Dieser Text ist Teil 16 von 152 der Serie Kurz notiert
Die Islamdebatte geht weiter. Hilal Szezgin kommentiert in der Taz:
“So unterschiedliche AutorInnen wie die Islamwissenschaftler Katajun Amirpur und Navid Kermani, die Migrationsforscherin Yasemin Karakasoglu, die Journalistin Mely Kiyak, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu und ich haben bereits unzählige Male unser Unbehagen an einer Islam-Debatte dargelegt, die falsch verallgemeinert, unzumutbar polemisiert und ein wohlfeiles Ventil für jene Ressentiments bietet, die man früher Ausländerfeindlichkeit nannte und heute oft die Form von Islamfeindlichkeit annehmen.”
Matthias Franz, Organisator des Kongresses “Neue Männer – muss das sein?” hat der Tazein Interview gegeben, in dem er über die Probleme spricht, die die Auflösung des traditionellen männlichen Rollenmodells mit sich bringt.
Wie dieStandard.at berichtet, wird die im März stattfindende Parlamentswahl im Irak wahrscheinlich die letzte Chance auf eine echte Beteiligung von Frauen am politischen Prozess sein. Diese Wahl wird die letzte sein, bei der es eine Frauenquote von 25% gibt.
Ebenfalls auf dieStandard.atfragt sich Ina Freudenschuss, was der Kampf um Frauenrechte mit Homosexuellen-Aktivismus zu tun hat? Sie findet: Eine ganze Menge!
An US-amerikanischen Universitäten kämpfen junge Frauen gegen Sex vor der Ehe und befinden: Das ist “echter” Feminismus! Und wenn man doch mal “sündige Gedanken” hat? Die Abstinenz-Aktivistinnen raten: Einfach mal einen tüchtigen Spaziergang einlegen, wie der Spiegel.de berichtet.
Die wöchentliche Blogschau versorgt Sie auch heute wieder mit Geschichten aus der feministischen Blogosphäre. Diesmal:
Das Missy-Magazine erscheint am Montag, online gibt es jetzt schon einiges zu lesen! Die Missy-Gastbloggerin im Februar, InFemme, berichtete über ihre Probleme mit der Elternzeit – und der des Vaters. Gru-se-lig.
Außerdem der Hinweis, dass es auf der 60. Berlinale mehr gibt, als nur Bären. Etwa den TEDDY – schwul-lesbischer-transidentischer Filmpreis und den Femina-Film-Preis für „hervorragende künstlerische Leistungen einer Technikerin”. Die Gewinner_innen stehen übrigens schon fest.
Fragen:
Auf p-pricken.de erläutert Patrick seine Antwort auf „Verschleiern oder lieber so nackt und schlank auftreten wie möglich?” – Burka, Nikab und Freiheit.
„Die lesbische Frage” stellt Nadine auf Medienelite. Aber Achtung, wer Polemik nur in kleinen Dosen verträgt, ist hier falsch.
Wie sinnig oder unsinnig ist Twitter? Antje Schupp denkt für beziehungsweise weiter.
Nur kurz: Auf jezebel gibt es eine punktgenaue Suada von Anna North zum Thema vaginale Infektionen und deren überflüssige Problematisierung. Zwar geht es natürlich um das US-amerikanische Gesundheitssystem, doch die Sachlage ist in Deutschland nicht so viel anders.
Von der Heimsuchung des Hefepilzes (darf ich vorstellen, Candida Albicans) und der Belastung der Blasenentzündung bleiben nur wenige Frauen völlig verschont. Selig sind die mit den robusten Unterleibern, denn sie kennen nicht die Panik, den Schmerz und das Unwohlsein, die von einer Dauntenentzündung ausgehen. Sie kennen auch nicht die peinliche Prozedur, die zu durchlaufen ist, wenn man ein verschreibungspflichtiges Medikament dafür braucht, wie bei einer schweren Blasenentzündung ein Antibiotikum. Man bitte verzweifelt darum, in die Sprechstunde kommen zu können. Dann hockt man stundenlang und angespannt in Gynäkologenwartezimmern, blättert lasch in uralten Gala-Ausgaben und am Ende bekommt man einfach nur die Bestätigung von dem, was man eh schon wusste, weil es einen ja aus der Körpermitte seit Stunden schon anschreit: “Ja, da haben Sie sich eine ordentliche Entzündung eingefangen.” (weiterlesen …)
Anke Domscheit war gerade in Indien unterwegs und dokumentierte diese Reise in ihrem neuen Blog. So war sie z.B. in einer Nightschool, die es Mädchen ermöglicht, abends in die Schule zu gehen, wenn sie tagsüber arbeiten oder ihre Geschwister betreuen müssen.
Dass die „Zeitschriftenrevolution” der Brigitte, keine Models mehr abzubilden, den Schlankheitswahn nur noch weiter anheizt, findet der Hobbyweltverbesserer(in)-Blog. Die neue Strategie besticht bisher durch Laienmodels die locker als echte Models arbeiten könnten und die Nach-Weihnachten-Diät. Auch A Blog Of One’s Own ist nicht begeistert.
Ein etwas anderer Rückblick: Auf Svenja-And-The-City beschreibt Svenja die letzten zehn Jahre und ihre Verwandlung vom Mann zur Frau.
In einem neuen abgeklärten und lässigen Jahrzehnt hat an der Oberfläche niemand ein Problem mit nichts. Schon gar nicht mit Sex, egal in welcher Form. Das Schulterklopfen für den Platzhirsch und die ungläubigen Blicke auf die leichte Barschnecke passieren dabei wesentlich subtiler und sind mit Sicherheit Teil der Ursache für die scheinbare Unsterblichkeit der Masche.
Mit mehr Männer- und Jungenförderung will die neue Bundesregierung dem Bildungsnotstand entgegentreten. Medienelite schaut nach, wer wirklich zu den Bildungsverlierern gehört und *SPOILER* von deren Förderung hat Dr. Kristina Köhler bisher nichts gesagt.
Kommentare, die gegen die Netiquette verstoßen, fliegen wieder raus. Doch oft genug gibt es auch hier Kommentare bei denen wir uns nicht sicher sind, ob es eine ernste Nachfrage ist oder direkt aus Derailing for Dummies. Das geht nicht nur uns so: Weiteres bei Aus Liebe zur Freiheit.
Geschlechtsangleichende Operationen, wie die von Amanda Simpson, sind bis heute für einige Leute so spannend, dass jedes Detail beleuchtet werden muss. Selbst wenn die Betroffene nurs ein normales Leben will. Mehr auf Bad hair days.
Die neuesten Ergüsse des Gerhard Amendt über den (verpassten) Kampf gegen den Feminismus hat Ti_Leo ausführlich analysiert.
Für eine bessere Vernetzung der (weiblichen) Websphäre listen wir jede Woche auf, was unsere deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen über die Woche so melden und tun. Wenn du selbst ein Blog zu Gender- und Feminismusthemen hast, sag unter mannschaftspost(at)web.de Bescheid.
ein paar Monate sind seit der Europawahl im Juni vergangen und beim Zurückblicken merke ich: Ich habe schon jetzt eine ganze Menge Erfahrungen als Abgeordnete gemacht. Interessanterweise immer wieder ähnliche.
Bei Akkreditierungen werde ich – jung, weiblich, blond – gefragt: Für welchen Abgeordneten holen Sie denn die Papiere? Diese Frage wiederholt sich jedes Mal, wenn ich offiziell ein Dokument abholen will, mich eintragen muss etc. Als junge blonde Frau wird man also sofort in die Kategorie ‘Assistentin von älterem männlichen Abgeordneten’ gesteckt? Klar ist auf jeden Fall: Europaabgeordnete sind im Durchschnitt alt und männlich.
Interessant ist auch die Arbeit in den Ausschüssen. Ich wurde von meiner Fraktion, den Grünen, in den Auswärtigen Ausschuss, und stellvertretend in den Haushalt- und den Frauenausschuss gewählt. Die Zusammensetzung dieser Ausschüsse fällt schon sehr auf: Überwiegen im Auswärtigen und Haushaltsausschuss die Männer, gibt es im Frauenausschuss so gut wie keine. Am enttäuschendsten war die Wahl des Vorstands des Auswärtigen Ausschusses in der ersten Sitzung. Ein Vorsitzender und vier Stellvertreter, alle männlich, alle über 50 Jahre alt (und natürlich alle weiß).
Ich konnte die erste Sitzung nicht enden lassen, ohne dieses traurige Erscheinungsbild zu kommentieren. Meine erste Redezeit im Europaparlament verwendete ich also darauf, mein Bedauern über diese archaische Zusammensetzung zum Ausdruck zu bringen. Schweigen im Raum. Wer wagt da, sich so zu äußern? Zögerlich klatschen die Frauen aus meiner Fraktion, andere schlossen sich an, aber alles bleibt verhalten. Der neugewählte Präsident schließt schnell die Sitzung, aber nicht ohne vorher in meine Richtung zu sagen: “Auf eine hoffentlich gute Zusammenarbeit!” Mal sehen …
In den letzten Wochen waren Frauen im Parlament schon ein riesiges Thema in Brüssel. Eine neue Kommission ist zu besetzen und es zeigte sich, dass die große Mehrheit der 27 Mitgliedsländer Männer für die Kommissionsposten vorschlugen – insgesamt wurden bis jetzt nur fünf Frauen vorgeschlagen. Das war Anlass für uns Grüne, eine fraktionsübergreifende Kampagne zu starten, unsere Drohung lautet: Wenn die neue Kommission nicht mindestens so viele weibliche Mitglieder hat wie die jetzige, werden wir en bloc im Europaparlament dagegen stimmen. Dafür brauchen wir natürlich auch die Stimmen einiger Männer. Mal sehen, ob es klappt.
Wir hoffen nun, dass mit der Ernennung von Lady Ashton als EU-Außenministerin der Druck fuer die Kommissionsbesetzung nicht sinkt, hier herrschen immer noch ‘saudi-arabische Verhälntnisse’. Für viele überzeugte Europäerinnen und auch für mich als Außenpolitikerin ist Lady Ashton eine Enttäuschung: Sie soll den neuen EU-Auswärtigen Dienst aufbauen, und dies ohne außenpolitische Erfahrung. Aber diese Kritik soll nicht unseren Elan schmaelern. Wir kritisieren viele der vorgeschlagenen Männer ja auch, ohne daraus abzuleiten, dass es falsch ist, Männer generell zu nominieren.
Frage: Wie klärt man junge Männer darüber auf, dass Gewalt gegen Frauen falsch, kriminell und abstoßend ist?
Antwort aus Dänemark: Man programmiert ein kostenloses Videospiel, in dem der Nutzer mit einer animierten Hand ein aufreizend gekleidetes und provokant daher redendes junges Modell schlägt. Wenn er sie dann zu Boden geschlagen hat, sagt man ihm, er wäre übrigens ein Idiot. Das haut sicher rein, bei gewaltbereiten präpotenten Frauenverachtern da draußen.
Die Initiative “Hit the Bitch” hat viel Aufsehen erregt, in Dänemark und weltweit. Dahinter steht eine dänische NGO, die sich gegen häusliche Gewalt einsetzt. Mittlerweile ist die Seite für Besucher außergalb Dänemarks gesperrt – was die Betreiber mit dem “heavy traffic” erklären, was aber auch daran liegen kann, dass dieses Spiel bisher ausschließlich Kritik geerntet hat. Oder vielleicht wollen die Betreiber auch einfach nur verhindern, dass Blogger_innen, die kein Dänisch sprechen (so wie auch hochachtungsvoll, Eure) sich über die Seite aufregen. Aber was wir gesehen haben, ist was wir kriegen – und allein nach ästhetisch-psychologischen Kriterien gibt es an “Hit the Bitch” jede Menge auszusetzen.
Mit jedem Schlag, den der oder die Spieler_in dem Modell in dem flash-animierten Spiel versetzt, steigen seine Punkte an. Am Anfang, also bevor es zu Gewalt kommt, steht der Zeiger bei 100% Pussy, am Ende kommt er bei 100% Gangsta an. Liegt das Modell endlich bewusstlos am Boden, springt dem Spieler ein Text ins Gesicht, der ihn als 100 % Idiot bezeichnet und erklärt, dass er von Anfang an ein Looser war. Im Hintergrund läuft ein melancholischer Raptrack und überhaupt scheint sich die ganze Aufmachung vor allem an Jugendliche zu richten, die Hip Hop hören und in Nachtclubs gehen.
Während die Intention der Spielemacher sicherlich richtig war – die Unmittelbarkeit von Gewalt zu verdeutlichen und die jungen Prügeltypen in ihrem eigenen Kontext zu erwischen, ist die Ausführung leider völlig misslungen. Tatsächlich ist das Spiel sehr eindrucksvoll – ich habe, als die IP-Adresse noch offen war, wirklich versucht, wenigstens bis zur Mitte zu kommen, konnte aber einfach nicht mehr als einmal “zuschlagen” – ich fand es zu schrecklich. Doch ist schon der ganze “Look” des Spiels völlig fehl und überhöht – das sexy Mädchen, der schlechte Rapbeat, die Gangstasprache und unterscheidet sich durch nichts von anderen gewalttätigen Videospielen. Wer seine Freundin in Wirklichkeit schlagen würde, der scheut auch nicht davor zurück, wenn er sieht, wie ein virtuelles Mädchen am Boden liegt und fühlt sich von einem Computerspiel vermutlich auch kaum angegriffen. Zudem ist die Sprache mit all dem Bitch-, Gangsta- und Pussy-Slang völlig trivialisierend und richtet sich, und das grenzt schon an Rassismus, an eine Subkultur, die gerade nicht vorrangig aus weißen, wohlhabenden Dänen besteht.
Gut möglich, dass einige Feinheiten verloren gehen, wenn man des Dänischen nicht mächtig ist, doch spätestens bei deutschen Nutzern ist das ja auch egal – vor allem wenn sie über eine deutsche Website ankommen, die “Hit the Bitch” als tollen Zeitvertreib anpreist – wie ich gestern noch gesehen habe, was aber wieder offline ist.
Überhaupt ist das ganze Konzept einer Gewaltsimulation zur Gewaltprävention reichlich absurd: Wer sein ganzes Leben mit Internet und Computerspielen aufgewachsen ist, lässt sich von einem Bildschirm, der ihn mit der relativ harmlosen Invektive “Idiot” belegt, wahrscheinlich eher nicht beeindrucken. “Hit the Bitch” ist nicht nur als Aufklärungsmittel völlig fehl geschlagen, ich würde sagen, es is nichts als ein weiterer Beitrag zu der Gewalt gegen Frauen im Internet – und davon gibt es wirklich schon mehr als genug. Lieber 2pac fragen:
Dieser Text ist Teil 20 von 48 der Serie Meine Meinung
Heute wurde ich gleich von zwei Leuten gefragt, wie ich denn die neue Sendung Frauenzimmer fände. Oh boy, ich konnte es gar nicht abwarten nach Hause zu kommen und mir die gestern erstmalig ausgestrahlte Folge online anzuschauen. Aha, eine neue Nachmittags-Talkshow mit einer bunt zusammengewürfelten Runde an Moderatorinnen, die ein nicht so neues Format präsentieren – nennt sich in den USA The View und ist dort u.a. mit Whoopi Goldberg und Barbara Walters recht erfolgreich. In Deutschland wird die Runde gleich von sieben Damen bestritten, von denen vier in den ersten Sendungen dabei sind: Yasmina Filali (Model, Schauspielerin und Moderatorin), Bettina Böttinger (Produzentin und Moderatorin), Maite Kelly (Sängerin) und Birgit Ehrenberg (selbsternannte (?) Liebesexpertin und Journalistin).
Quelle: maitekelly.de
Ehrenberg stellte anfangs gleich eins klar: Auf die Kritik der BILD Zeitung, diese Runde sei doch nur weiblicher Klatsch&Tratsch, entgegnete sie, dies hier sei
“deutsches Qualitätsfernsehen mit vier Raketen. Männer können hier etwas lernen – wie Frauen im Innersten ticken, lieben und denken”.
Ja: sie denken auch – wie Ehrenberg mehrfach betont. Aber eben anders.
Filali führte thematisch durch die Sendung und hetzte etwas holprig von Thema zu Thema. Das erste “gewichtige politische Thema“ hieß dann auch “Wie sexy ist die neue Regierung?”, worauf Kelly Philipp Rösler (FDP) zum Gewinner kürte – wegen seinem “asiatischen Touch und Zen Ausstrahlung”. Da wo ich herkomme, nennt man solche Äußerungen Exotismus. Vielleicht bin ich langweilig, aber PolitikerInnen sollten primär auf Grund ihrer Kompetenzen anstatt ihrer Heiratsfähigkeit bewertet werden.
Thematisch bot die Sendung einen Rundumschlag der typischen Themen der privaten Sender: Prominenz, Schönheit (inklusive der Reproduktion von bekannten Dichotomien von schön/dünn/groß – hässlich/dick/klein) und Mode (so wurden bspw. 12cm hohe High Heels diskutiert, die man auch einfach beim kochen tragen kann – dann “fühle man sich auch zu Hause als Frau“, laut Ehrenberg)
Gast der ersten Sendung war Sänger Ross Antony, der über seinen Wunsch sprach, mit seinem Partner ein Kind adoptieren zu wollen – aber nur ein Mädchen, was die Moderatorinnen mit den Worten honorierten:
„Frauen sind ja auch besser!”
Antony setzt noch einen drauf und behauptete,
“für Mädchen könne man schöne viele Dinge kaufen, Puppen und so, und sowieso mehr mit ihnen anfangen als mit Jungs.“
Aha. Das kennen wir doch – und nennt sich Mütter- bzw. Differenzfeminismus - die weichgespülte Verfechtung der Aufgaben-Trennung basierend auf tradierten Vorstellungen von Geschlecht und Identität, welches die weibliche (Mutter-)Rolle glorifiziert.
Vielleicht verlange ich auch zu viel von einer klar auf Unterhaltung ausgelegten Sendung, aber eine Gesprächsstunde, die von (und für?) Frauen gemacht wird und den Anspruch hat, auch politische Themen zu behandeln, aber kontinuierlich Geschlechtsstereotype unhinterfragt reproduziert, ist für mich Teil eines backlash gegen durchaus existente Gleichstellungstendenzen in unserer Gesellschaft. Und diese Gegenbewegung, die man gesellschaftlich auf allen Ebenen spürt, wird insbesondere durch jene (sexistischen) Aussagen gestützt, die Frauen als die besseren Menschen darstellen.
Solche (falschen) Aussagen haben nur eine Konsequenz: Sie stellen Frauen ruhig. Und das zeigt die perverse Macht eines backlash.
Dieser Text ist Teil 19 von 48 der Serie Meine Meinung
Im Zweifel gegen den Mann
Neulich noch die Schlagzeile des Focus – jetzt schon Thema der Koalitionsgespräche von Union und FDP. Dass auch für Jungen und Männer nicht überall Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, ist also auch in der Politik angekommen. Daher soll es jetzt eine “eigenständige Jungen- und Männerpolitik” geben. Die immer noch im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt ist. Haben die Initiativen für Familien (stehen immerhin an erster Stelle) und die Jugend bisher nur die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen beachtet?
Anscheinend:
So widmet sich die Bundespolitik auch fast ausschließlich den Frauen: Frauen im Aufsichtsrat, Abschaffung des Ehegattensplittings, Elterngeld, Kitaplätze – all das soll die Arbeits- und Familienwelt fairer machen. Die Benachteiligung von Männern spielte bislang dagegen kaum eine Rolle.
Fragen über Fragen tun sich auf. Das Ehegattensplitting wurde abgeschafft und eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte wie in Norwegen eingeführt? Habe ich was verpasst? Und seit wann hilft eine faire Arbeits- und Familienwelt nur Frauen? Dürfen alleinerziehende Väter ihre Kinder nicht in Kitas geben? Dass das Ehegattensplitting überwiegend Männer in die Rolle des Versorgers zwängt, habe ich mir wohl auch nur eingebildet.
Das Elterngeld war immerhin ein Anfang, aber viele Väter trauen sich immer noch nicht, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Schief angesehen zu werden ist vielfach das kleinste Problem, das Abrutschen auf der Karriereleiter ein größeres. Eltern, denen ein Jahr mit dem Kind nicht reicht, empfahl die Familienministerin dieses Jahr, einfach Schulden zu machen.
Was also wird nun kommen? Zeit wäre es für eine Reform des Schulsystems, damit nicht immer mehr Jungen die Schule ohne Abschluss verlassen. Ein weiterer Vorschlag ist die Höherbewertung und bessere Bezahlung typischer Frauenberufe wie Kindergärtnerin oder Altenpflegerin, um diese Berufe auch für Männer attraktiv zu machen.
Konkrete Maßnahmen für die kommende Legislaturperiode seien noch nicht diskutiert worden. Ihrer Meinung nach ist es Aufgabe der Politik, “junge Männer verstärkt für soziale Berufe zu begeistern”. Eines sei aber klar: “Ein Boys Day allein genügt nicht – aber eine Quote für Kindergärtner wird es sicher auch nicht geben.”
Die neue Männerpolitik wird also aussehen wie die alte Familienpolitik: ein bißchen Substanz und viel heiße Luft.
In Diskussionen um Frauen um Führungspositionen wird denjenigen, die von der “Gläsernen Decke” sprechen gerne mal unterstellt, diese Decke gäbe es nur in ihren Köpfen und in der Wirklichkeit würden es Frauen auch nach ganz oben schaffen – wenn sie nur gut genug seien.
An diesem Märchen wird eine neue Studie arg rütteln. Zeit Online sprach vor der Veröffentlichung der Ergebnisse schon mal mit dem Studienleiter und Soziologen Carsten Wippermann und erfuhr von ihm ganz Erstaunliches:
Zum einen sprachen die von uns befragten Männer sehr positiv über Frauen. Auf der Einstellungsebene haben diese Manager eine große Sympathie für Frauen in Führungspositionen. Aber man kann dies leicht als gender political correctness entlarven, wenn man in die Tiefe geht.
(…)
Wir haben ausgemacht, dass latent drei verschiedene Mentalitätsmuster mit ihrer je eigenen Logik laufen, die schwer zu enthebeln sind. Wird Frauen der Zugang zu Posten in Kontrollgremien geboten, schließen sich gleich wieder andere Türen. Die dominierenden Mentalitätsmuster wirken wie ein mehrfach abgeriegeltes System.
Das müssen Sie genauer erläutern. Wie funktioniert das?
Alle 30 von uns befragten Manager konnte man einem Typus zuordnen. Der eine ist sehr konservativ. Bei ihm kann man eine kulturelle und funktionale Ablehnung von Frauen qua Geschlecht ausmachen. Zitate aus den Interviews sind: Frauen seien eine Irritation im inner circle und unerwünscht im Vorstand. Der andere Typus hat eine emanzipierte Grundhaltung und geht davon aus, dass Frauen chancenlos gegen die Machtrituale seien. Das Topmanagement verlangt Härte und das steht im Widerspruch zum Frauenbild in unserer Gesellschaft. Es fielen Formulierungen wie: Ein Vorstandsposten ist eine andere Sportart – und Frauen hätten nicht die Härte dafür. Frauen, die entsprechend auftreten, wirken dann nicht mehr authentisch – und für diesen Typus ist aber Authentizität ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. Der dritte Typus zeigt einen radikalen Individualismus. Diese Männer sagen, dass das Geschlecht eigentlich keine Rolle dabei spielt, wenn es um die Besetzung einer Führungsposition geht. Aber es gebe nicht genügend Frauen, die authentisch und flexibel genug dafür seien. Alle drei Haltungen kommen in einem Unternehmen vor. Das heißt: Erfüllt eine Frau eine der genannten Anforderungen, steht sie damit im Widerspruch zu den anderen beiden. Die gläserne Decke ist also dreifach gesichert.
Dabei mache es keinen Unterschied, wie alt die befragten Männer gewesen seien, alle Muster ließen sich in allen Altersklassen finden. Interessanterweise sagten dann aber alle Befragten, dass sie mehr oder weniger davon überzeugt seien, dass gemischte Führungsteams besser arbeiten würden als reine Männerteams. Auf der theoretischen Ebene kann man also durchaus Fortschritte zu sagen wir mal 1958 erkennen – Frauen werden nicht mehr per se als ungeeignet gesehen und man ist sich des Nutzens für ein Unternehmen bewusst – aber jeder Manager legt sich dann doch ein für ihn beruhigendes Konstrukt zurecht, warum es klar sei, dass auch in seinem Unternehmen nur so wenige Frauen Führungsrollen übernehmen.
Wippermann kündigt am Ende des Interviews an, dass es Handlungsempfehlungen nach der Veröffentlichung durch das Bundesfrauenministerium im Dezember geben wird. Worauf ich nach dem Ausgang der Bundestagswahl gleich doppelt gespannt bin. Denn jedes “Liebe Manager, jetzt lasst doch auch mal Frauen ran!”, das wir in den letzten vier Jahren so oft gehört haben, wäre ein Hohn angesichts der Ergebnisse der Studie.
Heute Morgen im Deutschlandfunk gehört: Der Spitzenkandidat der Linken in Thüringen, Bodo Ramelow, verzichtet auf das Amt als Ministerpräsident um eine Rot-Rot-Grüne Koalition zu ermöglichen. Statt sich könne er sich dafür gut eine Frau vorstellen. Einen Namen hat er nicht genannt und es ist ihm offenbar auch egal, aus welcher Partei sie kommt.
Ich bin jetzt in thüringischer Landespolitik nicht bewandert genug, um zu wissen, ob sich da eine bestimmte Frau geradezu aufdrängt, so, dass man sie gar nicht erst namentlich zu nennen braucht. Aber das Statement sprang mir sofort auf säuerliche Art in den Frühstückskaffee: Offensichtlich ist Herr Ramelow der Ansicht, es mache keinen Unterschied, ob er regiert oder irgendeine Frau. Das könnte entweder auf eine – unter Politikern wohl eher unübliche – tiefe Bescheidenheit des Herrn Ramelow hinweisen, der sagen will: Ach, das kann jede andere genau so gut wie ich. Oder es könnte bedeuten: Ob jetzt da irgendeine Frau das Kabinett führt, macht eigentlich keinen Unterschied. Wie gesagt, dafür kann ich Herrn Ramelow nicht gut genug einschätzen. Es ist aber auf jeden Fall so, dass er nicht hätte sagen können – “Ich verzichte auf das Amt das Ministerpräsidenten. Könnte mir aber doch einen Mann ganz gut für das Amt vorstellen.” Und dass er das nicht bedacht hat, und so spricht, ist weder ein Zeichen für Intelligenz noch für das Emanzipationsniveau dieses Politikers und damit auch seiner Partei. Ich bin gespannt auf “die Frau”, die diesen Karren aus dem Dreck ziehen will.