Einträge der Rubrik ‘Moralkeulen’


Schlecker, die Frauen und die FDP: Eure Freiheit ist unsere Armut

29. März 2012 von Meredith

Als heute Abend klar wurde, dass es für die Beschäftigten von Schlecker keine Transfergesellschaft geben wird, sondern nur die Arbeitsagenturen, die dann Tausende von schlecht ausgebildeten Frauen zu irgendwelchen staatlich subventionierten Maßnahmen verdonnern dürfen, als klar wurde, dass sich eine winzige Partei (hallo FDP, vier Prozent bundesweit) durchsetzen konnte gegen alles, was gerecht oder wenigstens menschlich wäre, eine Partei, die sich ehrlich gesagt sonst kaum noch durchsetzen kann, ist eines klar geworden: Frauen sind in diesem Land immer noch weniger wert, und je ärmer sie sind, je sozial prekärer ihre Lage, desto egaler sind sie der regierenden Koalition. Und Frauenleben müssen in diesem Land offenbar dafür herhalten, dass Politiker ihre Prinzipientreue demonstrieren dürfen. Billig genug sind sie.

Wir haben es bei der Diskussion um die Rente gesehen, in der deutlich wurde, dass Tausenden von Frauen die Altersarmut droht und diese Bundesregierung keinerlei Interesse daran hat, das zu ändern. Und jetzt Schlecker: Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Die FDP hat in diesem Land nur noch etwas zu melden, weil niemand Lust auf Neuwahlen hat. Die FDP hat sich weder in der Eurofrage durchsetzen können, noch in sonst irgendwelchen kostenspieligen Rettungsmaßnahmen, die in den letzten drei Jahren von der Bundesregierung ausgegangen sind. Wenn aber ein paar tausend Frauen gerettet werden sollen, die ohnehin von ihrem Arbeitgeber systematisch ausgebeutet wurden, dann darf sich diese kleine Scheißegalpartei auf einmal durchsetzen.

Die Frage, ob Deutschland eine Parteienlandschaft ohne Liberalismus verträgt, wird ja zur Zeit oft diskutiert. Mich interessiert gerade, wieviel Menschenfeindlichkeit in einer Parteienlandschaft ungestört zu Hause sein darf. Aber solange es nur Frauenfeindlichkeit ist, bleibt die Demokratie ja offenbar entspannt.


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Muschialarm im EU-Parlament

29. Februar 2012 von Franziska
Dieser Text ist Teil 18 von 19 der Serie Post aus Brüssel

Salut,

ich wollte euch gern an der “Muschiaffäre” - wie BILD es so schön nennt - teilhaben lassen, die sich derzeit im Europaparlament abspielt. Mein konservativer Kollege Werner Langen (CDU, Rheinland-Pfalz) hat sich letzte Woche in der BILD über die Vagina-Monologe beschwert, die am 6. März erstmals im Europaparlament in Brüssel aufgeführt werden sollen.

Illustration: (c) Eva Hillreiner

(c) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Seiner Meinung nach gehört die Diskussion über Gewalt an Frauen und die Thematisierung der weiblichen Geschlechtsorgane ins Theater statt ins Parlament und will sich beim Parlamentspräsidenten beschweren. Das sehen wir, neun weibliche Abgeordnete und die V-Day-Gründerin Eve Ensler jedoch anders und werden das preisgekrönte Theaterstück aufführen, das auf Eves Interviews mit über 200 Frauen basiert und auf humorvolle und anmutige Weise die Sexualität und Stärke von Frauen feiert. Die Vagina-Monologe werden seit 14 Jahren am Valentinstag aufgeführt. Ich freue mich sehr, dass es uns gelungen ist, eine fraktionsübergreifende Runde von Abgeordneten als Darstellerinnen für den Aufruf für ein Ende der Gewalt gegen Frauen zu mobilisieren.

Die Darstellerinen sind:

  • Franziska Brantner (Grüne, Deutschland)
  • Isabelle Durant (Grüne, Belgien)
  • Marielle Gallo (Konservative, Frankreich)
  • Ana Maria Gomes (Sozialdemokraten, Portugal)
  • Kartika Tamara Liotard (Linke, Niederlande)
  • Ulrike Lunacek (Grüne, Österreich)
  • Sirpa Pietikäinen (Konservative, Finnland)
  • Renate Weber (Liberale, Rumänien)
  • Cecilia Wikström (Liberale, Schweden)

Noch mehr Infos zum V-day und zu den Vagina-Monologen fndet ihr auf der internationalen Internetseite des V-Days.

Viele Grüße aus Brüssel,
eure Franziska


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Mitlesen und mitmachen – kurz Notiertes in dieser Woche

28. Oktober 2011 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 126 von 153 der Serie Kurz notiert

CNN hat Apple’s neue iPhone-Stimme Siri zum Anlass genommen, Computer­stimmen zu untersuchen. Interessantes Detail: Geht es um autorität-vermittelnde Stimmen, klingen sie meist männlich, assistierende Stimmen dagegen weiblich.

Welche Halloween feiern und sich dazu verkleiden möchte, denke bitte an die goldene Regel: Hauptsache sexy.

Passend zu Halloween und einigen unsäglich rassistischen Kostümen, die wieder auf uns warten werden: Eine Kampagne von “Students Teaching About Racism in Society” (Studierende die über Rassismus in der Gesellschaft aufklären).

Nach der Lingerie Football League (Frauen spielen Football in Unterwäsche, haha, sex sells, und werden dafür nicht mal anständig bezahlt) gibt es jetzt eine Youth Lingerie Football League. Da sind die Mädchen zwar angezogen, sollen aber das lustige Leben in sexy Lingerie trainieren. Worst idea ever, wie jezebel kommentiert und hat mit Sport auch nix zu tun.

Bei xojane beschreibt eine Frau, was in ihr vor sich ging, als der Mann, der sie vor Jahren vergewaltigt hatte,  sie bei facebook fand. Schade nur, dass am Ende der Eindruck erweckt wird, als wäre sie ein bisschen selbst schuld gewesen: Hätte sie doch nur deutlicher gesagt, dass sie das nicht will…! (Danke an David für den Link).

In Österreich wurden vier Abtreibungsgegner_innen wegen Stalkings verurteilt, berichtet dieStandard.

Jamie vom Rookie Mag hat erst spät Bekanntschaft mit Masturbation gemacht. Trotzdem hat sie ein paar Fragen dazu beantwortet, jeweils mit der Anekdote einer Real-Live-Person aufgepeppt. Das hätte auch Cyndi Lauper gefallen:

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Facepalming am Morgen – Ich hab die Glamour gelesen

25. Oktober 2011 von Helga
Dieser Text ist Teil 39 von 48 der Serie Meine Meinung

Liebe Glamour,

ich weiß nicht, warum man mir den folgenden Link geschickt hat: „Die Top Ten Liebestöter“ – Anweisungen für Singlefrauen. Damit ich mich aufrege? Denn soviel heterosexistische Kackscheiße hat man lange nicht gesehen. Ob die Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse nun aus Ahnungslosigkeit oder als bewußte Instrumentalisierung geschehen ist, ich weiß es nicht.

Schon nach dem ersten Tip Eurer Klickstrecke kann jede vernünftige Singlefrau nur wegklicken. Liebestöter Karriereambitionen? Ernsthaft? Weil Männer „nur zu 5 Prozent Wert auf Bildung und Einkommen der Partnerin“ legen? Aus „sie muss nicht reich sein“ macht ihr also ein „sie darf nicht erfolgreich werden wollen“. Dass ein Viertel der Männer eine Frau mit ähnlichem Energielevel (unspezifiziert) sucht, aber Frauen keine Couch-Potatoes sein dürfen, übersehe ich dank des Katzenbildes erst mal großzügig.

Weitergeklickt, nächster Tip: Aus „Konflikte einfach lösen“ wird „wenn Frauen Konfliktherde sind“. Hier habt ihr nicht mal mehr Probleme mit Korrelation und Kausalität, ihr habt einfach gar nichts verstanden. Und zieht das alte Klischee der anstrengenden Alten, die ihrem Macker täglich das Leben schwer macht, aus dem Hut. Unhinterfragte Stereotypen, gepaart mit etwas Frauenhass? You haz it! (weiterlesen …)


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Wenns nicht mal für eine Quotenfrau reicht

28. September 2011 von Helga

Es gibt so Artikel, bei denen frau sich fragt, warum frau die im Jahr 2011 eigentlich noch schreiben muss. Weil frau auch klar ist, dass es die üblichen drei Ausreden geben wird („keine Frau hatte Zeit, das hat sich einfach so ergeben, wir sind halt post-gender“) und dass sie wieder als die ewige Nörglerin beschimpft werden wird.

Aber jetzt mal ehrlich liebe Konferenzorganisator_innen von SuMa e.V. und PolitCamp e.V. – keine einzige Frau dabei zu haben ist ne reife Leistung. Gerade findet in Berlin der „SuMa-eV-Kongress 2011: Geld verdienen im Internet?“ statt. Mit dabei sind 22 Männer (darunter auch Feministen) und 0 Frauen. Gibt es wirklich keine einzige Frau, die im Internet Geld verdient? Oder dann wenigstens eine, die darüber redet, warum das so schwer ist?

Geradezu grotesk wirkt es bei der Diskussionsrunde „Demokratie und Staat“ des PolitCamps, die im Oktober stattfinden wird. Sechs studierte weiße Männer, die meisten in der (Netz-)Politik und in Führungspositionen, debattieren über die folgende Fragestellung:

Politische Beteiligungsmöglichkeiten dehnen sich immer mehr auf das Netz aus. Dabei liegen oftmals nicht technische Probleme im Vordergrund, sondern mangelt es oft noch an einer zu geringen Reichweite oder eine enttäuschende Beteiligung des Angebots. Läuft solch eine Beteiligung Gefahr verschiedene Bevölkerungsgruppen von Anfang an auszuschliessen? Kommt es zur Diktatur der Aktiven?

Anke Domscheit-Berg fragte dazu auf Twitter: Warum sagen moderne Männer nicht einfach bei solchen Konferenz ab, die weibliche Kompetenz ignorieren?

Tweet von @fraeulein_tessa (teresa m. bücker): Wer es nicht schafft ausreichend* weibliche Speaker zu gewinnen, ist schlecht vernetzt und sollte den Job wechseln. /cc @anked @annnalist

Und damit auch wirklich niemand mehr eine Ausrede hat: Erst nachdenken, wieviele Frauen man tatsächlich kennt, denn auch bei Netz- und Technikthemen sind es manchmal mehr als erwartet. Und dann konsequent nachfragen, bis man seinen Bekanntenkreis erweitert hat – irgendwo stand mal die Regel, für jede Absage einer Frau nach fünf weiteren Kontakten zu fragen. Im Sinne eines Bewußtseinwandels sollten aber auch ruhig alle männlichen Experten auf ihre Kolleginnen befragt und so vielleicht auch ein Stück weit für das Thema sensibilisiert werden.


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Let’s Work It

29. August 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 19 von 20 der Serie Sex am Morgen

Dieser Morgen-Sex ist ein richtig hartes Stück Arbeit. Die Vulva-Spots verlinken dieses Mal nicht nur fluffig-leichtes Zeug für nen Quickie, sondern auch lange und interessante Texte, die mehr euren Kopf als euren Körper beschäftigen dürften. Das gilt auch fürs Kopfrechnen, denn es gibt gute Methoden, im Internet die Kohle zu kriegen, um mit den eigenen Projekten dem sexuellen Mainstream etwas entgegen zu setzen.

Eine neue US-Studie will heraus gefunden haben, dass Promiskuität bei jungen Frauen einen messbar negativen Einfluss auf ihr Bildungsniveau habe. Haha, da kann man echt nur drüber lachen. Das Magazin “Materialien und Informationen zur Zeit” (MIZ) tut genau dies und enttarnt in einem äußerst lesenswerten Artikel die christliche Keuschheitsbewegung, die hinter solchen Erkenntnissen steckt.

Rachel Rabbit White bloggt über “(A)sexual”, die Dokumentation über den New Yorker Asexuellen-Aktivisten David Jay.  Toll, dass ausgerechnet eine Sex-Bloggerin schreibt, das keinen Sex zu haben auch völlig in Ordnung sei – auch wenn es Gegenstimmen gibt, die sagen, wer keinen Sex habe bzw. sich nicht sexuell fühle, unterdrücke etwas. Da sind wohl noch einige Fragen offen – weiß auch White und stellt diese einfach mal in die UserInnen-Runde.

In den USA fand vergangenen Sonntag erneut der Oben-ohne-Tag statt, der die Gleichberechtigung weiblicher Oberkörperfreiheit fordert. Focus.de zeigt einen Video-Beitrag, der – ähnlich wie bei den Slutwalks – das geil-auf-nackte-Haut-Interesse dokumentiert. Lieber mal bei gotopless.org umschauen und, wie es aussähe, wenn Männer ihre Oberkörper mit Bikinis verdecken müssten.

Moskau hat sein erstes Sex-Museum jubelt sueddeutsche.de. Da steht zwar ein Riesen-Phallus am Eingang, aber die Vulva lässt sich nur an den Darstellungen von Stripper-Puppen und anderen ‘sexy’ Exponaten erahnen. Überhaupt, Russland pflegt die übliche Doppelmoral, traditionelle Werte hochzuhalten und gleichzeitig Bikini-Mädchen und Miss-Wahlen für öffentliche Veranstaltungen zu nutzen.

An ein Projekt glauben, aber kein Geld für die Realisierung haben? Crowdfunding, also Geld übers Internet sammeln, könnte die Lösung sein. In nur zwei Tagen konnten Designer so einen neuartigen Vibrator finanzieren lassen, auch der ‘PorNeofilm’ “Hotel Desire” mit Schauspielern wie Clemens Schick und Anna Maria Mühe konnte so realisiert werden.


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Schuldig im Sinne des Sex

8. Juni 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 17 von 20 der Serie Sex am Morgen

Vergangene Woche war ich für eine Geschichte in Barcelona am Set von Erika Lusts neuem Film, der im Oktober herauskommt. Nicht nur habe ich eine tolle Feministin und Pornoregisseurin samt Crew getroffen, sondern bin auch auf die großartige Lianda Dahl gestoßen, die ihre eigenen Videos im Netz verbreitet und ein ebenso tolles Blog hat.

Apropos Porno: Straßen aus Zucker hat sich in einem sehr lesenswerten Beitrag so ihre Gedanken gemacht und stellt Sex-Posititivität, die auch in Pornos ihren Ausdruck finden kann, den negativen Aspekten wie Gewalt und Sexismus gegenüben – inklusive historischen Notizen und einem Blick auf die jüngere Por-Yes-Bewegung.

Erika Lust beim Dreh - ihr neuer Film erscheint im Oktober

Die ewige Frage: Sind weibliche Sex-Fantasien und Feminismus vereinbar? Mit dieser Frage beschäftigt sich Miranda Huba in ihrem Theaterstück “Dirty Little Machine”. Zwar lief das gerade im fernen New York, aber Bust rezensiert das Geschehen und stellt die relevanten Inhalte vor, wie die Frage, ob die eigenen Sextapes zu verkaufen feministisches Empowerment ist, oder nicht.

BoingBoing verweist auf eine Studie, nach der Sex bei Christen Schuldgefühle auslöst. Auf einer Skala von eins bis zehn liegen katholische und evangelische Schuldgefühle um die sechs. Die Mormonen sind noch ärmer dran: Die schämen sich auf eine 8,2. Solche Nachrichten bestätigen mal wieder diejenigen, die schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten sind. Wobei es dafür natürlich noch ganz andere – feministische – Gründe gibt.

Zensiert wurde bei der us-amerikanischen Buchhandelskette Barnes & Noble das Cover der Zeitschrift Dossier. Dort zu sehen ist der nackte Oberkörper von Model Andrej Pejic, über dessen androgynen Look wir schon berichteten. Ob dieser verhüllt wird, weil Pejics Style mit Lockenklammern im Haar zu feminin wirkt oder weil sein Oberkörper nicht den gängigen Darstellungen von Männern auf Magazintiteln entspricht, jezebel und skepchick diskutieren das eifrig.


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Ich bin hier

26. Mai 2011 von Kübra
Dieser Text ist Teil 14 von 35 der Serie Das Wort zum Freitag

Die muslimischen Verbände müssen sich zu Homosexualität positionieren!”, sagt er zu mir. Er ist CDU-Politiker und ehemaliger Minister. Wir sitzen zusammen auf dem Podium, und ich kann nicht glauben, was ich da höre. “Verlangen Sie denn dann auch von jedem Katholiken, dass er sich zu Homosexualität positioniert?”, frage ich zurück. Er wird rot, schweigt und verschränkt trotzig die Arme.

Besser hätte er sich nicht entlarven können. Weshalb misst man in unserer Gesellschaft mit zweierlei Maß? Warum sollen sich Muslime und Migranten über das Grundgesetz hinaus zu etwas bekennen, wiederholt Loyalität zu Deutschland bekunden oder sich von irgendwelchen Dingen distanzieren? Ich bin hier und lebe hier. Ich muss mich zu nichts mehr oder weniger bekennen als meine Freundin Julia, die Nationalstaaten total bescheuert findet. Oder Claudia, die sich für die brasilianische Nationalmannschaft in gelb-grüne Flip-Flops und T-Shirts wirft, wenn Fußball-Weltmeisterschaft ist. Oder Lena, die den Kapitalismus satthat und lieber den Kommunismus einführen wollen würde.

Darf ich das auch wollen?

Es ist Abend. Der türkische Verbandsvertreter steht schnurgerade mit dem Sektglas in der Hand. Ich schiele zu ihm rüber und spüre seine Anspannung. Er bemüht sich um ein Lächeln in die Runde und streicht sich durch die dunklen Haare. Wir sind in Berlin bei einem Botschafter zum Essen eingeladen. Anlass ist der Sederabend, der Auftakt des jüdischen Pessach-Festes. Man ist gut angezogen, schicke Kleider die Damen, Anzug und Krawatte die Herren. Auch seine Krawatte sitzt – nur ein bisschen zu eng vielleicht.

Nach dem kurzen Empfang setzen wir uns an den festlich mit Silberbesteck dekorierten Tisch. Ich sitze neben einem bekannten und angesehenen Juden. Wir unterhalten uns über die jüdischen Traditionen und Eigenheiten. Ein jüdischer Professor führt uns in die Rituale des Sederabends ein. Er ist kein praktizierender Jude, deshalb muss ihn mein Sitznachbar hin und wieder korrigieren, humorvoll. Man lacht, scherzt und ist bemüht, jeden Gast einzubinden. Die angespannte Stimmung löst sich. Nur bei ihm nicht, dem türkischen Verbandsvertreter. Kerzengerade sitzt er an seinem Platz.

Später am Abend lehnt er sich über den Tisch. Er will einige Worte sagen. Man ist still, lächelt ihn an und hört ihm zu. Er schiebt die Gabel hin und her. “Danke für die Einladung!”, sagt er. Bitte-gern-Gemurmel ertönt. Dann holt er aus: “Ich möchte mich im Namen meines Vereins von den terroristischen Anschlägen in Israel und den USA distanzieren. Das, was die gemacht haben, ist falsch. Die sind keine richtigen Muslime. Im Islam darf man das nicht. Wenn man einen Menschen tötet, dann ist das so, als ob man die ganze Menschheit getötet hätte.” Er stockt und verhaspelt sich. Man ist still und betreten. Er fährt fort: “Also wir Muslime verurteilen diese Terroristen aufs Schärfste. Sie gehören nicht zu uns, sie sind eine Minderheit.”

Ich schaue auf meinen Teller und versuche die Stille am Tisch zu hören. In mir drinnen ist es viel zu laut.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)


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(kein) Scheidungsrecht in Malta

25. Mai 2011 von Franziska
Dieser Text ist Teil 11 von 19 der Serie Post aus Brüssel

Salut!

Der 28. Mai ist ein wichtiger Tag für Malta. Dann findet dort ein Referendum zum Thema Scheidung statt. Denn bis heute gibt es in Malta kein Recht auf Scheidung, lediglich Trennung und Aufhebung sind nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch und dem Ehegesetz vorhanden. Für viele ist es wahrscheinlich überraschend, dass es noch nicht in allen EU-Ländern die Möglichkeit gibt, sich scheiden zu lassen. Am 28. Mai soll deshalb das Referendum der Frage nach einer Legalisierung der Scheidung nachgehen.

Illustration: (c) Eva Hillreiner

(c) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Dazu gibt es folgende Überlegungen:
Wie ist die Stimmung dazu in Malta? Es gibt eine “JA-Bewegung”, die aus einzelnen Abgeordneten der Labour- und Nationalist-Party und den Grünen “Alternattiva Demokratika” besteht. Weiterhin unterstützen einige Nichtregierungsorganisationen und zwei Zeitungen die Kampagne für ein Scheidungsrecht.
Auf der gegnerischen Seite setzen sich hauptsächlich die katholische Kirche und die regierende Nationalist-Party gegen ein Scheidungsrecht ein. Die Labour-Party hat keine Stellung bezogen, ihr Anführer scheint persönlich dafür zu sein.
Aktuelle Umfragen sagen ein sehr knappes Ergebnis voraus.

Welche Auswirkungen kann das Referendum haben?
Leider ist es nur “moralisch bindend”, das heißt, es gibt keine Rechtsverbindlichkeit. Mehrere maltesische Abgeordnete haben in Interviews geäußert, dass sie sich an das Ergebnis des Referendums halten würden. Einige wenige haben jedoch auch angekündigt, keine Rücksicht auf das Ergebnis zu nehmen. Um tatsächlich ein Scheidungsrecht in Malta einzuführen, bedarf es eines Legislativprozesses im maltesischen Parlament.

Was genau steht in dem Referendum?

“Sind Sie mit der Einführung einer Option auf Scheidung für verheiratete Paare einverstanden, die offiziell getrennt sind oder seit mindestens 4 Jahren getrennt leben und bei denen keine begründete Hoffnung auf ein erneutes Zusammenfinden besteht, wenn angemessende Zustandswahrung und Schutz der Kinder garantiert sind?”
(“Do you agree with the introduction of the divorce option in the case of a married couple which has been separated or has not lived together for at least four years, and where there is no reasonable hope of reconciliation between the spouses, while adequate maintenance is guaranteed and children are protected?”)

Man darf gespannt sein, welche Entscheidung der 28. Mai Malta bringen wird. Mehr noch aber, inwiefern die politische Entscheidung gesellschaftlich umgesetzt werden kann.


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Alles so schön glitzernd hier

20. Mai 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 16 von 20 der Serie Sex am Morgen

Über den Mai als Masturbationsmonat habe ich letztes Mal schon berichtet. Anyone Sehnenscheidenentzündung?! Tracy Clark-Flory hält es eigentlich für überflüssig, so betont darauf hinzuweisen. Masturbation und die entsprechenden Hilfsmittel hätten doch schon längst Drogeriemarkt-Verfügbarkeit erlangt, schreibt sie auf salon.com. Ihre Ansicht, dass sich heute keiner mehr fürs Hand-an-sich-selbst-legen schäme, teile ich zwar nicht, sehr aber ihre Ansicht, was die Anerkennung unserer Fantasien angeht. Denn darin gibt es jede Menge Material, das wir außerhalb unseres Vorstellungsvermögens wohl kaum realisieren würden. Trotzdem: “Fantasien sind wie Träume – sie sind nicht richtig oder falsch. Sie sind einfach da.”

Fantasien reizt auch das Porno-Magazin Candy Rain an, das sich auf bunte Penisabbildungen spezialisiert hat. Nehme ich nach einem Blick auf die Webseite zumindest an: for women who love dicks and a sense of humor. Print-Ausgabe Nr. 2 ist gerade erschienen und bust erzählt, was so drin steht. Ein passendes Blog gibt es außerdem – mit so steil gehenden Kategorien wie “boner”, “fantasy dick” oder “dicks in our box”.

Apropos Penisse: Ein Mädchenmannschaft-Interna sind schon seit einiger Zeit die tollen Glitzer-Penisse, die James P James für sein Blog fotografiert hat. Ein tolles Partyoutfit oder einfach im Büro unter der Jeans für etwas Disko sorgen.

"Lade nur solche Bilder hoch, mit denen deine Mutter leben kann" - solche und andere Tipps gibt es auch auf deutsch bei www.eetiquette.de

Unter der großartigen Überschrift “Schlacht am Venushügel” geht Spiegel Online der us-amerikanischen Moral und ihrem neusten Geißelungstrend, der Sexsucht, an die Wäsche. Denn die ständig zunehmenden Selbsthilfegruppen machen vor allem eins deutlich:

Organisationen wie die Sex Addicts Anonymous oder die inzwischen auch in Deutschland operierenden Sex and Love Addicts Anonymous sind durchdrungen von erzkonservativem Gedankengut und halten eine liberale Einstellung zu Sex und Partnerschaft schlicht für eine Krankheit.

Nachdem klar ist, dass “Sexsucht” zumindest hierzulande noch weitgehend als konstruierte Krankheit gilt, zurück zur Sexlust: Jezebel guckt in der Rubrik after midnight nach unerwartetend erogenen Zonen. Kniekehle, der kleine Zeh oder die Augenlider – so manche unentdeckte Stelle wartet. Kommt mit auf Entdeckungsreise!

Und zuletzt noch ein Touritipp jenseits unserer Körper: Neil Genzlinger tauscht für die New York Times an einem Sonntag  den Kirchgang gegen einen Streifzug durch das Museum of Sex.


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