Einträge der Rubrik ‘Körper’


Samstagabendbeat mit Lizzo

12. Dezember 2015 von accalmie

Die großartige Rapperin und Sängerin Lizzo aus Minneapolis feiert mit ihrem neuen Lied „My Skin“ Körper aller Größen, Formen und Pigmentierungen: „I woke up in this – in my skin.“ Mehr von Lizzo, ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debütalbum, „Lizzobangers“, sowie ihrem neuen Album, „Big Grrrl Small World“, findet ihr auf ihrer Homepage.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: Dickenfeindlichlichkeit und Einsamkeit oder: Odyssee durch Berlin im Krimiformat

27. November 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 113 von 128 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu Regina Nössler: Endlich daheim

Berlin-Kreuzberg. Die dreizehnjährige Kim steht vor ihrem Hauseingang und muss feststellen: Ihr Schlüssel passt nicht mehr und das Klingelschild mit ihrem Namen ist verschwunden. Überhaupt stimmt keines der Klingelschilder mehr. „Endlich daheim“ von Regina Nössler erzählt Kims Odyssee durch Berlin, in der die akute Notsituation der Dreizehnjährigen ihre alltägliche Verlorenheit und Einsamkeit zu Tage fördert. Aber auch ungeahnte Verbündete betreten die Bühne.

Zum mystischen Verschwinden der Namensschilder gesellen sich weitere Hinweise darauf, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht: Kims verschwundene Mutter, ein Unfall im Innenhof des Hauses, ein rätselhafter Mann auf einem Dachboden. Der Erzählaufbau lädt zum Miträtseln ein, und bis zum Schluss bleibt völlig offen, wie all das zusammenhängt und ob überhaupt, ob kriminelle oder übersinnliche Kräfte am Werk sind – oder ob sich alles als völlig harmlos erweisen wird.

Nössler gelingt es auch dieses Mal wieder, einen originellen und spannungsreichen Krimi/Thriller zu schreiben, der mehr ist und mehr will als das. Während die Autorin in ihren beiden zuvor erschienenen Romanen (Auf engstem Raum; Wanderurlaub, Kurzrezension dazu) das Thema Arbeitsverhältnisse ‚mitlieferte‘, ist es diesmal: Dickenfeindlichkeit und generell ‚Andersein‘ und Diskriminierung – und daraus resultierende jugendliche Einsamkeit. Im Mittelpunkt steht Kim: Sie liebt Zahlen, ist stolz darauf, keine Heulsuse zu sein, sie denkt viel nach, und sie ist einsam. Von ihren MitschülerInnen wird sie gemobbt, weil sie bestimmten Schönheitsnormen nicht entspricht: Sie ist dick. Während sie durch verschiedene Viertel Berlins irrt, ängstlich, rastlos und allein, lernen die Leser_innen Kim kennen und die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrer lesbischen Tante, zu ihrem Freund Peter, den es gar nicht gibt, und zu ihrer Freundin Merle, die eigentlich keine Freundin ist.

Eine wichtige Vertraute Kims ist Felicitas, ihre Tante: Lesbe und prekäre Künstlerin, frisch getrennt, in einer akuten Lebenskrise. Und dann wäre da noch Alex, der coole Typ aus der Schule, ein paar Jahre älter, der Schwarm ihrer Nicht-Freundin Merle. Ihm läuft Kim zufällig über den Weg, nachts im Park, wo sich Alex allein die Nächte um die Ohren schlägt. Alex ist schwul, unverstanden von seinem schulischen Umfeld. In ihm findet sie überraschend einen Verbündeten.

Im Laufe der Erzählung macht Kim die Erfahrung sexualisierter Gewalt. Die Angst vor weiteren Übergriffen begleitet sie durch die Berliner Nacht und macht sie Unbekannten gegenüber misstrauisch. Die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt und was das bedeutet für das Sich-im-Stadtraum-Bewegen, wird eindrücklich deutlich. Auf einen ermächtigenden Dreh warten die Leser_innen jedoch vergeblich. Was bleibt, ist Angst. Das mag dem Spannungsaufbau förderlich sein, politisch bleibt die ansonsten in vielerlei Hinsicht überzeugende Geschichte an dieser Stelle fragwürdig.


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Trans*feindlichkeit im Stadtbad Neukölln

10. November 2015 von Gastautor_in

SchwarzRund bloggt, poetisiert und workshoppt aus Schwarzer, cis, queerer, latin@, fat und neurodiverser Perspektive. A. bat sie darum das gemeinsam Erlebte niederzuschreiben.

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»Wellness ist ein Akt des Wiederstandes«, dieses Zitat von Audre Lorde wird oft und gerne zitiert. Wie sehr dies aber wortwörtlich den Alltag Schwarzer Trans*personen in Deutschland beschreibt, wurde uns am 3.11.15 im Stadtbad Neukölln erneut deutlich gemacht.

Das Stadtbad Neukölln (bekannt aus der Fernsehserie „Sense 8“, in der unter anderen die Transfrau Jamie Clayton eine der Hauptrollen spielt) hat neben seiner einzigartigen imposanten Bauweise einen weiteren Alleinstellungsfaktor in Berlin: Das Wasser ist immer angenehme 30°C warm, somit kriegt mensch ein recht bezahlbares Wellnesserlebnis.

Wir betraten also den binären Umkleidebereich (einen anderen gibt es nicht), sofort zischte uns eine Person entgegen, dass »hier der Frauenbereich ist«, wir bedankten uns für die Information und betraten den Kabinenbereich. A. verschwand in die erstbeste Kabine, in der Hoffnung, sich dieses mal ohne weitere verbale Angriffe umziehen zu können. Als ich in meine Umkleide wollte, stürmte eine weiße Person auf uns zu. Lauthals und agressiv erklärte sie, dass es so nicht gehe, dass, hier der Frauenbereich sei. A. erklärte erneut und ruhig, dass A. eine Trans*person ist und somit sich hier umzieht, aufgrund der Selbstidentifikation Frau. A. ging erneut in die Einzelkabine, die agressive Frau trat mit mir in den Dialog. Sie würde jetzt die Badleitung rufen, dass es letzte Woche schon erklärt worden sei, dass sie Angst um ihre Kinder hätten, wenn Männer hier seien, dass nackte (Cis-)Frauen sich von A.’s Anwesenheit belästigt fühlten… Es wurde immer gewaltvoller, jedweder Hinweis auf ihre Grenzüberschreitungen, Stigmatisierungen, Trans*feindlichkeiten und Beleidigungen wurden beantwortet mit Misgendering und der rassistischen Annahme, dass wir ja aggressiv seien, weil wir nicht diskussionslos solche Verletzungen hinnahmen.

Die Badleitung kam hinein, in Begleitung zweier Männer, die unhinterfragt den Umkleidebereich betreten durften. Frau K. forderte uns mehrfach auf, ihr die Hand zu geben und uns vorzustellen, wir blieben bei einem „Hallo“, zu ängstlich in diesem gewaltvollen Raum unsere Namen zu sagen. Wir wiesen darauf hin, dass wir gerne schwimmen gehen würden und keinen Bedarf hätten, mit der Badleitung zu reden. A. erklärte erneut das eigene Trans- und Frausein und die daraus resultierende Berechtigung für diesen Bereich. A. erklärte auf Nachfrage, was denn los sei, dass es eneut zu verbalen Übergriffen im Umkleidebereich kam. Wir wurden aufgefordert, den Umkleidebereich zu verlassen um über die Situation zu sprechen, leicht bekleidet in Badesachen wurden wir also vom Schwimmbadpersonal abgeführt. Nur widerstrebend wurde zugestimmt, dass A. erstmal die eigenen Sachen im Frauenumkleidespint lassen durfte.

Die darauf folgenden dreißig Minuten im Gespräch mit der Badleitung wurden immer schmerzhafter. Wir wurden immer wieder unterbrochen im Gespräch, unsere Körper gegendert und A. gemisgendert – »Wie ich Sie jetzt sehe sind Sie ein Mann«. Jedwede Aufklärungsversuche über das Gleichbehandlungsgesetz wurden weggewischt mit dem Hinweis auf die Badeverordnung (die wohl nach Frau K’s Einschätzung über deutsche Gesetze erhoben ist). Die Lösung die uns vorgeschlagen wurde war ein Fernhalten von Trans*körpern aus den Umkleiden, eine eingeschränkte Nutzung des Schwimmbades (»Sie wollen eh nur in die kleine Halle, oder?«) und beeinhaltete den stark geäußerten Wunsch, dass A. ja einfach mit der Trans*gruppe schwimmen gehen könnte, die sich einmal monatlich trifft. So sehr ein solches Angebot zu begrüßen ist, einmal im Monat für zwei Stunden in ein kaltes Schwimmbad in einem ganz anderen Stadtteil gehen zu dürfen (für einen erhöhten Preis von 5€), ist nicht zu vergleichen mit jener Nutzungsmöglichkeiten der öffentlichen Bäderanstalten für Cispersonen.

Wie sieht es aus, wenn Trans*personen Sportschwimmen wollen? Hier reicht ein einmaliges Schwimmen im Monat kaum aus. Oder es körperliche Gründe gibt, bei denen Schwimmen eine gute Form der Selbsttherapie sind? Gerade in einem Land, in dem Trans*personen einen so stark eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben, sollten eben solche Orte des Wellnesses, des Sports und der Öffentlichkeit nicht versperrt bleiben.

Als wir erfragten, ob wir, wenn wir uns auf ihren Vorschlag einließen, der beinhaltete, dass wir zum Wechsel zwischen den Schwimmhallen durch den gegenderten Bereich müssen, im Gegenzug wenigstens mit der Unterstützung gegen Übergriffe durch die Badleitung rechnen könnten, wurde versucht nicht zu antworten. Am Ende sollten wir abgespeist werden mit einem »Ich denke darüber nach, aber es ist sehr schwierig«.

So sehr es der Badeleitung auch missfällt, das Argument, »dies könne nicht hier geklärt werden, sondern muss woanders politisch geregelt werden« reicht nicht aus. Auch die Antwort, dass sie sich nun seit letzter Woche ja auch informiert habe, reicht nicht aus. Sie in ihrer Funktion als Badeleitung in einem öffentlichem Schwimmbad müssen ihrer Aufgabe nachkommen allen Nutzer*innen dies zugänglich zu machen, derzeit finanziert Berlin mit 50 Mio Steuergeldern die Berliner Bäderlandschaft. Dass einer Gruppe ebenjene nicht zugänglich gemacht werden, ist nicht tragbar. Berlin wirbt mit seinem bunten, queerfreundlichen Image, die Realität sieht aber anders aus. Nur Initiativen ist es zu verdanken, dass von 62 Berliner Schwimmbädern wenigstens eines einmal im Monat für zwei Stunden die Nutzung für Trans*Personen ermöglicht.

Beim Verlassen des Schwimmbades versuchte Frau K. unsere Namen zu erfragen, wollte ihren nur nach siebenfacher Aufforderung mitteilen. Es wurde versucht, unsere Tickets einzubehalten. Die Kitabetreuerin weigerte sich, ihren Namen oder den Namen der Kita mitzuteilen, sie wies nur darauf hin, daxs »solche Leute« immer so aggressiv seien.

Wir fordern von allen zuständigen Stellen in Berlin, dass Wellness und Sporttreiben allen zugänglich gemacht wird. Nicht Täter*innen trans*feindlicher Übergriffe benötigen ihre Unterstützung, sondern die Opfer von Cissexismus.


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„Für mich bist du nicht behindert“

2. November 2015 von Hannah C.

Da gibt es einen Menschen, dessen Fußspitzen in meinem Leben sind. Der meint es gut, wenn er sagt: “Für mich bist du nicht behindert. Ich behandle dich wie alle anderen.”. Der denkt, das sei Inklusion und schließlich sei genau das ja das, was alle™ immer™ wollen.

Ich frage mich, was „anders behandelt werden“ ist und, ob es das ist, was er tut, wenn er meine Behinderungen aus seinem Blick auf mich unterschlägt und mich anspricht, wie alle Menschen, die er kennt. Und ich nicht. Weil wir nicht im gleichen Umfeld leben.
Was meint “anders behandeln” für ihn?
Er sagt, es ginge um Samthandschuhe, extra viel Rücksicht und spezielle Sprachen. Er sagt, es ginge darum über Dinge nachzudenken, die mich im Besonderen fokussieren.

Er wird nicht konkreter und lässt mich damit in der Luft hängen.
Ich weiß nicht, in welchen Aspekten unseres Miteinanders ich ihn nun um Rücksicht bitten kann bis er meint, der Punkt von “extra viel Rücksicht” sei erreicht. Seine Sprache ist für mich schon immer eine spezielle Sprache.
Ich behandle ihn immer anders, weil er nicht auf die gleiche Art begrenzt ist wie ich.

Mein Standard ihm gegenüber in Ansprache und Miteinander ist für mich von Anfang an ganz klar ein spezieller gewesen, nicht ausschließlich, aber doch schon, weil er ein Mensch ist, der anders ist als ich. Wie alle anderen Menschen auch.
Am Ende ist es eine Frage des Bewusstseins um diese Unterschiedlichkeit, die alles verändert und vor der er sich sträubt, weil er Unterschiede anzunehmen für einen falschen Akt hält und das Gegenteil einer subjektiv wahrgenommenen Massenbewegung von ihm generell als richtiger eingestuft wird.

Das heißt, dass ich vor ihm und seinen über Sprache für mich unklar ausgesprochenen Grenzen in der Luft hängen bleibe ist okay, weil mir über konkretere Sprache und darüber extra freigesetzte Rücksicht geholfen werden würde, was ich, laut seinen Annahmen über die Dinge, die “die Behinderten” so fordern, ja gar nicht wollen kann, weil ich ja selbst und eigenständig klarkommen will.
Was wiederum in seinem Leben bedeuten würde, sich ganz selbstverständlich einzufordern, eine konkrete Ansage zu bekommen – in seinem Urteil über meine Forderungen hingegen etwas anderes ist. Weil ich ja die Behinderte bin und „Behinderte ja immer irgendwas fordern, was man aber nicht zu hundert Prozent geben darf, weil eigentlich…“.

Der Mensch meint es gut, weil er mich gut findet. Vielleicht auch, weil meine Performance und mein Körper eigentlich gar nicht behindert wirkt [whatever that means?!]. Weil ich ja trotzdem ganz viel schaffe. Wobei er die Dinge, trotz derer ich Dinge schaffe, noch nie mit- und/oder selbst erlebt hat.

Und während ich mich in ihn und seinen Blick auf mich hineinversetze und mit Samthandschuhen, extra viel Rücksicht, ob seiner Defizite in der Perspektive auf mich und Behinderte allgemein, eine spezielle Sprache benutze, um mit ihm einen halbwegs respektvollen Umgang zu leben, labelt er seine bewusste und gezielte Ignoranz als Akt der Inklusion.

Und da fragt er sich in einem späteren Moment, warum es ein Ding für mich ist, als Behinderte in Kontakt zu treten mit denen, die sich als Nichtbehindert sehen …

long story short:
Inklusion ist nicht, wenn es egal ist, ob man mit einer Behinderung lebt [insert  also: gender, ‘race’, class, age, religious beliefs, bodyform, habitus, status and all I’ve missed here], sondern, wenn die Unterschiedlichkeiten eines jeden Menschen keinen Unterschied in Bezug auf die volle Gewährung und Erfüllung von Menschenrechten macht.

Wer nicht weiß was Menschenrechte sind: bitte hier klicken.


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Die guten Dicken™

12. Oktober 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 39 von 43 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Die Diskriminierung von dicken_fetten Menschen ist allgegenwärtig – und doch betrifft sie uns unterschiedlich: Je nachdem, welche anderen Formen von Diskriminierung mit der Abwertung von Dicksein zusammenspielen und je nachdem, welche Strategien wir bewusst oder unbewusst entwickelt haben, um etwas leichter (ha!) durch den Alltag zu kommen, kann sich das Erleben von Dickenfeindlichkeit stark unterscheiden. Manche Strategien orientieren sich an gesellschaftlichen Normen und bewirken, dass der_die Dicke dadurch etwas „Aufwertung“ erfährt. Die Dicken halt, die es ein bisschen richtiger, ein bisschen besser machen – die „Guten Dicken“ eben! („Gut“?! Selbstverständlich nur aus der Perspektive der Norm!).

Es ist (meist) nicht schlimm, zu den „Guten Dicken“ zu gehören. Jeder Mensch erfüllt auf die eine oder andere Art bestimmte gesellschaftliche Normen, weil wir komplexe menschliche Wesen sind, duh! Aber es ist ein Problem, dass dieses Konstrukt der „Guten Dicken“ ständig gegen uns verwendet werden kann, denn die damit verbundenen Normen schaden allen, die sie nicht erfüllen können oder wollen. Und sie lauern überall.

Hinweis: Folgende Passagen können dicke Portionen von Sarkasmus und Ironie enthalten.

"Ich bin dick, aber… ich werde kein_e "Gute_r Dicke_r" sein, nur damit dickenfeindliche Nervensägen mich vielleicht nicht hassen" von Rachele Cateyes

„Ich bin dick_fett, aber… ich werde kein_e „Gute_r Dicke_r“ sein, nur damit dickenfeindliche Nervensägen mich vielleicht nicht hassen“ von Rachele Cateyes

Die Gute Dicke isst nicht viel. Jedenfalls nicht mehr als diejenigen, mit denen sie Mittag oder Abendbrot isst. Es ist auch nicht schlecht, eine Mahlzeit einfach wegzulassen. Was bei schlanken Menschen besorgniserregend wäre, macht eine Dicke eben zu einer Guten Dicken – denn Gewichtsverlust ist ja das einzige, wofür sie lebt! Ständig darüber zu sprechen, dass sie abnehmen will, macht die Gute Dicke eben ein bisschen erleuchteter als all die anderen willenlosen und faulen Säcke.

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Politik mit ‚Bereuen‘ – Von Schwangerschaftsabbrüchen und komplexen Leben

27. Juli 2015 von Charlott

Vor ein paar Wochen wurde eine neue Studie von Wissenschaftler_innen der University of California veröffentlicht, deren Ergebnisse auch schnell den Weg in viele (gerade auch feministische) Medien fand. Im Kern sagt die Studie, dass die über drei Jahre lang befragten Teilnehmer_innen zu 95% ihre Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nicht bereuen. In erster Linie interveniert die Untersuchung also in das Narrativ des vermeintlichen „Post-Abtreibungssyndroms“: Ihre Ergebnisse setzen der Legende, die meisten Personen würden vorgenommene Abtreibungen lebenslang bereuen, deutlich etwas entgegen. Doch stellt sich mir die Frage, ob es langfristig sinnvoll ist, sich überhaupt auf die Debatte rund ums ‚Bereuen‘ einzulassen.

Faktoren für ‚Reue‘ – Stigmata und wenig Unterstützung

Die Studie hat einige Kernpunkte, die sie präsentiert: Die Proband_innen empfanden mit überwältigender Mehrheit ihren Schwangerschaftsabruch als die richtige Entscheidung – auch unabhängig davon, ob die Abtreibung früh oder später im Schwangerschaftsverlauf stattgefunden hat. Diejenigen, denen eine Entscheidung schwerer gefallen war, sind auch diejenigen, die sich unsicherer sind über die Richtigkeit der Entscheidung. Im Allgemeinen aber nehmen über die Zeit sämtliche Gefühle, positive sowie negative, hinsichtlich der Abtreibung ab. Und während nach sechs Monaten die Teilnehmer_innen noch ‚manchmal‘ an den Abbruch denken, dann denken sie nach drei Jahren ‚kaum‘ daran. Die Studie traf auch eine Aussage darüber, was eigentlich weitere Faktoren dafür sind, dass die Befragten von Reuegefühlen berichteten. Zwei Dinge zeichneten sich dabei ab: Negative Gefühle wurde häufiger von denjenigen berichtet, die ein stärkeres Stigma von Abtreibungen in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und von denjenigen, die wenig soziale Unterstützung erfuhren.

Zu den Leerstellen der Studie, schreiben die Wissenschaftler_innen selbst (alle Übersetzungen von mir):

Erleichterung und Fröhlichkeit mögen die relevantesten Gefühle direkt nach der Abtreibung sein und weniger relevant über die Jahre hinaus. Untersuchungen haben insbesondere herausgefunden, dass zu den positven Empfindungen, die Frauen mit der Zeit nach einer Abtreibung rückmelden, Reife, tiefere Selbstkenntniss und gesteigertes Selbstvertrauen gehören. Zusätzlich kann es sein, dass die sozialen Erwartungen, dass Abtreibungen ein etwas emotional Schwieriges sein sollten, dazu geführt haben, dass vermehrt negative Post-Abtreibungs-Gefühle rückgemeldet wurden. Die Teilnehmer_innen zweimal im Jahr über ihre Emotionen zu befragen und darüber, wie häufig sie an ihre Abtreibung denken, kann auch zu einer erhöhten Rückmeldung zu allen Leveln der Ergebnisse geführt haben.

Auch weitere Einschränkungen bei der Aussagekraft der Daten diskutiert das Paper zur Studie bereits, mir aber geht es hier in diesem Text nicht konkret um die Durchführung der Studie, sondern darum, wie mit dem Argument der ‚Reue‘ in der Politik, der Medizin und den Medien gearbeitet wird. Denn dass so viele feministische Publikationen voller Enthusiasmus darüber berichteten, hat ja ebenfalls gute Gründe.

Politiken mit antizipierter Reue

„Argumente, dass Abtreibungen emotionalen Schaden bei Frauen verursachen, werden genutzt um Abtreibungen, inbesondere spätere Eingriffe, in den USA zu regulieren. Doch existierende Untersuchungen sind nicht beweiskräftig,“ heißt es bereits im Abstract zur Studie. Post-Abtreibungssyndrom, welches unter anderem Gefühle von Reue und Schuld, Depressionen sowie Alkhol- und Drogenmissbrauch umfasst, ist das Stichwort.

Unter der Prämisse, dass die betroffenen Personen den Eingriff eventuell bereuen könnten (und dann in Sucht und Depression ‚abstürzen‘), werden immer wieder Gesetze erlassen, die den Zugang zu Abtreibungen ehrblich erschweren – und das natürlich nicht nur in den USA. In Deutschland müssen Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen, zu einer Pflichtberatung. Zwischen Eingriff und Beratung müssen dann nochmals mindestens drei Tage verstreichen. So soll sich die Person auch ganz genau sicher sein. Doch diese vorgeschobene ‚Sorge‘ ist natürlich vor allem eins: Schikane.

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Lebenswert behindert sein

23. Juli 2015 von Hannah C.

Monica Lierhaus sagte in einem Interview, dass sie heute verschiedene Entscheidungen anders treffen würde, als vor ein paar Jahren noch. Wäre Frau Lierhaus nicht behindert, würde diese Aussage angehört und wieder vergessen.

Als Person aber, der eine Operation das Weiterleben ermöglichte und als Person, die in der Folge behindert ist, hat sie diese Entscheidung gefälligst nicht (öffentlich) zu bereuen und schon gar nicht hat sie ihr Leben danach als weniger lebenswert zu empfinden, weil das die Öffentlichkeitsarbeit anderer Behinderter untergräbt. So lese ich zumindest den Kommentar von Christiane Link in ihrem Blog. Frau Link schreibt, dass sie öfter hört, Menschen könnten oder wollten an ihrer Stelle nicht leben und setzt dies in einen, vielleicht richtigen, vielleicht aber doch auch unvollständigen Kontext mit Bewunderung.

Und ich stehe (mit anderen) neben diesem Disput und denke darüber nach, wann es denn erlaubt ist zu äußern, dass man sein Leben als behinderte Person nicht als lebenswert empfindet. Darf man es äußern, wenn man nicht prominent ist? Darf man es äußern, wenn ein kleiner tragbarer Motor das eigene Herz ersetzt und man jede Woche zur Dialyse muss? Oder wenn der fünfte Versuch einer Behandlung mit Psychopharmaka zu massiven körperlichen Veränderungen und emotionaler Schmalspur verholfen hat? Oder einfach nie, weil das Leben so unfassbar kostbar wichtig ist, dass es, ohne jede Reflektion, jeden Preis kosten darf – und muss und soll?

Darf ich, wenn ich äußere, dass ich mein Leben als nicht lebenswert empfinde noch bitte selbst definieren was “Leben” und was “Wert” für mich ist? Darf ich bitte über meine Er-Lebensrealität und ihre Bewortung noch selbst bestimmen und nicht andere Menschen? Darf in einer Zeitung auch mal eine beschissene Selbstansicht von Behinderten über sich selbst und ihr Leben stehen?

Warum ist es so wichtig, aus einer Behinderung etwas zu machen, was tragbar ist und, was das eigene Leben ja eigentlich nicht dann doch nicht behindert oder beeinflusst? Manchmal ist sie das eben nicht. Manche Barrieren und (Vor-) Urteile in Bezug auf das Leben mit Behinderungen gibt es auch im Kopf der Behinderten selbst und Interviews, wie das von Frau Lierhaus und auch der Text von Frau Link – genau wie meiner hier – tragen dazu bei, sie sichtbar zu machen.

Ich habe die abfällige Bezeichung “die Sonnenscheinbehinderten” für Menschen, die sich öffentlich ausschließlich so äußern, als wäre ihre Behinderung bzw. ihre chronische Erkrankung eigentlich gar nicht so schlimm. Und eigentlich auch gar kein Problem. Nie und nirgends und wenn doch: nicht lange und schon gar nicht unaushaltbar. Für mich ist es so, dass ich mir an der Stelle denke: “Ah, okay cool – schön für diese Personen. Schade, dass ich es nicht auch so einstufen/erleben kann.”. Was in etwa der gleiche Gedanke ist, wie ich ihn habe, wenn ich von hochbegabten Kindern in umfänglichen Förderprogrammen höre; von traumatisierten Menschen erfahre, die austherapiert mit ihrer selbstgegründeten Familie und halbwegs gesichertem Leben in den Sonnenuntergang schauen und von Menschen, die ihre Depressionen mit einer Tablette täglich als erträglich empfinden können.

Ich frage mich, was an mir falsch ist, dass ich nichts davon auch habe. Nicht mal nah dran bin. Ich frage mich, was ich übersehe, welche Energie ich wo falsch hinpumpe, dass ich das nicht habe. Ich schaue in unsere Gesellschaft und frage mich, was läuft da falsch, dass ich mich nicht glücklich optimieren kann– wo ist denn dieser verdammte Sonnenschein, der andere Behinderte in die Fernsehkamera lächeln lässt?!

Und was genau ist eigentlich der Lebenswert von dem da dauernd gesprochen wird? Wenn Leben so preislos anzunehmen ist – braucht es dann noch eine zusätzliche Aufladung mit Wert? Steht Leben dann nicht eigentlich absolut darüber und sollte gar nicht erst in einer Wortkombination mit “wert” erscheinen?

Mein Leben ist nicht wertvoll für mich und das habe ich schon im Alter von 9 Jahren verstanden. Man kann mich im Kopf erneut zum Opfer von Gewalt machen und sagen, in meinem Lebensumfeld hätte ich ja auch keinen Anlass gehabt davon auszugehen, dass das anders ist. Man kann mir aber auch glauben, dass ich durchaus auch von Menschen umgeben war, die mir vermittelt haben, dass es okay ist, dass es mich gibt.
Man darf mir auch zuhören und verstehen, dass es nicht andere Menschen sind, die mir definieren, was mir mein Leben wertvoll oder auch “lebenswert” macht.

Leben ist einfach, für mich. Leben will nichts und Leben braucht nichts. Es ist einfach nur da. Und, ob man sich damit verbindet oder nicht und wie man es für sich be_wert_et oder füllt, liegt an den Personen selbst und dem Umfeld, in dem sie leben.

Für den Lauf der Dinge (das Leben) ist es irrelevant, ob es mich gibt oder nicht. (mehr …)


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Applaus für… die Wimbledon Königin Serena Williams

13. Juli 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 36 von 39 der Serie Applaus für

Die US-amerikanische Sportlerin Serena Williams ist eine der größten Tennisspieler_innen aller Zeiten, aktuell Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste. Sie gewann bisher 21 Grand-Slam-Turniere im Einzel. Vergangenen Samstag gewann sie ihren 6. Wimbledon Titel. Das erwähne ich nicht, weil ihr Erfolg sie cooler macht als ihre weniger erfolgreichen Mit-Sportler_innen. Das erwähne ich, um aufzuzeigen, dass selbst Stars wie Serena Tennis-Queen Williams auf dem Höhepunkt ihres Erfolges mit sexistischen_rassistischen Äußerungen abgewertet werden, jüngst in einem Artikel der New York Times, in dem einige ihrer (weißen) Mitspielerinnen zitiert werden, dass sie bloß nicht so aussehen wollen wie Serena Williams. Es gibt einfach kein Entkommen. Der Irrglaube, erfolgreiche Frauen könnten allem trotzen, entpuppt sich als Trugschluss. Und verdienen tut sie auch weniger als vergleichbare Kolleginnen…

Ich feiere Serena und freue mich für ihren Erfolg. Und ich finde es bewundernswert, dass sie sich immer wieder gegen eine diskriminierende Berichterstattung wehrt. Spiel, Satz, Sieg für Serena Williams!

Zum Weiterlesen: „Serena Is The Greatest Female Tennis Player Of All Time. Get Over What Her Body Looks Like.“ (Und selbst wenn sie keine so großartige Sportlerin wäre, oder 20kg mehr wiegen würde: Abwertende Kommentare sind auch dann scheiße.)


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Schwitzen, Shorts und Treat Yo‘ Self – mein Körper und ich

13. Juli 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 7 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

Es ist heiß. Ich fahre Rad und schwitze. Ich sitze im Büro und schwitze. Zu Hause am Schreibtisch schwitze ich. Unter meiner Schädeldecke sammelt sich schon das Kondenswasser. Die paar Tage, die es in Deutschland warm ist, will ich mich aber nicht beschweren. So habe ich wenigstens Gelegenheit, in Shorts rauszugehen. Das Thema Hotpants/Shorts kam hier bereits auf.

Das denken sich derzeit viele Menschen – zum Vorschein kommen Körper. Körper in allen Formen, Größen und Farben. So unterschiedlich sie sind, so bestaunenswert sind sie. Jede Ausführung ist einzigartig, ein Wunderwerk. Doch ich ertappe mich im Sommer regelmäßig dabei, wie ich andere Körper bewerte und mit meinem eigenen  abgleiche. Das Vergleichen – ich kann es nicht lassen. Ist jemand größer, kleiner, dicker, dünner, fitter, wabbliger als ich? Wie schneide ich selbst ab in Sachen Attraktivität und Wohlgeformtheit? Je nachdem, wie mein Urteil ausfällt, bin ich besser oder schlechter gelaunt. Das mache nicht nur ich: Ganze Industrien beschäftigen sich damit, Körper, allen voran Frauenkörper zu bewerten. Und ich mache im Alltag fleißig mit. Ich müsste es besser wissen. Warum mache ich das?

Gerade als Frauen* erleben wir von klein auf die Beurteilung unseres Äußeren: Bemerkungen von Eltern, Geschwistern, Verwandten und Bekannten, aber auch Bilder in den Medien erklären uns genau, was akzeptabel ist oder nicht. Oberstes Ziel: Möglichst hübsch oder optisch angenehm zu sein. In asiatischen Communitys scheint das umso ausgeprägter zu sein: Gerade meine vietnamesischen Tanten und Cousinen sagen nach der ersten Begrüßung schon etwas wie „Bist du aber X geworden!“ Es ist manchmal verletzend, manchmal peinlich, immer maximal unangenehm. Jede und jeder fühlt sich bemüßigt, Körper, allen voran Frauen*körper, zu kommentieren. Dazu können alle etwas sagen. Oft genug reden wir über unseren eigenen Körper, und unsere Bewertung fällt nicht netter aus als bei fremden.

Wir alle haben eins gemeinsam: einen Körper. Wir können nun mal nicht aus unserer Haut, wir sind diese eine physische Existenz. Ohne Körper gibt es uns nicht. Wir sind unser Körper, der Körper sind wir. Und obwohl unser Körper so elementar für unser Dasein ist, fühlen wir uns so selten wohl in unserer Haut. Selbsthass und Abscheu kommen häufiger vor als wir zugeben wollen. Woher also der Hass für etwas so Grundsätzliches?

Dass etwas mit unserer Gesellschaft im Großen nicht stimmt, sieht man daran, wie viele Menschen wegen irgendetwas an ihrem Körper heruntergemacht werden. Dabei gibt es deutliche Abstufungen in den Schnittmengen – wer eine kleine, dicke Frau of Color ist, hat den Kürzeren gezogen. Es ist Teil des Systems. Generell gilt aber: Sobald man Mensch ist, kriegt man deutlich gesagt, dass etwas mit einem nicht stimmt. Das passiert, wenn man eine 1,90m Frau, ein 1,60m Mann ist, ein paar Kilo mehr oder weniger hat, Falten, ein breites Kreuz oder Dehnungsstreifen besitzt. Dabei sind wir alle nicht geformt wie der vitruvianische Mensch.

Frauen standen da seit jeher unter besonderer Beobachtung, weil der Wert Schönheit der femininen Wertsphäre von alters her zugewiesen wurde. Schön sein, das schreibt eine Art Gesellschaftsvertrag vor, ist Aufgabe von Frauen. Welche sich dem nicht beugt, mit der stimmt etwas nicht.

Es ist, als ob wir diesen absurden Vertrag unterschrieben haben, sodass niemand ein gesundes Verhältnis zu sich selbst und seinem Körper haben darf: „Wenn ich mich schon nicht OK mit mir fühle, darf das auch niemand sonst.“ Vor allem diejenigen nicht, die noch mehr abweichen. Das erklärt unter anderem, warum die Fat Acceptance Bewegung so viel Gegenwind bekommt. Weil solchen Menschen nicht das Recht gegeben wird, sich gut zu fühlen. Damit machen wir uns gegenseitig das Leben zur Hölle aufgrund einer irgendwie gearteten, empfundenen Normvorstellung.

Ich weiß das alles und doch stehe ich bei den sommerlichen Temperaturen vor dem Spiegel, kneife mir in den Bauch und frage mich, ob wegen meiner bläulich durchschimmernden Venen Shorts trotzdem in Ordnung gehen. Alte Glaubenssätze sind schwer zu durchbrechen, das wissen wir alle. Deswegen hat jeder Akt von „Treat Yo‘ Self“ oder „Sei gut zu dir“ etwas Subversives.

Inzwischen übe ich regelmäßig, mir selbst etwas Nettes zu sagen – treat yo‘ self eben. Ich mag meine Haare und mein Gesicht, meine Hände und meine Kurven. Und, mal ehrlich, es gibt noch andere Dinge im Leben als hübsch zu sein. Zum Beispiel im Sommer nicht so sehr zu schwitzen und den lauen Wind an den Beinen zu spüren, wenn man in Shorts Fahrrad fährt.

treat_yo_self


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Hotpants, Miniröcke und was du sonst noch (nicht) anziehen darfst

7. Juli 2015 von Charlott

Für alle, die es bisher verpasst haben: Es ist Sommer. Es ist warm. Viele Menschen entscheiden sich für geringere Textilmengen am Körper. Und wie eigentlich jedes Jahr flammt die Debatte auf: Was geht zu weit? Was darf in Schulen getragen werden? So heißt es in einem Brief an die Eltern von Schüler_innen einer Schwarzwälder Realschule:

[…] in letzter Zeit müssen wir gehäuft feststellen, dass Mädchen der Werkrealschule sehr aufreizend gekleidet sind. Diese Entwicklung stimmt uns nachdenklich und wir haben entschlossen, dass wir an unserer Schule keine aufreizende Kleidung dulden wollen. […] Es geht uns dabei nicht um die Unterdrückung der Individualität Ihres Kindes. Wir wollen damit ein kleines Stück zu einem gesunden Schulklima beitragen, in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden.

An wen sich diese Kleidungsvorschrift richtet ist klar: Mädchen. Dies ist natürlich ein Muster der sommerlichen Schulkleidungsdiskussionen, die ja nicht kontextlos stattfinden, sondern sich einreihen in rape culture, victim blaming und weitere sexistische_rassistische_klassistische_fatshamende Körper- und Kleidungspolitiken. In den Erläuterungen heißt es dann oftmals, dass sich Schüler aufgrund der Kleidung nicht auf den Unterricht konzentrieren könnten – aber auch Lehrer abgelenkt seien. Und anstatt sich nun zu fragen, was diese Lehrer eigentlich an einer Schule machen, wird die Verantwortung für alles bei den Mädchen abgeladen, sie sollen sich nicht ‚aufreizend‘ (was soll das eigentlich hier genau sein?) kleiden. Lehrer und Schüler werden als nahezu unfähig zum geraden Gedanken inszeniert, als schutzbedürftig.

Doch Kleidungsvorgaben kommen auch im anderen Gewand, wenn zum Beispiel ein Gymnasium in Bayern Schülerinnen anhält keinen Minirock zu tragen, da in unmittelbarer Nachbarschaft Geflüchtete untergebracht sind. Es könne zu „Missverständnissen“ kommen. In diesem Fall wird ebenfalls die Verantwortung auf den Mädchen abgeladen und Jungen/ Männer als geradezu hilflos dargestellt, doch geht dies einher mit rassistischen und anti-muslimischen Zuschreibungen, die ein klares Täterbild zeichnen und geflüchte Jungs/Männer als Aggressoren markieren. (Sicher ist Täter sind immer die Anderen.)

Welche „gesellschaftliche und soziale Werte“ sind es also, die gelebt werden sollen? Kleidungsvorschriften – explizite und implizite – sind zu dem nichts, was sich auf Schulen begrenzt. Wie Körper be_ oder ent_kleidet wahrgenommen werden, wird ständig reguliert, sanktioniert, kommentiert: Welche Körper dürfen (ungestraft) fast überall freie Oberkörper zeigen? Welche Arten von Kopfbedeckungen werden akzeptiert? Was für Kommentare ziehen welche Körper in Hotpants nach sich? Wem wird nahegelegt sich im öffentlichen Raum wenig zu bedecken? Und wem wird eigentlich das Gegenteil suggeriert? Hierbei verknüpfen sich Diskriminierungen hinsichtlich Geschlecht, Körperform, Religion, race und so weiter.

Oftmals wird so getan als wären bestimmte Kleidungsstücke und das Nichtverdecken von Körperstellen noch einmal eine besondere Einladung zu übergriffigem Verhalten: Damit meine ich nicht ausschließlich sexualisierte Übergriffe, sondern auch das allgemeine Kommentieren anderer Körper, ungefragte Hinweise dazu wie sich zu kleiden wäre, Bemerkungen/ Blicke/ Geräusche beim Entblößen dicker Oberarme, Zeigen und Starren auf Narben, die sonst unter Stoff bleiben.

Doch selbst wenn man als Person, die all diese Erwartungen versucht zu navigieren, sich entschließt längere Kleidung zu tragen, ist nicht viel gewonnen: Denn das Fenster von dem, was ‚akzeptabel‘ ist, ist minimal und es gelten auch nicht die gleichen Anforderungen an alle. Kleidung, die bei muslimischen Mädchen, als ‚zu lang‘, ‚zu viel‘ kommentiert wird, kann an anderen Personen als vollkommen legitim gelten. Frauen sollen zu dem schon auch sich in bestimmte Blicke einordnen, irgendwie ’sexy‘ sein – aber eben auch nicht zu sehr und eigentlich darf es nicht so aussehen, als wäre viel Arbeit in dieses ’sexy‘-Sein geflossen. Und dicke_fette Menschen sollen bitte nicht wirklich ihre Körper zeigen, wenn sie dann aber sich mit längerer Kleidung schwitzend im öffentlichen Raum bewegen, heißt es: Ist das nicht warm?

In diesem Gesamtzusammenhang finden auch das Hotpants-Vebot und die Mini-Rock-Tipps statt. Mädchen wird direkt an der Schule beigebracht: Nicht die Gesellschaft um euch ist das Problem, sondern ihr mit eurer Kleidung seid verantwortlich für jegliche Gedanken und Übergriffe. Angesetzt wird wie so häufig eben nicht beim (in diesem Fall) zugrunde liegenden Sexismus, der Mädchen als sexualisierte Objekte, und den rassistischen Zuschreibungen, die potentielle Tätergruppen festschreibt. Stattdessen ’nachdenkliche‘ Elternrundschreiben.


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