Pronomen ohne Geschlecht

von Gastautor_in

Anna Heger wurde 1978 in Berlin geboren. Xier denkt seit 2009 über alternative deutsche Grammatik nach. Auf xiesem Blog veröffentlicht xier auch emanzipatorische und/oder biographische Comicgeschichten. Manchmal gibt xier Workshops zu Themen aus ihren Szenen: queer-bi-poly-feministisch-trans*. Tagsüber programmiert xier für Geld. Anna Heger lebt seit bald zehn Jahren in München.

Ihr Artikel zu Pronomen ohne Geschlecht, der vor kurzem in Queerulant_in erschienen ist, dürfen wir hier mit freundlicher Genehmigung noch einmal veröffentlichen.

Pronomen brauchen nicht zwangsläufig ein Geschlecht. Ich finde es unsinnig bei jeder Erwähnung eines anderen Menschen das Geschlecht anzugeben. Sächliche Pronomen möchte ich für Menschen nicht verwenden. Ich wollte 2009 also selber die Pronomen ohne Geschlecht festlegen, weil ich damals in der deutschen Sprache keine solchen kannte.

Pronomen ohne Geschlecht kenne ich im Englischen schon viele Jahre: ze, gesprochen wie in dem Wort New Zealand, wird anstatt she|he und hir, gesprochen wie in dem Wort here, wird anstatt von her|his verwendet.

Ze hirself calls hir friend. [deutsche Übersetzung: Sie|er ruft ihren|ihre|seine|seinen Freundin|Freund selber an.]

In Schweden gibt es zusätzlich zu „han“ (er) und „hon“ (sie) das genderneutrale Pronomen „hen“ [1]. Das neue Wort wurde schon 2009 in die in die schwedische Nationalenzyklopädie aufgenommen. Letztes Jahr gab es Diskussionen über das Geschlecht der Pronomen nachdem „hen“ in einem Kinderbuch verwendet wurde [2].

Im Deutschen fehlten mir genau solche Pronomen. Also habe ich zusammen mit anderen [3] welche entwickelt. Um den Überblick zu erleichtern, werden im folgenden die Worte ohne Geschlecht fett und die geschlechterspezifischen Worte durchgestrichen dargestellt.

xier – ein Personalpronomen, statt sie|er
dier – ein Artikel und ein Relativpronomen, statt die|der
xies – ein Possessivpronomen, statt ihr|sein

Das x am Wortanfang wird wie für ein x typisch entsprechend der phonetische Lautschrift [ks] [4] ausgesprochen. Die Pronomen xier und dier reimen sich auf das Wort Tier. Xies reimt sich auf das Wort lies. Die phonetische Lautschrift der drei neuen Wörter ist [ksi:ɐ̯], [di:ɐ̯] und [ksi:z].

So einfach wie im Englischen ist es jedoch nicht, da die Pronomen in die deutsche Grammatik mit ihren vier Fällen passen müssen. Es braucht also 4 neue Personalpronomen. Und 4 Artikel, beziehungsweise Relativpronomen. Und noch 16 Possessivpronomen. Das heißt es gibt 24 neue Pronomen, die und deren Verwendung ich mir merken muss. Es ist eine Alternative nur mit xier, dier und xies loszulegen. Grade beim Sprechen kann ich kreativ entscheiden wie ich die Pronomen ohne Geschlecht in die vorhandene grammatikalische Struktur einpasse.

Egal ob ich kreativ mit 3 Pronomen arbeite oder mir den kompletten Satz von 24 Formen einpräge, ich finde die neuen Pronomen lohnen sich, weil ich endlich Dinge sagen kann, die ich vorher nicht ausdrücken konnte. Die Antwort auf die Frage warum folgt in den nächsten Zeilen.

Wozu genau brauche ich die Pronomen ohne Geschlecht?

Grund 1: Ich will sie verwenden wenn das Geschlecht in einem bestimmten Zusammenhang keine Rolle spielt. Ich finde den generischen Maskulin, also die Verwendung der maskulinen Form als der allgemeinen, sexistisch. Wenn ich im Allgemeinen nicht in der Mehrzahl reden möchte, brauche ich eine neutrale Alternative. Geschlechtsspezifische Pronomen machen jedoch im Rahmen von feministischem Aktivismus sehr viel Sinn. Dort geht es ja um Geschlecht. In vielen anderen Zusammenhängen aber eben nicht.

Grund 2: Es gibt Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen wollen oder können. Pronomen ohne Geschlecht können für Menschen abseits der beiden Pole weiblich und männlich zu mehr Sichtbarkeit führen. Wie beim Unterstrich, _, und dem Sternchen, *, in Substantiven [5] habe ich damit einen weiteren Teil Sprache/Grammatik um über Frauen, Männer und alle Anderen im allgemeinen reden zu können.

Als Zukunftsvision sehe ich Pronomen ohne Geschlecht als Standard, der immer verwendet werden kann. Wenn ich mein Gegenüber besser kenne kann ich nachfragen welches nichtneutrale Pronomen xier gern für sich benutzt. Das nimmt den Rechtfertigungsdruck von den Menschen außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit.

Die Endungen der Pronomen orientieren sich an den Endungen der Fragewörter, _r|_s|_m|_n. Wenn ich die neuen Wörter im richtigen Fall benutzten möchte, muss ich am Anfang sowieso immer für mich nachfragen: wer|wessen|wem|wen. Die Personalpronomen in der dritten Person sie|ihrer|ihr|sie und
er|seiner|ihm|ihn werden mit xier|xies|xiem|xien ergänzt. Zusätzlich zu bestimmten Artikeln die|der|der|die und der|des|dem|den entstehen so dier|dies|diem|dien.

1.Fall: Wer schreibt? Dier Jona schreibt. Xier schreibt.
2.Fall: Wessen schäme ich mich? Ich schäme mich dies Peters. Ich schäme mich xies.
3.Fall: Wem gehört das? Das gehört diem Sarah. Das gehört xiem.
4.Fall: Wen brauchst du? Du brauchst dien Sascha. Du brauchst xien.

Xier ist ein Personalpronomen, das ich brauche wenn ich über Dritte rede. Dier ist ein Artikel und kann auch als Relativpronomen für Nebensätze benutzt werden. Seit ich in Süddeutschland lebe, benutze ich Artikel vor jedem Namen wenn ich über Menschen rede. Ich mag es, weil es eine Nähe zu der Person ausdrückt und es klingt in meinen Ohren freundlicher. Aber es bedeutet auch dass bei jeder Erwähnung eines Namens noch mal klargestellt wird „Die Susanne ist eine Frau“ oder „Der Peter ist ein Mann!“

Mit dem Possessivpronomen wird Besitz oder Zugehörigkeit ausgedrückt. Für die 3. Person der Possessivpronomen wird der Stamm (erster Teil des Pronomens) nach Geschlecht (Genus) der Besitzenden unterschieden, also ihr_|sein_. An diese Stelle tritt xies_, was wie bei den beiden herkömmlichen Formen an den Genitiv (2.Fall) des Personalpronomens angelehnt ist. Die Endungen sind dieselben, die sonst an ihr_|sein_ angehängt werden, je nachdem ob das was jemand besitzt grammatikalisch feminin, maskulin oder neutral ist. Zum Beispiel:

Xier ruft noch xiese Freundin und xiesen Freund.

Außerdem braucht es noch einen weiteren Satz Endungen für den Fall, dass es sich eben nicht um die Freundin oder den Freund sondern um dier Freund* oder dier Freund_in handelt [5]. Die Endungen bei Subjekten ohne Geschlecht leiten sich auch von den entsprechenden Fragewörtern ab: _er|_es|_em|_en [6].

1.Fall: Xieser Freund*, xiese Freundin, xies Freund und xies Kind schreiben.
2.Fall: Xier schämt sich xieses Freund*, xieser Freundin, xieses Freundes und xieses Kindes.
3.Fall: Das gehört xiesem Freund*, xieser Freundin, xiesem Freund und xiesem Kind.
4.Fall: Xier suche xiesen Freund*, xiese Freundin, xiesen Freund und xies Kind.

Nachdem wir damals unsere Pronomen entwickelt hatten, habe ich noch mal gründlicher nach deutschen Pronomen ohne Geschlecht recherchiert. Der Mädchenblog [7] gibt ein Einführung und Übersicht zu alternativen Pronomen ohne Geschlecht. Eine weitere Alternative habe ich bei Esme Grünwald auf dem Blog, High on Clichés, im Glossar gefunden. Es gibt Überschneidungen mit früheren Versionen der Pronomen ohne Geschlecht, außerdem werden weitere Pronomenarten berücksichtigt [8].

Ich denke nicht das Sprache an sich wertfrei ist. Ich denke auch nicht dass es möglich ist sie wertfrei zu verwenden. Eher ist sie Spiegel der Verhältnisse. Veränderte Verhältnisse brauchen eine neue Sprache. Ich finde es gut zu verändern wo es möglich ist und ganz oft werde ich genau dort verändern wollen wo es nicht mehr auszuhalten ist und wo mir etwas fehlt.

Meine aktuellen Pronomen ohne Geschlecht gibt es auf: http://annaheger.wordpress.com/pronomen/.

[1] Link
[2] „Kivi och Monsterhund“, Jesper Lundqvist, 2012
[3] Den ersten Satz Pronomen habe ich 2009 mit Sarah Hill zusammengestellt. Nach Diskussionen mit Liliane Gross, habe ich 2012 den Anfangsbuchstaben von s auf x geändert. Der Buchstabe selbst hat eine Platzhalterfunktion, die gut zu den Pronomen ohne Geschlecht passt.
[4] Die Aussprache wird in eckigen Klammern mit dem Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA) angegeben.
[5] Der Stern ist auch ein Platzhalter und drückt damit Vielfalt aus. Aus Freund|Freundin wird Freund*. Er ist an die Verwendung des * bei Suchmaschinen angelehnt. Beim Unterstrich von Steffen Kitty Herrmann (in “Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung” in arranca! Nr.28) steht der Zwischenraum für die Vielfalt neben der maskulinen und femininen Form zum Beispiel bei Freund_in.
[6] Eine Alternative ist die Verwendung eines anderen Vokals in der Endung. Damit wäre diese stärker von den maskulinen Endungen abgegrenzt: ir|is|im|in (Xiesir Freund*), är|äs|äm|än (Xiesär Freund*).
[7] Link
[8] Link zum Glossar, Link zum Artikel




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 28. Mai 2013 um 9:00 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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19 Kommentare

  1. anna sagt:

    Nur kurz zu Aussprache: Sprecht ihr „xies“ tatsächlich ohne Auslautverhärtung, also mit stimmhaftem s? Das klingt nämlich nicht deutsch und reimt sich auch nicht auf „lies“.

  2. Mae sagt:

    Anmerkung: Im ersten Absatz heisst es bestimmt nicht absichtlich „aus ihren Szenen“, oder? Eine Verwendung anderer Artikel erfordert offensichtlich eine erhebliche Konzentration :-)

    Ich weiß, wer etwas will findet Wege, wer es nicht will, findet Gründe… also los:

    – Mir persönlich gefällt das „x“ nicht – es wirkt auf mich wie ein Fremdkörper, kommt dieser Buchstabe/Laut doch sonst zu Wortbeginn im Deutschen sehr selten vor.

    – Ich finde die Unterscheidung mehrerer Personen / Dinge in Satzkonstruktionen sehr praktisch: „Frau Müller trifft Herrn Meier in der Stadt. Sie hat ihm seine Bücher mitgebracht.“ versus „Xier hat xiem xieme Bücher mitgebracht.“… das funktioniert natürlich nur bei Aktoren, denen unterschiedliche Pronomina zugeordnet sind, dann aber finde ich es sehr angenehm, mehrere Personen in folgenden Sätzen referenzieren zu können. In der Kunstsprache Lojban, http://en.wikipedia.org/wiki/Lojban gibt es dazu anscheinend verschiedene Formen der Referenz – das letzte / vorletzte / drittletzte benannte Objekt – so etwas geht natürlich auch.

  3. Anna-Sarah sagt:

    @anna: Zu einem gewissen Grad mag das Geschmackssache sein, außerdem habe ich manchen anderen Leuten gegenüber den Vorteil, gut Englisch zu können und mit anderen sogenannten Fremdsprachen zumindest klanglich nicht unvertraut zu sein – aber den Einwand „das klingt nämlich nicht deutsch“ finde ich ehrlich gesagt.. hm, ein bisschen lustig ;) Internet „klingt nicht deutsch“, Börek „klingt nicht deutsch“, a propos „klingt nicht deutsch“, Mojito „klingt nicht deutsch“… so könnte mensch ewig weiter machen. Ist das ein Argument gegen die Verwendung dieser Wörter?

    Oder hab ich deinen Punkt falsch verstanden und du wolltest dich nur vergewissern dass die Lautschrift korrekt ist, weil sie so wie sie jetzt ist, eine für die deutsche Sprache untypische Aussprache zeigt?

  4. Saisonale Larve sagt:

    Naja, vielleicht sollte schon darauf geachtet werden, dass sich ein so kurzes und häufig zu verwendendes Wort einfach in einen in deutscher Sprache gesprochenen Satz integrieren lässt.

  5. Koschti sagt:

    Die Sprache darf Frauen nicht unsichtbar machen, allerdings finde ich es auch sehr lästig (und auch hässlich), ständig „der/die“ und Binnen-Is oder Unterstrichkonstruktionen zu machen. Tut mir leid, so sehe ich das. Ich schreibe es zwar trotzdem, weil ich die Notwendigkeit sehe, aber zufrieden bin ich mit solchen Lösung wirklich nicht.

    Viel schöner finde ich es beispielsweise in der englischen Sprache, bei der bei Berufsbezeichnungen gar kein Geschlecht angegeben wird. Alle Vorschläge, die Sprache auf unkomplizierte Art neutraler und ökonomischer machen, finde ich daher großartig.

    So gut ich die Idee neutraler Pronomen finde, mich stört hier konkret das „x“. Dieser eher seltene Buchstabe sieht im Text sehr seltsam aus, und der „ks“-Laut am Anfang eines Wortes klingt für mich auch (gerade in Kombination mit dem „ie“) unschön und fremd in einem deutschen Text. Und ich finde es auch ziemlich schwierig auszusprechen.

    Ich weiß, ich argumentiere hier nur aus der Gewohnheit. Aber Gewohnheit ist nun Mal eine sehr träge Masse. Ich denke, man könnte mehr Akzeptanz für diese Idee gewinnen, wenn man klanglich etwas dichter an unseren bisherigen Sprach- und Hörgewohnheiten bleibt.

  6. Dkl sagt:

    Ich bin imponiert von der theoretischen durchdachten Sprachverwendung, aber ich kann nicht sehen, wie sie angewendet werden soll – oder ist es dafür gar nicht gedacht?
    hen funktioniert auf Schwedisch ja, weil es sich so problemlos in die Sprache einfügt (hier hat das Schwedische gegenüber dem Deutschen auch einige grammatische Vorteile).
    han/hon/hen sind sich ähnlich und gehen alle leicht über die Lippen. Ich sehe den symbolischen Wert des x, aber in der Alltagssprache ist das doch am ehesten ein schriftlich anwendbares Zeichen – und hier stellt sich mir die Frage, wieso man ein Wort erfinden soll, das wahrscheinlich nur so eingeschränkt verwendet werden wird..

  7. Anna-Sarah sagt:

    Ich möchte kurz ermutigend zu bedenken geben, dass es jeder Person unbenommen bleibt, eigene Ideen für sprachliche Interventionen zu formulieren. Es ist ja nicht so als hätte hier jemand irgendein Monopol in Anspruch genommen oder wäre als oberste Behörde für Spracherneuerung mit Befugnissen ausgestattet die sonst niemand inne hätte… Da sich anscheinend bisher alle hier einig sind, dass sexistische Sprache grundlegender Veränderungen bedarf, finde ich es etwas unbefriedigend, bei Argumenten wie „Gewohnheit“, „Ästhetik“, „untypisch“ zu verharren und würde mir stattdessen & statt „man sollte…“ produktivere konstruktive Vorschläge (zu den hier beschriebenen oder anderen Ideen) wünschen.

  8. Selvi sagt:

    ich finde es interessant, dass in den bisherigen kommentaren von „nicht deutsch klingend“ etc gesprochen wird. ich finde es einfach unbewohnt, da ich ein x am wortanfang kaum kenne (in allen 4 sprachen die ich sehr gut kenne). aber sobald man es ausspricht klingt es in ordnung und machbar. Zur zeit wohne ich in der schweiz und es klingt dadurch wieder etwas vertrauter, da hier viel mit „gs“ am anfang eines wortes gearbeitet wird, wie zum beispiel „gsii“ für „gewesen“.
    daher gar nicht so deutsch fremd ;)

    ich finde das konzept äußerst spannend und gut durchdacht.

  9. Selvi sagt:

    ungewohnt natürlich.

  10. anna sagt:

    @anna-sarah: Es geht mir um die Aussprache nicht um „Sprachpflege“. Das Pronomen wurde offensichtlich sorgsam so konstruiert, dass es der deuschen Grammatik entspricht — daher wundert mich, das eine Lautung vorgeschlagen wird, die geschätzte 100% der deutschen Muttersprachler nicht spontan produzieren würden. Mein konstruktiver Vorschlag ist also, xies so auszusprechen, dass es sich auf lies reimt.

    Übrigens klingt „Mojito“ mit behauchtem t in meinen Ohren äusserst deutsch…

  11. Hier gibt’s noch einen Vorschlag: http://keimform.de/2013/freie-quellen-1/ (Tabelle unten beim Artikel, in dem es allgemeiner um Emanzipation geht). Erschienen im Band „Etwas fehlt – Utopie, Kritik und Glücksversprechen“.

  12. Anna-Sarah sagt:

    @anna: I see :) Danke.

  13. […] Hierzu ein Artikel zum Thema “Pronomen ohne Geschlecht” […]

  14. „Ich will sie verwenden wenn das Geschlecht in einem bestimmten Zusammenhang keine Rolle spielt.“ – an diesem Punkt wird es inhaltlich interessant, denn es gibt meiner Ansicht nach wenige Zusammenhänge, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt. Auch bei angeblich „neutralen“ Themen spielt das Geschlecht in Wahrheit allzu oft eine Rolle, wie wir ja seit Simone de Beauvoir wissen. Das Problem ist doch, dass das Männliche sich in der Regel als das Neutrale ausgibt, weshalb das Neutrale eben andersrum dazu tendiert, männlich gelesen zu werden (wie man in fast allen Science Fictions sehen kann, in denen androgyne Wesen vorkommen, die unterm Strich dann doch männlich sind). Das wäre jedenfalls beim Versuch, sprachlich weiterzukommen, zu berücksichtigen…

  15. annaheger sagt:

    Ich finde es gut, dass das x am Anfang der Pronomen Aufmerksamkeit erregt. Das ist der Grund warum mich der Anfangsbuchstabe letztendlich überzeugt hat. Es mag sein, dass es weniger Wörter gibt, die mit x am anfangen als mit d, aber es ist nicht so als würde x nie vorkommen. Und mit Wörtern wie x-beliebig, verhexen, sexistische Kackscheiße und fixieren ist xier doch in guter Gesellschaft. ;o)

    @anne
    Du hast Recht xies wird mit stimmlosen s-Laut ausgesprochen. Das IPA-Zeichen war falsch. Das muss ich detailierter machen, weil sich xies [mi:s] und die gebeugten Formen, z.B. xieser [ksi:zɐ], in der Ausprache des S-Lautes voneinander unterscheiden. Ein besserer Vergleich sind die Wörter mies [mi:s] und mieser[mi:zɐ]. Danke für den Hinweis.

    @anna-sarah
    Danke für den Hinweis, dass xier, xies und dier eine genderneutrale Alterative für Pronomen sind, aber eben nicht die einizige. Ich freue mich über andere Alternativen. Die können so ausführlic sein wie die von @Stefan Meretz oder auch nur aus einem Beispielwort bestehen. Ich bin gespannt.

    @Antje Schrupp
    Ich verstehe was du meinst. Auch die Pronomen ohne Geschlecht könnten wie der generische Maskulin als allgemeine Form verwendet werden, die Frauen und Menschen die weder Frauen noch Männer sind ausblenden. Das muss auf jeden Fall mitberücksichtigt werden. Danke für den Hinweis!

    Ob das x am Anfang da genug entgegen zu setzen hat weiss ich nicht. Ich bin aber optimistisch weil ja Substantive in der Form Arbeiter_in oder Arbeiter* auch oft gut funktionieren. Da steht die herkömmlich männliche Form optisch noch mehr im Vordergrung.

  16. Johanna sagt:

    Ich finde das Konzept sehr spannend und den Ansatz gut, sehe aber ein ungelöstes (vielleicht anders gelagertes?) Problem in der männlichen Grundform vieler Wörter. Mal angenommen ich weiß nicht, wer in Deutschland grade Führungsoberhaupt ist, frage ich dann: Wer ist dier Bundeskanzler? Das würde doch auch bei geschlechtneutralem Artikel sehr maskulin wirken. Die Frage: Wer ist dier Bundeskanzlerin? klingt hingegen eindeutig weiblich. Wäre ein Text wirklich genderneutral, wenn ich von „diem Teamleiter“ in einen Bericht schreibe? Gefühlt wäre das (für mich) vorerst vermutlich nicht so, wobei sich das Gefühl nach einer Weile des Gebrauchs natürlich ändern könnte. Dann müsste man jedoch alle explizit weiblichen Formen (-in) abschaffen und das Geschlecht nur noch über die Artikel regeln, um die Schlussfolgerung des Geschlechtes vom Wort (Substantiv) zu lösen. Was ja durchaus begrüßenswert wäre.

  17. annaheger sagt:

    @Johanna
    Substantive ohne Geschlecht, beziehungsweise Substantive, die für alle gelten, gibt es schon länger. Es haben also eher die Pronomen ohne Geschlecht gefehlt als umgekehrt. Du hast Recht, die gesamte Grammatik muß zusammenpassen. Ich finde das generisch maskuline an vielen sogenannten Grundwörtern auch problematisch.

    Zwei mögliche Formen entsprechende Substantive zu bilden wurden ja schon im obigen Artikel angeführt: Teamleiter_in und Teamleiter*. Ich habe auch schon Teamleit* gesehen. Es gibt auch noch alternative Möglichkeiten: Staatsoberhaupt oder Teamleitende. Aber klar auch bei Substantiven muß ich mir das mit der Endung bei gebeugten Formen überlegen.

    Explizit weibliche und männliche Formen müssen auch nicht abgeschafft werden. Sie werden verwendet wenn es es explizit um jemand weibliches oder männliches geht.

  18. Johanna sagt:

    Die Bezeichnungen Teamleiter_in und Teamleiter* oder Teamleit* funktionieren aber nur geschrieben. Gesprochen helfen sie nicht weiter, da finde ich wirklich neutrale Wörter wie eben Staatsoberhaupt besser. Das erinnert mich ans Englische, wo viele Bezeichnungen ja erstmal keine Rückschlüsse auf das Geschlecht der Person erlauben.

    Mir fehlt übrigens noch ein geschlechtsneutraler unbestimmter Artikel. („Wir suchen zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/einen xyz/xyzin.“)

    Es ist jedenfalls interessant, darüber nachzudenken und es gedanklich durchzuspielen. Was mich besonders an dem Gedanken reizt, ist das Potential schöner geschlechtsneutral geschriebener Texte, die nicht mehr so schlimm nach literarischem Totalschaden klingen. Grade in einem sehr förmlichen beruflichen Umfeld ist das sprachlich nah an unlesbar. (Alle oben angeführten Varianten kommen leider nicht in Frage.)

  19. Tonbandrolle sagt:

    Bezüglich Substantiven ist ja auch der Hack vorgeschlagen worden, dass diese grundsätzlich neutrum sind und im Plural mit einem s gebildet werden. Beispiele: das Lehrer – die Lehrers; das Bundeskanzler – die Bundeskanzlers, das Feminist – die Feminists etc.
    Ich finde das recht gut zu sprechen und angenehm auffällig.
    Grundsätzlich besteht eine absolute Notwendigkeit nach einer neutraleren Sprache. Ich habe z. B. mal in einer Ausstellung ungefähr folgenden Satz gelesen: „XYZ gehört zu den bedeutendsten lebenden Künstlerinnen“. Das ist ein typisches Beispiel für schrottig-kaputte Sprache: War jetzt gemeint, dass XYZ bedeutend unter den Künstlerinnen oder unter den Künstlers ist?
    Auch wichtig wären neue Anreden. Warum muss ich das biologische Geschlecht einer Person kennen, um dieser Person einen Brief zu schreiben?
    Bei der Gelegenheit könnte man auch noch andere Sprachbaustellen angehen, z. B. überlange Komposita, Genitiv und Dativ vereinheitlichen, Groß- und kleinschreibung überdenken. Die deutsche Sprache scheint für viele Sprechers nicht gemacht zu sein und statt diese zu ändern, ist Sprach-Konservativismus weit verbreitet.