Einträge der Rubrik ‘Mitdenken’


Ans Licht mit dem Wolkenkuckucksblog! Ein Aufruf.

31. Januar 2012 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 23 von 23 der Serie Der Kommentar

Jana hat gerade ihren Wolkenkuckucksblog gestartet und wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung Ihren Blogpost zu Lurker_innen. Sie sucht außerdem Kontakt zu anderen Lurker_innen, die sich unter wolkenkuckucksblog@gmail.com bei ihr melden können.

Seit mindestens vier Jahren habe ich ein imaginäres Blog. Ich befülle es allwöchentlich mit virtuellen Einträgen. Wenn ich in Stimmung bin, denke ich mir virtuelle Kommentare dazu aus. Ich habe sogar schon diverse Domains registriert, WordPress-Themes angepasst und About-Seiten verfasst. Doch freigeschaltet habe ich sie nie. Und einen tatsächlichen Blogeintrag habe ich noch nie geschrieben, auch wenn ich es mir jeden Monat aufs Neue vornehme.

Ich habe das immer für meine persönliche Wahnsinnigkeit gehalten. Doch seit einiger Zeit frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Ob es nicht doch noch viele andere Wolkenkuckucksblogger*innen wie mich gibt – und ob es nicht tatsächlich vornehmlich Wolkenkuckucksbloggerinnen sind. Denn plötzlich fielen mir Parallelen auf: Diese existentielle Angst, wenn ich mal einen Blogkommentar (zweimal in meinem Leben habe ich mich das – unter Pseudonym! – getraut) oder ein Mailinglistenposting geschrieben habe – irgendwie fühlte sie sich doch sehr ähnlich an wie der Fluchtimpuls, der mich regelmäßig in platzhirschdominierten Gesprächsrunden ergreift. Dieser Drang, bloß unsichtbar zu bleiben. Diese Stimme, die mir einredete, ich habe nichts Sinnvolles beizutragen: War das nicht vielleicht der „innere Patriarch“, vor dem mich eine wohlwollende ältere Kollegin immer gewarnt hatte? Diese ständigen Gedankenschleifen: Ich blogge unter meinem richtigen Namen, ist doch Quatsch sich zu verstecken. Aber was, wenn ein wahnsinniger Internettroll mich aufspürt? Also doch ein Pseudonym? Aber das ist doch feige! Und da capo. War diese Angst vor „dem bedrohlichen Internet“ nicht sehr vergleichbar mit der Angst vor dem gefährlichen Park / der unheimlichen Seitenstraße / dem finsteren Hinterhof / der einsamen Haltestelle in der Dämmerung? (weiterlesen …)


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Hört auf Körper in ‚gut’ und ‚schlecht’ einzuteilen

25. Januar 2012 von Magda
Dieser Text ist Teil 41 von 41 der Serie Meine Meinung

In letzter Zeit schwirrt im Netz ein Bild umher, welches mit den immer gleichen Kommentaren gelobt wird: „Keine Frau sollte sich runterhungern!“ und „Esst mal wieder mehr! Das sieht besser aus als diese abgemagerten Models“ oder „Richtige Männer stehen auf Frauen mit Rundungen!“

Das Bild zeigt insgesamt 8 Frauen*: Die oberen vier sind prominente und nach gängiger Definition schlanke Schauspielerinnen oder Models, die Dritte von rechts zum Beispiel Keira Knightley. Die unteren vier Persönlichkeiten sind Prominente aus vergangenen Zeiten, darunter die Schauspielerin und oft als ‘Sexsymbol’ bezeichnete Marilyn Monroe. Verziert wird die Collage mit dem Spruch „Wann wurde dies… attraktiver als das?“

When did this become hotter than this? ("Wann wurde dies... attraktiver als das?")

Die Kommentare zu diesem Foto veranschaulichen exakt, was mir an diesem Bild gewaltig stinkt: Hier werden bestimmte Körperformen als ‘ideale weibliche Figur’ propagiert, die in jedem Fall ‘schöner’, ‘begehrenswerter’ und ‘gesünder’ seien als die oberen vier Körper, getreu dem Motto: “Gegen Schlankheitswahn, für gesunde, schöne Körper!“

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Bilder im Kopf – wie Spendenplakate Rassismus am Leben erhalten

20. Dezember 2011 von Helga

Gerade vor Weihnachten sind sie überall – Spendenplakate von Hilfsorganisationen. Carolin Philipp und Timo Kiesel nehmen sie in dem Film „White Charity“ genauer unter die Lupe. Wer spricht auf den Plakaten? Welche Bilder vermitteln sie über schwarze und weiße Menschen? Geht es bei dieser Darstellung wirklich um das Beenden von Ungleichheit und Ungerechtigkeit?

Der Film dauert rund 48 Minuten und enthält englische Interviews, für die deutsche Untertitel vorhanden sind (leider ist nicht der gesamte Film untertitelt). Aufgeführt wird er heute abend um 21:00 Uhr in der Berliner Hauskooperative Groni50, Groninger Str. 50. Außerdem am 16. Januar in der Uni Augsburg (17:30 Uhr) und am 17. Januar im Münchner Nord-Süd-Forum, Schwanthalerstr. 80 (19 Uhr).

Weitere Informationen und eine Literaturliste gibt es auf www.whitecharity.de. Dort kann auch die DVD zum Film bestellt werden.

(via i heart digital life)


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Keine Kuschelquote – Warum ich die Berliner Erklärung nicht unterzeichne

19. Dezember 2011 von Maria
Dieser Text ist Teil 3 von 4 der Serie Feminismus im Recht

Frauen aller Bundestagsfraktionen und UnterstützerInnen aus Politik und Gesellschaft schließen sich zusammen, um der Gleichstellung von Frauen und Männern zum Durchbruch zu verhelfen. Sie fordern in der Berliner Erklärung vom 15.12.2011 die paritätische und gleichberechtigte Einbeziehung von Frauen in die Entscheidungsprozesse der Wirtschaft und stellen fest, dass dies nur durch verbindliche gesetzliche Regelungen erreicht werden kann. In einem ersten Schritt wollen sie eine 30%-Quote in den Aufsichtsräten der börsennotierten, mitbestimmungspflichtigen und öffentlichen Unternehmen. Ich sollte mich freuen, dass endlich mal Frauen aller Fraktionen zusammen sagen, übrigens, es besteht gleichstellungspolitischer Handlungsbedarf. Sie sagen das auch durchaus mit Nachdruck.

Was mir an der Petition sehr gut gefällt und was ich sofort unterschreiben würde, ist die Feststellung, dass die Gleichstellung in der Realität noch lange nicht verwirklicht ist. Weiter heißt es in dem Einleitungstext: „Die anhaltende Benachteiligung von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen steht damit im Widerspruch zu unserem Grundgesetz und zu internationalem Recht.“

Trotzdem kann ich mich nicht dazu durchringen, diese Petition auch zu unterzeichnen. What’s not to like?

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Nur Konsens ist Sex

14. Dezember 2011 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 21 von 23 der Serie Der Kommentar

Leonie Kapfer, 25, hat in Wien Ernährungswissenschaften studiert und arbeitet beim feministischen Monatsmagazin an.schläge als Redakteurin. Dabei recherchiert sie gerade für die nächste Ausgabe der an.schläge über die wundervolle Welt der Orgasmen und findet Feminist_innen sollten sich endlich wieder mehr mit dem Thema Sex auseinandersetzen. Für die an.schläge schrieb sie auch den Text: “Nur Konsens ist Sex“, den sie uns als Gastbeitrag zur Verfügung stellt.

Was ist eigentlich los mit dem heterosexuellen Geschlechtsverkehr? Wie kann es sein, dass Männer wie Strauss-Kahn, Assange und Kachelmann denken, sie hätten einvernehmlichen Sex, obwohl ihr Gegenüber das ganz anders sieht? Wer eine Antwort auf diese Frage will, muss sich genauer mit dem Konzept „Konsens“ beschäftigen.

Unsere heutige Idee von einvernehmlichem Sex beinhaltet einzig die Abwesenheit eines Neins. Wer nicht Nein sagt, meint Ja. Schweigen wird so ungewollt zur Zustimmung. In dieser Vorstellung existieren aber zahlreiche Grauzonen. Was tun, wenn ein/e SexualpartnerIn nicht in der Lage ist, ein Nein zu formulieren? Sei es, dass sie unter Drogeneinfluss steht oder andere Umstände eine verbale Kommunikation verhindern.

Was bloßes „Nein heißt Nein“ in der Praxis bedeutet, zeigt etwa ein erschütternder Fall in Paderborn. Dort hat ein 48-jähriger Mann über Jahre hinweg eine psychisch kranke Frau vergewaltigt. Der Richter sprach den Mann jedoch frei, da sein Opfer keinen Widerstand geleistet hatte.

So wichtig der Slogan „Nein heißt Nein“ auch war und ist – um wirklich konsensuellen Sex zu haben, bedarf es mehr. „Bevor ich wusste, was passiert, war er in mir. Kein Vorspiel, keine Warnung, kein Konsens. Es tat weh und weher, und es hörte auch nicht auf zu schmerzen, und selbst heute tut es noch weh, wenn ich daran denke, dass ich damals zu schüchtern und zu verstört war, um Nein zu sagen.“ So beschreibt US-Comedian Margaret Cho ihr erstes Mal. Ein Einzelfall ist diese Geschichte mit Sicherheit nicht. Grenzüberschreitungen dieser Art passieren immer wieder, und die Schuld wird letztlich den Frauen gegeben, denn sie hätten ja Nein sagen können. Unsere angebliche sexuelle Befreiung ist auf ein Nein zusammengeschrumpft.

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Ja, es schmeckt. Na und?

5. Dezember 2011 von Magda

Glücklich kauend stehe ich am Buffet und greife nach dem zweiten Schnittchen.

„Na, Ihnen schmeckt es aber!“
„Nach dem zweiten Stück Torte passt der Badeanzug aber nicht mehr!“
„Keine Angst, das Essen läuft nicht weg!“
„Hast du schon wieder Hunger?!“

Dies sei nur ein kleiner Ausschnitt der Sprüche, die ich schon so oder so ähnlich von (mir teilweise unbekannten!) Menschen zu unter­schied­lichen Zeiten meines Lebens gehört habe. Als eine, die die meisten wohl als „über­gewichtig“ oder zumindest pummelig be­zeichnen würden, habe ich mein Leben lang ein ganzes Reservoir an Kommentaren sammeln dürfen. Nicht gerade eine Sammlung, die mein Sammlerinnen-Herz höher schlagen lässt.

Klar könnte ich darüber hinwegschauen und einen Witz machen, um die lustige Dicke zu mimen. Ich könnte es auch wiederholt als individuelles Erlebnis abtun und die Angelegen­heit bis zum nächsten Eisessen vergessen. Ich könnte meine eigenen Problemchen hinten anstellen und denken: Andere leiden auch, aus unter­schied­lichsten Gründen. Doch zurück bleibt der fade Nach­geschmack, wieder bewertet, ver­glichen und ab­geurteilt zu werden.

Und ich weiß: Es hat System das Ess­verhalten und die Körper von Menschen zu bewerten. Mit Blicken, Gedanken, Worten. Und wenn es nicht die anderen machen, kommen Praxen von Selbst­regierung ins Spiel. Viel­leicht, um uns beschäftigt zu halten. Als dicke Frau komme ich mir manchmal vor wie öffentliches Gut, deren Ess­verhalten von allen be­sprochen werden darf. Manchmal initiiere ich dumme Witze sogar selbst. Ich hasse die Norm, aber ich lebe sie auch selbst.

Klar, über Essen reden sowieso alle. Eigent­lich immer. Der Mittags­tisch ist eine einzige Sündenhölle. Ein Nachschlag Nudeln, obwohl sich das Bäuch­lein schon wölbt? Ein weiteres Löffelchen Braten­sauce? Wirklich? OBWOHL ES NOCH KUCHEN GIBT!? Manch eine_r setzt sich an den liebevoll gedeckten Tisch und redet – kauend! – über nichts anderes als Kalorien, Gewicht und Fett­anteil. Und über das nächste von Kohle­hydraten befreite Essen, das man doch mal zu­be­reiten könnte.

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Sexistisch in den Advent und anderes Erhellendes in der Blogschau

26. November 2011 von Verena
Dieser Text ist Teil 135 von 143 der Serie Genderissimi: Die Blogschau

denkwerkstatt regt sich über die Titelgeschichte des Magazings profil auf, wonach jede zweite Österreicherin an den Rückzug zu Kindern und Küche denke. Was das für die finanzielle Sicherheit dieser Frauen bedeutet ist klar: Vertrauen in die Partnerschaft.

paper cuts überlegt, warum sie sich als “beinharte Feministin” bezeichnet, obwohl sich ihr referentieller Lesekonsum in Grenzen hält. Aber statt Theorie hat sie jahrelange praktische Erfahrung damit, was es heißt “ein Mädchen” zu sein. Und ein paar Wünsche für eine besser Zukunft außerdem.

Ein Fremwörterbuch hinterfragt – nicht zum ersten Mal – Rassismus als Randproblem und als in der rechten Szene verortetes Problem. Zwar setze langsam eine stärkere Sensibilisierung unter “Migranten, Deutschen mit Migrationshintergrund und engagierten autochtonen Deutschen”, aber was wir brauchen ist die ehrliche Auseinandersetzung in der Mehrheitsgesellschaft.

Piratenweib hält Ausschau nach Weihnachtsgeschenken und entdeckt jede Menge sexistische Kackscheisse. Das zieht jede Menge Fragen nach sich, zum Beispiel warum sexistische Werbung Männer ins Lächerliche zieht und Frauen ins Sexuelle?

In würgende Weihnachtsstimmung bringt sich auch kopfweh statt rausch mit einem Blick auf die Werbung für den nahenden Axe Weihnachtskalender. Jaja, die Geschenke von unseren Freunden der Deo-Vermarkung sind uns ohnehin die liebsten…

Die kleine Ethnologin hat sich durch die Zeitungen und ihre Darstellung von Frauen in der rechten Szene gelesen und kommentiert die Berichte auf SpOn, in der Sz und taz.

Astrodicticum Simplex geht in Deckung angesichts pink-mit-grusel Spielsachen, die Mädchen Wissenschaft näher bringen sollen. Das ist auch ein gutes Beispiel für Clarke’s Law for Girls’ Toys.

Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner war gerade in Deutschland zu Besuch und hat in unterschiedlichen Interviews eine Erhöhung der Autorinnenquote bei Wikipedia gefordert. Warum es nicht so leicht ist, in dem Männerclub einen Pumps auf den Boden zu kriegen, erklärt Andreas Kemper  im Blog von der Freitag.

Adrians Blog wägt die Vorteile einer (pro)feministischen Männerorganisation ab. Neben theoretischen Aspekten wie Reflexion und Männlichkeitsforschung könnten Demos und Engagement in Gruppen und im Netz auch aktionistisches Potential entfalten.

Anarchie und Lihbe berichtet, wie sie der sexuellen Belästigung während ihrer Ägyptenreise mit einer hässlichen Gummifratze begegnete. Lustig ist das nicht, eher verwirrend und von nachdenklichen Fragen begleitet.

Genderverrückt nennt sich ein neues Gender-Blog, geschrieben von jemandem “meist als männlich gelesen” mit dem Ziel “ohne Pathos und eher der Konvention gerecht: Hegemoniale Männlichkeit dekonstruieren, männliche Identität queeren.”

So Let’s Have A Baby zeigt ein Schauspiel in drei Akten: SAT 1 und die Frage, warum Homos eigentlich keine Kinder adopieren können. In den Hauptrollen: eine lesbische Frau, ein schwuler Mann und zwei – das Gesetz Gottes – vertretende Christen.

Und noch ein aktueller Termin:

Am 1. Dezember stellen im Audimax der Uni Halle ab 19 Uhr  Gesa Mayer und Robin Bauer in ihren Vorträgen die Monogamie sowohl in hertero- als auch homosexuellen Beziehungen als romantisiertes Ideal in Frage.


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Die Antwort auf alle “Mädchen”-Fragen: Mansplaining

18. November 2011 von Nadine

Auf jetzt.de erschien diese Woche ein Artikel zur immer wieder kehrenden Debatte, ob Frauen* sich Mädchen nennen sollen oder lieber nicht. Der Autor des Textes bezieht sich positiv auf Caroline Drucker, die sagt:

Wer sich Mädchen nennt, [...], macht sich bewusst klein.

Zweifelsohne wird “Mädchen” als Fremdbezeichnung genutzt, um Frauen* herabzusetzen oder Männer* als “unmännlich” zu beschimpfen. “Mädchen” ist auch im Kontext homophober Äußerungen zu finden. Um den Begriff seiner negativen Konnotation zu entziehen, gibt es zahlreiche Versuche ihn umzudeuten. Mädchen, Girl oder Grrrl werden als Selbstbezeichnungen ins Feld geführt. Drucker und auch der Autor halten das für Quatsch. Worte seien machtvoll und deshalb müsse frau sich diesen entziehen, wenn sie nicht herabgesetzt werden wollen.

Das bedient mal wieder altbekannte Muster: Emanzipatorische Selbstbezeichnungen werden ins Lächerliche gezogen, dominante sexistische (und homophobe) Diskurse nicht hinterfragt oder kritisiert. Stattdessen werden Betroffene mit Hinweisen und Ratschlägen konfrontiert, wie sie sich “richtig” zu verhalten haben. Wenn sie sich nicht daran halten, dann sind sie eben selbst schuld. Das Problem ist also nicht Sexismus oder Homophobie, die Zielgruppe von Kritik sind nicht jene, die sich sexistischer oder homophober Äußerungen bedienen, sondern die Betroffenen selbst.

Grundsätzlich ist es jedoch so, dass sich keine_r Sexismus und Homophobie entziehen kann. Wir verhalten uns alle auf unterschiedliche Weise dazu, ob wir wollen oder nicht. Aneignungs- und Umdeutungsversuche sind _ein_ Versuch, kritisch mit Unterdrückungsmechanismen umzugehen. Ob das innerhalb machtvoll wirkender Diskurse immer von Erfolg gekrönt ist, ist die eine Sache, obliegt aber erstmal der Deutungshoheit von Betroffenen, die diese Selbstbezeichnungen verwenden. Die andere Sache ist jener unreflektierte Umgang mit Sexismus, den Caroline Drucker und der Autor des Textes an den Tag legen.

Und als ob das nicht schon zynisch genug wäre, reicht am Ende noch ein kurzer Blick auf die Sprechposition, die den jetzt.de-Artikel durchzieht: ein Mann, der Frauen* vorschreibt, wie sie Sexismus entgehen können. Indem sie einfach seinen “schlauen” Anweisungen folgen. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes: Herrlich!

Weitere Artikel zum Thema:
Revolutionäre Mädchen
Die Mädchendiskussion – Folge 173945
Frau, Fräulein, Mädchen?


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Raus aus der Betroffenheitsfalle

15. November 2011 von Helga

Am vergangenen Wochenende war ich in Nürnberg beim Netzpolitischen Kongress der BayernSPD. Relativ spontan saß ich dabei in der Podiumsdiskussion „Partizipation und Internet“. Aus dieser Diskussion sowie dem Kongress an sich wurde mal wieder eine Sache deutlich: Teilhabe ist immer noch Sache der Betroffenen und für die wird es zur Sackgasse.

Das fing schon mit der anscheinend unvermeidlichen Frage an mich, die Frau auf dem Podium an „was ist das Problem der Frauen mit dem Internet“. „Die Frauen“ haben kein Problem! Und das was problematisch ist, sexistische Kommentare, Vergewaltigungs- und Morddrohungen, sind keine Probleme von Frauen, sondern von denen, die sich so äußern. Wer nicht direkt davon betroffen ist, kann es sich leisten, diese Probleme zu ignorieren – aber davon gehen sie nicht weg.

Ebenfalls bezeichnend: Viele potentiell interessierte Frauen waren nicht bei diesem Kongress, da es gleichzeitig eine andere Veranstaltung gab. Zur Frage, wie Frauen für Kommunalpolitik begeistert werden können. Eine ehrenwerte Idee, doch gleich auf mehreren Ebenen kontraproduktiv. Um es polemisch auszudrücken: Statt sich mit harten Themen wie Netzpolitik zu beschäftigen, waren viele Frauen wieder einmal mit ihrem Dasein als Frau konfrontiert. Damit es im schlimmsten Fall noch einmal heißt, für Netzpoitik interessierten sie sich eh nicht. Sie bleiben also in der „Betroffenheitsfalle“.

Dabei wäre es nötig bei denen anzusetzen, die die Probleme verursachen. Wo bleibt der Workshop für Politiker “Was ist dominantes Redeverhalten und wie vermeide ich es?” Gerne in einem geschützten Raum, der nur für Männer offen ist. Weitere Workshops die ebenfalls dringend nötig sind: “Achte ich auf Diversität und Barrierefreiheit?”, “Sexistische und rassistische Kommentare verhindern” und “Wie reagieren, wenn Beschwerden wegen Diskriminierung kommen?” Am Besten mit Anwesenheitspflicht für alle, die ein Parteiamt anstreben.

Denn dass allein Betroffene Probleme thematisieren, das gibt es schon seit Jahren. Geholfen hat es augenscheinlich nichts.


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Von Wiese zu Wiese hüpfen

10. November 2011 von Kübra
Dieser Text ist Teil 24 von 29 der Serie Das Wort zum Freitag

Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner – bis man endlich auf der anderen Seite ist.

Eine Freundin arbeitet in einem Hamburger Theater. Sie ist türkischer Herkunft, sieht aber mit ihren grünen Augen und den hellbraunen Haaren nicht besonders verdächtig aus, als eine türkische Theatergruppe das Theater besucht. Demonstrativ schwingt die Gruppe vor den Theatermitarbeitern ihre Bierflaschen, demonstrativ essen sie später Schweinefleisch – während die Hamburger Theaterleute vegetarisch bestellen. Und dann sagen die den Satz, den sie sagen müssen. Die Türken in Deutschland seien rückständig, nicht çada, also modern. In der Türkei sei das anders, da sei man zivilisiert und westlich.

Meine Freundin, die selber gerne Alkohol trinkt und manchmal auch verschiedene Fleischsorten probiert, schweigt wütend.

Es ist ein kalter Winter in Ankara, kurz vor 2005. Die Straßen der türkischen Hauptstadt sind mit Weihnachtsschmuck dekoriert, ebenso die Einkaufszentren. An einigen Straßenecken stehen Weihnachtsmänner und meine Cousine erzählt von den vielen Geschenken, die sie auf ihrer Privatschule austauschten. Die beiden muslimischen Feste haben sie nicht gefeiert. Das ist modern, das ist zivilisiert - çada, sagt man in der Türkei.

Am Neujahrstag steigen türkische Frauen mit blondierten Haaren, blauen Kontaktlinsen und Weihnachtsmützen auf dem Kopf aus den teuren Wagen, um sich ihren Weg in das Hotel zu bahnen – heute Nacht wird dort Weihnachten gefeiert. Am falschen Datum, am 31. Dezember. Im Fernsehen laufen Weihnachtssendungen, Promis laufen in Weihnachtskostümen über den Bildschirm. Sie singen Jingle Bells. Es ist tragikomisch.

Wie Kevin aus Berlin-Wedding

In Oxford besuche ich die Turkish Society, ein Zusammenkommen türkischer Studenten an der Universität. An einem Tisch stehen die Getränke. Drei Saftpackungen neben 15 Weinflaschen. Das ist nämlich çada. Keine andere Society, die ich in Oxford bis dahin besuchte, hatte so viele alkoholische Getränke auf ihrem Tisch stehen. Von vielen der Studenten weiß ich, dass sie praktizierende Muslime sind. Sie sagen das aber nicht öffentlich, das wäre in diesen türkischen Kreisen quasi gesellschaftlicher Selbstmord.

So kommt es, dass sich nach und nach Studenten mit einem weißen Plastikbecher in der Hand dem Tisch nähern, eine Saftpackung nach der anderen schütteln – leer – und dann beschließen, doch nicht durstig zu sein. Ich höre den beschämten Seufzer und auch die Worte, die sie herunterwürgen.

Ich weiß nicht, wer hier wem etwas beweisen möchte. Ich weiß nur, dass das nichts anders ist als der Kevin aus Berlin-Wedding, der sich ein Nike-Zeichen in die Haare rasiert. Nichts anders als die selbstgebastelten Adidas-Schuhe, die ich in einem Museum über die “afrikanische Kultur” entdeckte. Nichts anders als die Chinesinnen, die sich die Lider straffen lassen, oder die Schwarzen, die sich die Haare mit Chemikalien glätten. Nichts anders als die Japanerinnen, die sich eine geraden Nasenrücken operieren lassen, oder die Inderinnen, die sich die Haut bleichen.

Wenn das çada ist, bin ich gern altbacken, rückständig und von gestern.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)


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