Schwarzer Frost – Roman

von Gastautor_in

SchwarzRund schreibt schon ihr Leben lang, seit einem Jahr bloggt sie nun zu Mehrfachdiskriminierung und Eis-Essen. Ihre Novelle „Quasi“ kam vor einigen Monaten raus. Sie liebt es zu bloggen und Projekte so autark wie irgendmöglich umzusetzen, weil sie so Geschichten erzählen kann, die auch 1:1 bei dem_der Lesenden ankommen. Jetzt schreibt sie einen Roman: Schwarzer Frost. Die ersten Kapitel sind schon geschrieben, einen ersten Eindruck gab es in Videoform. Wir freuen uns, mit dieser Leseprobe hier einen weiteren Einblick in ihren queeren afropolitanen Roman geben zu können. Damit der Roman realisiert werden kann, braucht Schwarzrund finanzielle Unterstützung.

Schwarzer Frost – Roman

Manchmal wusste Tue nicht so recht ob die Routine des Bandlebens wirklich lebendiger war wie jene des Laden Alltags. Gerade wenn beides ineinander floß, erstickte die gleichzeitige Langeweile beide Tätigkeiten ihre Gedanken, beides führte zu belastender unkreativer Stille in ihren Gedanken. Beides war grauer Routinekleber, beides war Alltag.

Ihr Gesäßknochen drückten gegen das harte Sitzpolster des Barhockers, der Coffeeshop des Kreativ.Bürohauses roch nach alten Lilien und geschäumter Milch. Die Muskeln auf ihrer Stirn zogen sich schmerzhaft zusammen bei jedem Klingeln des Türmelders. Eine nicht enden wollende Anreihung gleich aussehender weißer Menschen betrat das Kaffee, die pragmatische Routine verhinderte jedes Denken.
„Hmmm“ sagte der weiße Mann vor ihr, studierte die Schilder hinter ihr, nutzte die Gelegenheit um die kleinen Löckchen zu betrachten die sich aus ihrer Kopfhaut heraus gekämpft hatten.

Sie schwieg. Nachdrücklicher wiederholte er „Hmm!“ und sah sie auffordernd an. Die Knochen schmerzten, ihre Genervtheit wandelte sich langsam zur Wut, ließ die Schale der lethargischen Langsamkeit fallen und brachte Kraft und Zorn zu ihr.“Einen Kaffee, vermute ich?“ Ihre Zunge war zu träge um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ihr Körper zu routiniert darin die Maske der Gelassenheit zu spielen. Er sah ihr in die Augen, teilnahmslos, sie fühlte sich wie ein Tier das von einem Zoo Besucher ohne großes Interesse angestarrt wurde, sich in ein Objekt verwandelte nur um im Strom der Eindrücke aus der Erinnerung des Betrachtenden zu verschwinden. Er starrte, hielt den Blick ohne jeden Anflug von Freundlichkeit und brummte ein langes, „Hm…“. Die Luft zog sich durch ihre Zahnlücke, eins. Die Luft entwich zwischen den Backenzähnen, zwei. Ihre Augen drehten zur Decke, drei. Weiteratmen: Luft. Blicken, Routine.

Sie griff seinen Kopf und schlug ihn in die Auslage, das Glas zersprang und seine Gehirnmasse sickerte in die vertrockneten Bagel.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie sah ihn an. Entschieden sagte er: „Ich nehme einen Americano. Zum mitnehmen.“ Sie nickte, machte ihm einen Filterkaffee und kassierte einen Latte Macchiato. Das kleine Schildchen „zum halben Preis“ stellte sie in die Vitrine vor die Bagel und reinigte die Glasvitrine. Er verlies den Coffeeshop, die Stille ergriff erneut das leere Cafe. Statt des Gesichtes starrte nun das weiße Blatt sie an, ihr Stifte kreiste über den Zeilen. Sobald ein Wort ihr Gehirn streifte, schrieb sie es nieder, in unzusammenhängender Rheinfolge, in der Hoffnung Zeilen zu finden die später auf einer Gitarrenline zu Musik wurden.

Die Stunden sickerten durch Papier,
kaum Bezug zum Ort kaum Bezug zum hier,
Die Stunden sickerten durch mich-
und du trägst und du trägst und hörst mich nicht.
Die Anzeige blinkt es ist gleich viertel vor vier,
er notiert die Zeit, der nächste Zug fährt ein.
Der Weg, nur ein Bruchteil – Zahlenreihen!

Das Vibrieren ihres Handys riss sie aus dem Geburtssaal ihres neuen Liedes, frustriert drückte sie auf annehmen. „Tue, wo bist du?“ sie nuschelte abwesend Cafe, hörte aber kaum zu, ihr Gitarrist riss sie erst mit seiner Antwort aus den Wirren des Liedes: „weißt du, ohne Sängerin ist es reichlich kompliziert ein Album aufzunehmen, wärst du so gnädig und bewegst deinen Hintern ins Studio?“. Fuck, es war ja Dienstag. Trotz Routine schaffte sie es mit Unzuverlässigkeit zu glänzen, sie fummelte den Schlüssel aus der Hosentasche, kramte ihre Zettel in die Tasche und schmiss die Tür des Cafes ins Schloss. Während dessen redete  Betto über Kompositionen und Arrangements, sie hörte kaum hin. „Fuck “ fluchte sie dem Schloss des Ladens zu, dass sich verweigerte abzuschließen. „Mäßige dich mal, schließlich sind wir nicht Punk sonder pseudo – interlektuelle Hamburger Schule Mukke“ Betto kicherte über seinen eigenen Witz, Tue verspürte einen Anflug von Wut und Brechreiz. Was hatte sie nur dazu verleitet diesen Musikakademiker in ihre Band zu lassen? Gut, er war inspirierend, virtuos und der ganze Mist, aber was half das wenn sie ihn am liebsten beim nächsten Festival ausgesetzt hätte.

Sie stampfe die Treppen des kreativ.Bürohauses hoch in Richtung ihres Proberaumes. Dort hörte sie bereits die Riffe des Liedes, für das sie einen Text schreiben sollte. Die zerschmetternde Melancholie in den Klängen erstickte sie fast, die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Er ist zwar ein Idiot, aber ein talentierter Idiot, dachte sie sich nicht zum ersten mal beim Hören seiner Melodien.

Die Klinke klackte und sie drückte den Brustkorb durch, betrat den Raum, ein neuer Tag an dem sie die drei Männer in Schach halten musste.

„Ah, Madame hat entschieden sich doch noch zu ihren Lakaien zu bewegen, vielen Dank dafür“ dreckiges Gelächter erfüllte den Raum, sie schritt kommentarlos zum Mikrophon und zählte energisch „auf vier – 1-2-3-4“ in die Schweißgetränke Luft des Dachgeschosses. Sie sang die Texte die sie vor einem Jahr geschrieben hatte, starrte teilnahmslos auf da grüne Leuchten des Recorders:

„So trägt die Zeit
Jede Sekunde
Und Stunde um Stunde
breche ich
Aus der Zählung
Breche ich ein in die Welt
Breche ich dir auf die Schuhe
So alt ich auch bin
Mit lässt meine Jugend
Keine Ruhe“

Sie hasste Menschen, die Konzeptalben liebten. Sie hasste es durch ihren Vertrag nichts mehr zu sagen zu haben. Manchmal sehnte sie sich nach den Zeiten, in denen sie daheim am eigenen Rechner ihre Lieder aufgenommen hatte, ohne Konzept mit zweitklassiger Gitarrenmusik im Hintergrund. Wenigstens sang sie damals über wichtiges, wenigstens hatte sie damals Zeit, statt ein Album über die Zeit zu schreiben.

Das grüne Lämpchen wurde Rot. Schluss für heute, bis morgen. Tue ist dein Text schon fertig? Ein abwesendes Nicken und sie verschwand als erste wieder nach unten in das Cafe, sicherlich wartete weiterhin der Kaffeegeruch, die Knochenschmerzen und ein neuer Text auf sie.

Der Schlüssel glitt in das Schloss und harkte, knackte und zerbrach. Zuviel, gerade zu viel für sie. Ihr Körper gefror, keine Bewegung war mehr möglich. Leila würde sie in der Luft zerreißen, die gute Leila. Die gute, böswillige Leila die alle liebten für ihr sonniges Gemüt. Leila hatte im kreativ.Bürohaus vor vier Jahren den Coffeeshop eröffnet. TUEsday waren die Stargäste indem alten Fabrikgebäude, zu laut um neben ihn arbeiten zu können aber doch zu prestigereich um sie raus zu schmeissen. Die Bandmitglieder hatten versucht sich so gut es ging in das Gebäude-Leben einzubringen, und Tue hatte angefangen im Cafe. Seit ihrem Schulabschluss stand sie auf der Bühne, verdiente ihr Geld erst mit einer Girlband, dann mit Sologitarren Musik. Seit 5 Jahren nun durch handfeste Hamburger Schule Mukke, wie andere es nannten. Trotz allem war die Angst, irgendwann nicht mehr von der Musik leben zu können Dauer präsent in ihrem Leben. Der Nebenjob im Cafe gab ihr das Gefühl, etwas Sicheres zu haben, etwas Bodenständiges. Wenn sie nun nach ihrem Job gefragt wurde, erzählte sie von den Nöten einer Barista die Nebenbei Musik macht. Die Wahrheit war, das Arbeiten im Cafe ihr nur die Miete einbrachte, keinen Cent mehr. Es war Teil von Tue, die versuchte außerhalb von TUEsday zu existieren, es war ihr Anker in die reale Welt.

Aber da war eben auch Leila, Leila die Fröhliche. Eine Schönheit, ohne Ecken und Kanten, alles glitt an ihr ab. Ihr Zorn kam eiskalt daher, ihre Verachtung war spitz und klar, schmerzhaft wie Eis an offenen Zahnnerven. Sie verachtete jeden Fehltritt und Tue war eine Anhäufung von Fehltritten. Also erstarrte Tue, ihr Körper verwehrte den Gehorsam. Die Sekunden verfestigten sich zum Schutzschild, nicht handeln und einfrieren halfen gegen die Konfrontation mit der Realität. Solange sie diese Haltung aushielt, der zerbrochene Schlüssel noch versteckt im Schloss war, konnte ihr nichts passieren. Ihr Gedanken drosselten das Tempo der Außenwelt, Konfrontationen rückten in weite Ferne. Es entstand Raum, Raum zu aushalten. Durch die Glasscheibe sah die die Uhr im Coffeeshop. Die Sekunden tröpfelten dröge dahin, zähflüssig sickerten sie durchs Ziffernblatt um dann gänzlich einzufrieren. Tue hätte gerne gelacht über die stupide Kunstbezogenheit ihrer Panik, Dali, schon klar. Doch ihr Körper verweigerte auch diese Reaktion, verlieh ihrem Frust über die armselige Kreativität ihrer Panik keinen Ausdruck. Da war nur noch Tue, eingesperrt in der Starre und ihren Emotionen ausgesetzt. Sie flossen über ihre Seele, ihr Gemüt ihr ganzes Sein und zogen ihre Existenz in zweifel. Erinnerungen schossen in ihr hoch, Bilder von demütigenden Situationen die zulange zurück lagen um sie greifen zu können.

Sie erinnerte sich daran, wie sie mit 14 Jahren nicht begriffen hatte warum sie nicht mit ihrer besten Freundin zusammen sein konnte ohne das die anderen Kinder in diesem neuen Land sie triezten. Da Wort Lesbe erschien in ihrer Wahrnehmung und mit ihm riss der Schmerz auf der gut unterdrückt in ihr Schlummerte. Eingefroren in den Moment konnte sie nichts gegen die Bilder und Gefühle tun, die mit dem Nachhall des Wortes durch ihren Körper wanderten und sie zerrissen. Der Druck auf den Augäpfeln verriet ihr, dass Tränen vergeblich einen Weg nach außen suchten aber nicht durch das Eis brechen konnten, dass sie umgab. Der Schmerz erinnerte sie an die letzte Woche, sie saß mit ihren Bandmitgliedern zusammen und alle stritten darüber ob trotz Tue’s neuer Frisur Pressefotos gemacht werden könnten. Wörter wie Krause fielen, der Schlagzeuger strich über ihren Schädel und säuselte etwas von Schamhaaren. Tue biss von innen gegen ihre Wange, strich seine Hand weg und sagte nichts, lies sich wortlos zurück sacken in die Polster. Scham-haare. Sie kicherte, angetrunken vom Wodka, bedröhnt vom Weed und gekränkt vom Rassismus. Der Druck auf den Augen war der gleiche gewesen. Die Wellen des Schams wurden überflutet vom Selbsthass, warum hatte sie auch ihre Haare abgeschnitten?

Langsam schmerzten ihre Muskeln, ein gutes Zeichen. Die einzige Fluchtmöglichkeit aus dem Eis der Schockstarre waren Muskelschmerzen. Nun war sie in dem seltsamen Vakuum zwischen Eis und weinen. Zwischen Starre und Bewegung. Es war der Raum, in dem der Körper nicht reagierte aber die Seele sich wieder einpendelte. Sie nahm die Welt wieder wahr, die Uhr lief wieder in einem angenehmen Rhythmus. Nur die Bewegungen ließen auf sich warten. In diesem Zwischenraum hatte sie meist die besten Textideen.
Hier im Vakuum, sang es irgendwo in ihr, dumpfe Erinnerungen an ihre Jugend mit Junges Glück.

Gerade aber lies die Kreativität auf sich warten, die dröge  Langsamkeit der Dissoziation zeigte sich in ihrer ganzen öden Einfältigkeit.

Erleichtert stelle sie fest das ihre Fußsohlen anfingen zu schmerzen, ein weiterer Schritt in Richtung Schmelzen. Gerüche und Reize drangen wieder auf sie ein, sie sah wieder Objekte links und rechts von sich, der Raum bestand aus mehr wie ihr und dem Eis. Mit einem Mal fuhr ein Ruck durch sie, und mit der Sekunde der Bewegung schoss sowohl Erleichterung wie auch Panik in ihre Knochen. Der Schlüssel fiel zu Boden, zerbarste trotz Frost.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 31. Juli 2015 um 9:00 Uhr unter Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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