Einträge der Rubrik ‘Uncategorized’


Der Herr zahlt

1. September 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 9 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Liebe Leserinnen, liebe Leser, da ich derzeit sehr viel arbeite, muss die Kolumne heute ein wenig kürzer ausfallen.

Ich dachte, ich erzähle Euch mal von einem Erlebnis, das ich neulich hatte und das irgendwie auch einer der Gründe ist, warum ich viel arbeiten gehe…

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Es war so:
Ich hatte das Projekt „neue Schuhe“ mal wieder in Angriff genommen. Da die Auswahl an Schuhen ohne rosa Glitzer ja recht begrenzt gewesen war, fand mich nun doch im Adidas-Store wieder. Und nach einer Weile anprobieren, Sohlen einlegen und hin und her, hatte ich mich entschieden. Nachdem der nette Verkäufer meine alten Treter in der neuen Kiste verstaut hatte („ich behalte die neuen gleich an“), fragte er folgendes: „Und jetzt, ist es wie üblich? Sie tragen, der Herr zahlt?“ Ich war einigermaßen sprachlos, hatte mich aber so weit im Griff um „nein, danke, ich zahle meine Schuhe selbst“ zu antworten. Der Verkäufer grinste weiter vor sich hin, in seinen Augen hatte er wohl einen sehr guten Witz gemacht.

Im Nachhinein habe ich mich total geärgert. Darüber nicht schlagfertiger gewesen zu sein, aber noch mehr natürlich über diesen dummen Spruch. Ich gehe los um ein paar Turnschuhe zu kaufen, ich habe bestimmt keinen Sugar-Daddy an meiner Seite und werde so etwas gefragt???

Meine Kollegin, der ich am nächsten Tag davon erzählte, konnte meinen Ärger zwar verstehen, meinte aber auch: „Na, überleg doch mal, letztendlich hat der wahrscheinlich nur das geschildert, was er dort täglich erlebt…“

Hat sie recht? Sind Frauen die ihre Schuhe oder vielleicht auch die DVD-Box ihrer Lieblingsserie selber zahlen wirklich so selten? Und warum? Wegen Sugar-Daddy, wegen wirtschaftlicher (ungewollter) Abhängigkeit vom Mann (die Theorie meiner Kollegin), wegen … ?

Was sagt Ihr?


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In a Barbie world?!

4. August 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 7 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Neulich habe ich beschlossen, dass ich mich mehr bewegen muss. Man wird ja nicht jünger und mein Rücken zeigt mir leider inzwischen sehr deutlich, wann mal wieder ein wenig Gehopse und „Step Touch“ angesagt sind. Doch zwischen mir und der vermehrten Bewegung stand ein Stück Stoff: Meine alten Jazzpants (Nein, nicht die Unterwäsche. Die Turnhose.). Diese sind leider inzwischen doch sehr in die Jahre gekommen, die Nähte gehen auf und lassen sich nicht richtig flicken. So konnte ich mich nicht sehen lassen, es musste etwas neues her.

Ich steuerte also einen großen Karstadt Sport an und warf mich ins Getümmel. Die Frauensportecke war schnell gefunden, es leuchtete schon von weitem weiß, rosé und blö. Naja, würde noch was anderes geben.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Nein, gab es nicht. Frauen scheint es nicht erlaubt zu sein, in dunklen Farben Sport zu treiben. Zumindest, wenn man keine 80 Euro für ein popliges Oberteil übrig hat, sondern auf die Hausmarken angewiesen ist. “Ich komme mir vor, als wäre ich in eine bebe-Werbung geraten”, so mein Freund mit staunenden Augen. Frustriert verließ ich den Laden. Immerhin konnte ich in einem anderen Geschäft noch eine schwarze Hose erstehen, entschied mich aber auch dort gegen ein Oberteil in Pastelltönen.

Ich war sauer. Auch deswegen, weil ich das gleiche Spiel ein paar Wochen vorher mit Turnschuhen gehabt hatte. Denn nicht nur kleine Mädchen, auch Frauen tragen wohl nur noch weiße Turnschuhe mit Glitzersteinchen, weiße Turnschuhe ohne was oder weiße Turnschuhe mit rosa Applikationen. Wenn es mal einen schwarzen Schuh gab (wenn!), so wurde diese wohl zu unweibliche Farbe mit – genau! – rosa Glitzersteinchen wieder aufgehübscht.

Ich möchte niemanden persönlich angreifen, aber ich bin definitiv keine Glitzersteinchenfrau. Auch irgendwelcher Kram mit rosa passt eher nicht zu mir. Wenn ich mich weiblicher fühlen will, dann trage ich keine rosa Turnschuhe, sondern (schwarze) Schuhe mit Absatz. Es ist nicht nur so, dass mir diese Farben nicht gefallen, ich weiß auch, dass sie bestimmt nicht gut aussehen an mir. Ich habe schon einen Friseursalon unverichteter Dinge wieder verlassen, weil die Dame dort der Meinung war, ein paar “goldene Strähnchen” würden mir bestimmt total gut stehen. Ich war mir sicher, sie würden es nicht.

Ich fand rosa mal gut. Da war ich sechs und mein ganzer Stolz war mein rosa Amigo-Ranzen. Allerdings hat sich in den über zwei Jahrzehnten seit dem einiges getan. Ich bin gewachsen. Ich trage meine Bücher nicht mehr auf dem Rücken, sondern in einer meiner zahlreichen Umhängetaschen herum. Diese sehen alle recht verschieden aus, aber sie haben eines gemeinsam: Sie sind nicht rosa! Denn auch mein Farbgeschmack hat sich geändert. Wobei ich sagen muss, dass ich mich auch nicht erinnern kann, als Kind babyblau oder weiß gut gefunden zu haben.

Ich wüsste gerne, wer Schuld an dieser Misere ist. Klar, die Pastellsachen gab es immer. Aber seit wann gibt es ausschließlich sie? Haben sich das Frauen gewünscht? Und sind diese Frauen die gleichen wie die, die sich goldene Strähnen in die Haare machen? Die, die bei H&M die ganzen Strings und Push-Up-BHs kaufen? (Auch so unerträgliche Moden, denen ich mich strikt verweigert habe. Und nein, ich glaube einfach nicht, dass ein Faden Zahnseide in der Poritze bequem ist!)

Ist das irgendeine Rückbesinnung auf Weiblichkeit in wirtschaftlich schweren Zeiten (in denen ja bekanntermaßen auch mehr Lippenstift verkauft wird)? Und wo kaufen all die anderen ihre Sportkleidung, ihre Schuhe und Shirts? Ich habe mich mit vielem abgefunden. Ich ertrage Hüfthosen und an diese langen, vorne schmalen Schuhe habe ich mich auch gewöhnt. Aber muss ich mich wirklich in ein pastellfarbenes Schicksal fügen?

Ich sage nein und ziehe einfach ein altes Shirt meines Freundes zum Sport an.


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Jetzt isses raus!

21. Juli 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 6 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Ich muss euch etwas sagen. Etwas, das sich für eine Feministin, vor allem eine junge Feministin in Deutschland irgendwie nicht gehört:

Ich halte den Roman „Feuchtgebiete“ für so ziemlich das schlechteste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Nicht wegen des ganzen Ekel-Kram, dazu gleich mehr. Sondern wegen des „Plot“, wenn man das, was da passiert, überhaupt so nennen darf. Mir ist keine Rezension bekannt, in der das mal wirklich angesprochen wird. Alle sind mit Tampons, Kotze, Hämorrhoiden, Kackeschwitze und all dem anderen Kram dermaßen beschäftigt, dass die stilistischen Schwächen nicht auffallen.

Die Hauptfigur ist einfach gezeichnet und bedient alle billigen Klischees des Scheidungskindes. Leider ist sie dafür schon zu alt. Einer 10-jährigen Protagonistin würde ich diese Gedanken abnehmen. Aber nicht einer 18-jährigen. Die eigentliche Handlung ist platt, belanglos und dabei leider nicht mal wirklich gut geschrieben. Nicht zu vergessen natürlich der Schluss, der wirklich an den, pardon, Schamhaaren herbeigezogen wirkt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Besonders werfe ich der von mir sonst verehrten Charlotte Roche vor, dass sie als erklärte Feministin sich tatsächlich in jeglicher Hinsicht in ein „Die Mutter ist an allem schuld“ flüchtet: Helene ist total gestört: Die Mutter ist schuld! Helene hat ein verqueres Verhältnis zu ihrem Körper: Die Mutter ist schuld! Und klar, Mama hat Papa weggetrieben. Papa hingegen ist der Gute, egal was er macht. Geht es noch simpler? Roche geht in Interviews sogar so weit, jeder Frau, die nicht mit gebrauchten Tampons um sich wirft, eine gestörte Mutter mit Hygienezwang zu unterstellen. Noch mal langsam, dieser Punkt ist wichtig: Eine überzeugte Feministin fährt die „Die Mutter ist an allem schuld und zwar nur sie ganz allein“-Schiene. Stößt das denn niemandem auf? Vor allem ärgert mich die Tatsache, dass ich von Charlotte Roche stilistisch wie inhaltlich mehr erwartet habe. Viel mehr. Ich bin fast schon persönlich beleidigt, dass sie so ein Buch geschrieben hat!

Den Ekelkram hingegen finde ich eher langweilig. Ich musste an zwei Stellen schlucken, einmal, als Helene und ihre Freundin ihre eigene Kotze essen und einmal, als sie sich selber extrem hart verletzt. Alles andere rief nicht viel mehr als ein müdes Schulterzucken hervor.

Was mich zu meinem zweiten Problem führt: Ja, der Roman hat bestimmt bei einigen Freundinnen oder Beziehungen dazu geführt, dass man mal wieder über intime Dinge geredet hat, Dinge, die vielleicht sonst nicht thematisiert worden wären. Dennoch bin ich insgesamt in einem Konflikt. Ich bin Feministin. Und trotzdem menstruiere ich am liebsten ganz privat. Ich sehe auch nicht so ganz ein, warum es die Frauenbewegung voranbringt, wenn ich mit meinem Unisitznachbarn über meine Pilzinfektion plaudere. Und bin ich erst dann eine richtige Feministin, wenn ich nicht mehr täglich die Unterwäsche wechsle?

Es ist ein schmaler Grad zwischen normaler Intimität und übertriebener Scham, Geheimnistuerei oder Hygienezwängen. Ich wohnte einmal mit einer Frau zusammen, die es immer „total eklig“ fand, wenn sie ihre Tage hatte (für die wäre vielleicht das Tampon-Abo – bitte googlen – etwas gewesen). Sowas ist natürlich auch nicht gesund.

Aber so bin ich nicht und außer dieser Frau kenne ich persönlich auch keine andere, die so ist. Ich finde mich nicht eklig und wenn es Probleme gibt oder mir etwas weh tut, dann kann ich das sehr genau benennen, ohne dabei Vokabeln wie „mein Schmuckkästchen“ zu bemühen. Aber ich möchte mich bitte auch als Feministin nicht alles jedem erzählen müssen. Und ich will mich, bitte, auch als Feministin regelmäßig waschen dürfen!

Ob Charlotte das wieder gut machen kann?


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Mehr Power!

8. Juli 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 5 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Heute müsst Ihr leider auf Umzugskartons Platz nehmen, um mit mir einen Kaffee zu trinken. Viel Zeit habe ich leider auch nicht, gleich bauen wir endlich mal die Kleiderschränke auf.

Aus gegebenem Anlass soll es also heute ums Heimwerkern gehen.

Bei mir war das so:
Wenn es bei uns zu Hause etwas Handwerkliches zu tun gab, um Beispiel bohren oder tapezieren, dann machte das der Vater meiner Mutter. Als ältestes Enkekind war ich die, die Opa bei diesen Arbeiten half. Natürlich auch dann, wenn in der Wohnung meiner Großeltern, wo wir oft waren, etwas anfiel. Und auch wenn ich nie selber Löcher bohrte, wusste ich doch genau, wo die Bohrmaschine stand und wie man sie benutzt. Was ein Dübel ist und dass es verschiedene Bohrer gibt. Auch im Werkzeugkasten meines Großvaters kannte (und kenne) ich mich bestens aus. Etwas daraus entwenden und dann nicht mehr (an den richtigen Platz) zurück legen, war eine der schlimmeren Sünden im Hause von Oma und Opa.

Als ich irgendwann weit weg von daheim in meiner ersten WG wohnte, beherrschte ich bestimmt nicht jede handwerkliche Tätigkeit. Aber ich hatte keinerlei Hemmungen, Dinge zu versuchen, mir Lösungen zu überlegen. Mangelnde Kraft kann man zum Glück (leider nicht immer, so die bittere Einsicht) mit Geschick und dem richtigen Werkzeug wieder wett machen. Eine meiner ersten Anschaffungen war also ein Werkzeugkoffer, der die wichtigsten Utensilien beinhaltete, inklusive Bohrmaschine. Denn ein Haushalt ohne Bohrmaschine, das gab es in meiner Vorstellung nicht. Umso erstaunter war ich, als Freunde sich meine ausleihen wollten, weil sie selber keine besaßen.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Und ich staunte noch mehr, denn die Selbstverständlichkeit, mit der ich mit Hammer, Dübel und auch Streichutensilien hantierte, sah ich kaum bei den Frauen in meinem neuen Umfeld.
Eine besondere Herausforderung stellten unsere neuen Altbauwände dar. An einer Stelle steinhart, an der nächsten auf einmal ein Riesenloch und rieselnder Sand. Also telefonierte ich mit zu Hause und besuchte einen Baumarkt, auch eine Altbauwand musste doch zu knacken sein!

Wütend wurde ich, als eine meiner Mitbewohnerinnen mir ernsthaft erklären wollte, „dass Männer das eben besser können“. „Und was sollen wir jetzt machen? Warten, bis eine von uns mal wieder einen Kerl anschleppt und so lange die Lebensmittel auf den Boden legen?“ fauchte ich und ließ sie samt unserem zukünftigen Küchenregal stehen. Angebracht habe ich es später am Tag mit meiner handwerklich ebenfalls nicht völlig unbeleckten anderen Mitbewohnerin.

Heute habe ich „einen Kerl“. Und ich habe gelernt, handwerkliches auch mal aus der Hand zu geben, mir helfen zu lassen. Einfach war das nicht immer. Aber manche Sachen gehen zu zweit oder mit mehr Kraft und/oder Körpergröße eben doch besser.

Trotzdem mache ich weiterhin alleine meine verstopften Abflüsse auf. Mit meiner eigenen Rohrzange. Er hätte auch gar keine.


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Must Have

23. Juni 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 3 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Mein Freund und ich verbringen als unsere Wochenenden seit neustem gerne in leeren Wohnungen. Dort fachsimpeln wir über hässliche PVC-Platten, Klicklaminat und Balkongrößen, stellen kluge Fragen zu Nebenkosten und versuchen, so nett zu lächeln, dass die Hausverwalterin uns in guter Erinnerung behält. Wenn wir dann nach Hause kommen machen wir uns erstmal ein Bier auf und legen enttäuscht die Beine hoch, weil wieder nichts dabei war.

Neulich war wieder einer der Termine, zu denen ich alleine musste. Bei der Arbeit war ich nicht pünktlich los gekommen, die Besichtigung lief also schon. Ich folgte den Stimmen im Treppenhaus und stieß eine Tür im zweiten Stock auf. Es waren auch noch einige andere Interessierte versammelt, ich drängelte mich vorbei und betrat die Wohnung.

Und da sah ich es, das must-have der Saison: Der Babybauch.
Ich war die einzige anwesende Frau ohne. Und ich war out!

Entweder man beachtete mich gar nicht oder man musterte mich geringschätzig wenn ich z.B. darum bat, ein Zimmer betreten zu dürfen um es mir genauer anzusehen, dessen Eingang leider von einer Schwangeren samt Begleitung belagert wurde. Auch das Bad konnte ich nicht in Ruhe betrachten, da hier ein Pärchen gerade die beste Anbringung des Wickeltisches erörterte. In dem Raum, der wohl mein Arbeitszimmer geworden wäre, übte ein kleines Mädchen namens „Frieda“ Klimmzüge am Fensterbrett und rannte als ich rein kam aus dem Zimmer. Für den kurzen Moment, den ich alleine war streckte ich meinen Bauch raus, überlegend, ob dieser nicht vielleicht doch als Babybauch durchgehen würde. Doch während ich noch den versonnenen Blick der Schwangeren übte, kam schon wieder Frieda angerannt und vertrieb mich mit einem strafenden Blick aus ihrem künftigen Kinderzimmer. Hatte man sie aufgehetzt?

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

In der Küche unterhielten sich derweil die Schwangeren mit dem Vermieter. Erst standen sie demonstrativ in der Tür, gaben dann aber doch nach und ließen auch mich dazu. Schwanger1 redete lang und breit darüber, dass sie ja einen Kinderwagen im Haus gesehen habe und sie sich auf eine so kinderfreundliche Umgebung freue, denn sie sei ja schließlich auch … Schwanger2, die mit den Freundinnen, konnte das natürlich nicht so stehen lassen. Es gäbe doch bestimmt einen Schwangerenbonus bei so vielen Interessenten? Und ob der Vermieter denn auch Kinder habe? Ja, er hatte, zwei Stück. „Das hier“, sprach die Freundin „werden auch zwei“, und packte Schwanger2 auf den Bauch. Ach nein, was echt, Zwillinge? Und klar, deswegen darf es natürlich höchstens der zweite Stock sein und so ein Mutterkreuz Schwangerenbonus wäre da ja mehr als angemessen. Ich biss mir auf die Zunge und zählte innerlich bis zehn.

Dann ließ ich mir unter dem abfälligen Blick von Schwanger1, Schwanger2, Schwanger3, deren Partner und Freundinnen dennoch aus lauter Trotz einen Bewerbungsbogen für die Wohnung geben und verließ sie hoch erhobenen Hauptes.

PS.: Unsere Traumwohnung wurde übrigens am Ende dann doch eine andere. In einem Haus ohne Kinderwagen im Flur.

(Dieser Text ist für all die wunderbaren Mütter unter meinen Freundinnen!)


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Germany’s next Gewissensfrage

9. Juni 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 4 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Letzten Donnerstag hatte er endlich ein Ende:
Mein Gewissenskonflikt der letzten 15 Wochen. Darf ich als Feministin Germany’s Next Topmodel schauen? Darf ich sogar Spaß haben daran? Darf ich darüber lästern, dass „Ich fühl mich heute nicht so“-Gisele 11 Kilo zugenommen hat und somit wohl nur noch ein Tennis- aber kein Fußball mehr durch die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln passt? Darf ich hämisch lachen, wenn eine von den angehenden Models schlecht geschminkt war? Darf ich „Sexy hat er gesagt! SEXY!“ rufen, wenn das Giraffenbaby Jenny mal wieder besonders linkisch durch einen „Shoot“ stolperte?

Zusammenfassend gefragt:
Darf ich als aufgeklärter, halbwegs intelligenter Mensch, der sonst bei jedem TV-Werbeblock mindestens drei mal „Was soll denn der sexistische/dumme Scheiß?“ denkt, mich von diesem oberflächlichen, seichten, Frauen auf Bauch-Beine-Po reduzierenden Programm unterhalten lassen?

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Nun, keine Ahnung, ob ich das darf. Tatsache aber ist, dass ich (und nebenbei auch fast mein gesamter intelligenter und feministischer Frauenfreundinnenkreis) aus Gründen, die mir leider selbst auch nicht bekannt sind, jeden Menge Spaß an dieser Sendung hatte.
Eine geheime Verehrung für Heidi Klum kann es nicht sein, ich wäre froh gewesen, wenn es mal für diese kein Foto gegeben hätte. Designer und Mode interessieren mich auch ziemlich null, ich kenne die alle nicht und wenn Frau Klum in quietschgrünen Leggins und blauem Kleidchen die Bühne betritt, tun mir einfach nur die Augen weh.

Klar, vieles hat gelangweilt in dieser Sendung und klar, „die Mädchen“ werden verbraten. Besonders fasziniert haben mich die gruppendynamischen Prozesse, die da an vielen Stellen entstanden in diesem Model Boot Camp, das so oft so sehr an Big Brother erinnerte. Und wenn Heidi oder der Inbegriff des zu klein geratenen Mannes in Gestalt von Peyman Armin mal wieder die Mädchen ordentlich auf einander gehetzt hatten, nur um dann aber offiziell erbost zu reagieren auf so viel Neid, Missgunst und üble Nachrede, dann wäre ich manchmal gerne durch die Kabel gesprungen, so wütend wurde ich da.

Man muss aber eines auch klar festhalten:
Ich bin eine erwachsene Frau, ich kenne meine Vorzüge und meine Macken, charakterlich wie körperlich. Ich kann also damit umgehen, wenn da eine Horde junger Frauen jede Woche den cellulitefreien Popo genau vor meiner Nase schwingt. Ich weiß aber, das wäre bei der 15jährigen Anna wohl anders gewesen. Deswegen habe ich mich mit meinem Teenager-Patenkind lange über die Sendung unterhalten, wir sprachen über Schönheit, Ideale, Figuren und dass jede Frau anders gebaut ist. Dass der Körper dieser Frauen ihr Kapital ist, etwas, an dem auch sie arbeiten müssen und in das sie viel Zeit investieren.

Anstatt solche Sendungen verbieten zu wollen, sollte man vielleicht an einigen Stellen eher transparenter machen, was da passiert:
Es werden laufende Kleiderbügel gesucht. Sprechende Rollkragenpullover. Bin ich das? Will ich das sein? Eben! Bei aller berechtigter Kritik können Sendungen wie diese also ein Anlass sein, manche Dinge im Privaten zu thematisieren anstatt bei jeder Folge aufs Neue öffentlichkeitswirksam empört zu sein.

Oder man schnappt sich einfach Pizza und Bier und gibt sich zwei Stunden der absoluten Sinnfreiheit hin. Ganz ohne schlechtes Gewissen!


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Ohne Glanz und Glamour

26. Mai 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 2 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Katrin hat ja vor ein paar Wochen schon auf die Ausstellung „Ohne Glanz und Glamour – Prostitution und Frauenhandel im Zeitalter der Globalisierung” hingewiesen, die ich mir letzte Woche dann auch angesehen habe:

Die Ausstellung findet im „Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche“ in Berlin statt. Das Frauenzentrum ist sehr interessant, es ist in einer normalen Altbauwohnung untergebracht, man hat mehr das Gefühl, jemanden zu besuchen, denn zu einer öffentlichen Ausstellung zu gehen. Es gibt eine Küche, zwei Büros, einen Meditationsraum und zwei große Konferenzzimmer, in denen die Ausstellung stattfindet. Hier hängen rundum verschiedene Informationstafeln mit sehr eindrücklichen Texten und Bildern. Es beginnt mit einer allgemeinen Darstellung von Prostitution, geht weiter über Menschenhändler, Schleuser und Zwangsprostitution bis zur Beantwortung der Frage „Was tun?“. Besonders gefallen hat mir die Tatsache, dass explizit die Freier angesprochen wurden. Und zwar nicht mit Schuldzuweisungen, sondern mit einem Appell an ihre Verantwortung. Freier tragen Verantwortung und sie werden ermutigt, der Polizei einen (anonymen) Hinweis zu geben, wenn sie Zwangsprostitution vermuten. Durch den Mut einiger Freier konnten so in der Vergangenheit schon zahlreiche Frauen befreit werden.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Während ich so lese, kommen mir die Gedanken, die ich früher oder später immer habe, wenn ich mit dem Thema Prostitution konfrontiert bin. Ich hatte sie an der Reeperbahn, ich habe sie, wenn ich in Berlin durch die Oranienburger Straße laufe, ich habe sie, wenn ich Dokumentationen über Bordelle sehe und ich habe sie in dieser Ausstellung. Ich denke darüber nach, wie mächtig Sex ist. Und ich frage mich, wie Sex so wichtig sein kann, welches Gewaltpotential er in sich trägt und wie er Menschen dazu verleitet, anderen gar Unmenschliches anzutun.

Ich würde gerne wissen, warum der Sex dieses Potential fast nur bei Männern entfaltet. Warum fast nur Männer vergewaltigen. Liegt es an der körperlichen Überlegenheit? Würden Frauen auch vergewaltigen, wenn sie könnten? Würden Frauen zu männlichen Huren gehen? Würde der Sex im Leben von Frauen den gleichen Stellenwert einnehmen, wie er ihn im Leben mancher Männer hat, wenn wir ihn leichter bekommen könnten?

Ich habe gern Sex, er macht Spaß und ist definitiv ein guter Zeitvertreib, vielleicht der beste. Aber der Gedanke, dass ich ein Anrecht darauf haben sollte, dass ich, wenn ich keinen bekomme, Geld dafür bezahlen würde, ihn zu kriegen, ihn mir vielleicht auch mit Gewalt nehmen würde, der ist mir absolut fremd. Ich weiß, dass das auch vielen, vielleicht den meisten Männern so geht, aber es scheint trotzdem so zu sein, dass Sex, das Anrecht auf Sex, für Männer meist eine größere Rolle spielt als für Frauen.

Ist das nur die Sozialisation? Oder einfach die Tatsache, dass sie es eben können? Oder beides?

Gibt es darauf überhaupt eine Antwort?


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Muttertag

11. Mai 2008 von Anna
Dieser Text ist Teil 1 von 26 der Serie Auf einen Kaffee mit Anna

Gestern sah ich im Fernsehen einen Bericht, der ein wenig an Asterix erinnerte.

Es ging darum, dass ein kleiner Ort in Baden-Württemberg sich gegen das Blumenverkaufsverbot zu Wehr setzt, denn es sei wegen Pfingsten nur im Ländle verboten, die Blumenläden zu öffnen.

Ich war einigermaßen verwirrt: Ist es an einem Sonntag und gleichzeitig Feiertag nicht in ganz Deutschland – quasi doppelt – untersagt, irgendwas zu verkaufen?

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Eine kurze Internetrecherche belehrte mich eines Besseren: Tatsache, es gibt eine Ausnahmeregelung für diesen Tag, Blumenläden dürfen an Muttertag auch am Sonntag geöffnet haben.

Diese kleine Episode zeigt sehr gut, wie viel ich über den Muttertag weiß und was ich damit verbinde: absolut nichts.

Bei uns zu Hause fand und findet Muttertag nicht statt.

Im Kindergarten war ich natürlich noch mit selbst gebastelten Geschenken aufgelaufen. Die nahm meine Mutter zwar dankend entgegen, aber mir wurde auch sofort erklärt, warum sie eigentlich nichts bekommen wollte an diesem Tag. Denn den haben die Nazis erfunden und das waren sehr böse Menschen und sie möchte nicht an einem Tag Geschenke bekommen, den sich böse Menschen ausgedacht haben.

(Heute weiß ich, dass nicht die Nazis diesen Tag erfunden haben, sondern schon die alten Römer und Griechen die Mütter in Festen ehrten. In neuerer Zeit wurde die Idee Mitte/ Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika aufgegriffen, und hat, tadaaa, ihre Ursprünge in der anglo-amerikanischen Frauenbewegung! Wirklichen Auftrieb bekam der Muttertag dann in Deutschland in den 20ern durch die Blumenhändler und ja, durch die Nazis. Dann eben doch.)

Die Argumente meiner Mutter leuchteten ein, auch wenn ich nicht so ganz verstand, warum alle anderen Mütter damit wohl kein Problem hatten. Ab dem Moment, in dem ich nicht mehr zum Basteln gezwungen wurde, geriet dieser Tag dann komplett in Vergessenheit und hat mir nie gefehlt.

Der Muttertag hat sich allerdings indirekt wieder in mein Leben geschlichen und zwar durch meine Beziehung. Freundes Mutter freut sich nämlich wie (fast) jede andere Mutter über Blumen oder mindestens einen Anruf und wäre wohl auch ein wenig enttäuscht, wenn die Kinder sie komplett vergessen würden. Ich beobachte das mit einer gewissen Faszination, ähnlich wie früher beim Schüleraustausch, wenn die Gastfamilie ganz andere Rituale pflegte als man sie von zu Hause kannte. Es bleibt mir völlig fremd.

Aber vielleicht rufe ich meine Mutter heute doch mal an. Um sie zu ärgern.


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