Einträge der Rubrik ‘Geschichte’


Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.


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Wo kommen wir eigentlich her?

12. Januar 2017 von Nadine

Ziemlich vielen Menschen wird in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt, wo sie eigentlich herkommen. Ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist.

Ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten wissen um ihre Geschichte, ihre Familien, ihre Vorfahren, ihre Kulturen und Traditionen, könnten dir ihre Geschichte erzählen, die ziemlich weit zurückreicht. Wo sie eigentlich herkommen und wie sie hierher kommen also nicht nur an den Ort sondern auch ins Jahr 2017, wissen ziemlich viele Menschen auf diesem Planeten ziemlich genau.

Wenn also ziemlich vielen Menschen in diesem Land ziemlich häufig die Frage gestellt wird, wo sie eigentlich herkommen und ziemlich viele Menschen in diesem Land wissen, dass das eine ziemlich rassistische Frage ist, die so lange weiter gestellt wird, bis sich ziemlich viele weiße Menschen in diesem Land ziemlich sicher sind, dass die befragte Person ziemlich wenig deutsch sein kann, frage ich mich: stellen sich weiße Deutsche eigentlich auch mal diese Frage?

Wo kommen wir eigentlich her?

Wenn wir in unsere eigene familiäre Vergangenheit schauen, wie weit reicht die eigentlich zurück? Was und wieviel wissen wir darüber? Wenn wir mal die Generationen durchleuchten, die vor uns liegen. Wo kommen wir eigentlich her? Wer kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu wissen, was seine_ihre Vorfahren 1884 gemacht und gedacht haben? Oder 1789? Oder 1914? Oder 1938?

Wo kommen wir eigentlich her? Die Frage, die weißen Deutschen ziemlich leicht von den Lippen geht, führt auf sich selbst angewendet ziemlich oft ins Leere. Moment mal. Da muss ich nachdenken. Wann fängt meine Familiengeschichte an? Meine eigene zum Beispiel beginnt erst 1945. Eigentlich noch nicht mal genau in diesem Jahr, irgendwie so danach. So ein bisschen. Eine kleine Grauzone zwischen dem 8. Mai 1945 und dem Jahr, in dem mein Vater geboren wurde. 15 Jahre Grauzone. Klar, es gibt ein paar Erzählungen meiner Großmutter, die älteste ihrer 5 Schwestern, auf einem Bauernhof arbeitend, der Staat musste ihrem Vater Geld geben, damit sie wenigstens noch den 10. Klasse Abschluss machen konnte. Weil sich die Familie nicht leisten konnte, ihre Kinder nicht arbeiten zu schicken.

Aber vor 45? Da sind nur Sätze oder einzelne Worte. Luftschutzbunker, Schützengräben, als die Russen kamen, in der Schule haben wir Hakenkreuze auf Flaggen genäht. Onkel Adolf. Ich gehörte ja nie zu den Braunen. Ich bin desertiert und nach Polen geflüchtet und habe mich dort der Sowjetarmee angeschlossen. Heldengeschichten. Oder kurze kontextlose und harmlos vorgetragene Milisekunden aus dem NS-Alltag. Mehr ist da nicht.

Wo kommen wir eigentlich her?

Meine Familiengeschichte beginnt da, wo sich das weiße Deutschland nach 45 in die private Sphäre zurückzog, unfähig und unwillens über die eigene Täterschaft nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen… Der Krieg? Wir hatten ja nichts, also danach. Das ist wichtig. Dass mensch nichts hatte. Ok, ich weiß immerhin, dass meine Familie nicht zu Großgrundbesitzern, zu Kapitalisten oder zur Bourgeoisie gehörte. Zumindest nicht bis 1935. Was davor war, darüber weiß ich nichts.

Wo kommen wir eigentlich her? Und wonach suchen wir, wenn wir uns als weiße Deutsche diese Frage stellen? Zählen wir uns bereitwillig zu Deutschen mit Faschismushintergrund? Oder suchen wir zunächst mal nach Zeichen von Verfolgung? Kennen wir in unserem Freund_innenkreis Menschen, für die die Shoa nicht nur ein Begriff ist?

In den politischen Kontexten, in denen ich unterwegs war und in Teilen heute noch bin, geht es in Sachen Identitätspolitik fast immer darum, zu werden. Endlich ich sein können. Selbstbestimmung. In diesem Bestimmungs- und Verortungsprozess wird das davor ziemlich häufig ausgeblendet. Die Dinge, die ich weiß und die Dinge, die ich in meiner Geschichte annehme, aber von denen ich nichts wissen will. Wer will schon einen Nazi-Opa haben, wenn sie_er sich auch über die Tante aufregen kann, die letztens am Kaffeetisch wieder rassistischen Müll geredet hat? Wer will sich schon mit Oma Erna beschäftigen, die ihre jüdischen Nachbar_innen an die Gestapo verpfiff oder Großtante Rosie, die in Buchenwald Menschen in noch und nicht mehr nützlich einteilte? Und wer war eigentlich Urgroßonkel Hermann, der in schicker Uniform mit Totenkopf auf der grauen – ich nenne sie – Mütze. Und was ist eigentlich mit Helmut, der mit Hitlerporträt und tickender Uhr an der Wand beim Sonntagsessen Sieg Heil statt Amen sagte? Wollen wir den kennen, zu unserer Verwandtschaft zählen, zu unserer Biografie? Wollen wir wissen, wo wir wirklich herkommen?

Wo komme ich eigentlich her? ist eine Frage, die sich weiße deutsche Aktivist_innen ziemlich selten stellen. Warum bekomme ich keine Antworten, wenn ich Fragen stelle? Wieso weiß ich so wenig über meine Familie, habe von ihr aber Sprichwörter und Begriffe gelernt, die ich das erste Mal in Viktor Klemperers „Lingua Tertia Imperii – Die Sprache des dritten Reichs“ schwarz auf weiß las? Warum kenne ich Wörter, deren Bedeutung nur weiße deutsche mit Faschismushintergrund kennen? Wo kommt all das Wissen und wo kommen all die Selbstverständnisse her, die ich unhinterfragt in mir trug weit mehr als 20 Jahre lang? Und wieso gehört das nicht so selbstverständlich zu meiner Identität, zu meinem Gewordensein und zu meinem Werden? Wieso beginnt unsere eigene Geschichte und unsere eigene bzw. unsere neue selbstbestimmte Identität ziemlich häufig erst ab dem Zeitpunkt unserer Politisierung? Wieso feiern wir unsere Geburtstage, die weit hinter dem Geburtsjahr liegen, das in unserem Personalausweis steht, aber nicht jene die weit weit davor liegen? Wieso können wir nur dann in die Vergangenheit schauen, wenn sie zu unserer Geschichte von Diskriminierung passt?


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Wer war… Lieselott Herforth? Kernphysikerin und erste Rektorin einer deutschen Universität

19. Dezember 2016 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 51 von 51 der Serie Wer war eigentlich …

Nach erfolgreichem (= abgeschlossenem) Lehramtsstudium in Musik und Physik arbeitet Julia-Josefine in der Physikdidaktik einer Berliner Uni. Und wenn sie gerade nicht die Studierenden mit Physik quält, liest sie gerne Bücher oder spielt Gitarre in der Band Totally Stressed. Für die Mädchenmannschaft hat sie die Biographie von Lieselott Herforth: Die erste Rektorin einer deutschen Universität von Waltraud Voss gelesen, erschienen im Transcript-Verlag (2016).

Dieses Jahr wäre Lieselott Herforth, Kernphysikerin und erste Rektorin an einer deutschen Universität, 100 Jahre alt geworden. Ein sehr guter Grund, sich mit dieser bemerkenswerten Frau zu beschäftigen. Das dachte sich auch Waltraud Voss und schrieb diese umfangreiche Biographie.

Buchcover: Lieselott Herforth. Die erste Rektorin einer deutschen Universität. Waltraud VossPhysik studieren und eine Frau sein, das ist auch heute noch mit einigen Vorurteilen verbunden. Ich musste leider hin und wieder die Erfahrung machen, nicht als kompetent genug betrachtet zu werden und wenn doch, dann wurde mir abgesprochen eine „richtige“ Frau zu sein. Wie muss es wohl zu Zeiten von Lieselott Herforth gewesen sein? Daher war ich sehr begierig darauf zu lesen, welche Erfahrungen sie gemacht hatte und wie ihr Umgang damit war. Immerhin hatte sie es bis zur Rektorin der Technischen Universität Dresden geschafft und war damit die erste Frau in Deutschland, die solch eine Stellung annahm.

Aber schon in der einleitenden Bemerkung wurde mir klar, dass diese Erwartungen wohl nicht erfüllt werden. Waltraud Voss stellt klar: Das Buch ist eine „Bestandsaufnahme“ ist. Was meinem Leseinteresse keinen Abbruch tat.

Das Buch ist eine umfangreiche und übersichtliche Darstellung von Lieselott Herforths Leben. Viele Originalquellen und Bilder sind zu sehen und Waltraud Voss nimmt sich ausreichend Zeit für alle Aspekte in Lieselotts Leben. So findet sich auch eine kleine und liebevoll ausgesuchte Zusammenstellung von Originalbriefen des Vaters an Lieselott.

Zu Beginn von jedem Kapitel findet sich ein gesellschaftlicher Abriss. Dies ist wichtig, denn Lieselott Herforth war Kernphysikerin. Der zweite Weltkrieg, der Bau der Atombombe, der Energiewechsel von Kohle zu Kernenergie, die Gründung der DDR bis hin zum Mauerbau, der Kalte Krieg: Das waren die Zeiten, in denen Lieselott in diesem Bereich tätig war, sich immer für eine friedliche Nutzung einsetzte und in entsprechenden Gremien vertreten war.

Wer sich nicht von diversen unerklärten physikalischen Begriffen wie „Strömungsionisationskammer“, „Szintillationszähler“ oder „Sekundärelektronenvervielfacher“ abhalten lässt und eine gut recherchierte und zusammengestellte Biografie lesen möchte, wird hier nicht enttäuscht. Denn auch ohne das physikalische Verständnis wird klar, dass diese Frau in Ihrem Gebiet viel geleistet hat. Als Wissenschaftlerin, aber auch als hervorragende Lehrerin und Reformatorin zur praxisnaheren Ausbildung. Das Buch ist eine angemessene Würdigung für das umfangreiche und beeindruckende Leben der Lieselott Herforth.


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Rechtsextreme Frauen: Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik

13. Dezember 2016 von Charlott
Dieser Text ist Teil 10 von 10 der Serie Gender und Rechts(extremismus)

LehnertRadvan.indd Was sollte passieren, wenn eine Mutter, die in rechten Organisationen aktiv ist, sich im Kindergarten zur Elternsprecherin wählen lassen möchte? Wie damit umgehen, wenn eine Frau im Frauenhaus Unterstützung aufgrund von Gewalt in ihrer Beziehung sucht und dann Flyer zu rechten Veranstaltungen auslegt? Oder wie reagieren, wenn sich die Kollegin in der Hilfseinrichtung oder Student_innen der Sozialen Arbeit als der extremen Rechten zugewandt herausstellen? Diesen und weiteren Fragen wenden sich Esther Lehnert, Professorin für Geschichte, Theorie und Praxis Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismus, und Heike Radvan, Leitern der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung, in dem am 07. November erschienen Buch Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik zu.

Auf gerade einmal 138 Seiten versuchen Lehnert und Radvan das Phänomen extrem rechte Frauen und Soziale Arbeit/ Pädagogik aus möglichst vielen Winkeln kritisch zu analysieren und Vorschläge für die Praxis zu unterbreiten. Als Rahmen für ihr Vorhaben, betten sie Soziale Arbeit/ Fürsorge kritisch historisch ein und zeigen auf, wie diese Arbeitsfelder verbunden sind mit der Herstellung von Differenz und wie sie beispielsweise während des Nationalsozialismus elementarer Teil der Durchsetzung und Erarbeitung rechter Ideologie waren (mit biographischen Beispielen zeigen sie zu dem Kontinuitäten bis weit nach 1945). Diese politische Einordnung zeigen sie als konträr stehend zu einer oft entpolitisierten Wahrnehmung Sozialer Arbeit – die auch in ihrer weiblich gegenderten Zuschreibung fußt. Gerade diese Wahrnehmung ist es auch nach Lehnert und Radvan, die dazu führt dass Sozialarbeiter_innen als rechte Täter_innen aus dem Blick geraten, oder dass in bestimmten Arbeitsfelder das Intervenieren bei rechten Haltungen von Personen, die auf sozialarbeiterische/ (sozial)pädagogischen Angebote zurückgreifen, als außerhalb der Zuständigkeit definiert wird. Dazu kommt, dass rechte Frauen sowieso häufig als wenig politisch kategorisiert werden.

In diesem Buch wird detailliert aufgeschlüsselt, wie Geschlecht und politische Wahrnehmung gekoppelt sind. Gezeigt wird dies auch am Beispiel von Beate Zschäpe, die bereits als Jugendliche regelmäßig Kontakt mit Sozialarbeiter_innen hatte, aber obwohl sie Gewalttaten verübte von diesen als „nettes Mädchen“ beschrieben wurde und als eine, die nur an den „Jungs der Szene“ interessiert gewesen sei. Lehnert und Radvan betonen, dass viele Frauen der extremen Rechten sich die entpolitisierte Wahrnehmung zu Nutze machen und strategisch einsetzen um Zugang zu/ Einfluss auf Gruppen zu gewinnen. Anhand von Fallbeispielen aus der langjährigen Beratungsarbeit der Autorinnen zeigen sie wie in verschiedenen Arbeitsfeldern (frühkindliche Pädagogik, Jugendarbeit, familienunterstützende Hilfen, Schutz vor häuslicher Gewalt, Pflege und Hochschulen) Frauen der extremen Rechten auftreten können (mal als Personen, die die Maßnahmen beanspruchen, mal als jene, die sie durchführen). Sie beschreiben und analysieren diese Situationen nicht nur, sondern entwickeln auch jeweils Handlungsvorschläge. Im Zentrum dieser steht, dass sich Soziale Arbeit/ Pädagogik als politisch engagiert verstehen muss und die Unterstützung von von Diskriminierung und Gewalt negativ betroffener Personen zentral sein muss.

Sehr gelungen machen die Autorinnen durchgehend deutlich, dass Handlungen der extremen Rechten nicht losgelöst gesehen werden können von breiteren rassistischen, ableististen, sexisistischen etc. Strukturen und Diskursen. Genau dieser Gedanke ist auch häufig Ansatzpunkt für Strategien – so fordern sie nicht nur dazu auf, rassistische Formulierungen niemals einfach stehen zu lassen, sondern warnen auch, dass Maßnahmen, die auf binären, biologistischen Geschlechtervorstellungen fußen, wichtige Ideologiepfeiler nicht hinterfragen und damit nicht langfristig wirksam sein können. Auch wird in dem Buch deutlich, dass Frauen der extremen Rechten als direkte und indirekte Empfänger_innen von sozialarbeiterischen Maßnahmen, als Sozialarbeiterinnen und als Studentinnen der Sozialen Arbeit auftreten und all diese Verknüpfungen gleichzeitig im Blick behalten werden sollten. Dies scheint wiederum nur möglich mit einer durchgehend kritisch-reflektierenden Auseinandersetzung mit Ideen der Fürsorge und Sozialen Arbeit, wie sie in dem Buch vorgeführt wird.

Durch die Vielzahl an Informationen und unterschiedlichen Herangehensweisen, gibt es in dem Buch einige Stellen, die sehr dicht sind, andererseits sind thematische Übergänge manchmal ein wenig abrupt und einige Gedanken werden etwas häufig wiederholt. Nichtsdestotrotz ist dies ein wichtiges und zugängliches Buch, welches nicht nur Personen, die direkt im sozial/pädagogischen Bereich tätig sind, Denkanstöße liefern kann.


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der MitSprache-Kongress – wofür fand ich ihn gut?

23. November 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 59 von 59 der Serie Meine Meinung

Und plötzlich war da wieder dieses “Wir” und ich mittendrin. Im MitSprache-Kongress des Betroffenenrates sexualisiert misshandelter Menschen, der vom 18.- 19. November in Berlin stattfand.

Ein “Wir” mit Bewusstsein um die eigene Vielfalt, die eigene Masse, die eigene Geschichte des Aktivismus, der Selbst- und Stellvertretung. Ein emotionales Wir, das Lösungen fordert, um Genugtuung zu erfahren. Um der eigenen Hände Arbeit an, über, mit diesem Thema endlich bald mal beendet zu sehen.
Ein sachliches Wir, das den Schritt von subjektivem, privatpersönlichem Leiden in die Kritik an bestehenden Strukturen, die Leiden mit_verursachen, versucht und zu schaffen glauben will.

Wenn ich jemandem erklären sollte, was denn der Betroffenenrat genau macht und ist, könnte ich nur teilen, was ich bisher verstanden habe. Nämlich,  dass er dem “unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs”(kurz UBSKM) beratend zur Seite steht.
Und, dass ich das gut finden soll, weil ich als früheres Opfer dieser Gewaltform, deshalb ja irgendwie eine Stimme in der Politik habe. Und das ja ist, was ich unter anderem immer so fordere.

Tatsächlich ist es so, dass ich die Mitglieder des Betroffenenrats und ihr nachwievor von zu wenigen beachtetes Engagement schätze. Gleichermaßen erlebe ich jedoch zu wenig kritisiert, dass sich für die politische Widmung des sogenannten „sexuellen Kindesmissbrauchs“ erneut eine Sonderstruktur entlang des politischen Alltagsgeschehen entwickelt hat.

Wie unabhängig kann der UBSKM sein, wenn er innerhalb von Strukturen bestimmt wird, die hierarchisch funktionieren und seine Amtszeit vorgeben? Und wie frei ist ein Betroffenenrat, dessen Auswahl ebenfalls aus einer hierarchischen Struktur hervorging und dessen Arbeit wiederum in einer Hierarchie passiert – oder eben auch nicht passiert?

Und was ist das eigentlich für eine Geschichte mit der Aufarbeitungskommission? Brauchte es diesen Zweig der Elendswirtschaft wirklich noch, um zu beweisen, dass Gewalt an Kindern wirklich das Ding ist, von dem schon so lange von so vielen, auf so viele Arten berichtet, wurde?

Viele konkret Betroffene sind froh darum, dass “endlich mal was da oben ankommt”, dass sich “endlich mal auch Betroffene für die Opfer einsetzen können”. Für viele, gerade ältere Betroffene, die in noch ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen mit ihren Gewalterfahrungen und ihren Folgen umgehen mussten, ist es das große Schweigen brechen. Das Gefühl vor dem Ziel: “Jetzt können “die da oben” uns nicht mehr ignorieren! Jetzt müssen sie zuhören – jetzt muss kommen, was wir schon so lange fordern.”.

Die Frage, warum man sich denn an “die da oben” wendet, obwohl man doch schon so lange ignoriert wurde, ist eine, die ich mich zu stellen gar nicht erst traue. Um so eine Frage zu stellen, muss man enger im Held_innenfilz verwoben und vielleicht auch gleicher sein, als so gleich, wie ich nun einmal bin.

Mit meiner Kritik finde ich mich öffentlich entsprechend auch häufig allein und ich nehme das als gegeben hin.

Es ist einfach auch nicht leicht zu fordern, Kinderrechte mit Elternrechten gleichzustellen, wo sich Adultismus im Campaigning gegen sexualisierte Gewalt an Kindern, so bewährt.
Es ist eine komische Vorstellung, in jedem Menschen immer und überall jemanden zu sehen, di_er für sich und seine_ihre Handlungen mit und an anderen Menschen eine Verantwortung zu tragen hat. Und zwar ausnahmslos und nicht erst dann, wenn etwas passiert ist, wofür die Justiz einen Paragrafen hat.

Es ist schwer für ein für alle gleichermaßen gutes Miteinander zu aktivisten, ohne wiederum selbst hierarchisch  zu agieren.

Es ist so viel leichter, sich an “die da oben” zu wenden. “Die da oben”, die “uns” hätten schützen sollen und genauso versagt haben, wie alle, die “uns” damals ganz konkret hätten helfen können/sollen/hätten müssen.
Es ist leichter, weil es eine Wiederholung ist. Es ist leichter, weil der Fokus auf übergeordnete Instanzen einer ist, den diese unsere ach so freie liberale Demokratie braucht, um sich als Staatsgewalt zu legitimieren.

Ich sage nicht, dass es falsch ist, das zu tun. Ich sage auch nicht, dass es nichts bringt, das zu tun.
Aber ich sage, dass es nicht für die Opfer und zu Opfern gewordenen passiert, die den Schutz und die Genugtuung brauchen, den nur die Menschen und sozialen Strukturen im eigenen direkten Lebensumfeld bieten können.

Ein Staat kann nur die Strukturen bieten und konstruieren, die ein Staat bieten und konstruieren kann. Und diese Strukturen werden niemals so frei, so bedingungslos wirken können, wie es Menschen brauchen, denen etwas geschehen ist, das der Staat als Institution nicht verhindern konnte.

Ich sage nicht, dass bestimmte Gesetzes – und Versorgungsstrukturen zu etablieren so etwas wie Genugtuung verhindert oder Heilung verunmöglicht.
Aber ich sage, dass alle Strukturen am Ende von Menschen gemacht und vertreten werden. Von Menschen, die vor “denen da oben” buckeln und im Zweifel immer immer immer nach unten treten müssen/können/dürfen/sollen/wollen, sobald die eigene Position nicht (mehr) bedingungslos gesichert ist.

Und ich sage, dass Heilung vielleicht nicht ist, was ist, wenn es weniger oder nicht mehr weh tut, dass es überhaupt geschehen ist.

Weshalb besuche ich solche Kongresse dennoch immer wieder?
Weil ich nicht allein bin mit meiner Kritik und das immer wieder in den kleinen Seitenärmchen des Aktivismus finden kann. Weil ich immer wieder Menschen finde, die, eine Tasse Kongresskaffee in der Hand, mit mir darüber nachdenken, wie man für Gewalt sensibilisieren kann. Wie welches Miteinander zu etablieren sein könnte, um staatliches im Sinne von: institutionelles Handeln/Eingreifen/Versorgen unnötig zu machen.
Wie der Umgang mit Gewalt im eigenen sozialen Umfeld gewünscht ist und was es dafür braucht.

Weil ich um ein “Wir” spüren kann, das, wie ich, versucht wertschätzend und lernend zu hören, was Menschen tun, die es anders anpacken (wollen/können/sollen).
Dafür war es gut.

Dafür ist es immer gut, dass Menschen darum kämpfen, dass es so etwas wie diesen MitSprache-Kongress gibt.


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Fat Underground – Aktivismus gegen Dickenhass in den 1970ern

26. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 41 von 41 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Als Aktivist_in ist es hin und wieder hilfreich, sich mit Geschichte zu befassen: Wir sind nicht die ersten, die auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und andere vor uns haben analysiert, diskutiert und gekämpft.

Eine der Aktivist_innen im Bereich dicker Diskriminierung und Empowerment, die unermüdlich auf aktivistische Geschichte aufmerksam macht, ist die britische Therapeutin und Aktivistin Dr. Charlotte Cooper. Mit ihrer Serie „100 Fat Activists“ stellt sie Akteur_innen, Gruppen, mediale Erzeugnisse etc. vor, um dickenaktivistische Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Kürzlich veröffentlichte sie einen Beitrag über die Gruppe Fat Underground, eine Gruppe von dicken_fetten feministischen Aktivist_innen, die sich Anfang der 1970er Jahren in Kalifornien, USA, gründete. Nun hat Charlotte Cooper ein Video entdeckt und auf YouTube hochgeladen, was hoffentlich nicht so schnell verschwindet.

In dem Video sehen und hören wir die Aktivistinnen von Fat Underground, die u.a. Themen besprechen, die auch heute noch dringlich und aktuell, teilweise verschärft sind: Angesprochen werden Diskriminierung und Ignoranz von Ärzt_innen und engsten Verwandten sowie die US-amerikanische Diätindustrie, die damals nach Aussage einer Aktivistin ein Umsatzvolumen von 16-21 Milliarden Euro pro Jahr hatte (heute bereits über 65 Milliarden).

Spannend am Video sind die Erzählungen der von den Aktivistinnen durchlaufenden Prozesse: Alle berichten von diskriminierenden und demütigenden Erlebnissen (hier auch der Hinweis, dass im Video über den katastrophalen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt berichtet wird). Daraufhin begannen die Aktivistinnen, sich über Körpergewicht, Gesundheit, möglichen Krankheiten und Diäten zu informieren und fanden Studien und Texte, die das ärztliche (Un-)Wissen zu Dicksein in Frage stellte: Die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden sind nicht zwangsläufig vom Gewicht abhängig und Diäten sind weder eine Lösung, noch der Gesundheit besonders zuträglich. So begannen die Frauen Unterstützungsgruppen zu bilden, um sich Wissen anzueignen und sich gegenseitig zu bestärken. Außerdem planten sie Aktionen, zum Beispiel anlässlich des Todes von Cass Elliott, die nach Sicht der Aktivistinnen eines der bekanntesten Opfer der Diätindustrie gewesen sein soll.

Die Aktivistinnen präsentieren Analysen zu den Verschränkungen von Dickendiskriminierung, Kapitalismus und Sexismus. Ein gutes Stück aktivistische Geschichte!

Screenshot Fat Underground

Screenshot des englischsprachigen Films „Fat Underground“ (1979) über die gleichnamige fettpositive und feministische Gruppe. Ein Film von Marge Dean, gefilmt in Los Angeles inklusive einiger Szenen von Shirl Buss von 1975. Mit einem Klick auf’s Bild gelangst du zum YouTube-Video: Dean, M. and Buss, S. (1979). Fat Underground

 


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zu „Suffragettes – Taten statt Worte“

11. Februar 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 25 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

Glücklicherweise kenne ich Menschen, die mit mir in “so einen Film” gehen. Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Gemochte.
Wir treffen uns, die Taschen voller Süßigkeiten und neugierig auf den Film “Suffragettes – Taten statt Worte”. Am Nebentisch sitzen drei andere Menschen, vielleicht auch Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Einander mögende. Nur 20 bis 30 Jahre älter. Mit einem Weinglas vor sich.

Wir wissen, dass wir uns auf eine weiße Geschichtserzählung einlassen, wagen aber die Hoffnung, den Rassismus der Zeit auf der Leinwand abgebildet zu finden. Wir, ich, als eine von drei Einsmenschen im Bunde, bilde mir ein, viel über die Suffragettenbewegung zu wissen. Weil ich weiß, dass es weiße privilegierte Frauen waren, die dort, damals vor mehr als hundert Jahren für ein Frauenwahlrecht auf die Straßen gingen. Weil ich in den letzten zweieinhalb Jahren viel über feministische Geschichte gelernt habe und noch immer lerne.
Ich bilde mir Offenheit ein, bilde mir ein zu merken, wo mein Horizont endet und wo ich mich hinbewegen muss, wenn ich mehr sehen möchte.

Am Ende sitze ich in diesem Film und merke: einen Scheiß weiß ich.
Es wird keine Geschichte von einer gelangweilten unglücklichen Frau* erzählt, die eingesperrt im goldenen Käfig nicht im Kopf aushält, was um sie herum passiert und nach und nach auf die Idee kommt: “Och – Wahlrecht wäre nett. Gib mal!”, sondern die Geschichte einer Wäscherin, die sich nach und nach den bereits aktiven Suffragetten in ihrer Stadt anschließt und darüber Ehemann und Kind verliert. Die Geschichte von verschiedenen Frauen, die ins Gefängnis kommen, weil sie Briefkästen sprengten und Telegrafenleitungen kappten. Wo sie hungerstreikten. Zwangsernährt wurden. Nicht als politische Gefangene anerkannt wurden. Bei der Entlassung mit Blumen von der “Women’s Social and Political Union” empfangen wurden.

Der Kinofilm spielt 50 Jahre nach Beginn der eigentlichen Bewegung, die 1867 mit der  Gründung der “National Union of Women’s Suffrage” durch Millicent Fawcett verortet wird. Ich fand aber auch noch andere Anfänge. Ob das alle sind oder ob es nur diese Geschichte ist, die es bis heute geschafft hat sich zu halten, weiß ich nicht und finde das schade. Einfach, weil ich es in den letzten 2 Jahren an jedem neuen Hashtag, jedem neuen Diskursherd erlebe, wie Geschichten sozialer Bewegungen geschrieben werden.

Der Film beginnt mit Einstellungen harter körperlicher Arbeit. Schaltet dann aber doch zügig zu den ersten eingeschlagenen Fenstern. Da steht eine Frau, holt faustgroße Steine aus ihrem Kinderwagen, wirft diese in ein Schaufenster und ruft: “Wahlrecht für Frauen!” und die Hölle bricht los.
Es gibt einen Tumult und das ist die erste Begegnung.
Das sind also diese Suffragetten. Steineschmeißerinnen mit Ausruf. Aha.

Während die Geschichte weiterplätschert und nach und nach mehr Charaktere einfädelt, merke ich, dass ich mich frage, was genau mich gerade an der Gewalt, die ich dort vor mir sehe, eigentlich nun so verwirrt.
Wir sehen wie die Frauen, denen durch Arbeiter_innenbefragungen des Parlamentes Hoffnungen auf ein Wahlrecht gemacht wurden, erneut enttäuscht werden – nach Jahrzehnten friedlicher Auseinandersetzung mit logischen Argumenten um die Herren der Schöpfung erst recht davon zu überzeugen, dass es sich bei Frauen erstens um Menschen handelt, die, zweitens, so eine verantwortungsvolle Sache, wie eine politische Wahl, verantwortungsbewusst und vernünftig ausführen können.
Sie sind wütend. Und werden deshalb von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet.
Sie sind einfach nur wütend und enttäuscht und werden deshalb verprügelt und verhaftet – hallo? (mehr …)


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Aktivismus und Alter: „Aging Fiercely While Trans“

25. Januar 2016 von Magda

Auf vielen US-amerikanischen Blogs las ich in den letzten Monaten: 2015 war ein großartiges Jahr für Trans-Sichtbarkeit! Oft erwähnt werden die Schauspielerin Laverne Cox (Orange is the New Black), die konservative Sport- und TV-Persönlichkeit Caitlyn Jenner (und ihr Vanity Fair Cover) oder Rapper_in Angel Haze – Haze bevorzugt als Pronomen „they“ und identifiziert sich als agender.

Sichtbarkeit ist eine wichtige Komponente von Aktivismus. Mit Sichtbarkeit erhöht sich (manchmal) auch die Diskussion um die sozialen Ungleichheiten, die jene Gruppen betreffen: Armut, Gewalt und Ausschlüsse. Diskussionen führen zu Aktionen führen zu Veränderung (hoffentlich). Zwischen jener (oftmals gefeierten) Sichtbarkeit und der anhalten Gewalt, die Menschen erfahren, die aus einem zweigeschlechtlich organisierten, rassistischen System fallen, positioniert sich das Projekt AGING FIERCELY WHILE TRANS (frei übersetzt: „Leidenschaftlich und unerschütterlich Altern als Transperson“).

Screenshot der Diskussion AGING FIERCELY WHILE TRANS with Kate Bornstein, Sheila Cunningham, Miss Major, & Jay Toole, moderiert von Reina Gossett.

Screenshot der Diskussion AGING FIERCELY WHILE TRANS with Kate Bornstein, Sheila Cunningham, Miss Major, & Jay Toole, moderiert von Reina Gossett.

Visual AIDS und das NYC Trans Oral History Project haben es sich zur Aufgabe gemacht, die langen und geschichtenreichen Leben von vier Aktivist_innen festzuhalten, die die Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit sprengen: Aktivistin, Performerin und Autorin Kate Bornstein (schrieb u.a. A Queer and Pleasant Danger), Stonewall-Aktivistin Miss Major (arbeitet u.a. beim Transgender GenderVariant Intersex Justice Project), „super-butch“ Jay Toole (gründete u.a. Queers for Economic Justice) und Sheila Cunningham (leider keine Infos auffindbar).

Bereits im letzten Sommer sprachen die vier über ihre Lebensgeschichten und über gesellschaftliche Verhältnisse vor 30, 40 Jahren. Die Erzählungen drehen sich um erlebte Gewalt, Alleinsein, Obdachlosigkeit, körperliche Veränderungen, Krebs und das Nachdenken über Tod; es geht um sprachliche Veränderungen in den letzten Jahrzehnten, um Respekt, Begehren und den Wunsch nach mehr Zugewandtheit über Generationen hinweg. Harte Themen, aber es ist sehr angenehm – und lehrreich – den Aktivist_innen zuzuhören.

Alle Redebeiträge inklusive einer Gesangsperformance von Mizz June findet ihr auf visualaids.org. Die Videos sind in englischer Sprache und ohne Untertitel und teilweise leider recht leise.


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Prololesben und Arbeiter*innentöchter

14. Januar 2016 von Gastautor_in

Tanja Abou ist pädagogische Tresenkraft, absichtlich gescheiterte Studentin, Sozialarbeiterin, queere Poverty-Class Akademikerin, Social-Justice-Trainerin, Careleaverin und Kinderbuchautorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin, wenn sie Zeit und Lust hat, schreibt und zeichnet sie darüber.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in: Kurswechsel, Nr. 4, Dezember 2015.

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Interventionen in den feministischen Mainstream der 1980er und 1990er Jahre

Klasse ist viel mehr als die Beziehung zu den Produktionsmitteln nach der marxistischen Definition. Die Klasse bestimmt dein Verhalten und deine grundsätzlichen Lebensauffassungen. […] [W]ie du Probleme erlebst und sie verarbeitest, wie du denkst, fühlst und handelst. (Rita Mae Brown, 1974)

Der – etwas sperrige – Titel ist der einer angefangenen Forschungsarbeit, die es bisher nicht in die Schriftform geschafft hat. Die Entscheidung, die Ergebnisse meiner Recher- chen in Vorträgen außerhalb der Universität zu präsentieren, aber nicht innerhalb eines Studiums weiterzuführen, ist für mich eine politische gewesen. Auch wenn ich bei der Umsetzung des Projekts sehr unterstützt wurde (1), waren die Widerstände, auf die ich trotz bester Vorbereitung und besten Wissens bei der Thematisierung von Klassismus in Bildungsinstitutionen gestoßen bin, stärker als mein Ehrgeiz. Gabriele Theling legt dar, dass eine Betroffenenperspektive ein anderes Forschen als das Be-Forschen aus einer distanzierten bzw. privilegierten Perspektive bedeutet. Da ich selbst eine Poverty Class Academic (2) bin, gebe ich nicht vor, einen – angeblich – objektiven Abstand zu meinen Nachforschungen zu haben. Intention war und ist für mich, Momente proletarisch-feministischer Geschichtsschreibung aufzuarbeiten und damit auch meiner Erfahrung eine Geschichte zu geben, in der sich Diskriminierungen und Ausgrenzungserfahrungen als strukturelle und nicht als individuelle Probleme identifizieren lassen.

In diesem Text möchte ich zwei selbstorganisierte Gruppen vorstellen, die in den 1980er und 1990er Jahren im bundesdeutschen Kontext aktiv waren: die Prololesben und die Arbeiter*innentöchter  (3). Obwohl es innerhalb der Gruppen personelle Überschneidungen gab, werden die Prololesben und Arbeiter*innentöchter getrennt voneinander beschrieben, da sie sich in zwei unterschiedlichen Feldern bewegten. Die Arbeiter*innentöchter (4) organisierten sich innerhalb der Universitäten, während sich die Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung engagierten. Zunächst möchte ich die nahezu nicht (mehr) sichtbare Arbeit und die Diskussionen der Prololesben in der autonomen (Frauen)Lesben-Bewegung nachzuzeichnen. Als „Interventionen“ in einen „feministischen Mainstream“ verstehe ich im Rahmen dieses Beitrags Positionen und Handlungen, die innerhalb der (west-)deutschen (Frauen)Lesben-Bewegung marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen versuchen.

Prololesben vs. bürgerliche Lesben

Wir haben die Beobachtung gemacht, daß unterschieden wird in „gute“ und in „böse“ Prolos – die Guten sind die Angepaßten mit höherer Schulbildung, die, die nach oben wollen; die bösen fluchen, saufen, schreien, sind undiplomatisch und dumm. Uns etwas Angepaßteren wird auf diese Weise suggeriert: „Du bist doch gar nicht so, Du kannst den Aufstieg doch schaffen.“ (Gitti et al., 1998)

Dieses Zitat stammt aus einem Diskussionspapier der Berliner Prololesben für die „3. Berliner Lesbenwoche“. Unter dem Namen Prololesben hatten sich in verschiedenen deutschen Städten Gruppen von links-politischen Lesben aus „Prolofamilien“ – in Abgrenzung zu bürgerlichen Familien – zusammengetan. Als Prololesben – eine Selbstbezeichnung, mit der die negativ aufgeladenen Begriffe „Prolo“ oder „Proll“ gewendet und als positive Identitätsbenennung angeeignet wurde – begannen die proletarischen Lesben ihre Erfahrungen zusammenzutragen und strukturelle Gemeinsamkeiten heraus- zuarbeiten. Auch wenn die Autor*innen des Diskussionspapiers betonen, dass eine hundertprozentige Teilung in „die Bürgerlichen“ und „die Prolos“ nicht möglich sei, halten sie dennoch fest, dass es signifikante Unterschiede in der Sozialisation von Lesben in ein bürgerliches bzw. proletarisches Umfeld gibt. Innerhalb einzelner Gruppen der Frauen-Lesbenbewegung wurden diese Unterschiede als Dominanzverhältnis der bürgerlichen Lesben gegenüber den proletarischen Lesben problematisiert. Im Diskussionspapier beschreiben die Prololesben:

Bürgerlich ist „in“ und Prolo ist „out“ – eine bestimmte Sprache und ein bestimmtes Auftreten signalisieren, daß jemand der herrschenden Klasse angehört. Lesben bürgerlicher Herkunft und entsprechender Erziehung können sich (nicht nur) im Notfall der „herrschenden“ Umgangsformen bedienen. Das wirkt, etwa im Umgang mit Behörden und „Autoritäten“, aber auch beim Streit in der Lesbengruppe. (ebd.)

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Bet Debora – Facetten jüdischer Frauenidentitäten

14. Dezember 2015 von Magda

Bet Debora ist eine Initiative, die 1998 von jüdischen Frauen in Berlin ins Leben gerufen wurde. Neben Tagungen und Publikationen organisieren die Aktivistinnen auch Veranstaltungen wie die diesjährige Veranstaltungsreihe „Facetten jüdischer Frauenidentitäten.“

Bet Debora LogoAm kommenden Dienstag, 15. Dezember 2015, findet die letzte Veranstaltung der Reihe in Berlin statt: Ein Zeitzeuginnengespräch mit Jessica Jacoby, Initiatorin des lesbisch-feministischen Schabbeskreises, moderiert von Debora Antmann.

In der Veranstaltungsbeschreibung heisst es: „Als Ausstellungsmacherin in Museen, Bildungsreferentin in Frauenprojekten, Interpretin jiddischer Lieder, Herausgeberin eines Buches über jüdische Frauen der zweiten Generation (1994), Filmjournalistin und zuletzt Dokumentarfilmautorin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, kreativ kulturelles Erbe und Erinnerung lebendig zu erhalten.“ 1984 gründete Jacoby zusammen mit anderen Frauen den „Schabbeskreis“, eine lesbisch-feministische politische Gruppe, die sich bis 1989 aktiv für die Präsenz und Wahrnehmung jüdischer Frauen in der neuen Frauenbewegung und mit Antisemitismus in feministischen Zusammenhängen auseinandersetzte.

Zwei Mitstreiterinnen von Bet Debora haben mir im Vorfeld einige Fragen zur Arbeit von Bet Debora und zu weiteren anstehenden Projekten beantwortet.

Lara Dämmig hat Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen studiert. Sie arbeitet bei einer jüdischen Organisation in Berlin und ist Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora.

Tanja Berg hat Politische Wissenschaften studiert und arbeitet in der historisch-politischen Bildung und Projektentwicklung u.a. zu den Themen Demokratie, Geschichte und Diversity.

Bet Debora wurde 1998 ins Leben gerufen wurde. Lara, kannst du etwas zur Entstehungsgeschichte von Bet Debora erzählen? (mehr …)


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