Einträge der Rubrik ‘Familien_politik’


Die rosa Brotdose meines Sohnes

11. November 2015 von Melanie
Dieser Text ist Teil von 45 der Serie Muttiblog
Die rosa Brotdose

Die rosa Brotdose meines Sohnes

Montag morgen, der übliche Trubel. Ich schmiere Butterbrote. Kind 1, 4 Jahre, besteht auf Erdnussbutter. Aber erstens finde ich, das Erdnussbutter eine Süßigkeit ist und fürs Wochenende und zweitens ist in seiner Nachbargruppe ein Kind mit Nussallergien. Sicher ist sicher, aber das erste Drama hat schon begonnen. Mit vier Jahren ist er momentan nicht sehr empfänglich für  „Argumente“.

Ich lege also das Brot und seine halbe Banane wie jeden Morgen in die heißgeliebte, rosa Brotdose. „Ich will die rosa Brotdose nicht mehr mitnehmen!“

Das kommt unerwartet. Erst neulich hatte er gesagt, die anderen Kinder würden ihn auslachen oder sagen, er sei ein Mädchen. Ich bin dann zu seiner Erzieherin gegangen und habe sie drauf angesprochen. Sie selbst war verwundert und versprach, das Thema in der Morgenrunde noch mal anzusprechen.

Nun war ich bei dieser Morgenrunde nicht dabei. Minime kam nachmittags fröhlich auf mich zu gerannt und sagte: „Mama, Jungs dürfen auch rosa Brotdosen haben!“ (Dass sein Papa und ich das vorher auch gepredigt haben und ich ein kleines bisschen meine Autorität schwinden sah, weil die Worte der Erzieherin wohl mehr Einfluss haben als meine, lasse ich mal außen vor).

Ich dachte, damit hätte sich die Sache erledigt. Aber dem war wohl nicht so. Wie gesagt, ich weiß nicht genau, wie die Erzieherin an die Sache gegangen ist. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: „Wisst ihr Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Jeder darf jede Farbe haben“. Das hat dann vermutlich den gleichen pädagogischen Effekt, wie wenn ich meinen Kindern das Zähneputzen predige: Nachhaltigkeit gleich null. Die Botschaft kam offensichtlich nicht bei allen Kindern an.

Und da stand ich nun am Montag morgen vor einem verzweifelten und enttäuschten Jungen, der Angst hat seine heißgeliebte rosa Brotdose mit in den Kindergarten zu nehmen. Alles Zureden half nicht: „Schatz, Du weißt doch, dass rosa ne super Farbe ist, für alle Kinder! Und wenn Dich jemand ärgert, dann ist das schlechtes Benehmen und Du kannst der Erzieherin Bescheid sagen.“

Hat das mal bei eine_m von Euch funktioniert? Dass das Kind damit umgestimmt wird? Ich packte also sein Butterbrot in eine andere Dose und brachte ihn zum Kindergarten.

Ähnliche Szenen gab es mit seinen rosa Glitzerschuhen, die ihr vielleicht noch aus diesem Beitrag kennt. Im Sommer habe ich ihm ein rosa Kleidchen gekauft, ganz schlicht. Seine Augen leuchteten erst. Dann schlug er wild um sich, als ich ihm helfen wollte, es anzuziehen. Vermutlich begreift man auch schon mit vier, dass es verschiedene Abstufungen von „rosa ist nicht ok für Jungs“ gibt. Ich frage mich, wie lange seine rosa Zahnbürste noch bleiben darf.

rosa Zahnbürste

Die rosane ist von Minime

Ich geb es ja zu: Nach meinem Studium der Gender Studies war mir klar, das es nicht einfach werden würde, meine Kinder, in einer Welt, in der alle Menschen in Männer und Frauen unterteilt werden und unterschiedliche Rollen zugewiesen bekommen, geschlechtsneutral* zu erziehen.

Man hat mal eine kleine Umfrage gemacht und Eltern von Neugeborenen gefragt, für wie groß und schwer sie ihr Baby schätzen. Die Eltern von Mädchen schätzten ihre Babys kleiner und leichter ein, als sie 1. tatsächlich waren und 2. als gleich große und schwere Jungs, die man ihnen zeigte. Bei den Eltern von neugeborenen Jungen war es umgekehrt: Sie hielten ihre Babys für größer und schwerer als vergleichbar große Mädchen und auch, als sie tatsächlich waren.

Und jetzt sagt mir noch mal, dass die Gesellschaft keine Rolle spielt? Dass alles angeboren sei, was Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen macht. Immer wenn Eltern sagen: Also wiihir erlauben unseren Söhnen auch mit Puppen zu spielen oder unseren Mädchen mit Autos“ muss ich an Szenen denken wie

  • die Mama in der Krabbelgruppe, die vor Entzückung quietscht, weil ihre 18 Monate alte Tochter ihre Schuhe holt und gleich noch ein paar andere die dort rumstehen mit. „Sie steht auch schon auf Schuhe, ganz die Mutter“
  • der Vater auf dem Bolzplatz, der mit seinem zwei Jahre alten Sohn Tore schießt, während die ca. vierjährige Tochter am Rande steht und sehnsüchtig zu den Beiden rüber schaut, aber nicht dazu gerufen wird.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von anderen Eltern im Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Turnverein oder bei der Krabbelgruppe Sätze höre wie „typisch Mädchen/Junge“.

Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie ich Überzeugungsarbeit leisten musste, damit Minime eine Puppe und einen Puppenwagen bekommt. Oder mal was aus der Elfen- und Feen-Serie von Playmobil, nicht nur Ritter und Piraten. Oder als beim Kindergeburtstag die Seifenblasen mit Cars-Motiv automatisch in seinem GoodieBag landen, obwohl er viel lieber die Eiskönigin gehabt hätte.

Und auch der Kindergarten bietet auf dem Weg zu einer geschlechtsneutralen (oder sagen wir besser: -sensiblen) Erziehung Stolpersteine. Minime erzählt, dass sie in der Mittagsruhe (in der die kleinen Kinder noch Mittagsschlaf machen, die größeren eine „Pause“) oft von den Kindern mitgebrachte CDs hören oder Bücher lesen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Medien nicht danach geprüft werden, ob sie Genderklischees (von Rassismus und Co. ganz zu schweigen) reproduzieren. Zu Hause halte ich es oft wie Suse und lese Bücher mit vertauschten Rollen vor. Dann erst fällt auf, wie eklig 50er Jahre-mäßig nicht nur die Hauptcharaktere in ihren Geschlechterrepräsentationen sind. Und das bei recht aktuellen Büchern. Ich habe das mal bei den Olchis ausprobiert.

Im Kindergarten braucht es mehr als eine Morgenrunde, in der eine Erzieherin die Kinder ermahnt, niemanden für seine rosa-Vorliebe auszulachen. Deswegen muss nicht gleich die Puppenecke abgeschafft werden. Aber es gibt – siehe unten – tolle Tipps und Anregungen um eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der alle Kinder ihre Interessen und Vorlieben ausleben können.

Ob ich da ein bisschen überempfindlich reagiere? Wenn mein Sohn einfach fröhlich oder genervt seine rosa Brotdose liegen lassen würde – damit käme ich zurecht. Aber am Montag morgen, da war er nicht fröhlich oder genervt, sondern zutiefst traurig und enttäuscht. Und das kann ich weder als Mutter, noch als Pädagogin gutheißen.

Es ist mir ein Rätsel, dass ich mit meinen Studienabschlüssen in Sozialpädagogik und Gender Studies nicht schon eher drauf gekommen bin. Zumal ich bereits für den Bereich Berufsorientierung von Jugendlichen solche Workshops für pädagogisches Personal konzipiert und durchgeführt habe und ja schon eine Weile als Freiberuflerin unterwegs bin. Vielleicht war es zu naheliegend und mein Sohn musste mich erst darauf bringen, aber:

Wer mich für Vorträge und Workshops zur gendersensiblen Pädagogik in Bildungseinrichtungen von der Kita bis zur Schule oder zur geschlechtersensiblen (andernorts wird geschlechterneutral verwendet) Erziehung einladen will: Ich freue mich auf Eure Nachricht an

gluecklichscheitern @ gmail.com

– und hier noch ein bisschen zu meinem fachlichen Hintergrund


Wer sich ebenfalls für geschlechtersensible Pädagogik interessiert, findet hier einige Literaturhinweise, Links und Materialien:

Bücher:

Almut Schnerring und Sascha Verlan (2014): Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees

Melitta Walter (2005): Jungen sind anders, Mädchen auch. Den Blick schärfen für eine geschlechtergerechte Erziehung


* geschlechtsneutral heißt für mich nicht, dass ich mein Kind als „Neutrum“ erziehen will, sondern das ich ihm alle Optionen offen halte.


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Urlaubssouvenirs

15. Oktober 2015 von Hengameh

Als Kind und Teen war ich immer sehr neidisch auf meine (überwiegend weißen) Freund_innen und Mitschüler_innen, die ihre Ferien im europäischen Ausland oder vielleicht sogar in den USA verbrachten. Meine Familie fuhr alle paar Jahre in den Iran alias The Homeland.

Obwohl es dort immer sehr schön, wenn auch zu heiß, war, hatte ich dort das Gefühl, vieles zu verpassen. Meistens ein paar Schultage, weil die Flüge außerhalb der Ferienzeiten billiger waren, potenzielle Sommerausflüge mit Freund_innen und heteronormative Urlaubserlebnisse wie einen Flirt mit irgendwelchen Boys auf einem schwedischen Campingplatz oder am spanischen Strand. Vor allem fühlte ich mich nicht so cool und kosmopolitisch wie meine Mitschüler_innen, die in angesagten Städten wie New York, Paris oder Barcelona kurze Trips mit ihren Herkunftsfamilien machten.

Damals war ich sehr angepisst darüber, dass wir immer nur in den Iran flogen. Seltene Ausnahmen: Als ich fünf war, fuhren wir mit unserem VW-Bus via Amsterdam nach Paris, ich durfte ins Disneyland, wir campten im Auto. Wir haben zwei Mal Verwandte in London besucht. Und als ich 17 war, besuchten wir entfernte Bekannte meines Vaters in Norditalien. Das sind mehr Auslandsreisen als sehr viele andere in ihrem ganzen Leben hatten, aber damals kam es mir verdammt wenig vor, weil die meisten anderen in _jeden_ Ferien irgendwo Besonderes waren. Selbst über Pfingsten oder Himmelfahrt. Heute verstehe ich, warum Dinge so waren, wie sie waren.
In der Diaspora bist du ohnehin schon nicht Zuhause. Wenn du also die Möglichkeit hast, in ein Land zu fahren, wo deine Sprache gesprochen wird, deine Lieblingsspeisen gekocht werden, dein Aussehen und dein Name nicht auffallen (zumindest nicht als „ethnische Minderheit“) und wo deine Familie lebt, dann würdest du doch lieber dorthin reisen. Zumindest lieber als in dein Land, in dem du noch weniger Zugang zur Sprache hast, wo du noch mehr fremd bist, weil du dich lokal nicht auskennt, wo du noch mehr, weil wortwörtlich, auf Durchreise bist und aus dem Koffer lebst. Sich irgendwo nicht auszukennen und kaum Zugang zu haben, benötigt viele Ressourcen, vor allem finanzielle. Warum also in ein Land fahren, in dem du noch nicht mal die quirky Tourist-Experience machen kannst, weil du dort genauso als brown Immigrant-Family geandert wirst wie in Deutschland? Und dafür viel Geld ausgeben?

Die wenigen Male, in denen wir im EU-Ausland waren, war ich auch sehr angespannt. Ich war sehr lange die einzige in meine Herkunftsfamilie, die Englisch verstehen und sprechen konnte. Ständig musste ich Übersetzungsarbeit leisten. Nicht nur nach dem Weg fragen, sondern auch Rabatte aushandeln oder peinlich irgendwelche Leute auf der Straße fragen, was eins in dieser Stadt denn unbedingt gesehen haben muss. Mal einen Nachmittag lang im Café chillen oder durch Szenebezirke flanieren? Fehlanzeige. Cool und kosmopolitisch stellte ich mir anders vor. Und wieder der Vergleich mit den anderen: Alle anderen hatten Eltern, die mittelmäßiges bis sehr gutes Englisch gesprochen haben. Das nimmt sehr viele Barrieren, zum Beispiel, dass du als junge Person nicht den kompletten Trip organisieren musst. Wenn die Kinder noch nicht alt genug sind, um Englisch sprechen zu können, ist es für Eltern(teile) eigentlich auch verantwortungsvoll, in kein anderes rassistisches Land ohne jegliche Sprachkenntnisse fahren zu wollen. Ich hätte es mir an ihrer Stelle auch nicht zugetraut.

An solchen Erinnerungen merke ich, wie privilegiert ich heute bin, wenn ich mit Billigflug und auf der Couch von Bekannten Schlafen ins Ausland reise. Oder selbst dann, wenn ich im ICE sitze und zu einer Veranstaltung in einer anderen deutschen Stadt fahre, bei der ich als Speakerin eingeladen bin. Das einzige Mal, als ich vor dem Studium im ICE saß, war als meine Schwester und ich mit unseren Niedersachsenferientickets in den falschen Zug gestiegen sind. Und heute fahre ich mit Schnellzügen durchs Land und zahle die Tickets nicht mal selbst. Verdrehe vielleicht auch mal die Augen, wenn die Durchsagen mit einem krassen deutschen Akzent auf Englisch gemacht werden. Abgefahren und irgendwie komisch.


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Politik mit ‚Bereuen‘ – Von Schwangerschaftsabbrüchen und komplexen Leben

27. Juli 2015 von Charlott

Vor ein paar Wochen wurde eine neue Studie von Wissenschaftler_innen der University of California veröffentlicht, deren Ergebnisse auch schnell den Weg in viele (gerade auch feministische) Medien fand. Im Kern sagt die Studie, dass die über drei Jahre lang befragten Teilnehmer_innen zu 95% ihre Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nicht bereuen. In erster Linie interveniert die Untersuchung also in das Narrativ des vermeintlichen „Post-Abtreibungssyndroms“: Ihre Ergebnisse setzen der Legende, die meisten Personen würden vorgenommene Abtreibungen lebenslang bereuen, deutlich etwas entgegen. Doch stellt sich mir die Frage, ob es langfristig sinnvoll ist, sich überhaupt auf die Debatte rund ums ‚Bereuen‘ einzulassen.

Faktoren für ‚Reue‘ – Stigmata und wenig Unterstützung

Die Studie hat einige Kernpunkte, die sie präsentiert: Die Proband_innen empfanden mit überwältigender Mehrheit ihren Schwangerschaftsabruch als die richtige Entscheidung – auch unabhängig davon, ob die Abtreibung früh oder später im Schwangerschaftsverlauf stattgefunden hat. Diejenigen, denen eine Entscheidung schwerer gefallen war, sind auch diejenigen, die sich unsicherer sind über die Richtigkeit der Entscheidung. Im Allgemeinen aber nehmen über die Zeit sämtliche Gefühle, positive sowie negative, hinsichtlich der Abtreibung ab. Und während nach sechs Monaten die Teilnehmer_innen noch ‚manchmal‘ an den Abbruch denken, dann denken sie nach drei Jahren ‚kaum‘ daran. Die Studie traf auch eine Aussage darüber, was eigentlich weitere Faktoren dafür sind, dass die Befragten von Reuegefühlen berichteten. Zwei Dinge zeichneten sich dabei ab: Negative Gefühle wurde häufiger von denjenigen berichtet, die ein stärkeres Stigma von Abtreibungen in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und von denjenigen, die wenig soziale Unterstützung erfuhren.

Zu den Leerstellen der Studie, schreiben die Wissenschaftler_innen selbst (alle Übersetzungen von mir):

Erleichterung und Fröhlichkeit mögen die relevantesten Gefühle direkt nach der Abtreibung sein und weniger relevant über die Jahre hinaus. Untersuchungen haben insbesondere herausgefunden, dass zu den positven Empfindungen, die Frauen mit der Zeit nach einer Abtreibung rückmelden, Reife, tiefere Selbstkenntniss und gesteigertes Selbstvertrauen gehören. Zusätzlich kann es sein, dass die sozialen Erwartungen, dass Abtreibungen ein etwas emotional Schwieriges sein sollten, dazu geführt haben, dass vermehrt negative Post-Abtreibungs-Gefühle rückgemeldet wurden. Die Teilnehmer_innen zweimal im Jahr über ihre Emotionen zu befragen und darüber, wie häufig sie an ihre Abtreibung denken, kann auch zu einer erhöhten Rückmeldung zu allen Leveln der Ergebnisse geführt haben.

Auch weitere Einschränkungen bei der Aussagekraft der Daten diskutiert das Paper zur Studie bereits, mir aber geht es hier in diesem Text nicht konkret um die Durchführung der Studie, sondern darum, wie mit dem Argument der ‚Reue‘ in der Politik, der Medizin und den Medien gearbeitet wird. Denn dass so viele feministische Publikationen voller Enthusiasmus darüber berichteten, hat ja ebenfalls gute Gründe.

Politiken mit antizipierter Reue

„Argumente, dass Abtreibungen emotionalen Schaden bei Frauen verursachen, werden genutzt um Abtreibungen, inbesondere spätere Eingriffe, in den USA zu regulieren. Doch existierende Untersuchungen sind nicht beweiskräftig,“ heißt es bereits im Abstract zur Studie. Post-Abtreibungssyndrom, welches unter anderem Gefühle von Reue und Schuld, Depressionen sowie Alkhol- und Drogenmissbrauch umfasst, ist das Stichwort.

Unter der Prämisse, dass die betroffenen Personen den Eingriff eventuell bereuen könnten (und dann in Sucht und Depression ‚abstürzen‘), werden immer wieder Gesetze erlassen, die den Zugang zu Abtreibungen ehrblich erschweren – und das natürlich nicht nur in den USA. In Deutschland müssen Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen, zu einer Pflichtberatung. Zwischen Eingriff und Beratung müssen dann nochmals mindestens drei Tage verstreichen. So soll sich die Person auch ganz genau sicher sein. Doch diese vorgeschobene ‚Sorge‘ ist natürlich vor allem eins: Schikane.

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Betreuungsgeld auf Bundesebene verfassungswidrig – doch Länder könn(t)en weitermachen

21. Juli 2015 von Charlott

Zunächst einmal Freude: Heute Vormittag verkündete das Bundesverfassungsgericht, dass die Einführung des Betreuungsgelds (oftmals auch als ‚Herdprämie‘ bekannt), welche einhergegangen war mit andauernden feministischen Kritiken und Protesten, verfassungswidrig war.

Für die Entscheidung unwesentlich war dabei, dass es sich um ein ungerechtes, reaktionäres Mittel handelt. Die Verfassungswidrigkeit machte aus, dass die Richter_innen beschieden, dass das Betreuungsgeld Ländersache und nicht etwa Bundessache sei. So heißt es zwar, dass das Betreuungsgeld nicht zur „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse notwendig“ sei, aber dies die Länder nicht daran hindern müsse, es einzuführen/beizubehalten. Feministische Kritiken machten indes in den letzten Jahren deutlich, dass das Betreuungsgeld gerade das Gegenteil bewirkt. So schrieb Maria hier bereits 2011:

Das Betreuungsgeld ist ein weiterer Baustein einer Familienpolitik nach dem Motto „Wer hat, dem wird gegeben“. Die jetzige Koalition hat beschlossen, das Mindestelterngeld beim SGB II als Einkommen anzurechnen, hat auf den Ausbau der Vätermonate verzichtet, weil angeblich das Geld nicht reichte, um mehr Partnerschaftlichkeit beim Elterngeld voranzubringen. Nun wird Geld für eine neue Leistung in die Hand genommen, um eine ganz spezielle Klientel zu fördern: Die, die es sich leisten können, auf öffentliche Betreuung zu verzichten.

Wenig überraschend hat sich Horst Seehofer (CSU), einer der großen Verfechter des Betreuungsgelds, bereits geäußert: In Bayern soll es das Betreuungsgeld weiterhin geben. Von der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) heißt es, dass das frei werdene Geld in den Ausbau von Kitaplätzen gesteckt werden soll – denn an diesen mangelt es ja bekanntermaßen.

Zum Weiterlesen:


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Heute ist internationaler Hebammentag

5. Mai 2015 von Melanie

Der internationale Hebammentag wird am 05.05. gefeiert und soll auf die Bedeutung der Hebammenarbeit hinweisen. Und gefühlt seit Jahren steht die Arbeit der Hebammen zur Diskussion:

Die Karte der Unterversorgung für Hebammenhilfe wächst und wächst, die Weiterführung der Berufshaftpflicht (ohne die eine Hebamme nicht praktizieren darf) ist ungewiss und das, obwohl die Vorteile durch Hebammenbetreuung klar auf der Hand liegen. Die Politik bewegt sich kaum, trotz Online-Petitionen und Protestmärschen, wie sie z.B. letztes Jahr statt gefunden haben.

Umso wichtiger ist es, die Hebammenarbeit oder die Elternproteste weiter zu unterstützen! Es kann nicht sein, dass Hebammen ihre Arbeit aufgeben müssen und vor allem dass Schwangere ohne Hebammenhilfe bleiben. Es geht nicht – nur – darum, ob Kinder gesund auf die Welt gebracht werden, sondern auch um das Recht der Schwangeren auf Wahl des Geburtsortes, empathische Schwangerschaftsbegleitung und Hilfe und Unterstützung im Wochenbett. Kurzum: um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das Nicht-Pathologisieren von Schwangerschaft und Geburt.

Wieso sich an der Situation der Geburtshilfe und auf Seiten der Krankenkassen und Versicherungen so wenig tut, erklärt H. Hansen auf kleinerdrei. Was ihr tun könnt, damit das Thema auf der politischen und medialen Agenda bleibt? Zum Beispiel den Verein Hebammenunterstützung/ Motherhood  unterstützen, fehlende Hebammenhilfe auf der Karte der Unterversorgung eintragen, und Euch auf dem Laufenden halten und Aktionen und Meldungen teilen – in sozialen Medien, im RealLife oder wo auch immer.

Ihr wollt mehr über die Situation von Hebammen erfahren? Dann schaut auf der Seite des Deutschen Hebammenverbandes nach, lest den Blog von Anja „Von guten Eltern“ – sie ist selber Mutter und Hebamme und berichtet regelmäßig über die Situation in der Geburtshilfe. Oder stöbert hier in den alten Artikeln über Hebammen: zum Beispiel diesen, diesen, diesen oder diesen.

 


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Raben-Mütter e.V. sucht Unterstützung

27. März 2015 von Gastautor_in

Who`s that Grrrl: Anne Bonnie Schindler findet es komisch, wenn Frauen sich hauptsächlich über ihre Mutterrolle identifizieren –  obwohl ihre eigene enorm prägend für ihre Sicht der Dinge wurde.
Später in Berlin als Türsteherin tätig, gründete sie im Jahr 2011 den alternativen Sexladen „Other Nature“. Die Gründung eines Vereins für Mütter, die ohne ihre Kinder leben, ist der Tatsache geschuldet, dass sie selbst vor 11 Jahren ihre beiden Kinder, damals gerade erst 5 und 2,5 Jahre alt, bei ihrem leiblichen Vater ließ. Auch wenn solch eine Entscheidung nicht spurlos an allen Beteiligten vorüber zieht, steht Anne Bonnie voll hinter diesem Schritt und möchte Frauen ermutigen, sich mit ihrer eigenen Mutterrolle auseinander zu setzten.

Mein Name ist Anne Bonnie, ich bin 34 Jahre alt und reif, mein Herzensprojekt in Angriff zu nehmen. Die Gründung eines Vereins, der sich einem tabuisiertem Thema widmet: Müttern, die gehen.

Wir leben in einer Zeit, in welcher das Mutterideal noch immer geprägt ist von bedingungsloser Hingabe, grenzenloser Liebe, der Aufopferung der Mutter und von dem Glauben an einen biologischen Determinismus, nur als Mutter ganz Frau zu sein.

Mütter, welche ihr Kind bei einer anderen Betreuungsperson lassen, werden von der Gesellschaft kritisch beäugt. Sofort reagieren auch andere Mütter mit einem Gefühl von Verlust oder Verrat am Kind: „Ich könnte das nicht“. Die Mehrheit der Menschen richtet den Blick nach dem Befinden des Kindes. Und dies in einem Ausmaß, welches bei Trennung vom Vater oder einer nicht biologischen Bezugsperson nicht im Ansatz vorhanden ist. Die Mutter ist das Maß aller Dinge. Die Mutterrolle seit vielen Generationen überidealisiert, wird Frau bei der Trennung von ihren Kinder regelrecht verteufelt.

Auch ich konnte, nachdem ich meine beiden Kinder nach der Trennung bei ihrem Vater aufwachsen ließ, viele Vorurteile kennenlernen: Vermutungen wie ich müsse wohl gewalttätig oder drogenabhängig sein, zumindest aber doch egoistisch oder gefühlskalt, sind nur einige Beispiele. Oder meine Mitmenschen verlieren sich in einem Übermaß an Mitleid mit meiner Situation. Ich werde plötzlich zum Opfer, oder zu einer Heldin, welche für das Kindeswohl ihre eigenen mütterlichen Bedürfnisse hinten anstellt. Natürlich leidend. Doch weder das eine noch das andere beschreibt meine Situation.

Sogenannten Rabenmüttern wird eine sachliche Diskussion verwehrt. Wenn tatsächlich eine Diskussion stattfindet, ist diese entweder gänzlich beschränkt auf die Belange der Kinder oder wird dominiert von Vorurteilen.

Dieser Beschränkung möchte ich entgegenwirken.

Schon seit langem geht der Trend von der biologischen Familie hin zur sozialen Familie. Es steht nicht mehr ausschließlich im Vordergrund, wer mit wem verwandt ist, sondern wer sich um wen in welchem Maße kümmert und Verantwortung übernimmt. Der Verein Raben-Mütter e.V. versteht sich als Ausdruck diesen Wandels.

Ich glaube, die biologische Mutter muss nicht zwangsläufig eine intensivere Bindung aufgrund der Geburt mit dem Kind erleben.

Raben-Mütter e.V. möchte Ansprechpartnerin sein und Hilfestellung leisten für den Abbau von Stigmata von sog. schlechten Müttern. Über die Mutterrolle und ihre Mythen aufklären. Einen gesellschaftlichen Diskurs ermöglichen.

Raben-Mütter e. V. versteht sich als feministisch und pro Queer Families, möchte nicht an alten Idealen festhalten, sondern Wege für alternative Familienmodelle aufzeigen. Im Streitfall genauso kompetent Hilfestellung geben, wie bei persönlichen, individuellen Problemen.

WICHTIG! An dieser Stelle sei erwähnt: Dass Mütter gehen, hat NICHTS mit Feminismus zu tun (diesem Vorurteil erliegt gerne eine konservative Strömung), sondern entsteht ganz individuell aus der Biographie der Frau, der Familie. Aber ohne eine feministische Deutung ließe sich das Phänomen, mit welchem Rabenmütter bedacht werden, nicht verstehen.

Während Vereine wie Väter e.V. gesellschaftlich eine wichtige Rolle spielen könnten, indem sie Väter in ihrer Rolle empowern, Rollenbilder hinterfragen, präsentieren sich diese Vereine häufig als konservativ und rückschrittig. Es geht um die Stärkung der Rechte der Väter gegen die angebliche Übermacht der Mutter, welche „willkürlich über das Kindeswohl entscheiden“ könne. Es geht um Rechtstreitereien, Gerichtsurteile und Macht. Weniger um einen Diskurs.

Raben-Mütter e.V. möchte es hingegen Müttern erleichtern, einen vorurteilsfreien Diskurs über ihre Rolle als Mutter zu führen, auch in Trennungsphasen.

Denn der Bruch einer Familie ist ein großer Einschnitt im Leben aller Beteiligter. Ein Ziel ist es, aufzuklären, dass es einen Unterschied zwischen der Trennung von Kindern und der Trennung der Bindung zu den Kindern gibt.

Bei Müttern wird dieser Unterschied meist nicht berücksichtigt. Die Trennung der Familie wird als Trennung der Bindung zu den Kindern interpretiert. Die Stärkung der sog. Rabenmutter geht somit einher mit der Stärkung des anderen Elternteils oder einer anderen Betreuungsperson.

Ich möchte aufzeigen, dass es Hilfestellen fern ab von Rechtsanwält_innen gibt. Dass es für die erwachsenen Personen Ziel sein muss, in einer so verletzlichen Zeit nicht mit weiteren Verletzungen zu agieren und das gegenseitige Vertrauen und auch das Kindeswohl im Auge zu behalten. Sich fern ab von der „Pflicht erfüllenden Mutterrolle“ fragen: Wer kann sich wo am Besten für das Kind einsetzen? Nur wenn Mütter gesellschaftlich nicht mehr als schlechte Mütter geächtet werden, können sie sich einer selbstbestimmteren Sicht öffnen.

Willkommen sind Frauen, welche ihre Mutterrolle verstehen möchten. Müttern, die gehen.
Egal, was deine Beweggründe sind. Auch wenn einer der Beweggründe, ein Kind nicht aufzuziehen, in vorurteilsbeladenen Situationen wie z.B. Drogenproblemen liegt, möchten wir Unterstützung bieten.
Adoption, oder Trennung. Karriere, weniger vorhandene Muttergefühle, finanzielle Probleme, Gefängnisaufenthalt, oder Drogenproblemen. Psychisch oder physische Erkrankung. Mit oder ohne Drama. Wir möchten allen Frauen vorurteilsfrei entgegen treten. Und natürlich allen anderen, die sich angesprochen fühlen.

Raben-Mütter e.V. möchte:

  • Ansprechpartnerin sein
  • Familienstrukturen im Wandel verstehen
  • Abbau vom Über-Ideal „Mutter“
  • Abbau von Stigmata von sog. Rabenmüttern
  • an einem gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen zum Thema alternative Familienmodelle
  • individuellen Rat geben für Raben-Mütter
  • Trennungsprozesse für Familien erleichtern

anhand von:

  • regelmäßigen Posts
  • Literaturhinweisen
  • Hinweise auf Veranstaltungen, politischen Aktionen
  • Vernetzung mit anderen
  • Sammlung von Rechtsurteilen
  • Beratung durch Mediator_innen
  • Austausch via Blog- Arbeit
  • Anlaufstelle für private Gespräche
  • regelmäßige Mitgliedertreffen für Evaluationen (zunächst nur innerhalb Berlins)
  • Workshops (zunächst nur innerhalb Berlins)

Hierfür suche ich:

  • Menschen, die meine Umfrage ausfüllen und weiterleiten
  • Vereinsmitglieder
  • Menschen, die mir Ratschläge zum Thema Vereinsgründung geben
  • Informationen zu Fördergeldern
  • ehrenamtliche Mediator_innen für Rechtsfragen

Mehr Infos auch unter: www.raben-muetter.de und info(at)raben-muetter.de.


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trans*parent – trans* und Elternschaft

12. März 2015 von Gastautor_in

E findet in der ‚öffentlichkeit’/sichtbarkeit meistens nicht die ‚richtigen‘ worte oder wird nicht angehört oder gesehen, daher hat E irgendwann 2014 eine mutig-wütende bildbeschreibung von dem selbstbild als trans* und elternteil entworfen. keine rechtfertigung, sondern überwindung der sprachlosigkeit.

ich bin trans*parent.

ich bin trans* und elternteil (parent) für mein kind = trans*parent.

ich habe das bedürfnis über mich zu schreiben, weil ich selber keine menschen mit ähnlichen lebensumständen kenne.

wenn ich mich skizzieren würde, hätte ich zuallererst meinen selbstfindungsprozess im zusammenhang mit meiner geschlechtsidentität, meinem körper und meiner verortung in meiner eltern-kind- und freund_innen-beziehungen vor augen. dazu kämen noch sämtliche selbstbestimmte, fremdbestimmte, konstruierte, positionierende zuordnungen, die sich kreuz und que(e)r in dieses bild einschreiben. ein kompliziertes bild. ein bild, was ich hier nicht vollständig wiedergeben will und kann, mir aber in diesem moment während ich schreibe nicht aus dem kopf_körper gehen wird. ein wirres, queeres bild.

trans*

definiere ich mich nun als trans*gender genderqueer? ich will mich nicht festlegen – vor allem nicht für immer und ewig. das ist einer von vielen gründen, warum es mir schwer fällt mich zu ‚outen‘. ich habe angst, ein für allemal mit diesem label und den entsprechenden klischees von meinem umfeld versehen zu werden („umtausch und definitionsmacht ausgeschlossen!“), einen platz in ihrem kopf-katalog zu erhalten und ihre blicke mal mitleidig, mal angst-, mal hasserfüllt, mal verstört ertragen zu müssen. aber auch bezüglich der menschen, denen gegenüber ich mich schon geoutet habe, verursacht mir diese angst kopfschmerzen. schmerzen, die aus der angst rühren, dass andere mich durch ihre ansozialisierte trans*feindliche brille sehen könnten, die ich auch manchmal trage, wenn ich mich selbst betrachte. ich habe gelernt, dass menschen wie ich „eklig“ – und vieles mehr, was ich aufgrund triggernder effekte hier nicht nennen will – sind. manchmal lebe ich in einer phase des verdrängens, aber eigentlich ist das unmöglich. und manchmal taucht ‚trans*‘ in jedem meiner gedanken, in jeder sekunde meines alltags auf. jeden tag karussell-denke ich dann darüber nach, wer ich bin. dabei kann ich auch schon mal durchdrehen, z.B. indem ich meinen ganzen oberkörper mit schwarzer acrylfarbe anmale oder auf meine arme groß „wer bin ich?“ schreibe.

trans*parent

tja und dann bin ich jetzt seit etwa einem jahr elternteil. der teil der eltern, der das kind „zur welt gebracht“ hat – eine eher verniedlichende beschreibung für die arbeit und die schmerzen, die ich erlebt habe. andere würden „mama“ sagen, aber ich nenne mich bei meinem namen. ich bin sehr glücklich mit meinem kind, das ich sehr liebe. ich bin glücklich mit meinem besten freund, andere würden sagen „fester freund“, dem „papa“ von unserem kind, den ich sehr liebe. Ich bin auch glücklich mit meinen freund_innen und der hünd_in, die für mich zur familie gehören und die ich sehr liebe. (das hier ist keine hierarchische aufzählung.)

aber gerade das eltern-sein bringt für mich, in meinem trans*-sein und körperempfinden, widersprüche und schwere auseinandersetzungen mit sich. so habe ich z.b. stillen, aufgrund der gesellschaftlichen perspektive auf geschlecht, einem (wortwörtlichen) blick auf geschlechts_körper, als besonders bedrängende momente erlebt. stillen bedeutet für mich brüste zu entblößen (ich habe keine worte dafür, was das für mich bedeutet!) und es bedeutet ein erzwungenes abhängigkeitsverhältnis für mich und alle in unserer familie. stillen stellt für mich einen immer wiederkehrenden trigger effekt aufgrund der gesellschaftlich-gemachten und unhinterfragten (und dadurch leider nahezu untrennbaren) assoziation von brüsten mit weiblichkeit dar. ich habe also abgestillt, wofür ich mich aber in dieser gesellschaft ständig (!) rechtfertigen musste und muss.

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Geburtshilfe – Keine Wahlfreiheit beim Geburtsort

25. Februar 2015 von Melanie

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück – So laufen die Verhandlungen der Hebammen mit den Krankenkassen und Versicherern. Die freie Wahl des Geburtsorts soll weiter eingeschränkt werden: Erhöhte Ausschlusskriterien für Hausgeburten (z.B. Überschreitung des errechneten Geburtstermins), das Ausbleiben einer 5%igen Vergütungssteigerung und das Damoklesschwert der zukünftigen Berufshaftpflicht verschlechtern die Situation in der Geburtshilfe massiv.

Dabei werden – wieder – die Rechte von Frauen*, über ihren Körper zu bestimmen, eingeschränkt. Schwangere haben damit nicht nur – realistisch betrachtet – keine freie Wahl des Geburtsortes mehr. Auch die Vor- und Nachsorge durch Hebammen ist davon betroffen – überlegen doch etliche Hebammen inzwischen, ihren Beruf aufzugeben. Im Kreißsaal wird die Situation auch nicht besser, die Überlastung der Hebammen durch die Begleitung mehrerer Geburten gleichzeitig führt öfter dazu, dass diese eigentlich wegen Überlastung den Kreißsaal schließen müssten.

Aber Selbstbestimmung von Frauen über ihre Körper oder die Rettung eines Berufsstands scheinen die Medien und Politik nicht mehr zu interessieren. Die Situation verschlechtert sich immer weiter.

Auf der Seite der Kampagne #meineGeburtmeineEntscheidung kann man Anregungen und Textbausteine finden, um sich bei den Krankenkassen zu beschweren, ebenso finden sich weitere Infos über die Problematik.


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Bald stehe ich im Lichtstrahl der Augen meiner Eltern

19. Dezember 2014 von Jayrôme

Jayrôme C. Robinet ist freier Autor und Spoken Word-Künstler. Gender fluid mit Variationshintergrund, weiß, wird in Deutschland meistens als Person of Color gelesen, Akademiker aus einer bildungsbürgertumsfernen Familie und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Auf Jayrômes Blog veröffentlicht er Gedichte, Analysen und Gedanken in schriftlicher und audio_visueller Form in französischer, deutscher und englischer Sprache.

Weihnachten kann eine ziemlich schwere Zeit sein, z.B. wenn die Erstfamilie nicht mehr da ist – aus welchem Grund auch immer. Da darüber hinaus Liebe und Akzeptanz nicht immer selbstverständlich sind, wird es in diesem Video zelebriert. Dies gilt aber nicht nur für die elterliche Liebe sondern darüber hinaus auch für das Ankommen in der Wahlfamilie.

Video in deutscher Lautsprache mit englischen Untertiteln. Darunter findet ihr die deutschsprachige Transkription des Textes.

Regie: Estelle Beauvais
Musik: Jef Guillon

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Muttiblog oder: wie weiter?

24. September 2014 von Melanie
Dieser Text ist Teil 43 von 45 der Serie Muttiblog

Es wurde ein wenig ruhig hier, beim Muttiblog. Zum einen lag das daran, dass ich mit Kind Nummer 2 schwanger war und nun in Elternzeit bin. Aber auch, weil der Muttiblog inzwischen längst nicht mehr die einzige Plattform ist, auf der Mutterschaft aus feministischer Perspektive abgehandelt wird. fuckermothers dürfte Euch ja inzwischen ein Begriff sein, das Onlinemagazin/Blogkollektiv „umstandslos“ inzwischen auch. Vor allem aber bin ich mir diese Serie (also den Muttiblog) mal durchgegangen um zu überlegen: Welche Themen wurden hier noch nicht abgearbeitet? Meistens ging es um Vereinbarkeit, die Umstellung von der Kinderlosigkeit hin zur Auseinandersetzung mit dem Muttersein und welche Einschränkungen das bedeutet oder der Arbeitsteilung mit dem Vater des Kindes.

Das sind und bleiben aktuelle und umkämpfte Felder, wenn wir Mutterschaft aus einer feministischen Perspektive betrachten. So bleibt der Fokus aber auch auf dem „Wie bekomme ich als Mutter noch das größtmögliche Stück vom Kuchen“ – ohne das „System“ selber zu hinterfragen:

Die Kleinfamilie zum Beispiel, auch Kernfamilie genannt. Minime, also mein 3jähriger Sohn kam neulich aus dem Kindergarten und sagte, er habe Mutter-Vater-Kind gespielt. DER Klassiker. Früh übt sich, und so. Dem etwas entgegenzusetzen, wenn man dieses Familienbild selber (vor)lebt ist schwer. Dennoch bin ich sicher: Die Kleinfamilie taugt nichts. Die Frage ist aber: was ist die Alternative? Zurück zur Großfamilie mit mehreren Generationen „Blutsverwandter“? Weder immer praktikabel, noch wünschenswert, ist doch für manche nahezu überhaupt die Rettung, sich selber aus der Herkunftsfamilie lösen zu können. Gleichgesinnte suchen? Wie kann man darauf ein tragendes Netz bauen? Und blendet das nicht wieder die Verantwortlichkeiten von Wirtschaft und Politik aus? Im/Nach dem 2. Weltkrieg gab es „Notgemeinschaften“ von Frauen, die gemeinsam die verschiedenen zu bewältigenden Aufgaben um Produktion und Reproduktion teilten, die waren aber, als die Männer aus dem Krieg wieder kamen, vorbei. In der zweiten Frauenbewegung entstanden Frauenwohnprojekte, auch hier kamen mehrere Frauen mit und ohne Kinder zusammen, um die Lasten von Lohn- und Reproduktionsarbeit zu teilen. Da fällt mir das nächste „Problem“ ein: Wo den passenden Wohnraum finden, wenn man schon mal andere Gleichgesinnte gefunden hat? Es war schon schwer genug, mit anderen WG-geeignete Wohnungen zu finden, mit gleichgroßen Zimmern und davon mehr als zwei.

Was ist mit der Lohnarbeit? Mein Unwohlsein mit den Vereinbarkeitsdebatten kommt vermutlich auch daher, dass Lohnarbeit immer noch Dreh- und Angelpunkt sozialer Absicherung ist und Abhängigkeiten schafft. Dass zweimal 40Stunden-Woche für Eltern irgendwo ein darauf-hinzuarbeitendes Ziel für manche ist. Burnout vorprogrammiert. Aber wer an der Lohnarbeit sägt, dem wird gleich „Kommunismus“ hinterhergerufen und schon ist die Debatte unsachlich. Oder sie kippt ans andere Ende und dann wird von der „Aufwertung“ von Reproduktionsarbeit gesprochen und doch nur versucht, ihren Wert in Zahlen umzurechnen.

Warum hat es keine durchschlagkräftige Mütterbewegung*? Oder hat es eine und sie wird nur nicht (politisch, medial) über die eigenen Netzwerke hinaus wahrgenommen? Wie können Mütter politisch werden, ohne sich auch noch in diesem Feld aufzureiben?

Das sind nur drei von vielenvielen Fragen, die mir grade im Kopf spuken. Welche Fragen habt ihr noch, liebe Muttiblogleser_innen? Wurde Eurer Meinung schon alles gesagt in dieser Serie? Wollt ihr über bestimmte Themen (noch) mehr hören oder habt ganz andere? Seid ihr der Meinung, die aktuellen Debatten gehen am Thema vorbei, sind obsolet oder zu kurz gedacht?

Traut Euch: Wünscht Euch was, ich schaue, ob ich Eure Fragen beantworten, Eure Themen aufnehmen kann. Das Baby schläft grad so friedlich an meinem Bauch gelehnt, ich hab ein wenig Zeit…


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