Schwangerschaft und Körper*

von Melanie

*zu beginn direkt einen disclaimer: da ich meine subjektive perspektive hier festhalte, werden nicht alle ‚körper‘ im kontext von schwangerschaft sichtbar gemacht. welche reaktionen z.b. lesbisch lebende, trans-*, partnerlose frauen oder frauen, deren körper als behindert eingeordnet werden erleben, wenn es um das thema schwangerschaft & körper geht bleibt hier außen vor, über links zu erfahrungsberichten freue ich mich. einiges zum thema, wer kann/darf überhaupt schwanger werden/sich reproduzieren findet ihr auch im letzten podcast der mädchenmannschaft über reproduktive rechte

in den letzten tagen brodelt ein thema in meiner timeline: schwangerschaft und körpererfahrung. in der süddeutschen wird berichtet, dass schwangere gar essstörungen entwickeln, bei twitter werden unter dem hashtag #alsichschwangerwar kommentare gesammelt, die schwangere (und ja: soweit ich das verfolge, auch nur eine bestimmte gruppe von schwangeren/müttern) sich über ihren körper anhören durften. ich will hier meine ganz persönliche schwangerschafts-körpergeschichte erzählen und versuchen, sie ein wenig in den gesamtgesellschaftlichen kontext zu bringen. der text fällt also in die kategorie „laut gedacht“…

„glaubst du, dein freund findet dich seit der geburt eures kindes weniger attraktiv?“ die frage überraschte mich. gleich zweimal: dass sie mir jemand stellte. und dann, weil ich sie mir noch nie gestellt habe. auf den gedanken wär ich so nicht gekommen. dazu gleich mehr. in die gleiche kerbe schlugen aussagen von (kinderlosen) freundinnen, die mir offen sagten, schwanger werden käme für sie nicht in frage (unabhängig vom kinderwunsch), die veränderungen an ihrem körper würden sie abschrecken. zunächst konnte ich solche aussagen nicht einordnen. aber letzten endes liegt es klar auf der hand: so lange weibliche körper in einer gesellschaft als objekte betrachtet werden, über die geurteilt werden kann und darf wie mensch will, wird eine frau* eben vor allem an ihrem körper und aussehen gemessen. und das schwangerschaft und geburt diesen nicht unverändert lassen, will ich überhaupt nicht leugnen.  da allgemeinplätze a la „aber dafür hast du ein kind zur welt gebracht“ als ratschläge zu verteilen find ich unangemessen.

für manche ist es wirklich empowernd, zu wissen, der eigene körper ist in der lage, ein neues lebewesen hervorzubringen. ich habe lange gebraucht, das nicht gering zu schätzen. gering zu schätzen im sinne von: „naja, das machen frauen seit beginn der menschheit, das ist ja keine ‚leistung'“. nur, weil ich bewusst keine anstrengungen unternehme. im kapitalistischen sinne. dabei doch sehr wohl merke, wie „anstrengend“ es ist, ständig müde zu sein, außer atem, den rücken grade halten undundund. und andersrum nicht in den umkehrschluss zu verfallen, körper abzuwerten, die diese „leistung“ nicht erbringen (können/wollen; und damit meine ich nicht männer).

ich konnte mit den veränderungen meines körpers relativ entspannt umgehen. zum einen, weil ich meinen „frieden“ mit meinem äußeren schon vor minimes geburt gemacht habe. frieden im sinne von: ich bin eh nicht perfekt (ohne zu leugnen, dass ich wohl das bin, was mensch als ’normschön‘ bezeichnet, weder auffallend hübsch noch das gegenteil. zumindest hat man beides noch nicht zu mir gesagt…). auch ohne schwangerschaft und geburt wird mein körper sich alters- und schwerkraftbedingt verändern, genau genommen hat er das zwischen meinem 20. und 30. lebensjahr sogar mehr, als während der 9 monate schwangerschaft. ich habe über 30 jahre gebraucht, um so was wie „meinen eigenen stil“ zu finden, herauszufinden welche farben und klamottenschnitte mir stehen und dass ich die nicht in den gängigen klamottendiscountern finde. ich habe sogar schon mal das gemacht, was man gemeinhin als schönheits-op versteht, bin also auch nicht auf der seite derer, die vehement „steh zu deinem körper, wie er ist“ vertreten. ich habe rosazea, eine chronische hautkrankheit die mit antibiotika behandelt wird, die ich in der schwangerschaft nicht nehmen darf und darum momentan aussehe, wie mit 16, als die krankheit noch akne hieß. und ob mein partner mich noch attraktiv findet? ich glaube. und sollte unsere beziehung bisher lediglich auf der straffheit meiner haut oder festigkeit meiner brüste beruht haben, war sie ja nicht viel wert. außerdem: an der schwangerschaft war er ja nicht unbeteiligt. dennoch sehe ich sehr wohl, dass sich stets das recht herausgenommen wird, über schwangere körper zu urteilen. auch ich bekam „komplimente“ wie „abgesehen vom bauch sieht man gar nicht, dass du schwanger bist“, oder „du siehst schon wieder aus wie vor der schwangerschaft“, auch ich bekam ratschläge wie „mehr als 8 kilo muss man aber wirklich nicht zunehmen“.

darum richtet sich mein appell letzen endes nicht an die schwangeren a la „entspannt euch“ oder „schaut mal, was euer körper da leistet“. in der schwangerschaft treffen die schönheitserwartungen dieser gesellschaft geballt auf eine ein, weil ein schwangerer körper noch mehr objektifiziert wird, beurteilt und bewertet werden darf, schließlich meint mans doch nur gut und weiß es besser! oder wie es im eingangs erwähnten artikel der süddeutschen steht:

„Schwangere Frauen sind ja Empfängerinnen vieler verschiedener – sich zum Teil widersprechender – Rollenanforderungen. Neben schlank bleiben gilt es ja auch, dem Nachwuchs keine wichtigen Nährstoffe zu verweigern. Sie sollen alle vier Wochen zur Vorsorge bei der Gynäkologin, zur Geburtsvorbereitung, zur Kreißsaal-Führung, zum Beckenboden-Training, sollen Bücher lesen und Zimmer herrichten, nicht ständig in Tränen ausbrechen, sollen bei der Arbeit Bescheid sagen, wann sie wieder arbeiten kommen, sollen Gelder beantragen, Krippenplätze organisieren, nicht blöde rumglucken und immer schön fickbar bleiben. Aber, ganz wichtig, das Wunder annehmen, sich auch mal fallen lassen, die Weiblichkeit umarmen und ständig in sich reinhören. Eine liebevolle Mutter werden eben“ (hervorhebungen von mir) – sich widersprechende anforderungen und erwartungen, wie so oft, wenn es um frauen geht.

die kommentare unter dem artikel springen ebenfalls hart mit den schwangeren und müttern um: „Die andere Seite, das Bemühen nach der Geburt den früheren Zustand des Körpers wiederherzustellen sollte für eine gesunde Frau kein Problem sein und sie auch nicht übermäßig beanspruchen.“ – steht da zum beispiel (geschrieben von einem reinhard). oder mütter reagieren mit zweifelhaften texten, die zwar die zunahme während der schwangerschaft rechtfertigen, aber ansonsten mit fraglichen definitionen von über- und normalgewichtig um sich werfen. oder frauen, die die schuld bei heidi klum und co. suchen, die kurz nach der geburt wieder mit schlanken körpern in die kamera lächeln. da mag ich  nicht mitmachen. für mich wird lediglich wieder mal deutlich:

der körper einer frau ist nie ihre privatsache. der einer schwangeren erst recht nicht. die schuld bei denen zu suchen, die sich diesem diktat unterwerfen (beispiel heidi klum & co, aber auch den frauen, die aus angst vor den veränderungen vor einer schwangerschaft zurückschrecken) finde ich nicht weiterführend. so gar nicht. die mechanismen, die hinter diesen anrufungen und erwartungen an (schwangere) weibliche körper stecken stets bewusst machen und sich vor augen führen, das kann helfen. gegenseitige unterstützung statt bewertung, kritik an medialen, utopischen bildern und co – das wünsch ich mir mehr.




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Eintrag geschrieben: Montag, 10. Februar 2014 um 9:00 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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3 Kommentare

  1. C. Wystrach sagt:

    Guten Morgen, heute erreichte mich der Pingback und erst habe ich mich eigentlich gefreut. Als ich jetzt aber gesehen habe, wo mein Text verlinkt wurde, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Entweder ich verstehe jetzt was falsch oder mein Text wurde falsch verstanden. Ich möchte um Rückmeldung bitten, gerne auch per Privatnachricht. Danke!

  2. Melanie sagt:

    @c.wystrach: ich habe deinen text so gelesen (ja, auch oder gerade mit der anmerkung, die du hinzugefügt hast), dass dabei annahmen von normal-gewicht, bmi und adipositas in verbindung mit gesundheit reproduziert werden, die fatshaming in die hände spielen. ein paar interessante texte, die diese annahmen zurückweisen findest du z.b. bei anke gröner: http://deern.ankegroener.de/blog/ und bei riotmango: http://riotmango.de
    lieben gruß, melanie

  3. Nina sagt:

    Danke für den Text!

    Ich habe auch viel über das Thema nachgedacht, obwohl bisher nicht schwanger gewesen…
    Deinen Satz von der noch stärkeren Objektifizierung schwangerer Körper hat mich erschreckt – aber ich fürchte, dass es genau so ist…

    Übrigens: Besonders dein Schluss gefällt mir:
    „gegenseitige unterstützung statt bewertung, kritik an medialen, utopischen bildern und co – das wünsch ich mir mehr“!!!

    Liebe Grüße,
    Nina