Einträge der Rubrik ‘Wissenschaftlicher Quatsch’


Mythos Jungfernhäutchen

20. Januar 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 13 von 20 der Serie Sex am Morgen

Den ‘Verlust’ ihrer Jungfräulichkeit wollte Pornodarstellerin Nikki Blue zum richtigen Happening machen: Mit eingebauter Hymen-Cam und Zuschauervoting, welchem von drei Herren die Aufgabe des Entjungferungs-Jobs zufallen sollte. Bisher hatte die 21-Jährige ausschließlich anal und oral agiert. Diese Fokussierung auf das vermeintlich heilige Jungferhäutchen veranlasste jezebel, eine Diskussion über weibliche Jungfräulichkeit und Hymen-Mythen anzustoßen. Und siehe da, die Webseite kink.com, die das ‘Deflorier-Happening’ initierte, reagierte prompt mit der Entschuldigung, man habe Nikki Blues persönliches Empfinden vaginaler Jungfräulichkeit keinesfalls als moralische Norm verkaufen wollen. Entschuldigung angenommen und nun sind alle glücklich.

In dem Zusammenhang sei auch der Artikel von Mithu Sanyal auf EMMA Online empfohlen. Der ist zwar nicht ganz neu, aber die Gerüchte über den symbolischen Gehalt des Jungfernhäutchen halten sich ja auch hartnäckig.

Hypochondrische Männer jetzt bitte nicht weiter lesen: Wie die kanadische National Post berichtet, haben holländische Forscher herausgefunden, dass das eigene Sperma die Ursache für das post orgasmic illness syndrome (POIS) sein soll. Das was? Seit 2002 gibt es diesen Namen für fiebrige Symptome, die Männer nach der Ejakulation zeigen, wie laufende Nase, brennende Augen oder extreme Müdigkeit. Extreme Müdigkeit? Soso… Behandlungen sind möglich, aber langwierig – wollen ja auch was zu tun haben, die Ärzte.

Zum Kopfschütteln: Wer einer Frau, die keine Sexarbeiterin ist, Geld für Sex anbietet, macht sich wegen Beleidigung strafbar. Wer eine Frau gegen ihren Willen auf den Hals küsst, hat aber nichts zu befürchten: “Nach ständiger Rechtsprechung auch des Bundesgerichtshofs sei in einer solchen sexuell gefärbten Zudringlichkeit allein keine Kundgabe einer Herabsetzung oder Geringschätzung der Person”, schreibt die Kanzlei Dr. Bahr.

Mit dem Mythos, die Generation der 20 bis 30-jährigen Frauen seien sowas von pornoaffin, räumt Tracy Clark-Flory auf salon.com auf. Aus ihrem Umfeld scheinen die wenigsten Frauen Pornos zu konsumieren und die Männer, die gäben ihre Pornovorliebe zwar bereitwillig zu, nur über Einzelheiten wollen sie anscheinend nicht reden. Komische Sache, oder alles beim Alten?!


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Glorifizierte Väter und tote Frauen in Musikvideos

12. Januar 2011 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 61 von 138 der Serie Kurz notiert

Feministing berichtet wieder einmal vom Dreier schlechthin – Biologismus, Sexismus und Heteronormativität: Der Geruch von weiblichen Tränen soll den Testosteron-Spiegel von Männern sinken lassen, so eine neueste Studie. Nicht nur das: Weil Männer triebgesteuerte Wesen sind, die nur über Hormone zur Interaktion befähigt werden, wollen sie im Angesicht tränenreicher Frauen auch gleich keinen Sex mehr. Also Ladys, wenn ihr mal wieder kein Bock auf ‘ne schnelle Nummer mit ihm habt, einfach losflennen. </ironie off>

In der Huffington Post appelliert Joanne Herman dafür, bereits in der Schule Kinder und Jugendliche an Trans*Konzepte beziehungsweise Transsexualität heranzuführen, um ihnen eine freiere Wahl bezüglich ihres Genders und gegebenenfalls Geschlechtes zu ermöglichen und bereits trans* lebende junge Menschen zu empowern. Kritik an diesem Vorhaben übt Alex vom Bilerico-Project.

Dass Kindererziehung noch immer keine gleichberechtigte Aufgabe im Leben einer heterosexuellen Familie ist, ist keine Überraschung. Überraschend hingegen ist der Pathos, der ganze Artikel begleitet, wenn über Väter in Elternzeit berichtet wird, als sei die von Männern temporär geleistete Reproduktionsarbeit etwas, was mensch auf einen Podest stellen müsste. Melanie Rühl von der FAZ schien sich an ihrem Reportageobjekt offenbar nicht sattsehen und -schreiben zu können.

Vergangenen Sommer schrieben wir über die Geschlechtertrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln Jerusalems. Diese wurde nun vom Obersten Gerichtshof Israels für illegal erklärt, weiß dieStandard.at.

Nepal will laut Nachrichtenagentur AFP seinen Einwohner_innen bei der nächsten Volkszählung neben des obligatorischen Mann-Frau-Default auch Transgender zur Selbstbestimmung des Geschlechtes anbieten. Auch Indien soll 2011 eine Volkszählung mit sogenannter “third gender category” planen. Dies wurde aus Regierungskreisen allerdings noch nicht bestätigt.

Die Frauen in Kanye Wests neuem Musikvideo sind attraktive Leichen, derer sich die männlichen Protagonisten ganz selbstverständlich bemächtigen dürfen. Frauenfeindlichkeit und sexualisierte Gewalt findet Melinda Tankard Reist allerdings überhaupt nicht sexy und fordert ihre Leser_innen dazu auf, eine entsprechende Petition mitzuzeichnen.

Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist erreicht. Ein Kampf dafür also obsolet. Wie lange haben sich Feminist_innen solche Sätze schon auf der Zunge zergehen lassen müssen? Laurie Penny analysiert auf NewStatesman den Mythos des Gleichberechtigungsmythos.

In seinem monatlichen Bericht über sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit fokussiert Gender Across Borders dieses Mal die jüngsten Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum Recht auf Abtreibung.

Erfolg für LGBT*-Aktivist_innen in den USA: Demnächst sollen auf allen Anträgen für Reisepässe Hinweise auf das Geschlecht der Eltern entfernt werden, um den verschiedenen Formen familiären Zusammenlebens Rechnung zu tragen, heißt es bei der Washington Post. Antragssteller_innen müssen also nicht mehr zwingend einen weiblichen und einen männlichen Elternteil angeben. Unklar ist noch, ob diese Änderung auf alle staatlichen Dokumente ausgeweitet wird.

Das Kinderhilfswerk Plan fordert die Vereinten Nationen auf, den 22. September zum Internationalen Mädchentag zu erklären. Hier könnt ihr die entsprechende Petition mitzeichnen und die zivilgesellschaftliche Organisation bei ihrem Vorhaben unterstützen.

Queer/feministische Termine für diese und nächste Woche findet ihr in unserer Übersicht für Januar, die ihr gern in den Kommentaren weiter ergänzen dürft. Wir suchen übrigens für den kommenden Monat wieder Partys, Proteste, Lesungen, Filme, Aktionen, etc. mit herrschaftskritischem und emanzipatorischem Anspruch. Veranstaltungshinweise bitte mit Link an post[ät]maedchenmannschaft[punkt]net, auf unsere Facebook-Wall oder per Twitter an @grrrls_team.


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Mein Körper und die tschechischen Behörden

20. Dezember 2010 von Silviu
Dieser Text ist Teil 2 von 17 der Serie Im Osten nichts Neues?

Menschen, die aus ihren Ländern flüchten, weil sie aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen sexuellen Orientierung Verfolgungen oder sogar den Tod fürchten müssen, sollten am besten die Tschechische Republik meiden. Denn die Behörden in der Heimat Franz Kafkas prüfen gerne genau den Grund des Asylantrags, indem sie dem/der AntragstellerIn Hetero-Pornofilme vorspielen und dabei den Blutfluss im Penis oder in der Vagina messen. Gegen die Proteste der EU verteidigen die tschechischen Bürokraten ihre atemberaubende Neugier: Der Test sei freiwillig und diene nur als letztes Mittel der Feststellung der sexuellen Orientierung.

Also, abgeschoben und eventuell erhängt werden, oder lieber die Hose runterlassen? Wie die meisten – vor diese tolle Alternative gestellten – AsylbewerberInnen entscheiden, lässt sich leicht raten, wie die Spiegel-Geschichte zwei iranischer Jungen zeigt. Wie groß der psychologische Druck in einer solchen Situation ist, und was die ersten europäischen Eindrücke der AntragstellerInnen sind, können wir uns vorstellen. Hinzu kommt, dass die AntragsstellerInnen meistens keine Ahnung von ihren Rechten haben, um sich den Tests zu verweigern. Die Genauigkeit der Methode als empirischer Test lässt ebenso wenig Zweifel an der Intelligenz und Vernunft der Beamten vom tschechischen Innenministerium wie die Annahme, dass nur „echte Homosexuelle“, und nicht etwa bisexuelle oder vermeintlich Homosexuelle tatsächlich verfolgt werden können.

Merkwürdig ist auch die Geschichte der Tests. Die erste Version war nur für Männer geeignet und wurde in den 1950er Jahren ausgerechnet in der stalinistischen Tschechoslowakei erfunden, mit dem Zweck, „falsche Schwule“ zu identifizieren, die angeblich versuchten, unter dem Vorwand der sexuellen Orientierung den Wehrdienst zu umgehen. Später wurden neuere Versionen der Tests entwickelt, die den Blutdruck nicht nur im Penis, sondern auch in der Vagina messen können. Nicht nur der Körper der Militärverweigerer bot damals den tschechischen Ärzten und Bürokraten eine Oberfläche für ihre medizinisch-politischen Interventionen. Die Sterilisierung von Roma-Frauen fing ebenfalls unter dem Staatssozialismus an und ging nach der Wende weiter. Die letzten bekannten Fälle aus 2007 haben die tschechische Regierung zwar dazu bewegt, sich offiziell zu entschuldigen, Reparationsgeld wurde aber noch nicht bezahlt .


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Immer wieder Mutterliebe

15. Dezember 2010 von Hannah
Dieser Text ist Teil 20 von 35 der Serie Muttiblog

Das Muttiblog hat eine neue Autorin: Hannah. Hier schreibt sie über den Mythos der Mutterliebe.
Nichts gegen Mutterliebe. Mutterliebe ist großartig. Die Mutterliebe wird fast immer erwidert – zumindest bis zum Eintritt der Geliebten in die Pubertät.
Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Redet man über Mutterliebe, ist die Sicht der Mutter selten Untersuchungsgegenstand. Es gibt nur die Sicht aller anderen. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Studien mit der Mutterliebe. Sie finden fast ausnahmslos heraus, wie notwendig sie für Gedeih und Verderb der Kinder, der späteren Erwachsenen und der Gesellschaft als Ganzer ist. Das dient dann meist konservativen Daherrednern, die Herdprämien, Halbtagsschulen und Freiheit zum Hausfrauensein fordern.

Mutterliebe als Naturgesetz?
Gerade ist im Freitag ein Artikel zum Thema erschienen, die SZ berichtete darüber im Sommer. Die inhaltliche Essenz lässt sich zusammenfassen: Kindern, die genug Mutterliebe erfahren, geht es später besser. Die aktuelle Studie dazu hat herausgefunden, dass Kinder, deren Mütter ihnen vor 30 Jahren die Wünsche von den Lippen lesen konnten („das Ausmaß der Sensitivität der Mutter, die Signale und Bedürfnisse des Babys zu verstehen“), heute emotional stabiler sind: weniger Angst, weniger aggressiv, stärker belastbar. (weiterlesen …)


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Selber schuld: Frauengehälter-Studien

6. Juli 2010 von Barbara

Heute morgen in der Zeitung werden zwei neue Studien zu Frauengehältern vorgestellt mit dem erschreckendem Ergebnis: Frauen sind zufrieden damit, dass sie weniger Geld bekommen als ihre männlichen Kollegen, da sie meinen, dass ihnen “gerechterweise ein geringeres Bruttoeinkommen zusteht als Männern”. So die Süddeutsche Zeitung heute; die Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) werden heute veröffentlicht. Für den Hinterkopf: Die Lohndifferenz in Deutschland liegt bei etwa 23 Prozent.

Die Studien im Detail: 10.000 Erwerbstätige wurden befragt, ob sie ihr Einkommen für gerecht oder ungerecht hielten. Wer ungerecht ankreuzte, sollte ein Alternativ-Einkommen angeben. Die SZ zitiert die Wissenschaftler hinter der Studie:

“Das Einkommen, das Frauen für sich als gerecht ansehen, liegt sogar unter dem Einkommen, das die Männer real erzielen”, sagt Jürgen Schupp vom DIW. Die Zurückhaltung der Frauen zeigte sich bei ungelernten Hilfskräften ebenso wie bei Akademikerinnen: Stets war das von Frauen als gerecht angesehene “Wunschgehalt” niedriger als das reale Gehalt vergleichbar qualifizierter Männer.

Für die zweite Studie sollten Gehälter von fiktiven Personen in unterschiedlichen Lebenssituationen zugewiesen werden. Hierbei wurden dem fiktiven Mann im Durchschnitt die höheren Gehälter zugeteilt, auch wenn die fiktive Frau mit gleicher Qualifikation in derselben Lebenssituation steckte.

Leicht könnte man jetzt “selber schuld, ihr Frauen!” schreien. Aber auch die Wissenschaftler vom DIW warnen davor, denn die Auswertung dieser Ergebnisse ist komplizierter, bringen mehr Fragen auf als Antworten.

Ich möchte die Gedanken von Ina Praetorius aufgreifen:

Statt die (Re-)Organisation des Ganzen weiterhin vom erwachsenen, in politikfernen Intimsphären gratis erzeugten und täglich wiederhergestellten (Mann-)”Menschen” aus zu entwerfen, sollten wir noch einmal von vorne darüber nachdenken, wer wir als Menschen eigentlich sind.

Woran liegt es, dass Frauen mit weniger Geld einverstanden sind?  Sicher nicht daran, dass sie wissen, schlechtere Ergebnisse zu erzielen. Bewerten sie ihre Leistungen vielleicht nach einem anderen Maßstab? Sind sie ehrlicher mit sich selbst? Kritischer? Und warum wollen Frauen die Leistungen eines Mannes höher entgelten lassen als die einer Frau? Steckt dahinter nicht auch das alte Modell, “der muss ja eine Familie ernähren”? Das mitnichten aus unseren Köpfen verschwunden ist? Wollen sie vielleicht diese Verantwortung nicht schultern, deswegen lieber weniger verdienen?


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Doktorspiele im Mutterleib

5. Juli 2010 von Helga

Warum erst an kleinen Babies im Intimbereich herumdoktoren, wenn man bereits während der Schwangerschaft eingreifen kann? So lässt sich die Intention zweier Forscher_innen beschreiben, die seit längerem Schwangeren Medikamente verabreichen, um deren Auswirkungen an Neugeborenen zu testen. Betroffen sind Embyros, bei denen das Adrenogenitale Syndrom (CAH) vermutet wird. Bei dieser genetisch bedingten Krankheit ist die Hormonbildung, vor allem von Kortisol, gestört. Darüberhinaus kann es bei Jungen zur frühzeitigen Pubertätsentwicklung kommen, während Mädchen „vermännlichte” äußere Geschlechtsorgane besitzen, also eine vergrößerte Klitoris. Frühzeitige Hormonersatztherapie ermöglicht den Betroffenen heutzutage allerdings ein beschwerdefreies Leben, auch wenn die Hormone lebenslang genommen werden müssen.

Um den Mädchen mit vergrößerter Klitoris nun die möglichen psychischen Probleme zu ersparen, sowie die Folgen späterer „Klitorisreduktionen”, wird werdenden Müttern schon während der Schwangerschaft das Medikament Dexamethasone verabreicht. Ein Steroid, das eigentlich bei Entzündungs- und Autoimmunkrankheiten eingesetzt wird. Es verhindert einige der Symptome von CAH, vor allem die Vermännlichung weiblicher Embryos. Die weiteren, teilweise lebensgefährlichen Hormonprobleme werden allerdings nicht beeinflußt und die lebenslangen Hormongaben nach der Geburt bleiben weiter nötig. Die einzige Studie, die sich bisher mit den möglichen Nebenwirkungen beschäftigt hat, fand dafür noch Anzeichen leichter geistiger Behinderungen. Mit nur 26 Teilnehmerinnen sind die Ergebnisse jedoch nur begrenzt aussagekräftig.

Trotzdem bekommen Schwangere das Mittel, wenn die Möglichkeit besteht, dass das Ungeborene an CAH leiden könnte. Dabei ist der frühzeitige Einsatz wichtig. Genetische Untersuchungen sind allerdings erst später möglich, so dass im Zweifel völlig gesunde Embryos unnötigen Steroidgaben ausgetzt werden, ebenso Jungen, bei denen diese pränatale Behandlung nicht sinnvoll ist.

Alice Dreger und Ellen K. Feder, die bereits die operativen Klitorisverkleinerungen an jungen Mädchen kritisierten, weisen abermals daraufhin, dass die meisten weiteren Studien und Untersuchungen nie von Institutional Review Boards (IRB) auf ihre ethischen Implikationen untersucht und die Eltern über mögliche Nebenwirkungen nicht aufgeklärt werden. Überhaupt: Dass Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsorganen psychische Probleme bekommen, ist nicht bewiesen. Stattdessen geht es eher um elterliche Ängste und ärztliche Normvorstellungen. Welche das genau sind verraten die Forscher_innen Maria New und Heino Meyer-Bahlburg in ihren Veröffentlichungstiteln. (weiterlesen …)


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Schnipp, schnapp, Klitoris ab

21. Juni 2010 von Helga

Gerade haben wir noch einmal auf die Kampagne von Terre des Femmes hingewiesen, die sich für bessere medizinische Versorgung beschnittener Frauen einsetzen. Dass Operationen im weiblichen Genitalbereich nicht nur in vermeintlich rückständigen Ländern vorgenommen werden, beweist eine Studie aus den USA. Dort publizierten Ärzt_innen die Ergebnisse ihrer Forschung von Klitorisreduktionen an kleinen Mädchen, dabei ist ein Detail gruseliger als das andere.

Bereits die Krankheit, die behandelt werden soll, ist umstritten. Bei der sogenannten Klitorishypertrophie ist die Klitoris „ungewöhnlich groß oder penisähnlich” – schon die Abgrenzung von normal und krankhaft ist nicht klar und liegt eher im Ermessen des Betrachters. In den meisten Fällen ist sie ein Symptom eines intersexuellen Syndroms. Physische Beeinträchtigungen aufgrund einer großen Klitoris sind allerdings sehr selten, als Grund für die Reduktion wird daher meist die mögliche psychische Beeinträchtigung der Mädchen während ihrer Entwicklung angeführt. Dabei überschätzen Eltern und Ärzt_innen aber die unter Kindern stattfindenden Doktorspiele, denn bisher gibt es keine Belege für derartige negative Folgen.

Wohl aber, dass die Operationen die Mädchen traumatisieren und selbst die neuen, „weniger invasiven und nervenerhaltenden” Methoden mehr zerstören als helfen. Wie bei Genitalverstümmelungen drohen regelmäßige Infekte, Inkontinenz und Probleme beim Sex. Ästhetik, Angst vor sozialer Ausgrenzung aufgrund gesellschaftlich-traditioneller Vorgaben und Beharren auf der Unbedenklichkeit der Prozedur – die Beweggründe sind ebenfalls die gleichen. Die Abgrenzung von guten Reduktionen und schlechter Verstümmelung beruht mehr auf wir versus die.

In der bereits 2007 erschienen aber nun erstmals kritisch beleuchteten Studie wurde dann ein noch höheres(!) Level an medizinischer Fragwürdigkeit erreicht. Darin beweisen die Forscher_innen die „Harmlosigkeit” einer neuen Reduktionstechnik, bei der die Spitze der Klitoris abgetrennt und nach der Reduktion des Schaftes wieder aufgenäht wird. Zur Überprüfung der Funktionsfähigkeit wurde den Mädchen anschließend mit Fingernägeln, Q-Tips und Minivibratoren an der Klitoris und dem weiteren Intimbereich herumgedrückt, um den Blutfluss und das „Gefühl” zu überprüfen. Ein Vorgang, der auch noch jährlich wiederholt werden soll. Mit dem Etikette „Forschung” werden auf einmal Vorgänge salonfähig, die ansonsten unter sexuellen Missbrauch fallen.

Als ob dies alles noch nicht schlimm genug wäre, fielen den Kritikerinnen Alice Dreger und Ellen K. Feder noch weitere Probleme auf: So klärte man die Eltern der Studienteilnehmerinnen vermutlich nicht über die möglichen negativen Folgen auf, sondern empfahl die Reduktionen entgegen aller Forschungsergebnisse als Mittel, die gesunde Entwicklung zu gewährleisten. Schließlich fehlte auch noch die Erlaubnis des Institutional Review Boards (IRB), das Forschungsprojekte auf ihre ethische Unbedenklichkeit abklopft. Ein Umstand der zumindest diese unglaubliche Studie erklärt. Darüber hinaus ein Anstoß, medizinische Praktiken stärker kritisch zu hinterfragen und die eigene Vorurteile zu überprüfen.


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Mythen aus der Frauenwelt

8. Januar 2010 von Thomas
Dieser Text ist Teil 14 von 27 der Serie Neues vom Quotenmann

Auf Guardian.co.uk ist vor ca. 2 Monaten ein etwas sonderbarer Artikel mit dem Titel „’Useless stay-at-home men’ a female myth“ (zu Deutsch: „‘Nutzlose Hausmänner‘ ein Frauenmythos“) erschienen. Es geht um die Anfang November 2009 veröffentlichte Studie ‘The Female Breadwinner: Phenomenological Experience and Gendered Identity in Work/Family Spaces’ der University of Missouri (durchgeführt in den USA von Dr. R. Meisenbach) über Familien bzw. Partnerschaften, in denen die Frauen den größten Teil des Einkommens verdienen.

Quotenmann

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Schon die Lektüre der ersten Zeilen lässt nichts Gutes ahnen:

If there is one thing on which many working mothers agree, it is that their partners do not pull their weight on the domestic front.
But research to be published this week reveals that men are being unfairly accused and working women are advancing the myth of the “useless man” so they can feel more feminine.

zu Deutsch: Wenn es eine Sache gibt, über die sich viele arbeitende Mütter einig sind, dann ist es die Tatsache, dass sich ihre Partner nicht ausreichend im Haushalt beteiligen. Allerdings enthüllt nun eine Studie, die in dieser Woche veröffentlicht wird, dass Männer zu Unrecht beschuldigt werden und arbeitende Frauen den Mythos des „Nutzlosen Mannes“ propagieren, um sich weiblicher fühlen  zu können.

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Die Eroberung der Wissenschaften

10. November 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 16 von 21 der Serie Freitagsgedanken

Feministische Forschung leistet einen wichtigen Beitrag zum interdisziplinären Fortschritt in der Wissenschaft. Dabei steht sie weiterhin zu Unrecht unter Beschuss.

(C) Frl. Zucker - fraeuleinzucker.blogspot.com/

„Feminismus und eine feministische oder geschlechterdemokratische Reflektion und Auseinandersetzung mit aktuellen politischen, gesellschaftlichen und auch wissenschaftlichen Themen ist per se ideologisch“. Das ist eine weit verbreitete und zunächst auch sehr logisch erscheinende Meinung. Feminismus und Wissenschaftlichkeit scheinen sich gegenseitig auszuschließen, denn eine fundamentale Forderung der Wissenschaft an jedes Individuum ist die von Max Weber vor über hundert Jahren verlangte Werturteilsfreiheit. Und Feministinnen – das sind doch die Meisterinnen der Werturteile, oder?

Keine Wissenschaft ist frei von Ideologie

Wer sich einerseits als FeministIn „outet“ und auch aus dieser Motivation heraus forscht, dem glaubt eine bestimmte Klientel die hervorgebrachten Ergebnisse nicht – seien sie auch noch so wissenschaftlich sauber. Die Gender Studies werden sogar in den Generalverdacht gestellt, nichts anderes zu sein, als ein Instrument des (in diesem Fall dann bösen) Feminismus um vermeintlichen Blödsinn als Wahrheit verkaufen zu können. Deshalb und sicherlich auch, weil sie ein noch relativ junger Forschungszweig sind, werden Gender Studies heute in den Medien wesentlich weniger rezipiert und besprochen, als die Ergebnisse aus Biologie, Wirtschaft und Psychologie. Man nimmt eben nicht so ernst, was dort geforscht wird, man beäugt es skeptisch und wenig wohlwollend.

Es ist schwer und schlechterdings unmöglich, diese Vorwürfe in einem einzigen Artikel zu entkräften und dafür gibt es zwei Gründe: 1. Bedarf es dazu einer genauen Betrachtung der einzelnen Studien und Arbeiten, sowie der darin angewandten Methoden. Denn nur eine genaue und detaillierte Betrachtung der verschiedenen Forschungsobjekte kann Aufschluss darüber bringen, wie werturteilsfrei der Aufbau der Arbeit eigentlich tatsächlich ist. 2. Ist keine Wissenschaft “frei” von Ideologie. Eine schwer verdauliche Aussage. Doch es menschelt in der Biologie genauso, wie in der Pyhsik, in den Gender Studies und letztendlich überall. Die Werturteilsfreiheit nach Weber ist und bleibt ein zumeist unerreichtes Ideal. Ein Blick in die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass kein Mensch völlig frei von Ideologien, Überzeugungen und Emotionen ist – auch nicht wenn er forscht. Wir sind schließlich keine Vulkanier. Gerade Soziologen, die sich nicht selten von naturwissenschaftlicher Seite angegriffen fühlen, weil sie vermeintlich weniger „harte Fakten“ hervorbrächten, kritisieren an den vermeintlich „eindeutigen“ Naturwissenschaften mangelnde Auseinandersetzung mit Wissenschaftstheorie und behaupten dagegen für sich, sich ihrer Fehlbarkeit wenigstens bewusst zu sein. (weiterlesen …)


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Oh (Hurrel)Mann! – Da kriesch Plack!

1. Oktober 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 18 von 42 der Serie Meine Meinung

Klaus Hurrelmann ist “Senior Professor of Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und hat unter anderem die Shell Jugendstudie 2006 und die World Vision Kinderstudie 2007 geleitet”. Klaus Hurrelmann lief auch mir schon in meinem Studium der Erziehungs- und Sozialwissenschaften so einige Mal über den Weg. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich sein wissenschaftliches Gesamtwerk achte und respektiere. Aber dieser Artikel, der mir bei Freitag.de ins Auge sprang, der hat es wirklich in sich: Panikmache und kleine Unwahrheiten verstecken sich zwischen wissenschaftlichen Analysen. So schreibt Hurrelmann in “Kompetenz, Kinder und Karriere”:

“Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.”

In Wahrheit sind Frauen in der Schule besser, seit sie genauso mitmachen, wie die Männer: Seit dreißig Jahren und länger. Dennoch wirkte sich das noch lange nicht auf ihre späteren beruflichen Chancen aus. Na klar: Durch die Ansozialisation vermeintlich “weiblicher” Eigenschaften in allen Sphären der Gesellschaft (eigene Herkunftsfamilie, Kindergarten, Schule) waren sie besser auf das eingestellt, was in sturen Schulstunden am besten bei Lehrern ankommt – wohingegen kleine Jungen eher dazu tendieren, dagegen zu rebellieren (und das vielleicht auch mit Recht!). Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn es darum geht, in einer Berufswelt zu bestehen, die aus Konkurrenz, Machtstreben und vielleicht auch ein gutes Portiönchen Rebellentum “Helden” schmiedet (mache ich sonst nicht, aber diese Mechanismen hat Susan Pinker so gut in ihrem “Geschlechterparadox” beschrieben, dass man es erwähnen sollte – wenngleich ich nicht mit ihr übereinstimme, was die Ursache dafür angeht). Aber hey – machen wir weiter mit Hurrelmanns Prophetie des Untergangs der Männer:

“Seit dem Start der vergleichenden Untersuchungen im Jahre 2000 haben Mädchen und junge Frauen ihre Position in der Lesekompetenz gehalten oder sogar weiter ausgebaut. In diesem Kompetenzbereich sind sie durch ihre hohen kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schon immer besser als die jungen Männer gewesen. Aber in der früheren Männerdomäne der naturwissenschaftlichen Fächer haben sie sich seit 2000 ebenfalls kontinuierlich verbessert und liegen heute über weite Strecken vor dem männlichen Geschlecht. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der jungen Männer die der jungen Frauen, wenn auch nur noch sehr knapp. Schreibt man die Tendenzen fort, ist bei der nächsten oder übernächsten Erhebung auch in diesem Bereich der Durchbruch der jungen Frauen denkbar.”

So weit – so richtig. Hurrelmann zeigt sich hier doch wieder von seiner wissenschaftlich-analytischen Seite. PISA zeigt uns tatsächlich, dass mit Bildungsgerechtigkeit in Abhängigkeit vom Geschlecht zum Nachteil der Jungen einiges schief läuft. Nicht nur PISA, auch andere Studien, wie die von Jürgen Budde (PDF, ca. 700 KB), die er im Jahr 2008 für das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstellt hat, legt nahe, dass etwas schief läuft, dass wir etwas ändern müssen. Budde bleibt aber nüchterner und schreibt trotz aller Sorge:

“Eine ausschließliche Orientierung auf leistungsschwache und verhaltensproblematische Schüler wiederholt den negativen Blick der aktuellen (medialen) Debatte und übersieht, dass es ebenso durchschnittliche und erfolgreiche Schüler gibt. Zwar liegt der Anteil der Risikoschüler mit 11,9% um 2,2 Prozentpunkte über dem der Mädchen – darunter überdurchschnittlich viele Jungen mit Migrationshintergrund und aus kapitalienarmen5 Familien. Allerdings finden sich auch bei den kompetenzstarken Schülern – dies wird häufig vergessen – mit 11,8% mehr Jungen als Mädchen (10,4%). Um dieses Dilemma zu minimieren, stellt die Expertise ebenfalls Erfolge und Stärken von Jungen im Bildungssystem dar.”

Zurück zu Hurrelmann – um dem auch endlich ein Ende zu machen: In meinen Augen erweist er ernsthaft an diesen Themen arbeitenden Menschen wie Jürgen Budde und Hannelore Faulstich-Wieland eine Bärendienst, die gerade in erziehungswissenschaftlichen Diskussionen viel intensiver besprochen werden, als öffentlich-medial, die sich dafür aber umso ernsthafter um eine Klärung der ungeklärten Fragen und eine Perspektive für die tatsächliche Lösung der bestehenden Probleme bemühen, wenn er leicht hysterisch anmutend schreibt:

“Bisher sieht es nicht so aus, als ob an irgendeiner Stelle in der Karriereleiter aktiver männlicher Widerstand gegen den Vormarsch der Frauen geleistet würde. Die meisten Männer in Führungspositionen und etablierten Berufsetagen haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht erkannt. Die jungen Männer im Bildungssystem sehen mit Irritation und teilweise mit Wut, wie die jungen Frauen in Schule, Hochschule und Berufsausbildung an ihnen vorbei ziehen. Solange sie nicht gegen ihre strukturellen Benachteiligungen aufbegehren und nur resigniert maulen, wird die nächste Runde im Geschlechterkampf an ihre weiblichen Mitbewerber gehen. Und es ist vielleicht die entscheidende.”

Na geil – endlich haben wir ihn wieder: Den Kampf der Geschlechter gegeneinander. Hat er uns nicht schon total gefehlt???

Und weil es besser ist, “die Guten” zu lesen, sei deswegen hier als Alternative zu Hurrelmanns Hysterie das wirklich wunderbare Buch Walter Hollsteins empfohlen, das ich gerade lese und dessen Titel schon wesentlich mehr verspricht: “Geschlechterdemokratie – Männer und Frauen: Besser miteinander leben” [Hervorhebung KR].


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