Schweigen am Dienstag

von Susanne

Heute bleibt zum dritten Mal auf dieStandard.at die Kommentarfunktion abgeschaltet. Bis auf weiteres soll das nun jeden Dienstag so sein. Wir haben Ina Freudenschuß aus der Redaktion gefragt:

Warum?
Über eine Möglichkeit, dem Verfall der Diskussionskultur in unseren Foren entgegenzuwirken, haben wir redaktionsintern schon lange nachgedacht. Die Foren im Online-Standard sind ja bereits gefiltert, das heißt, ein guter Teil der Postings auf derStandard.at und dieStandard.at werden von den RedakteurInnen vor dem Freischalten durchgelesen. Leider ist dieses System aus unterschiedlichen Gründen sehr mangelhaft. Bei einer Klausur im Frühling dieses Jahres kamen wir dann auf die Idee, das forum zeitweise aufzuheben und die Geschäftsführung war einverstanden.

Werden sich misogyne Kommentatoren dann nicht einfach an den anderen sechs Tagen der Woche umso stärker produzieren?
Der Effekt, dass sie an den anderen Tagen umso mehr posten, ist bisher nicht eingetreten. Aber natürlich ändert ein Tag nicht alles an der Gesamtsituation. Ziel der Aktion ist es, eine Sensibilisierung in Gang zu setzen. Und es geht uns darum, die zwischenzeitliche diskursive Macht einiger weniger Frauenfeinde im Forum zu durchbrechen.

Wie sind die Reaktionen?
Das Echo ist sehr positiv. Insbesonders LeserInnen, die gar nicht oder kaum posten, haben uns wissen lassen, dass sie die Aktion unterstützen und dass sie unsere Beweggründe teilen. Viele sprachen sich auch dafür aus, die Foren auf dieStandard.at ganz aufzugeben. Die Negativ-Poster haben offenbar noch nicht den Feedback-Button entdeckt. (Lacht.)

Besteht bei einem solchen Schritt nicht die Gefahr, dass die Frauenbewegung als wenig diskussionsbereit wahrgenommen werden könnte?
Also nachdem, was uns in den vergangenen Jahren schon alles vorgeworfen wurde, fürchten wir uns vor diesem Argument nicht mehr. Ich denke, mit „Diskussionsbereitschaft“ hat das, was sich zwischenzeitlich in öffentlichen Foren abspielt, nicht viel zu tun. Die Art von Öffentlichkeit, wie sie durch allgemein zugängliche Foren entsteht, stellt ja ein Novum dar, weil Menschen in ihr massenhaft und noch dazu (fast) anonym ihre Meinung kundtun können. Insofern wäre es in meinen Augen falsch, darin einen Ort zu sehen, wo unverfälscht und repräsentativ die „gesellschaftliche Meinung“ zum Ausdruck kommt.

Glauben Sie, dass Diskussionen zum Thema Emanzipation im Internet generell problematischer sind als im direkten Gespräch?
Die Möglichkeit, sich anonym über Themen wie Gleichberechtigung oder auch Antirassismus unterhalten zu können, führt sicher zu Problemen. Offenbar hat das Internet hier aufgrund seiner Möglichkeiten eine Art Ventilfunktion übernommen, à la: „Hier können wir unter dem Deckmantel der Anonymität noch sagen, was sonst schon überall verboten ist.“ Das Internet bietet einerseits die Möglichkeit, über sogenannte „Randthemen“ weitläufig zu berichten, andererseits löst sie aber auch die schon erwähnten Probleme aus.

Mehr über den kommentarfreien Dienstag auf dieStandard.at könnt ihr hier lesen.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 28. Oktober 2008 um 9:45 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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15 Kommentare

  1. ida sagt:

    ich habe darüber auch schon gelesen und mich beschäftigt dieses thema sehr. ich frage mich (und andere), ob es bei anderen themenspezifischen blogs auch der fall ist, dass die kommentarspalten von so feindselige posts gefüllt werden. auch hier im blog der mädchenmannschaft lassen sich ja immer wieder besucher_innen hinreißen, herablassende, ignorante, antifeministische […] kommentare zu hinterlassen um die diskussion zu sabotieren und an sich zu reißen.
    was mich dabei besonders ärgert ist die ich-wollte-ja-konstruktiv-…-und-war-guten-willens-aber-ihr…-attitüde, mit der dann soooo viel enttäuschung gespielt (!) wird. auch frage ich mich ernsthaft, warum die betreffenden menschen so viel energie und zeit für ein DAGEGEN verwenden anstatt sich explizit FÜR die inhalte einzusetzen, die ihrer meinung nach in der feministischen diskussion nicht genug raum haben – ohne die stattfindende diskussion und das engagement anderer geringzuschätzen und abzuwerten.
    meine letzte frage: warum wird vom feministischen diskurs/ von feminist_innen eigentlich erwartet, dass sie sich „um alles kümmern“? oder ist das nur teil der o.g. attitüde? ida

  2. hn sagt:

    haha, das wäre aber der einzige fall in der geschichte, in dem zensur etwas bringt…
    (ja und ich finde dass es schon ein wenig präventive zensur ist, ein forum abzuschalten)

    andererseits, die trolle haben genug andere spielplätze, und wenn es den rest nicht stört (auch wenn ich das nicht nachvollziehen kann), pfft

  3. Judith sagt:

    ich konnte dieses „zensur!“-geschreie noch nie ganz nachvollziehen.
    jetzt mal ganz altmodisch argumentiert, aber haben sich die guten alten printmedien nicht immer das recht rausgenommen, leserbriefe auch ohne weitere begründung nicht zu veröffentlichen?
    und gerade heute, wo jeder unzählige möglichkeiten hat seine ansichten irgendwo im netz zu verbreiten, dann geht man halt einfach wo anders hin oder macht sein eigenes ding, das ist ja auch nicht schwierig.

  4. Matze sagt:

    Frage: Sehe ich das richtig, dass sich diese Maßnahme nicht gegen die Beiträge richtet, die in den Foren veröffentlicht werden, sondern gegen diejenigen, die eh gelöscht werden? Oder ist das als Tadel an die Poster zu verstehen, die den pro-feministischen Thesen in Artikel und Kommentaren etwas entgegensetzen und deren Beiträge „durchkommen“?

  5. kopfschmerzen sagt:

    @Matze:
    Ich würde dir empfehlen, dir mal ein paar Artikel + Kommentare auf diestandard durchzulesen. Es dürfte normalerweise nicht lange dauern, die nicht nur anti-feministische, sondern durchaus auch misogyne Grundstimmung in den Kommentaren zu entdecken. Ich weiß nicht, wie viele Kommentare gelöscht werden (immer wieder gibt es in Threads Beschwerden über „Zensur“), aber auch die, die durchkommen, geben alles andere als ein niveauvolles Bild ab.
    Es geht hier gar nicht darum, keine anderen Meinungen zuzulassen, sondern um den allgemein frauenfeindlichen Tenor, für den nicht zuletzt einige nickwechselnden (an den IPs zu sehen) Kampfposter verantwortlich sind. In der Folge dreht sich auch die Schweigespirale weiter, bis Poster_innen, die eine feministische Haltung vertreten, sich letztlich gar nicht mehr posten trauen. Mir ist es nach einigen mehr als fruchtlosen Diskussionen mittlerweile echt zu blöd geworden, dort noch zu diskutieren. Frustration kann ich mir auch wo anders holen.

  6. Matze sagt:

    @kopfschmerzen: Auch die Kommentar-anguck-Funktion ist heute ausgeschaltet. Mein Eindruck war, dass vor allem auf radikal-feministische oder männerfeindliche Artikel, teilweise von Kommentatorinnen sehr dankbar aufgenommen, in großer Anzahl reagiert wurde, und dass *beide* Seiten viel Vergnügen dabei haben, sich gegenseitig aufzuschaukeln.

  7. kopfschmerzen sagt:

    Radikalfeministisch? Reden wir von der selben Seite? xD
    Bzw. stell doch bitte mal einen Link zu einem „männerfeindlichen“ diestandard-Artikel rein… würde mich wundern, wenn du einen findest.

    Ich bleibe aber dabei, dass von Ausgeglichenheit in den Kommentaren nicht die Rede sein kann.

  8. Miriam sagt:

    Och nee, Matze, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?

    Wenn man eine Kommentarfunktion zulässt, dann wollen die Forums/BlogbetreiberInnen Diskussionen zulassen, oder? Dann ist es auch nur natürlich, dass auf Diskussionsbeiträge reagiert wird. Ist es deine Vorstellung einer Diskussion, dass man Beiträge, die nicht der eigenen Meinung entsprechen unwidersprochen stehenlässt? Gerade Beiträge, die kontrovers sind, sollten diskutiert werden. Aber wie Kopfschmerzen schon schrieb, es gibt eine Grenze, wenn nämlich die immer gleichen Leute die immer gleichen Provokationen von sich geben, da verlieren die Menschen, die ernsthaft an einer konstruktiven Diskussion interessiert sind, irgendwann das Interesse und dann gibt es eben irgendwann keine Diskussion mehr sondern nur noch Pöbelei. Fundametalisten gibt es in den verschiedensten Farben, da muss man wohl mit leben (und damit will ich auch leben!), aber beschimpfungen und Beleidigungen sind ja wohl jenseits einer sinnvollen Diskussion und damit will ich eben nicht leben.

  9. SoE sagt:

    Die Diskussion über (Nicht-)Diskussionen hatten wir ja auch schon öfters… Gerade feminististische Webseiten scheinen die totalen Antifeministen immer anzuziehen. Was wohl Fußballforen machen würden, wenn dauernd Leute posten, wie scheiße Fußball ist, und wieviel besser Handball und ob man nicht die Regeln ändern kann, damit sie sich endlich auch dafür interessieren…

  10. Anna sagt:

    SoE, danke für diesen Vergleich!
    Ich musste wirklich sehr lachen gerade!

  11. noah sagt:

    ehrlich gesagt finde ich diese meistens nicht so gehaltvollen störkommentierereien sehr, naja, scheiße. ich kann mich noch an die zeiten im studivz erinnern. da gab es eine recht gute und intellektuelle gruppen, die über diverse feministische aspekte debattierten. mit der zeit kamen immer mehr von diesen unfugtreibern und der sinn dieser gruppen wurde sabortiert. die ganzen diskussionskultur war für den arsch. und das war sehr schade. leider ist das ja auch schon bei der mädchenmannschaft gehäuft zu beobachten. es macht dann auch keinen spaß mit in die streitgespräche einzusteigen. es ist auch einfach nicht mehr sinnvoll.
    außerdem scheinen gewisse menschen den lieben langen tag nichts anderes vorzuhaben als hier oder woanders die foren zu torpedieren. das geht echt weit. was es für die zu kompensieren gibt. unglaublich. also da würde ich mich gerne für schlüsselerlebnisse interessieren wollen. aber das führt zu weit.
    wenn wenigstens die streitkultur auf einem hohen niveau wäre und die aggressiven männer-sind-ganz-schön-arm-dram-unter-der-feministischen-fuchtel-vertreter nicht immer auf durchzug schalten würden und einem die worte nicht auf der tastatur (oder im mund) umdrehen würde wäre es alles halb so wild. aber das ist ja nicht das ziel. die streitkultur soll im keim erstickt werden und der feministischen idee kein anlaufpunkt gegeben werden.
    so kann man mit der meinungsfreiheit – mit der uns feministen ja meistens oder eigentlich immer gekommen wird – die meinungsfreiheit pervertieren.
    schade drum.

  12. Matze sagt:

    @SoE: Hmm, Feminismus bedeutet in meinem Verständnis jedoch (um mal bei deinem Bild zu bleiben), *dass* die Fußballregeln den Handballregeln angepasst werden sollen; da finde ich es logisch und nachvollziehbar, wenn sich Fußballfans melden, die das doof finden.

  13. Miriam sagt:

    Matze, ohne Dir zu nahe treten zu wollen, aber so langsam frage ich mich wirklich, ob du nicht auch so ein Troll bist, der einfach nur die Diskussion kaputt machen will. Immer wieder das gleiche Schema: Partout nicht verstehen WOLLEN, worum es geht (wenn ich böse wäre, würde ich dir unterstellen, du wärst intellektuell nicht dazu in der Lage, es zu verstehen, aber das glaube ich nicht, du machst eigentlich einen ganz pfiffigen Eindruck ;-))

  14. wiesel sagt:

    das problem ist, dass unter keinem artikel ansatzweise ernsthaft diskutiert wird. egal, um welches thema es geht, ein paar leute aus fpö-dunstkreisen posten stets das selbe: gender-wahnsinn usw. diestandard lesen mit sicherheit mehr leute, die überhaupt nicht an solchen themen interessiert sind als die eigentliche zielgruppe. insofern stellt sich wohl grundsätzlich die sinnfrage…

  15. Matze sagt:

    @ Miriam: Danke für den „pfiffigen Eindruck“.