“Mama, ich verstecke mich vor dir!” – Outing als queeres “Enfant Terrible” im bikulturellen Kontext
6. Juni 2013 von Gastautor_inUnsere Gastautorin Heng lebt und studiert in Freiburg. Als Tochter eines iranischen Paares wuchs sie von der Anfangsstunde an zwischen zwei Kulturen auf und merkte schnell, dass sie in keine der beiden so richtig reinpasst. Ihr Blog Tea-riffic dient ihr als Megaphon in die digitale Welt, ansonsten schreibt sie als freie Autorin für die taz, das Missy Magazine und fudder.
Das erste Mal, als meine Mutter mich am Telefon fragte, ob ich in der neuen Stadt denn gar keinen netten Jungen kennengelernt habe, war ich kurz davor zu sagen: “Nein, Mama, aber ein total süßes Mädchen!” Was passiert wäre, wenn ich es tatsächlich getan hätte, kann ich nur spekulieren.
Vielleicht hätte sie es für einen Scherz gehalten und gelacht. Vielleicht wäre sie wütend geworden – nein, nicht vielleicht, ganz bestimmt -, hätte mich in hoher Lautstärke zurechtweisen wollen, mir weißmachen, dass es falsch, ja krank, sei. Ob es Maßnahmen gegeben hätte, mich “zur Vernunft” zu bringen? Ich weiß es nicht, so sehr ich es mir vorstellen kann, kommt es mir letztendlich doch absurd vor, wenn meine Eltern mir deshalb, sagen wir, die finanzielle Unterstützung streichen würden. Ich bekomme kein BaföG und bin zu einem großen Teil von ihnen abhängig, somit wäre dieses Druckmittel für mich tatsächlich mit viel Stress verbunden: Einen zusätzlichen Job suchen, einen Studienkredit aufnehmen, Geld von Freund_innen leihen.
Vielleicht hätte sie den Kontakt zu mir abgebrochen, meiner Schwester verboten, mich anzurufen – oder das komplette Gegenteil in Form von Kontrolle und Überwachung. Was sie in dem Moment ganz bestimmt nicht entgegnet hätte, wäre Akzeptanz oder Freude.
Das Outing bei den Eltern ist in meinem gesamten Freund_innenkreis ein großes Thema gewesen. Obwohl die meisten Familien offen und positiv reagierten, war das Aussprechen der Tatsachen eine Hürde für meine Freund_innen.
Was mich so sehr verunsichert, meinen Eltern von meinem Begehren zu erzählen, ist mein bikulturelles Umfeld. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, meine Eltern allerdings nicht. Sie sind vor knapp 30 Jahren aus dem Iran hergezogen und haben Kindheit wie Jugend in einem streng muslimischen Kontext erlebt. Ein Land, in dem allgemeine Wertvorstellungen durch das Gesetz so stark ins Private durchdringen, in dem Minderheiten unsichtbar sind und in dem die Religion so sehr im Vordergrund steht, prägt identifikationsstarke Begriffe wie Kultur und Tradition ungemein. Denken sie an ihre Heimat, können diese Dinge nicht komplett ausgeblendet werden.
Nun kann auch von Deutschland nicht behauptet werden, vollständige Religionsfreiheit gewährt zu bekommen, marginalisierten Gruppen den nötigen Raum zu lassen und das Festlegen persönlicher Werte den Bürger_innen zu überlassen.
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