Einträge der Rubrik ‘Wissenschaft’


Mitgemeint an der Uni Leipzig

5. Juni 2013 von Charlott

Wenn Grundordnungen von Hochschulen geändert werden, schafft dieser Fakt selten Medieninteresse. Anders die aktuelle Änderung, die die Universtität Leipzig vornimmt. So berichtet Benjamin Haerdele bei der duz:

Rektorin, Dozentinnen, Wissenschaftlerinnen – da, wo früher in der Grundordnung der Universität Leipzig die sogenannte Schrägstrich-Variante genutzt wurde, also etwa Professor/Professorin, steht künftig ausschließlich die weibliche Personenbezeichnung. Eine Fußnote ergänzt, dass diese feminine Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

Durch die verschiedenen Unigremien ist diese Änderung bereits gewandert. Die Grundordnung wird mit größter Wahrscheinlichkeit so in Kraft treten (nur das Wissenschaftsministerium könnte noch eine Änderung fordern). Ausschlag für die Änderung waren übrigens (die oft gehörten) Beschwerden gewesen, dass die Schrägstrich-Form so schwer lesbar sei.

Auch Spiegel Online übernahm den Artikel, versah ihn aber mit  irreführender Überschrift (“Guten Tag, Herr Professorin”) und Teaser, so als sollte den antifeministischen Kommentatoren gleich genug Futter gegeben werden, ohne dass sie den ganzen Text lesen müssten. Das Nutzen einer rein maskulinen Form, das ist “Normalität”, die gern verteidigt wird. Doch wie Nadine schon zur letztjährigen #InWoche, einer Aktion zum “generischen Femininum”, schrieb:

Mit dem generischen Maskulinum kennen sich die meisten bestens aus. [...] Tatsächlich belegen Rezeptionsstudien, dass das generische Maskulinum kein neutrales und universales “menschen-bezeichnendes” Ding unserer Grammatik ist, sondern die vermeintlich harmlose Sprache mit kulturellen wie machtvollen Bedeutungen belegt ist. Wenn wir etwas lesen, haben wir also Bilder im Kopf. Wenn Personen in Texten angesprochen werden, dann haben wir diese vor Augen.

Die Realität von Sprache zeigt, dass mit dem generischen Maskulinum nicht alle Menschen angesprochen werden, auch wenn dies vorgegeben wird, sondern in erster Linie Männer. In einer sexistischen und androzentrischen Gesellschaft ist dies nicht verwunderlich, im Gegenteil: Normalität.

In einer solchen Gesellschaft kann das Umschreiben einer gesamten Hochschul-Grundordnung in die feminine Form für Irritation und somit Auseinandersetzung mit sexististischen Realitäten sorgen. Denn auch Formen wie “Studierende”, die mittlerweile an vielen Hochschulen gebräuchlich sind, werden vorwiegend als männlich gelesen – wie das so oft mit vermeintlich “neutralen” Formulierungen ist. Ein Allheilmittel gegen sexistische Strukturen an einer Universität ist diese Intervention aber natürlich ebenfalls nicht.

Auch das Umschreiben in eine allein weibliche Form produziert wieder Ausschlüsse, genauso wie das verdeutlichen von mitgemeinter Zweigenderung in der Fußnote (gemeint seien Männer und Frauen). Da wären Sprachinterventionen, die dies mitbedenken besonders wünschenswert. Für die Humboldt-Universität in Berlin hat Lann Hornscheidt einen Leitfaden “Geschlechtergerechte Sprache” geschrieben, der unterschiedliche Sprachformen aufzeigt und diskutiert. Und schon gleich zu Beginn heißt es da: “Der Leitfaden regt zu einem kreativen Umgang mit Sprache an!”


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Von Artamanen bis Zschäpe – Frauen in der rechten Szene

20. Mai 2013 von Charlott
Dieser Text ist Teil 1 von 5 der Serie Gender und Rechtsextremismus

Welche Bedeutung haben eigentlich Frauen in rechten Netzwerken? Wie bringen sie sich ein? Wie sind sie einzuschätzen?  Und aus welchen Gründen werden sie oftmals übersehen, werden ihre Taten kleingeredet? Was gibt es zu rechtem Gedankengut und Geschlecht zu sagen? Mit diesen Fragen, und sicher noch einigen mehr, wollen wir uns ab heute in einer neuen Artikelserie “Gender und Rechtsextremismus” auseinandersetzen. Für diese Reihe haben wir uns für den Begriff Rechtsextremismus entschieden, um ein Einstellungsmuster zu bezeichnen, wie es hier bei “Netz gegen Nazis” beschrieben wird. Als anderer und oft synonym verstandener Begriff wird im allgemeinen auch “Rechtsradikalismus” genutzt, der unserer Meinung nach jedoch verkürzt ist. Nach besseren Begriffsalternativen wird noch gesucht. Kritisch anzumerken bleibt, dass “Rechtsextremismus” ein Begriff der Extremismustheorie ist, die unseren politischen Anliegen entgegenläuft und rechtes Gedankengut als “Randproblem”, das mit linker Politik und linken Utopien gleichgesetzt werden könne, strategisch verharmlost.

Seit dem 06. Mai läuft nun der sogenannte “NSU-Prozess” gegen Beate Zschäpe sowie André E., Holger G., Carsten S. und Ralf Wohlleben. (Zu den UnterstützerInnen hat die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung Informationen zusammengetragen.) Mit dem Beginn des Prozesses ging selbstredend auch die Berichterstattung weiter, die Beate Zschäpe vor allem hinsichtlich ihres Aussehens kommentierte (“Ihr langes Haar glänzt. Vermutlich war sie noch gestern beim Gefängnisfriseur.” FOCUS) oder sie als “Nazi-Braut” bezeichnete (BILD).

Zwei Beispiele von vielen die zeigen, dass die mediale Wahrnehmung von rechten Frauen immernoch bestimmt ist durch klare sexistische Stereotype. Dabei ist die Forschung zu dieser Thematik seit Jahren weiter. So antwortet auch “Anna” vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus im Buch “Fantifa. Feministische Perspektiven auf anti-faschistische Politik” auf die Frage, ob sich denn in den letzten zwanzig Jahren die Wahrnehmung rechter Frauen geändert hätte:

Da würde ich unterscheiden: In den Kreisen, die Recherchearbeit machen, Forschung betreiben und publizieren zum Thema extreme Rechte, hat sich einiges getan. Hier werden Frauen- bzw. Geschlechterthemen überhaupt inzwischen deutlich häufiger berücksichtigt, so mein Eindruck. [...]
In der allgemeinen Öffentlichkeit allerdings ist das Bild häufig noch das der Frau als Mitläuferin, wenn überhaupt. Oftmals auch in sexualisierter Weise: Sie ist nur als “Freundin von…” vorstellbar. Das wurde recht gut sichtbar, als im November 2011 die Taten und das Kernpersonal der so genannten Zwickauer Terrorzelle des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) bekannt wurden. [...] Obwohl anfangs nichts klar war über die Beteiligung der einzelnen Mitglieder an der Mordserie des NSU, bezeichneten diverse Medien die Frau sofort als “Nazi-Braut” und “Betthäschen” der Mörder-Nazis.

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Geschlecht im Recht – zum 39. Feministischen Juristinnentag in Berlin

17. Mai 2013 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 11 von 15 der Serie Feminismus im Recht

Die heutige “Feminismus im Recht”-Kolumne wird nicht von Maria beigesteuert, sondern von Kollegin Dr. Anja Schmidt, die am Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie der Uni Leipzig arbeitet. Sie hat für uns netterweise einen Erfahrungsbericht zum Feministischen Juristinnentag verfasst.

Der 39. Feministische Juristinnentag (FJT) fand vom 3. bis zum 5. Mai in Berlin in Berlin statt. Besonders habe ich mich über die offene und konstruktive Atmosphäre gefreut, in der unterschiedliche feministische Positionen und geschlechterkritische Perspektiven Raum hatten.

Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. Laura Adamietz von der Uni Bremen. Sie ließ die Rechtsprechung des Bundesverfassungsrechts zu den Rechten von Trans*-Personen Revue passieren, kritisch und unter Beleuchtung der Fortschritte, die sie für die Anerkennung des wirklichen Geschlechts dieser Menschen gebracht hat. Dass es im Bundestag bis zur im Herbst anstehenden Wahl wahrscheinlich nicht mehr gelingen wird, das eigentlich nur noch als Torso geltende “Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen. Transsexuellengesetz” an die verfassungsrechtlichen Vorgaben anzupassen oder es besser neu zu ordnen, ist mehr als beschämend, zumal hierzu bereits seit der vorigen, 16. Wahlperiode verschiedene Gesetzesentwürfe eingebracht wurden.

Die nachfolgenden AG und Foren spiegelten die Bandbreite juristisch-feministischer Themen wieder, unter anderem ging es um Gewalt gegen Migrant_innen, die Strafverfolgung bei sexualisierter Gewalt, die Reform des Sorgerechts nicht miteinander verheirateter Eltern und die Rechtslage von intersexuellen Menschen. Ich besuchte die AG “Selbstbestimmungsrecht im Personenstandsgesetz? Ein Diskurs in INTER*-Realitäten”, geleitet von der Juristin Juana Remus (Uni Bremen) und von Lucie Veith, der zwangstransexualisiert wurde und der 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen ist.

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Wie Schule Geschlecht re_produziert

18. Februar 2013 von Charlott

Die vorherrschende gesellschaftliche Vorstellung von Geschlecht wird jeden Tag auf die unterschiedlichsten Weise entworfen und verfestigt. Ein Ort an dem Ideen von Geschlecht im wahrsten Sinne des Wortes gelehrt werden ist die Schule. Dabei geht es nicht nur um das konkrete Erlernen von (vermeintlich objektiven) biologischen Wissen, welches unter anderem die Idee davon, dass es genau zwei Geschlechter gibt (Zweigenderung), die sich auf einander beziehen (Heterosexualität), verfestigt. Es geht auch darum, wie Kinder immer wieder in bestimmte Muster gepackt werden, zum Beispiel beim nach Mädchen und Jungen getrennten Sportunterricht oder durch die Zuschreibung bestimmter Fähigkeiten. Es geht um das “versteckte” Wissen, welches Schulbücher mittransportieren. Und um viele andere Fragen.

Von Oktober bis Dezember 2012 fand an der Universität Leipzig eine Vortragsreihe mit dem Titel Sexing School statt, in der verschiedene Aspekte von Geschlecht und Schule präsentiert und diskutiert wurden. Die Idee hinter der Reihe wurde wie folgt beschrieben:

Ziel der Vortragsreihe ist es, ausgehend von einer allgemeinen Standortbestimmung der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung und deren aktuellen Perspektiven, die Schule als Institution in den Blick zu nehmen und die Frage nach (Re-)Produktionsweisen der hegemonialen Geschlechterordnung im schulischen Kontext zu stellen.

Das tolle: Alle, die nicht dabei sein konnten (oder die die Vorträge noch einmal nachhören wollen), haben jetzt die Chance alle Vortäge als Videos anzuschauen oder als Audiodatei anzuhören. Videos und Audio sind auch jeweils herunterladbar.  Alle Datein, Beschreibungen zu den Vorträgen und Vorstellungen der Wissenschaftler_innen finden sich auf der Seite des Projekts: Sexing School.


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#Aufschrei aus der Wissenschaft: Sexismus existiert!

14. Februar 2013 von Nadine

Wissenschaftler_innen der Uni Bielefeld haben sich in die “Sexismus-Debatte”, die durch #aufschrei massenmedienwirksam initiiert wurde, eingeschaltet und stellen fest, dass bisher kaum Fakten aus Studien in den massenmedialen Diskurs einfließen. Das verwundert nicht, wird doch, wenn Machtverhältnisse und Diskriminierungen thematisiert werden, immer wieder versucht “das Problem” kleinzureden und als Einzelfall abzutun. Nicht als systematisch und einer Gesellschaft inhärent zu behandeln. Sexismus (und andere Machtverhältnisse) zu kritisieren, ist schwer, da Machtverhältnisse in ihren Artikulations- und Realisierungsformen darauf ausgerichtet sind, möglichst “unsichtbar” zu bleiben. Sie sind normalisiert. Auch Erkenntnisse, die in der Akademie generiert werden, um Machtverhältnisse zu kritisieren, sind darauf angewiesen breit rezipiert und anerkannt zu werden. Nicht nur das. Neben der Anerkennung benötigt es Schlussfolgerungen und Forderungen, die in der politischen Praxis dazu führen, Machtverhältnisse nicht nur zu thematisieren, sondern auch auf Veränderungen hinzuwirken und Interventionen zu ermöglichen.

So lesen sich die zitierten Fakten aus der Uni Bielefeld für viele Queer_Feminist_innen, die seit Jahren Sexismus kritisieren, erstmal nicht weiter überraschend:

Tatsächlich sind Frauen weit häufiger das Ziel sexueller Belästigung: Etwa 30 bis 50% der berufstätigen Frauen und demgegenüber etwa 10% der berufstätigen Männer sind von sexueller Belästigung betroffen (European Commission, 1998). Ergebnisse aus einer repräsentativen Umfrage in der Deutsch- und Westschweiz (Strub & Schär Moser, 2008) zeigen, dass sich diese Zahlen in den letzten 10 Jahren kaum verändert haben: 28% der befragten Frauen und 10% der Männer erlebten in ihrem bisherigen Arbeitsleben sexuelle Belästigung. Dabei zeigte sich auch, dass für Frauen drei Viertel der belästigenden Situationen von Männern ausgehen, meist von einzelnen Männern, auch von Gruppen von Männern oder gemischten Gruppen (Männer und Frauen), selten jedoch von Frauen allein. Für Männer geht ungefähr die Hälfte der sexuell belästigenden Situationen ebenfalls von Männern aus (einzeln oder in Gruppen), nur ein Viertel von Frauen und ein Viertel von gemischten Gruppen. Konstellationen, in denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind, sind damit natürlich ernst zu nehmen, aber vergleichsweise selten. In den weitaus häufigsten Fällen sexueller Belästigung sind die Opfer Frauen und die Täter Männer.

[...]

Sexuelle Belästigung kann (…) auch nicht darauf zurückgeführt werden, dass Frauen überempfindlich seien und Männer eigentlich in guter Absicht handelten. Vielmehr stimmen Männer und Frauen weitestgehend überein, wenn es um die (Un-)Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen geht. Männer, die sich trotzdem unangemessen verhalten, tun dies aus Rücksichtslosigkeit oder Feindseligkeit – in jedem Fall aber tun sie es in aller Regel wissentlich.

Trotzdem warten die Wissenschaftler_innen im Kontext der aktuellen Diskussion mit Gegenargumenten auf, die Betroffene unterstützen und sensibilisieren können, bestimmte Derailing-Strategien, Mythen und Täter-Opfer-Umkehrungen zu erkennen und diesen (zumindest verbal) entgegen zu treten. Journalist_innen sollten sich solche Zwischenrufe aus der Wissenschaft ausdrucken und ihren Ordner “Kritische Berichterstattung” heften, soweit vorhanden (lesen und einprägen nicht vergessen!). Vielleicht ergeben sich daraus auch ein paar Expert_inneninterviews und Gegenartikel, die nicht immer wieder Diskriminierungen reproduzieren und den Status Quo rechtfertigen.

Kritisiert wurde an dieser Form der Studien, wie sie die Uni Bielefeld zum Teil zitiert, dass von Sexismus betroffene Menschen (in diesem Fall Frauen) in Versuchen Diskriminierungen ausgesetzt wurden, um Erkenntnisse zu generieren. Es ist überhaupt traurig und macht wütend, dass Betroffene Erlebnisse aus dem eigenen Alltag erneut durchleben müssen, damit der merkbefreiten Mehrheit, die Sexismus verharmlost oder leugnet, überhaupt etwas an Wissen präsentiert werden kann, das sie (wenn überhaupt) anerkennen. Die vergangenen Jahrhunderte Feminismus reichen dazu wohl leider nicht.

Wer sich weiter mit Studien zum sexistischen Normalzustand informieren möchte, dem_der sei der ausführliche Artikel von Helga bei Femgeeks empfohlen oder die umfangreiche Studie zu Gewalt- und (Mehrfach)diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans* in Deutschland, die LesMigraS durchgeführt hat.


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Rele…was? – Die Mär der objektiven Berichterstattung

5. November 2012 von Charlott

Anlässlich der Flüchtlingsproteste und dem langen Schweigen der Mainstream-Medien hat Helga auf ihrem Blog drop the thought einen interessanten Eintrag verfasst. Als Antwort auf Dominik Rzepka vom ZDF, der etwas von bisher nicht erwiesener Relevanz geschrieben hatte, bemerkt sie:

Dafür [statt Berichten zu den tagesaktuellen Protesten] gab’s bis eben auf der Startseite unter „Netzkultur“ noch den Link auf eine „Ode an die E-Mail“. Relevanz, Betroffenheit oder Prominenz? Ich weiß es nicht. Am Ende wird klar: Wer nicht weiß, deutsch, männlich und cisgender ist, über den (oder die) wird nur bei besonders relevanten Dingen berichtet. Und das nicht mal kompetent. Von Journalisten, die bis heute im Vergleich zum Bevölkerungsschnitt erwiesenermaßen überdurchschnittlich weiß, deutsch und männlich sind. Ich nenne es die Relevanzblase.

An diese beschriebene Relevanzblase musste ich auch denken als ich das Buch “Ungleich mächtig. Das Gendering von Führungspersonen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in der Medienkommunikation” (herausgegeben von Margreth Lünenborg und Jutta Röser) las. Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine spannende Studie, in der die deutsche Berichterstattung mit unterschiedlichsten Methoden intensiv analysiert wurde.

Neben Analysen von Texten und Bildern wurden auch Journalist_innen zu ihrem Arbeiten befragt. Die meisten waren sich einig, dass sie eigentlich “nur” versuchen die Gesellschaft adäquat zu spiegeln. So wurde beispielsweise die Schuld dafür, dass so wenig über Politikerinnen berichtet wird damit begründet, dass “die Politik” es eben bis heute versäumt viele Politikerinnen hervor- und in wichtige Positionen zu bringen.

Nun ja. Wie erklärt sich dann aber folgendes Ergebniss der Studie: Die Wissenschaftlerinnen haben eine Aufstellung nach Häufigkeit der Nennung aller Minister_innen im Jahr 2008 (Untersuchungszeitraum waren 6 Monate) gemacht. Angela Merkel  führt diese Liste als Kanzlerin an. Und dann? Weiter nach Relevanz? Es scheint nicht wirklich so. Es folgen zu erst alle Minister und dann am Ende alle Ministerinnen. (Einzig der damalige Verteidigungsminister Jung rutschte hinter die Justizministerin Zypris.) Die Autorinnen schreiben:

[...] die klare Sortierung nach Geschlecht weckt Zweifel, dass die fachlichen Gründe diese Rangfolge verursachen. Es gibt zur Rechtfertigung solcher Hierarchien das Argument, es liegte am größeren Gewicht einzelner Fachressorts, die deshalb verstärkt in den Medien berücksichtigt würden, und es sei Zufall, wenn ein Mann davon profitiere. [...] Dieses Argument kann angesichts der systematischen Sortierung – Männer oben, Frauen unten – nur schwerlich überzeugen. [...] Zu bedenken ist sicherlich, dass einige der Minister zusätzlich herausgehobene Funktionen in ihren Parteien bekleiden, die für weitere Medienbeachtung sorgen. Wenn allerdings ein Verkehrsminister ohne derartige Funktionen vor sämtlichen Ministerinnen platziert ist, kann auch dieser Aspekt die Rangfolge nicht zufriedenstellend erklären.

Mit Helgas Worten ausgedrückt: Hier hat wohl auch die Relevanzblase “weiß, deutsch, männlich, cisgender” zugeschlagen. Die Wissenschaftlerinnen sprechen in diesem konkreten Fall von einem “Nachrichtenfaktor ‘Geschlecht’”, welcher dazu führt, dass männliche Akteure bevorzugt werden.

Daran wird sich wohl auch nichts ändern, solange Journalist_innen glauben, sie würden objektiv Bericht erstatten (können) und dabei ganz außer Acht lassen aus welcher Position heraus sie Themen/ Wichtigkeit wahrnehmen und nach Relevanz bewerten, und so lange sie annehmen, dass es so etwas wie “objektive Relevanzkritierien” überhaupt gibt. Wenn dann diese Entscheidungen noch in meist relativ homogenen Redaktionen (wie Helga ja auch schrieb) getroffen werden… Denn so stellte ein Redakteur der Zeit fest, dass es doch oftmals die Journalistinnen sind, denen häufiger auffällt, wenn bei der Themenplanung mal wieder keine Frau vorkommt. (Um andere Kategorien (wie beispielsweise race und Klasse, sowie deren Koppelungen) ist es in den deutschsprachigen Redaktionen mit Sicherheit noch schlechter gestellt.) Doch natürlich reicht es auch nicht ausschließlich Personen anderer Gesellschaftsgruppen in die Redaktionen zu bekommen, wenn sich an weiteren Strukturen und Debatten nichts ändert.


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FernUni Hagen startet neues Portal “Recht und Gender”

25. Oktober 2012 von Maria
Dieser Text ist Teil 8 von 15 der Serie Feminismus im Recht

Die FernUni Hagen startete am Freitag das Portal “Recht und Gender” mit einer Reihe von Interviews mit Expertinnen und Experten zu Gleichstellung und Gleichberechtigung. Neben den Videointerviews finden sich weitere Materialien zu den einzelnen Themen. Dabei werden so spannende Fragen behandelt wie “Autonomie der Frau in der Rechtsphilosophie”, “Geschlechtergerechte Rentenreform”, die “Auswirkungen transnationaler Frauenbewegungen auf lokale Rechtsordnungen” oder Besteuerung von Familien. Außerdem gibt es ein Portrait der Verfassungsrichterin Prof. Dr. Susanne Baer.

Das Portal bietet viele interessante Informationen aus ganz unterschiedlichen Themenbereichen von Recht und Gender und wird hoffentlich viel genutzt und weiter fortgeführt. Es ist entstanden in Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt, welches an der FernUni gerade die Karrierepfade und –bedingungen von Juraprofessorinnen erforscht.


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Intersexuelle Menschen sichtbar machen und schützen

11. September 2012 von Gastautor_in

Leo studiert „Nonprofit-Management und Public Governance“ und interessiert sich für Gender- und Queerthemen. Er_Sie hat einer Veranstaltung über Intersexualität gelauscht.

Die SPD-Bundestagsfraktion veranstaltete am 4. September 2012 eine Podiums­dis­kussion zum Thema „Inter­sexuelle Menschen an­er­kennen. Selbst­be­stimmung im Identitäts­geschlecht“ in der Berliner Zwölf-Apostel-Kirche.

Mechthild Rawert, MdB (SPD) sagte zu Beginn: „Wir wollen alle Menschen sichtbar machen.“ Mut in der Debatte machte das Referat der argentinischen Botschaft über deren neue Gendergesetzgebung. Zum Schluss fasste Rawert zusammen: „Wir sind gegen kosmetische Operationen im Kindesalter. Wir wollen ein Ende der Dis­kri­mi­nierung und brauchen Unterstützungsangebote für Eltern und intersexuelle Menschen. “

Vor der Diskussion hatten die SPD-Fraktion und die Zwölf-Apostel-Gemeinde dort zum Vespergebet geladen. Die Predigt hielt Bruder Franziskus vom evangelisch-hochkirchlichen Rogatekloster. Er kritisierte, die Kirche habe bisher nicht genug für intersexuelle Menschen getan. Er bat Gott, alle Leben gleichsam zu schützen. Gott sei mit den Minderheiten. Amen. Wenn’s denn hilft.

Simon Zobel vom Verein Intersexueller Menschen und Amnesty International fragte ihn, wenn Gott mit den Minderheiten sei, wer die Mehrheiten seien. Und antwortete selbst: Es sind die Konstrukte Mann und Frau. Zobel kritisierte, viele intersexuelle Menschen würden nicht erfasst im „Raster von Fehlbildungen und Abweichungen“. (weiterlesen …)


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Theorie in der Praxis – Interventionen in diskriminierende Sprachhandlungen

24. Juli 2012 von Nadine

Sprache schafft Welt, stützt Strukturen, re_produziert diese und macht unsichtbar, schließt aus und übt Gewalt aus. Jede Diskriminierung durch Sprache ist ein Marker dafür, wer in der Lage ist, diese Diskriminierung auszuüben, wer davon betroffen ist und wer keine Worte für eine angemessene Reaktion hat. Sprache und wer sie wie benutzt gibt Auskunft über gesellschaftliche Machtverhältnisse und machtvolle Diskurse. Das Buch „Feminismus schreiben lernen“ vom Arbeitskreis Feministische Sprachpraxis versucht auf dieser Grundlage sprachliche Ansätze zu entwickeln, die eine Grundlage für Interventionen in diskriminierende Sprachhandlungen bieten und hat spannende dekonstruktivistische Ansätze der Gesellschaftsanalyse im Gepäck. Vor allem Sexismus wird als Strukturkategorie neu ausgeleuchtet und aus­differenziert, so dass verschiedenste soziale Positionierungen, die durch Sexis­mus hervorgebracht werden sicht- und sprechbar gemacht werden.

„Feminismus schreiben lernen“ und die intensive Auseinandersetzung mit den In­halten durch Student_innen waren das Fundament für mehrere kreative Inter­ven­tions­projekte, die mittlerweile auch online zu bewundern sind. Nachfolgend stellen wir einige davon vor.

in_frage_stellen: Wie der Name bereits anklingen lässt, fokussiert sich dieses Pro­jekt auf das Stellen von Fragen. Fragen die zum Denken anregen, die intervenieren, die Strukturen sichtbar machen, die Fassungs­losigkeit_en sprechbar machen wollen. Fragen, die „in_frage_stellen“. Das Projekt verfügt über ein Glossar, das regelmäßig erweitert wird und eine ausführliche Sexismus-Definition, um mög­lichst vielen diese Form des Widerstandes und der Kritik zugänglich zu machen. Par­ti­zi­pa­tion in Form von Kommentaren, Kritik und Anregungen, Gedichten, Bildern, Fragen ist ausdrücklich erwünscht und wird mit Freude erwartet.

tuRbulente w_ORte: Dieses Projekt versammelt Gedichte und gesprochene Versatz­stücke, die sich unter anderem kritisch mit Migratisierungsprozessen aus­ein­an­der­setzen. Wie werden Menschen als „Migrant_innen“ vor- und hergestellt, zu „Migrant_innen“ gemacht? Wie schreibt sich diskriminierende Sprache in das Selbst und in die Strukturen, von denen wir umgeben sind, ein? Was haben Akzente, Dialekte und rollende Rs damit zu tun?

Who is missing and why?: Die Student_innen sind der Frage nachgegangen, welches Bild von Wissenschaft und Wissenschaftler_innen durch die Ausstellung von Skulpturen und Portraits im und um das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin herum hergestellt wird. Sie haben Recherchen zu 93 repräsentierten Personen durchgeführt, die Ergebnisse in einer Broschüre veröffentlicht, die auch auf der Webseite heruntergeladen werden kann. Zu 9 Personen (u.a. Alexander von Humboldt und Otto Hahn) fertigten sie Kärtchen an und klebten sie neben die offiziellen Darstellungen oder auf die Skulpturen, legten Flyer und Broschüren aus. Nach nicht mal 48 Stunden waren alle Kärtchen verschwunden und die Broschüren lagen im Müll. Die Uni-Leitung ließ die Interventionen entfernen und verwischte die Spuren ihrer eigenen Normierungen, Ausschlüsse und Weglassungen. Sehr bezeichnend.

Sprache und Diskriminierung: Als Interventionsform hat sich dieses Projekt zum Ziel gesetzt, Textauszüge aus verschiedenen, wissenschaftlichen Texten auf sprachliche Diskriminierungsformen und auf Realisierungsformen von Sexismus zu untersuchen und auf diese aufmerksam zu machen. Ebenfalls sollen Alternativen zu diesen diskriminierenden Sprachhandlungen vorgestellt werden.

Alltagsalternativen: Die Student_innen hatten es satt ständig mit sexistischen Sprüchen konfrontiert zu werden und haben sich schlagfertige Antworten überlegt. Diese können bereits im entsprechenden Format für Sticker und Flyer auf der Seite heruntergeladen werden und sind somit perfekt zum Weiterverteilen und Intervenieren im Alltag geeignet.


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Worum geht’s bei feministischer Wissenschaftskritik?

19. Juli 2012 von Helga

Anders als etwa in den Sozialwissenschaften hat Feminismus nur wenig Einzug in die Naturwissenschaften gehalten. Dabei ruft feministische Wissenschaftskritik eigentlich nur in Erinnerung, was jede_r Wissenschaftler_in bedenken sollte: Dass ihre Interpretation von Daten hakt oder es bereits in der These grundlegende Fehl­annahmen gibt. So erklärte die Biochemikerin Margarete Maurer im Interview mit science.orf.at,

[…] dass feministische Kritik eine Art notwendiges Tool, ein Hand­werks­zeug darstellt, um bei jedem Forschungsprojekt nochmals eine Qua­li­täts­kon­trolle durchzuführen. Spätestens bei den Ergebnis­inter­pre­tationen sollte also z.B. gefragt werden, ob sich andro­zen­trisch geprägte ge­schlechts­spezifische Einflüsse oder kulturelle Muster eingeschlichen haben könnten. Diese sind dann zu korrigieren.

Ein sehr schönes Beispiel für androzentrisch geprägte Forschung, die bei einer kritischen Prüfung nicht stand hält, ist die aktuelle Diskussion um das Bateman-Prinzip. Nach diesem Prinzip, dass die meisten aus der Schule kennen werden, nach der Männchen stets um die Aufmerksamkeit der Weibchen buhlen, während diese aus übertriebene Zeichen von Männlichkeit achten – warum etwa der Pfau seine Fiedern hätte. Nun haben Forscher_innen die ursprüngliche Studie von Bateman wiederholt und einen fundamentalen Fehler gefunden, berichtet Wired.

Bateman hatte Fruchtfliegen mit jeweils einem sichtbaren Nachteil (kleiner Kopf, geschrumpften Flügeln…) gezüchtet und bestimmte anhand dieser Merkmale, welche Fliegen sich vermehrten. Allerdings zählte er nur die überlebenden Tiere. In der Wiederholung aber zählten die Forscher_innen auch, wieviele Fliegen vor dem Erreichen des Erwachsenenalters starben. Danach liess sich die Behauptung der promisken Männchen und wählerischen Weibchen nicht mehr halten, denn Bateman hatte die Zahl der sich mehrfach paarenden Tiere unterschätzt, die der jung­fräu­lichen Fliegen überschätzt und zu wenige Weibchen als Mütter gezählt.

Tatsächlich gibt es seit vielen Jahren noch weitere Kritik am Bateman-Prinzip – dass es „das Prinzip“ hinter der Fortpflanzung beschreibt, ist wissenschaftlich nicht zu halten. Denn auch für Weibchen können mehrere Partner sinnvoll sein und für Männchen ist es nicht unbedingt sinnvoll, einfach nur ihr Erbgut zu verteilen. Dennoch hat das Prinzip unser Verständnis von Fortpflanzung geprägt, es dient immer wieder als Erklärung für vermeintlich „natürliches“ Verhalten von Menschen und hat lange Forscher_innen davon abgehalten, unerwartete Ergebnisse ernst zu nehmen.


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