Rechtlosigkeit trifft Fanatismus: Selbstmord-Attentäterinnen im Irak
von Magda
Die Leiterin des Baghdad-Büros der New York Times, Alissa J Rubin, schrieb auf guardian.co.uk einen interessanten Artikel mit dem Titel Inside the Mind of a Female Suicide Bomber, in dem sie die Beweggründe irakischer Selbstmord-Attentäterinnen skizziert.
In den letzten Jahren gelang es anti-amerikanischen Widerständlern immer seltener, geplante Anschläge in die Tat umzusetzen, da auf öffentlichen Plätzen und vor Regierungsgebäuden in Irak auf Grund von sich häufenden Selbstmordattentaten erhöhte Sicherheitsstufen implementiert wurden. Die Tatsache, dass Frauen weniger als potentielle Täterinnen gesehen und demnach seltener auf Sprengstoff untersucht werden, benutzten die Widerständler zu ihrem Vorteil:

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Die weite und bodenlange Abaya, das traditionelle Gewand vieler Irakerinnen, ist das ideale Versteck für Unmengen an Sprengstoff. Auf Verdacht eines Attentats müsste man demnach alle Frauen untersuchen, die dieses Gewand tragen, was bei der verhältnismäßig kleinen Anzahl an den in Irak stationierten Soldatinnen kaum möglich ist. Wie Rubin betont, spielt hier außerdem eine Rolle, dass AmerikanerInnen im Umgang mit irakischen Frauen angeblich eher vorsichtig sind, um die “Sittsamkeit” der Irakerinnen durch Durchsuchungen nicht zu verletzen.
Bisher haben sich rund 60 Selbstmord-Attentäterinnen in die Luft gesprengt und mehrere hunderte Menschen mit in den Tod gerissen. Attentäterinnen bekommen für ihren “Dienst” weniger Lohn als ihre männlichen Pendants. Wie Rubin beschreibt, spielt Rache an den amerikanischen BesetzerInnen und religiöser Eifer eine bedeutende Rolle für Frauen. Die meisten der Attentate fanden im Jahre 2007 und 2008 statt – die Zahlen gingen dieses Jahr insgesamt für Männer und Frauen zurück. Auf Grund der hohen Todesrate der Selbstmord-AttentäterInnen ist es selbstverständlich schwierig, sie zu verhören und ihre Beweggründe zu verstehen.
Rubin’s Annährung an das Thema geschieht über persönliche Interviews mit jenen Attentäterinnen, die gefasst wurden, bevor sie sich und andere in die Luft sprengen konnten. Rubin untersucht die mannigfaltigen Gründe, warum Frauen zu Selbstmord-Attentäterinnen werden und macht darauf aufmerksam, dass diese Frauen eine Geschichte und mitunter ganz spezifische Motive für ihre Taten haben. Wie sie beschreibt, kann das Kennenlernen der Attentäterinnen sogar Sympathie generieren:
Each woman’s story is unique, but their journeys to jihad do have things in common. Many have lost close male relatives. (…) Many of the women live in isolated communities dominated by extremists, where radical understandings of Islam are the norm. In such places, women are often powerless to control much about their lives; they cannot choose whom they marry, how many children to have or whether they can go to school beyond the primary years. Becoming a suicide bomber is a choice of sorts that gives some women a sense of being special, with a distinguished destiny.
(Zu deutsch: “Die Geschichten der Frauen sind einzigartig, aber auf ihrem Weg zum Dschihad haben sie so Manches gemeinsam: Zahlreiche Frauen haben enge männliche Verwandte verloren (…) Viele leben in isolierten Gemeinden, die von ExtremistInnen dominiert sind und in denen eine radikale Auslegung des Islams Norm ist. In solchen Orten sind Frauen oft machtlos und kontrollieren selten ihr Leben; sie können nicht ihren Ehemann wählen, wie viele Kinder sie haben möchten oder ob sie weiterführende Schulen besuchen dürfen. Selbstmordattentäterin zu werden ist eine Wahl, welche Frauen das außergewöhnliches Gefühl eines besonderen Schicksals gibt.”)
Rubin macht demnach darauf aufmerksam, dass Gewalt nicht in einem luftleeren Raum entsteht und der soziale Kontext von Bedeutung ist. So verweist sie auf die missliche Lage, in der sich viele irakische Frauen in überwiegend traditionellen Gemeinden insbesondere nach der amerikanischen Invasion befinden: Wie Ghali Hassan in seinem Artikel How the US Erases Women’s Rights beschreibt, hängt die zunehmende Gewalt gegen Frauen und deren sichtbaren Entrechtung mit dem Einmarsch der US-Truppen zusammen. Obwohl George W. Bush mit Operation Iraqi Freedom zumindest rhetorisch Frauenrechte oben auf der Agenda zu haben schien, haben Mädchen/Frauen heute weniger Zugang zu Bildungseinrichtungen und erfahren häufiger Diskriminierung und Gewalt, da viele moderat liberale Gesetze vom Irakischen Regierungsrat zurückgenommen wurden, welcher im Jahre 2003 von der USA vorübergehend eingesetzt wurde. Dieser Rat wurde von religiösen Hardlinern dominiert, welche die Schari’a an Stelle der vorher herrschenden säkularen Gesetzgebung stellte. Laut Artikel 39 sind IrakerInnen beispielsweise nun der Zivilgerichtsbarkeit ihrer eigenen Religionsgemeinschaft unterworfen, was dazu führte, dass immer mehr Frauen gezwungen wurden, die Abaya zu tragen, welches vor 2003 nur ein geringer Prozentsatz der Frauen tat.
An extremer religiöser Überzeugung scheint es jedoch auch Frauen nicht zu mangeln. Im Interview mit Rubin sagt Baida Abdul Karim al-Shammari, die mit 17 verheiratet wurde und in ihrer Ehe Gewalt erfuhr, folgendes:
I am willing to explode them, even civilians, because they are invaders and blasphemers and Jewish. I will explode them first because they are Jewish and because they feel free to take our lands.
(zu deutsch: “Ich bin gewillt, [AmerikanerInnen] in die Luft zu jagen, selbst ZivilistInnen, weil sie Eindringlinge, Gotteslästerer und Juden sind. Ich werde sie in die Luft jagen, weil sie erstens jüdisch sind und sich ermächtigt fühlen, unser Land wegzunehmen”).
Der spezielle Blick auf die Umstände der Attentäterinnen ist aufschlußreich, dennoch fällt auf, dass im Kontext männlicher Attentäter zwar häufig religiöser Fanatismus und die als von vielen Muslimen unrechtmäßig empfundene amerikanische Besetzung thematisiert wird, aber selten deren persönliche Machtlosigkeit im Mittelpunkt steht, wie Rubin dies für Attentäterinnen herausarbeitet.
In seinem Artikel Inside the Mind of an Iraqi Suicide Bomber schreibt Aparisim Ghosh
(…) the bombers have little or no say in planning their operations. The logistics–choosing targets, checking out the site, preparing the bomb-laden vehicles or vests–are left to field commanders and explosives specialists. It is not unusual for a bomber to be told about the details of a mission mere minutes before launching the attack.
(Zu deutsch: “(…) Die AttentäterInnen haben wenig oder gar keine Entscheidungsgewalt über die Plannung der Attentate. Die wirkliche Plannung – Ziele, Untersuchung der Orte, das Vorbereiten der bombenbeladenen Fahrzeuge oder Westen – wird den Hintermännern und Spezialisten überlassen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Attentäter/eine Attentäterin erst ein paar Minuten vor dem Anschlag von der Mission erfährt.”)
Demzufolge befinden sich auch männliche Attentäter in einem Kontext, in dem sie wenige bis keine Entscheidungsgewalt haben und in der die Befehle ganz klar von oben nach unten gereicht werden. Obwohl sich die Motive von Attentätern und Attentäterinnen auf Grund der unterschiedlichen sozialen Positionierungen von Männern und Frauen in der irakischen Gesellschaft durchaus unterscheiden, scheint es, als wären beide Geschlechter auf ähnliche Weise (wenn auch nicht im gleichen Umfang) vom Einfluß und der Verführung religiöser FundamentalistInnen betroffen, welche von den meist jungen und leicht beeinflußbaren Menschen profitieren, die ihre Befehle ausführen. Die “Sittsamkeit” der Frauen interessiert da wohl niemand mehr, denn sowohl männliche als auch weibliche AttentäterInnen stellen im Grunde genommen lediglich Handlanger jener Gruppierungen dar, die den religiösen Eifer, das Ehrgefühl und die Hoffnung vieler Menschen auf ein besseres Leben im Jenseits instrumentalisieren.
Facebook | | Tags: Frauenrechte, Fundamentalismus, Irak, Islam, Schari'a, Selbstmord-Attentate
Eintrag geschrieben: Freitag, 27. November 2009 um 11:27 Uhr unter Frauenfakten, Mitdenken. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.






