Einträge der Rubrik ‘Klartext’


Politik der Peinlichkeiten – wie uns Kristina Schröder die Wahl lässt

7. November 2011 von Helga

Nach langem Hickhack ist es endlich soweit: Die schwarz-gelbe Koalition hat sich in einigen Punkten einigen können und macht endlich wieder Politik. Eine bei den Bürger_innen unbeliebte Mini-Steuerentlastung, ein „peinliches Pflege-Reförmchen“ und Druck auf die bisher ausgebliebenen Fachkräfte, in Deutschland bloß nie ins soziale Netz zu geraten. Nicht zu vergessen: Endlich wieder Familienpolitik! Dass hier für Feminist_innen kein Blumentopf zu gewinnen war, zeigte sich bereits im Oktober. Da beschwerte sich auf Twitter @mlle_krawall, dass sich Heiraten, Ehegattensplitting sei dank, steuerlich mehr lohne als Kinder zu kriegen. Darauf erklärte die Bundesfamilienministerin mal wieder vollmundig:

Tweet von @schroeder_k (Dr Kristina Schröder): "Und zwar, weil den Staat die private Rollenverteilung in einer Partnerschaft nichts angeht. Was soll daran falsch sein, @mlle_krawall?" 25 Oct via Twitter for BlackBerry®

Wie wenig sich der Staat da einmischt, machen die Ergebnisse wieder einmal deutlich. Die Herdprämie kommt, das Ehegattensplitting bleibt, gleichzeitig wird der angestrebte Ausbau der Kinderbetreuung im Westen grandios verpasst. Trotz drohendem Rechtsanspruch von Eltern auf einen Krippenplatz werden auch 2013 die Krippenplätze nicht ausreichen. Nicht nur dass die selbst-gesteckte Betreuungsquote von 35 Prozent verfehlt wird – laut Expert_innen könnte der Bedarf noch höher liegen.

Nun fragt sich Ministerin Schröder öffentlich, woran es denn liegen könnte, dass die Länder die Bundesgelder für den Krippenausbau nicht abrufen. Ja Frau Schröder, das wissen wir auch nicht. Vielleicht haben die Länder auf den Ausstieg aus der Kinderbetreuung gehofft? Wenn frau sich ihre Familienpolitik so anguckt, scheint der Gedanke nicht weit hergeholt.


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Der Mindestlohn und die seriösen Wirtschaftsherren

1. November 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 27 von 27 der Serie Neues vom Quotenmann

In Deutschland wird wieder über den Mindestlohn debattiert. Trotz des breiten Konsens’ wurde die Einführung einer allgemeingültigen gesetzlichen Regelung bislang blockiert, obwohl ein entsprechender Schritt einer Normalisierung der Situation gleichkäme: Kaum ein anderes EU-Land überlässt das dem Zufall. Die Argumente und Statistiken sind längst bekannt, ebenso die Tatsache, dass Frauen in den Niedriglohnsektoren überrepräsentiert sind. Und zu den Mindestlohngegnern gehören genau diejenigen, die sich vor einigen Monaten gegen die Frauenquote in den Vorständen der Unternehmen ausgesprochen haben, und zwar mit dem gleichen Argument: Selbstregulierung sei immer die bessere Lösung. Was dieses Argument wert ist, hat übrigens die Bankenkrise in eklatanter Weise gezeigt.

Die Reflexion über diese Debatte führt aber auch zu weiteren, grundsätzlicheren Fragen. Wie kann es sein, dass ein so offensichtlicher, einfacher und letztendlich sehr moderater Schritt so lange blockiert werden kann? Wieso genießt eine männerdominierte Minderheit eine unverhältnismäßige Deutungshoheit in der öffentlichen Debatte? Denn trotz billigen Verschwörungstheorien ist Deutschland keine Pseudodiktatur, die von einer kleinen Clique geherrscht wird. Wenn also diese altväterliche Stimme weiterhin den Kurs bestimmt, heißt es womöglich, dass der alte Trick („Hier spricht nicht der Phallus, hier spricht die Vernunft“) immer noch gut funktioniert. Die Äußerungen dieser älteren Herren stoßen also nicht auf die Empörung über wiederholte, krasse Lügen, die Privilegien rechtfertigen, sondern werden in vielen Kreisen als informierte Meinung wahrgenommen – oder zumindest als legitime, ernstzunehmende Diskussionsbeiträge. Konkret wird die Farce erst durch den Mythos der Wirtschaftskompetenz und Expertise besagter Männer möglich: Ein klassisches Autoritätsargument, das in den Jahren nach 2008 die Glaubwürdigkeit eines Halloween-Kostüms besitzt.

Darüber hinaus zeigt die Situation aber auch, wie wichtig die sogenannte „Intersektionalität“ ist: Dass nämlich „Frauenthemen“ immer in einem gesellschaftlichen Kontext zu verstehen sind, in dem gleichzeitig auch andere Dimensionen und Aspekte eine Rolle spielen.


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Mitlesen und mitmachen – kurz Notiertes in dieser Woche

28. Oktober 2011 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 126 von 138 der Serie Kurz notiert

CNN hat Apple’s neue iPhone-Stimme Siri zum Anlass genommen, Computer­stimmen zu untersuchen. Interessantes Detail: Geht es um autorität-vermittelnde Stimmen, klingen sie meist männlich, assistierende Stimmen dagegen weiblich.

Welche Halloween feiern und sich dazu verkleiden möchte, denke bitte an die goldene Regel: Hauptsache sexy.

Passend zu Halloween und einigen unsäglich rassistischen Kostümen, die wieder auf uns warten werden: Eine Kampagne von “Students Teaching About Racism in Society” (Studierende die über Rassismus in der Gesellschaft aufklären).

Nach der Lingerie Football League (Frauen spielen Football in Unterwäsche, haha, sex sells, und werden dafür nicht mal anständig bezahlt) gibt es jetzt eine Youth Lingerie Football League. Da sind die Mädchen zwar angezogen, sollen aber das lustige Leben in sexy Lingerie trainieren. Worst idea ever, wie jezebel kommentiert und hat mit Sport auch nix zu tun.

Bei xojane beschreibt eine Frau, was in ihr vor sich ging, als der Mann, der sie vor Jahren vergewaltigt hatte,  sie bei facebook fand. Schade nur, dass am Ende der Eindruck erweckt wird, als wäre sie ein bisschen selbst schuld gewesen: Hätte sie doch nur deutlicher gesagt, dass sie das nicht will…! (Danke an David für den Link).

In Österreich wurden vier Abtreibungsgegner_innen wegen Stalkings verurteilt, berichtet dieStandard.

Jamie vom Rookie Mag hat erst spät Bekanntschaft mit Masturbation gemacht. Trotzdem hat sie ein paar Fragen dazu beantwortet, jeweils mit der Anekdote einer Real-Live-Person aufgepeppt. Das hätte auch Cyndi Lauper gefallen:

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Polen: Verwässerte Frauenquote bringt wenig

19. Oktober 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 14 von 17 der Serie Im Osten nichts Neues?

Die Frauenquote hat bei den polnischen Parlamentswahlen am 9. Oktober wie erwartet wenig gebracht. Wie erwartet, weil das eine verwässerte Version der ursprünglichen Vorschläge aus den progressiven Zivilgesellschaftsecken ist. Zwar müssen 35 Prozent der Parteilisten mit Frauennamen gefüllt werden, doch nichts garantiert, dass zumindest einige Kandidatinnen auch vorne genug auf den Listen stehen, um eine realistische Chance zu haben. Ergebnis: Ein neuer Sejm, der ähnlich wie der alte von Männern dominiert ist und in dem Frauen nur 23 Prozent darstellen.

Das Armutszeugnis gilt für die meisten Politiker des Landes, die – wie es nur so oft auch in Deutschland passiert – nur eine halbe Reform verabschiedet haben. Doch keine Partei konnte bei diesem Thema Jaroslaw Kaczynskis PiS an Heuchelei übertreffen. Nachdem der rechtskonservative Oppositionspolitiker und ehemalige Premier monatelang die Initiative mit Scheinargumenten bekämpft hatte, stellte er kurz vor der Wahl seine Kandidatinnen vor: Alles junge, stereotyp hübsche und völlig unerfahrene Grazien, die harmlos von den Wahlplakaten lächelten.

Der Trick hat Kaczynski freilich nichts geholfen: Er bleibt höchstwahrscheinlich vier weitere Jahre in der Opposition. Diese Salamitaktik erwies sich dagegen als relativ erfolgreich in den Medien und wurde gerne in Talkshows debattiert. Ab und zu auch in Anwesenheit der besagten chancenlosen Kandidatinnen, die ins Kreuzfeuer der konservativen und liberalen Öffentlichkeit gerieten. Ein peinliches Spektakel.

Nachdem die Reformprojekte mehrerer feministischen Organisationen, sowie von SozialwissenschaftlerInnen ignoriert, bzw. abgeschwächt wurden, fordern jetzt Teile der Zivilgesellschaft eine radikalere Änderung. Bei den nächsten Wahlen soll 50 – 50 Parität und das sogenannte Reißverschlussprinzip (Mann – Frau – Mann – Frau…) auf den Parteilisten gelten. In Polen sind laut Umfragen die Bürger (auch die Männer) für Parität im Parlament. Die Männer im Parlament sind es nicht.


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Der lange Arm der Pseudowissenschaft

4. Oktober 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 26 von 27 der Serie Neues vom Quotenmann

Immer wieder werden “den Unterschieden zwischen Mann und Frau“ lange Artikel in den Mainstream-Medien gewidmet. Auf Spiegel-Online gibt es sogar eine spezielle Themenseite, die den mehr oder weniger expliziten Anspruch hat, die wichtigsten Ergebnisse der Wissenschaft zu diesem beliebten Themenkomplex zu popularisieren. Doch sofort kommt der erste Schock durch das total stereotypische „Aufmacher-Bild“: Er und Sie, den aktuellen Schönheitsidealen perfekt entsprechende, weiße, junge, moderne Adam und Eva vor grünem Waldhintergrund, also vermutlich in Rousseaus Naturzustand.

Der erste Eindruck täuscht leider nicht: Bei den meisten Texten der Rubrik – und Spiegel-Online ist nur das bekannteste Beispiel – handelt es sich um leichte Lektüren, die sich bei Kaffee- und Cocktail-Party-Gesprächen schnell reproduzieren lassen und gut unter dem Motto „Die LeserInnen bloß nicht überfordern!“ stehen könnten. Einer der letzten Beiträge auf der Themenseite verspricht zum Beispiel eine Lösung für das Problem, warum Frauen besser über Kummer reden können. Doch schon der Lead-Absatz dämpft die Erwartungen: „US-Psychologen haben jetzt eine Erklärung gefunden. Aber ist die wirklich logisch?”.

Nach einer kritischen Lektüre des Artikels muss nicht nur festgestellt werden, dass die Antwort auf die ursprüngliche Frage völlig ausbleibt, und der Titel sich als billiger Trick entpuppt. Darüber hinaus wird klar, dass selbst die zu popularisierende „Wissenschaft“ oberflächlich und letztendlich nichtssagend ist. Jungs und Mädchen wurden gefragt, warum sie über persönliche Probleme reden, oder warum sie dies eben vermeiden; mehr Jungs als Mädchen geben an, dass sie solche Gespräche „sinnlos“ finden und dass sie sich dabei „weird“ fühlen; die „Wissenschaftler“ nehmen dies ernst und für bare Münze; es finden keine weiteren Tests und kein Interpretieren von Ergebnissen statt.

Ohne Wenn und Aber haben solche Texte – im Spiegel und in zahlreichen anderen Magazinen – einen ziemlich großen Einfluss auf die Mainstream-LeserInnen. Und mehrere Fragen liegen nahe: Wieso merkt niemand, dass hier der Unterschied zwischen dem vermeintlichen Anspruch und dem konkreten Inhalt lächerlich hoch ist? Warum fällt niemandem auf, dass eine solche „Studie“ wenig Ernstzunehmendes, geschweige denn Wissenschaftliches zu bieten hat? Dazu nur eine erste Konklusion: Aufklärung darüber, wie gute, kritische Sozialwissenschaft auszusehen hat, gehört als Priorität auf die feministische Agenda. Denn die Emanzipation von Pseudopsychologie ist ein wichtiger Teil der allgemeinen Emanzipation.


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Ficken! Ja, ist denn das überhaupt was für Frauen?

16. September 2011 von Verena

Es gibt Sätze, die möchte ich nicht mehr lesen. „Aber wollen Frauen überhaupt Sexdates?“ ist so einer, gesehen bei taz.de.

Dort geht es um die Dating-App Blendr, die nun für Heterosexuelle das möglich machen soll, was für schwule Männer schon sehr erfolgreich genutzt wird: Schnell mal die/den Fremde_n kontakten, die/der sich sexbereit in der Nähe befindet. Und nun die bescheuerte Frage, ob das Sinn mache, denn, genau „Aber wollen Frauen überhaupt Sexdates“. Ja, liebe taz, sie wollen, bloß spricht ihnen die Gesellschaft gerne ihre Hemmungslosigkeit ab.

Das sagt ja auch Martin Dannecker, den Sexualwissenschaftler, den ihr befragt habt. Bloß habt ihr es so geschickt gedreht, dass es immer noch aussieht, als würden Frauen nur für den Heiratsantrag die Beine breit machen. Und Dannecker sagt noch etwas, nämlich dass auch Casual Sex nicht ohne Beschnuppern funktioniert – egal ob für Mann oder Frau, egal ob homo- oder heterosexuell.

Und „schwule Mädchen“, der Begriff taucht dann auch noch auf, gibt es nicht nur als ‚witzigen’ Songtitel , sondern das sind Frauen, die von schwulen Männern angeturnt sind, emotional wie sexuell. So!


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Umfrage zum Opferentschädigungsgesetz

29. August 2011 von Helga

Unterstützung für Therapien oder eine kleine Rente – Opfer von Gewalttaten können in Deutschland finanzielle Entschädigungen bekommen. Das regelt das Opfer­entschädigungsgesetz. „Können Entschädigung bekommen“ wohlgemerkt, denn nur 10% der Betroffenen mit Anspruch auf eine Entschädigung stellen schließlich einen Antrag. Davon werden wiederrum über 40% abgelehnt. Für Opfer sexu­ali­sier­ter Gewalt liegen dabei nicht einmal genaue Zahlen vor.

Jahrelange Bearbeitungszeiten gehören ebenso zu den Problemen, wie Angaben, die die Betroffenen erneut traumatisieren. Oft werden abgelehnte Anträge nach einem Widerspruch doch noch bewilligt – für die Opfer bedeutet das noch längere Wartezeiten und mehr Stress. Die Opferschutzvereine Trotz Allem und Gegen Missbrauch wollen dies nun ändern. In einem ersten Schritt haben sie einen Fragebogen (PDF) entwickelt, um die Erfahrungen von Hilfesuchenden und Betroffenen mit dem Opferentschädigungsgesetz zu dokumentieren.

Bis zum 31. Oktober (die angegebene Frist wurde verlängert) kann der ausgefüllte Fragebogen an einen der beiden Vereine geschickt werden. Adresse und Faxnummer stehen auf dem Fragebogen. Außerdem ist es möglich, einen Scan an fragebogen(at)gegen-missbrauch(punkt)de zu senden.


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Alles Schlampen!

23. August 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 25 von 27 der Serie Neues vom Quotenmann

Paula hat recht: Die Mainstream-Berichterstattung über die Slutwalks ist ein gutes Beispiel jener Art von Sensationsjournalismus, der von seinen LeserInnen wenig hält. Zuspitzung, Vereinfachung und letztendlich die Verstellung der Realität, über die berichtet wird. Schlimmer noch ist, dass, wenn selbst in einem Bericht über dieses Thema ein kleiner Teil des Gesamtbilds gleich als Gesamtbild dargestellt wird, stehen die Chancen äußerst schlecht, dass Stereotype und Vorurteile je überwunden werden können.

Ich möchte aber argumentieren, dass das nur halb so schlimm ist. Tatsächlich passiert jedes Mal, wenn die Mainstream-Medien über den CSD berichten, ein ähnliches Phänomen: Obwohl die überwiegende Mehrheit der TeilnehmerInnen ganz alltäglich gekleidet sind, laufen im Fernsehen immer wieder die gleichen Bilder von „abgefahrenen Kostümen“ und „halbnackten Körpern“. Und insofern, dass dadurch Stereotype und Allgemeinplätze bestätigt, ja verstärkt werden, läuft das nicht nur gegen die minimalen Regeln eines kritischen Journalismus, sondern vor allem gegen die Hauptziele der Veranstaltung selbst. Das ist natürlich ärgerlich, aber auch witzig, denn das heißt, dass die JournalistInnen eigentlich gar nicht verstanden haben, worum es hier geht.

Doch der Grundgedanke von performativen politischen Statements wie den Slut Walks oder den (ursprünglichen) CSDs lautet: Stereotype aneignen und sie durch Zuspitzung und Übertreibung entkräften. Vereinfachung durch den (medial vermittelten) Blick der Anderen gilt hier als wichtiger strategischer Moment in der Kommunikation, und gleichzeitig als Ausgangspunkt für die performative Dekonstruktion dieses Blicks: „Wir sind doch alle Schlampen, aber wie!“

„Schlampe“, genau wie „queer“ oder „Tunte“, funktioniert hier weniger als sachlicher Begriff, der als mögliche Beschreibung auf die Realität zutrifft oder eben nicht. Vielmehr haben diese Wörter von vornherein eine performative Funktion: Wer sie verwendet, gestaltet die soziale Realität.


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An Charlotte Roche. Und gegen den Unwillen zum Wissen!

19. August 2011 von Nadia
Dieser Text ist Teil 38 von 42 der Serie Meine Meinung
© Flickr Nenyaki “Schoßgebete”. Tausendfach im Feuilleton durchgenudelt, alles gehört und gesehen. Inklusive Alice-Schwarzer-Gezeter und Kuscheltalk bei Markus Lanz, Lobeshymnen und Tiraden. Und nun die Zeit, auch einfach mal das Wort mal direkt an die Schreiberin zu richten. Also: Liebe Charlotte!

Ich finde Dich ja eigentlich ganz süß und knuffig. Also, früher zumindest. Und irgendwie sind davon halt auch noch Restbestände vorhanden. Trotz Geschwafel über Sex in Yoga-Hosen (gähn…), Wirsing (schnarch…) und “Wie kann ich dafür sorgen dass mein Typ mich immer toll findet und wir für immer zusammen bleiben werden?” (Ach, ach… Egal… Egal…). Deswegen will ich Dir heute mal einen schwesterlichen Rat geben: Wenn Du das nächste Mal ein Buch schreibst – und wir alle ahnen ja schon, Du wirst es irgendwann wieder tun – dann lies doch vorher mal eins! Also, ein richtig gutes! Oder, sogar mehrere!

Weil, irgendwie soll es ja bei Dir ums deutsche Durchschnittsleben gehen – Mittelmaß und so, Linse knallhart draufgehalten, trotz dramatischer Vorkommnisse im Leben, trotz moderner Industriegesellschaft und Wandel von Familien- und Genderstrukturen und Individualisierung und so weiter und so weiter. Das finde ich insgesamt ein hehres Ziel, aber da muss man halt bei den Besten in die Lehre gehen. Richard Fords “Sportreporter”-Trilogie kann ich Dir da wärmstens empfehlen. Ford ist seinem Held Frank Bascombe ja zum Teil bis auf die Toilette gefolgt (Ja, ja! Und das vor Deinen “Polöchern”! Schau an, schau an! Voll innovativ, oder?), und das schon vor vielen vielen Jahren. Und um Prostata-Krebs ging es dann auch im letzten Teil: Du siehst also, der gute alte Richard griff auch irgendwie Pipikacke-Themen – ganz zu schweigen von fragilen Beziehungen, Patchworkfamilien und der Angst vor Einsamkeit – auf. Aber: Eben auf hohem literarischem Niveau! Und genau deswegen liest man seine Bücher auch ganz gerne! Weil da zwar irgendwie auch nicht wirklich viel passiert, aber sprachlich doch immerhin allerhand!

Und weil der Ford aber auch einigermaßen unverdeckt reaktionär ist – in Interviews redet er ja zum Beispiel immer total gerne über seine Ehe und dass ohne reproduktive Zweierbeziehungen ja quasi alles geradewegs auf dem Weg der Verdammnis oder zumindest der Unproduktivität landen muss – habe ich noch einen zweiten heißen Tip, und zwar ebenfalls eine Trilogie: Michel Foucaults “Sexualität und Wahrheit”. Da empfehle ich Dir insbesondere Band II und III, nämlich “Der Gebrauch der Lüste” (Original: L’usage des plaisirs) und “Die Sorge um sich” (Original: Le souci de soi). (Es gibt noch einen vierten Band, aber das ist eine Geschichte die mit “fragmentarisch” und “posthum” zu tun hat, aber das juckt uns jetzt nicht groß. Nur der Vollständigkeit halber.)

Auf jeden Fall untersucht unser Kumpel Michel nämlich unter anderem, wie das Sexualverhalten vom klassischen griechischen Denken als Bereich moralischen Ermessens und moralischer Wahl geprägt worden ist.  Und er stellt die These auf, dass Sexualität den Zugang zum Individuum erlaubt und die Bevölkerung kontrolliert. Und dass sie sowas wie eine Angelegenheit des Staates ist, unter anderem dem Gesundheitswesen und den Regeln einer Normalität untergeordnet.  Und es geht auch um Zwangsheterosexualität und Reproduktivitätsideologie und so. Abgefahren, oder? Ist das nicht der Knaller?! Und ich kann Dir sagen, hach, was sage ich, ich kann Dir versprechen, wer Dein Buch “krass” findet, ha, also der wird sich bei der Foucault-Lektüre wundern, wie ihm wieder die Füße aufwachen, die ihm vorher vor lauter Wirsing, Würmern, Popo-Kratzen und Heizdecken eingeschlafen sind! Achterbahn der Crazyness sage ich nur! Word!

Du wirst sehen, Deine Geschichte wird dadurch keine bessere (und darum geht es ja auch nicht, Deine Geschichte ist Deine Geschichte, und deswegen belassen wir es dabei. Und niemals – so sagt es zumindest der gute alte Onkel Stephen King in “Das Leben und das Schreiben” – ist die Geschichte an sich wirklich schlecht, sondern nur die Umsetzung! Und das glaube ich gern, denken wir nur an den Story-Output von “Langoliers” - aber, ach, das ist ja auch wieder eine andere Geschichte! Was soll`s!). Wie auch immer: Du wirst sie beim nächsten Mal besser aufschreiben können. Bestimmt. Zumindest ein bisschen.

Deswegen, ich hoffe sehr dass Du Dir meine Tips vielleicht zu Herzen nimmst – ich auf jeden Fall würde mich sehr darüber freuen, weil, auch ich finde es immer ganz toll wenn die Leute mit Sachen konfrontiert werden, die ganz krass neu für sie sind und sie mal richtig vom Hocker reißen! Also, “schocken” wie Du vielleicht sagen würdest, und die auch so ein bisschen an den eigenen alten Denkmustern rütteln! Und: Die einen vor allem ein bisschen von der Pubertätsidee “Ich-kenne-mich-und-deswegen-kenne-ich-Euch-alle-und-ich-sage-Euch-jetzt-mal-wie-…”-Attitüde wegholen. Schöner ist ja immer irgendwie: Jetzt habe ich ordentlich geplappert, beim nächsten Mal habe ich aber mal wieder was dazu gelernt! Und zwar was Richtiges! Du wirst sehen!

Ich bin also schon mächtig gespannt auf Deine nächsten Papier-Geschosse, gucke mir bis dahin nochmal Dein Promo-Video zum neuen Besteller an (Glückwunsch übrigens!), warte auf die Zukunft und sage: In diesem Sinne, sincerely yours! Nadia.

Und P.S.: Alice, falls ich Dich auch erwische – für Dich gilt in weiten Teilen natürlich dasselbe. Und beim nächsten offenen Brief bitte nicht so rumschnauzen. Das war ja zum Ohrenkrebs kriegen, Dein Rumgemecker. Also. Weißte Bescheid!


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Eine bulgarische Präsidentin?

9. August 2011 von Silviu
Dieser Text ist Teil 12 von 17 der Serie Im Osten nichts Neues?

Meglena Kunewa, 54, gilt laut Umfragen als Favoritin bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und könnte im Oktober die erste Präsidentin in der Geschichte ihres Landes werden – und damit auch eine der ersten erfolgreichen osteuropäischen Politikerinnen überhaupt. Denn Politik bleibt in diesem Teil der Welt weitgehend Männersache: in den Augen breiter Teile des Publikums, aber vor allem für die politische Kaste, die einem Männerklo ähnlich ist, wie die Vertreterinnen der ukrainischen Frauengruppe Femen zugespitzt behaupten.

Kunewa war zwischen 2007 und 2009 Kommissarin für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Brüssel. Das Image einer EU-affinen Politikerin gibt ihr einen wichtigen Vorteil gegenüber ihren männlichen Wettbewerbern. Schließlich steht Bulgarien wegen seiner Korruptions- und Justizprobleme nach wie vor im Visier der Kommission, der Schengen-Beitritt des Landes wurde verschoben. Auf die unabhängige Kandidatin Kunewa wartet jetzt ein schwieriger Wahlkampf: Mit der Unterstützung der Zivilgesellschaft aber ohne eine starke politische Partei hinter sich muss sie beweisen, dass sie mitten in der Wirtschaftskrise Herrin der Lage sein kann.

Doch auch wenn Kunewa Präsidentin wird, bedeutet das noch lange nicht, dass sich die Situation der Frauen in Bulgarien unbedingt verbessert. In einem Interview mit der österreichischen Zeitung Der Standard bedauert die Kandidatin zwar, dass ihr Land in der öffentlichen Verwaltung oder in der Privatwirtschaft „dieses Kapital“, also seine Frauen, nicht nutzt. Gleichzeitig will sie jedoch aus der Bekämpfung von Machismo kein großes Thema machen. Dabei sollte dies in Bulgarien und in vielen anderen Ländern der Region eine der höchsten Prioritäten jeder auch nur halbwegs feministischen PolitikerIn sein.

Ähnlich wie Julia Timoschenko, die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin, die jetzt wegen (politisch motivierter) Korruptionsvorwürfe in Untersuchungshaft sitzt, wird Kunewa die Politik in Bulgarien nicht revolutionieren. Sie wird aber wohl zur Normalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen – immerhin ein kleiner Schritt in Richtung Gleichberechtigung.

 


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