Einträge der Rubrik ‘Ökonomie’


do it yourself – just for fun?

4. März 2016 von Hannah C.

Vor Kurzem lernte ich an der Nähmaschine zu nähen und wie immer, wenn sich neue Handlungsoptionen ergeben, kam es mir vor wie der Übertritt in eine neue Welt.
Kleidung, die wirklich passt nähen! Stoffdinge nähen, die mir gut tun! Stofftiere nähen, die andere Menschen erfreuen! Yeay!

Und dann kam, was kommen musste: die Kostenfrage
Nicht nur “die Geldfrage” – an Material kommt man immer irgendwie und auch an verschiedenes Spezialwissen.
Wenn man einen Internetanschluss hat.
Und den bezahlen kann.

Für mich gab es im Stoffladen einen Moment, in dem ich mich fragte: “Okay – ist es das jetzt wirklich wert?”, nachdem ich als Frau kategorisiert und mit einer Kinderwunschunterstellung konfrontiert wurde. Dann gab es das Moment, nachdem ich frustriert und den Tränen nah vor meinem Projekt saß und merkte, wie viel Arbeit, Zeit, Kraft es bis zu seiner Fertigstellung von mir abverlangen wird. Und dann gab es das Moment, in dem mir sehr bewusst wurde, dass ich mir gerade etwas selbst mache, was an anderer Stelle als therapeutisches Hilfsmittel gilt und entsprechend teuer auch verkauft wird. Weshalb ich es mir ja selbst machen wollte. Weil ich kann mir ja selbst helfen. Ich bin ja superautonom selbstbestimmt Powermenschwesen Rosenblatt.

“Do it yourself” ist seit Jahren ein Schlagwort für Eigeninitiative, kreatives und eigenverantwortliches Selbermachen.
Geht es in Sachen „Heimwerk(en)“ nachwievor überwiegend darum (cis) Männern ihre Erfolgserlebnisse bei der Materialverarbeitung im Zuge von Badezimmersanierung und Garagendämmung zu verkaufen, geht es in Sachen „Handarbeit“ nachwievor überwiegend darum (cis) Frauen Spaß und Freude bei der Materialverarbeitung für eher gestaltend-dekorierend bis praktisch-schönem Allerlei anzudrehen.

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Betreuungsgeld auf Bundesebene verfassungswidrig – doch Länder könn(t)en weitermachen

21. Juli 2015 von Charlott

Zunächst einmal Freude: Heute Vormittag verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass die Einführung des Betreuungsgelds (oftmals auch als ‚Herdprämie‘ bekannt), welche einhergegangen war mit andauernden feministischen Kritiken und Protesten, verfassungswidrig war.

Für die Entscheidung unwesentlich war dabei, dass es sich um ein ungerechtes, reaktionäres Mittel handelt. Die Verfassungswidrigkeit machte aus, dass die Richter_innen beschieden, dass das Betreuungsgeld Ländersache und nicht etwa Bundessache sei. So heißt es zwar, dass das Betreuungsgeld nicht zur „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse notwendig“ sei, aber dies die Länder nicht daran hindern müsse, es einzuführen/beizubehalten. Feministische Kritiken machten indes in den letzten Jahren deutlich, dass das Betreuungsgeld gerade das Gegenteil bewirkt. So schrieb Maria hier bereits 2011:

Das Betreuungsgeld ist ein weiterer Baustein einer Familienpolitik nach dem Motto „Wer hat, dem wird gegeben“. Die jetzige Koalition hat beschlossen, das Mindestelterngeld beim SGB II als Einkommen anzurechnen, hat auf den Ausbau der Vätermonate verzichtet, weil angeblich das Geld nicht reichte, um mehr Partnerschaftlichkeit beim Elterngeld voranzubringen. Nun wird Geld für eine neue Leistung in die Hand genommen, um eine ganz spezielle Klientel zu fördern: Die, die es sich leisten können, auf öffentliche Betreuung zu verzichten.

Wenig überraschend hat sich Horst Seehofer (CSU), einer der großen Verfechter des Betreuungsgelds, bereits geäußert: In Bayern soll es das Betreuungsgeld weiterhin geben. Von der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) heißt es, dass das frei werdene Geld in den Ausbau von Kitaplätzen gesteckt werden soll – denn an diesen mangelt es ja bekanntermaßen.

Zum Weiterlesen:


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Lesbische Fundstücke zum Thema Klasse

4. Juni 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 101 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Nadine Kegeles Roman Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist gespickt mit großartigen – analytisch scharfen, Nadine Kegele_Eidechsenwütenden, humorvollen – Sätzen, die Klassismus und Klassenunterschiede zwischen Freundinnen auf den Punkt bringen. Eine ausführliche Rezension dazu habe ich bereits in der Feministischen Bibliothek abgelegt. Heute will ich einige weitere und zwar lesbische Romane vorstellen, die aus Working-Class-Perspektive geschrieben sind und/oder die sonst wie kritisch mit Geldfragen, Lohnarbeit, Klassenherkunft oder Klassismus umgehen.

Der Roman Camille im Oktober der bereits verstorbenen Autorin Mireille Best dreht sich um die jugendliche Hauptprotagonistin Camille. Diese wächst in einem proletarischen, kleinstädtischen Umfeld in Südfrankreich auf, das stark durch materiellen Mangel geprägt ist. Camille verliebt sich in die Frau des Zahnarztes, die nicht nur älter ist als sie, sondern auch – und das ist das Entscheidende – einer anderen Klasse angehört. Was das bedeutet für Camilles Begehren und für das Aufeinandertreffen der beiden, das beschreibt Mireille Best auf treffende, berührende und zudem sprachlich originelle Art und Weise. Dasselbe gilt für das Leben der Müttergeneration, das mit erzählt wird: wenn die Mütter beisammen sitzen und miteinander reden, ohne viel zu wollen; wenn sie ausharren, ohne Veränderungsperspektive …

Camille im Oktober hat mich berührt wie wenige andere Bücher, es ist schmerzhaft traurig, ohne hoffnungslos zu sein.

Wanderurlaub von Regina Nössler ist ein lesbischer Krimi – und mehr als das. Die Autorin entführt die Leser_innen in eine Reisegesellschaft, die sich die Schönheit der kanarischen Inseln erwandern will, angeführt von einem urlaubsreifen Wanderführer. Was die Beteiligten vereint, sind Ängste und Unsicherheiten rund um Klasse(nherkunft), Jobs und Geld.
Einen Mord gibt es natürlich auch …

Nössler verknüpft die Spannung eines Krimis gekonnt mit den Themen Arbeitsverhältnisse und Klassenherkunft, und all dies vor einer schön-bedrohlichen Urlaubskulisse.

Aufhänger des Romans Eine Milliarde für Süderlenau von Astrid Wenke ist der Vorschlag einer maßlos reich gewordenen Süderlenauerin, sämtlichen EinwohnerInnen ‚ihrer‘ Kleinstadt ein Grundeinkommen zu finanzieren. Die Idee politisiert, weckt die Begeisterung und die Träume der SüderlenauerInnen, sie stößt aber auch auf Gegenwind: von Seiten der lokalen Wirtschaftselite.

Der Roman verbindet alltägliches und authentisches Kleinstadtleben, das Thema Grundeinkommen, Fragen familiärer Herkunft und eine lesbische Liebesgeschichte miteinander, auf unaufgeregte und amüsante Weise.

Auch für Science-Fiction-Fans habe ich eine Empfehlung: Gefährliche Sehnsucht von Toni Lucas. Gefährliche SehnsuchtKlingt nach Liebesschmonzette, und das ist es auch und zwar gekonnt. Obendrauf gibts ein durchaus interessantes Zukunftsszenario: Nach einer weltweiten Seuche fristen die überlebenden Erdenbewohner_innen ihr Dasein in streng nach Klassen separierten Gebieten. Die Hauptprotagonistin Anais entstammt einer zuhöchst stigmatisierten Gruppe, den Omegas, die ihre Herkunft in der Regel geheim halten (müssen). Ihre Überlebenschancen sind gering und ein ökonomischer Aufstieg ist kaum möglich, da gute Jobs ein Vermögen kosten. Anais entschließt sich zur Arbeit als Katze in einem der superreichen Haushalte der reichen Städte der Zukunft, gekleidet in einen Catsuit mit allerhand technischen Raffinessen. Zwischen Anais als Katze und ihrer Katzenbesitzerin auf Zeit entspinnt sich eine – strengstens verbotene – Liebesgeschichte …

Zum Nachdenken regen die konkreten Beschreibungen der auf den ersten Blick abstrus erscheinenden Jobsituation als menschliche Katze an. – Vieles davon ist auf den zweiten Blick eben doch recht vertraut, unheimlich vertraut: Lohnarbeit in Privathaushalten etwa oder Ansprüche an eine möglichst vollständige Identifizierung mit dem eigenen Job. Unterschiede zur fiktiven Live-in-Katze der Zukunft sind fraglos da, aber irgendwie scheinen sie doch eher gradueller Natur zu sein. Und was das Bezahlenmüssen für Jobs anbelangt: In Großbritannien verlangt eine Zeitungsgruppe nun Geld von ihren Praktikant_innen. Dafür erhalten sie ein schönes Empfehlungsschreiben zum Abschluss. Miau.


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„Just go inside!“ – 2 Jahre nach dem Einsturz von Rana Plaza

24. April 2015 von Charlott

Heute jährt sich zum zweiten Mal der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesh. In der Fabrik produzierten Menschen Kleidung für Marken wie Benetton, Mango, C&A, Kik und Primark. Es starben 1,134 Menschen. Viele mehr wurden schwer verletzt. Tote und Verletzte, die es nie hätte geben dürfen. Die Arbeiter_innen wurden bereits am Vortag nach Hause geschickt, nachdem einigen von ihnen Risse in den Wänden aufgefallen waren und bereits Beton auf sie nieder rieselte. Rana Plazas Baustruktur war an sich sehr schwach, mehrere illegale Etagen waren aufgesetzt. Generatoren, die bei Stromausfall einsprangen, um keinen Produktionsausfall zu haben, zerrütteten durch die Vibrationen das Gebäude weiter. Doch am nächsten Tag sollten die Arbeiter_innen wiederkehren – ansonsten würde ihnen ihr Monatsgehalt nicht gezahlt. In dem Buch „Women in Clothes“ berichtet Reba Sikder, eine der Textilarbeiter_innen, in einem Interview über den 24. April 2013:

The next morning [on the 24th] when I came, I saw that many of my coworkers are standing outside the building and everybody is in fear – wether they should go inside or not. I was standing with them outside, too, and then some of them were going inside and then our middle management, they started screaming at us, yelling, „Just go inside! Why are you standing here? You have to go inside.“ One of our production managers was slapping female workers -Go inside- and they are threating us that if we don’t go inside, we will lose our job and they will not pay our salary. And then we went inside, and I saw that nobody even started work because people wer talking more … What is going to happen? There was a crack in the building. Then our general manager announced that everybody should go back to work because there is a rush for shipment – the buyer is putting pressure. He says we have to hit our production target, then we can go home. We start our work because, you kknow, they are shouting at us, and I think I worked twenty minutes and then the power was gone. And within two or three minutes they start the generator, and when they start the generator I hear this huge sound, like BOOM, and everything collapsing. My coworkers ran to the stairs and I was following them, and then I fall, and I’m stuck under a machine.

Reba Sikder verdiente in der Rana Plaza Fabrik 90 Dollar im Monat. Sie arbeitete dort von 8 Uhr morgens bis 10 uhr abends, sieben Tage die Woche. In dem Interview betonte sie, dass sie bisher keine finanzielle Entschädigung erhalten hat (und natürlich auch, dass diese nicht den Verlust ihrer Mitarbeiter_innen, die sie als Schwestern und Brüder benennt aufrgund des engen und vielen Zusammenarbeitens und das Trauma der gesamten Erfahrungen vergessen machen könnte). Bis heute hat der „Rana Plaza Donors Trust Fund“, der von der Internationalen Arbeiter_innen Organisation (ILO) eingerichtet wurde, nicht die 30 Millionen Dollar erhalten, die benötitgt würden, um alle Familien ansatzweise gerecht (Was ist hier schon Gerechtigkeit…) zu entschädigen. Die Clean Clothes Campaign führt eine Liste mit allen Firmen, die sich beteiligen sollten und zeigt, wer bishe zahlte und welche Summen. Arbeiter_innen haben außerdem in dieser Woche in Bangladesh bei Demonstration nochmals auf diesen Missstand hingewiesen.

Und Rana Plaza ist selbstverständlich kein kontextloser Einzelfall. Fabriken dieser Bauart gibt es weiterhin. Die Arbeitsbedingen vieler Arbeiter_innen in der Textilindustrie gleichen denen von Rana Plaza und die Sicherheit und körperliche Versehrtheit dieser wird tagtäglich weiter aufs Spiel gesetzt, in einem globalen Rennen um ‚billige‘ Produktionskosten und hohe Gewinnmargen.


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Mode in Zeiten des Kapitalismus

31. März 2015 von Charlott
Dieser Text ist Teil 98 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

41GOemmRtiL._SY344_BO1,204,203,200_ Am 24. April vor zwei Jahren stürzte Rana Plaza ein, ein Gebäude, in welchem viele internationale Firmen Textilien hatten herstellen lassen. Bereits am Tag zuvor waren Risse in den Wänden entdeckt worden, doch als sich am Morgen des 24. Arbeiter_innen weigerten in das Haus zu gehen, wurde ihnen mit dem Abzug eines Monatsgehalts gedroht. Bei dem Einsturz starben 1127 Menschen und 2438 weitere wurden verletzt – mit oftmals lebenslangen Folgen. Rana Plaza ist sicher das bekannteste aktuelle Beispiel dafür unter welchen Bedingungen Mode produziert wird. Und für Konsument_innen schlossen sich Fragen an, wie ob eine_r nun weiter bei Firmen kaufen würde, von denen bekannt ist, dass sie bei Rana Plaza produziert hatten oder was überhaupt gekauft werden sollte? Und ist ‚richtiger‘ Konsum eigentlich möglich und überhaupt der beste Fokus?

Vor ein paar Wochen hatte ich die Chance die britische Autorin und Aktivistin Tansy E. Hoskins zu hören, wie sie über ihr aktuelles Buch „Stitched Up. The Anti-Capitalist Book of Fashion“ (2014, Pluto Press) sprach – welches ich danach sofort erwarb und an einem Wochenende weglas. Auf gerade einmal 200 Seiten wirft Hoskins einen komplexen Blick auf die Modeindustrie, Verschränkungen von Kapitalismus, Rassismus und Sexismus, sowie auf Möglichkeiten das System zu verändern.

Im ersten Kapitel, welches wie die übrigen mit einer wunderschönen Illustration beginnt, zeigt Hoskins zunächst auf, welche Konglomerate hinter welchen Modefirmen stehen (und wie häufig sehr viele Modekonzerne eigentlich zu einem übergeordneten Konzern gehören) und welche Personen dort agieren – obwohl sie auch immer wieder deutlich macht, dass es ihr weniger um ’schlechte‘ Menschen und deren Taten geht (obwohl es diese auch gebe), sondern um Strukturen. Im darauffolgenden Kapitel fragt sie nach der Rolle von Mode-Zeitschriften und stellt fest, dass, wo es bei anderen Kunstformen tatsächlich so etwas wie Kunstkritik gibt, dies bei Mode kaum existiert, denn sind die Magazine quasi vollständig von den Werbungen der Modekonzerne abhängig (und diese fordern ein ‚gutes Umfeld‘ zur Publikation ihrer Anzeigen) und auch würden Kritiker_innen einfach aus dem Modezirkel ausgeschlossen – lebenslange Sperren für die Modeschauen bestimmter Designer_innen kommen durch aus vor. Und wo Filmkritiker_innen sich einfach die nächste Kinokarte kaufen können, bedeutet das für Mode-Journalist_innen schon einmal das Aus.

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Nicht ‚aufmüpfig‘, sondern kämpferisch – Zum Tod von Barbara Emme

26. März 2015 von Charlott

Am 16. März Anfang der Woche verstarb Barbara Emme, bekannt auch als ‚Emmely‘ im Alter von 57 Jahren. Im Februar 2008 wurde die Kassierin nach über 30 Jahren Tätigkeit im Einzelhandel fristlos von Kaisers entlassen. Anlass? Ihr wurde vorgeworfen zwei Leergutbons, die ein Kunde verloren hatte, im Gesamtwert von 1,30€ eingelöst zu haben. Barbara Emme stritt dies ab. Dass sie eine engagierte Gewerkschafterin war, die beispielsweise die Streikliste in ihrer Filiale führte, sollte natürlich keine Rolle bei dieser Entscheidung gespielt haben.

Barbara Emme nahm diese Kündigung nicht einfach so hin – sondern klagte sich durch mehrere Instanzen und sprach öffentlich über ihren Fall. Zunächst wurde sie abgewiesen, denn in der deutschen Rechtssprechung gelte auch das ‚Entwenden‘ geringster Summen als klarer Grund für eine fristlose Kündigung, wie auch im Jahr 1984 als einer Verkäuferin gekündigt wurde, weil sie ein Stück Bienenstich verzehrte ohne es zu bezahlen. Verhältnismässigkeiten im Kapitalismus. Emmes Klage aber wurde in dritter Instanz, beim Bundesarbeitsgericht, stattgegeben. Dazu schreiben Mitglieder des Komitees „Solidarität mit Emmely“:

Emmelys Erfolg vor dem Bundesarbeitsgericht kam für alle erfahrenen Beobachter völlig überraschend. Unmittelbar danach gewannen mehrere gekündigte ArbeiterInnen ihre Bagatellkündigungen vor Arbeitsgerichten, die zuvor immer zu Gunsten der Arbeitgeber geurteilt hatten.

In Nachrufen, beispielsweie bei der taz oder beim Tagesspiegel wird sie als „aufmüpfige Kassiererin“ bezeichnet. Ein Begriff, der das Engagement von Emme und anderen Arbeiter_innen, insbeondere von Frauen, untergräbt. Denn offensichtlich setzen sich diese nicht für etwas ein, wehren sich oder kämpfen gegen ungerechte Arbeitsbedingungen, sondern sind ‚aufmüpfig‘. Doch auch mit ihrem Sieg vor dem Bundesarbeitsgericht hatte Barbara Emmes ‚Aufmüpfigkeit‘ aka Einsatz für bessere Arbeiter_innenrechte kein Ende. Die Lohnnachzahlungen, welche sie erhielt, nutzte sie um an der Weltfrauenkonferenz in Venezuela im Jahr 2010 teilzunehmen. Auch engagierte sie sich weiter gewerkschaftlich und wurde 2014 noch in den Betriebsrat von Kaisers gewählt.

Zum Weiterlesen:
Nachruf von Mitglieder des Komitees „Solidarität mit Emmely“ (FB-Link)


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Armutsbericht: Einkommenskluft und Armut trotz Lohnarbeit

27. Februar 2015 von Charlott

In der letzten Woche stellte der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen aktuellen Armutsbericht „Die zerklüftete Republik“ für Deutschland vor. In diesem wurden die Zahlen für 2013 ausgewertet und eine weiter auseinandergehende Einkommensschere konstatiert: Die Armutsquote von 15,5 Prozent ist die höchste seit dem Beginn der regelmäßigen Berichte (2006). Auch wurden erstmals in dem Bericht besondere ‚Risikogruppen‘ identifiziert.

Was bedeutet Armut?

Der Armutsbericht arbeitet bei seiner Auswertung mit relativen Werten. Als arm gilt in diesem, wer unter 60% des bundesdeutschen durchschnittlichen Netto-Einkommens zur Verfügung hat. In Zahlenwerten bedeutet das z.B. weniger als 892 Euro als Einzelpersonen-Haushalt. Diese Art der Feststellung hat natürlich auch ihre Tücken, weil sie nur begrenzt etwas über den Lebensstandard betroffener Personen aussagt – da je nach Region Lebenserhaltungskosten beispielsweise unterschiedlich sind und Strukturen (z.B. Zugang zu Kinderbetreuung und deren Kosten) erst einmal keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist aber der Vergleich mit einem bundesdeutschen Durchschnitt auch sinnvoll, da Einkommen ja auch etwas darüber aussagt, wer in welchem Rahmen Altersvorsorge treffen kann. Selbst wenn eine Person in eine andere Region zieht, bleibt ja diese vorherige „Erwerbsgeschichte“ mit Einfluss. Und auch macht diese Art der Betrachtung vor allem eins deutlich: Wie stark die Kluft zwischen verschiedenen Einkommensgruppen ansteigt.

Arm mit Lohnarbeit

Der Paritätische Wohlfahrtsverband stellt außerdem heraus, dass sich Erwerbslosenquote und Armutsquote voneinander entkoppelt haben. Das heißt: Auch bei sinkender Erwerbslosenzahl ist die Armutsquote weiter gestiegen, somit gebe es also eine Verstärkung des Phänomens der working poor: Menschen, die trotz Lohnarbeit unter die Armutsgrenze fallen. Wird der Mindestlohn, der ab 01. Januar dieses Jahres – in Teilen – greift, dort Abhilfe schaffen? Der Paritätische Wohlfahrtsverband jedenfalls verlangt erst einmal eine Anhebung des Mindestlohns, da dieser mit 8,50€ immer noch sehr niedrig ist. Aber selbst die 8,50€ werden nicht alle lohnarbeitenden Menschen erhalten. Menschen, die unter 18 Jahre alt sind und noch keinen Berufsabschluss haben, sind da ausgenommen (und während der Ausbildung bekommen sie auch keinen), aber auch Personen, die 12 Monate erwerbslos waren haben die ersten 6 Monate in einer neuen Anstellung kein Recht auf den Mindestlohn. Für eine Reihe von Branchen befürchten Gewerkschaften zu dem, dass durch Zeitabrechnungen und ähnliche Papiertrickserein, de facto der Mindestlohn umgangen wird. Besonders hart trifft es auch Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten für behinderte Menschen, arbeiten. Diese sind ganz und gar von der Mindestlohnregelung ausgenommen, stattdessen wir hier von einem „arbeitnehmerähnlichen“ Verhältnis gesprochen. (Menschen mit Behinderungen, die eine Assistenz in Anspruch nehmen, dürfen zu dem auch kaum Geld sparen.)

Nicht alle Personengruppen sind gleich gefährdet
Im Armutsberricht wird auch deutlich, dass nicht alle Gruppen gleichermaßen armutsgefährdet sind. In den Altersegmenten trifft es besonders junge Menschen und Rentner_innen. Bei der Auffächerung nach „Haushaltstyp“ wird sofort ersichtlich, dass die am stärksten betroffenen Haushalte jene sind, in denen eine erwachsene Person mit einem Kind oder mehreren Kindern lebt. Haushalte, die natürlich auch nicht gleichermaßen verteilt sind: In erster Linie sind hier alleinerziehende Frauen mit ihren Kindern betroffen. Außerdem stärker als andere Haushalte betroffen: Haushalte mit zwei Erwachsenen und drei oder mehr Kindern. Außerdem identifizierte der Bericht Menschen mit ’niedrigen‘ Berufsabschlüssen und migrantisierte Personen zu den Risikogruppen. Die Zugehöhrigkeit zu den verschiedenen Gruppierungen überlappt sich natürlich auch häufig – aufgrund sexistischer, rassistischer und klassistischer Strukturen. Auf Menschen mit Behinderungen geht der Bericht allerdings nicht gesondert ein und auch andere Diskriminierungsfaktoren werden gar nicht erst gezielt verfolgt.


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Feminist Fun Friday: Die „Reiche Leute sind auch arm dran!“-Edition

16. Januar 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 10 von 14 der Serie Feminist Fun Friday

Manche Dinge kann Geld nicht kaufen. Was Mastercard schon lange weiss, beklagt nun auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in einem gestrigen Artikel, der uns „Robert Neunkirch“ (ein Pseudonym) vorstellt, einen „Spitzenverdiener,“ der es doch nie aus dem „guten Vorort von Frankfurt“ rein in die Millionenvillen des Taunus schaffen wird. Ab wann ist man reich?, fragt die FAZ, und sie und Neunkirch resümieren gleich, dass 10.000 Euro brutto im Monat schon nicht schlecht sind, da aber noch viel Luft nach oben bleibt, schließlich trifft uns dieser Kapitalismus letztlich ja alle. Neunkirch ist kein Bootsbesitzer und geht auch nicht jedes Jahr Skifahren, aber Steuern müssen er und andere trotzdem zahlen – es ist wie ein Fluch, der sich über Besserverdiener_innen gelegt hat.

Dass 60 Prozent des Vermögens in Deutschland auf zehn Prozent der Bevölkerung versammelt ist, bleibt bei solchen Qualen natürlich Nebensache. Der Artikel entlarvt den „Durch harte Arbeit zum_zur Millionär_in werden kann jede_r!“-Mythos einer vermeintlichen „Leistungsgesellschaft“, und doch wird Neunkirch, stellvertretend für gutverdienende (aber nicht tatsächlich speerspitzenverdienende, menno…) Menschen, als ein hart getroffenes Opfer des Systems und als eigentlich wohlmeinender Sündenbock für missgünstige, da ärmere Menschen dargestellt, als das schwer gegängelte Fundament der Gesellschaft. Kapitalismuskritik? Fehlanzeige. Wenn, dann ein Hauch von „schaffendem“ gegen „raffendes“ Kapital, dem latent antisemitischen Argumentationsmuster derjenigen, die Kapitalismus dann kritisch sehen, wenn sie selbst zu wenig erben; wenn sie dann doch nicht bei dem einen Prozent, dem wiederum fast ein Viertel des Gesamtvermögens gehört, dabei sind.

Die Einkommensschere, Hartz-4-Reformen und Ausbreitung des Niedriglohnsektors, Mindestlohn-Ausnahmen, Gender Pay Gap, Quotendiskussionen, besondere Armutsrisiken für Alleinerziehende und der Fakt, dass Asylbewerber_innen bis vor zwei Jahren 225 Euro pro Monat zum Leben zur Verfügung stand, müssen fast gänzlich unerwähnt bleiben in dieser Selbstmitleidsinszenierung einer weißen, deutschen Oberschicht, die keine Yacht besitzt. Natürlich ganz zu schweigen davon, dass man nicht umsonst zum Beispiel zwischen absoluter und relativer Armut unterscheidet und das wiederum Beschwerden über mäßigen bis großen (aber eben tragischerweise nicht größten) Reichtum in Relation setzt.

Trotz der harten Verhältnisse „gönnt“ sich Neunkirch aber auch mal was, sagt er – das beruhigt uns. Wir gönnen es ihm. Und uns gönnen wir eine bebilderte Kommentierung der schönsten Blüten dieses Artikels. Immerhin.

[Übrigens: Falls der Feminist Fun Friday bei euch GIF-Alarm auslöst, findet ihr hier eine Anleitung, um diese zu deaktivieren.]

„Seit Robert  Neunkirch weiß, dass er reich ist, schläft er schlecht. Nachts hört er  es manchmal knacksen im Haus, als stiege ein Einbrecher durchs Fenster  ein. Er streitet sich fast täglich mit seiner Frau, weil sie eine Sauna  im Keller will, er das aber für Geldverschwendung hält. Früher, sagt  Robert Neunkirch, war er eigentlich ganz entspannt. Dann kam vor drei  Jahren mit der neuen Stelle eine Gehaltserhöhung, und seitdem ist  Neunkirch reich, zumindest auf dem Papier.“

     

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Die politische Dimension von Fett

5. Januar 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 34 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Wenn von dicken Körpern die Rede ist, werden gesellschaftliche Machtverhältnisse verhandelt. Dieser Artikel erschien in der 600. Jubiläumsausgabe der ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis (16.12.2014).

Maggie De Block

Maggie De Block

»Darf eine Gesundheitsministerin übergewichtig sein?« titelte unlängst die FAZ (15.11.2014) und widmete der belgischen Gesundheitsministerin und früheren Ärztin Maggie De Block einen ganzen Artikel – besser gesagt: ihrem Gewicht und ihren Essgewohnheiten. Auch andere Tageszeitungen füllten ihre Spalten mit reißerischen Titeln, stellten Mutmaßungen über Gewicht und Gesundheitszustand sowie die »Glaubwürdigkeit« der Ministerin an. Der Berliner Tagespiegel (20.11.2014) resümiert gönnerhaft, dass De Block Gesundheitsministerin sein dürfe, da sie »ihr Fettsein nicht als größtes anzustrebendes Glück propagiert«. In der FAZ kommt auch der Ehemann De Blocks zu Wort: »Es gibt in der Welt vielleicht schönere Frauen als Maggie, aber für mich ist sie die ideale Frau.«

Es irritiert, dass diese Zeitungen nicht etwa De Blocks jüngste Politiken als Staatssekretärin für Asylpolitik, Immigration und soziale Integration (2011-2014) und deren desaströse Folgen für Asylsuchende in Belgien thematisieren, sondern ihren Körper in den Fokus rücken. Es irritiert auch, dass anscheinend gesellschaftlicher Konsens darüber herrscht, dass eine dicke Politikerin unmöglich für das Amt einer Gesundheitsministerin geeignet sein kann und männliche Journalisten Zeile um Zeile abwertend über den Körper einer Frau schreiben können, ohne dass ein nennenswerter Aufschrei erfolgt.

Der Körper als Kampfzone

Wir leben in einer Zeit, in der die Angst vor dem Fettwerden gesellschaftliche Normalität ist, in der Kinder in Diätcamps mit minimalster Kalorienzufuhr gesteckt werden und Ärzt_innen FdH (»Friss die Hälfte«) für einen angemessenen Ernährungstipp halten. Wir leben in einer Zeit, in der Lehrer_innen aufgrund eines Body-Mass-Index (BMI) von über 30 in manchen Bundesländern nicht verbeamtet werden können. (1) Wir leben in einer Zeit, in der Diäten, Diätpillen, Magenverkleinerungen und dickenfeindliche Sprüche und ihre verheerenden Auswirkungen auf Körper und Seele für »gesünder« als ein dicker Körper als solcher gilt. Die Fixierung auf einen schlanken Körper und die Angst vor Fett(sein) nehmen absurde Dimensionen an: Die Kompetenzen einer Politikerin werden angezweifelt, weil sie einen dicken Körper hat und nicht etwa, weil sie kritikwürdige politische Entscheidungen in ihrer Berufskarriere gefällt hat. Sexismus, Dickenfeindlichkeit und die Nicht-Thematisierung von rassistischer Politik reichen sich die Hand.

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Programmier-Lern-Euphorie – und wie emanzipatorisch ist das jetzt?

12. Dezember 2014 von Gastautor_in

Kathrin bloggt gelegentlich unter buildingsnbridges, wo auch der folgende Beitrag kürzlich erschienen ist – den sie uns erfreulicherweise als Crosspost angeboten hat.

Programmieren war ja mal ein frauen*dominierter Job, bevor es ein männer*dominierter Job wurde. Als erste Person, die Programme schrieb, ist Ada Lovelace in die Geschichte eingegangen. Damals, im 19. Jahrhundert, konnten Rechen-Maschinen noch nicht so viel – die Mathematikerin schuf mit ihrer Arbeit jedoch eine wichtige Grundlage für ihre Weiterentwicklung. Davor und danach sind auf dem Zeitstrahl der Informatik-Historien dann oft nur noch weiße Männer zu finden. Klar: in Geschichtsschreibung und Wissenschaft werden die Beiträge nicht männlicher, nicht weiß/westlicher Protagonist_innen routinemäßig unsichtbar gemacht. (Ich wusste bis vor ein paar Wochen nicht, woher das Wort Algorithmus kommt.)

Und nachdem einige Jahrzehnte lang die professionelle Nutzung von Computern von Frauen* geprägt worden war (Biografien u.a. hier oder hier) – ohne, dass sie dafür unbedingt viel Anerkennung bekommen hätten – wurde ihr Anteil in den 1980ern dann auch tatsächlich kleiner. Während die Rechenmaschinen zu immer mächtigeren Werkzeugen wurden. Und das Prestige, das mit ihrer Bedienung verbunden war, wuchs.

Unter anderem dieser Prestigegewinn wird dafür verantwortlich gemacht, dass Informatik – wie vieles, was als ‘Technik’ gilt – heute vielerorts ein Männerjob ist. Nicht schön, aber mächtig: das Klischee des Programmierers oder ‘Nerds’ ist das eines Typens, der nicht gut aussieht und seine nur spärlich vorhandenen sozialen Kompetenzen selten nutzt – aber durch sein Technikverständnis potenziell die Welt beherrschen kann.

Seit ich vor zwei Jahren meinen Rechner mit einem BIOS-Update kaputtgemacht habe – da wusste ich noch nicht, was eine BIOS ist und wollte verstehen, was passiert war – habe ich angefangen, mich auch technisch mit Computern zu beschäftigen. Und seitdem fällt mir auf, wie viele Institutionen und Gruppen offenbar gerade damit beschäftigt sind, Informatik aus der Nerd-Ecke zu holen. Besonders Programmieren wird zugänglicher, und es wird immer wieder betont, dass auch Menschen es lernen können, die nicht schon ihr ganzes Leben lang genau das gemacht haben. In Berlin gibt es wöchentlich mehrere kostenfreie Workshops, die ich besuchen kann, wenn ich will. (Auch, weil für mich bestimmte Barrieren keine Rolle spielen – selbstverständliches Englisch-Sprechen zum Beispiel oder Rolli-Unzugänglichkeit vieler Veranstaltungsorte.) Es gibt bergeweise Ressourcen online, darunter richtig gut konzipierte Kurse – von meinem ersten Python-Kurs zehre ich jetzt im Informatikstudium noch. Und es gibt Initiativen wie die Rails Girls, die sich besonders an Frauen richten (über die Offenheit gegenüber nicht-binären Genderidentitäten weiß ich nichts). Quasi in jeder Stadt, in der es gentrifizierende Cafés mit Free Wifi gibt.

Seit ich mich mehr mit Rechnern beschäftige, bin ich – simsalabim! – in einer neuen Erzählung über feministisches Empowerment gelandet. Als Protagonistin mit Superheldinnen-Faktor: Leute machen High Five mit mir, wenn ich erzähle, was ich studiere! Die Stimmung: yey, Frauen* lernen programmieren! Wir holen die ganze Nerdigkeit nach, die wir in unserer Jugend nicht haben konnten (oder hatten, aber dafür ausgelacht wurden) und zeigen es den Mackern. Und so übernehmen wir die Weltherrschaft dann doch noch.

Ich glaube, in die Programmier-Euphorie spielt neben der Freude, sich vom weißen Macker nichts mehr sagen lassen zu müssen, auch das Bewusstsein rein, dass ‘Code’ die neue weltweit verstandene und bedeutsame Sprache ist – die auf allen Arbeitsmärkten gefragt ist, Tendenz steigend. Das Wissen, eine größere Absicherung in Bezug auf zukünftige Jobs zu haben, ist ziemlich angenehm – das merke ich an mir selbst und höre ich ähnlich von anderen Leuten, auch wenn es nicht für alle die gleiche Rolle spielt.

Selbstständigkeit und Zugang zu besser bezahlten Jobs können Empowerment bedeuten. Ja, in dieser Gesellschaft ist Überleben leider immer auch Überleben im Kapitalismus, und da gibt es keine ‘Chancengleichheit’. Wenn ich aber mit dem Slogan “If they can do it, I can do it as well!” zum Programmieren motiviert werden soll – wie auf der Seite der Rails Girls Berlin unter der Rubrik ‘Success Stories’ – hört sich das für mich nicht unbedingt feministisch an. Keine Erwähnung von Sexismus und anderen -ismen, mit denen Menschen davon abgehalten werden, zu lernen oder ihr Wissen anzuwenden. Sondern nur das “from zero to hero(ine)”-Motiv: trau dich, du schaffst das! Programmieren macht total Spaß, es ist leicht zu lernen und spannend und du kriegst coole Jobs!

Das mit den “coolen Jobs” ist halt auch so eine Sache. Während bestimmte Skills so viel zugänglicher werden (und sich das Berufsbild vom stereotypen Nerd, der in seinem Leben nie was anderes gemacht hat als zocken/hacken/nerden) weg bewegt, schwindet auch tatsächlich der Weltherrschafts-Faktor des Programmierens. Wenn ich mir mal anschaue, wer so alles Programmier-Kurse für Frauen und/oder die breite Masse unterstützt: Da ist zum Beispiel die Initiative Jeder kann programmieren, gefördert unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Riesen-Unternehmen Intel. Das ist nicht Zugänglichkeit, damit wir uns alle empowern können, sondern das Bemühen darum, dass wir genau das Richtige lernen – denn Programmieren ist die neue Schlüsselkompetenz, und es werden Arbeitskräfte gebraucht, die das drauf haben. Ja, auch Frauen* – und ja, auch hochmotivierte Menschen außerhalb der EU und der USA. Und gut, dass Long-Distance-Beschäftigungsverhältnisse durch das Internet so einfach sind, denn da lassen sich Kosten sparen. Wird da eigentlich irgendwas demokratisiert, oder vor allem Angestellte für boomende Branchen produziert? (Und für welche Branchen eigentlich? Die in vielen Darstellungen zweitberühmtesten Programmiererinnen sind Jean Bartnik, Grace Hopper und ihre Zeitgenossinnen – die meisten von ihnen arbeiteten für die US-Armee.)

Das “Ich kann alles lernen”-Gefühl, das sich nach dem ersten, und dem zweiten, und dem xten selbstgeschriebenen Programm einstellt, möchte ich nicht missen. Oder die Möglichkeit, selbstbewusst über Technik, die ich benutze, zu entscheiden. Und die Chance, im Informatikstudium Kompetenzsimulation von den Profis zu lernen. Aber ich weiß nicht, ob der Ort, den ich damit erreichen werde, sich irgendwie unabhängiger anfühlen wird. Oder vielleicht genauso stressig und prekär, wie Arbeitsleben bisher auch war.


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