Einträge der Rubrik ‘Medienkritik’


Superstraight oder Supergay? Das Heterosexismus-Problem bei Supergirl und die Antworten ihrer queeren Fans

10. April 2017 von Nadine
Dieser Text ist Teil 29 von 29 der Serie Die Feministische Videothek

Es hätte so schön werden können: Feministische Botschaften mit einer gesunden Portion Selbstironie, Calista Flockheart aka Ally McBeal aka Cat Grant aka knallharte Chefin eines Medienimperiums und Mentorin der Hauptfigur Kara Danvers / Zor-El, Kara und ihre Schwester Alex im Orphan-Black-Sestra-Style und okaye Typen, die zumeist in der Friendzone von Kara ihr Zuhause fanden. Die Screentime gehörte in Staffel 1 den Frauen in Supergirl, die jeweils auf ihre Weise ass-kicking durchs Universum und National City streiften. Das alte Spiel von Gut vs. Böse bekam hin und wieder einen feministischen Twist, weil Kara sich weigerte, auf das Bitchfight-Pferd aufzuspringen und lieber nach Verbindungen zu ihren Widersacherinnen suchte, als in den frauenverachtenden Sonnenuntergang zu reiten.

Da die Darstellung von Beziehungen und romantischen Dynamiken zwischen Figuren als Vehikel genutzt werden, um Charaktere aufzubauen, wird das gemeine queere Serienhirn nicht selten gequält mit ausufernden hohlhetigen Liebesgeschichten, jeder Menge sexistischer Metaphern und Darstellungen und obendrein Note 6 im Bechdel-Text. Nicht so Supergirl. Die Hauptbeziehung in Staffel 1 war die zwischen Kara und ihrer älteren Adoptivschwester Alex Danvers, gefolgt von Cat Grant. Trotz der Folge 1-Positionierung von Kara „I’m not gay!“ Danvers wird die Coming-Out-Story von Kara als Supergirl mit ähnlichen Dynamiken und Metaphern erzählt. Kackscheiße? Äpfel mit Birnen? Naahh, so what! Dachte ich mir und akzeptierte die stellenweise Gleichsetzung von Superkräften mit Queerness #thisiswhatqueerreadinglookslike.

Ein Teil der queeren Supergirl-Fanbase stürzte sich frisch verliebt in homoerotische Lesarten der Dynamiken zwischen Cat und Kara und Kara und Lucy Lane, der Schwester von Lois. #Supercat und #Superlane ölten unsere von Heteronormativität und Typen-Bezogenheit im Fernsehen ausgetrockneten Kehlen mit Sätzen wie diesen:

Und Alex – ich sprenge dein Gaydar – Danvers? Abgesehen von Pseudo-Flirts mit Machoboy Nr. 1 war allen Zuschauer_innen mit Herz und Verstand klar, dass in Staffel 2 My Big Fat Gay Wedding ansteht. Alex‘ herzerwärmende Coming-Out Geschichte und ihre Beziehung zu Polizistin Maggie Sawyer (#Sanvers) verzückt seitdem die Fangemeinde. Doch was wären lesbische Storylines im TV ohne ihren hetero_sexistischen Dämpfer: Supergirl wechselte vor Ausstrahlung ihrer 2. Staffel zum Sender CW, der mit Arrow, The Flash und Legends of Tomorrow typenzentrierte Serien-Adaptionen aus dem Hause DC beheimatet. Im vergangenen Jahr killten die CW-Drehbuchautor_innen mehrere queere Figuren in ihren Serien #lexasideeye oder hielten sie dauerhaft im heterosexistischen Klischee-Eckchen gefangen. Feministische Serienjunkies prophezeiten, dass große Erwartungen auf große Enttäuschungen treffen werden. Supergirl scheint es nicht anders zu gehen.

Zu Beginn von Staffel 2 verlässt Cat Grant The Ship of All Shippings, Lucy, die eigentlich das Alien-Abwehr-und-Surveillance-Department DEO mitführen sollte, scheint in der Phantomzone zu schlummern und Kara verlässt ihre Beziehung zu James Olsen, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Im Übrigen nicht das einzige rassistische Repräsentationsproblem bei Supergirl: Maggie Saywer, die in Supergirl als Latina positioniert ist, wird von einer weißen gespielt (die wiederum eine Beziehung mit Casey Rapey Affleck führt). Mon-El, ein Alien in white male supremacy Gestalt und Sklavenhalter-Prinz, wird ohne Storyline direkt in eine Hauptrolle katapultiert. Kara , die sonst mit Autonomität und Solidarität zu Frauen glänzte, schwimmt in Staffel 2 fast nur noch in Mon-El-Tears . Winn und James gründen ihren eigenen Helden-Bro-Club, während das fierce Schwesternduo von ihren jeweiligen Beziehungs-Issues lamentiert und nur noch selten im Bae-Modus unterwegs ist.

Frauen, Lesben und Trans* scheinen für CW nicht zur bevorzugten Zielgruppe zu gehören, doch der Sender hat seine Rechnung ohne Lena Luthor, Schwester von Supermans Alltime-Widersacher Lex Luthor und CEO von L-Corp, und den (queeren) Fans der Serie gemacht. Offensichtlich als shady femme fatale angelegt, bei der sexualisierte und romantische Anspielungen in Richtung anderer Frauen oft nur heterosexistisches Mittel zum Zweck sind, gibt’s von Lena Luthor ausschließlich Commitment, Mund-Offen-Bemerkungen und jede Menge Blumen für Kara Zor-El. Und Kara?

Gal Pals, Bezzie Mates oder doch #supergay? Jedenfalls füllt Supercorp-Fanfiction die Bibliotheken des Vatikan, das Internet explodiert in Supercorp-Gif-Partys und Flame Wars mit Kara/Mon-El-Fans. Hier wird jedoch nicht nur widerständig gegen Heten aus der Hölle geshipped, die meisten Fans der Serie kritisieren die Richtungswechsel zugunsten eines straight male Gaze, der Mon-El in fast jeder Folge die reifen Bingo-Kärtchen vom Gewaltbeziehungs- und Male-Entitlement-Baum pflücken lässt. Es ist ja bekannt, dass Autor_innen, Darsteller_innen und Produzent_innen durchaus Perspektiven und Meinungen von Fans berücksichtigen. So hoffentlich auch für die dritte Staffel, die noch diesen Herbst an den Start gehen soll und in der Lena Luthor eine Hauptrolle erhält.

Zum süßen Abschluss noch diese Video-Edits, die zum Niederknien sind. Vor Lachen. Ich liebe das Internet. Und queere Serienfans.


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Stinkefinger für Edeka: Euer Dickenhass ist scheiße

16. Februar 2017 von Magda
Dieser Text ist Teil 42 von 43 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Mit dem Satz „Mein Fett ist politisch“ zitiere ich die US-amerikanische Autorin Virgie Tovar oft und werde dann gefragt, was das genau bedeuten soll: Körperfett, politisch, hä?

Für mich bedeutet dieses Zitat, dass Körperfett heutzutage oft politisch instrumentalisiert wird, um Menschen zu beschämen und ihrem Gewicht Bedeutungen zuzuschreiben, die in der Regel negativ und verletzend sind. Somit werden dicke Menschen als faul(er), unattraktiv(er) oder ungesünder als schlanke Menschen dargestellt. Und weil die neoliberale Idee der Selbstoptimierung und des sich stets normgerechten Veränderns von Körper und Geist heute Teil unseres Lebens ist, aber eben nicht als Ideologie erkannt wird, spreche ich von Körpern als politische Orte: Auch an Körpern werden gesellschaftliche Ideen verhandelt. Mein Fett darf nicht einfach sein, mein Fett wird politisch aufgeladen.

Zwei Minuten pure Diskriminierung

Aktuelles Beispiel dafür ist der Edeka Werbespot, der von traurigen, grauen, vielessenden Dicken handelt. Und dann ist da ein Kind, das aus dieser traurigen, grauen, vielessenden Dickenwelt aussteigen möchte, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Anstatt undefinierbaren Brei zu essen, wie das alle traurigen, grauen, vielessenden Dicken machen, möchte er fliegen. Und auf einer grünen Wiese Beeren naschen. Weil er Beeren und nicht mehr Brei isst, nimmt er ab und kann schließlich federleicht über Wiesen gleiten und glücklich in der Natur rumliegen. Am Ende des Werbespots lesen wir den Spruch „Iss wie der, der du sein willst“. Mein erster Impuls:

Dieser Spot ist nicht nur die schlechteste (und peinlichste) Geschichte, die die Werbewelt je gesehen hat, es ist auch eine zutiefst diskriminierende Werbung, die es schafft, viele abwertende und schlichtweg falsche Annahmen über das Dicksein, dicke Menschen, über Ernährung und ihren Einfluss auf Körper(gewicht) in ein bisschen mehr als zwei Minuten zu packen. Dazu kommt, dass – ich nehme an: schlanke Menschen – mit so genannten Fatsuits ausgestattet werden, um Dicke zu spielen. Es ist ein ekelhafter Mix aus Dickenfeindlichkeit sowie klassistischen und rassistischen Ideen vom „guten Essen“.

Natalie von Gemischtwahnlädchen beschreibt die Botschaften, die in dem Spot transportiert werden, so:

Von Dicken wird ständig verlangt, dass sie sich ändern. Sprich, abnehmen.
Von Dicken wird ständig erwartet, dass sie unsichtbar, also ja nicht bunt sind.
Von Dicken wird ständig angenommen, dass sie sich nicht nur schlecht ernähren, sondern auch dauernd essen.
Von Dicken wird ständig erhofft, dass sie ihr Gewicht durch irgendeine besondere Fähigkeit wiedergutmachen.
Dicke dürfen nicht inspirierend sein, beziehungsweise nur dadurch, dass sie nicht mehr dick sein wollen.
Selbsthass ist super. Selbsthass ist der Status Quo.

Einfach mal beschweren…

Auf ihrer Facebook-Seite reagiert Edeka auf Kritik mit dem bekannten Spruch „Wir wollen ja niemanden diskriminieren“. Um nicht gähnen zu müssen, suche ich mal fix ein paar Adressen raus, wo ihr euch beschweren könnt: Bitte twittert, schreibt oder ruft doch mal an und sagt, was ihr davon haltet. Der Hashtag ist #issso.


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Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Teil II)

2. Januar 2017 von Nadia

Zunächst einmal: Frohes neues Jahr! Und dann aber nochmal zurück in die Vergangenheit:

Silvester 2016 in Köln, Deutschland. Wer filzt meine Brüder bei Nacht und Wind? Es sind Polizisten die Spezialisten im Racial Profiling sind! Das ZDF, das wundert sich – wussten denn die arabisch und (nord)afrikanisch aussehenden Menschen™ von der inoffiziellen Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdeutsche nichts?!

Selfies kann man auch zuhause machen! (Plan B für Ausgangssperren.)

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Who you gonna call? GHOSTBUSTERS!

12. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 26 von 29 der Serie Die Feministische Videothek

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört der grün-klebrige Schleim der Ghostbusters. Hilfreich dabei war wahrscheinlich auch der gleichnamige Hit von Ray Parker, Jr., der auch heute noch Glücksgefühle in mir auslöst. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich hörte, dass in diesem Jahr ein Remake erscheinen soll. Und bitte festhalten, denn dieses Mal soll es nicht vier Helden, sondern vier Heldinnen geben. Das hat ziemlich viele Leute (hust, hust, Typen) aufgeregt, weil die Kindheitserinnerungen nun anscheinend entheiligt würden. Jetzt wollen Frauen auch noch Ghostbusters sein!!!1 Was bleibt da noch übrig für die Jungs? Traurig, aber wahr: Kein anderer Trailer in der Geschichte von YouTube erhielt mehr Dislikes. Die Jungs sind sauer.

Gestern habe ich dann endlich Ghostbusters geschaut, seit über einer Woche läuft er in den deutschen Kinos. Überraschend fand ich den erstaunlich leeren Kinosaal. Wie kann es denn sein, dass so viele den Titelsong nachts um drei besoffen auswendig schmettern können – den Film also sehr wohl kennen – aber keinen Bock haben in den Remake reinzugehen? Sind weibliche Hauptfiguren für die deutschen Befindlichkeiten zu boring? Wahrscheinlich, denn der deutsche Trailer gibt der männlichen Nebenrolle eine echt große Bühne, während der englische Trailer darauf verzichtet und ausschließlich mit den vier Hauptdarstellerinnen glänzt: Kristen Wiig, Melissa McCarthy, Kate McKinnon und Leslie Jones.

Eine umfassende Rezension kann ich leider nicht bieten (dazu bin ich zu wenig Film-Nerd), aber zwei Aspekte, die ich erwähnenswert finden, möchte ich gerne anreißen: Zum einen die Rolle von Patty (gespielt von Leslie Jones) und zum anderen das queere Potential des Films. Es folgen ein paar kleinere Spoiler.

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Gina-Lisa Lohfink: Wenn ein „Hör auf“ nichts mehr wert ist

6. Juni 2016 von Nadia

Triggerwarnung. Für alles.

Was ist das „Nein“ einer Frau wert? Was sind – wenn eine Frau vergewaltigt, die Tat gefilmt, das Video im Internet hochgeladen wird – alle „Neins“ dieser Welt wert? Darf eine Frau leben und arbeiten und sich kleiden wie sie möchte, oder beeinflusst das den Wert einer Frau, den Wert ihres Körpers, ihr Recht auf Unversehrtheit und Schutz in jeder Hinsicht?

Wenn man verfolgt hat, wie Gina-Lisa Lohfinks Vergewaltigung in den Medien seit Tagen bagatellisiert wird, kennt man die Antworten: Nichts. Nichts. Nein. Ja.

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Gina-Lisa Lohfink (via Neue Presse)

Sexuelle Gewalt wird ausgeübt, wird gefilmt, wird im Internet hochgeladen. Konsens wird verletzt, wird verletzt, wird verletzt. Interessiert aber keinen, denn was Konsens heißt versteht man in Deutschland wahrscheinlich immer noch nicht, auch nicht nach den Vorfällen in Köln an Silvester, obschon die uns ja angeblich zur Antisexismus-Nation Nummer 1 gemacht haben. (mehr …)


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vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

7. März 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 58 von 59 der Serie Meine Meinung

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

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Zur Medienreaktion auf die sexuellen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Nacht auf den 1. Januar 2016

12. Januar 2016 von Gastautor_in

Das Institut zeitgenössischer Diasporas beschreibt sich selbst als eine „Gruppe junger, politisch aktiver, rassifizierter Menschen. Unsere Lebensrealitäten sind diasporisch-deutsch, sowohl lokal als auch transnational. Sie bilden die Bezugspunkte für unsere Arbeit.“ Am Sonntag veröffentlichte das Institut einen kritischen Kommentar zur medialen Reaktion auf die sexualisierte Gewalt in Köln (und anderen Orten), den wir hier freundlicherweise crossposten dürfen.

Außerdem läuft seit gestern auch die Aktion des Bündnisses „#ausnahmslos. Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“, zu der ihr hier weitere Informationen findet.

Wir verurteilen die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof aufs Schärfste und unterstützen die Betroffenen in ihrem Bestreben nach Gerechtigkeit. Sexistische Übergriffe gegen Frauen* sind grundsätzlich zu verurteilen, egal von wem sie begangen werden. Dabei dürfen wir soziopolitische Stellungen betroffener Frauen*, sowie  deren potenzielle Rassifizierung nicht außen vor lassen.

Die Täter*innen müssen zur Verantwortung gezogen werden, wenn gleich wir den rassistischen Gehalt des öffentlichen Diskurses für äußerst gefährlich erachten. Köln verdeutlicht, inwiefern Sexismus und Rassismus tief in der deutschen Gesellschaft verankert sind und häufig politisch gegeneinander ausgespielt werden, anstatt beide als miteinander verwoben zu begreifen. Sexualisierte Übergriffe sind Alltagserfahrungen von jeder Frau*, ob of Colour oder weiß, und werden genutzt, um bereits vorhandene Rassismen zu befeuern.

Warum wird die Debatte auf diese Weise geführt?

Eine Dimension von Rassismus ist die Strukturierung, Hierarchisierung und Rassifizierung (d.h. Zuschreibung von Eigenschaften basierend auf äußerlichen Merkmalen) von sozialen Gruppen. Derzeit sehen wir, wie Geschlecht und Rassismus in der Schaffung des Täter*innenprofils zusammenwirken und das Bild eines auf aggressive Art und Weise hypersexualisierten Mannes* of Colour kreiert. Dieses ist direkt verbunden mit der kolonialen Narrativ der weißen Cis-Frau, die als schützenswert und verletzlich beschrieben wird. Die heutige Debatte würde nicht geführt werden, wenn es sich bei den Betroffenen ausschließlich um Frauen* of Colour und bei den Täter*innen ausschließlich um weiße Cis-Männer handeln würde. Als Gruppen, die ständig der Stereotypisierung ausgesetzt sind, finden sich rassifizierte Menschen häufig in der Position, sich für die Taten von anderen verantwortlich zu fühlen.

Der Fokus der Medien auf Herkunft und Religion der Täter*innen verschiebt die Aufmerksamkeit weg von dem, was eigentlich wichtig ist: die Betroffenen und deren Bedürfnisse. Sexismus ist trotz der derzeitigen allgemeinen Annahme kein importiertes Problem. Rassismus leider auch nicht. Um ähnliche Vorfälle in der Zukunft zu vermeiden, müssen wir Diskurse über sexualisierte Gewalt anders führen, und dazu gehört ein Verständnis von intersektionellen Sexismus und Rassismus.

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  1. Cisgender beschreibt Menschen, deren Geschlechteridentität, im Unterschied zu Transgender, mit dem ihnen zur Geburt zugeschriebenen (körperlichen) Geschlecht übereinstimmt.
  2. Intersektionalität bezieht ich auf die Verwobenheit verschiedener Diskriminierungsformen, die gleichzeitig wirken. So können z.B. Rassismus, Sexismus, Ableismus und die Diskriminierung einer Religionsgruppe zusammen wirken.

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Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™

8. Januar 2016 von Nadia

Vorab: Ich hatte ein sehr schönes Silvester, und insgesamt auch sehr angenehme Feiertage, danke der Nachfrage. Da ich ein arabisch aussehender™ Mensch bin, mit arabischen Namen (der für manche Kartoffeln eher persisch klingt, aber dazu später vielleicht mehr), ließ es sich in meinem Fall nicht vermeiden die Feiertage mit anderen arabisch aussehenden™ Menschen zu verbringen. Auch Männer (unter anderem bspw. mein Vater, der je nach Tagesform aber auch mal aussieht wie Adriano Celentano, also wie ein Italiener, aber dazu später vielleicht mehr) waren dabei, also, arabisch aussehende Männer™, von denen man ja jetzt viel in der Zeitung liest. Es geschah, auweiah auweiah, ebenfalls, dass mir arabisch und/oder nordafrikanisch™ aussehende männliche Freunde ein frohes neues Jahr wünschten.

Arabisch aussehender Mensch™ mit Raclette-Pfanne bewaffnet. Dieses Bild wurde an Silvester, jedoch nicht in Köln aufgenommen.

Als arabisch aussehender Mensch™ bin ich (wie viele andere arabisch aussehenden Menschen™) auch mit anderen arabisch und/oder nordafrikanisch aussehenden Menschen™ befreundet, wobei das nicht bedeuten muss, dass all diese Menschen zwangsläufig etwas mit irgendeinem „Arabien“™ zu tun haben – manche sind auch einfach nur türkisch, kurdisch, afghanisch oder pakistanisch, zum Beispiel. (mehr …)


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Überleben in Neukölln

29. Oktober 2015 von Hengameh

Hallo
ich mache einen Film „Überleben in Neukölln“ , der bezieht sich auf einen Film von mir über drei deutsche frauen in New York „Überleben in New York, der damals sehr erfolgreich war
ich will einige Menschen portraitieren, die in Neukölln leben und überleben.

Diese Mail landete letzte Woche bei mir. Die Vorgeschichte: Eine Bekannte von mir, die sehr cool ist, fragte in einem Gruppenchat mit und ein paar andere queere Personen of Color, von denen die, die ich kenne, sehr cool sind, ob wir Lust haben, in einer Doku von Rosa von Praunheim mitzuspielen. Klang also erst mal alles in Ordnung. Der Kontakt wurde hergestellt und so las ich diese E-Mail von Rosa persönlich. Es fiel mir schwer einzuschätzen, in welche Richtung diese Doku gehen soll. Sie könnte super werden, sie könnte aber auch richtig scheiße und problematisch werden. Ich dachte mir: Ich wage vielleicht zu wenig im Leben, ich schau mir das ganze mal an.

So vereinbarten wir ein Treffen mit anderen Interessierten im Café Rix auf der Karl-Marx-Straße. Sehr orientierungslos betrat ich das Café mit den hohen Decken und den verspiegelten Wänden, suchte nach einer großen Gruppe, fand keine. Ich googelte mit dem Handy noch mal schnell „Rosa von Praunheim“, um wenigstens ein Gesicht erkennen zu können. Sobald ich wieder die Tastensperre aktivierte, hatte ich schon wieder vergessen, wie er aussehen sollte, hielt deshalb Ausschau nach einem alten Mann mit einer Cap. Einer, der auf diese Beschreibung passte, murmelte etwas zu einem Gegenüber und schaute mich dabei an. Ob er es war? Ich ging in die Richtung. „Wie heißt du?“, wollte er wissen. Ich sagt meinen Namen. Ich war also am richtigen Tisch. Wir waren allerdings nur zu dritt. Ich hörte zu, wie eine andere Person sich vorstellte und aus seinem Leben erzählte. Kurz darauf kam eine weitere Person dazu. Das waren dann drei Typen und ich. Ich irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, ich versuchte jedoch weiterhin, mir nichts anmerken zu lassen und offen zu bleiben.

Mir fiel auf, dass zu den Typen sehr viel aufgeschrieben wurde, ich wurde nur kurz gefragt, was ich mache und ob ich Iranerin sei. Ich sagte, ich sei Redakteurin und freie Autorin. Und ja, meine Eltern kommen aus dem Iran, ich bin aber hier geboren. Rosa fragte mich, ob ich denn von meiner Arbeit leben könne, ich sagte ja. Dann ging seine Aufmerksamkeit wieder zu einem der anderen über. Als die beiden Typen über Homofeindlichkeit spezifisch in Neukölln. Ich ahnte Schlimmes. Dann war wieder ich am Turn. Mehrfach fragte mich Rosa von Praunheim, ob ich als freie Autorin, Speakerin und Redakteurin (sic!) denn wirklich leben könne. Beim ersten Mal klang es nach Interesse, beim dritten ungläubigen Fragen fühlte es sich scheiße an. Ja, stellt euch vor, Menschen sind tatsächlich bereit, mich für meine Expertise und Arbeit zu bezahlen und es reicht aus, um in Berlin zu überleben. Die anderen beiden – einer von ihnen Modedesigner – wurden in Punkto Business wenig in Frage gestellt.

Dann wollte er wissen, ob ich schon mal von dem Begriff „Person of Color“ gehört hätte. Ich bejahte und ergänzte, dass ich mich auch als eine solche bezeichne. Das müsse ich ihm aber erklären, sagte er mit gerunzelter Stirn. Nachdem ich die Selbstbezeichnung erklärte, war seine Reaktion: „Das ist jetzt aber nicht fair dunkelhäutigen Personen gegenüber.“ WTF. Er sprach mir in den folgenden Minuten sämtliche Rassismuserfahrungen ab und bestand darauf, dass ich aufgrund heller Hautfarbe auch weiß sei. Und, da waren sich alle Typen einig: Auch weiße Personen können in manchen Situationen von Rassismus betroffen sein. Ich widersprach immerzu, es fühlte sich aber an, als würde ich mit einer Wand sprechen.

Nächster Punkt ging natürlich auch richtig in die Klischeefalle: Die Homofeindlichkeit in Dem Islam™. Den Islam™ gibt es nicht, versuchte ich klarzumachen. Das sahen die Boys anders. Sie reproduzierten so viele rassistische Stereotype, dass ich aufstand und ging. Jetzt war ich mir sicher, dass es ganz sicher keine coole Doku werden würde, sondern vielmehr eine Art „Demo gegen Homophobie in Neukölln – Der Film“. Drum auch der Titel „Überleben in Neukölln“. Ich schlage vor: Überleben in Charlottenburg. Überleben im cis-normativen, kapitalistischen, white supremacist Heteropatriarchat. Überleben in Deutschland. Wenn ich einen rassistischen Blick auf Neukölln sehen will, kann ich auch Buschkowski oder Sarrazin lesen, da braucht Rosa von Praunheim, der sich offenbar noch nie mit seinem weißen Privileg auseinandergesetzt hat, keine weitere Dokumentation drehen. Es ist offensichtlich, was dieser Film ist und was nicht. Nicht-weiße Personen, gerne muslimischen Backgrounds, werden für die Reproduktion einer rassistischen, anti-muslimischen Perspektive auf Neukölln instrumentalisiert. Denn: Wenn „sogar schwule Türken“ sagen, dass sie von ihren muslimischen Familien unterdrückt werden, dann gilt die Klausel, dass alle Kanaken homofeindlich sind. Tamam.

Dies zeigt auch sehr klar, für wen „Überleben in Neukölln“ gemacht wird und für wen nicht. Nicht etwa Menschen, die seit Jahrzehnten dort leben oder dort aufgewachsen sollen sich mit dieser Dokumentation identifizieren, sondern viel mehr weiße Personen, besonders schwule Typen, die Neukölln höchstens betreten, wenn sie ins SchwuZ gehen, sollen den Film sehen und sich in ihren rassistischen Zuschreibungen gegenüber „den ganzen Türken und Arabern dort“ bestärkt fühlen. Außerdem dürfen sie die unterdrückten Muslime bemitleiden und gleich auf Grindr nach einer Person suchen, die ihren orientalistischen Erwartungen entspricht und die sie befreien können. Diese Dokumentation wird wahrscheinlich sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Einerseits, weil Rosa von Praunheim ein sehr hohes Standing hat und seine Arbeit viele Menschen erreicht. Zweitens, weil der Film in eine Gesellschaft hineingefurzt wird, in der PEGIDA, Asylgesetzverschärfung, Birgit Kelle, Sarrazin, Merkel und BILD-Zeitung unter dem Tisch Händchen halten. Selbst Kartoffeln, die sonst gern mal heterosexistische Sprüche klopfen, werden den Film gut finden, denn sie können das Konstrukt des „homophoben Ausländers“ sehr gut aufrechterhalten. Plötzlich interessieren sich alle für LGB(T)-Rechte, solange sie dazu dienen, rassistische Strukturen weiterzuweben. Pinkwashing in a nutshell.

Stattdessen könnten Gelder darin fließen, dass queere Personen of Color in Neukölln sich selbst repräsentieren dürfen und die Narrative aus einer anti-rassistischen, queeren Perspektive erzählt wird. Am Ende des Tages ist Rosa von Praunheim nämlich auch nur ein weißer, alter Typ, der Neukölln mal so richtig analysieren will, wie es schon Sarrazin und Buschkowski vor ihm taten. Danke für nichts.


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Grund- und Machtbedürfnisse – Religion und Gewalt

25. September 2015 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 2 von 59 der Serie Meine Meinung

Als eines dieser weiß-säkularen Privilegien erlebe ich jede Art der “Religionskritik”. Auch in Form von Comics, Karikatur, Rede und Schrift.
Was aus dieser “Kritik” entsteht, ist eine Verschmelzung von Gewalt und Glaube. Religion wird einzig zum Instrument von Zwang, Ausnutzung von Unbildung (spannend, was immer wieder so als “Bildung” und “Wissen” in dem Kontext anerkannt ist!).
Nicht etwa zum Teil einer Lebensauffassung, inneren Haltung, vielleicht auch Identität und Kultur, über die sich zu äußern und zu werten vielleicht in allererster Linie Sache derer ist, die sie leben (wollen!).

Ich habe kein Verständnis für „Religionskritik“ von Personen, die nicht der „kritisierten“ Religion angehören.
Schon gar nicht habe ich Verständnis für Satire, die nach rechts buckelt und nach minorisierten, unterdrückten, rassierten Personengruppen tritt.
Satire ist für mich ein Mittel nach oben zu treten, um nach unten eine Hand zu reichen.

Ich habe kein Verständnis für die “Religionisierung” von Gewalt, die die (weiße) (säkulare) Presse vornimmt, um greifbare Slogans unter ihre Leser_Innenschaft zu spucken.

Für mich ist diese Mischung genau das, wovor ich Angst habe, wenn ich mich mit dem Thema ritueller Gewalt auseinandersetze – vielleicht sogar in Form eines Vortrages vor Menschen, die keiner Religion angehören.

Ich weiß, dass da kein Verständnis für den Glauben, kein Verständnis für bestimmte Werte und Handlungen ist – so schon, ganz ohne tatsächlichen Zwang oder die Art Gewaltanwendung, wie sie im Rahmen ritueller Gewalt passiert. Es gibt Menschen, die denken, ihr Kopf, ihre Seele und Kultur sei frei und ohne Zwang, weil sie studiert sind, weil sie Demokrat_Innen sind, weil sie so sind, wie eine Mehrheit der Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Für diese Menschen gab es noch keine Auseinandersetzung, wie frei von Religion und auch auf eine Art ritueller Gewalt*, man tatsächlich ist, wenn man an Karfreitag nicht arbeitet oder am 25. und 26. Dezember die klitzekleine Welt um sich herum stillsteht.

Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir unser jüdisches Leben nach überstandener organisierter (darunter auch ritueller) Gewalt mehr oder weniger verteidigen mussten.
Erst gegen Unterstellungen, wir wären ins Leiden sozialisiert und hätten uns deshalb einer Religion angeschlossen, die uns mit ihren über 600 Gesetzen unterjocht; später gegen die Unterstellung sich mit der Religion eine heile Welt zu zimmern, um in einer (besseren) (Sub) Kultur leben zu können.
Nachgefragt wird da natürlich nicht. Ich bin ja religiös und erzähle deshalb sowieso nur Schwachsinn, dem man nicht zuhören muss.

Weiß(christlich kultivierte) Säkulare sind es inzwischen immer öfter, die mir ihren Antisemitismus ins Blog rotzen, die mir rassistische Karikaturen ins Facebook klatschen und mich überdenken lassen, wie weit vom Fenster entfernt ich meine Menora aufstelle. Säkulare sind es, die sich mir gegenüber erhöhen, weil sie Studien und Beobachtungen über die Auswirkungen von Religion auf Wirtschaft, Infrastruktur und Länderentwicklung kennen.
Und ich bin froh, wenn mal in einer (großen) Stadt bin, die einen leicht zu findenden Koscherladen hat. Wenn es möglich ist, in einem Job zu arbeiten, in dem ich während Shabbes nicht arbeiten muss. Wenn ich die Möglichkeit habe mich mit anderen jüdischen Menschen auszutauschen ohne, dass es an einem very special place oder an einem very special Feiertag ist.

Säkulare haben eine Ersatzreligion und das sind Wissenschaft und “Objektivität”.
Doch zugeben kann das natürlich niemand.
Weil: “Wissen(schaft) ist die Abwesenheit von Glauben.”
Auch da bleibt unhinterfragt, warum man an Zahlen, an Wissen(schaft) (gerade auch, wie sie heute produziert und praktiziert wird) glaubt und nicht an seine eigenen Sinne(swahrnehmungen).

Zu glauben, ist meiner Ansicht nach ein menschliches Grundbedürfnis. Religion, wie Wissenschaft, wie Bildung allgemeinerer Natur, ist an der Stelle einfach eine Möglichkeit sich dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Menschen zu töten, Menschen zu verletzen, Menschen zu unterdrücken ist kein Grundbedürfnis.
Das ist Wille zur Macht. Der braucht Gewalt.

*hier im Sinne eines religiös begründeten, aber in letzter Instanz kult.ivierten Handlungsimperativs
*Nachtrag: auch sehr spannend in dem Zusammenhang: der letzte Soziopod „Medien, Macht und Märsche


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