Pitch Perfect 2: A-Ca-müsant, A-Ca-usbaufähig

von accalmie
Dieser Text ist Teil 19 von 26 der Serie Die Feministische Videothek

[Inhaltshinweis: (Milde) Spoiler für Pitch Perfect 2]

Bridesmaids, The Heat, Pitch Perfect (und nun offenbar auch Mad Max) – Hollywood-Blockbuster, in denen Frauen nicht nur die Hauptrollen spielen, sondern auch andere Interessen als die Jagd nach einer heterosexuellen romantischen Zweierbeziehung haben, sind noch immer eher spärlich gesät. Der erste Teil von Pitch Perfect, der sich um die Frauen-A-Capella-Gruppe „Barden Bellas“ dreht, kam 2012 ins Kino und wurde zum unvermuteten Hit. Pitch Perfect 2, der am 15. Mai anlief, setzt letztlich da an, wo der erste Film aufhörte.

Die Barden Bellas haben mittlerweile drei nationale Titel für ihre Sangeskünste gewonnen und stehen wieder auf der Bühne. Fat Amy (dargestellt von Rebel Wilson) hat eine, nun ja, „Wardrobe Malfunction“ bei einem Stunt und zeigt der Welt was passieren kann, wenn man keine Unterwäsche trägt und die Hose reisst. Die Barden Bellas sollen daraufhin aufgelöst werden, es sei denn – und man hinterfragt die Logik hier am besten einfach nicht – sie gewinnen den internationalen A-Capella-Wettbewerb in Kopenhagen und werden Weltmeisterinnen. Wie man sich denken kann, passieren auf dem Weg nach Kopenhagen lustige Dinge, Probleme müssen gelöst und Lieder und Choreographien einstudiert werden, und darüber hinaus stellt sich für jede Barden Bella die Frage, wie es nach dem College-Abschluss weitergehen soll.

Quelle: Wikipedia.

Quelle: Wikipedia.

Während sich das Narrativ im ersten Teil noch stark an der Ent­wick­lung von Beccas (dargestellt von Anna Kendrick) und Jesses Be­zieh­ung orien­tier­te, spielen die ro­man­ti­schen Be­ziehun­gen der Bar­den Bel­las in Pitch Perfect 2 eine er­fri­schend ne­ben­säch­li­che Rol­le. Gezeigt werden vor­nehm­lich die Un­ter­stütz­ung durch Be­­­zieh­­ung­s­­­part­­­­ner und die un­be­darft-über­for­der­ten Ver­­­su­­che Ben­­jis, mit der Barden-Bella-Nach­wuchs­sänger­in Emi­­ly zu flir­­­ten, bis die­­­se selbst die Ini­­­tia­­ti­­­ve er­­­greift. Im Zen­­­trum stehen aber im­­­mer die Be­­­zieh­­ung­en der Bar­­­den Bel­­­las zu­­­einan­­­der und Fra­­­gen der per­­­sön­­­li­­chen (Weiter-)Ent­­wick­­­lung. Den Bechdel-Test besteht Pitch Perfect 2 also wieder mit Leich­tig­keit. Pitch Perfect 2 wurde zudem von Frauen ge­schrie­ben und pro­du­ziert, und Eli­za­beth Banks (die die Kommentatorin Gail spielt) führ­te Regie.

Pitch Perfect 2 ist lustig: Die deutsche A-Capella-Gruppe und größte Barden-Bella-Konkurrenz „Das Sound Machine“ wurde zielsicher mit Youtube-Sternchen Flula Borg besetzt und hart akzentuiert, und auch sonst geben sich einige bekannte Gesichter die Ehre, angefangen von Keegan-Michael Key, John Hodgeman und David Cross über diverse Greenbay Packers-Spieler und Snoop Dogg, hin zu Christina Aguilera, Robin Roberts, Rosie O’Donnell und Rosie Perez. Es beweist sich ebenfalls erneut, dass Witze über Deutschland immer ziehen und dass es amüsant bleibt, Uncoolness liebevoll in Szene zu setzen. Pitch Perfect 2 tut gut daran Fat Amy stärker in den Mittelpunkt zu rücken, und Sexismus und Misogynie werden auch in dieser Fortsetzung persifliert.

Genau hier zeigt sich aber das übliche Problem: Das allein reicht nicht. Bei Think Progress hat Jessica Goldstein schon beschrieben, warum „racism for comic relief“, also der Einsatz von rassistischen Witzen und Klischees, auch in Pitch Perfects Fortsetzung in die Hose ging. Ich hoffte beim Gucken immer wieder, dass diese Witze irgendwann aufgelöst würden – also, dass ein Charakter einen solchen lakonisch kommentiert, dass irgendwann peinlich berührte Stille herrscht in einer Szene oder durch eine Aktion das Gegenteil des Gesagten bewiesen wird. Bei Sexismus-Satire, die Pitch Perfect (beide Teile) ganz gut drauf hat, funktioniert das ja auch. Hier bleibt Flo (dargestellt von Chrissie Fit), die neue Barden Bella aus Guatemala, allerdings ein rassistisches Latina-Klischee, die ausschließlich und allein für komödiantischen Effekt von ihren Fluchterfahrungen erzählen darf. Auch Lilly (dargestellt von Hanna Mae Lee) muss weiterhin die leise, schüchterne, aber heimlich kampferprobte und leicht angsteinflößende asiatisch-amerikanische Barden Bella mimen. 

Pitch Perfect 2 versucht weiterhin mit Hetero-Klischees zu spielen, doch bleibt die Darstellung romantischer Beziehungen heteronormativ. Cynthia Roses (dargetellt von Ester Dean) Verlobte wird lediglich in einem Nebensatz erwähnt und niemals vorgestellt. Die Witze über mangelnde Norm-„Weiblichkeit“ von Lesben bleiben ebenso problematisch und unaufgelöst wie die sich wiederholende Darstellung von Übergriffigkeit durch Cynthia Rose als der Schwarzen Barden Bella, die ihre Lust nicht unter Kontrolle hat. Die Entwicklung der Nebencharaktere kommt in Pitch Perfect 2 also erneut viel zu kurz. Eine antisemitische Bemerkung bezüglich Juden_Jüdinnen und Reichtum konnten sich die Filmemacherinnen ebenfalls nicht verkneifen. Satire ist dann eben keine Satire, sondern Vorurteilsreproduktion, die nach unten tritt. They could have finished that like a cheesecake. Doch somit ist Pitch Perfect 2 bezüglich Diversity und Abkehr von weißem, heterosexuellem Universalismus nicht weit gekommen, weder in der Besetzung des Films noch im Drehbuch.

Zuletzt kommt Pitch Perfect 2 auch nicht umhin, Fat Amy immer noch als dicke Lachnummer einzusetzen. Das Fatshaming hat seinen Höhepunkt bereits in der ersten Szene, aber auch danach kommt der Film nicht ohne die ständig auf Gags ausgelegte Inszenierung von Amys Körperform aus. Die Kussszene zwischen ihr und Bumper endet ebenfalls im „comic relief“. Dass eine dicke Frau sowohl mit ihrem Körper als auch ihrem (Liebes-)Leben zufrieden sein könnte, sich als begehrenswert empfindet und so empfunden wird und eine Liebes- und_oder sexuelle Beziehung führt, die nicht (nur) für Publikumslacher dient, ist offenbar unvorstellbar und damit eine Quelle für Komik; dabei ist Fat Amys und Bumpers Beziehung letztlich die zentrale Liebesbeziehung des Films. Fat Amys Sexleben als genauso selbstverständlich darzustellen wie das der nicht-dicken_fetten Freundinnen – dazu reicht es auch in Pitch Perfect 2 nicht. Rebel Wilson spielt darüber hinweg.

(Pop-)Kultur heißt fast immer Problematiken in Kauf nehmen und (mit sich und anderen) verhandeln zu müssen, was und wie viel davon erträglich ist. Bestimmte Filme werden auch nochmal besonders kritisch beäugt. Pitch Perfect 2 macht trotz allem Spaß, was auch daran liegt, dass der Film beim alten Rezept bleibt. Die Protagonistinnen zeigen echte Freund_innenschaften. Der Humor des Films (inklusive der Wortspiele) ist zugänglich, man schaut zumeist charmantes Wohlfühlkino und die Musik und Choreographie reichen von unterhaltsam bis richtig gut. Wenn Blockbuster, dann bitte keine androzentrischen: Pitch Perfect 2 ist dafür auf alle Fälle ein Beispiel, geht es im Kern doch um Schwesternschaft und die Anerkennung und Zelebrierung von Individualität. Das ist A-Ca-ltbewährt.




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Eintrag geschrieben: Montag, 18. Mai 2015 um 9:02 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Turtle sagt:

    Was mich an Pitch Perfect nach wie vor stört, dass nur die dicke Frau einen „Qualifier“ braucht. Nur Amy ist „Fat Amy“. Becca ist ja auch nicht „Thin Becca“. Wenn der Tag mal kommt, an dem Amy einfach nur Amy ist und eben nicht als Comic Relief genutzt, dann nehme ich solche Filme auch ernst. Mit Melissa McCarthy ist das ja leider oft genauso. Still a long way to go…..