Lesbisch_queere Bücherwelten: Dickenfeindlichlichkeit und Einsamkeit oder: Odyssee durch Berlin im Krimiformat

27. November 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 113 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Regina Nössler: Endlich daheim

Berlin-Kreuzberg. Die dreizehnjährige Kim steht vor ihrem Hauseingang und muss feststellen: Ihr Schlüssel passt nicht mehr und das Klingelschild mit ihrem Namen ist verschwunden. Überhaupt stimmt keines der Klingelschilder mehr. „Endlich daheim“ von Regina Nössler erzählt Kims Odyssee durch Berlin, in der die akute Notsituation der Dreizehnjährigen ihre alltägliche Verlorenheit und Einsamkeit zu Tage fördert. Aber auch ungeahnte Verbündete betreten die Bühne.

Zum mystischen Verschwinden der Namensschilder gesellen sich weitere Hinweise darauf, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht: Kims verschwundene Mutter, ein Unfall im Innenhof des Hauses, ein rätselhafter Mann auf einem Dachboden. Der Erzählaufbau lädt zum Miträtseln ein, und bis zum Schluss bleibt völlig offen, wie all das zusammenhängt und ob überhaupt, ob kriminelle oder übersinnliche Kräfte am Werk sind – oder ob sich alles als völlig harmlos erweisen wird.

Nössler gelingt es auch dieses Mal wieder, einen originellen und spannungsreichen Krimi/Thriller zu schreiben, der mehr ist und mehr will als das. Während die Autorin in ihren beiden zuvor erschienenen Romanen (Auf engstem Raum; Wanderurlaub, Kurzrezension dazu) das Thema Arbeitsverhältnisse ‚mitlieferte‘, ist es diesmal: Dickenfeindlichkeit und generell ‚Andersein‘ und Diskriminierung – und daraus resultierende jugendliche Einsamkeit. Im Mittelpunkt steht Kim: Sie liebt Zahlen, ist stolz darauf, keine Heulsuse zu sein, sie denkt viel nach, und sie ist einsam. Von ihren MitschülerInnen wird sie gemobbt, weil sie bestimmten Schönheitsnormen nicht entspricht: Sie ist dick. Während sie durch verschiedene Viertel Berlins irrt, ängstlich, rastlos und allein, lernen die Leser_innen Kim kennen und die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrer lesbischen Tante, zu ihrem Freund Peter, den es gar nicht gibt, und zu ihrer Freundin Merle, die eigentlich keine Freundin ist.

Eine wichtige Vertraute Kims ist Felicitas, ihre Tante: Lesbe und prekäre Künstlerin, frisch getrennt, in einer akuten Lebenskrise. Und dann wäre da noch Alex, der coole Typ aus der Schule, ein paar Jahre älter, der Schwarm ihrer Nicht-Freundin Merle. Ihm läuft Kim zufällig über den Weg, nachts im Park, wo sich Alex allein die Nächte um die Ohren schlägt. Alex ist schwul, unverstanden von seinem schulischen Umfeld. In ihm findet sie überraschend einen Verbündeten.

Im Laufe der Erzählung macht Kim die Erfahrung sexualisierter Gewalt. Die Angst vor weiteren Übergriffen begleitet sie durch die Berliner Nacht und macht sie Unbekannten gegenüber misstrauisch. Die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt und was das bedeutet für das Sich-im-Stadtraum-Bewegen, wird eindrücklich deutlich. Auf einen ermächtigenden Dreh warten die Leser_innen jedoch vergeblich. Was bleibt, ist Angst. Das mag dem Spannungsaufbau förderlich sein, politisch bleibt die ansonsten in vielerlei Hinsicht überzeugende Geschichte an dieser Stelle fragwürdig.


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Ein Buch nach dem anderen: Kurzgeschichten aus Nigeria; Coming-of-Age in Portland

30. Oktober 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 112 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

IMG_20150921_175406-1Fates and Furies (Riverhead Books, 2015) von Lauren Groff war sicher eines der heiß-erwartesten Bücher der Herbstsaison – und wurde kurz nach der Veröffentlichung auch direkt belohnt mit einem Platz auf der Shortlist für den (us-amerikanischen) National Book Award. Der Roman seziert die Ehe zwischen Lotto und Mathilde, dem Traumpaar auf jeder Party, er erst Schauspieler, dann erfolgreicher Dramatiker, sie erst in einer Gallerie arbeitend, dann ihn unterstützend. Zwischen Anspielungen auf griechische Mythologie erzählt der erste Teil zunächst die Geschichte aus Lottos Perspektive, um dann im zweiten Teil Mathildes – weitaus andere – Sichtweise und Erleben nachzutragen. Bereits im ersten Teil, in dem lange das perfekte Bild entworfen wird, zebröselt dieses auch schon wieder langsam. So sitzt Lotto auf einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Literatur“ und führt – zum Erschrecken seiner Mit-Diskutant_innen – bräsig aus, dass Männer Literatur schaffen und Frauen ihren Kreativität ins Kindergebären stecken. Das Publikum ist aufgebracht, Mathilde verlässt den Raum. Genau in diesen Aspekten fand ich den Roman, in den ich ich erst nicht wirklich reinkam, am stärksten, wenn die Vorstellung des „männlichen Genies“ langsam entblößt wurde und stattdessen Groff die weibliche Arbeit hinter diesem offenbarte. Doch das Ende, welches stark auf eine Beziehungsebene zurückfällt, enttäuschte mich.

IMG_20150918_031443Weitaus mehr gefiehl mir das ebenfalls im September erschienene Dryland (Tin House Books, 2015) von Sara Jaffe (die auch in der Band Erase Errata spielt). Es ist das Jahr 1992 und die fünfzehn-jährige Julie Winter lebt im Portland. Regelmäßig geht sie in Zeitungsgeschäfte und blättert sich durch Schwimm-Magazine – nicht etwa, weil sie Schwimmerin ist, sondern weil sie immer auf der Suche nach Informationen über ihren ältern Bruder ist, der einmal sogar Teil des olympischen Teams war, nun aber in Berlin lebt und über den in ihrer Familie nicht gesprochen wird. Das Buch ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ihren ganz eigenen Charme und gleich eine Reihe queerer Charaktere mit sich bringt.

IMG_20151014_082600 Ein Buch, welches ich in nächster Zeit sicher häufig empfehlen werde, ist die Debut-Kurzgeschichten-Sammlung Happiness, Like Water (Mariner Books, 2013) von Chinelo Okparanto. Die meisten der Geschichten drehen sich um weibliche Charaktere in Nigeria oder der Diaspora (hier USA). Ihre Geschichte „America“ war bereits nominiert für den Caine Prize for African Writing, aber auch die anderen sind allesamt preiswürdig. Okparanta ist eine wundervolle Erzählerin, ihre Sprache ist gleichermaßen zugänglich und poetisch. In den Geschichten widmet sie sich einer ganzen Reihe großer „Themen“ (wie häusliche Gewalt, Reliogion, lesbisches Begehren, Schönheitsstandards), ohne dass sie ins Didaktische abruscht. Stattdessen schafft sie glaubhafte Charaktere und nicht jede Geschichte endet mit einer sauberen, einfachen Lösung – ganz so wie im Leben.

Okparantas Debut-Roman Under the Udala Trees, in welchem sich zwei Mädchen während des Biafra-Kriegs verlieben, erschien jetzt im September.

Im Netz gelesen

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Persönlich, lebendig – und streitbar. Perincioli über die Westberliner Frauenbewegung

26. Oktober 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 111 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu: Cristina Perincioli: „Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb

Fünf Jahre, die es in sich hatten: Christina Perincioli, Filmemacherin, lesbisch-feministische Aktivistin der ersten Stunde, rollt in ihrer Buchveröffentlichung die ersten Jahre der Westberliner Frauen- und Lesbenbewegung auf, von 1968 bis zur Gründung des Berliner Frauenzentrums 1973. Es ist ein persönlicher, spannender und durchaus streitbarer Ritt durch die bewegten Anfangsjahre. Was in diesen Jahren geschah, ermöglichte oder prägte die kommenden Bewegungsjahrzehnte: erste Politisierungen im Umfeld der Linken und die massiven Konflikte mit linken Männern; die Entstehung autonomer Frauen- und Lesbengruppen; die Entwicklung neuer Politik-, Lebens- und Aktionsformen; Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Klassenkampf und Feminismus, von lesbischen und heterosexuellen Feministinnen.

Zentrale Thesen, wichtige Informationen und detaillierte Einblicke liefert das Buch vor allem in Bezug auf zwei Aspekte. Zum einen ist es die zentrale Rolle von Lesben bei der Entstehung der Berliner Frauenbewegung. Früh haben sie sich in ersten Gruppen organisiert und Vorstellungen und Formen der Politik entwickelt, die für die Frauenbewegung typisch werden sollten. Zum anderen sind es die Unterschiede und Konflikte zwischen feministisch-autonomen Feministinnen einerseits, sozialistisch organisierten Frauengruppen andererseits, auf die Perincioli vielfach zu sprechen kommt. Es ist kein versöhnlicher oder vermittelnder Ton, den die Autorin den Sozialistinnen gegenüber rückblickend anschlägt: Kritiken von damals – an Theorie-Schulungen, hierarchischen Organisationsformen, Erfahrungsferne – werden mit Verve vorgetragen. Von Ausgewogenheit keine Spur. Dies ist insofern unbefriedigend, als die Gründe für die Organisierung in sozialistischen Gruppen, die Anliegen der beteiligten FrauenLesben, die stattgefundenen Diskussionen und Konflikte hinter einer Pauschalkritik verschwinden, die weder Verstehen noch Ambivalenzen zulässt.

Das reich bebilderte Buch changiert zwischen autobiografischer Erzählung, Sachbuch, Fachbuch und Quellensammlung. Diese Genrevielfalt führt zu einem durchaus lebendigen und authentischen Leseerlebnis. Als eher problematisch erweist sich jedoch die Art und Weise, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Grundlegende Analysen und starke Thesen, autobiografische Erinnerungen, Zeitdokumente und ausführliche Zitate feministischer Aktivistinnen stehen häufig eher unvermittelt und ohne Erläuterungen nebeneinander. Insbesondere Leser_innen ohne Vorwissen dürften sich hier und da eher ratlos denn informiert fühlen: Ist diese oder jene Erfahrung bewegungs-, zeit- oder etwa berlintypisch, oder stellt sie eher eine Ausnahme dar? Gilt diese oder jene These in der Forschung oder unter Aktivistinnen als unstrittig, ist vielfach bestätigt – oder ist sie ganz im Gegenteil heftig umkämpft? Was dem Buch gutgetan hätte, wäre eine stärkere bewegungsgeschichtliche Einbettung, die den Leser_innen Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, das Gelesene einzuordnen – oder aber eine konsequente Umsetzung einer autobiographischen und persönlichen Perspektive.

Dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, genau darin liegt seine Stärke. Perincioli beschreibt ihre Politisierung und ihren Weg in die Frauenbewegung, angetrieben durch ihre Wut auf eine lesbenverachtende Gesellschaft, ebenfalls durch den massive Sexismus, den sie von Seiten linker Männer erfuhr. Sie beschreibt den Bewegungsalltag, den Umgangston, die Konflikte und Zerwürfnisse in Gruppen und Strömungen, sie selbst mittendrin. Die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung, aber auch Konflikte, Abgrenzungen und Wut werden nachfühlbar.

So ist »Berlin wird feministisch« den erwähnten Schwachstellen zum Trotz ein durchaus lohnenswertes Leseerlebnis, das dazu einlädt, in die turbulenten Anfangsjahre der feministischen Bewegung nach 1968 einzutauchen.

Erstmalig erschienen in der Jungen Welt. Zum Weiterlesen und -gucken: Ein Generationendialog von Cristina Perincioli und Magda Albrecht.


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Graphic Novels über Kommunistinnen, Horror im Wald und nicht ganz so ‚gute‘ Helden

17. September 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 110 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Graphic Novels ist ein ständig wachsendes Feld und die Zeiten, wo diese höchstens belächelt wurden, sind auch langsam vorbei. Mittlerweile werden auch die unterschiedlichsten literarischen Genres mit abgedeckt. Hier gibt es heute Horror, Fantasy und eine Biographie, Romane sowie Kurzgeschichten. Wer noch mehr Graphic Novels entdecken möchte: Bei Femgeeks hatte ich drei Graphic Novel Autorinnen zum Einstieg vorgestellt und hier drei Bücher anlässlich des Comicfestivals Hamburg 2013.

IMG_20150818_162408 Beim Lesen von Through the Woods (2014, Margaret K. McElderry Books) von Emily Carroll ist man hin und her gerissen zwischen dem Bewundern der wunderschönen Zeichnungen und einem aufsteigenden Gruselgefühl. Das Buch ist um genau zu sein eine graphische Kurzgeschichten-Sammlung mit fünf gespenstischen Stories sowie einer Einleitung und Konklusion. In all diesen Geschichten lungert etwas Entsetzliches im Unbekannten, in den Wäldern, Wänden oder dem veränderten Verhalten alter Freund_innen. Wie ein Charakter feststellt: „It […] came from the woods. (Most strange things do.)“

nimonaNimona (2015, Harper Collins) von Noelle Stevenson vermittelt da ganz andere Gefühle: Mit viel Witz geht es durch eine eher ungewöhnliche Abenteuergeschichte. Im Mittelpunkt steht Nimona, eine junge Gestaltwandlerin, die sich Ballister Blackheart – dem Bösewicht – als Gehilfen anbietet/ aufdrängt. Gemeinsam (und mit der Unterstützung von Dr. Meredith Blitzmeyer) geht es gegen Ambrosius Goldenloin und dem Rest der „Institution of Law Enforcement and Heroics“. Dabei geht es um so grundlegende Fragen, wie was eigentlich ‚gut‘ und ’schlecht‘ bedeutet und den Wert von Freund_innenschaften. Stevenson spielt mit Genrekonventionen und dreht daraus einen wunderbar schrägen Humor, doch bleibt auch Platz für subtilere Noten. Nicht nur die allgemeine Story, sondern auch gerade viele kleine Details machen dieses Buch so empfehlenswert, so entspricht Nimona beispielsweise nicht unbedingt den Schlankheitsidealen (die in Comics ja noch einmal oftmals auf die Spitze getrieben werden) – und da sie als Gestaltwandlerin jegliche Art von Körper haben könnte, ist dies ein um so stärkeres Statement.

the night mobileThe Night Bookmobile (2010, Jonathan Cape) ist eine überraschend düstere Kurzgeschichte von Audrey Niffenegger (bekannt vor allem als Autorin von „The Time Traveler’s Wife“). Und da mich Bücher – egal ob Fiktion oder nicht -, die sich um Lesen, andere Bücher, Büchermachen und Verkaufen etc. drehen, immer erst einmal interessieren, habe ich mir dieses hier auch zugelegt. Eine junge Frau stolpert in dieser Geschichte mehr oder weniger eines Nachts in ein Buchmobil – und ist absolut überrascht: Die Bücher (und anderen Materialien) in diesem sind alle Dinge, die sie jemals gelesen hat, von Cornflakes-Packungen hinzu ihren liebsten Romanen. Nach diesem ersten Zusammentreffen setzt sie alles daran das Mobil noch einmal zu sehen und in diesem für immer bleiben zu können. Doch was ist der Preis, der dafür zu bezahlen ist?
Das Buch erschien 2012 auch auf Deutsch als „Die Nachtbibliothek“.

In Modotti. Eine Frau des 20. Jahrhunderts (2011, Rotbuch Verlag) beschreibt Ángel de la Calle den Lebensweg von Tina Modotti und verknüpft diesen mit seinen eigenen Erlebnissen bei der Suche nach Informationen, aber auch dem Organisieren eines linken Kulturfestivals. Modottis Leben gibt in jedem Fall viel Material für künstlerische Aufarbeitungen, sie war Hollywood-Schauspielerin, Fotografin und Kommunistin, ihr Leben verknüpft mit illustren Personen wie Frida Kahlo, Anna Seghers, Diego Rivera, Edward Weston usw. In Italien im Jahr 1896 geboren, immigrierte sie als Kind in die USA, als Erwachsene zog es sie ins revolutionäre Mexiko, welches sie verlassen musste nachdem ihr Partner erschossen wurde. Sie lebte Paris und Moskau, verbrachte Zeit in Spanien. Immer mittendrin in vielen ‚historischen Ereignissen‘. Das Buch verschafft es gut, einerseits das spezifische Leben von Modotti darzustellen und andererseits die inneren Konflikte der internationalen Linken zu beleuchten. Doch funktionieren andere Elemente des Buchs für mich weniger gut: Mich störte zunehmend die Größe des Raums, den der Autor selbst einnahm, denn ich wollte ja gerade kein Buch über linke Typen lesen, und auch der male gaze auf Modotti schimmert immer wieder durch. Als Einstieg halte ich diese Graphic Novel trotzdem für geeignet, ich möchte nun auf jedenfall gern mehr über Modotti lesen – vielleicht ja dann von einer Autorin.

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Heldinnen des L(i)ebens – Lesbische Schweizerinnen über siebzig erzählen…

14. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 109 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Corinne Rufli: Seit deser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen.

Wie es sich vor der Frauen- und Lesbenbewegung als frauenliebende Frau lebte, mit welchen Selbstbildern, gegen welche Widerstände, mit welchem Alltag und wie es sich anfühlte, darüber ist herzlich wenig bekannt. Corinne Rufli hat nun ein wunderbares Buch veröffentlicht, das elf frauenliebende Frauen – nicht alle verwenden für sich die Bezeichnung lesbisch –, die heute allesamt über siebzig sind, zu Wort kommen lässt. Sie leben in der Schweiz, sind mehrheitlich auch dort aufgewachsen (teils auch in Süddeutschland), erlebten ihre Jugend in den 1950er Jahren.

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Es gibt unglaublich viel zu lernen – und Lesbischsein bzw. Frauen lieben ist ‚nur‘ ein Aspekt, um den sich das Erzählte dreht. Die Züricherin Liva Tresch, heute zweiundachtzig, berichtet davon, wie es war, in den 1950er Jahren in der Schweiz aufzuwachsen – als uneheliches Kind, bei Pflegefamilien, auf einem Bäuer_innenhof, mit diversen Jobs, äußerst prekär, und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Greifbar wird eine massive Herabwürdigung von Mädchen und Frauen, eine alltäglich erlebte patriarchale Gewalt und Freiheitsbeschränkung; dies gilt erst recht für jene, die ‚aus der Landwirtschaft‘ stammten und zusätzlich mit klassenbezogener Herabsetzung und ökonomischer Ausbeutung konfrontiert waren.

Was ebenso nachfühlbar wird, ist die fast schon als vollkommen zu bezeichnende Unsichtbarkeit lesbischen Lebens und eine massive Stigmatisierung, die nicht ohne Folgen blieb für das eigene Selbstwertgefühl. Wie es sich dennoch und im Verlauf der Jahrzehnte zunehmend besser – in den neu entstehenden Szenebars und politischen Gruppen – lesbisch leben ließ, auch das zeigen die Erinnerungen Treschs. Sie lebte Liebesbeziehungen mit Frauen und erschloss sich die entstehende Züricher Homosexuellen- und Frauenszene. Sie nahm die Arbeit in einem Fotogeschäft auf – ein erster Schritt auf dem Wege zu ihrem Erfolg als Szenefotografin, als die sie Berühmtheit erlangte. Die Stärke der Erzählerin, die ihr Leben in die eigenen Hände nahm, immer wieder neu, beeindruckt und macht Mut.

Grundlage für die elf von Corinne Rufli aufgezeichneten Geschichten lieferten Oral-History-Interviews. Die von der Autorin verfassten Texte wurden mit den interviewten Frauen nachbearbeitet; dies lässt auf eine wertschätzende Arbeitsweise schließen, die das ganze Buch atmet. Die so entstandenen autobiografischen Aufzeichnungen sind spannend, zutiefst berührend, sie sind erschreckend, ermutigend, sie machen lachen und weinen. Die Interviewten arbeiteten als Verkäuferinnen, Politikerinnen, als Haushaltshilfen und „Laufmädchen“, Künstlerinnen oder Lehrerinnen, sie kommen aus Arbeiter_innenfamilien, von Bäuer_innenhöfen oder aus dem Bildungsbürgertum. Ebenso vielfältig ist der Bezug der Seniorinnen zur Lesbenbewegung, zur Homosexuellenbewegung und zur Frauenbewegung, den es gibt oder eben nicht. Und hinsichtlich ihrer Identitätsentwürfe und Lebenskonzepte: ob sie sich als Lesbe bezeichnen, ob sie einen Mann heirateten, ob sie lesbische Sexualität und Partnerschaften leb(t)en.

Die Interviewten und die Autorin liefern mit diesem spannenden Buch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Schweiz (und Süddeutschlands) und zur Lesben- und Frauengeschichte: Sie berichten vom Leben, Lieben und Arbeiten als Frau und als Lesbe seit den 1950er Jahren, von Klassenunterschieden, von Diskriminierung und Gewalt, von Widerstand und Veränderung. Informativ und berührend, voller schmerzhafter wie auch schöner Erinnerungen erzählen sie davon, ob und wie das gehen kann: in einer Welt, die bestenfalls ignorant, schlimmstenfalls gewaltvoll agiert, als Lesbe und als Frau selbstbestimmt und in Würde leben zu können.


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Ein Buch nach dem anderen: Magie, SciFi und Dystopien für den Herbst

11. September 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 108 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen

Jederzeit gern versinke ich in Büchern, die andere Welten entwerfen, einen Hauch Magie beinhaltet, Märchen- und Sagenfiguren geschickt integrieren. Diese Bücher, die gerade nicht ‚realistisch‘ wirken, schaffen es – im besten Fall – gerade auch durch ihr Ausloten der (un)vorstellbaren Dinge, nur allzu ‚realistische‘ gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und alltägliche Gedanken herumzuwirbeln. Hier nun also als Herbst-Lesetipps einige meiner liebsten Bücher der letzten Wochen, mit magischen, spukigen und außerirdischen Elementen.

IMG_20150730_164600Von Nnedi Okorafor schwärmte ich hier bereits an dieser Stelle, als ich ihr Jugendbuch Akata Witch vorstellte. Doch sie schreibt auch Bücher, die eher an eine ältere Zielgruppe gerichtet sind, in denen es ebenfalls nicht an Magie und anderen außergewöhnlichen Elementen mangelt, so beispielsweise in ihrem dystopischen Roman Who Fears Death (2010, DAW). In einem post-apokalyptischen afrikanischem Schauplatz folgen wir Onyesonwu, einem jungen Mädchen/ junge Frau, die aufgrund ihrer Herkunft sozial geächtet wird, doch nach und nach ihre wahren Kräfte entdeckt. Und nötig ist dies, denn jemand sehr mächtiges versucht sie zu töten. Der Roman ist packend, teils brutal, teils humorvoll, geschrieben, voller wunderbarer und interessanter Charaktere und mit einem spannenden Plot – und behandelt dabei ebenfalls Themen wie Sexismus, sexualisierte Gewalt, FGM, Rassismus und Umweltzerstörungen. Letzten Endes geht es um Freund_innenschaften, weibliche Solidarität, dem Niederringen von Gegner_innen sowie die Kosten, die dies haben kann.

Ganz anders, aber nicht weniger fesselnd ist Okorafors Roman Lagoon (2014, Hodder & Stoughton). An einem Strand von Lagos, Nigeria, treffen eines Nachts eine Meeresbiologin, ein berühmter Ghanaischer Rapper und ein Soldat, der gerade seinem Vorgesetzten einen Fausthieb verpasst hatte, wie durch Zufall aufeinander, nur um dann von einer Welle verschluckt und wieder ausgespuckt zu werden. Nach ihnen tritt eine Schwarze Frau aus den Fluten, doch sie ist keine gewöhnliche Frau, sondern Abgesandte der im Ozean vor Lagos gelandeten Aliens und sie hat eine Nachricht an den nigerianischen Presidenten. So ein Alienbesuch geht natürlich nicht spurlos an einer Stadt vorbei, in Lagos bricht Chaos aus und mittendrin neben unseren Haupt-Protagonist_innen, Studenten, die mit Internet-Scams ihr Geld verdienen, eine LGBT-Gruppe, ein Prediger und eine Fledermaus. Und noch mehr steckt auf diesen 300 Seiten: Es gibt mythische Kreaturen im Meer, eine Straße, die sich selbst der „Bone Collector“ nennt und eine Geschichtenspinnende Spinne. Im Herzen der Geschichte steht eine Alien-„Invasion“, doch unterläuft Okorafor geschickt viele der typischen Darstellungen: Ihre Aliens besitzen keine großartigen Technologien, sie _sind_ Technologie, auch sind sie weder immanent gut oder schlecht, sie sind _Wandel_.

IMG_20150819_175128 In Kirsty Logans A Portable Shelter (2015, Association for Scottish Literary Studies) warten zwei Frauen, Ruth und Liska, auf die Geburt ihres ersten Kindes. Die Zeit nutzen sie um dem Ungeborenen Geschichten zu erzählen, die wichtige Lektionen für’s Leben beinhalten. Ruth erzählt ihre Geschichten tagsüber, während Liska arbeiten ist und Liska flüstert ihre nachts während Ruth schläft. Nur eine Bedingung haben sie sich gegeben: Sie wollen ihrem Kind nur die Wahrheit sagen. Die dreizehn Geschichten, die auf schottische Mythen zurückgreifen, könnten auch einzeln als Kurzgeschichten gelesen werden. Sie werden bevölkert von Meeresmenschen, Wölfen, Hexen, Geistern und dem Zirkus. Die Geschichten sind oftmals Wiederholungen von Geschichten, die andere Personen Ruth oder Liska erzählt haben und unterscheiden sich in Form, Stil und dem Grad wie ‚realistisch‘ sie sind. Aber genau darum geht es auch in diesem wundervollen Band: Was ist real? Was ist Wahrheit? Was macht unsere ganz eigene Wahrheit weniger wertvoll als die angenommene ‚faktische‘ Wahrheit? Der Roman nähert sich Fragen rund um das Erzählen an, den Geschichten, die wir uns erzählen um Dingen Sinn zu geben, den Erzählungen anderer und denen, die wir weiter geben wollen; es geht um die Unmöglichkeit einige Erfahrungen in Worte zu fassen und noch mehr die Unmöglichkeiten einige Geschichten anderer, die deren wichtigste Wahrheiten beinhalten, zu verstehen.

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Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Ganz viel Feminismus in einem kleinen Comic

20. Juli 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 106 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ich liebe bilderreiche Darstellungen und ich liebe es, wenn komplexe Dinge möglichst verständlich erklärt werden. Und so konnte ich auch viel Liebe für das erst kürzlich im Unrast-Verlag erschienene Büchlein „Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext“ der Künstlerin Patu und der Politikwissenschaftlerin und Autorin Antje Schrupp entwickeln.

Feminsmus_Patu_SchruppDas knapp 80-seitige Büchlein stellt die politischen Ideen und Botschaften einiger Feminist_innen von der Antike bis in die Gegenwart vor. Die damals zu größten Teilen weitaus bekannteren Männer bilden zwar den patriarchalen Kontext, nehmen allerdings meist den Platz in der zweiten Reihe ein. Gespickt mit absurden Zitaten („Die Frau ist eigens dafür geschaffen, dem Mann zu gefallen“ – Jean-Jacques Rousseau) wirken sie lediglich wie karikaturähnliche Laiendarsteller der Geschichte. Die Bilder sind nie bloßes Beiwerk, im Gegenteil: Ohne sie würden die einzelnen Anekdoten nicht funktionieren. Die Zeichnungen sind sehr intelligente, kreative und mitunter witzige Geschichten für sich. Es lohnt sich genau hinzuschauen: die Mimiken, die kleinen aussagekräftigen Details im Hintergrund, und die eingebauten „Hacks“. Auf die Darstellung von Gott dürft ihr auf jeden Fall gespannt sein!

Die Inhalte des Buches sind in europäischen und US-amerikanischen Feminismen verortet, obwohl europäisch überwiegend bedeutet: Deutschland, Frankreich und England (zumindest ab der so genannten Moderne). Angefangen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, gefolgt von der so genannten „Aufklärung“ bis zu den frühsozialistischen Feminismen: Im Galopp reiten wir durch die Geschichte der politischen Ideen und lernen viele Feminist_innen sowie ihre Ideen und Kämpfe kennen. Schon einmal von der Mathematikern Hypatia gehört? Oder von den Saint-Simonistinnen? Oder von Sojourner Truth? Oder von der Sozialistin und Gegnerin der Sklaverei Flora Tristan, die bereits fünf Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“ mit ihrem Werk „Arbeiterunion“ (1843) für ein Bündnis von Arbeiter_innen über Zünfte und Berufszweige hinweg eintrat? Ihr werdet sie kennenlernen!

Erschienen ist das Buch im linken Unrast-Verlag. So sind sozialistische, anarchistische und linke feministische Ideen zentral, oder wie Antje Schrupp bei der Buchvorstellung in Berlin klarstellte: „Hier geht es nicht um Gleichstellung“. Interessant finde ich, dass sozialistische Frauen und ihre Ideen oftmals Ausgangspunkt sind, und die Ideen der bürgerlichen Frauen dem gegenüber gestellt werden, was für eine dominante feministische Geschichtsschreibung einen Perspektivwechsel bedeutet.

So finde ich es konsequent, dass die sehr verbreitete Einordnung von feministischen Kämpfen in Wellen nicht unnötig wiederholt wird, sondern von Anfang an klar ist: Auch jenseits der großen feministischen Wellen gab es immer Feminist_innen, die ganz unterschiedliche Ideen von „Frauenbefreiung“ oder Gesellschaftswandel hatten: Während die bürgerliche Frauenbewegung in Frankreich und England Mitte des 19. Jahrhundert z.B. einen Fokus auf die Reformierung der Ehe- und Scheidungsgesetze legte, war dies für viele Frauen aus der Arbeiter_innenschicht weniger zentral, da diese auch häufig unverheiratet zusammenlebten (es gab ja eh nichts zu vererben!). So sind die Kapitel ab „Anfänge der organisierten Frauenbewegung“ eher thematisch geordnet, z.B: „Freie Liebe / Kritik an der Ehe“, „Hausarbeit / Care“, „Womanism / Intersektionalität“ oder „Queer-Feminismus“, wobei anti-rassistische Positionen bei vielen Querschnittsthemen immer wieder thematisiert werden.

Auf der Buchvorstellung in Berlin diskutierten wir auch die Leerstellen des Buches: Angemerkt wurde der fehlende Bezug auf osteuropäische feministische Kämpfe und speziell auf Ost/West-Feminismus in Deutschland. Auch fehle die Darstellung der zentralen Rolle von Lesben in der so genannten „2. Frauenbewegung“, worauf Patu und Antje Schrupp bereits reagiert haben: In der bald erscheinenden 2. Auflage wird es zwei weitere Seiten dazu geben. Es gibt weitere Leerstellen, über die wir sprechen können, aber wie es auf den letzten Seiten so schön heißt: to be continued!

Das Büchlein ist eine gute Erinnerung daran, dass manche Themen wie z.B. (fehlende) Solidarität von weißen, bürgerlichen Feminist_innen oder der Rassismus unter weißen Feminist_innen keine neuen, aktuellen Erscheinungen sind, sondern historisch gewachsen. Es zeigt auf, dass die komplexen feministischen Geschichten niemals in ein Büchlein passen werden. Dieses Buch ist ein schöner, niedrigschwelliger Versuch, einige dieser Geschichten ohne lange, komplizierte Texte zu erzählen. Daumen hoch!

Bestellen könnt ihr das Buch zum Beispiel bei Fembooks.


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Ein Buch nach dem anderen: Maskulisten in Frankreich und lesbisches Leben in Südafrika

17. Juli 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 105 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Auf Papier gelesen
Das Collectif Stop Masculinisme analysiert in Contre le masculinisme. Guide d’autodéfense intellectuelle (2013, Bambule) die aktuelle Maskulisten-Szene Frankreichs (mit Bezügen auf Franko-Kanada), deren Argumentationen und wie sie Einfluss nehmen. Dabei gibt es einen Überblick über die entscheidenen Akteure und eben jene Themenfelder, die diese fokussieren: Väterrechte, sexualisierte Gewalt, Gewalt gegen Männer, Männlichkeitskrise. Das Kollektiv versucht dabei jeweils die Mythen der Maskulisten zu entlarven und Gegenargumente bereitzustellen. So lässt sich das Buch auch einerseits als Information zur Situation in Frankreich lesen, aber auch als Argumentationsbuch für Diskussionen, die im deutschsprachigen Raum äußerst ähnlich verlaufen.

Passend zum Internationalen Zine Monat: Zines! Volume 1 (1996, Re/Search Publications) von V. Vale bietet einen historischen Blick auf die Entstehung von Zines, um dann in ausführlichen Interviews Zine-Macher_innen und ihre Projekte vorzustellen. Zu dem ist das Buch selbst, nun fast 20 Jahre alt, ein Stück Geschichte. Letzteres zeigt sich besonders eindrücklich an der Thematisierung von Computern und diesem Internet, wie beispielsweise in der Etiquette, die besagt, dass Zines bitte immer mit hanschriftlichen und nicht etwa Computer-verfassten Briefen zu bestellen sind. Spannend ist das Buch aber vor allem auch aufgrund der tiefgehenden Interviews über Ideen, Beweggründe, aber auch die praktischen Umsetzungen beim Zine-Erstellen und Vertreiben. Dabei fand ich nicht alle Zine-Macher_innen gleich interessant (um genau zu sein habe ich zwei dann letzten Endes ganz überblättert), aber viele sind verankert in feministischen, queeren, anti-rassistischen, fat_empowerenden aktivistischen und künstlerischen Strukturen. Allein für die ebenfalls abgedruckten Ausschnitte dieser Zines lohnt es sich reinzugucken.

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Reclaiming the L-Word. Sappho’s Daughters Out in Africa (2011, Modjaji Books) trägt herausgegeben von Alleyn Diesel Erzählungen, Fotografien, Gedichte und Essays von südafrikanischen Lesben zusammen. Die hier wahrscheinlich am bekanntesten von den Beitragenden ist Zanele Muholi, deren Fotografien in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum gezeigt wurde. Insgesamt gelingt es dem Buch einer ganzen Reihe von Lebensrealitäten Raum zu geben und Thematiken wie race, Klasse, unterschiedliche Geschlechterperformances u.s.w. in den Blick zu nehmen. Dabei geschieht dies nicht ausschließlich in den Texten, sondern kann (muss) auch durch die Leser_innen geschehen, die diese durchaus sehr disparaten Texte nebeneinander vorliegen hat.

Lee Maracle ist eine wichtige First Nation Aktivistin und Autorin. In ihrem Buch I Am Woman: A Native Perspective on Sociology and Feminism (überarbeitete Auflage 2002, Raincoast Books, Press Gang Publishers) liefert sie eine Analyse und Annäherung an Fragen der Mehrfachdiskriminierungen und spezifischen Lebensrealitäten von First Nation Frauen. Auf weniger als 150 Seiten, wo sie zwischen Erzählungen, Lyrik und Analysen wechselt, schneidet sie so umfangreiche Themengebiete wie Begehren(sformen), Liebe, sexualisierte und andere physische Gewalt, Landfragen, Spiritualität, Kommunismus und Ökologie. Verbunden wird dies alles durch ihren sehr lyrischen Erzählstil, ihre klare Perspektive und dem Rückgriff auf (Lebens)Erzählungen anderer Frauen in ihrem Leben.

Zu guter Letzt habe ich den großartigen Lyrikband Hold Your Own von Kate Tempest gelesen. Aufmerksamen Mädchenmannschafts-Leser_innen könnte sie aus einem Samstagabendbeat bekannt sein, doch macht sie nicht ausschließlich Musik, sondern schreibt auch Lyrik und Theaterstücke. ‚Hold Your Own‘ ist ihr zweiter Lyrikband und besteht aus einer Vielzahl von Gedichten, die sich zum einen einzeln lesen lassen, zum anderen aber auch eingewoben sind in ein größeres Narrativ, welches griechische Mythen und zeitgenössisches britisches Leben; Götter und Geschlechterspiele verbindet.

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Über Verlust und Trauer – Bücher und Zines zu Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde

23. Juni 2015 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 104 von 123 der Serie Die Feministische Bibliothek

Die Autorin ist Mitte der 1980er geboren, lebt in Berlin und hat sich mit Literatur rund um Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde befasst. Im ersten Teil, der gestern erschien, beschrieb sie Gefühle und Erfahrungen mit dem Tod von Eltern. In diesem Teil geht es um konkrete Empfehlungen für Bücher, Blogartikel, Zines und Videos zum Thema Trauer, Suizid und Unterstützung für Trauernde.

Gestern schrieb ich, dass es gerade in Trauerphasen sehr wichtig ist, genau in sich hinein zu fühlen, welche Unterstützung (z.B. in Form von Büchern, Freund_innen, Trauergruppen, Therapie…) sich gut anfühlt oder nicht. Es ist total OK, die Trauergruppe nach zwei Sitzungen zu verlassen, weil du dich nicht wohl fühlst. Oder den Kontakt mit einigen Mitmenschen zu verringern, die deinen Schmerz nicht verstehen. Gerade in so einer schweren Zeit ist es enorm wichtig auf sich zu hören. In diesem Text stelle ich zwei Bücher und zwei Zines vor, die mir sehr geholfen haben. Es kann sein, dass diese für dich wenig hilfreich sind. Deshalb liste ich weiter unten weitere Bücher, (Blog)Artikel und Videos auf, die mich begleitet haben, auch wenn ich persönlich nicht alles empfehlen würde – vielleicht ist es für dich kraftspendend.

Zwei Bücher von Chris Paul möchte ich vorstellen, weil sie sehr viele Ressourcen beinhalten, zum Beispiel Übungen und Listen mit Beratungsangeboten. Chris Paul, die selbst ihre Partnerin durch Suizid verloren hat, ist Trauerbegleiterin und Autorin. Sie hat viele Bücher und Aufsätze geschrieben und bietet Seminare und Fortbildungen an.

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“, Goldmann, 2012, 3. Auflage

Chris Paul: „Warum hast du uns das angetan? Ein Begleitbuch für Trauernde, wenn sich jemand das Leben genommen hat“In diesem Buch thematisiert Chris Paul die Vielfalt der Gefühle und Trauerreaktionen von Menschen, die einen nahen Menschen durch Suizid verloren haben. Suizid – oder wie Paul es nennt: Selbsttötung – sei die „am stärksten tabuisierte Todesursache in unserer Gesellschaft“. Während in der Trauerforschung noch häufig Bezug auf recht starre und linear gedachte Trauerphasen-Modelle genommen wird, spricht Paul eher von „Aufgaben des Trauerns“, die sie anhand von Zeitabschnitten („Die ersten Stunden“, „Die ersten Tage und Wochen“, „Das erste Jahr“ und „Trauerjahre/Lebensjahre“) vorstellt. Paul geht also nicht davon aus, dass in bestimmten Zeitabschnitten ganz bestimmte Gefühle stattfinden oder es ein klares Ende von Trauerprozessen gibt, wenn bestimmte Phasen durchlaufen sind. Vielmehr glaubt sie, dass jeder Zeitabschnitt eine Vielzahl an Gefühlen mit sich bringen kann und folgende vier Aufgaben immer wieder bewältigt werden (mal schneller, mal langsamer): 1. Die Wirklichkeit des Todes begreifen; 2. Die Vielfalt der Gefühle durchleben; 3. Veränderungen in der Umwelt wahrnehmen und gestalten und 4. Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen. Ein Extrakapitel befasst sich außerdem mit Kindern und Jugendlichen als Trauernde nach einem Suizid. Zwischendrin finden sich immer wieder Übungen, die mensch relativ leicht in den Alltag einbauen kann und die helfen können, sich zu entspannen, zu erinnern oder zu reflektieren.

Ich finde das Buch unglaublich gut, weil es ehrlich und leicht verständlich auf viele Themen eingeht, die überlebende Angehörige oftmals beschäftigen: Trauer, Wut, Schuldgefühle, Angst, Suizidgedanken, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, aber auch bürokratische und finanzielle Hürden unmittelbar nach dem Suizid. Besonders das Kapitel zu Schuld (und deren Funktion) war für mich ein wichtiger Perspektivwechsel. Kurz nimmt Paul auch Bezug darauf, wie Angehörige von Menschen, die von gesellschaftlichen Normen abweichen (z.B. in Bezug auf Begehren, Hautfarbe, Gesundheitszustand), häufig verstärkt Ausgrenzung und Stigmatisierung erleben, weil der Suizid der Person manchmal dafür genutzt wird, Vorurteile über bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu stärken (z.B., dass Depression automatisch Suizid nach sich zieht). Hier wäre mein einziger Kritikpunkt, dass das Thema sehr kurz kommt und ich gerne mehr dazu gelesen hätte. (mehr …)


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