Einträge der Rubrik ‘Medienkritik’


Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Teil II)

2. Januar 2017 von Nadia

Zunächst einmal: Frohes neues Jahr! Und dann aber nochmal zurück in die Vergangenheit:

Silvester 2016 in Köln, Deutschland. Wer filzt meine Brüder bei Nacht und Wind? Es sind Polizisten die Spezialisten im Racial Profiling sind! Das ZDF, das wundert sich – wussten denn die arabisch und (nord)afrikanisch aussehenden Menschen™ von der inoffiziellen Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdeutsche nichts?!

Selfies kann man auch zuhause machen! (Plan B für Ausgangssperren.)

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Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

12. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.

Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.

Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.

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Gina-Lisa Lohfink: Wenn ein „Hör auf“ nichts mehr wert ist

6. Juni 2016 von Nadia

Triggerwarnung. Für alles.

Was ist das „Nein“ einer Frau wert? Was sind – wenn eine Frau vergewaltigt, die Tat gefilmt, das Video im Internet hochgeladen wird – alle „Neins“ dieser Welt wert? Darf eine Frau leben und arbeiten und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst das den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers, ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz in jeder Hinsicht?

Wenn man verfolgt hat, wie Gina-Lisa Lohfinks Vergewaltigung in den Medien seit Tagen bagatellisiert wird, kennt man die Antworten: Nichts. Nichts. Nein. Ja.

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Sexuelle Gewalt wird ausgeübt, wird gefilmt, wird im Internet hochgeladen. Konsens wird verletzt, wird verletzt, wird verletzt. Interessiert aber keinen, denn was Konsens heißt versteht man in Deutschland wahrscheinlich immer noch nicht, auch nicht nach den Vorfällen in Köln an Silvester, obschon die uns ja angeblich zur Antisexismus-Nation Nummer 1 gemacht haben. (mehr …)


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vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

7. März 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 58 von 59 der Serie Meine Meinung

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

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Zur Medienreaktion auf die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Nacht auf den 1. Januar 2016

12. Januar 2016 von Gastautor_in

Das Institut zeitgenössischer Diasporas beschreibt sich selbst als eine „Gruppe junger, politisch aktiver, rassifizierter Menschen. Unsere Lebensrealitäten sind diasporisch-deutsch, sowohl lokal als auch transnational. Sie bilden die Bezugspunkte für unsere Arbeit.“ Am Sonntag veröffentlichte das Institut einen kritischen Kommentar zur medialen Reaktion auf die sexualisierte Gewalt in Köln (und anderen Orten), den wir hier freundlicherweise crossposten dürfen.

Außerdem läuft seit gestern auch die Aktion des Bündnisses „#ausnahmslos. Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“, zu der ihr hier weitere Informationen findet.

Wir verurteilen die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof aufs Schärfste und unterstützen die Betroffenen in ihrem Bestreben nach Gerechtigkeit. Sexistische Übergriffe gegen Frauen* sind grundsätzlich zu verurteilen, egal von wem sie begangen werden. Dabei dürfen wir soziopolitische Stellungen betroffener Frauen*, sowie  deren potenzielle Rassifizierung nicht außen vor lassen.

Die Täter*innen müssen zur Verantwortung gezogen werden, wenn gleich wir den rassistischen Gehalt des öffentlichen Diskurses für äußerst gefährlich erachten. Köln verdeutlicht, inwiefern Sexismus und Rassismus tief in der deutschen Gesellschaft verankert sind und häufig politisch gegeneinander ausgespielt werden, anstatt beide als miteinander verwoben zu begreifen. Sexualisierte Übergriffe sind Alltagserfahrungen von jeder Frau*, ob of Colour oder weiß, und werden genutzt, um bereits vorhandene Rassismen zu befeuern.

Warum wird die Debatte auf diese Weise geführt?

Eine Dimension von Rassismus ist die Strukturierung, Hierarchisierung und Rassifizierung (d.h. Zuschreibung von Eigenschaften basierend auf äußerlichen Merkmalen) von sozialen Gruppen. Derzeit sehen wir, wie Geschlecht und Rassismus in der Schaffung des Täter*innenprofils zusammenwirken und das Bild eines auf aggressive Art und Weise hypersexualisierten Mannes* of Colour kreiert. Dieses ist direkt verbunden mit der kolonialen Narrativ der weißen Cis-Frau, die als schützenswert und verletzlich beschrieben wird. Die heutige Debatte würde nicht geführt werden, wenn es sich bei den Betroffenen ausschließlich um Frauen* of Colour und bei den Täter*innen ausschließlich um weiße Cis-Männer handeln würde. Als Gruppen, die ständig der Stereotypisierung ausgesetzt sind, finden sich rassifizierte Menschen häufig in der Position, sich für die Taten von anderen verantwortlich zu fühlen.

Der Fokus der Medien auf Herkunft und Religion der Täter*innen verschiebt die Aufmerksamkeit weg von dem, was eigentlich wichtig ist: die Betroffenen und deren Bedürfnisse. Sexismus ist trotz der derzeitigen allgemeinen Annahme kein importiertes Problem. Rassismus leider auch nicht. Um ähnliche Vorfälle in der Zukunft zu vermeiden, müssen wir Diskurse über sexualisierte Gewalt anders führen, und dazu gehört ein Verständnis von intersektionellen Sexismus und Rassismus.

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  1. Cisgender beschreibt Menschen, deren Geschlechteridentität, im Unterschied zu Transgender, mit dem ihnen zur Geburt zugeschriebenen (körperlichen) Geschlecht übereinstimmt.
  2. Intersektionalität bezieht ich auf die Verwobenheit verschiedener Diskriminierungsformen, die gleichzeitig wirken. So können z.B. Rassismus, Sexismus, Ableismus und die Diskriminierung einer Religionsgruppe zusammen wirken.

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Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™

8. Januar 2016 von Nadia

Vorab: Ich hatte ein sehr schönes Silvester, und insgesamt auch sehr angenehme Feiertage, danke der Nachfrage. Da ich ein arabisch aussehender™ Mensch bin, mit arabischen Namen (der für manche Kartoffeln eher persisch klingt, aber dazu später vielleicht mehr), ließ es sich in meinem Fall nicht vermeiden die Feiertage mit anderen arabisch aussehenden™ Menschen zu verbringen. Auch Männer (unter anderem bspw. mein Vater, der je nach Tagesform aber auch mal aussieht wie Adriano Celentano, also wie ein Italiener, aber dazu später vielleicht mehr) waren dabei, also, arabisch aussehende Männer™, von denen man ja jetzt viel in der Zeitung liest. Es geschah, auweiah auweiah, ebenfalls, dass mir arabisch und/oder nordafrikanisch™ aussehende männliche Freunde ein frohes neues Jahr wünschten.

Arabisch aussehender Mensch™ mit Raclette-Pfanne bewaffnet. Dieses Bild wurde an Silvester, jedoch nicht in Köln aufgenommen.

Als arabisch aussehender Mensch™ bin ich (wie viele andere arabisch aussehenden Menschen™) auch mit anderen arabisch und/oder nordafrikanisch aussehenden Menschen™ befreundet, wobei das nicht bedeuten muss, dass all diese Menschen zwangsläufig etwas mit irgendeinem „Arabien“™ zu tun haben – manche sind auch einfach nur türkisch, kurdisch, afghanisch oder pakistanisch, zum Beispiel. (mehr …)


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Überleben in Neukölln

29. Oktober 2015 von Hengameh

Hallo
ich mache einen Film „Überleben in Neukölln“ , der bezieht sich auf einen Film von mir über drei deutsche frauen in New York „Überleben in New York, der damals sehr erfolgreich war
ich will einige Menschen portraitieren, die in Neukölln leben und überleben.

Diese Mail landete letzte Woche bei mir. Die Vorgeschichte: Eine Bekannte von mir, die sehr cool ist, fragte in einem Gruppenchat mit und ein paar andere queere Personen of Color, von denen die, die ich kenne, sehr cool sind, ob wir Lust haben, in einer Doku von Rosa von Praunheim mitzuspielen. Klang also erst mal alles in Ordnung. Der Kontakt wurde hergestellt und so las ich diese E-Mail von Rosa persönlich. Es fiel mir schwer einzuschätzen, in welche Richtung diese Doku gehen soll. Sie könnte super werden, sie könnte aber auch richtig scheiße und problematisch werden. Ich dachte mir: Ich wage vielleicht zu wenig im Leben, ich schau mir das ganze mal an.

So vereinbarten wir ein Treffen mit anderen Interessierten im Café Rix auf der Karl-Marx-Straße. Sehr orientierungslos betrat ich das Café mit den hohen Decken und den verspiegelten Wänden, suchte nach einer großen Gruppe, fand keine. Ich googelte mit dem Handy noch mal schnell „Rosa von Praunheim“, um wenigstens ein Gesicht erkennen zu können. Sobald ich wieder die Tastensperre aktivierte, hatte ich schon wieder vergessen, wie er aussehen sollte, hielt deshalb Ausschau nach einem alten Mann mit einer Cap. Einer, der auf diese Beschreibung passte, murmelte etwas zu einem Gegenüber und schaute mich dabei an. Ob er es war? Ich ging in die Richtung. „Wie heißt du?“, wollte er wissen. Ich sagt meinen Namen. Ich war also am richtigen Tisch. Wir waren allerdings nur zu dritt. Ich hörte zu, wie eine andere Person sich vorstellte und aus seinem Leben erzählte. Kurz darauf kam eine weitere Person dazu. Das waren dann drei Typen und ich. Ich irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, ich versuchte jedoch weiterhin, mir nichts anmerken zu lassen und offen zu bleiben.

Mir fiel auf, dass zu den Typen sehr viel aufgeschrieben wurde, ich wurde nur kurz gefragt, was ich mache und ob ich Iranerin sei. Ich sagte, ich sei Redakteurin und freie Autorin. Und ja, meine Eltern kommen aus dem Iran, ich bin aber hier geboren. Rosa fragte mich, ob ich denn von meiner Arbeit leben könne, ich sagte ja. Dann ging seine Aufmerksamkeit wieder zu einem der anderen über. Als die beiden Typen über Homofeindlichkeit spezifisch in Neukölln. Ich ahnte Schlimmes. Dann war wieder ich am Turn. Mehrfach fragte mich Rosa von Praunheim, ob ich als freie Autorin, Speakerin und Redakteurin (sic!) denn wirklich leben könne. Beim ersten Mal klang es nach Interesse, beim dritten ungläubigen Fragen fühlte es sich scheiße an. Ja, stellt euch vor, Menschen sind tatsächlich bereit, mich für meine Expertise und Arbeit zu bezahlen und es reicht aus, um in Berlin zu überleben. Die anderen beiden – einer von ihnen Modedesigner – wurden in Punkto Business wenig in Frage gestellt.

Dann wollte er wissen, ob ich schon mal von dem Begriff „Person of Color“ gehört hätte. Ich bejahte und ergänzte, dass ich mich auch als eine solche bezeichne. Das müsse ich ihm aber erklären, sagte er mit gerunzelter Stirn. Nachdem ich die Selbstbezeichnung erklärte, war seine Reaktion: „Das ist jetzt aber nicht fair dunkelhäutigen Personen gegenüber.“ WTF. Er sprach mir in den folgenden Minuten sämtliche Rassismuserfahrungen ab und bestand darauf, dass ich aufgrund heller Hautfarbe auch weiß sei. Und, da waren sich alle Typen einig: Auch weiße Personen können in manchen Situationen von Rassismus betroffen sein. Ich widersprach immerzu, es fühlte sich aber an, als würde ich mit einer Wand sprechen.

Nächster Punkt ging natürlich auch richtig in die Klischeefalle: Die Homofeindlichkeit in Dem Islam™. Den Islam™ gibt es nicht, versuchte ich klarzumachen. Das sahen die Boys anders. Sie reproduzierten so viele rassistische Stereotype, dass ich aufstand und ging. Jetzt war ich mir sicher, dass es ganz sicher keine coole Doku werden würde, sondern vielmehr eine Art „Demo gegen Homophobie in Neukölln – Der Film“. Drum auch der Titel „Überleben in Neukölln“. Ich schlage vor: Überleben in Charlottenburg. Überleben im cis-normativen, kapitalistischen, white supremacist Heteropatriarchat. Überleben in Deutschland. Wenn ich einen rassistischen Blick auf Neukölln sehen will, kann ich auch Buschkowski oder Sarrazin lesen, da braucht Rosa von Praunheim, der sich offenbar noch nie mit seinem weißen Privileg auseinandergesetzt hat, keine weitere Dokumentation drehen. Es ist offensichtlich, was dieser Film ist und was nicht. Nicht-weiße Personen, gerne muslimischen Backgrounds, werden für die Reproduktion einer rassistischen, anti-muslimischen Perspektive auf Neukölln instrumentalisiert. Denn: Wenn „sogar schwule Türken“ sagen, dass sie von ihren muslimischen Familien unterdrückt werden, dann gilt die Klausel, dass alle Kanaken homofeindlich sind. Tamam.

Dies zeigt auch sehr klar, für wen „Überleben in Neukölln“ gemacht wird und für wen nicht. Nicht etwa Menschen, die seit Jahrzehnten dort leben oder dort aufgewachsen sollen sich mit dieser Dokumentation identifizieren, sondern viel mehr weiße Personen, besonders schwule Typen, die Neukölln höchstens betreten, wenn sie ins SchwuZ gehen, sollen den Film sehen und sich in ihren rassistischen Zuschreibungen gegenüber „den ganzen Türken und Arabern dort“ bestärkt fühlen. Außerdem dürfen sie die unterdrückten Muslime bemitleiden und gleich auf Grindr nach einer Person suchen, die ihren orientalistischen Erwartungen entspricht und die sie befreien können. Diese Dokumentation wird wahrscheinlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Einerseits, weil Rosa von Praunheim ein sehr hohes Standing hat und seine Arbeit viele Menschen erreicht. Zweitens, weil der Film in eine Gesellschaft hineingefurzt wird, in der PEGIDA, Asylgesetzverschärfung, Birgit Kelle, Sarrazin, Merkel und BILD-Zeitung unter dem Tisch Händchen halten. Selbst Kartoffeln, die sonst gern mal heterosexistische Sprüche klopfen, werden den Film gut finden, denn sie können das Konstrukt des „homophoben Ausländers“ sehr gut aufrechterhalten. Plötzlich interessieren sich alle für LGB(T)-Rechte, solange sie dazu dienen, rassistische Strukturen weiterzuweben. Pinkwashing in a nutshell.

Stattdessen könnten Gelder darin fließen, dass queere Personen of Color in Neukölln sich selbst repräsentieren dürfen und die Narrative aus einer anti-rassistischen, queeren Perspektive erzählt wird. Am Ende des Tages ist Rosa von Praunheim nämlich auch nur ein weißer, alter Typ, der Neukölln mal so richtig analysieren will, wie es schon Sarrazin und Buschkowski vor ihm taten. Danke für nichts.


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Grund- und Machtbedürfnisse – Religion und Gewalt

25. September 2015 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 2 von 59 der Serie Meine Meinung

Als eines dieser weiß-säkularen Privilegien erlebe ich jede Art der “Religionskritik”. Auch in Form von Comics, Karikatur, Rede und Schrift.
Was aus dieser “Kritik” entsteht, ist eine Verschmelzung von Gewalt und Glaube. Religion wird einzig zum Instrument von Zwang, Ausnutzung von Unbildung (spannend, was immer wieder so als “Bildung” und “Wissen” in dem Kontext anerkannt ist!).
Nicht etwa zum Teil einer Lebensauffassung, inneren Haltung, vielleicht auch Identität und Kultur, über die sich zu äußern und zu werten vielleicht in allererster Linie Sache derer ist, die sie leben (wollen!).

Ich habe kein Verständnis für „Religionskritik“ von Personen, die nicht der „kritisierten“ Religion angehören.
Schon gar nicht habe ich Verständnis für Satire, die nach rechts buckelt und nach minorisierten, unterdrückten, rassierten Personengruppen tritt.
Satire ist für mich ein Mittel nach oben zu treten, um nach unten eine Hand zu reichen.

Ich habe kein Verständnis für die “Religionisierung” von Gewalt, die die (weiße) (säkulare) Presse vornimmt, um greifbare Slogans unter ihre Leser_Innenschaft zu spucken.

Für mich ist diese Mischung genau das, wovor ich Angst habe, wenn ich mich mit dem Thema ritueller Gewalt auseinandersetze – vielleicht sogar in Form eines Vortrages vor Menschen, die keiner Religion angehören.

Ich weiß, dass da kein Verständnis für den Glauben, kein Verständnis für bestimmte Werte und Handlungen ist – so schon, ganz ohne tatsächlichen Zwang oder die Art Gewaltanwendung, wie sie im Rahmen ritueller Gewalt passiert. Es gibt Menschen, die denken, ihr Kopf, ihre Seele und Kultur sei frei und ohne Zwang, weil sie studiert sind, weil sie Demokrat_Innen sind, weil sie so sind, wie eine Mehrheit der Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Für diese Menschen gab es noch keine Auseinandersetzung, wie frei von Religion und auch auf eine Art ritueller Gewalt*, man tatsächlich ist, wenn man an Karfreitag nicht arbeitet oder am 25. und 26. Dezember die klitzekleine Welt um sich herum stillsteht.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir unser jüdisches Leben nach überstandener organisierter (darunter auch ritueller) Gewalt mehr oder weniger verteidigen mussten.
Erst gegen Unterstellungen, wir wären ins Leiden sozialisiert und hätten uns deshalb einer Religion angeschlossen, die uns mit ihren über 600 Gesetzen unterjocht; später gegen die Unterstellung sich mit der Religion eine heile Welt zu zimmern, um in einer (besseren) (Sub) Kultur leben zu können.
Nachgefragt wird da natürlich nicht. Ich bin ja religiös und erzähle deshalb sowieso nur Schwachsinn, dem man nicht zuhören muss.

Weiß(christlich kultivierte) Säkulare sind es inzwischen immer öfter, die mir ihren Antisemitismus ins Blog rotzen, die mir rassistische Karikaturen ins Facebook klatschen und mich überdenken lassen, wie weit vom Fenster entfernt ich meine Menora aufstelle. Säkulare sind es, die sich mir gegenüber erhöhen, weil sie Studien und Beobachtungen über die Auswirkungen von Religion auf Wirtschaft, Infrastruktur und Länderentwicklung kennen.
Und ich bin froh, wenn mal in einer (großen) Stadt bin, die einen leicht zu findenden Koscherladen hat. Wenn es möglich ist, in einem Job zu arbeiten, in dem ich während Shabbes nicht arbeiten muss. Wenn ich die Möglichkeit habe mich mit anderen jüdischen Menschen auszutauschen ohne, dass es an einem very special place oder an einem very special Feiertag ist.

Säkulare haben eine Ersatzreligion und das sind Wissenschaft und “Objektivität”.
Doch zugeben kann das natürlich niemand.
Weil: “Wissen(schaft) ist die Abwesenheit von Glauben.”
Auch da bleibt unhinterfragt, warum man an Zahlen, an Wissen(schaft) (gerade auch, wie sie heute produziert und praktiziert wird) glaubt und nicht an seine eigenen Sinne(swahrnehmungen).

Zu glauben, ist meiner Ansicht nach ein menschliches Grundbedürfnis. Religion, wie Wissenschaft, wie Bildung allgemeinerer Natur, ist an der Stelle einfach eine Möglichkeit sich dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Menschen zu töten, Menschen zu verletzen, Menschen zu unterdrücken ist kein Grundbedürfnis.
Das ist Wille zur Macht. Der braucht Gewalt.

*hier im Sinne eines religiös begründeten, aber in letzter Instanz kult.ivierten Handlungsimperativs
*Nachtrag: auch sehr spannend in dem Zusammenhang: der letzte Soziopod „Medien, Macht und Märsche


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Politik mit ‚Bereuen‘ – Von Schwangerschaftsabbrüchen und komplexen Leben

27. Juli 2015 von Charlott

Vor ein paar Wochen wurde eine neue Studie von Wissenschaftler_innen der University of California veröffentlicht, deren Ergebnisse auch schnell den Weg in viele (gerade auch feministische) Medien fand. Im Kern sagt die Studie, dass die über drei Jahre lang befragten Teilnehmer_innen zu 95% ihre Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nicht bereuen. In erster Linie interveniert die Untersuchung also in das Narrativ des vermeintlichen „Post-Abtreibungssyndroms“: Ihre Ergebnisse setzen der Legende, die meisten Personen würden vorgenommene Abtreibungen lebenslang bereuen, deutlich etwas entgegen. Doch stellt sich mir die Frage, ob es langfristig sinnvoll ist, sich überhaupt auf die Debatte rund ums ‚Bereuen‘ einzulassen.

Faktoren für ‚Reue‘ – Stigmata und wenig Unterstützung

Die Studie hat einige Kernpunkte, die sie präsentiert: Die Proband_innen empfanden mit überwältigender Mehrheit ihren Schwangerschaftsabruch als die richtige Entscheidung – auch unabhängig davon, ob die Abtreibung früh oder später im Schwangerschaftsverlauf stattgefunden hat. Diejenigen, denen eine Entscheidung schwerer gefallen war, sind auch diejenigen, die sich unsicherer sind über die Richtigkeit der Entscheidung. Im Allgemeinen aber nehmen über die Zeit sämtliche Gefühle, positive sowie negative, hinsichtlich der Abtreibung ab. Und während nach sechs Monaten die Teilnehmer_innen noch ‚manchmal‘ an den Abbruch denken, dann denken sie nach drei Jahren ‚kaum‘ daran. Die Studie traf auch eine Aussage darüber, was eigentlich weitere Faktoren dafür sind, dass die Befragten von Reuegefühlen berichteten. Zwei Dinge zeichneten sich dabei ab: Negative Gefühle wurde häufiger von denjenigen berichtet, die ein stärkeres Stigma von Abtreibungen in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und von denjenigen, die wenig soziale Unterstützung erfuhren.

Zu den Leerstellen der Studie, schreiben die Wissenschaftler_innen selbst (alle Übersetzungen von mir):

Erleichterung und Fröhlichkeit mögen die relevantesten Gefühle direkt nach der Abtreibung sein und weniger relevant über die Jahre hinaus. Untersuchungen haben insbesondere herausgefunden, dass zu den positven Empfindungen, die Frauen mit der Zeit nach einer Abtreibung rückmelden, Reife, tiefere Selbstkenntniss und gesteigertes Selbstvertrauen gehören. Zusätzlich kann es sein, dass die sozialen Erwartungen, dass Abtreibungen ein etwas emotional Schwieriges sein sollten, dazu geführt haben, dass vermehrt negative Post-Abtreibungs-Gefühle rückgemeldet wurden. Die Teilnehmer_innen zweimal im Jahr über ihre Emotionen zu befragen und darüber, wie häufig sie an ihre Abtreibung denken, kann auch zu einer erhöhten Rückmeldung zu allen Leveln der Ergebnisse geführt haben.

Auch weitere Einschränkungen bei der Aussagekraft der Daten diskutiert das Paper zur Studie bereits, mir aber geht es hier in diesem Text nicht konkret um die Durchführung der Studie, sondern darum, wie mit dem Argument der ‚Reue‘ in der Politik, der Medizin und den Medien gearbeitet wird. Denn dass so viele feministische Publikationen voller Enthusiasmus darüber berichteten, hat ja ebenfalls gute Gründe.

Politiken mit antizipierter Reue

„Argumente, dass Abtreibungen emotionalen Schaden bei Frauen verursachen, werden genutzt um Abtreibungen, inbesondere spätere Eingriffe, in den USA zu regulieren. Doch existierende Untersuchungen sind nicht beweiskräftig,“ heißt es bereits im Abstract zur Studie. Post-Abtreibungssyndrom, welches unter anderem Gefühle von Reue und Schuld, Depressionen sowie Alkhol- und Drogenmissbrauch umfasst, ist das Stichwort.

Unter der Prämisse, dass die betroffenen Personen den Eingriff eventuell bereuen könnten (und dann in Sucht und Depression ‚abstürzen‘), werden immer wieder Gesetze erlassen, die den Zugang zu Abtreibungen ehrblich erschweren – und das natürlich nicht nur in den USA. In Deutschland müssen Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen, zu einer Pflichtberatung. Zwischen Eingriff und Beratung müssen dann nochmals mindestens drei Tage verstreichen. So soll sich die Person auch ganz genau sicher sein. Doch diese vorgeschobene ‚Sorge‘ ist natürlich vor allem eins: Schikane.

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Kerngeschäft Feminismus: Nicki Minaj und weiße Solidarität

22. Juli 2015 von accalmie

Ganz ehrlich: Ich persönlich bin kein großer Nicki-Minaj-Fan. Es gibt ein, zwei Lieder, die ich nicht schlecht finde, und ansonsten wundere ich mich (nicht) darüber, dass andere Rapperinnen – Rapsody, Jean Grae, Sa-Roc, Rah Digga, Dai Burger, um nur ein paar Namen zu nennen – nicht halb so viel Aufmerksamkeit genießen. Das hat mit Minajs besonderem Flow, genreübergreifenden Stil und Vermarktungsgeschick zu tun, aber auch mit Minajs konventioneller(er) Schönheit und der einfachen Reduzierung ihrer sex-positiven Self-Empowerment-Message auf „Sexbombe“ für einen male gaze. In jedem Fall ist Nicki Minaj eine der erfolgreichsten Rapperinnen aller Zeiten und versteht – im Gegensatz zu Iggy Azalea, zum Beispiel – nicht nur ihr Handwerk, sondern auch die Geschichte des Rap/Hip Hop.

Ihr letztjähriger Hit, „Anaconda“, war nicht nur ein Charterfolg, sondern Minaj brach mit dem Video Rekorde. Etwas über eine Woche nach der Veröffentlichung hatte „Anaconda“ bereits 100 Millionen Zuschauer_innen; es war eines der erfolgreichsten Videos des Jahres. Auch ihr und Beyoncés „Feeling Myself“, das zwei der aktuell bekanntesten und erfolgreichsten Hip Hop- und Pop- Künstler_innen vereinte, resultierte in einem sehr beliebten Video, dessen Regie beide maßgeblich führten. „Anaconda“ wurde in diesem Jahr für einen MTV „Video Music Award“ (VMA) in den Kategorien „Best Female Video“ und „Best Hip Hop Video“ nominiert. „Feeling Myself“ ging leer aus, und „Anaconda“ wurde ebenfalls nicht in der wichtigen „Video of the Year“-Kategorie nominiert (wenngleich Beyoncés „7/11“ eine Nominierung erhielt). Bei Twitter hat Nicki Minaj dies kritisiert.

[Übersetzung: 1. „Wäre ich eine andere „Art“ von Künstlerin, wäre Anaconda nominiert für Beste Choreographie und auch für Video des Jahres.“ 2. „Wenn die „anderen“ Mädels Videos veröffentlichen, die Rekorde brechen und Auswirkungen auf Kultur haben, werden sie nominiert.“ 3. „Wenn dein Video Frauen mit sehr schlanken Körpern zelebriert, wirst du für „Video des Jahres“ nominiert.“ 4. „Ich bin nicht immer selbstbewusst. Nur müde. Schwarze Frauen beeinflussen Popkultur so sehr, aber werden selten dafür belohnt.“]

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