Einträge der Rubrik ‘Sex_ualität’


Jenseits von „choosing my choice“ und „käuflichem Geschlecht“ – feministische Debatten über Sexarbeit

1. November 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 56 von 59 der Serie Meine Meinung

Es ist ein feministischer Dauerbrenner: das Thema Sexarbeit, sex work, Prostitution. Auch wenn wir hier im Blog etwas dazu schreiben oder auch nur verlinken, ist ein überdurchschnittlich hohes Kommentaraufkommen vorprogrammiert.  Die Kommentare sind oft sehr ausführlich, sehr meinungsstark, nicht selten auch emotional engagiert – das Thema bewegt. Und meistens prallen dabei relativ schnell zwei gegensätzliche Auffassungen aufeinander, unter denen in feministischen Kontexten über den emanzipatorischen Wert, die Schädlichkeit oder die Daseinsberechtigung von Sexarbeit diskutiert wird. Manchmal in Anwesenheit, häufiger in Abwesenheit von (ehemaligen) Sexarbeiter_innen, die – welch Überraschung! –  zu diesen Gelegenheiten nicht immer mit einer Stimme sprechen.

Auf der einen Seite findet sich eine Position wie die Alice Schwarzers.  Diese hat gerade, supportet von inzwischen an die 1700 teilweise prominenten Mitstreiter_innen, einen „Appell gegen Prostitution“ verfasst, wo unter anderem zu lesen ist:

Doch genau das tut Deutschland mit der Prostitution: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt). […] Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht und überschattet die Gleichheit der Geschlechter. Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Prostituierten.

Allein dass Schwarzer sich dafür entschieden hat, Prostitution pauschal als „moderne Sklaverei (international „white slavery“ genannt)“ zu bezeichnen, spricht Bände: ahistorischer, verharmlosender und ignoranter kann wohl selbst die Axt im Walde nicht zu Werke gehen.  „White slavery“ – laut Wikipedia „A term for sexual slavery, used to distinguish it from the system of slavery that had been imposed on black people in the Americas“. Das ist in etwa zu übersetzen mit  „ein Ausdruck für sexuelle Sklaverei, der verwendet wird, um diese von dem System der Sklaverei zu unterscheiden, welchem Schwarze Menschen auf dem amerikanischen Kontinent unterworfen wurden“. Diese Definition sowie Schwarzers Bezug auf diesen Begriff sind bezeichnend und strotzen nur so vor white supremacy, denn sexualisierte Ausbeutung und Gewalt stellten einen Grundpfeiler des Systems der Sklaverei in den Staaten der heutigen USA (und sicher genauso anderswo) dar – nachzulesen z.B. aktuell in Akiba Solomons Filmbesprechung zu “12 Years A Slave”. Und als ob sowohl  heutige Sklaverei und Menschenhandel als auch Sexarbeit nur weiße Personen betreffen würden… Als ob eine Gleichsetzung von Sklaverei und bezahlter Arbeit überhaupt Sinn ergeben könnte. Abgesehen davon, wie geflissentlich ignoriert wird, dass Sexarbeiter_innen weltweit sich immer wieder gegen eine solch undifferenzierte Darstellung aussprechen. (mehr …)


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Heterosexualität ist eine (schlechte) Angewohnheit.

25. September 2013 von Viruletta

Als ich 12 Jahre alt war, habe ich mich zum ersten Mal in meine damalige beste Freundin verliebt. Wir hatten eine ziemlich intensive Beziehung. Obwohl wir täglich schon neun Stunden lang nebeneinander in der Schule saßen, haben wir uns anschließend noch Briefe geschrieben, jeden einzelnen Nachmittag. Den neuen Brief habe ich am nächsten Morgen stets mit einem Kribbeln entgegengenommen; jedes Mal standen ein paar weitere, mir bisher unbekannte Geheimnisse drin, mit jedem Brief wuchs unsere Verbundenheit ein Stück. Das alles war für uns normal™ – andere machten das auch und in den meisten der Briefe war immerhin von Jungen die Rede, die wir toll fanden. Also kein Grund zur Sorge. Alles noch im (heterosexuellen) Rahmen. Nach einiger Zeit stellte ich dann aber mit Schrecken fest, dass die Art, wie ich an sie dachte, sich verändert hatte. Da war plötzlich nicht mehr nur Bewunderung und vorsichtige Zuneigung, nein, irgendwie fühlte ich mich auch zu ihr und ihrem Körper hingezogen, auf eine ganz neue Art und Weise. Kleine Berührungen jagten Stromstöße durch meinen Körper, manchmal freute ich mich die letzten zwei Schulstunden lang auf unsere Umarmung zum Abschied. Ich träumte auch von ihr, in meinem Kopf begann sie mehr und mehr Raum einzunehmen, und um zu dieser Zeit von irgendeinem Jungen zu schwärmen, musste ich mir schon etwas aus den Fingern saugen.

Das Ganze verunsicherte mich zutiefst. Was war da los mit mir? Ich war doch nicht etwa lesbisch? Ich bekam plötzlich Angst vor mir selber und meinen Gefühlen. Ich war verwirrt, wusste nicht mehr, wie ich mich verhalten sollte. Wenn sie es merken würde, würde sie bestimmt nicht mehr meine Freundin sein wollen. Und was würden die anderen aus der Klasse mit mir machen? Ich hätte damals so gerne mit irgendwem darüber geredet, aber ich wusste nicht mit wem. Das Internet gab es leider noch nicht, zumindest nicht in meiner Welt. Alles, was ich wusste, hatte ich zum einen aus dem Sexualkundeunterricht, in dem kein Wort über derartige Gefühle verloren worden war. Und aus der Bravo, in der andere Jugendliche immer wieder Fragen über Sex, Liebe und Begehren stellten. Ich durchwühlte alle Ausgaben, die ich zu diesem Zeitpunkt besaß, und in einer von ihnen fand ich einen Leserinnenbrief, in der ein Mädchen, das etwas älter war als ich, dasselbe „Problem“ zu haben schien. Auch sie war in ihre beste Freundin verliebt. Ich glaube es war, ganz klischeemäßig, Dr. Sommer, der ihr antwortete. Ich erinnere mich bis heute an seine Antwort, sie lautete sinngemäß: „Mach dir keine Sorgen, so gut wie alle Mädchen verlieben sich irgendwann einmal in die beste Freundin. Das heißt nicht, dass du nicht heterosexuell (= normal™) bist. Die Pubertät ist eine Zeit voller widersprüchlicher Gefühle. Du darfst das Ganze nur nicht zu ernst nehmen, dann geht es vorbei, versprochen“. Diese Antwort erleichterte mich ungemein. Puh, dann war ja alles gut, ich musste jetzt also nur noch ein bisschen durchhalten, dann würde ich mich irgendwann auch wieder in einen Jungen verlieben. Wie Alle Anderen Mädchen™ auch.

Und Dr. Sommer hat Recht behalten; die Gefühle sind irgendwann weniger geworden und dann anschließend ganz verblasst. Er hat auch damit Recht behalten, dass ich mich irgendwann wieder in Jungen verliebt habe. Das Ganze ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dazwischen liegen viele Verliebtheiten, einige Liebeleien und auch ein paar Beziehungen. Alles, was ich davon als „ernster“ erachtet habe, ist auf einer heterosexuellen Basis passiert. Und trotzdem bin ich auch immer wieder in Frauen* verliebt gewesen. Nur dass ich diese Gefühle nie wirklich ernst genommen, geschweige denn weiter verfolgt habe. Wenn ich heute zurück blicke, dann frage ich mich, ob das anders gelaufen wäre, wenn in der Antwort von Dr. Sommer damals etwas anderes gestanden hätte. Wenn ich mit irgendeiner Person hätte reden können, die mir gesagt hätte, dass es nicht nur normal™ ist, wenn diese Gefühle mal kommen und gehen – sondern auch, wenn sie bleiben. Wenn ich nicht zu Beginn meiner sexuellen Orientierungsphase eingetrichtert bekommen hätte, dass Verliebtheitsgefühle gegenüber Frauen* etwas sind, was ich nicht ernst nehmen sollte. Dass das einfach Verwirrungen sind, ganz im Gegenteil zu meinen heterosexuellen Liebesgefühlen, die Ausdruck von wahrer™ Zuneigung und Begehren sind. (mehr …)


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„Mama, ich verstecke mich vor dir!“ – Outing als queeres „Enfant Terrible“ im bikulturellen Kontext

6. Juni 2013 von Hengameh

Unsere Gastautorin Heng lebt und studiert in Freiburg. Als Tochter eines iranischen Paares wuchs sie von der Anfangsstunde an zwischen zwei Kulturen auf und merkte schnell, dass sie in keine der beiden so richtig reinpasst. Ihr Blog Tea-riffic dient ihr als Megaphon in die digitale Welt, ansonsten schreibt sie als freie Autorin für die taz, das Missy Magazine und fudder.

Das erste Mal, als meine Mutter mich am Telefon fragte, ob ich in der neuen Stadt denn gar keinen netten Jungen kennengelernt habe, war ich kurz davor zu sagen: „Nein, Mama, aber ein total süßes Mädchen!“ Was passiert wäre, wenn ich es tatsächlich getan hätte, kann ich nur spekulieren.

Vielleicht hätte sie es für einen Scherz gehalten und gelacht. Vielleicht wäre sie wütend geworden – nein, nicht vielleicht, ganz bestimmt -, hätte mich in hoher Lautstärke zurechtweisen wollen, mir weißmachen, dass es falsch, ja krank, sei. Ob es Maßnahmen gegeben hätte, mich „zur Vernunft“ zu bringen? Ich weiß es nicht, so sehr ich es mir vorstellen kann, kommt es mir letztendlich doch absurd vor, wenn meine Eltern mir deshalb, sagen wir, die finanzielle Unterstützung streichen würden. Ich bekomme kein BaföG und bin zu einem großen Teil von ihnen abhängig, somit wäre dieses Druckmittel für mich tatsächlich mit viel Stress verbunden: Einen zusätzlichen Job suchen, einen Studienkredit aufnehmen, Geld von Freund_innen leihen.

Vielleicht hätte sie den Kontakt zu mir abgebrochen, meiner Schwester verboten, mich anzurufen – oder das komplette Gegenteil in Form von Kontrolle und Überwachung. Was sie in dem Moment ganz bestimmt nicht entgegnet hätte, wäre Akzeptanz oder Freude.

Das Outing bei den Eltern ist in meinem gesamten Freund_innenkreis ein großes Thema gewesen. Obwohl die meisten Familien offen und positiv reagierten, war das Aussprechen der Tatsachen eine Hürde für meine Freund_innen.

Was mich so sehr verunsichert, meinen Eltern von meinem Begehren zu erzählen, ist mein bikulturelles Umfeld. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, meine Eltern allerdings nicht. Sie sind vor knapp 30 Jahren aus dem Iran hergezogen und haben Kindheit wie Jugend in einem streng muslimischen Kontext erlebt. Ein Land, in dem allgemeine Wertvorstellungen durch das Gesetz so stark ins Private durchdringen, in dem Minderheiten unsichtbar sind und in dem die Religion so sehr im Vordergrund steht, prägt identifikationsstarke Begriffe wie Kultur und Tradition ungemein. Denken sie an ihre Heimat, können diese Dinge nicht komplett ausgeblendet werden.

Nun kann auch von Deutschland nicht behauptet werden, vollständige Religionsfreiheit gewährt zu bekommen, marginalisierten Gruppen den nötigen Raum zu lassen und das Festlegen persönlicher Werte den Bürger_innen zu überlassen.

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„Asexualität scheint nicht zu existieren“: Weder Trauma noch fehlt der*die Richtig*e im Bett

19. April 2013 von Gastautor_in

Unsere Gastautorin Theresia lebt und arbeitet in Berlin und versucht heteronormative Diskurse zu durchbrechen. Sie arbeitet ehrenamtlich für das alternative und unabhängige Magazin „Kontext TV“ und schreibt meistens teils-fiktive Kurzprosa auf zitterart.wordpress.com.

Eigentlich schreibe ich keine Blogposts über privat-politische Themen. Ich diskutiere darüber verbal, aber halte mir somit auch ein Hintertürchen offen, denn Meinungsänderung durch Überzeugung seitens Dritter ist einfacher, wenn es nicht irgendwo schwarz auf weiß steht. Und ja, ich habe manchmal Angst vor der Kritik, schriftlich, ausformuliert, weil mir oft die Kraft ausgeht, auf halber Strecke sozusagen. Aber ich versuche es jetzt dennoch, weil ein mir wichtiges Thema oft im gesellschaftlichen Diskurs egal welcher „Art“ keine Beachtung findet.

Asexualität wird nicht totgeschwiegen, sondern scheint einfach nicht zu existieren. In den Köpfen der meisten Menschen geht es um sexuelles Begehren. Es wird an allen Ecken über Hetero-, Bi-, Homosexualität und Queer gesprochen, geschrieben, positiv sowie negativ reagiert, aber Asexualität? Mmh. Nö. Is‘ nich‘. Wenn überhaupt, wird Asexualität oft pathologisiert und abgesprochen. Sie wird mit Unlust, Prüderie, einfach „noch nicht die*den Richtige*n im Bett gehabt“ oder gar Traumata gleichgesetzt.

Unsere Zeit ist übersexualisiert. Kommerzialisierter, pornifizierter Sex begegnet uns überall und ständig. Sexuelles Begehren wird überall produziert, wir definieren uns darüber, sprechen darüber, schreiben darüber, definieren uns darüber. Fakt ist, wir sind eigentlich sexuelle Wesen. Darüber reproduzieren wir uns. Punkt. Das muss nicht weiter erklärt werden. Fakt ist auch, dass viele Menschen keinen Spaß am Sex haben. Nicht so richtig. Warum auch immer.
Fakt ist ebenfalls, dass „Sex“ überall ist, überall und ständig und immer werden wir dem ausgesetzt. Also scheint es normal zu sein. Nein, es ist die Norm. (mehr …)


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Hat jemand „Knutschverbot“ gesagt?! – Critical Hetness 101

8. April 2013 von Anna-Sarah

Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen.  Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.

Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf  über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.

Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der  Begriff  „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)

Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)

Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben  – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann.  Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.

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Kinder reden über Sex – vielleicht sogar mit Erwachsenen

21. Januar 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 74 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Bücher zum Thema Sexualität, die sich an Kinder richten, gibt es inzwischen einige.  Ein Buch wie DAS machen?, das vierte gemeinsame Bilderbuch von Christine Aebi (Illustrationen) und Lilly Axster (Text), ist mir bisher allerdings noch nicht begegnet. Das liegt vor allem hieran: Das Buch erzählt über von Kindern gesetzte Themen und stellt in erster Linie Fragen – und zwar Fragen, die real existierende Kinder zu verschiedenen Aspekten von Sexualität tatsächlich hatten – anstatt Fragen zu beantworten, von denen erwachsene Büchermacher_innen glauben, dass Kinder sie spannend finden oder weil man meint, dass Kinder diese oder jene Auskunft benötigen:

„[Die meisten Bücher zum Thema] stellen nach unserem Wissen ausnahmslos den Informationsaspekt ins Zentrum. Das bedeutet immer auch einen Gestus des Erklärens und Vermittelns von erwachsenen ExpertInnen an mehr oder weniger unwissende kindliche LeserInnen. Wir sprechen die Kinder als ExpertInnen in Sachen kindliche Sexualität an“

Im Interview mit diestandard sagt Autorin Lilly Axster, die auch als Mitarbeiterin der Wiener Beratungsstelle „Selbstlaut“ gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche tätig ist:

„Fast alle Aufklärungsbücher gehen von zwei Themen aus: erstens Geschlechtsverkehr und Kinderkriegen – das ist natürlich auch sehr interessant, aber trotzdem weit weg von der eigenen kindlichen Sexualität. Und zweitens wollen sie den Kindern sagen, wie aus ihrer Sicht Sexualität für die Kinder später, wenn sie erwachsen sind, sein wird. Es gibt wenige Bücher, die sich damit auseinandersetzen, was Kinder in ihrer Sexualität tatsächlich beschäftigt: Von Neugierde, Intimität, Schamgrenzen, Geschlechterrollen und Sich-Selbst-Berühren bis hin zur Frage, welche Kleidung und Frisur ich trage.“

Zum Aspekt des Ernst nehmens gehört auch, dass Sexualität hier nicht pseudo-locker mit anbiederndem Hey-wir-können-doch-ganz-easy-über-alles-reden!-Gestus „verkauft“ wird. (mehr …)


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Unverheiratet und in der Politik? Homosexuell. Oder nicht?

17. Juli 2012 von Helga
Dieser Text ist Teil 51 von 59 der Serie Meine Meinung

Sind Politiker_innen der CDU homosexuell? Ich weiß es nicht und es ist mir ehrlich gesagt egal. Was mir nicht egal ist, ist die derzeitige Hetzjagd auf Menschen, die sich „nicht outen“ oder, genauer gesagt, einfach keine Angaben über ihre sexuelle Identität machen.

Dass der Antrag auf Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare Ende Juni im Bundes­tag scheiterte, war keine Überraschung. Dass dabei die FDP gegen einen Par­tei­tags­be­schluss stimmte, war auch keine Über­raschung. Dass vermutlich auch homo­sexuelle Ab­geordnete gegen das Gesetz stimmten, sollte niemanden über­raschen – der­zeit arbeitet auch das Familien- und Frauenministerium nicht daran, die Lage von Familen und Frauen zu verbessern.

Das alles ist aber kein Freifahrtschein, jetzt Menschen zwangsweise zu outen, bzw. Gerüchte über ihre sexuelle Orientierung zu verbreiten. Das ist kein „neuer Um­gang“ mit Homosexualität, der diese nicht länger tabuisiert, wie Niggemeier schwafelt. Es ist Sensationsgeilheit und Respektlosigkeit. Und in dem Moment wo ein vermeintlich schwuler Mann als „Klemmschwester“(!) bezeichnet wird, ist es auch Beleidigung. Ein „befreiter Umgang mit Schwulen und Lesben“ bedeutet zu re­spek­tieren, wenn Menschen sich nicht als solche bezeichnen wollen.

Warum sie das nicht tun, ist ihre Entscheidung. Vielleicht ist es ihnen unangenehm. Vielleicht sind die Label falsch und sie sind asexuell oder bisexuell oder… Vielleicht haben sie noch nicht das passende gefunden. Vielleicht verweigern sie einfach nur die Einordnung ihrer sexuellen Identität. Ja, das private ist politisch. In einer Welt, in der der Standard Heterosexualität ist, die jederzeit und allerorten inszeniert wird, fällt die Abweichung auf. Trotzdem und gerade deshalb ist dies zu re­spek­tieren. Die Alter­native wäre, wieder Schub­laden aufzumachen und jeden Mensch in eine zu quet­schen, ob sie passt oder nicht. Dabei ist es für diskriminierte Grup­pen und Per­so­nen die Grund­lage ihrer Emanzipation, mit Selbst­be­schreibungen statt Fremd­zu­wei­sungen zu arbeiten.

Und am Ende ist es völlig egal, ob und mit wem Abgeordnete ins Bett gehen. Gegen die gleichen Rechte von homosexuellen Paaren zu stimmen ist diskriminierend, von allen Abgeordneten. 309 haben es getan, 12 sich „enthalten“ und 39 (aus allen Parteien) waren gar nicht erst gekommen. Schlimm genug.

(via Karnele)


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Vagina, Vagina, Vagina, Vagina, Vagina…

20. Juni 2012 von Magda

… sagt mensch nicht! Zumindest nicht, wenn es nach dem Repräsentanten­haus in Michigan (USA) geht. Mitten in den hitzigen Debatten zu zwei Gesetzes­entwürfen, die die Einschränkung von Abtreibungs­rechten im US-amerikanischen Bundes­staat Michigan vor­sahen (und letztendlich leider erfolgreich beschlossen wurden), erhielt eine Politikerin für mindestens einen Tag Hausverbot im Repräsentanten­haus.

Warum? Lisa Brown, demokratische Abgeordnete, wagte (!) es, in ihrem Rede­beitrag, in dem sie die Gesetzes­entwürfe kritisierte, das Wort ‚Vagina‘ aus­zusprechen. Vagina? Ja! Vagina!

„Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie sich so um meine Vagina sorgen. Aber Nein heißt Nein.“

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Offiziell hieß es dann später, dass es gar nicht um das Wort Vagina ging. Von „Netiquette“ und „Würde“ einhalten war zum Beispiel die Rede. Quasi eine nette Umschreibung für „Sag nicht Vagina!!!“

Dann ging’s zack-zack: Aus Protest performte Brown vor dem Parlaments­gebäude die berühmten Vagina Monologe, gab mit Eve Ensler (Ideengeberin für die Vagina Monologe) Inter­views und brachte tausende Menschen auf die Straße, die sich für Abtreibungs­rechte und für das öffentliche Aussprechen von korrekten anatomischen Bezeichnungen (VAGINA!) ein­setzten, ganz im Sinne von: Wer Vagina nicht hören mag, darf schon gar nicht über sie be­stimmen.


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Der große Unterschied zwischen Lesben und Heten

12. Juni 2012 von Gastautor_in

Nele Tabler lebt mit Frau und zwei Hunden im Odenwald. Sie schreibt Krimis, Liebesgeschichten, Kolumnen, Kurzgeschichten und bloggt seit 2002 auf karnele.de über Feminismus und lesbisches Leben. Dieser Text erschien ursprünglich dort.

Das Ritual am Morgen: Mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette an den PC setzen und die Mails durchgehen, die in der Nacht eingetrudelt sind. Fast immer stoße ich dabei auf einen Link, der mir die Laune vermiest. Vorausgesetzt ich klicke ihn tatsächlich an, manchmal reicht schon die Überschrift, um zu ahnen: »Darüber will ich heute gar nichts wissen!« Doch den Kopf in den Sand zu stecken, hilft meistens nicht. Im Laufe des Tages finde ich auf Twitter oder Facebook garantiert ebenfalls Hinweise auf den verschmähten Artikel und irgendwann gewinnt meine Neugier.

Vor Kurzem machte ein Video von einem Baptistenpfarrer aus North Carolina die Runde. Was der zu sagen hatte, wollte ich zunächst auch weder hören noch bei youtube ansehen. »Steckt Lesben und Schwule ins KZ, damit sie aussterben!« Später entpuppte sich diese »Predigt« neben den homophoben Tiraden allerdings als recht amüsant und führte auf Twitter zu einer Unterhaltung über homosexuelle Fortpflanzungsarten.

Auch die Meldung, dass ein Moskauer Gericht gleich für die nächsten 100 Jahre den CSD verboten hat, gehört im Grunde genommen eher in die Rubrik Satire – wenigstens für mich als eine Lesbe aus Westeuropa. Russische LGBT Menschen finden das wahrscheinlich nicht besonders lustig, selbst wenn sie wissen, dass eine derartige Planung in die Zukunft einfach nur absurd ist. Ganz besonders in einem Land, dessen System vor zwanzig Jahren quasi über Nacht zusammengebrochen ist, hat man doch Erfahrung damit, wie unvorhersehbar politische Entwicklungen sein können. (mehr …)


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„Girls going wild in red light district“ und der Fragezeicheneffekt

16. April 2012 von Nadia

Ein Video, das seit heute nachmittag auf Facebook die Runde macht, und in dem Tänzerinnen in einem Rotlichtviertel mit einer Performance auf sexuelle Ausbeutung aufmerksam machen. Vorweg: Ja, ich weiß, „gute Sache“, undsoweiter. Ich finde das Ganze dennoch diskussionswürdig, weil, Zweck hin oder her, vielleicht geht es hier doch mal wieder um [feine] Reproduktionen.

Im blauen Netzwerk postete ich das Filmchen einem ersten Impuls folgend mit diesen Anmäkelungen:

„1) Das neue Super-Gut-Find-Video auf Facebook. 2) Freu Dich. 3) Guck`s Dir genauer an und frag Dich, welcher männliche Künstler in Unterwäsche und bauchfrei in ´nem Fenster dancen würde, und alle würden das ganz spitze finden. 4) Dir fällt Peter André („Mysterious Girl“) ein. Wenn Du cool bist, vielleicht noch Mark Wahlberg. 5) Und jetzt guck das Video nochmal.“

Hier ist das Ding, und meine Frage: Wie seht Ihr diese Kampagne?


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