Für die Glotze: Die besten Filme zum internationalen Frauenkampftag

7. März 2017 von Nadia
Dieser Text ist Teil 28 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Für heute, für morgen, für Stubenhocker_innen und Streikende und/oder für nach der Demo: Hier die Filmtipps für den internationalen Frauenkampftag!

1. Der Hexenclub (The Craft)

Kult-Klassiker aus dem Jahr 1996, der aber auch ordentlich auf die Mütze bekommen hat (und über den bis heute gestritten wird ob er nun feministisch ist oder nicht). Ich sage: Must see, love Nancy.

Verfügbar auf: Netflix

2. Kaffee. Milch und Zucker (Boys on the Side)

Roadmovie mit Whoopi Goldberg, Drew Barrymore und Mary-Louise Parker und einer der ersten wenigen Filme die ich als Teenie sah, in dem Freundinnenschaft höher bewertet wurde als Heten-Romanzenkram. Ein Evergreen für den internationalen Frauenkampftag. Taschentuchempfehlung.

3. Die unbarmherzigen Schwestern (The Magdalene Sisters)

Ein Film, der im Irland der 1960er Jahre spielt: Drei junge Frauen leben in einem so genannten „Magdalenenheim“ und ihre Geschichten geben Einblick in eine erzkatholische, restriktive Gesellschaft. Harter Tobak mit tollen Schauspielerinnen, nichts für schwache Nerven. (mehr …)


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Rache an den Jägern und bräsigen Männlichkeitsvorstellungen – Ein blutig-feministisches Märchen

14. Februar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 27 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Immer wieder hallen Schüsse durch den Wald. Aufgescheuchtes Wild rennt zwischen Bäumen durch die hügelige Landschaft: Rehe, Dachse, Wildschweine, Füchse. Die Tiere – mal aufgeschreckt, mal unheimlich starrend, mal gequält, mal in sich ruhend, mal korpulierend – sind fast so wichtige Darsteller_innen wie die ihnen an die Seite gestellten Menschen in Agnieszka Hollands aktuellem Film Pokot (Spoor), der derzeitig auf der Berlinale im Wettbewerb läuft.

In diesem Film, der sich als eine Mischung aus Krimi, Thriller, Märchen und hintersinnige Komödie darstellt, lebt die eigensinnige Duszejko (herausragend gespielt von Agnieszka Mandat), pensionierte Brückenbauingenieurin, die nun Englischunterricht in einer Schule gibt, in einem kleinen Ort im polnisch-tschechischen Grenzgebiet. Die Kinder lieben sie, ansonsten eckt die passionierte Tierschützerin und Astrologie-Überzeugte in dem von Jagd und Kirche dominierten Ort an. Duszejko, die es hasst bei ihrem Vornamen genannt zu werden, scheint ihre engsten Vertrauten in ihren beiden Hündinnen zu haben und gerade diese sind plötzlich verschwunden und tauchen nie wieder auf. Einige Zeit später entdecken Duszejko und Matoga, einer der wenigen (menschlichen) Freund_innen, die Duszejko hat, dass ein Nachbar tot ist. Wiederholt hatte zuvor Duszejko versucht gerade diesen Nachbarn wegen Wilderei anzuzeigen. Sein Tod ist der erste in einer Reihe von gewaltvollen Toden. Die (ausschließlich männlichen) Toten eint, dass sie passionierte Jäger waren und dass sie herausragende Stellungen in der Gemeinschaft inne hatten. An den Tatorten finden sich Tierspuren. Duszejko stellt die These auf: Hier rächt sich endlich das Tierreich!

So leicht wäre es gewesen, einen Film zu drehen, in dem das Publikum über Duszejko lacht. Doch stattdessen stellt sich der Film ganz auf die Seite seiner Protagonistin. Nicht sie scheint seltsam, sondern ihr jagdbesessenes Umfeld, in dem der Kinderchor in der Kirche über erlegte Rehe singt. Die jagenden Männer sind häufig korrupt und auch in andere Gewaltformen verstrickt, vom Polizeichef, über den Bürgermeister hin zum Fuchsfarm-Besitzer, der in seinem Haus zu dem ein illegales Casino und Bordell führt. Wenn der Dorf-Pfarrer Duszejko einen Vortrag hält, dass Gott den Menschen eben über Tiere gestellt habe, geht die Kamera ganz nah heran bis nur noch sein Mund die Leinwand füllt.

Duszejko ist nicht die einzige Figur, die sich nicht einpasst in diese kleine Welt: Eine junge Frau, die sie nur „Gute Nachrichten“ nennt, arbeitet für den Pelz-Produzenten, dies aber nur notgedrungen. Sie kann den Ort nicht verlassen, da sie um das Sorgerecht für ihren kleinen Bruder kämpft, der aus dem gewaltvollen Elternhaus in Kinderheim gebracht wurde. Matoga, der gute Freund, der vielleicht auch mehr für Duszejko empfindet, muss mit einer ganzen Reihe von Verlusten und einer komplizierten Familiengeschichte umgehen. Auch im Gefängnis hat er mal gesessen. Und dann sind da noch der tschechische Insektenforscher, der eine Sommeraffaire mit Duszejko eingeht und ein junger Mann, Dyzio, der für die Stadt arbeitet, aber Angst hat seinen Job zu verlieren, wenn bekannt wird, dass er mit regelmäßigen Krampfanfällen lebt.

(Ab hier Spoiler)

Prokot ist nicht nur in beeindruckenden Bildern gefilmt, sondern zeigt Außenseiter, die die Normen patriarchaler, *istischer Ordnungen in Frage stellen. Duszejko ist nicht nur Vegetarierin und eine ältere Frau mit Agency, sie wird auch als begehrenswert dargestellt, hat Sex hat und weiß es durchaus für sich auszunutzen, dass sie als die alte, schrullige Frau wegkategorisiert wird. Matoga passt auf der Oberfläche sehr viel besser in dieses Dorf, doch wenn er zwischen all den anderen Jägern in seiner bunten Kochschürze steht und später Duszejko auf einen Kostümball begleitet – er als Rotkäppchen, sie als Wolf, wird die starre, toxische Maskulinität der meisten anderen anwesenden Männer im Kontrast noch deutlicher. Das – häufig vollkommen sinnlose – Töten der Tiere und die Zerstörung der Umwelt inszeniert Holland nicht ausschließlich als eine Kritik an diesen konkreten Phänomenen, sondern lässt es darüberhinaus metonymisch einstehen für einen gesellschaftlichen Umgang mit dem vermeintlich Schwächeren und Anderen. Immer wieder wird deutlich, dass die im Ort von den Männern glorifizierte Jagd nur ein Teil der erdrückenden Gewalt ist.

Wenn Duszejko im Wolfskostüm zur Party fährt – ihr Wagen voller verdächtiger Dinge, bestätigt sich ein Verdacht, der sich nach und nach im Film einschleicht: Die Mörderin ist im Wolfspelz unterwegs, aber ganz und gar menschlich. Zu dieser Erkenntnis kommen nicht nur die Zuschauer_innen, sondern auch Matoga, „Gute Nachrichten“ und Dyzio. Die drei konfrontieren Duszejko just in dem Moment, in dem der (feministisch-traditionell auch als phallisch gelesen) Kirchturm brennt und die Polizei auf dem Weg zu ihrem Haus ist.

Und warum wird der Film auch als Märchen beschrieben? Sicher wegen der Stimmung, doch auch das Ende ist märchenhaft, denn weder lassen ihre Freund_innen Duszejko hängen noch wird sie von der Polizei überführt. Stattdessen gelingt ihr Dank die abenteuerliche Flucht aus dem Dorf und am Ende, da steht die Utopie. Im Haus des Insektenforschers (der den Ort vor allen anderen verlassen hatte, da seine Forschungen beendet waren) kommen sie alle am Mittagstisch im sonnendurchfluteten Esszimmer zusammen: Duszejko, der Forscher, Magota, „Gute Nachrichten“, ihr kleiner Bruder und Dyzio. Aufgetischt wird vegetarisch. Magota dekoriert den Tisch mit Kräutern und Blüten. Denn auch wenn Duszejko immer wieder im Film vorgeworfen wird, dass sie Tiere über die Menschen stelle, so ist es doch diese Wahlfamilie, die sich um ihren vielschichten Widerstand herum gebildet hat.

Agnieszka Hollands Film ist nicht ohne seine Schwächen, so werden Dyzios Anfälle voyeuristisch, dramatisch inszeniert. Doch Holland erzählt, auf Grundlage des Romans „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk, eine Revanche-Geschichte mit romantischem Happy-End. Und manchmal braucht es vielleicht genau das.


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Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

12. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.

Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.

Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.

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zu „Suffragettes – Taten statt Worte“

11. Februar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 25 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Glücklicherweise kenne ich Menschen, die mit mir in “so einen Film” gehen. Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Gemochte.
Wir treffen uns, die Taschen voller Süßigkeiten und neugierig auf den Film “Suffragettes – Taten statt Worte”. Am Nebentisch sitzen drei andere Menschen, vielleicht auch Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Einander mögende. Nur 20 bis 30 Jahre älter. Mit einem Weinglas vor sich.

Wir wissen, dass wir uns auf eine weiße Geschichtserzählung einlassen, wagen aber die Hoffnung, den Rassismus der Zeit auf der Leinwand abgebildet zu finden. Wir, ich, als eine von drei Einsmenschen im Bunde, bilde mir ein, viel über die Suffragettenbewegung zu wissen. Weil ich weiß, dass es weiße privilegierte Frauen waren, die dort, damals vor mehr als hundert Jahren für ein Frauenwahlrecht auf die Straßen gingen. Weil ich in den letzten zweieinhalb Jahren viel über feministische Geschichte gelernt habe und noch immer lerne.
Ich bilde mir Offenheit ein, bilde mir ein zu merken, wo mein Horizont endet und wo ich mich hinbewegen muss, wenn ich mehr sehen möchte.

Am Ende sitze ich in diesem Film und merke: einen Scheiß weiß ich.
Es wird keine Geschichte von einer gelangweilten unglücklichen Frau* erzählt, die eingesperrt im goldenen Käfig nicht im Kopf aushält, was um sie herum passiert und nach und nach auf die Idee kommt: “Och – Wahlrecht wäre nett. Gib mal!”, sondern die Geschichte einer Wäscherin, die sich nach und nach den bereits aktiven Suffragetten in ihrer Stadt anschließt und darüber Ehemann und Kind verliert. Die Geschichte von verschiedenen Frauen, die ins Gefängnis kommen, weil sie Briefkästen sprengten und Telegrafenleitungen kappten. Wo sie hungerstreikten. Zwangsernährt wurden. Nicht als politische Gefangene anerkannt wurden. Bei der Entlassung mit Blumen von der “Women’s Social and Political Union” empfangen wurden.

Der Kinofilm spielt 50 Jahre nach Beginn der eigentlichen Bewegung, die 1867 mit der  Gründung der “National Union of Women’s Suffrage” durch Millicent Fawcett verortet wird. Ich fand aber auch noch andere Anfänge. Ob das alle sind oder ob es nur diese Geschichte ist, die es bis heute geschafft hat sich zu halten, weiß ich nicht und finde das schade. Einfach, weil ich es in den letzten 2 Jahren an jedem neuen Hashtag, jedem neuen Diskursherd erlebe, wie Geschichten sozialer Bewegungen geschrieben werden.

Der Film beginnt mit Einstellungen harter körperlicher Arbeit. Schaltet dann aber doch zügig zu den ersten eingeschlagenen Fenstern. Da steht eine Frau, holt faustgroße Steine aus ihrem Kinderwagen, wirft diese in ein Schaufenster und ruft: “Wahlrecht für Frauen!” und die Hölle bricht los.
Es gibt einen Tumult und das ist die erste Begegnung.
Das sind also diese Suffragetten. Steineschmeißerinnen mit Ausruf. Aha.

Während die Geschichte weiterplätschert und nach und nach mehr Charaktere einfädelt, merke ich, dass ich mich frage, was genau mich gerade an der Gewalt, die ich dort vor mir sehe, eigentlich nun so verwirrt.
Wir sehen wie die Frauen, denen durch Arbeiter_innenbefragungen des Parlamentes Hoffnungen auf ein Wahlrecht gemacht wurden, erneut enttäuscht werden – nach Jahrzehnten friedlicher Auseinandersetzung mit logischen Argumenten um die Herren der Schöpfung erst recht davon zu überzeugen, dass es sich bei Frauen erstens um Menschen handelt, die, zweitens, so eine verantwortungsvolle Sache, wie eine politische Wahl, verantwortungsbewusst und vernünftig ausführen können.
Sie sind wütend. Und werden deshalb von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet.
Sie sind einfach nur wütend und enttäuscht und werden deshalb verprügelt und verhaftet – hallo? (mehr …)


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„vital signs“ – „Lebenszeichen“

4. Dezember 2015 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 24 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Bereits 1995 gab es den Film „vital signs“ („Lebenszeichen“), von David Mitchell & Sharon Snyder (deutsche Untertitel von Rebecca Maskos) , der sich mit der us-amerikanischen (weißen) Krüppelbewegung befasst und einen Diskurs nachzeichnet, der so lebendig und laut ist, wie er zu unterdrücken versucht wird.
Es sprechen bekannte Aktivist_innen wie Cheryl Marie Wade, Mary Duffy und Harlan Hahn und andere behinderte Menschen.

 

 


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MTVs Serienhit „Faking it“ – sometimes nailing it, sometimes failing it

13. Oktober 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 23 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Neulich schrieb ich noch, dass ich mir am liebsten Hetenserien gebe, weil ich darin unbeteiligte Zuschauerin bin. Und bis auf wenige Ausnahmen keine Serien mit hohem Anteil queerer Perspektiven und Figuren schaue, weil der Fokus oft auf Gewalt und Diskriminierung liegt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Hauptplot von Faking it, folgte ich der Empfehlung einer Freundin, die die Serie aus dem Hause MTV mit einer Schüler_innen AG schaut.

Amy und Karma, zwei Teenager aus Austin, Texas besuchen die Highschool. Aber nicht irgendeine, sondern Hester High, eine Schule, an der Normabweichung gefeiert wird, statt mit Mobbing und Stalking darauf zu reagieren. Diskriminierung existiert an der Schule nicht, alle sozialen Gruppen sind vertreten, die Schüler_innen supporten sich gegenseitig. Klar, dass Amy und Karma, zwei weiße normschöne Heten da nicht viel zu melden haben. Während Amy mit ihrer unbedeutenden Position kein Problem hat, quälen Karma Selbstwertprobleme. Sie will dazu gehören und beliebt sein. Als die beiden versehentlich für ein lesbisches Paar gehalten werden und die Schule sie als Prom Queen Pärchen sehen will, lässt Karma sich nicht zwei Mal bitten. Sie überredet Amy das Ganze noch ein bisschen länger zu faken. Schließlich steht nun Liam, der Hottie der Schule auf sie. Und wir wissen ja, wie „interessant“ straighte Typen Lesben finden, die für Frauen vorgesehene Schönheitsnormen erfüllen.

Als Lauren, Amys Stiefschwester, die beiden als hetero outen will, verhindert Amy Laurens Plan, indem sie Karma vor der gesamten Schule küsst. Ein sehr folgenreicher, wie sich bald herausstellt, denn für Amy wird es nicht beim „Faking it“ bleiben. Und so spinnen sich herzzerreißende, selbstironische und empowernde Geschichten um Sex_ualität, Liebe, Beziehungen, Identität, Freund_innenschaft, Begehren und Gender, eingebettet in ein völlig unrealistisches diskriminierungskritisches Setting. Unrealistisch ist hier tatsächlich liebevoll gemeint, denn Faking it schafft es, eine Utopie zu kreieren, die Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich mit positiven Bildern zu identifizieren statt mit Trauma, Mobbing und Gewalt, ohne Diskriminierung als Fakt und die eigene Realität darin unter den Teppich zu kehren.

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Hetenserien, „queere“ Serien und das widerständige Potenzial von Tumblr.

8. September 2015 von Nadine
Dieser Text ist Teil 22 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Ich liebe Serien. Vor allem straighte. Heten, die sich durch erfundene Geschichten wurschteln und bei der es die meiste Zeit um Typen, Sex/Beziehungen mit Typen, Attraktivitätslevel und male gaze geht, obwohl das eigentlich gar nicht im Vordergrund stehen soll, sondern übernatürliche Phänomene, nicht-menschliche Figuren, Highschool/Coming of Age Geschichten, Luxusprobleme weißer, hetiger, middle- und upper class Leute. Ich liebe diese Serien aus hauptsächlich zwei Gründen: 1.) sie bieten perfektes Studienmaterial über eine privilegierte Parallelgesellschaft und ihre fragilen psychosozialen Dynamiken. 2.) Ich bin Außenstehende, die Hetenserien für ihre eigenen Konsumbedürfnisse nutzt. Weil ich nicht als Zuschauerin gedacht werde, meine Lebenswelt darin (fast) nicht vorkommt, kann ich mit diesen Serien ziemlich gut abschalten, wenn es mir körperlich und mental schlecht geht. Angstzustände lösen sich auf, Verzweiflungsmomente schieben sich in den Hintergrund und mein rebellierender Körper hat für kurze Zeit weniger Priorität. In Hetenserien suche ich häufig Zuflucht, wenn der einzige Impuls in mir ist, die Augen zu schließen und alles wegzuschlafen, was auf mich einprasselt an Erfahrungen und Erwartungen.

Bis auf L-Word und Orange Is the New Black konnte ich mich bisher weniger für queere (in den verschiedenen historischen und ahistorischen Bezugnahmen und Bedeutungen des Begriffs) Serien begeistern, weil die Darstellung von Identität, Begehren, Sexualität und Beziehungen in diesen oft klischeebehaftet und für ein hetiges und anderweitig privilegiertes Publikum gemacht ist. Ja, auch L-Word zählt mitunter dazu, aber als die Serie vor genau zehn Jahren auf Pro7 in deutscher Synchronisation anlief, war es genau das, was mein von Homophobie und Kleinstadt-Mief und ausschließlich von Heten geprägtes Herz begehrte: Das Gefühl von Identifikation. Dennoch müssen sich Begehren, Sexualität und Beziehungen in Serien mit „LGBT-Fokus“ in ein hetiges, zweigenderkonformes, rassifiziertes, ableisiertes, klassenprivilegiertes Körper- und Performancebild einpassen, weil die „Masse“ der Zuschauer_innen in der Film- und Fernsehwelt als eine solche definiert wird. Umfassend privilegierte Menschen scheinen die Mehrheit der Weltbevölkerung und damit Zuschauer_innen zu stellen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Außerdem geht es häufig um ökonomische Ausbeutung und Verwertbarkeit queerer/widerständiger Körper und Geschichten für ein umfassend privilegiertes Publikum und je höher die angenommene oder tatsächliche Kaufkraft des antizipierten „Masse“-Publikums, desto vermarktbarer und diskriminierender die Figuren und Erzählungen.



Quelle: fyeahcarolineforbes.tumblr.com

Manche queeren Serien sind so konzipiert, dass sie den hetigen ZuschauerInnen das Gefühl geben, modern, edgy und tolerant zu sein, „transparent“ nehme ich z.B. so wahr. Obwohl ich den Plot an sich spannend finde, möchte ich einfach nicht permanent mit transdiskriminierenden, cis_hetero_sexistischen Familienaufstellungen konfrontiert werden, in denen die ständige Arbeit der diskriminierten Personen, das soziale Umfeld um Anerkennung zu bitten oder Anerkennung innerhalb sozialer Gefüge für die eigene Identität und Lebensverhältnisse her(zu)stellen (zu wollen) als Normalität inszeniert wird. In denen diese Überlebens- und Carearbeit nicht als solche benannt wird geschweige denn der Umstand an sich kritisiert wird, dass es immer die Betroffenen selbst sind, die unter erschwerten Bedingungen noch für Harmonie zu sorgen haben (respectability politics is showing). Gefühle und Perspektiven nicht-betroffener, z.T. nicht diskriminierungssensibler Figuren nehmen für mich zu viel Raum ein. Wenn diese Serien so konzipiert sind, geben sie mir kein gutes Gefühl, auch wenn sie „realistisch“ in der Erzählung sein mögen, weil es nun mal so ist, dass Verwandtschaft oft keinen Support bietet oder Gewalt ausübt und privilegierte Gefühlswelten umsorgt werden wollen.

Ich finde es trotzdem wichtig, dass Diskriminierung thematisiert wird, wenn marginalisierte Identitäten verhandelt werden. Allerdings wird häufig nur ein Teil der Diskriminierung gespiegelt, die z.B. Trans*Personen täglich erfahren (und das zum Teil immer wieder extrem grafisch – also für ein Publikum, dem die unterschiedlichen Formen, die Gewalt annehmen kann, nicht bekannt zu sein scheint). Und es gelingt nur einem kleinen Teil von kommerziell erfolgreichen Serien, Lebensrealitäten differenziert hinsichtlich Gewalt darzustellen und trotzdem ausreichend Empowerment, Utopien, gelebte alternative Communitys, Räume, Politiken bereit zu stellen, die nicht wie in L-Word zu einem Abziehbild eines white cis homonationalist pride rainbow gaga Universums verkommen. Auch hier scheint das Mantra zu sein, dass Empowerment für Betroffene von Diskriminierung konsumierbar, nachvollziehbar und wünschenswert für die umfassend privilegierten ZuschauerInnen sein muss. Befreiung und Emanzipation nach Regeln, die nicht Betroffene aufstellen.

Das ist für mich schmerzhafter, ärgerlicher und aufwühlender, als super Privilegierten in ihrer Parallelgesellschaft beim Leben, Erfolg haben und Scheitern zuzuschauen, in der Diskriminierung höchstens auf der Ebene von schnöder neoliberaler Diversity verhandelt wird. Ich stelle keine Erwartungen an diese Serien, habe nicht den Wunsch, Identifikationspotenzial darin zu finden. Ich kann Performances und Darstellungen finden (von Femininität und Solidarität unter Frauen z.B.) die widerspruchbehaftet und komplex und (deshalb) ziemlich cool sind. In klassischen Hetenserien wie Vampire Diaries, O.C. California, Gossip Girl und Downton Abbey finden sich Frauen-Figuren, deren Charaktere liebevoll und differenziert ausgearbeitet sind, die sich verändern innerhalb der Staffeln, die unterschiedliche Rollen einnehmen, die supportend mit- und untereinander agieren und für mich diese Serien maßgeblich prägen.


Quelle: meine unerschöpfliche Blair Waldorf Gif-Sammlung

Es gibt Momente und Darstellungen von Charakteren in Hetenserien, die für verschiedene feministische Themen, Kämpfe und Insider stehen, auch wenn ich weiß, dass dies in der Regel ungewollte Effekte sind, die vielleicht nur für mich Sinn ergeben. Die Tumblrs über einzelne Serienfiguren, die gefüllt sind mit bewegten Bildern (GIFs), sagen mir jedoch, dass auch andere diese Momente, Charaktere und Darstellungen lieben. Wir mögen vielleicht unterschiedliche Beweggründe für unsere Wertschätzung und Affirmation haben, aber letztlich finden wir dieselben Szenen und Darstellungen toll. Hinzu kommt, dass die meistgeklickten Appreciation&Worshipping Gif-Tumblr über hetige Frauenfiguren aus hetigen Serien fast ausschließlich von Frauen, Lesben und Trans* initiiert und befüllt werden. Logisch, werden sich viele nun denken, sollen die meisten Hetenserien in erster Linie ein „weibliches“ (sic!) Publikum ansprechen. Dennoch finde ich es ziemlich cool, wenn Leute ihre Photoshop- und Social-Media Skills nutzen, um sich gegen (internalisierte[n]) Hetero_Cis_Sexismus und Femininitätsfeindlichkeit zu positionieren (und ab und zu ein bisschen Misandrie zu droppen). Keine bitchy comments über die „dumme Schlampe“, „wie konnte sie ihn nur betrügen?“ oder „in dem Outfit sieht sie [insert fat-/slutshaming here] aus“.

Während sich die Serien häufig um Hetenpaare und hetige Beziehung(sdynamik)en in ihrer primitivsten_privilegiertesten Form (und damit auch immer um privilegierte Typen) drehen, finden Frauen, Lesben und Trans* Zuschauer_innen Frauen-Figuren faszinierend und wenden sich ihnen zu, ehren sie über die Dauer vieler oder aller Staffeln hinweg mit aufwendig kuratierten Gif-Ausstellungen, Fotos, Zitaten (auch von_über die Darstellerinnen). Es entspinnen sich liebevolle queere Beziehungen und Bezugnahmen ausgehend von einer Hetenserie. Absurd. Aber schön.


Quelle: knopetastic.tumblr.com

PS: Wer das Gif-Meme in diesem Beitrag erkennt, ist mein_e Freund_in.


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Amy Winehouse, im Kino und im Patriarchat: „Sing, oder ich will mein Geld zurück!“

4. September 2015 von Nadia
Dieser Text ist Teil 21 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Die Geschichte, die ich erzählen will, wäre vielleicht noch interessanter, wenn ich sagen könnte, ich hätte Amy Winehouse schon immer richtig spitze gefunden. So war es aber nicht, denn das erste Mal kam ich mit Amy in Berührung als sie 2004 mit „Will you still love me tomorrow“ auf dem Soundtrack des Bridget Jones-Sequels landete, und ich ignorierte sie erstmal direkt: Eine weitere nicht-Schwarze Frau die einen auf Jazz machte, die nächste Norah Jones Schrägstrich Joss Stone Schrägstrich Diana Krall. Und die mit ihren Tracks wahrscheinlich sowohl wunderbar auf Sektempfängen als auch in Fahrstühlen funktionieren könnte. Langweilig, langweilig, langweilig.

In einem Leben, das damals noch wunderbar vorwiegend analog funktionierte, tauchte sie breitflächig erst wieder 2006 in meiner Wahrnehmung mit „Rehab“ auf, transportiert via MTV, optisch und musikalisch verziert mit der ganzen Rutsche des Ausleihens von Musikkultur-Erbschaften im großem Stil, und zwar glasklar in Richtung Black Appropriation, denn ihre Vintage-Selbstinszenierung war schon damals natürlich nicht unproblematisch. (mehr …)


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Jenseits von #Ehefüralle: Trans_Kämpfe in den USA

16. Juni 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 20 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

Auf nytimes.com gibt es eine sehenswerte englischsprachige Reportage über die jahrzehntelangen aktivistischen Kämpfe von Trans_Menschen in den USA, insbesondere Trans_Frauen of Color. Die Reportage thematisiert die frühen Kämpfe von LGBT inklusive der tagelang andauernden Stonewall-Kämpfe von 1969, dem „Geburtsort“ der US-amerikanischen LGBT-Bewegung.

Was oftmals unerwähnt bleibt: Tragende Rollen spielten Trans_Frauen of Color wie Marsha P. Johnson oder Sylvia Rivera. In massenmedialen Erzählungen oder Mainstream schwullesbischen Kämpfen spielen Trans_Realitäten und Trans_Rechte heute hingegen kaum eine Rolle. Gay Marriage – das deutsche Äquivalent: „Ehe für alle“ – sei nur deshalb eine so zentrale Forderung, weil dringende Probleme wie Armut, Wohnungslosigkeit, medizinische Unterversorgung und Gewalt in LGBT-Bewegungen an den Rand gedrängt werden. Die interviewte Aktivistin Lourdes Ashley Hunter vom Trans Women of Color Collective stellt fest: „Ehe [für alle] ist nicht oberste Priorität – nicht für Schwarze Trans_Frauen“*

Die Reportage enthält Beschreibungen von (sexualisierter) Gewalt.

* „The priority is not [gay] marriage – not for Black trans women.“ – Lourdes Ashley Hunter (Trans Women of Color Collective)


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Pitch Perfect 2: A-Ca-müsant, A-Ca-usbaufähig

18. Mai 2015 von accalmie
Dieser Text ist Teil 19 von 28 der Serie Die Feministische Videothek

[Inhaltshinweis: (Milde) Spoiler für Pitch Perfect 2]

Bridesmaids, The Heat, Pitch Perfect (und nun offenbar auch Mad Max) – Hollywood-Blockbuster, in denen Frauen nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch andere Interessen als die Jagd nach einer heterosexuellen romantischen Zweierbeziehung haben, sind noch immer eher spärlich gesät. Der erste Teil von Pitch Perfect, der sich um die Frauen-A-Capella-Gruppe „Barden Bellas“ dreht, kam 2012 ins Kino und wurde zum unvermuteten Hit. Pitch Perfect 2, der am 15. Mai anlief, setzt letztlich da an, wo der erste Film aufhörte.

Die Barden Bellas haben mittlerweile drei nationale Titel für ihre Sangeskünste gewonnen und stehen wieder auf der Bühne. Fat Amy (dargestellt von Rebel Wilson) hat eine, nun ja, „Wardrobe Malfunction“ bei einem Stunt und zeigt der Welt was passieren kann, wenn man keine Unterwäsche trägt und die Hose reisst. Die Barden Bellas sollen daraufhin aufgelöst werden, es sei denn – und man hinterfragt die Logik hier am besten einfach nicht – sie gewinnen den internationalen A-Capella-Wettbewerb in Kopenhagen und werden Weltmeisterinnen. Wie man sich denken kann, passieren auf dem Weg nach Kopenhagen lustige Dinge, Probleme müssen gelöst und Lieder und Choreographien einstudiert werden, und darüber hinaus stellt sich für jede Barden Bella die Frage, wie es nach dem College-Abschluss weitergehen soll.

Quelle: Wikipedia.

Quelle: Wikipedia.

Während sich das Narrativ im ersten Teil noch stark an der Ent­wick­lung von Beccas (dargestellt von Anna Kendrick) und Jesses Be­zieh­ung orien­tier­te, spielen die ro­man­ti­schen Be­ziehun­gen der Bar­den Bel­las in Pitch Perfect 2 eine er­fri­schend ne­ben­säch­li­che Rol­le. Gezeigt werden vor­nehm­lich die Un­ter­stütz­ung durch Be­­­zieh­­ung­s­­­part­­­­ner und die un­be­darft-über­for­der­ten Ver­­­su­­che Ben­­jis, mit der Barden-Bella-Nach­wuchs­sänger­in Emi­­ly zu flir­­­ten, bis die­­­se selbst die Ini­­­tia­­ti­­­ve er­­­greift. Im Zen­­­trum stehen aber im­­­mer die Be­­­zieh­­ung­en der Bar­­­den Bel­­­las zu­­­einan­­­der und Fra­­­gen der per­­­sön­­­li­­chen (Weiter-)Ent­­wick­­­lung. Den Bechdel-Test besteht Pitch Perfect 2 also wieder mit Leich­tig­keit. Pitch Perfect 2 wurde zudem von Frauen ge­schrie­ben und pro­du­ziert, und Eli­za­beth Banks (die die Kommentatorin Gail spielt) führ­te Regie.

Pitch Perfect 2 ist lustig: Die deutsche A-Capella-Gruppe und größte Barden-Bella-Konkurrenz „Das Sound Machine“ wurde zielsicher mit Youtube-Sternchen Flula Borg besetzt und hart akzentuiert, und auch sonst geben sich einige bekannte Gesichter die Ehre, angefangen von Keegan-Michael Key, John Hodgeman und David Cross über diverse Greenbay Packers-Spieler und Snoop Dogg, hin zu Christina Aguilera, Robin Roberts, Rosie O’Donnell und Rosie Perez. Es beweist sich ebenfalls erneut, dass Witze über Deutschland immer ziehen und dass es amüsant bleibt, Uncoolness liebevoll in Szene zu setzen. Pitch Perfect 2 tut gut daran Fat Amy stärker in den Mittelpunkt zu rücken, und Sexismus und Misogynie werden auch in dieser Fortsetzung persifliert.

Genau hier zeigt sich aber das übliche Problem: Das allein reicht nicht. Bei Think Progress hat Jessica Goldstein schon beschrieben, warum „racism for comic relief“, also der Einsatz von rassistischen Witzen und Klischees, auch in Pitch Perfects Fortsetzung in die Hose ging. Ich hoffte beim Gucken immer wieder, dass diese Witze irgendwann aufgelöst würden – also, dass ein Charakter einen solchen lakonisch kommentiert, dass irgendwann peinlich berührte Stille herrscht in einer Szene oder durch eine Aktion das Gegenteil des Gesagten bewiesen wird. Bei Sexismus-Satire, die Pitch Perfect (beide Teile) ganz gut drauf hat, funktioniert das ja auch. Hier bleibt Flo (dargestellt von Chrissie Fit), die neue Barden Bella aus Guatemala, allerdings ein rassistisches Latina-Klischee, die ausschließlich und allein für komödiantischen Effekt von ihren Fluchterfahrungen erzählen darf. Auch Lilly (dargestellt von Hanna Mae Lee) muss weiterhin die leise, schüchterne, aber heimlich kampferprobte und leicht angsteinflößende asiatisch-amerikanische Barden Bella mimen.  (mehr …)


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