Einträge der Rubrik ‘Ideen – Theorien’


Vom Trauern und Liebe(n)

19. November 2015 von Sharon

Ich liebe eine Frau, eine Schwester, die nicht mehr am Leben ist.
Sie ist plötzlich und unerwarteterweise im Sommer 2014 verstorben. Es ist immer noch unglaublich. Das ist die Art von Frau; würdest du sie kennen, könntest du es dir auch nicht vorstellen, dass sie nicht mehr lebend unter uns ist.

Ich liebe sie noch, denn die Vorstellung, dass ich diesen Satz im Präteritum formulieren soll, kommt mir immer noch nicht über die Fingerspitzen. Mein Alltag verkrafte ich nur, weil ich ihr Schweigen mir so zurechtgebastelt habe: Sie ist noch da, sie hat nur schon wieder ihre Handy (wie eine andere sehr enge Freundin von ihr das nennt) „zwangsverschenkt“.

Sehr sehr oft seit letztem Sommer hätte ich gern ihren Rat gehabt, ihre tatkräftige Unterstützung oder einfach zusammen mit ihr gelacht. Sie fehlt mir wirklich sehr. Ich glaube, sie hätte mir einiges an Schmerz sparen können. Ich glaube, sie versteht mich wirklich sehr gut – besser eventuell, als ich mich selber besser verstehe.

Nun sehe ich mich mit dem Thema Tod noch einmal konfrontiert. Ja. Wegen der Anschläge. Ja, die in Paris. Ja, ich weiß…

Ich habe alle schlauen Artikel zum Thema gelesen (oder vielleicht nur die meisten). Ich habe selbst kritische Gedanken meinem Sohn gegenüber formuliert, weil er einen französische-Fahne-Filter über sein Profilbild veröffentlicht hat. Die Argumente dagegen leuchten mir wirklich alle ein. Dennoch: ich habe Angst. Er hat Angst. Und wir wissen beide wie es ist, eine Person zu verlieren, die wir lieben. Eine Person, die gegangen ist, ohne dass wir uns von ihr verabschieden konnten.

„Es gibt Leute, die sowas blöd finden. Ich erzähle dir das, weil du sonst immer so kritisch bist,“ sagte ich ihm, als wir zwei Tagen nach den Anschlägen wegen seines Profilbilds telefoniert haben.
„Jetzt ist nicht die Zeit kritisch zu sein, mum“ sagte er. Wir telefonieren weiter. Seine Freunde treffen sich sehr oft. Feiern Parties. Sind ständig unterwegs. Haben neulich einen aus ihrem Freundeskreis in noch ungeklärten Umständen verloren. Sie haben alle Angst. Ein Bombenangriff könnte natürlich auch in Berlin passieren. Sie könnten die nächsten sein. Er will sich solidarisch zeigen. Es geht gerade nicht um Politik und Hashtags, sondern um Trauer und Liebe.

Ja, und ich habe auch Angst. Ständig.

Denn, jedes Mal wenn ich mich von meinen Kindern verabschiede, könnte es das letzte Mal gewesen sein. Und es geht mir nicht erst seit Freitag so. Paris ist aber besonders. Eigentlich nicht, weil Paris näher dran ist. Und nicht, weil es sich um weiße, westliche Opfern geht (was natürlich sowieso nicht ausschließlich der Fall ist), sondern weil die Ereignisse in Paris, die Verhältnisse für uns Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland – wieder mal – sehr deutlich machen.

Syrien wird augenblicklich zerbombt. Diese Tatsache ist anscheinend so selbstverständlich, es gibt nicht mal in unseren Medien eine Debatte darüber. Nicht-Christliche Menschen auf der Flucht lassen sich wohl am besten taufen. Menschen, die Hijabs tragen, sollten besser auf U-Bahn Gleisen mit dem Rücken zur Wand stehen. Schwarze Menschen und People of Color – besonders die, die Muslim_innen sind, oder als solche durchgehen könnten, sind gerade in der Klemme, wie ich das sehe. Auf der einen Seite könnten sie genau so Opfer von irgendwelche Terroristen-Attacken in Größstädten werden, wie weiße Menschen auch (so viel ich weiß, gab es letzten Freitag wirklich keine WhatsApp Nachricht von ISIS an in Paris lebende Muslim_innen, die deutlich gemacht hat, sie sollten lieber zu Hause bleiben) und auf der anderen Seite werden wir von AfD- und PEGIDA-Sympantisanten u.a. noch bedrohlicher gemacht, als wir es ohnehin schon vorher gemacht wurden.

Darum denke ich im Stillen darüber nach, was könnte helfen?

Was braucht es, damit Menschen, die aus Syrien flüchten, nicht erst einmal beweisen müssen, dass sie keine Terrorist_innen sind, bevor wir, die in relativer Sicherheit leben, sie mit Empathie und Solidarität begegnen?

Was braucht es, damit Menschen, die schon seit Jahren hier in Lagern leben, oder gegen Residenzpflicht und Abschiebungen kämpfen, auch ein wenig von unserer #Willkommenskultur-Aufmerksamkeit geschenkt bekommen?

Was braucht es, damit ich nicht einfach weghöre, wenn ich antimuslimische Aussagen oder Beleidigungen mitkriege?

Was braucht es, damit wir alle gegenseitig weniger Angst voreinander haben, aber vor allem: weniger Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit, ja unserer eigenen Sterblichkeit, haben?

Ich schließe die Augen und denke an meine Freundin.

Es ist fast einundhalb Jahre her, seitdem ich nur noch mit ihr in Träumen kommuniziere.  Der Schmerz ist noch genauso groß. Ich gehe stark davon aus, dass alle – egal in welcher Stadt sie wohnen – alle, denen eine solche Person fehlen, auch erstmal mit Schmerz beschäftigt sind. Ich weiß, was dieser Schmerz mit mir gemacht hat.

In diesen letzten Monaten hatte ich selbst sehr mit Wut zu tun. Ich bin unsensibel gewesen. Ich habe selbst anderen für mich wichtigen Menschen unrecht getan und weh getan. Und das mehrmals. Es ist schmerzhaft diese Seite von mir zu sehen, zu erkennen und zu akzeptieren. Aber es ist enorm wichtig. Ich weiß, warum ich (gerade) so bin wie ich bin. Und ich weiß, dass es Zeit braucht, damit ich wieder so etwas wie eine Balance finde. Ich schätze es sehr, dass mir diese Zeit geschenkt wird. Ich weiß, dass ich geliebt werde.

Allmählich wird es ein wenig ruhiger um mich herum und in meinem Körper. Ich stelle Verbindungen zu den Ereignissen und den widersprüchlichen Emotionen her. Sie gehören ja alle dazu. Sie sind alle ich.

Ich habe noch immer keine klare Antworten auf meine vielen Fragen. Aber im Ansatz schlage ich vorsichtig vor…vielleicht müssen wir einfach erstmal still sein. Und vielleicht brauchen wir einfach Zeit zum Trauern. Und einander, und uns selber, bedingungslos zu lieben.


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Von der Schwierigkeit nicht hetero zu sein und hetero zu kritisieren.

28. Juli 2015 von Nadine

In feministischen Kreisen™ hierzulande tut sich eine Kritik sehr schwer: Die Kritik an Hetero-Praxen, am Performen von Heterosexualität. Zum einen, weil die Kritik sich nicht ausschließlich an das abstrakte Etwas Heteronormativität richtet, sondern auch an _die_ Heten selbst, die mit ihren heterosexuellen Selbstverständlichkeiten rumnerven (z.B. Vergewaltigungswitzchen, ständiger Boyfriend- und Beziehungstalk, #notallheteros, umschweifende Raumeinnahme durch Austausch von Körperflüssigkeiten im öffentlichen Nahverkehr *no pun intended* oder Beengung von Wegen und Sitzplätzen durch Bilden einer symbiotischen Körpereinheit, vehementes Einfordern von Typenprivilegien zuerst für sich selbst und danach für alle anderen, Studieren und Erforschen von LGBT-Lebensrealitäten zur eigenen Belustigung, zum Aufpeppen des eigenen Seins oder zum Geld verdienen).

Kritisiert werden Hetero-Praxen und Performances in der Regel, um darauf aufmerksam zu machen, dass es außer Heten auch noch andere Menschen gibt, die ein Recht darauf haben, ein gutes Leben zu führen ohne das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Nichtdiskriminierung in den Mülleimer zu werfen und dass dieses gute Leben eben auch davon abhängig ist, wer sich ständig als Normalität inszeniert ohne Rücksicht auf das Umfeld zu nehmen. Überraschenderweise wird von Heten, die Heteronormativität als Problem erkannt haben (und von sich selbst auch manchmal als Heten und nicht als Menschen sprechen können, z.B. weil sie überhaupt erst einmal wissen, dass sie Heten sind), in Fällen der Kritik an Konkretem meistens auf das Abstrakte verweisen: Strukturen. Da gibt es diesen bösen Staat, der macht, dass Schwule und Lesben nicht heiraten und nicht adoptieren dürfen (so eine Ungerechtigkeit!11!!1) und äääh ja Trans* und so diese Leute haben’s auch nicht einfach. Betroffenes Nicken.

Heten und ihr „LGBT*-Aktivismus“

Kritisiert wird von Heten oft nur das, was sie selbst für erstrebenswert erachten und anderen verwehrt wird: Heiraten und Kinder kriegen/großziehen/für sie sorgen/Familie haben, Vorstandsetagensessel, Ruhm. Insofern werden auch eifrig Gay Rights mitpropagiert, wird der Regenbogen gefeiert und manchmal empört getan, dass Lisa B. aus K. auf offener Straße zusammengeschlagen wurde, weil er_sie nicht ins Konzept passt von dem, was als Hetero gilt und damit in den Augen von passenden (im Sinne von: Passing/ durchgehen als…) Heten eine Gefahr darstellt. Wer sich als queere Person einreiht ins schöne Hetero-Leben mit den eigenen politischen Forderungen oder Betroffene_r von „wirklich schlimmer“ Diskriminierung ist, um ungefragt als Abziehbild ins Skandalös-Gutmensch-Hetero-Heftchen geklebt zu werden, hat vielleicht die Chance auf Solidarität. Alle anderen, die von Umverteilung (Geld, Zeit, Kapazitäten, politischen Prioritäten in aktivistischen Kämpfen) reden, naaaah…die müssma net anhörn. die tun wa extra. in dieses LGBT dings rein. und dafür hamm wa keene Zeit, weil wegen Vereinbarkeitsproblematik und so. Lieber noch ein bisschen rumjammern, dass das Thema feministische Mutterschaft immer so untergeht zwischen diesen kinderfeindlichen Queer_Feminist_innen, die alles dominieren. Und deshalb (jetzt erst recht!!!) als weiße, ableisierte, Mittelschichts-Hetera den 239. Blog einer weißen, ableisierten, Mittelschichts-Hetera lesen und verlinken, die von 50/50 (AS IF…) und rosa für Jungs plappert.

Kritik an Heteropraxen und Performances ist allerdings auch wegen einer anderen Sache nicht gern gesehene Gäst_in in hiesigen feministischen Debatten: In dieser Kritik würden auch Menschen mitgemeint werden, die sich nicht als Hetero definieren oder nicht als Hete gelesen werden, auch wenn sie sich so definieren. Damit würde die Hetero-Kritik Sexismus bzw. Bifeindlichkeit und Trans*diskriminierung reproduzieren. Um den Unmut über die Kritik zu äußern, die sich nicht an die eigene Person und die eigene Alltagspraxis zu richten haben darf, werden dann munter lesbenfeindliche, sexistische und derailende Behauptungen in die Diskussionsschale geworfen, die z.B. „Lesben sind Cis-Frauen, die auf Cis-Frauen stehen“, „Lesben hassen Menschen, die mit Männern(Sternchen) schlafen“, „Frauen(Sternchen) vorzuschreiben, wen sie lieben dürfen [AS IF… Anm. von mir], ist frauen(sternchen)feindlich“ oder kurz: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“ lauten.

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embracing self-destruction

24. Juli 2015 von Nadine

liebhaber_innen von zines werden vielleicht maranda elizabeth kennen. maranda schreibt seit vielen jahren das zine telegram. es ist ein personal zine, also ein zine, das eher tagebuch-charakter hat. ich hatte die ausgabe #35 in den händen. in #35 erzählt maranda von marandas letztem (dokumentierten) suizidversuch. maranda wird vor dem todeseintritt ins krankenhaus gebracht und überlebt. es ist nicht der erste suizidversuch von maranda und so dreht sich das zine um den wunsch zu sterben, vergleiche zwischen dem ersten und dem aktuellen suizidversuch, die reaktionen und umgänge des sozialen umfeldes mit der suizidalität von maranda, diverse psychiatrie-aufenthalte, gender-basierte gewalt, diagnosen, medikalisierung gegen psychische und körperliche beschwerden, eingeschliffene verhaltensmuster, die schwer bis unmöglich zu durchbrechen sind, immerwährendes scheitern (von unterstützung, von community, von konkreter ab_hilfe) und wie das alles wiederkehrend zum wunsch nach tod führt, zu verzweiflung, abgestumpftheit, zum verlust von freund_innenschaften und beziehungen.

„the worst part of surviving suicide is still wanting to die. the worst part is wishing i didn’t fuck it up. the worst part is feeling obligated to pretend to care about things when i don’t care at all. the worst part is wondering if the friends i’ve got left are fucking sick of it. the worst part is watching myself repeat patterns of shit i’ve been doing for a decade and feeling no motivation to stop or change. the worst part is knowing the changes i want to make but feeling incapable. the worst part is returning to real life and continuing all the habits that led me to a coma. the worst part is wanting to be alone but not being able to take care of myself.“

[der schlimmste teil am überleben von suizid ist, noch immer sterben zu wollen. der schlimmste teil ist der wunsch, nicht gescheitert zu sein damit. der schlimmste teil ist, sich verpflichtet zu fühlen, so zu tun als ob mensch sich um dinge sorgt, wenn mir im grunde alles egal ist. der schlimmste teil ist, sich zu fragen, ob die freund_innen, die ich noch habe, verdammt nochmal die schnauze voll haben. der schlimmste teil ist, mich selbst beim wiederholen von scheiß mustern zu beobachten, die ich seit einem jahrzehnt tue und keine motivation habe, damit aufzuhören oder sie zu verändern. der schlimmste teil ist zu wissen, welche veränderungen ich machen will, aber mich unfähig zu fühlen. der schlimmste teil ist die rückkehr ins richtige leben und mit all den gewohnheiten weiter zu machen, die mich ins koma geführt haben. der schlimmste teil ist der wunsch nach alleinsein, aber nicht in der lage zu sein, auf mich zu achten.]

das obenstehende zitat hat mich beim lesen sehr gerührt. nicht aus mitleid, sondern aus mitgefühl. ich kann sehr viel mit marandas gedanken anfangen: manchmal zu wissen, wo mensch hin will, oder was getan werden muss, damit … und doch nicht herauszukommen aus der situation, sich immer wieder in stimmungen und mustern zu halten, unbewusst und bewusst. wiederkehrende suizidgedanken oder -versuche zu haben (oder fantasien, sich selbst zu verletzen – körperlich und psychisch). in einem anderen teil des zines schreibt maranda darüber, dass maranda keine unterstützung und hilfe in marandas community findet, dennoch immer wieder zurückkehrt und auf’s neue enttäuscht wird. ich habe diesen abschnitt so gelesen, dass es nicht darum geht, anderen die schuld zu geben oder verantwortung für sich selbst an andere abzugeben, sondern eher um sich zu hause fühlen von gedanken, mustern und handlungen. sich nicht isoliert zu fühlen mit dem, wie mensch gerade ist und fühlt.

in meinem umfeld sprechen wir viel über diagnosen, psychotherapie, psychiatrie. die meisten menschen, die ich kenne, sind diagnostiziert, therapiert oder gerade in therapie, wiederum einige haben zeit in der psychiatrie verbracht, andere haben medikamente genommen, nehmen noch medikamente. viele behelfen sich außerdem mit diversen heilverfahren und unterstützungsangeboten, die nicht schulmedizinisch anerkannt oder von der krankenkasse bezahlt werden. und ja das tun auch die, die eigentlich nicht so viel geld für sowas übrig haben. manchmal, weil alles andere nicht geholfen hat oder weil mensch nicht will, dass therapie und/oder psychiatrie oder geschweige denn eine diagnose in der krankenakte auftaucht, die trotz schweigepflicht und datenschutz immer wieder ihren weg in andere akten findet, die selbstgewählte pläne für das eigene leben behindern können.

egal, ob ich mich mit menschen über all das austausche, die psychopathologisierung und den medizinischen komplex darum politisieren und kritisieren oder mit menschen, denen das nicht so wichtig ist: eher selten sprechen wir über scheitern. über nicht-anders-wollen. über aufgeben wollen. über muster, die, wie maranda schreibt, ständig wiederholt werden, obwohl mensch es besser weiß. über suizid und suizidgedanken. und über unsere eigene verrücktheit, die immer wieder zu situationen führt, in denen wir uns alleine und nicht wahrgenommen fühlen – selbst mit unseren engsten menschen.

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Ganz viel Feminismus in einem kleinen Comic

20. Juli 2015 von Magda
Dieser Text ist Teil 106 von 126 der Serie Die Feministische Bibliothek

Ich liebe bilderreiche Darstellungen und ich liebe es, wenn komplexe Dinge möglichst verständlich erklärt werden. Und so konnte ich auch viel Liebe für das erst kürzlich im Unrast-Verlag erschienene Büchlein „Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext“ der Künstlerin Patu und der Politikwissenschaftlerin und Autorin Antje Schrupp entwickeln.

Feminsmus_Patu_SchruppDas knapp 80-seitige Büchlein stellt die politischen Ideen und Botschaften einiger Feminist_innen von der Antike bis in die Gegenwart vor. Die damals zu größten Teilen weitaus bekannteren Männer bilden zwar den patriarchalen Kontext, nehmen allerdings meist den Platz in der zweiten Reihe ein. Gespickt mit absurden Zitaten („Die Frau ist eigens dafür geschaffen, dem Mann zu gefallen“ – Jean-Jacques Rousseau) wirken sie lediglich wie karikaturähnliche Laiendarsteller der Geschichte. Die Bilder sind nie bloßes Beiwerk, im Gegenteil: Ohne sie würden die einzelnen Anekdoten nicht funktionieren. Die Zeichnungen sind sehr intelligente, kreative und mitunter witzige Geschichten für sich. Es lohnt sich genau hinzuschauen: die Mimiken, die kleinen aussagekräftigen Details im Hintergrund, und die eingebauten „Hacks“. Auf die Darstellung von Gott dürft ihr auf jeden Fall gespannt sein!

Die Inhalte des Buches sind in europäischen und US-amerikanischen Feminismen verortet, obwohl europäisch überwiegend bedeutet: Deutschland, Frankreich und England (zumindest ab der so genannten Moderne). Angefangen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, gefolgt von der so genannten „Aufklärung“ bis zu den frühsozialistischen Feminismen: Im Galopp reiten wir durch die Geschichte der politischen Ideen und lernen viele Feminist_innen sowie ihre Ideen und Kämpfe kennen. Schon einmal von der Mathematikern Hypatia gehört? Oder von den Saint-Simonistinnen? Oder von Sojourner Truth? Oder von der Sozialistin und Gegnerin der Sklaverei Flora Tristan, die bereits fünf Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“ mit ihrem Werk „Arbeiterunion“ (1843) für ein Bündnis von Arbeiter_innen über Zünfte und Berufszweige hinweg eintrat? Ihr werdet sie kennenlernen!

Erschienen ist das Buch im linken Unrast-Verlag. So sind sozialistische, anarchistische und linke feministische Ideen zentral, oder wie Antje Schrupp bei der Buchvorstellung in Berlin klarstellte: „Hier geht es nicht um Gleichstellung“. Interessant finde ich, dass sozialistische Frauen und ihre Ideen oftmals Ausgangspunkt sind, und die Ideen der bürgerlichen Frauen dem gegenüber gestellt werden, was für eine dominante feministische Geschichtsschreibung einen Perspektivwechsel bedeutet.

So finde ich es konsequent, dass die sehr verbreitete Einordnung von feministischen Kämpfen in Wellen nicht unnötig wiederholt wird, sondern von Anfang an klar ist: Auch jenseits der großen feministischen Wellen gab es immer Feminist_innen, die ganz unterschiedliche Ideen von „Frauenbefreiung“ oder Gesellschaftswandel hatten: Während die bürgerliche Frauenbewegung in Frankreich und England Mitte des 19. Jahrhundert z.B. einen Fokus auf die Reformierung der Ehe- und Scheidungsgesetze legte, war dies für viele Frauen aus der Arbeiter_innenschicht weniger zentral, da diese auch häufig unverheiratet zusammenlebten (es gab ja eh nichts zu vererben!). So sind die Kapitel ab „Anfänge der organisierten Frauenbewegung“ eher thematisch geordnet, z.B: „Freie Liebe / Kritik an der Ehe“, „Hausarbeit / Care“, „Womanism / Intersektionalität“ oder „Queer-Feminismus“, wobei anti-rassistische Positionen bei vielen Querschnittsthemen immer wieder thematisiert werden.

Auf der Buchvorstellung in Berlin diskutierten wir auch die Leerstellen des Buches: Angemerkt wurde der fehlende Bezug auf osteuropäische feministische Kämpfe und speziell auf Ost/West-Feminismus in Deutschland. Auch fehle die Darstellung der zentralen Rolle von Lesben in der so genannten „2. Frauenbewegung“, worauf Patu und Antje Schrupp bereits reagiert haben: In der bald erscheinenden 2. Auflage wird es zwei weitere Seiten dazu geben. Es gibt weitere Leerstellen, über die wir sprechen können, aber wie es auf den letzten Seiten so schön heißt: to be continued!

Das Büchlein ist eine gute Erinnerung daran, dass manche Themen wie z.B. (fehlende) Solidarität von weißen, bürgerlichen Feminist_innen oder der Rassismus unter weißen Feminist_innen keine neuen, aktuellen Erscheinungen sind, sondern historisch gewachsen. Es zeigt auf, dass die komplexen feministischen Geschichten niemals in ein Büchlein passen werden. Dieses Buch ist ein schöner, niedrigschwelliger Versuch, einige dieser Geschichten ohne lange, komplizierte Texte zu erzählen. Daumen hoch!

Bestellen könnt ihr das Buch zum Beispiel bei Fembooks.


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Teilhabe für wirklich alle Behinderten?

9. Juli 2015 von Hannah C.

Die Petion zum Recht auf Sparen für Menschen mit Behinderungen macht ihre Runde und alle so: “Yeaaaaa!”

Nur nicht die Menschen mit Behinderungen, die im Hartz 4 System sind, weil sie als mehr oder weniger rehabilitierbar und/oder mehr oder weniger arbeitsfähig eingestuft wurden. Unter Hartz 4 kann ebenfalls nicht gespart werden.
Rausarbeiten ist die Devise. Auch dann, wenn das Teilhabegesetz und auch das viel besprochene Teilhabegeld kommen.
Auch dann, wenn sich der Arbeitsmarkt für diese Personengruppe noch immer nicht zum Positiven verändert.

Hartz 4, das bedeutet für noch viel zu viele Menschen “keine Arbeit = kein Geld = Hilfebedarf = Hartz 4” und nicht auch: “von vornherein schwierige Lebensbedingungen wegen bestehender Diskriminierung aufgrund von Behinderung (auch as in “chronische Krankheit”), Geschlecht, Alter, Klasse, Herkunft, etc etc = keine Hilfe = kein (oder zu wenig) Geld = Bedarf zur Sicherung des Überlebens = Hartz 4”

Die Petition ist ein guter Schritt – gar keine Frage. Es ist ungerecht, dass Menschen, deren Hilfen aus einem Sozialhilfetopf finanziert werden, immer ein Minus einkalkulieren müssen, wenn sie arbeiten und dieses Minus ihr Leben lang auch nicht loswerden, weil sie ihren Bedarf an Hilfen/Unterstützungen nicht abschalten können. Die Regelungen diskriminieren Personen mit ständigem Hilfebedarf aufgrund dieses Hilfebedarfes und der Notwendigkeit die Deckung dieses Bedarfes zu finanzieren.

Eine Regelung hingegen, die die Folgen von ständig ausbleibenden Hilfen, aufgrund von bestehenden Diskriminierungen an anderen Stellen, ausblendet, kann nicht im Sinne einer Inklusion sein.
Die Verweildauer im System des Hartz 4 hat sich auf mehrheitlich 4 Jahre bis mehr verlängert. Warum? Weil es keine klassische Sozialhilfe mehr gibt und der Gang zum Jobcenter der Gang zur Rettung vor dem Leben auf der Straße wurde.

Egal, ob behindert oder sonstwie benachteiligt – sparen, erben, eine Zukunft planen, die absichert, das ist je länger man von Leistungen zur Grundsicherung abhängig ist, immer weniger umsetzbar. Nicht zuletzt, weil es ähnliche Vermögensgrenzen und ein Abzugsminus in bestehenden Arbeitsverhältnissen gibt.

Ich bin keine Behinderte, der mit einem Rollstuhl oder einer persönlichen Assistenz geholfen wäre, am Arbeitsleben zu partizipieren und deshalb macht mich die Petition in Teilen, die Antworten auf die häufigsten Fragen im Petitionstext auf der Webseite, auch wütend.
Für mich sieht es so aus als würde es wieder Gewinner_innen und Verlierer_innen innerhalb eines Schrittes in Richtung “Gesellschaft ohne Gewinner_innen und Verlierer_innen” geben, weil nicht reflektiert ist, das noch nicht jede Behinderung und jeder Bedarf an Unterstützung zur Partizipation mitbedacht ist.

Ich bin zum Beispiel chronisch krank* und werde durch die Begrenzungen der Krankenkassen von psychotherapeutischen aber auch medizinischen Hilfeleistungen, chronisch krank gehalten. Werde ich von einem Teilhabegeld, dass körperbehinderten Menschen eine Pflegekraft finanzieren hilft, vielleicht auch eine Psychotherapie oder eine Behandlung in einer spezialisierten Klinik finanzieren können? Ich glaube nicht.
Würde ich, wenn ich unter Hartz 4 sparen könnte, in die Lage kommen mich tatsächlich rauszuarbeiten? Ich denke schon.
Würde dies dazu beitragen einen Schritt näher an eine Art bedingungsloses Grundeinkommen heranzukommen? Ich denke schon.

Warum schlägt das dann niemand vor?
Ach ja: Weil „die Hartzies“ ja selbst machen können.

Mir erscheint vieles um die derzeitige Inklusions und Teilhabedebatten sehr weiß und bürgerlich (und neoliberal) und Antworten auf häufige Fragen, in denen Worte wie “in den Sozialhilfeabgrund reißen” vorkommen, bestätigen das.
Es fühlt sich an, als wolle man Teilhabe an Privilegien und hielte das für Inklusion.

Inklusion bedeutet aber Teilhabe an sowohl den Privilegien, als auch den Verantwortungen, den Verpflichtungen und den Diskriminierungen anderer Menschen. Dies zeichnet sich bereits in den Überlegungen zum Teilhabegesetz ab: Vorfahrt haben die Partikulärinteressen derer, die noch am nächsten dran sind, an dem weißen Mittel – bis Oberschichtenmenschen, der sich potenziell aus allem rausarbeiten kann.
Das Gefuchtel derer, die mehrfachbehindert, weniger oder gar nicht arbeitsfähig sind und dies aus noch ganz anderen Gründen, als denen eines wachstums- und leistungsorientierten Wirtschaftswesen, auch sehr lange bis immer bleiben werden, geht dabei fast unter.

In der aktuellen Inklusionsdebatte hat man erreicht, dass sich auch andere diskriminierte Personengruppen als solche wahr- und ernstnehmen können. Mit der geplanten Umsetzung und den Vorschlägen, die es bis jetzt gibt, nimmt das Ganze auch eine Vorreiterrolle ein, die sich meiner Ansicht nach, noch ein bisschen näher an den Lebensrealitäten derer um die es geht, orientieren müsste, um es im Sinne der Inklusion, für alle auch in der Zukunft zu erleichtern zu ihrem Recht zu kommen.


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Warum ich nicht mehr über ‚Hate Speech‘ diskutieren will

11. Mai 2015 von Charlott

In den letzten Wochen habe ich mir wieder einmal über Hate Speech, also Hassrede, im Internet Gedanken gemacht. Anlass war die Veröffentlichung der Broschüre „‚Geh sterben!‘. Umgang mit Hate Speech und Kommentaren im Internet“ durch die Amadeu Antonio Stiftung. Allerdings geht es mir hier gar nicht um die konkreten Inhalte dieser einen konkreten Publikation – sie brachte nur für mich dieses Konzept zurück in den Fokus und ich habe darüber nachgedacht, warum der Begriff so ein Unwohlgefühl bei mir auslöst.

Ja, ich mag Hate Speech nicht – also natürlich zum einen die Akte, die mit dem Konzept gemeint sind (wie überraschend, ich mag es nicht bedroht und beschimpft zu werden), aber eben auch den Begriff ‚Hate Speech‘ an sich. Mich stört, dass der Begriff schnell relativ entpolitisiert verwendet werden kann. Dann wird plötzlich über die ‚Debattenkultur‘ im Internet diskutiert und nicht mehr über Macht- und Diskriminierungsverhältnisse. Ich möchte dies einmal etwas ausführlicher erläutern:

Häufig wird von Hate Speech gerade dann gesprochen, wenn es um die Anerkennung von Gewalterfahrungen in ‚offiziellen‘ Kontexten geht, wie beispielsweise in juristischen Verfahren oder partei-politischen Diskussionen, wenn es um Gesetze oder deren Umsetzung geht. Manchmal auch dann, wenn es um die Verantwortung von kommerziellen Seiten-Betreiber_innen im Netz geht (Facebook, Twitter, etc.). Der Bezug ist nicht selten ein rechtsstaatlicher ohne jemals zu hinterfragen, welche Gewalt eigentlich vom Rechtsstaat ausgeht, welche Personen überhaupt auf Schutz durch den Staat realistisch hoffen können, für wen Anzeigen eine Möglichkeit wären. Dies ist eben auch gut möglich, da sich nicht immer genau angeguckt wird, wer eigentlich besonders von Hasskommentaren, Bedrohungen, etc. im Internet betroffen ist.

In einem Artikel beim Tagesspiegel, der die Debatte um Hate Speech aufnimmt, heißt es im Teaser: „Netz-Debatten sind oft von Drohungen und Hetze geprägt – und manchmal greift der Hass in die analoge Welt über.“ Auch wenn im Text dann einige Beispiele genannt werden, die weitere Strukturen sichtbar machen (bspw. Rassismus), so zeigt die Rahmung doch genau das, was ich immer wieder beim Thema Hate Speech beobachte. Ganz schnell können alle irgendwie gemeint sein, eigentlich könnte jede_r Opfer von Hate Speech werden. Die Diskussion ist anschlussfähig an liberale Vorstellungen, dass eben alle Personen von Hass betroffen sind. Alle sind gleich vor dem ‚Hate Speech‘-Paradigma. Und darüber hinaus werden Betroffene und Täter_innen gleichermaßen individualisiert: Betroffene dadurch, dass ein Blick auf die zugrundeliegenden diskriminierenden Strukturen auch ausbleiben kann und stattdessen dort die einzelne Person, die angefeindet wird, steht. Und die Täter_innen? Die hassen, sie leben eine Emotion aus. Auch etwas, was eher im Individuum verortet wird.

Es gibt natürlich auch Beiträge, die dezidiert auf Strukturen achten, aber häufig erlebe ich eine Loslösung der Erfahrungen aus größeren Zusammenhängen und eine damit einhergehende Entpolitisierung der Diskussion. Als ich im Februar bei einer Podiumsdiskussion über „Gewalt im Netz“ sprach, betonte ein Diskutant, dass Menschen einfach daran erinnert werden müssten, dass an der anderen Seite der Leitung eben auch Menschen sitzen. (Dies würde der ‚Debattenkultur‘ zuträglich sein.) Doch genau da liegt das Problem, wenn ‚unfreundliche Formulierungen‘, schlecht gesetzte Emoticons und Hate Speech frei ineinander übergehen, dann können auch solche entpolitisierten Vorschläge eingebracht werden. Doch exisitieren die rassistischen_hetero_sexistischen_ableistischen Aussagen im Netz ja gerade weil Menschen wissen, dass andere Personen es lesen werden. Wie ein Kommentator mal am Ende seines Hass-Rants unter einen Artikel vermerkte: „Naja ihr werdet es nicht freischalten, aber wenigstens musstet ihr es lesen.“

Warum also brauchen wir überhaupt den Begriff Hate Speech, wenn dieser sich doch so sehr anbietet zum Verwässern? Warum Diskriminierungen nicht direkt benennen und die strukturellen Auswirkungen von Sprache in den Vordergrund heben? In einem anderen Kontext schrieb Sharon:

Mehr und mehr fällt mir auf, dass die Art, wie wir über rassistische Diskriminierung nachdenken, sprechen und schreiben, den Schwerpunkt auf bestimmte Merkmale der Betroffenen legt: “Er wurde von der Polizei angehalten, weil er Schwarz ist”, “Sie wurde angegriffen, weil sie einen Hijab trug” usw. Man bekommt den Eindruck, dass “Schwarz sein” oder “Hijab-Träger_in sein” irgendwie bedeutsamer für den Bericht über die geschehene Ungerechtigkeit ist als die Tatsache, dass der_die Täter_in rassistisch ist.

Bei Hate Speech bleibt zwar der Fokus auf dem_der Täter_in, allerdings auf der Emotion ‚Hass‘ und auch wieder nicht auf dem Rassismus, Sexismus, Klassismus etc. der sprechenden/ schreibenden Person.

Ich verstehe den Begriff Hate Speech als Versuch unterschiedlich motivierte Angriffe unter einem Überbegriff zu sammeln, doch für mich macht dies das Konzept oftmals unpräzise und erschwert die genaue Analyse. Wenn fast jede im Internet aktivere Person eine Hate-Speech-Geschichte zur Hand hat – was genau ist dann die Aussage? Statt diesem überstülpenden Begriff wünsche ich mir, dass doch häufiger konkret die diskriminierenden Strukturen und Rahmen beim Namen genannt werden, und nicht erst in der nachgeschobenen Erklärung, die auch schnell herausgekürzt werden kann. Bei Debatten über Gewalt im Netz (ob dabei konkret Hate Speech gesagt wird, oder dies nur implizit mitschwingt) sollte es selbstverständlich werden, dass Diskriminierungen und Anfeindungen aufgrund beispielsweise feministischer Positionen nicht im gleichen Atemzug wie unhöfliche Antworten in Foren zu Autoteilen diskutiert werden.


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Der SchwesternCode

23. April 2015 von Naekubi
Dieser Text ist Teil 6 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

„Wie ist deine Adresse nochmal, Naekubi?“ Ich hing an der Schulter meiner neuen Kollegin und konnte kaum verbergen, dass ich mich nur mit Mühe auf den Beinen hielt. Es war kurz nach Mitternacht an einem Donnerstagabend auf einer Promotion-Party und mir war schlecht. Sehr schlecht.

Zur Erklärung: Ich arbeite wieder in einem Büro, wieder in einem international tätigen Unternehmen, wieder von Kolleginnen und Kollegen umgeben, die ich noch nicht allzu gut kenne. Entgegen meiner Gewohnheiten war ich an jenem an sich banalen Donnerstagabend auf die Beförderungsfeier gegangen, in einem der halbschicken Clubs von München, wo sich überteuerter Alkohol und übersteuerte Chartmusik mit überdrehten Leuten vermählten und eine bisweilen unerträgliche Mischung eingingen. So etwas halte ich nur angeheitert aus. Also trank ich. Und trank ich. Sei verdammt, Alkohol auf Firmenkosten.

Zum Glück war es nicht allzu kalt an diesem Abend und wir mussten nicht lange auf ein Taxi warten. Die Kollegin hatte ein Taxi hergewinkt und öffnete die Beifahrertür, um mit dem Fahrer zu sprechen. Ich schaffte es noch, halbwegs verständlich meine Straße zu nennen, während sie mich vorsichtig auf den Rücksitz des Wagens bugsierte und die Daten durchgab. „Komm gut nach Hause!“ Die Kollegin schlug die Tür des Fahrzeugs zu, winkte mir noch aufmunternd und ich war auf dem Weg durch die Nacht, nach Hause. 15 Minuten und 15 Euro später lag ich in meinem Bett. Kurz bevor ich in rauschhaften Schlaf verfiel, kam mir ein kurzer Gedanke: Ein geheimer Schwesterncode.

Die Sache ist die: Viele Frauen würden nach wie vor das Label „Feministin“ von sich weisen, wenn man sie danach fragen würde. „Nein, ich rasiere mir die Achseln und ich mag Männer!“ heißt es da immer wieder entrüstet. Das Klischee der achselhaarbewehrten, latzhosentragenden Feministin – es ist nach wie vor lebendig, und zu selten stellt sich die Frage, warum man überhaupt meint, sich von diesen Attributen unbedingt abgrenzen zu müssen. Und auch der Netzfeminismus kriegt praktisch jeden Tag sein Fett weg, nicht nur von Männern. Solidarität zwischen Frauen? Klingt abgehoben, zu theoretisch, zu links. Warum sollte man sich mit jemandem verbünden, nur weil man das selbe Geschlecht hat? Viele Frauen halten solch feministische Proklamationen im Alltag nicht für notwendig. Sich als Feministin identifizieren erst recht nicht.

Gedankenfetzen wirbelten mir durch den Kopf, als ich im Bett lag, was nicht nur auf den Alkohol zurückzuführen war. Kolleginnen und Kollegen hatten im Club immer wieder gefragt, ob alles in Ordnung war. Den Männern sagte ich: Klar, alles bestens. Hauptsache sich nicht angreifbar machen. Ich kannte sie nicht gut, Misstrauen war aus meiner Sicht als Frau deshalb  angeraten. Den Frauen sagte ich schließlich: Mir geht es nicht gut. Ich traute mich, meine Verwundbarkeit zu zeigen. Sie verstanden – meine Aussage deuteten sie sofort richtig: Bring mich bitte hier weg. Genau das taten sie: Sie stützten mich, saßen mit mir auf der Couch, gaben mir Wasser. Kurz: Sie kümmerten sich um mich und halfen mir. „Mir ist das auch schon mal passiert – ich weiß, wie das ist,“ sagte die Kollegin, die mir das Glas Wasser besorgt hatte.

Wie das ist – wenn man nicht Herrin der eigenen Sinne ist und somit angreifbar, meinte sie. Die Kolleginnen hielten sich vage und meinten doch dasselbe. Keine von uns sprach es aus, aber es war allen klar, worum es ging: die Bedrohung durch sexualisierte Gewalt. Das Gefühl, hilflos und gefährdet zu sein. Was, wenn tatsächlich etwas passierte? Trauma und die körperlichen Verletzungen wären nicht genug, wenn etwas geschah: Dazu würden sich die Scham und die Schuldgefühle gesellen: „Warum hast du nicht besser aufgepasst? Was hast du getragen?“ Genügend Frauen war das schon zugestoßen. Genügend Frauen haben auf ihre Geschlechtsgenossinnen herabgesehen und sie für das verurteilt, was ihnen passiert ist.

Gleichzeitig – und das war mein Hoffnungsschimmer, bevor ich einschlief  – gibt es Frauen, die nicht wegsehen, wenn eine andere Frau Hilfe braucht. Bisher war noch jedes Mal, als ich meine Alkoholtoleranz überschätzt hatte, eine solidarische Frauenhand da. Wie ein ungeschriebener Code gilt eine Art gemeinsames Einverständnis, das besagt: Wir passen aufeinander auf. Als ob ein schwesterliches Band existiert, das uns zusammenhält.

Sicherlich wäre es besser, wenn gerade Frauen sich offen zum Feminismus bekennen würden (wenn sie schon von seinen Errungenschaften profitieren). Es wäre schön, wenn sich alle offen dazu bekennen könnten. Doch bevor es so weit ist, begnüge ich mich mit dem Schwesterncode.

Am nächsten Arbeitstag fragten die Kolleginnen beiläufig in der Küche, wie es mir ging: „Bist du gut nach Haus gekommen?“ Ich antwortete: „Klar, alles bestens“, und meinte es so.


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das B-Wort

19. März 2015 von Hannah C.

Es gibt immer dieses kleine Zucken in meinem Gegenüber, wenn ich das B-Wort sage.
Es gibt kein Zucken, wenn ich davon spreche, dass ich mit Krampfanfällen, einem blinden Auge, einem spezifischen Cluster aus dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung lebe. Das ist irgendwie spannend. Ein bisschen komisch. “Aber irgendwie gehts ja. Ist ja kein Problem. Sie kommt ja klar”, denken manche nicht behinderte Menschen.
Doch das B-Wort verändert alles.

Für mich ist es wichtig geworden, mich auch als behinderte Frau* zu bezeichnen und die Symptome bzw. die Folgen meiner Gewalterfahrungen auch als die Behinderungen zu benennen, die sie für mich heute darstellen. Einfach, weil es noch viel zu wenig behinderte Frauen* gibt, die das tun (können).
Mir ist wichtig geworden meine Behinderung in den sozialen Kontext zu stellen, in der sie mir angetan wird und wurde.
Das wirkt sich in etwa so bequem aus, wie es das B-Wort für manche nicht behinderte Menschen ist.

BEHINDERUNG ist mit Wertungen belegt. Mit Bildern, die wiederum Bilder und Stereotype von (Menschen mit) Behinderungen in die Köpfe einbringen und einer bestimmten Haltung. BEHINDERUNG ist “sozial”, ist “etwas Gutes tun”, ist “menschlich”, ist “Barrieren wegschaffen”, ist “Förderung”, ist “irgendwas mit Power, Mut und ganz viel TROTZ.DEM”. Natürlich ist Behinderung auch “Leiden” und “an den Rollstuhl gefesselte Leute”, aber das sagt man heute nicht mehr oft, ohne dass an die Leidmedien verwiesen wird.
BEHINDERUNG ist für manche nicht behinderte Menschen aber vor allem: DIE ANDEREN

Auch für mich sind manche Menschen, die mit einer der mehreren Behinderungen leben, oft “die Anderen”, weil ich nicht mit dem geboren wurde, was sich später als meine Behinderung darstellte. Ich erlebe mich als besonders sozial und wohltätig, als menschlich stützend und Barrieren abtragend gelabelt, wenn ich auf dem Weihnachts-Oster-Partystand der Behindertenwerkstätten, handgemachte Topflappen kaufe. Nicht etwa, weil ich direkt mit den Menschen zu tun hätte oder eine Rampe gezimmert und ein ordentliches Blindenleitsystem in der Stadt installiert hätte, sondern, weil mein Handeln von den nicht behinderten Personen, die dieses Topflappenkaufen ermöglichen, in diesen Kontext gesetzt wird.
Letztlich sind sie es wieder, die besonders sozial, stützend und Barrieren abtragend sind, denn sie könnten ja auch alle Gelder für sich behalten. Könnten ihre Unterstützung einfach sein lassen.

So einen Verkaufsstand oder eine andere Aktion mal ganz ohne Nichtbehinderte machen? Kann klappen – wenn man weiß, wie es geht. Wenn man das Geld hat. Wenn man genug Power, Mut und ganz viel TROTZ.DEM in sich hat.
“Hab ich das?”, frage ich mich. “Muss ich das?”, frage ich in die Gesellschaft hinein.
Warum muss mein Engagement als behinderte Frau, mit so besonders viel Mut und Power und – wenn ich dann irgendwie ein bisschen dem Fuß in der Tür habe – ganz viel TROTZ.DEM einhergehen, um nicht von nicht behinderten Personen in meinem Handeln und seiner Wirkung abhängig zu sein?
Warum reicht es eigentlich nicht, wenn ich den Mut aufbringe, meine soziale Umwelt um Hilfe und Rücksicht zu bitten?

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Aufruf: Für ein feministisches Wiki!

24. Februar 2015 von Gastautor_in

Wer Fragen zu feministischen Bewegungen und Argumenten hat, kann auf einige Informationsseiten zugreifen. Das Feminismus 101, das Glossar der FemGeeks oder die Materialsammlung des Antisexismusbündnis‘ zum Beispiel bieten Antworten und Argumentationshilfen. Auch hier auf dem Blog sind in der Blogroll und im Archiv Informationsangebote verlinkt. Auf das „Genderwiki“, ein Projekt an der Humboldt-Universität zu Berlin, das 2007 online ging, kann man mittlerweile aber leider nicht mehr zurückgreifen. Randy schlägt vor, ein feministisches Wiki zu erstellen – Mitstreitende, Kommentare, Vorschläge und ähnliches sind herzlich willkommen, also ab damit in die Kommentare zum Vernetzen!

Wie wäre es, wenn wir eine feministische gegen-Wiki zu WikiMANNia stellen? Ich bin der Meinung, dass wir, was auch immer dieses wir ist, vielleicht unter dem kleinsten gemeinsamen  Nenner kritisch, uns die Diskurshoheit nicht nehmen lassen, nicht im Netz, nicht auf der Straße, nirgendwo.

Genau das passiert mit solchen Machwerken wie wikiMANNia nämlich, das nicht nur antifeminisitisch, heteronormativ- und cis-sexisitische Ansichten postuliert und legimitiert, es kehrt auch alle Akteur_innen, die sich in diesem Spektrum bewegen, über einen Kamm, um dann mitdemselben munter drauf einzudreschen. Das geht weit über Trolling, Hate Speech und den ganzen anderen Mist hinaus. Daher wäre eine feministische gegenWiki vielleicht ein Ansatz, über diesen antifeministischen Bodensatz am Blinddarm des Netzes zu reden, zu erklären, was Maskulisten da tun, wie ihre argumentative Schließung, die sie unter anderem ja auch Feminist_innen vorwerfen, von statten geht und dass eben sehr wohl ein heterogener und kritischer, streithafter und fruchtbarer Diskussionsbedarf innerhalb und auch außerhalb der feministischen Bewegung stattfindet, so auch Kritik und Austausch möglich sind, aber nicht zu beliebigen Konditionen.

Ein Wiki eignet sich diesbezüglich, denke ich, deswegen am besten für dieses Ansinnen, da einerseits eine möglichst große Offenheit für Mitarbeit verschiedenster Akteur_innen im Netz geboten wird, andererseits die Kontrollmechanismen der wiki-Plattform derart ausgefeilt sind, dass auch abuse adäquat schnell und konsequent entgegengewirkt werden könnte. Und SEO-technisch scheint ein Wiki auch sehr günstig zu sein, wenn man sich ansieht, wie schnell hohe Ranks bei Schlagworten erreicht werden mit wikiMANNia-Artikeln.

Meines Wissens gibt es so etwas noch nicht und vielleicht könnte man ja gemeinsam hier bei Mädchenmannschaft darüber nachdenken, so etwas zu lancieren und mit Inhalten zu füllen. Was meint ihr? Ich freue mich auf Kommentare!


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Warum das x-Pronomen mir Bauchschmerzen bereitet

19. Februar 2015 von Hengameh

Große Lücke in der deutschen Sprache? Smoothe geschlechtsneutrale Pronomen. Es gibt viele Alternativen, zum Beispiel stets wechselnde Pronomen, er_sie, sier, xier und das x. Wenn ich aber 0% „er“ in meiner nicht-binären_genderqueeren Identität ausmachen kann, fühlen sich viele von ihnen falsch an. Und das x?

Das x als Pronomen erscheint mir wie eine geklaute Regenjacke, die zuvor auf dem inneren Etikett namentlich gekennzeichnet war und dessen Etikett ich mit einer Schere abgeschnitten habe. Die Jacke gehört mir nicht und wer sie nicht an der vorher besitzenden Person gesehen hat, wird denken, ich hätte sie selbst gekauft. Das x als Platzhalter für Namen – was ein Pronomen nun mal auch ist, ein Platzhalter für Namen – hat eine ganz bestimmte Geschichte und es ist nicht meine Geschichte. Und es ist auch nicht die Geschichte von weißen Transpersonen aus der Akademie.

Wie einige von euch vielleicht bereits wissen, war eine der kolonialrassistischen Konsequenzen das Löschen kultureller Identitäten Schwarzer Personen in den USA. Das heißt konkret: Versklavte Personen und folgenden Generationen wurden die Nachnamen nach den Farmen, auf denen sie arbeiten mussten, benannt. Auch ihre Vornamen wurden ausgetauscht beziehungsweise weiß gewaschen. Sklavenhalter_innen tauschten also ihre ursprünglichen Namen um und legten neue fest, eine gerade entmenschlichende Handlung.

In den 1950ern entschloss sich der Schwarze Aktivist Malcom X (geboren als Malcom Little) dazu, als Zeichen des Widerstands gegen white supremacy und Spuren der Sklaverei seinen Nachnamen durch die unendliche Variabel X zu ersetzen. Die nicht nachvollziehbaren Wurzeln einer Person, unbeantwortete Fragen in der Biografie, weggenommene Identitäten – all das kann folgen, wenn einer Person einfach so ein neuer Nachname gegeben wird. Das X ist ein Widerstand gegen die weiße Strategie, ihre gewaltvolle Geschichte zu vertuschen und ihre Überlegenheit zu demonstrieren.

Das simple x als Pronomen hat mit Schwarzer Geschichte wenig zu tun. Sicherlich können Parallelen gezogen werden, wenn Transpersonen die falschen Pronomen auferlegt werden, wenn ihnen das falsche Geschlecht zugeschrieben wird, wenn ihnen Gewalt zugefügt hat. Das hier ist aber keine Oppression Olympia, sondern ein Aufzeigen von Ursprüngen von Widerständen – und ihren Aneignungen. (mehr …)


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