Politik mit ‚Bereuen‘ – Von Schwangerschaftsabbrüchen und komplexen Leben

von Charlott

Vor ein paar Wochen wurde eine neue Studie von Wissenschaftler_innen der University of California veröffentlicht, deren Ergebnisse auch schnell den Weg in viele (gerade auch feministische) Medien fand. Im Kern sagt die Studie, dass die über drei Jahre lang befragten Teilnehmer_innen zu 95% ihre Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nicht bereuen. In erster Linie interveniert die Untersuchung also in das Narrativ des vermeintlichen „Post-Abtreibungssyndroms“: Ihre Ergebnisse setzen der Legende, die meisten Personen würden vorgenommene Abtreibungen lebenslang bereuen, deutlich etwas entgegen. Doch stellt sich mir die Frage, ob es langfristig sinnvoll ist, sich überhaupt auf die Debatte rund ums ‚Bereuen‘ einzulassen.

Faktoren für ‚Reue‘ – Stigmata und wenig Unterstützung

Die Studie hat einige Kernpunkte, die sie präsentiert: Die Proband_innen empfanden mit überwältigender Mehrheit ihren Schwangerschaftsabruch als die richtige Entscheidung – auch unabhängig davon, ob die Abtreibung früh oder später im Schwangerschaftsverlauf stattgefunden hat. Diejenigen, denen eine Entscheidung schwerer gefallen war, sind auch diejenigen, die sich unsicherer sind über die Richtigkeit der Entscheidung. Im Allgemeinen aber nehmen über die Zeit sämtliche Gefühle, positive sowie negative, hinsichtlich der Abtreibung ab. Und während nach sechs Monaten die Teilnehmer_innen noch ‚manchmal‘ an den Abbruch denken, dann denken sie nach drei Jahren ‚kaum‘ daran. Die Studie traf auch eine Aussage darüber, was eigentlich weitere Faktoren dafür sind, dass die Befragten von Reuegefühlen berichteten. Zwei Dinge zeichneten sich dabei ab: Negative Gefühle wurde häufiger von denjenigen berichtet, die ein stärkeres Stigma von Abtreibungen in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und von denjenigen, die wenig soziale Unterstützung erfuhren.

Zu den Leerstellen der Studie, schreiben die Wissenschaftler_innen selbst (alle Übersetzungen von mir):

Erleichterung und Fröhlichkeit mögen die relevantesten Gefühle direkt nach der Abtreibung sein und weniger relevant über die Jahre hinaus. Untersuchungen haben insbesondere herausgefunden, dass zu den positven Empfindungen, die Frauen mit der Zeit nach einer Abtreibung rückmelden, Reife, tiefere Selbstkenntniss und gesteigertes Selbstvertrauen gehören. Zusätzlich kann es sein, dass die sozialen Erwartungen, dass Abtreibungen ein etwas emotional Schwieriges sein sollten, dazu geführt haben, dass vermehrt negative Post-Abtreibungs-Gefühle rückgemeldet wurden. Die Teilnehmer_innen zweimal im Jahr über ihre Emotionen zu befragen und darüber, wie häufig sie an ihre Abtreibung denken, kann auch zu einer erhöhten Rückmeldung zu allen Leveln der Ergebnisse geführt haben.

Auch weitere Einschränkungen bei der Aussagekraft der Daten diskutiert das Paper zur Studie bereits, mir aber geht es hier in diesem Text nicht konkret um die Durchführung der Studie, sondern darum, wie mit dem Argument der ‚Reue‘ in der Politik, der Medizin und den Medien gearbeitet wird. Denn dass so viele feministische Publikationen voller Enthusiasmus darüber berichteten, hat ja ebenfalls gute Gründe.

Politiken mit antizipierter Reue

„Argumente, dass Abtreibungen emotionalen Schaden bei Frauen verursachen, werden genutzt um Abtreibungen, inbesondere spätere Eingriffe, in den USA zu regulieren. Doch existierende Untersuchungen sind nicht beweiskräftig,“ heißt es bereits im Abstract zur Studie. Post-Abtreibungssyndrom, welches unter anderem Gefühle von Reue und Schuld, Depressionen sowie Alkhol- und Drogenmissbrauch umfasst, ist das Stichwort.

Unter der Prämisse, dass die betroffenen Personen den Eingriff eventuell bereuen könnten (und dann in Sucht und Depression ‚abstürzen‘), werden immer wieder Gesetze erlassen, die den Zugang zu Abtreibungen ehrblich erschweren – und das natürlich nicht nur in den USA. In Deutschland müssen Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen, zu einer Pflichtberatung. Zwischen Eingriff und Beratung müssen dann nochmals mindestens drei Tage verstreichen. So soll sich die Person auch ganz genau sicher sein. Doch diese vorgeschobene ‚Sorge‘ ist natürlich vor allem eins: Schikane.

Denn in nur wenigen Feldern wird mit möglicher ‚Reue‘ argumentiert. Doch dann, wenn es darum geht, Körper von Frauen und_oder trans Personen zu regulieren, wird plötzlich mit dieser moralischen Erpressung gearbeitet (siehe ebenfalls Debatten über Transitionen von trans Kindern und Jugendlichen). Gegen diesen sehr starken Diskurs (mit all seinen praktischen, handfesten Auswirkungen) versucht die Studie also vorzugehen. Sie versucht nicht nur deutlich zu machen, dass das angeblich so weit verbreitete Post-Abtreibungssyndrom eher ein Mythos ist, sondern zu dem aufzuzeigen, dass vorhandene negative Gefühle auch nicht kontextlos entstehen, sondern gerade auch von gesellschaftlichen Stigmata mit verursacht werden.

Wo bleibt der Raum für komplexe Leben?

Die Überschrift bei ThinkProgress verkündete überschwänglich: „Diese Studie sollte alle Debatten beenden, ob Frauen Abtreibungen bereuen“. Doch warum ist es auch wiederum zu einfach, direkt mit dem Jubeln zu beginnen (ganz abgesehen von möglichen Schwächen der Ergebnisse)? Wer verliert in einem Hin und Her, welches auf „Sie bereuen es!“ vs. „Sie bereuen es nicht!“ fokussiert?

So wie die Debatte derzeit geführt wird, bleibt für Personen, die Abtreibungen prinzipiell befürworten, aber nach dem Eingriff selbst auch negative Gefühle verspüren (aus welchen Gründen auch immer), kaum Raum diese zu artikulieren, ohne dass sie befürchten müssen, den Falschen ™ in die Hand zu spielen oder dass ihnen zu mindestens genau das vorgeworfen wird. Ein ähnliches Dilemma hatte Hannah hier in der letzten Woche beschrieben, als es um die Kritik an Monica Lierhaus‘ Aussage ging, dass sie ihr Leben mit Behinderung als weniger lebenswert empfindet.

Eine ganze Reihe von Entscheidungen können bereut werden – ob es nun deswegen ist, dass die Gesellschaft immer wieder suggeriert, dass du die Entscheidung ja bereuen musst oder aus anderen Gründen. Das Gefühl von Reue muss dabei dann noch nicht einmal unbedingt heißen, dass die Person, wenn sie in exakt der selben Situation noch einmal die Wahl hätte, anders entscheiden würde. Leben(srealitäten) sind komplex. Deswegen hoffe ich, dass wir in feministischen Diskussionen zwar zum einen das Argument der ‚Reue‘ entlarven, aber dabei auch gleich mit deutlich machen, warum – selbst wenn einzelne Personen einer Entscheidung im Rückblick nicht ausschließlich positiv gegenüberstehen – dies nicht bedeuten kann, die Rechte aller einzugrenzen.




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Eintrag geschrieben: Montag, 27. Juli 2015 um 12:00 Uhr unter Familien_politik, Körper, Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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11 Kommentare

  1. Annalina sagt:

    „Negative Gefühle wurde häufiger von denjenigen berichtet, die ein stärkeres Stigma von Abtreibungen in ihrer Gemeinschaft wahrnehmen und von denjenigen, die wenig soziale Unterstützung erfuhren.“

    Wen wundert es? Das ist ähnlich bizarr wie der Diskurs um die hohe Selbstmordrate von Leuten, mit deren Sexualität oder Geschlecht die Gesellschaft nicht klar kommt. Die logische Schlussfolgerung für besorgte Eltern lautet „dann eben verhindern, dass die Kinder so unnormal werden“. Ähnlich klar wie Kloßbrühe lautet die analoge Schlussfolgerung von Abtreibungsgegner_innen „dann eben Abtreibungen verhindern“.

    Sie scheinen einfach in beiden Fällen nicht wahrzunehmen, dass die Ursache der Probleme in ihnen selbst, dem besorgten Bürgertum liegt.

  2. Anna-Sarah sagt:

    Interessant wäre ja auch noch einmal, sich die „negativen Empfindungen“ genaur anzuschauen – hier bei der Studie ging es jetzt spezifisch um „Reue“, aber negative Empfindungen könnten ja z.B auch unangenehme Erinnerungen an den Eingriff/seine Begleitumstände sein, oder Traurigkeit, dass die Entscheidung für einen Abbruch notwendig wurde (ohne die Entscheidung an sich in Frage zu stellen), oder die Erinnerung an daraus resultierende Beziehungskonflikte, usw. All diese Nuancen bleiben ja auch in diesen Diskursen oft außen vor, weil es ja bei Abtreibung natürlich nur um „Reue“ gehen kann – siehe der Passus im Artikel oben, wo es um die Verunmöglichung von offener Thematisierung eventueller unangenehmer Erfahrungen/Empfindungen geht. Und dass die zitierte Untersuchung ihrerseits Leerstellen hat, steht dort ja auch. Danke für den wichtigen Artikel, Charlott.

  3. Nicola sagt:

    Danke für diesen Artikel. Das Thema „Reue“ steht bei Abtreibungen tatsächlich seltsam stark im Vordergrund. Als wären Frauen nicht in der Lage eine Entscheidung (und es gibt ja auch andere schwerwiegende Entscheidungen im Leben, z.B. schwanger zu werden, zu heiraten, ein Hause zu kaufen, ein Studium abzubrechen, sich von Partnerinnen zu trennen) zu fällen, ohne sie ein paar Wochen später schon so bereuen, dass sie dabei sogar eine PTBS entwickeln. Trotzdem gibt es natürlich auch Entscheidungen, die man bereut. Und oft gibt es Unsicherheiten und nur eine 90%-Sicherheit und ein kleiner 10%-Rest von „was wäre gewesen wenn“. Aber auch damit lässt es sich leben. Das Problem ist veilleicht die Dramatisierung des Ganzen, so dass es nicht mehr möglich ist, auf einzelne Geschichten zu hören, wo es die verschiedensten Gefühle geben kann, von Trauer ohne Reue, über totale Erleichterung bis zu Reue und Angst, nie mehr schwanger werden zu können. Die Stigmatisierung des Themas macht es für Betroffene schwierig darüber zu reden und es ist viel Platz für Spekulationen und Behauptungen.

    Für mich war und ist nach der Abtreibung vor allem schwierig, zu wissen, dass mich manche Menschen für diesen Schritt verdammen (und Reue erwarten). Ich selbst weiss, dass die Entscheidung richtig war, sich auch heute noch richtig anfühlt.

  4. Pogopuschel sagt:

    Ich höre dieses Reue-„Argument“ ständig in Bezug auf meine Entscheidung keine Kinder haben zu wollen. Das steigert sich dann immer von „Warte doch mal ein paar Jahre.“ zu eben diesem extremen, vorwurfsvollen Reue Gelaber, spätestens sobald man das Wort „Sterilisation“ in den Raum wirft.
    In dem Fall denke ich mir auch immer, dass es so ungeheuer viele Sachen gibt, die man bereuen kann (siehe Nicolas Kommentar).
    Und auch hier schränkt die ach so große Reue die eigene Freiheit massiv ein.
    Sterilisation ab 18, ja, aber die Ärzte weigern sich einfach.
    Tja, als Frau muss man einfach Kinder bekommen und die Zeitbombe tickt. Und wenn man dann doch ein Kind hat, dann muss man bereuen, dass man in den ersten Jahren arbeiten geht und nicht jeden klitzekleinen Fortschritt direkt mitbekommt..

  5. Nicola sagt:

    Och, bitte mach doch mal jemand ne Studie mit Männern, wie sie sich nach dem Schwangerschaftsabbruch fühlen. (Denn: Zum Kinder machen gehört ja immer noch ein Mann.)

    Reue? Schuldgefühle? Vielleicht war das die letzte Chance Vater zu werden? Erleichterung? Fühlen sie sich jetzt reifer? Tiefere Selbstkenntnis und gesteigertes Selbstvertrauen?

  6. Tina sagt:

    Wie Du schon angesprochen hast, erlebe ich diesen Diskurs ähnlich zu dem bzgl. medizinischer (Geschlechts-)Transition. Da gibt es auch oft jahrelanges Gatekeeping, um „Reue“ zu verhindern, das im Wesentlichen von den „Betroffenen“ auch einfach als Schikane erlebt wird.

    Und bei den bereuenden Personen ist nach meiner Einschätzung auch gesellschaftliches Stigma der Hauptgrund für die Reue.

  7. Jane sagt:

    Manche bereuen mit Sicherheit auch, ihre Kinder bekommen zu haben..

  8. Nicola sagt:

    @Jane, ja und das kann dann für alle Beteiligten noch viel schlimmer sein.

    Könnt ihr meinen letzten Kommentar noch frei schalten? Der war ironisch gemeint.

  9. Charlott sagt:

    @Nicola: Ich hatte mir das schon gedacht, war aber etwas verwirrt und wollte noch beim Freischalten nachfragen, aber dann hat sich das ja geklärt. (Geschriebene (aber eigentlich auch gesprochene) Ironie/ Sarkasmus ist halt immer so eine Sache.)

  10. Pogopuschel sagt:

    @Jane
    Ja, aber das darf man ja nicht sagen, auch wenn die Aktion letztens diesbezüglich zumindestens ein bisschen Hoffnung gegeben hat.

    @Nicola
    Auch wenns ironisch gemeint war, aber bei Männern interessiert das echt niemanden.
    Da ist es eher Klischee, dass die ihre Hochzeit bereuen, weil sie ja so eingeengt sind und bla.

  11. Jolene sagt:

    Super Artikel!

    @Pogopuschel: Da kann ich mich dir nur anschließen. Die gleiche Beobachtung mache ich auch immer wieder… Es ist schon interessant, was als Verhaltensnorm akzeptiert ist und was nicht.