Persönlich, lebendig – und streitbar. Perincioli über die Westberliner Frauenbewegung

von Julia
Dieser Text ist Teil 111 von 118 der Serie Die Feministische Bibliothek

Rezension zu: Cristina Perincioli: „Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb

Fünf Jahre, die es in sich hatten: Christina Perincioli, Filmemacherin, lesbisch-feministische Aktivistin der ersten Stunde, rollt in ihrer Buchveröffentlichung die ersten Jahre der Westberliner Frauen- und Lesbenbewegung auf, von 1968 bis zur Gründung des Berliner Frauenzentrums 1973. Es ist ein persönlicher, spannender und durchaus streitbarer Ritt durch die bewegten Anfangsjahre. Was in diesen Jahren geschah, ermöglichte oder prägte die kommenden Bewegungsjahrzehnte: erste Politisierungen im Umfeld der Linken und die massiven Konflikte mit linken Männern; die Entstehung autonomer Frauen- und Lesbengruppen; die Entwicklung neuer Politik-, Lebens- und Aktionsformen; Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, von Klassenkampf und Feminismus, von lesbischen und heterosexuellen Feministinnen.

Zentrale Thesen, wichtige Informationen und detaillierte Einblicke liefert das Buch vor allem in Bezug auf zwei Aspekte. Zum einen ist es die zentrale Rolle von Lesben bei der Entstehung der Berliner Frauenbewegung. Früh haben sie sich in ersten Gruppen organisiert und Vorstellungen und Formen der Politik entwickelt, die für die Frauenbewegung typisch werden sollten. Zum anderen sind es die Unterschiede und Konflikte zwischen feministisch-autonomen Feministinnen einerseits, sozialistisch organisierten Frauengruppen andererseits, auf die Perincioli vielfach zu sprechen kommt. Es ist kein versöhnlicher oder vermittelnder Ton, den die Autorin den Sozialistinnen gegenüber rückblickend anschlägt: Kritiken von damals – an Theorie-Schulungen, hierarchischen Organisationsformen, Erfahrungsferne – werden mit Verve vorgetragen. Von Ausgewogenheit keine Spur. Dies ist insofern unbefriedigend, als die Gründe für die Organisierung in sozialistischen Gruppen, die Anliegen der beteiligten FrauenLesben, die stattgefundenen Diskussionen und Konflikte hinter einer Pauschalkritik verschwinden, die weder Verstehen noch Ambivalenzen zulässt.

Das reich bebilderte Buch changiert zwischen autobiografischer Erzählung, Sachbuch, Fachbuch und Quellensammlung. Diese Genrevielfalt führt zu einem durchaus lebendigen und authentischen Leseerlebnis. Als eher problematisch erweist sich jedoch die Art und Weise, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Grundlegende Analysen und starke Thesen, autobiografische Erinnerungen, Zeitdokumente und ausführliche Zitate feministischer Aktivistinnen stehen häufig eher unvermittelt und ohne Erläuterungen nebeneinander. Insbesondere Leser_innen ohne Vorwissen dürften sich hier und da eher ratlos denn informiert fühlen: Ist diese oder jene Erfahrung bewegungs-, zeit- oder etwa berlintypisch, oder stellt sie eher eine Ausnahme dar? Gilt diese oder jene These in der Forschung oder unter Aktivistinnen als unstrittig, ist vielfach bestätigt – oder ist sie ganz im Gegenteil heftig umkämpft? Was dem Buch gutgetan hätte, wäre eine stärkere bewegungsgeschichtliche Einbettung, die den Leser_innen Werkzeuge an die Hand gegeben hätte, das Gelesene einzuordnen – oder aber eine konsequente Umsetzung einer autobiographischen und persönlichen Perspektive.

Dass es sich um ein sehr persönliches Buch handelt, genau darin liegt seine Stärke. Perincioli beschreibt ihre Politisierung und ihren Weg in die Frauenbewegung, angetrieben durch ihre Wut auf eine lesbenverachtende Gesellschaft, ebenfalls durch den massive Sexismus, den sie von Seiten linker Männer erfuhr. Sie beschreibt den Bewegungsalltag, den Umgangston, die Konflikte und Zerwürfnisse in Gruppen und Strömungen, sie selbst mittendrin. Die damalige Begeisterung und Aufbruchstimmung, aber auch Konflikte, Abgrenzungen und Wut werden nachfühlbar.

So ist »Berlin wird feministisch« den erwähnten Schwachstellen zum Trotz ein durchaus lohnenswertes Leseerlebnis, das dazu einlädt, in die turbulenten Anfangsjahre der feministischen Bewegung nach 1968 einzutauchen.

Erstmalig erschienen in der Jungen Welt. Zum Weiterlesen und -gucken: Ein Generationendialog von Cristina Perincioli und Magda Albrecht.




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Eintrag geschrieben: Montag, 26. Oktober 2015 um 10:24 Uhr unter Aktivismus, Geschichte. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Oskar sagt:

    Es ist einiges kaputt gegangen im Laufe der 90ger was die 68er noch als dauerhafte Verbesserung durchsetzen wollten. Das liegt sicher auch daran das die Akteure im mit Ex-Nazis durchsetzten und konservativen Deutschland aufwuchsen und sozialisiert wurden. Da ist auch die Größe der Sexismusproblematik innerhalb der radikalen Linken nicht verwunderlich. Das Problem gibt es leider immer noch und mit dem Absterben der pro-feministischen Männerbewegung in den 90gern ist es denke ich eher wieder schlimmer geworden (dazu sei gesagt das ich die Zeit vorher nicht beurteilen kann weil zu jung) weil der Raum zu kritischen Reflektion des eigenen Rollenbildes für Männer sehr klein ist. Das ist natürlich auch für die Frauenbewegung als solches von Nachteil weil sie Gefahr läuft sich am Bewusstsein vorbei zu entwickeln ohne selbst Schuld daran zu sein. Außerdem sind deutlich schlechtere, weil häufig reaktionärere Ideologien aus dem Umfeld des Maskulinismus an die Stelle der fortschrittlichen Männerbewegung getreten.
    Auch der sich auf die Ökonomie beziehende „proletarische Feminismus“ ist heute meines Wissens nach nur noch bei sehr wenigen Gruppen Inhalt (was schade ist weil das für mich DER relevante Punkt ist wenn es darum geht Feminismus massenwirksam zu machen)
    Was aber auf jeden Fall in der 68er Bewegung passiert ist und was sich bis heute gehalten hat ist eine deutliche Liberalisierung der deutschen Gesellschaft die es erst möglich macht das heutige, bessere Ansätze auf fruchtbaren Boden fallen können
    Naja, ich denke über die 68er kann man trefflich diskutieren, hochrelevant sind sie auf jeden Fall, einmal wegen der Veränderungen die bewirkt wurden und des weiteren wegen der Möglichkeit zur Analyse von Vorgehensweisen der sozialen Bewegungen in der BRD.

    Zum Buch an sich sei gesagt, dass mich das einfache erwähnen von Fakten als mit Sozialwissenschaften Beschäftigter hellhörig werden lässt, meistens werden dann Scheinkorrelationen aufgezeigt oder Zusammenhänge anders falsch (oder eben gar nicht) dargestellt
    Nicht umsonst gilt ein solches Vorgehen in dem Fachbereich als wissenschaftliche Todsünde.
    In Kombination mit der von dir heraus gelesenen „Pauschalkritik“ würde das eher gegen das Buch sprechen.
    Zumindest sollte beim lesen dann aber beachtet werden das sich das Buch auf keinen Fall als „Geschichtsbuch“ eignet aber sicher als (wertvolle?) Primärliteratur im historischen Sinne.

    Auf jeden Fall Danke für den Artikel

  2. Julia sagt:

    Hallo Oskar, danke für deinen Kommentar!
    Das Buch ist als Geschichtsbuch tatsächlich mit Vorsicht zu genießen bzw. braucht es wie gesagt Vorwissen oder weitere Publikationen, um das Geschriebene einordnen zu können. Das Schreiben ausgehend von eigenen Erfahrungen, Beobachtungen etc. halte ich gleichzeitig für sehr wertvoll und prinzipiell für unverzichtbar, wenn es um die Aufarbeitung sozialer Bewegungen geht.