Einträge der Rubrik ‘Aktivismus’


Wie können wir ein feministisches Leben leben?

15. März 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 126 von 127 der Serie Die Feministische Bibliothek

Alle Jahre (Monate) wieder geht ein Quiz um, was ungefähr wie folgt aufgebaut ist. Frage: Findest du, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein sollten? Wenn du auf „Ja“ klickst, wird dir gratuliert. Toll, du bist Feminist_in! (Eine andere Variation gibt es auf Are you a feminist?) Menschen schicken sich diese Tests zu. „Siehst du, du bist doch auch Feminist!“ Der Test ist leichtverdaulich, für Menschen, die nah an der Norm sind. Der Test tut kaum weh – jedenfalls nicht den vorherrschenden Machtverhältnisse, denn in dieser einfachen Frage werden eine ganze Reihe von gefährlichen und gewaltvollen Annahmen und Normen reproduziert: Frauen werden in Bezug auf Männer gesetzt, Zweigeschlechtlichkeit bleibt unangetastet und „Gleichberechtigung“ übertüncht auch schnell wirkliche Macht- und Gewaltfragen. Was ist der Effekt dieses Tests? Mobilisiert er Menschen? Eher nicht, stattdessen können Leute zurück auf das Sofa fallen und sich auf die Schulter klopfen: Ich bin sogar voll feministisch (und im Hintergrund summen Annahmen wie „Ich bin sogar voll feministisch, dafür muss man(n) nämlich gar nicht so militant, männerhassend, humorlos, krass, etc. sein“). Ist es ein feministisches Leben, wenn einfach dieser Quiz-Prämisse zugestimmt wird und weitergelebt wird?

Sara Ahmeds neustes Buch Living a Feminist Life geht der Frage nach, wie denn ein feministisches Leben aussehen kann. Dankenswerterweise aber macht sie gleich zu Beginn deutlich: Ein feministisches Leben rüttelt an vielen Gesellschaftsnormen und greift unterschiedliche Machtverhältnisse und deren Verknüpfungen an. Mit einem einfachen „Ja ja, Männer und Frauen sollen voll gleiche Rechte haben.“ möchte sie sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Sie wendet sich bewusst an die humorlosen (oder besser als humorlos verstandenen) Feminist Killjoys, einen Begriff den Ahmed vor Jahren prägte. Die Grundannahme des Buchs macht sie in der Einleitung deutlich: Der Feminismus, um den es ihr geht, setzt sich auseinander mit Heterosexismus, Cissexismus, Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Sie schreibt:

Eine Feminist_in bei der Arbeit zu sein handelt davon (oder sollte davon handeln), wie wir gewöhnlichen und alltäglichen Sexismus, inklusive akademischen Sexismus, anfechten. Das ist nicht optional: Das ist es, was Feminismus feministisch macht. Es ist ein feministisches Projekt Wege zu finden, in denen Frauen in Bezug auf Frauen existieren können; wie Frauen in Beziehung zu einander sein können. Es ist ein Projekt, weil wir noch nicht da sind. […] Wie können wir die Welt zerlegen, die so aufgebaut ist, dass sie nur manche Körper fasst? Sexismus ist ein solches Fassungs-System. Feminismus erfordert Frauen dabei zu unterstützen, in dieser Welt zu existieren. […] Teil der Schwierigkeit der Kategorie Frau ist, was daraus folgt sich in dieser Kategorie zu befinden, und ebenfalls was daraus folgt sich nicht in dieser Kategorie zu befinden aufgrund des Körpers, den du dir aneignest, dem Begehren, welches du hast, den Wegen, denen du folgst oder nicht folgst. Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man als Frau erkannt wird; Gewalt kann auf dem Spiel stehen, wenn man nicht als Frau erkennbar ist.

Ahmed offeriert keine einfachen Antworten, kein „du denkst a, also bist du b“. Vielmehr geht es um die Erfahrungen und Tätigkeiten (aus denen wieder neue Erfahrungen erwachsen), die Feminist_in-Sein immer wieder herstellen. Sie gibt also keine simple Gebrauchsanleitung an die Hand, sondern beschreibt, lässt Gedanken wandern, stößt Gedanken an. Das Buch ist nach der Einleitung in vier weitere Teile aufgeteilt. Zunächst schreibt Ahmed in „Becoming Feminist“ über die Wege, die dazu führen sich feministisch zu positionieren, feministisch zu handeln und die Welt durch eine feministische Analyse-Linse wahrzunehmen. Im nächsten Teil („Diversity Work“) geht es konkret um „Diversitäts-Arbeit“, zum einen von Personen, die beispielsweise in Universitäten dazu konkret beauftragt sind, zum anderen aber auch um die alltägliche „Diversitäts-Arbeit“, die Menschen verrichten, die sich in Räumen aufhalten, deren Normen sie nicht (ganz) erfüllen. Im dritten Teil („Living the Consequences“) dann geht es Ahmed um die Konsequenzen im weitesten Sinne, die es hat oder haben könnte ein feministisches Leben zu führen. Anstatt einer einfachen Schlussfolgerung bietet Ahmed gleich zwei Dinge in ihrem letzten Kapitel an: Ein Überlebenskit für Feminist Killjoys und ein Killjoy Manifesto.

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während sie streiken …

8. März 2017 von Hannah C.

Das feministische Netzwerk möchte den vom Womans March angeregten Generalstreik der Frauen* am Frauen*kampftag, mit einer Blogparade begleiten.
Alle Informationen findest du hier – meinen Beitrag gibt es hier:

Am Tag ohne Frauen stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und fühle den Wind mit den Raspelrüschen an meinem Rock spielen.
Heute hau ich auf die Kacke, denk ich mir. Heute zerschmettere ich die Idee von mir als Frau. Alles sollen es sehen. ICH BIN KEINE FRAU!

Als ich mir das kurz vorher in meiner Wohnung vornehme, zupfe ich mein Beanie auf dem Kopf zurecht, das meine Haare heute bedeckt.
Da stehe ich vor dem Spiegel und nicke dem Spiegelbild zu.
Heute ist der Tag ohne Frauen. Und alle, die keine Frauen sind, werden einander heute sehen.
Hoffentlich.

Oh bitte bitte hoffentlich.
Hoffentlich bin ich nicht die einzige als Frau misgenderte Person, die sich heute raustraut.

In meiner direkten Wohnumgebung kenne ich niemanden di_er queer, trans, non-binary … ist. So laufe ich allein wie immer los und denke, wie schade das ist.
Doch was weiß ich, welche Person mich gerade sieht, obwohl ich sie nicht sehe? Vielleicht tue ich hier etwas, das Mut fassen lässt?
Das rede ich mir ein, bis ich es mir fast glaube. Immerhin den Weg zur Bahn schaffe ich so.

Da stehe ich und warte.
“Aufgrund des Generalstreiks kommt es heute zu Verzögerungen auf allen Linien” schnarrt es aus dem Lautsprecher.

Ich zögere auch.
Um die Reaktionen der Menschen an der Haltestelle zu hören, müsste ich mir den Superpowersoundtrack aus den Ohren nehmen, der mir gerade mein ganzes Selbstvertrauen vermittelt.
Ach scheiß was drauf, denke ich. Irgendwie hört man es doch jeden Tag. Wie irgendwer irgendwas über “die Frauen” sagt.

“Was fürn Streik?”, fragt der eine und dreht sich eine Zigarette. “Frauenstreik”, antwortet der andere und setzt mit einem feinen Lächeln dazu: “Is meine auch mit dabei, ne.”.
Der eine guckt. Der andere nickt. “Ja ha.”.

Ich gucke weg. Stecke meine Köpfhörer zurück in die Ohren. Das lief jetzt zu okay, um noch irgendetwas mehr zu hören. Ich will mir einreden, dass der andere „seine“ Frau unterstützt, vielleicht sogar feiert, dass sie mitmacht. Vielleicht sogar ein tieferes Verständnis davon hat, warum es wichtig ist, dass es diesen Tag gibt.

Ich wende mein Gesicht der Sonne zu und richte mich aufs Warten ein.
Da dringt ein Geräusch an mich. Der eine spricht mich an. “Hey”, sagt er und schaut mich unter gerunzelten Augenbrauen an. “Und was is mit dir? Zu fein zum Streiken oder wat?”.

Was soll ich jetzt sagen? Ich habe mir keine Antwort auf diese Frage überlegt.
Klar – es hat so viel Kraft und Überwindung gekostet bis hier her zu kommen, dass noch gar kein Platz war darüber nachzudenken, wie ich meine Anwesenheit so erkläre, dass sie legitimiert wird. Und zwar sowohl vor den Frauen, die heute nicht da sind – aber morgen, als auch vor den Verbliebenen, die heute, wie morgen da sind.

”Nö.” antworte ich deshalb.
“Nö” ist so lang wie Ja, aber doch Widerspruch. Es ist mein Hosentaschenriot. Mein “Nö.”.

“Was “Nö”? Is doch hier Frauentag – macht ihr euch da man nen schönen Tach!”, sagt er und lächelt, als würde er mir ein Stück Torte gönnen.
“Ah lass man – passt schon.”, winke ich ab und drehe mich wieder in die Sonne. Diesmal um mich von ihr verbrutzeln zu lassen.

Was ich denn für ne Pfeife bin, denke ich. Erst voll zu sich stehen und dann doch alles runterschlucken? Was geht?!
Andererseits: So eine fremde Person ist jetzt auch niemand, den es etwas angeht, zu welchem Gender ich mich zuordne. Ich kann nichts dafür, dass meine Identität nicht gleichermaßen normalisiert ist, wie die von Männern und Frauen, die sich auch als solche empfinden und einordnen.
Andererseits: Kann die Person denn was dafür? Vielleicht weiß sie gar nicht, dass es mehr gibt als “die Männer” und “die Frauen”?

Andererseits: Ich kann nur meine eigene Haut, mein eigenes Leben, mein eigenes Sein als Beweis dafür herzeigen, dass es Menschen wie mich gibt – was in einer Welt, in der der Einzelfall nicht zählt, ein hoher Preis ist.
Andererseits: Wenn es niemand sagt oder zeigt, dann wird es nicht gesagt oder gezeigt

Als die Bahn endlich einfährt und meine Hand es ist, die uns allen, die wir auf sie gewartet haben, die Tür öffnet, denke ich, dass ich ja da bin.
Ich bin präsent und sichtbar für die, die mich heute sehen können.

Und als ich mich hinsetze, werde ich erkannt.
Von Maria. Die – oder der? oder di_er? oder..? – drei Straßen weiter wohnt.


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die Gefahren des Internet? – sicher nicht das Internet! – #sid2017

7. Februar 2017 von Hannah C.

Heute ist der “Save Internet Day” (oder auch „safer Internet day“ kurz: #sid2017).
Viele Organisationen und Vereine informieren darüber, wie man sich am Besten vor dem Internet schützt und geben Tipps zur Netznutzung, die unterm Strich dazu führen, am Besten in klitzekleinen gated online communities zu bleiben.
Ich halte das für nicht sehr sinnvoll.
Und das, obwohl ich sogenannte „safe spaces“ unterstütze und wichtig finde.

Was ist also für mich problematisch an so manchen Ansagen, die zum save Internet day (aber allgemein auch immer wieder mal) auftauchen?
Ich sehe die größte Gefahr des Internet im Missverstehen des Internet und damit den Gefahren, die mit der Nutzung einhergehen.

First of all: das Internet als Ort
Das Internet ist ein Kommunikationsnetz!
Früher gab es die Post und das Telefon. Doch als sich diese Netze als Verbreitungsweg von Propaganda, Werbeflut und mitunter Grenzüberschreitung darstellten, gab es noch keine save Briefpost/Telefon-Tage. Warum?
An der globalen Verbreitung des Netz und der Möglichkeit auch anonym eine Nachricht abzusenden, kann es wohl kaum gelegen haben.

Ein weiteres Missverständnis ist meiner Ansicht nach, die Auffassung zur Quelle der Gefahren, mit denen man es über das Internet zu tun hat.
Es ist nicht das Internet. Es ist nie das Internet.
Niemals ist ein Internet auf mich zugekommen und hat mir in die Twittermentions gekackt.
Niemals wird es das Internet sein, das es in Ordnung findet, meine persönlichen Daten auszuspähen und zu verkaufen.

Die Gefahren des Internet sind – as always – andere Menschen.

Menschen, die lügen und betrügen.
Ob bei Ebay, Amazon oder Facebook – viele Plattformen ermöglichen den Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Und wo der Handel ist, da ist der Beschiss nicht weit.  Nur, weil wir in analogen Geschäften an Mondpreise und andere täuschende Aktionen gewöhnt sind, heißt das nicht, dass die gleichen Mechanismen über die Netzkommunikation gefährlicher für die Konsument_innen sind.
Wer macht solche Aktionen? – Menschen.
Warum? – weil sie es können.

Menschen, die Werbung für ein notwendiges Übel des kapitalistischen Internet halten.
Hier könnte jetzt viel darüber stehen warum Facebook und andere Plattformen aussehen wie ein Werbekatalog – es ist aber nicht nur die Werbung als solche, die der Gewalt übers Netz immer mehr Vorschub leistet.
Es ist die rücksichtslose Gier dahinter.

Schon lange bewege ich mich nicht mehr ohne (mehrere) Adblocker von Webseite zu Webseite. Zum Einen weil Werbegewackel mich vom Seiteninhalt ablenkt, zum Anderen aber, weil sich immer häufiger Miniprogramme hinter Werbeanzeigen verstecken, die sich meine Daten zum Frühstück und meinen Rechner zum Mittagessen reinziehen.

Man kann sich einreden, dass man gegen Internetwerbung immun ist. Der Wurm, der dir deine Mails wegfrisst, weil du nichts dagegen hast, während der Recherchen für ein Projekt auch noch über Schuhe, Klamotten und eine mögliche Karibikreise “informiert” zu werden, nutzt aber deine persönliche Konsequenz dieser Überzeugung aus.

Wo kommen solche Schädlinge her? – von Menschen.
Wer ermöglicht die Platzierung solcher Gefahren? – Menschen.

Was ist das Internet in diesem Szenario? – Das Medium. Und nichts weiter.

Wer macht so einen Scheiß?
Menschen, die (unter anderem) die technische Unversiertheit von User_innen ausnutzen.
In einer Sozialgemeinschaft, in der alle respekt- und rücksichtsvoll miteinander umgehen, sollte es nicht notwendig sein, einen Abschluss in Kommunikationstechnik oder was weiß ich zu benötigen, um sich der Nutzung des Internet gewappnet genug zu fühlen.
In der vorherrschenden Gewaltgesellschaft, die derzeit existiert jedoch, wird es zur Pflicht, die bei Nichterfüllung zu victim blaming und dem “Rat” das Internet nicht zu nutzen führt.

Jedes Mal, wenn dir dein Antivirenprogramm oder irgendjemand anderes einredet, du müsstest deinen Schutz aufrüsten, weil du sonst selbst schuld am Systemcrash deines PC bist, redet es gerade nicht auf jemanden ein, der einen Virus programmiert oder Spammails mit Trojanern im Anhang versendet.

Das Gleiche gilt für die Kommunikation mit anderen Menschen auf social media-Plattformen.
Wann immer dir jemand sagt, du sollst das Internet nicht nutzen, weil du darüber belästigt, bedroht, ausgenutzt, aussoiniert und benutzt wirst, wird nicht mit den Menschen gesprochen, die dir Gewalt über das Netz antun.

Das ist wichtig zu sehen.
Am Save Internet Day werden nicht die Menschen angesprochen, von denen sich ein Großteil der Nutzer_innen bedroht fühlen.

Warum? Weil mit Antivirenprogrammen, individuellen Schutzprogrammen und als safe spaces nutzbaren social media-Plattformen mehr Geld zu machen ist.
Weil Menschen in unserer Gesellschaft es verdammt nochmal gewohnt sind für ihren eigenen Schutz zu bezahlen, statt, dass sich Forderungen nach dem Ende einer Bedrohung als wirksam erweisen.

Ich halte es für falsch, sich immer weiter in diesem gewaltkulturell geprägten und kapitalistisch motiviertem Kreisel zu bewegen, wenn es um das Internet unserer Zeit geht.

Das Internet ist schon immer nichts weiter als ein Kanal, der von Menschen bedient wird.
Zum Guten wie zum Schlechten. Zum Konstruktiven wie zum Destruktiven.

Das Internet ist kein Ort, vor dem man so warnen sollte, wie man Frauen™ davor warnt, nachts allein durch einen Park zu gehen.
Es ist auch kein Ort, wo Fremde mit Süßigkeiten in der Hand nur darauf warten, dass kleine medieninkompetente Kinder an ihnen vorbei laufen.

Das Internet ist ein Kommunikationsmittel mit dem Menschen, die Gewalt ausüben (wollen), so geschützt wie sonst nirgendwo sind, weil das Internet an den entscheidenden Stellen schlicht missverstanden ist.

Hier also mein Senf zum Save Internet Day:

– sprecht über das Internet nicht als Ort, sondern als Kanal, der von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen benutzt wird
– bringt euren Kindern bei, dass ein Posting eine Aussage ist und, dass man für das, was man aussagt, immer auch die Verantwortung tragen muss – analog, wie digital!
– bringt euch selbst bei, die Verantwortung für das zu tragen, was ihr wann wie wo postet, programmiert, als Plattform zur Verfügung stellt

und: (feministische) Netzpolitik ist ein Ding – macht mit, wenn ihr könnt, denn es ist unser aller Internet.


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Trump im Weißen Haus und Hunderttausende auf den Straßen #WomensMarch

20. Januar 2017 von Magda

Heute steht die Amtseinführung des 45. Präsidenten der USA an, Donald J. Trump. Das sollte nicht das wichtigste Ereignis dieser Woche bleiben, denn nur einen Tag später – morgen! – am 21. Januar, finden der Women’s March in Washington D.C und über 600 so genannte Sister Marches statt, die weltweit Hunderttausende (vielleicht Millionen?) von Menschen auf die Straße bringen werden und genau jene menschenfeindlichen Positionen kritisieren, die Trump verkörpert. Am ersten Tag der neuen Regierung soll die klare Botschaft gesendet werden, „dass Frauenrechte Menschenrechte sind“, so das Organisationsteam. Auch in Deutschland formierten sich Gruppen (teilweise Facebook-Links):

Nach Kritiken an dem ursprünglichen Namen für die Veranstaltung (Million Women’s March und später March on Washington) sowie der Zusammensetzung der Organisationsgruppe (anfänglich ausschließlich weiße Frauen), findet sich heute sowohl im Team als auch innerhalb der politischen Forderungen ein intersektionaler Anspruch wider. Zu den Hauptorganisierenden gehören erfahrene Aktivistinnen, die sich gegen Polizeigewalt, Masseninhaftierungen und für Gewaltprävention und eine umfassende Gesundheitsversorgung einsetzen.

Die Zustimmung kommt aus den unterschiedlichsten Ecken: So unterstützen den Women’s March in den USA Künstler_innen wie Beyoncé, Harry Belafonte und Katy Perry; Schauspieler_innen und TV-Persönlichkeiten wie Scarlett Johansson, Uzo Aduba und Melissa Harris-Perry; Autor_innen und Wissenschaftler_innen wie Angela Davis und Janet Mock (mit einer Kritik an der gelöschten Solidaritätsbekundung für Sexarbeiter_innen) sowie zahlreiche Politiker_innen, Aktivist_innen und eine lange Reihe an Partnerorganisationen wie zum Beispiel Planned Parenthood.

Die politischen Forderungen berühren unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche: Gefordert wird ein Ende geschlechtsspezifischer Gewalt sowie Polizeigewalt und des Strafjustizsystems wie es heute existiert; reproduktive Rechte sowie HIV-Prävention und eine umfassende Sexualerziehung; körperliche Selbstbestimmung von LGBTQIA; Lohngleichheit, eine umfassende Gesundheitsversorgung, Mindestlöhne und die Möglichkeit zur gewerkschaftlichen Organisation für alle; uneingeschränktes Wahlrecht, Redefreiheit und ein Equal Rights Amendment zur US-amerikanischen Verfassung; Barrierefreiheit; Rechte für Einwanderer_innen und Geflüchtete; sowie Zugang zu sauberem Trinkwasser und Nutzung öffentlichen Landes für alle.

Die Demo ist nicht die einzige Aktion, die geplant ist: Bereits einen Tag später organisiert der Woman’s March mit einer ihrer Partnerorganisationen einen Workshop mit rund 500 Frauen, die selbst in die Politik gehen möchten, getreu dem Motto: „Don’t just march, run (for office)!“

Die Vorgeschichte der Demonstration, die politischen Konflikte darüber, welche Themen Teil der Forderungen sind (und welche nicht) sowie die politische Ausrichtung einiger Sister Marches, die beispielsweise antirassistische Perspektiven ignorieren bzw. gar verhindern – wie zum Beispiel im Zuge der Organisation des Women’s March in Portland, OR – generieren weiterhin öffentliche Kritik. Das gemeinsame Engagement für breite Allianzen mit klaren politischen Positionen, die die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen mitdenken, ist kein Automatismus, sondern bleibt Teil lokaler Aushandlungsprozesse.

Was bleibt, ist Protest,“ schrieb ich nach der US-amerikanischen Wahl im November des letzten Jahres. Mit dem Women’s March am 21. Januar 2017 wird der erste Massenprotest stattfinden, der in Trumps Amtzeit fällt. Es wird nicht der letzte sein.


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Neu erschienen: „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“

19. Januar 2017 von Julia
Dieser Text ist Teil 123 von 127 der Serie Die Feministische Bibliothek

Meistens schreibe ich hier ja Rezensionen zu lesbisch_queeren Büchern, am liebsten zu solchen, die eine anti-klassistischen Dimension haben. Heute will ich euch stattdessen mein eigenes Buch ans Herz legen, das eben erschienen ist:

Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.

Ich habe mich dafür auf die Suche nach verschiedenen Formen des Eingreifens gemacht, die darauf abzielten, den Umgang mit Klassenunterschieden im feministischen Miteinander zu verändern. Es ging den Akteurinnen* dabei also um den je eigenen Bewegungsalltag. Sie verteilten Geld um. Sie gründeten eigene Gruppen. Sie verfassten Texte. Sie boten Workshops an. Sie tauschten sich mündlich über Diskriminierungserfahrungen aus. Sie formulierten Kritik, stellten Forderungen und entwarfen Visionen. Sie verteilten Flyer … Auf verschiedenen Wegen widmeten sie sich so Themen wie Geld, Armut und Umverteilung, feministische Projektarbeit und Ziele, klassistische Sprachnormen, Rassismus und Kapitalismus, Anerkennung und Identität – um nur einige Stichworte zu nennen.

Die intervenierenden Akteurinnen selbst entstammten meist der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse und nicht-akademischen Herkunftskontexten – oder aber es handelte sich um klassengemischte Gruppen. Ausgangspunkt ist häufig die eigene Klassenherkunft.

Klassistische Normen und Dominanzen im feministischen Bewegungsalltag wurden problematisiert: von Partizipationsfragen über die politische Kultur und Organisierungsweisen bis hin zu feministischen Zielen. Ein großes Thema ist das unmittelbare bewegungsalltägliche Miteinander zwischen Feministinnen unterschiedlicher Klassenherkunft. Bestimmte Denk- und Handlungsweisen vonseiten bürgerlicher oder Mittelschichtsfeministinnen werden in ihrer Klassenspezifik aufgezeigt – und kritisiert, zum Beispiel: Rededominanz; Desinteresse an den Lebensrealitäten von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse; die Verschleierung von Reichtum; die Tabuisierung des Themas; abwertendes Verhalten. Gefordert wurden stattdessen Anerkennung und Solidarität.

Ich möchte allen Akteurinnen*, mit denen ich für die Entstehung dieses Buches gesprochen habe, danken: für ihre anti-klassistisches Eingreifen damals und für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen, heute. Ich bin überzeugt davon, dass ihre Interventionen dazu beitragen können, den Umgang mit Klassenunterschieden in aktivistischen Räumen und in sozialen Bewegungen auch heute zu verbessern: indem sie auf Klassismus aufmerksam machen und Inspirationen für Wege der Veränderung liefern.


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Sexualisierte Gewalt: Wer wird gesehen?

10. Januar 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 122 von 127 der Serie Die Feministische Bibliothek


Das Bild davon, wie ein Opfer sexualisierter Gewalt aussieht, wer als Täter in Frage kommt und welche Wege des Umgangs mit der erfahrenen Gewalt akzeptabel sind, kennt nur wenige Nuancen. Opfer sind zumeist cis-weiblich, hetero, weiß und able. Täter sind männlich (und häufig rassifiziert, wie auch die aktuellen Debatten in Deutschland zeigen). Diese Vorannahmen gerade auch in (Mainstream) feministischen Diskursen, haben Auswirkungen darauf, wie Hilfsangebote strukturiert sind, wer Zugang hat, welchen Erzählungen Raum gegeben wird, welche als schädlich gelten und was als „heilende“ Ansätze akzeptiert werden kann. Obwohl LGBTQ Personen von Beginn an elementar waren im „anti-violence movement“ und sich vehement gegen sexualisierte Gewalt einsetzen und Betroffene unterstüzen, sind es oft ihre Erfahrungen, die marginalisiert werden. Die im letzten Jahr erschienene Anthologie Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement herausgegeben von Jennifer Patterson möchte dem etwas entgegensetzen.

Eröffnet wird die Sammlung von River Willow Fagans Essay „Fluctuations in Voice: A Genderqueer Response to Traumatic Violence“. Fagans beginnt:

My voice is probably husky, as I have been crying; either way, my voice sounds like a man’s voice. Her voice, emanating from the phone, is cold. „This number is only for survivors of sexual violence,“ she tells me.
„I know,“ I say. „I’m a survivor.“
„I’m sorry but this number is for people in crisis only,“ she say. „You’ll have to call the business line.“ She sounds angry, as if by calling I have invaded her space […].*

Bereits in diesen ersten Sätzen spiegeln sich einige der fundamentalen Problemfelder wider, die in den folgenden Texten in Variationen aufgegriffen werden: Wer gilt als potentiell betroffen? Wem wird geglaubt? Wer hat Zugang zu Unterstützung?

Insgesamt 36 sehr unterschiedlich positionierte Menschen schreiben in Essay- oder (seltener) Gedichtform über sexualisierte Gewalt. Die Texte sind vier Kapitel untergeordnet: Redefining (Neudefinieren), Reclaiming (Wieder Aneignen), Resisting (Widerstand), Reimaging (Neuvorstellen). Die Kapitelabgrenzungen sind teils etwas wage, aber sie machen deutlich, was das Ziel des Buchs ist: Gewaltformen, zu denen es dominante Vorstellungen gibt, sollen neudefiniert werden, der Blick für Betroffene geschärft werden und genau hingesehen werden, wer Gewalt erfährt, wer Gewalt ausübt, mit welchen Folgen. Die Autor_innen bekommen den Raum ihre diversen Erfahrungen offen zulegen, Fragen zu stellen und Vorschläge zu unterbreiten.

Das Buch versucht dabei nicht dem dominanten Diskurs einen in sich kohärenten Gegendiskurs gegenüber zustellen, sondern Vorannahmen aufzubrechen und Widersprüche stehen zu lassen. So kann in einem Text dargelegt werden, wie die schreibende Person ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt auch dazu beigetragen hat, wie sie ihr Geschlecht und ihre Sexualität wahrnimmt und lebt, und in einem späteren Text der_die Autor_in gegen die Vorannahme, dass sexualisierte Gewalt „Ursache“ für Queerness sei argumentieren. Die Anthologie legt nahe, dass beide – auf der Oberfläche konträr wirkende Aussagen – gleichermaßen wahr sein können. Autor_innen fragen auch, wie mit Täter_innen in der eigenen Community umgehen, die auch mal Opfer waren, wie selbst anerkennen, dass die eigene Erfahrung sexualisierter Gewalt nicht davor schützt selbst gewalttätig zu agieren. Die Sammlung in ihrer Gänze deutlich, dass es nicht immer einfache Antworten gibt, nicht immer eine Lösung, die für alle passend ist. Das zu akzeptieren wird zu einer wichtigen Grundlage, um gegen sexualisierte Gewalt und für Betroffene von dieser Gewalt zu arbeiten.

Queering Sexual Violence: Radical Voices from Within the Anti-Violence Movement ist ein wichtiges Buch: Es repräsentiert marginalisierte Erfahrungen, regt zum immer weiter kritisch hinterfragen ein. Die Vielfalt der Texte ist ein großer Gewinn, auch wenn eine etwas klarere Gliederung im Buch – gerade langfristig zum Nachschlagen – schön gewesen wäre. Viele Autor_innen beschreiben konkret (und teils relativ graphisch) ihre Gewalterfahrungen. Ich zu mindestens musste immer mal wieder Pausen machen beim Lesen – aber das Buch ist es wert.

Zum Weiterlesen:

________

* Übersetzung Zitat: Meine Stimme ist wahrscheinlich heiser, da ich geweint habe. In jedem Fall klingt meine Stimme wie eine Männerstimme. Ihre Stimme, die aus dem Telefon klingt, ist kalt. „Diese Nummer ist nur für Überlebende von sexualisierte Gewalt,“ sagt sie mir.
„Ich weiß,“ sage ich. „Ich bin Überlebende_r.“
„Tut mir Leid, aber diese Nummer ist nur für Menschen in einer Krise,“ sagt sie. „Sie müssen unsere Geschäftsnummer anrufen.“ Sie klingt wütend, als wäre ich durch meinen Anruf in ihren persönlichen Raum eingedrungen […].


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Haben Wollen: Feminist Killjoy-Geschenke

16. Dezember 2016 von Nadia

Feminist Killjoy-Geschenke die man jetzt und nächste Woche und nächstes Jahr noch verschenken kann! Ein paar habe ich schon mit Erfolg weiter verschenkt. Viel Spaß mit Wunsch- und/oder Einkaufsliste meines Vertrauens!

KILL YOUR LOCAL ALPHA MALE

Ein Patch dass nicht nur schön aussieht, sondern auch noch schön erschwinglich ist: Für 3,-€ pro Teil könnt Ihr Euren ganzen Squad ausstatten!

GHOSTBUSTERS-MERCH

Nicht nur ein tolles Geschenk, anscheinend auch eine gute Wertanlage: Die Preise der Mattel-Figuren steigen zum Beispiel rasant. (Ich habe mir Holtzmann als Altersvorsorge zugelegt.)

SCHMUCK VON ELSA P. UNDERWOOD

Elsa macht zwar grad Weihnachtspause, aber man kann ja durchaus auch Gutscheine für ihren tollen Schmuck verschenken! (mehr …)


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der MitSprache-Kongress – wofür fand ich ihn gut?

23. November 2016 von Hannah C.
Dieser Text ist Teil 59 von 59 der Serie Meine Meinung

Und plötzlich war da wieder dieses “Wir” und ich mittendrin. Im MitSprache-Kongress des Betroffenenrates sexualisiert misshandelter Menschen, der vom 18.- 19. November in Berlin stattfand.

Ein “Wir” mit Bewusstsein um die eigene Vielfalt, die eigene Masse, die eigene Geschichte des Aktivismus, der Selbst- und Stellvertretung. Ein emotionales Wir, das Lösungen fordert, um Genugtuung zu erfahren. Um der eigenen Hände Arbeit an, über, mit diesem Thema endlich bald mal beendet zu sehen.
Ein sachliches Wir, das den Schritt von subjektivem, privatpersönlichem Leiden in die Kritik an bestehenden Strukturen, die Leiden mit_verursachen, versucht und zu schaffen glauben will.

Wenn ich jemandem erklären sollte, was denn der Betroffenenrat genau macht und ist, könnte ich nur teilen, was ich bisher verstanden habe. Nämlich,  dass er dem “unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs”(kurz UBSKM) beratend zur Seite steht.
Und, dass ich das gut finden soll, weil ich als früheres Opfer dieser Gewaltform, deshalb ja irgendwie eine Stimme in der Politik habe. Und das ja ist, was ich unter anderem immer so fordere.

Tatsächlich ist es so, dass ich die Mitglieder des Betroffenenrats und ihr nachwievor von zu wenigen beachtetes Engagement schätze. Gleichermaßen erlebe ich jedoch zu wenig kritisiert, dass sich für die politische Widmung des sogenannten „sexuellen Kindesmissbrauchs“ erneut eine Sonderstruktur entlang des politischen Alltagsgeschehen entwickelt hat.

Wie unabhängig kann der UBSKM sein, wenn er innerhalb von Strukturen bestimmt wird, die hierarchisch funktionieren und seine Amtszeit vorgeben? Und wie frei ist ein Betroffenenrat, dessen Auswahl ebenfalls aus einer hierarchischen Struktur hervorging und dessen Arbeit wiederum in einer Hierarchie passiert – oder eben auch nicht passiert?

Und was ist das eigentlich für eine Geschichte mit der Aufarbeitungskommission? Brauchte es diesen Zweig der Elendswirtschaft wirklich noch, um zu beweisen, dass Gewalt an Kindern wirklich das Ding ist, von dem schon so lange von so vielen, auf so viele Arten berichtet, wurde?

Viele konkret Betroffene sind froh darum, dass “endlich mal was da oben ankommt”, dass sich “endlich mal auch Betroffene für die Opfer einsetzen können”. Für viele, gerade ältere Betroffene, die in noch ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen mit ihren Gewalterfahrungen und ihren Folgen umgehen mussten, ist es das große Schweigen brechen. Das Gefühl vor dem Ziel: “Jetzt können “die da oben” uns nicht mehr ignorieren! Jetzt müssen sie zuhören – jetzt muss kommen, was wir schon so lange fordern.”.

Die Frage, warum man sich denn an “die da oben” wendet, obwohl man doch schon so lange ignoriert wurde, ist eine, die ich mich zu stellen gar nicht erst traue. Um so eine Frage zu stellen, muss man enger im Held_innenfilz verwoben und vielleicht auch gleicher sein, als so gleich, wie ich nun einmal bin.

Mit meiner Kritik finde ich mich öffentlich entsprechend auch häufig allein und ich nehme das als gegeben hin.

Es ist einfach auch nicht leicht zu fordern, Kinderrechte mit Elternrechten gleichzustellen, wo sich Adultismus im Campaigning gegen sexualisierte Gewalt an Kindern, so bewährt.
Es ist eine komische Vorstellung, in jedem Menschen immer und überall jemanden zu sehen, di_er für sich und seine_ihre Handlungen mit und an anderen Menschen eine Verantwortung zu tragen hat. Und zwar ausnahmslos und nicht erst dann, wenn etwas passiert ist, wofür die Justiz einen Paragrafen hat.

Es ist schwer für ein für alle gleichermaßen gutes Miteinander zu aktivisten, ohne wiederum selbst hierarchisch  zu agieren.

Es ist so viel leichter, sich an “die da oben” zu wenden. “Die da oben”, die “uns” hätten schützen sollen und genauso versagt haben, wie alle, die “uns” damals ganz konkret hätten helfen können/sollen/hätten müssen.
Es ist leichter, weil es eine Wiederholung ist. Es ist leichter, weil der Fokus auf übergeordnete Instanzen einer ist, den diese unsere ach so freie liberale Demokratie braucht, um sich als Staatsgewalt zu legitimieren.

Ich sage nicht, dass es falsch ist, das zu tun. Ich sage auch nicht, dass es nichts bringt, das zu tun.
Aber ich sage, dass es nicht für die Opfer und zu Opfern gewordenen passiert, die den Schutz und die Genugtuung brauchen, den nur die Menschen und sozialen Strukturen im eigenen direkten Lebensumfeld bieten können.

Ein Staat kann nur die Strukturen bieten und konstruieren, die ein Staat bieten und konstruieren kann. Und diese Strukturen werden niemals so frei, so bedingungslos wirken können, wie es Menschen brauchen, denen etwas geschehen ist, das der Staat als Institution nicht verhindern konnte.

Ich sage nicht, dass bestimmte Gesetzes – und Versorgungsstrukturen zu etablieren so etwas wie Genugtuung verhindert oder Heilung verunmöglicht.
Aber ich sage, dass alle Strukturen am Ende von Menschen gemacht und vertreten werden. Von Menschen, die vor “denen da oben” buckeln und im Zweifel immer immer immer nach unten treten müssen/können/dürfen/sollen/wollen, sobald die eigene Position nicht (mehr) bedingungslos gesichert ist.

Und ich sage, dass Heilung vielleicht nicht ist, was ist, wenn es weniger oder nicht mehr weh tut, dass es überhaupt geschehen ist.

Weshalb besuche ich solche Kongresse dennoch immer wieder?
Weil ich nicht allein bin mit meiner Kritik und das immer wieder in den kleinen Seitenärmchen des Aktivismus finden kann. Weil ich immer wieder Menschen finde, die, eine Tasse Kongresskaffee in der Hand, mit mir darüber nachdenken, wie man für Gewalt sensibilisieren kann. Wie welches Miteinander zu etablieren sein könnte, um staatliches im Sinne von: institutionelles Handeln/Eingreifen/Versorgen unnötig zu machen.
Wie der Umgang mit Gewalt im eigenen sozialen Umfeld gewünscht ist und was es dafür braucht.

Weil ich um ein “Wir” spüren kann, das, wie ich, versucht wertschätzend und lernend zu hören, was Menschen tun, die es anders anpacken (wollen/können/sollen).
Dafür war es gut.

Dafür ist es immer gut, dass Menschen darum kämpfen, dass es so etwas wie diesen MitSprache-Kongress gibt.


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Fat Underground – Aktivismus gegen Dickenhass in den 1970ern

26. August 2016 von Magda
Dieser Text ist Teil 41 von 42 der Serie (Mein) Fett ist politisch

Als Aktivist_in ist es hin und wieder hilfreich, sich mit Geschichte zu befassen: Wir sind nicht die ersten, die auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und andere vor uns haben analysiert, diskutiert und gekämpft.

Eine der Aktivist_innen im Bereich dicker Diskriminierung und Empowerment, die unermüdlich auf aktivistische Geschichte aufmerksam macht, ist die britische Therapeutin und Aktivistin Dr. Charlotte Cooper. Mit ihrer Serie „100 Fat Activists“ stellt sie Akteur_innen, Gruppen, mediale Erzeugnisse etc. vor, um dickenaktivistische Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Kürzlich veröffentlichte sie einen Beitrag über die Gruppe Fat Underground, eine Gruppe von dicken_fetten feministischen Aktivist_innen, die sich Anfang der 1970er Jahren in Kalifornien, USA, gründete. Nun hat Charlotte Cooper ein Video entdeckt und auf YouTube hochgeladen, was hoffentlich nicht so schnell verschwindet.

In dem Video sehen und hören wir die Aktivistinnen von Fat Underground, die u.a. Themen besprechen, die auch heute noch dringlich und aktuell, teilweise verschärft sind: Angesprochen werden Diskriminierung und Ignoranz von Ärzt_innen und engsten Verwandten sowie die US-amerikanische Diätindustrie, die damals nach Aussage einer Aktivistin ein Umsatzvolumen von 16-21 Milliarden Euro pro Jahr hatte (heute bereits über 65 Milliarden).

Spannend am Video sind die Erzählungen der von den Aktivistinnen durchlaufenden Prozesse: Alle berichten von diskriminierenden und demütigenden Erlebnissen (hier auch der Hinweis, dass im Video über den katastrophalen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt berichtet wird). Daraufhin begannen die Aktivistinnen, sich über Körpergewicht, Gesundheit, möglichen Krankheiten und Diäten zu informieren und fanden Studien und Texte, die das ärztliche (Un-)Wissen zu Dicksein in Frage stellte: Die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden sind nicht zwangsläufig vom Gewicht abhängig und Diäten sind weder eine Lösung, noch der Gesundheit besonders zuträglich. So begannen die Frauen Unterstützungsgruppen zu bilden, um sich Wissen anzueignen und sich gegenseitig zu bestärken. Außerdem planten sie Aktionen, zum Beispiel anlässlich des Todes von Cass Elliott, die nach Sicht der Aktivistinnen eines der bekanntesten Opfer der Diätindustrie gewesen sein soll.

Die Aktivistinnen präsentieren Analysen zu den Verschränkungen von Dickendiskriminierung, Kapitalismus und Sexismus. Ein gutes Stück aktivistische Geschichte!

Screenshot Fat Underground

Screenshot des englischsprachigen Films „Fat Underground“ (1979) über die gleichnamige fettpositive und feministische Gruppe. Ein Film von Marge Dean, gefilmt in Los Angeles inklusive einiger Szenen von Shirl Buss von 1975. Mit einem Klick auf’s Bild gelangst du zum YouTube-Video: Dean, M. and Buss, S. (1979). Fat Underground

 


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Wenn die Justiz dich zum Opfer macht #NiUnaMenos

8. August 2016 von Gastautor_in

Stefany ist Latin@ Femme aus Peru und studiert Romanistik und Politikwissenschaft an der Freien Universität in Berlin. Sie lebt seit 14 Jahren in Deutschland, liebt Make Up, malen und Erdbeeren und bloggt auf femmeinista u.a. über Feminitätsfeindlichkeit. Sie ist außerdem bei Instagram und Twitter aktiv. Wir dürfen ihren Beitrag zu den Protesten #NiUnaMenos gegen geschlechtspezifische Gewalt crossposten – vielen Dank!

“Tengo miedo, mucho miedo, qué seguridad puedo tener ahora; esto es muy injusto. No sé cómo va a ser mi vida de hoy en adelante, puedo esperar cualquier cosa de una persona que ha intentado matarme“. – Cindy Arlette Contreras, La República.

(Übersetzung: “Ich habe Angst, große Angst, welche Art von Sicherheit kann ich jetzt haben; das ist sehr unfair. Ich weiß nicht, wie mein Leben von nun an sein wird, ich erwarte alles von einer Person, die versucht hat, mich zu töten.“ – Cindy Arlette Contreras)

Die Angriffe – erlitten von der Peruanerin Cindy Contreras am 13. Juli 2015 – empören das ganze Land. Ein Sicherheitsvideo eines Hotel in Ayacucho erfasst den Moment, indem sie von ihrem ehemaligen Partner geschlagen wurde. Adriano Pozo Arias, ihr Aggressor, wurde zu einem Jahr auf Bewährungsstrafe wegen nicht schwerwiegenden Verletzungen verurteilt und zu S./5,000 Soles (ungefähr €1,300) Schadenersatz.

Auch dieser Fall erlangte mediale Aufmerksamkeit: Lady Guillén wurde 2012 brutal von ihrem Partner geschlagen. Ihr Fall wurde zu einem Symbol für den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Doch trotz der Beweise wurde ihr Angreifer Ronny García so gut wie entlassen – er wurde zu vier Jahren Haft auf Bewährung wegen Verbrechen gegen das Leben, Körper und Gesundheit verurteilt und musste Schmerzensgeld in Höhe von S./ 28,000 Soles (ungefähr €7,500) zahlen.

Feminicidio-2009-2015

Feminicidio Peru 2009-2015 (zum Vergrößern anklicken: PDF)

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