immer geringer Erwartung, vom letzten Jahr saß auch noch tief. Doch die GIF-Erstellungs-, Videoclip-Hochlad- und Zusammenfassungs-Schreib-Industrie funktioniert so ausgezeichnet, dass ich jetzt ausgeschlafen und wach mir meine eigene Award-Show nachbauen kann.

Das Ergebnis lässt sich wohl in etwas als „Meh.“ zusammenfassen. Es gab einige Gewinne, die mich gefreut haben und mindestens genau so viele, wo ich die Hand vor die Stirn schlug – und bei den Nomierten geht es ja auch oftmals eh nur um das geringere Übel.

Der New Yorker ließ bereits im Vorfeld Leser_innen raten, ob der aktuell für den besten Film nominierte Streifen oder ein älterer Film den Bechdel-Test besteht. Der Test lohnt sich immer noch, da bei der Auflösung jeweils Scriptszenen gezeigt werden, welche den Bechdel-Test bestehen lassen – und auch das ist oftmals eher traurig. Interessant aber zum Beispiel, dass bei Alien im Script stand: „The crew is unisex and all parts are interchangeable for men or women.“ – Also es für die Rollen egal ist von welchem Geschlecht sie gespielt werden. Ebenfalls traurig die nächste Information: Hauptdarstellerinnen haben in ihren Filmen wesentlich weniger Auftrittszeit als Hauptdarsteller. Bechdel-Test und Filmminuten sagen nichts über das wie der Darstellung, aber doch schon sehr viel darüber, ob Frauen überhaupt signifikant vorkommen.

Nun aber zur letzten Nacht. Erfreuliches zu erst: Lupita Nyong’o konnte für ihre Performance in 12 Years a Slave den Oscar als beste Nebendarstellerin mit nach Hause nehmen. Dabei ist sie 75 Jahre nachdem die erste Schwarze Schauspielerin in dieser Kategorie gewann (Hattie McDaniel) gerade einmal die sechste Schwarze Gewinnerin (die anderen waren: Whoopie Goldberg, Jennifer Hudson, Mo’Nique, Octavia Spencer). Halle Berry ist bis heute die einzige Schwarze Darstellerin, die den Preis als beste Hauptdarstellerin gewann. Zwölf Jahre (!) nach diesem Sieg waren dieses Jahr wieder einmal nur weiße Frauen nominiert.

12 Years a Slave gewann auch als bester Film – und damit erstmals in der 86-jährigen Geschichte der Oscarverleihung ein Film von einem Schwarzen Regisseur. Angetreten war der Film unter anderem gegen Gravity, der fast alle Technikawards abräumte, Her, The Wolf of Wallstreet (bitte folgenden Artikel zu Frauen in diesem Film lesen) und Dallas Buyers Club.

Letzterer Film brachte Hauptdarsteller Matthew McConaughey und Nebendarsteller Jared Leto die jeweiligen Oscars ein. Der Film handelt von der „AIDS-Krise“ der 1980er Jahre. Im Mittelpunkt steht ein weißer hetero Mann, gespielt von McConaughey, der zu Beginn des Films damit konfrontiert wird, dass er HIV positiv ist. Er beginnt nicht-genehmigte Medikamente von Mexiko in die USA zu transportieren und anderen zugänglich zu machen. Der „Dallas Buyers Club“. Jared Leto spielt in dem Film eine trans* Frau. Eine sehr gute Analyse, was alles an diesem Film problematisch ist, wurde bereits im November bei Autostraddle veröffentlicht. Im Januar, anlässlich des Golden Globe-Gewinns von Leto, schrieb Jos Truitt bei Feministing:

Rewarding a man for his brave portrayal of an “impossible” trans woman perpetuates stereotypes about us being men in drag, which also supports a culture of dehumanization and violence.

Weiterer Wermutstropfen der Verleihung: Cate Blanchett gewinnt für Blue Jasmine, und damit hat wieder ein Woody Allen Film einen Preis abgeräumt.

Alle Nominierungen und Gewinner_innen dieses Jahres findet ihr hier. Haben eure Lieblingsfilme etwas gewonnen? Welche Filme hätten überhaupt nominiert werden sollen?

Der Text erschien zu erst auf Femgeeks.


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