Black History Month, Straßenumbenennungen und sichere Herkunftsstaaten – kurz verlinkt

2. Februar 2017 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

Februar das ist Black History Month. Über den ganzen Monat verteilt gibt es spezifische Veranstaltungen, z.B. in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main.

Der Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße sollen in Berlin endlich (!) umbenannt werden. Die BVV bittet bis zum 25. Februar um Namensvorschläge. Dabei ist gewünscht, dass „Persönlichkeiten – insbesondere Frauen – der (post-) kolonialen Befreiungs- und Emanzipationsbewegung aus Ländern Afrikas“ geehrt werden.

Der Mitbegründer der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP), Biplab Basu, spricht in der ak – analyse und kritik über rassistisch motivierte Polizeikontrollen und wie Rassismus und Gewalt gegen Frauen gegeneinander ausgespielt werden.

Der Anne-Klein-Frauenpreis wird an die südafrikanische Frauenrechtlerin Nomarussia Bonase ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 03. März statt.

Im Missy Magazine untersucht Peggy Piesche die Vorstellung, dass die „Rache des weißen Mannes“ Trumps Wahlerfolg erklärt, und wie diese auch einhergeht mit Entsolidarisierungs-Tendenzen und der Normalisierung weißer Herrschaftsansprüchen.

Tamara Bakovic Jadzic, Aktivistin im Roma Forum Serbiens und Teil des Linken Bündnisses Serbiens, spricht im Interview mit ak analyse und kritik über das problematische Konzept „Sichere Herkunftsstaaten“. Im Februar ist sie in Deutschland unterwegs um über die neue Broschüre „Von wegen sicher. Das Konzept der sicheren Herkunftsstaaten in der Kritik.“ zu sprechen.

Die Schriftstellerin Aslı Erdoğan war 132 Tage in einem Frauengefängnis in Istanbul inhaftiert. In der FAZ spricht sie über ihre Erfahrungen, Frauensolidarität und Widerstandsakte.

englischsprachige Links

Im Podcast beim Guardian: „Kary Stewart looks at how feminists are championing women’s rights across the continent and beyond, and examines what is at the heart of gender inequality“.

Jina Moore schreibt bei Buzzfeed über die neue Gesetzesentscheidung in Russland, die „geringfügige“ Gewalttaten in Familien (häusliche Gewalt) entkriminialisiert.

Shooter Behind Quebec City Mosque Attack is Radical White Nationalist„, stellt Democracy Now! klar. Die New York Times erinnert an die sechs Opfer des Anschlags.

Termine

02.02. in Hamburg: Workshop „Queerkommunistische Beziehungsformen“ von 14 bis 18 Uhr mit Bini Adamczak. Anmeldung unter: ich@anti-id.de.

05.02. in Hamburg: Workshop zu „Geschlecht im Kapitalismus„.

17.02. in Berlin: Fachgespräch: „Wer hat Angst vor Geschlechterforschung? Strategien für ein Forschungsfeld unter Druck„. Anmeldung bis zum 14.02. über die Webseite.

21. bis 25.02. in Stuttgart: meccanica feminale findet statt mit einer ganzen Reihe von Kursen, einige gehen einen Tage, andere eine halbe Woche.

4. März in Köln: Ab jetzt ist eine Anmeldung möglich: #body*talk. Rollenbilder, Schönheitsdiktate und Empowerment im Netz.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Ein Buch nach dem anderen: Schwierige Frauen

31. Januar 2017 von Charlott

Kurzrezensionen

Der Januar hat einige großartige neue Bücher toller Autor_innen mit sich gebracht. Ich möchte heute vier besprechen, die mich zum Denken angeregt und unterhalten haben, und die ich euch gern ans Herz legen möchte. Alle vier Bücher sind auf Englisch publiziert und da sie erst innerhalb der letzten Wochen herauskamen noch nicht in Übersetzung erhältlich. Ich hoffe aber, dass sich das noch ändern wird.

03. Januar: Roxane Gay: Difficult Women
Schnell werden Frauen als „schwierig“ abgestempelt, sobald sie etwas lauter sind, Meinungen haben und vertreten, als zu kühl gelten, als Menschen mit zu vielen Problemen, einfach zu viel. Gay wertschätzt genau diese Frauen und gibt ihren „schwierigen“ Protagonistinnen Geschichten, die sie als komplexe Persönlichkeiten auftreten lassen. Ihre Charaktere versuchen in einer rassistischen patriarchalen Welt zu Recht zu kommen und werden dabei häufig verletzt, Themen wie sexualisierte Gewalt und der Tod von Kindern sowie Fehlgeburten tauchen wiederholt auf, aber Gays Frauen erkunden auch unterschiedlichste Umgangsmechanismen (einige davon sicher nicht unschuldig an ihrem Label als „schwierig“), Solidarität und Liebe. Und obwohl viele der Geschichten erst einmal trostlos scheinen, so gibt es doch immer einen Hoffnungsschimmer. Gays distinkte Erzählstimme verbindet die unterschiedlichen Kurzgeschichten – die zwischen realistisch und phantastisch chargieren.
Die einzelnen Geschichten sind jeweils sehr gut, wenn eine die Sammlung allerdings direkt hintereinander liest fallen einige Wiederholungen auf (vor allem bei den – häufigen – Beschreibungen von (vor allem hetero) Sex.

05. Januar: Chibundu Onuzo: Welcome to Lagos
Chibundu Onuzo wurde 1991 geboren und „Welcome to Lagos“ ist bereits ihr zweiter Roman. Nicht nur hat das Buch eines der schönsten Cover des Jahres (ja, ich lege mich da gern schon jetzt fest), sondern auch ein Roman geschrieben mit überbordener Erzählfreude voller Spaß und wundervoller Charaktere. Die Geschichte beginnt im Niger Delta, wo der Armee-Offizier Chike Ameobi gemeinsam mit dem Gefreiten Yemi desertiert. Auf ihrer Flucht treffen sie zunächst auf Fineboy, der den Rebellen angehört aber eigentlich nur davon träumt ein berühmter Radiomoderator zu werden und dann auf Isokan, eine junge Frau, die bei einer Attacke von ihren Eltern getrennt wurde. Auf ihrer gemeinsamen Reise gen Lagos begegnen sie noch Oma, die aus einer wohlhabenderen Familie kommt, aber vor ihrem gewalttätigen Ehemann flieht.
Mit der Ankunft in Lagos werden aber nicht alle Probleme der Charaktere gelöst, eher im Gegenteil, denn die Stadt ist groß und auf die Füße zu kommen ist nicht einfach. Die fünf einander Fremden aber halten zusammen, unterstützen sich und lernen mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen umzugehen. Und dann gibt es da ja noch Chief Sandayo, Bildungsminister, der mit 10 Millionen durch gebrannt ist und Ahmed Bakare, dem Gründer einer Tageszeitung, die zwar kritisch berichtet aber täglich Abonennt_innen verliert. In dem Roman werden Themen wie sexualisierte Gewalt, Gewalt in Beziehungen, Gewalt durch Militär, Korruption, koloniale Geschichte, Armut aufgegriffen, doch unterscheidet sich Onuzos Ton und die Art der Geschichte, die sie erzählen möchte, von vielen Büchern, die ähnliche Themen abdecken. Welcome to Lagos ist kein Buch, was schwer im Magen liegt, durchgehend bleibt die Hoffnung, dass es für unsere Protagonist_innen gut ausgehen wird – und sie vielleicht auf dem Weg sogar noch schaffen etwas Gutes zu tun.

26. Januar: Malika Booker, Sharon Olds, Warsan Shire: Your Family, Your Body (Penguin Modern Poets)
Die Penguin Modern Poets Reihe wurde im letzten Jahr neu belebt. Alle drei Monate erscheint ein neues Buch in der Reihe, welches Einblick gibt in die Werke von drei zeitgenössischen Dichter_innen. Das nun dritte Buch in der Reihe bringt die Autor_innen Malika Booker, Sharon Olds und Warsan Shire zusammen und präsentiert Gedichte aus verschiedenen bereits veröffentlichten Sammlungen, aber auch bisher unveröffentlichtes zusammen. Ich bin großer Fan von Warsan Shires Gedichtband Teaching My Mother How to Give Birth und Malika Bookers wunderbarem Band Pepper Seeds. Dieses kleine Penguin-Buch ermöglicht ein Kennenlernen des Schaffens aller drei Dichterinnen. Gleichzeitig ist es aber auch einfach nur ein sehr guter Gedichtband, in dem Themenkomplexe um Familie, Körper, Sexualität, Zugehörigkeit poetisch verarbeitet werden.

26. Januar: Xiaolu Guo: Once Upon A Time in the East: A Story of Growing Up
Xiaolu Guo ist eine chinesische Filmemacherin und Schriftstellerin, die mittlerweile in England lebt. Ihr Roman A Concise Chinese-English Dictionary For Lovers war 2007 für Orange Prize for Fiction nominiert. Nun hat sie ihre Memoiren vorgelegt.
Guo wurde Anfang der 1970er als zweites Kind im ländlichen China geboren und von ihren Eltern an ein kinderloses Bauernpaar gegeben. Als sie fast zwei Jahre alt war brachte dieses Paar sie zu ihren Großeltern väterlichseits, weil sie sich die Ernährung des Kinds nicht mehr leisten konnten. Sie lebte fortan in einem kleinen Fischerdorf in armen Verhältnissen, ihr Großvater ist gewalttätig, ihre Großmutter, die mit dreizehn Jahren verheiratet worden war, weint sehr häufig. Trotzdem ist Guo schockiert als plötzlich ihre Eltern wieder auftauchen und sie am nächsten Tag mitnehmen in eine andere Stadt. Da ist sie gerade einmal sechs Jahre alt.
In ihrem Buch verbindet Guo Beschreibungen ihres Werdegangs (der sie dann noch nach Peking in die Filmschule und dann nach Großbritannien bringt) mit Nacherzählungen von Mythen und sozialen Analysen. Sie schreibt über den erlebten und beobachteten Sexismus und patriarchale Gewalt in unterschiedlichsten Formen und zeigt wie die chinesischen Politiken tief in ihre Familienstrukturen einbrennen. Dabei versucht Guo in einer Annäherung verschiedene Motive zu verstehen und komplexe Lebenssituationen zu beschreiben. Sie fragt, wie Menschen zu dem werden, was sie sind – oder ob sie überhaupt immer so sind, wie sie auf der Oberfläche wirken.

Buchnews und -debatten

Milo Yiannopoulous wurde im letzten Jahr von der FAZ als „Zeremonienmeister des Hasses“ beschrieben. Mit dem Verlag Simon&Schuster hat er einen 250.000$ Buchdeal ausgehandelt. Roxane Gay hat als Reaktion eines ihrer Bücher, welches bei einem Imprint von Simon&Schuster erscheinen sollte, zurückgezogen.

Bücher, auf die man sich 2017 freuen kann? Bei Buzzfeed stellt Jarry Lee 32 Bücher vor und freut sich zum Beispiel auf Neuerscheinungen von Jesmyn Ward und Scaachi Koul. Besonders gut auch die Liste auf WOCreads, die Bücher von Autorinnen of Colour und indigenen Autorinnen aufgelistet hat, angefangen von Sara Ahmeds neusten Werk „Living a Feminist Life“ hinzu Roxane Gays „Hunger: A Memoir of (My) Body“.

Size Acceptance in YA hat eine Zusammenstellung mit 2017-erscheinende Jugendbüchern, die dicke_fette Charaktere haben, veröffentlicht.

Alisha Acquaye beschreibt auf Elle ihre Erfahrung damit gezielt ausschließlich Bücher von Schwarzen Autorinnen zu lesen.

Bustle feiert neun aktuelle Sci-Fi-Autorinnen.

fembooks hat eine Reihe von Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern versammelt.




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Nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen verblassen

26. Januar 2017 von Magda
Sie begann den nächsten Versuch, etwas Neues zu erzählen, mit einer Sprache, die all dem gerecht werden müsste. Oder zumindest versuchen sollte, nicht in der Bequemlichkeit der Mehrheitsmeinungen zu verblassen. (S. 199)

„Biskaya“ ist ein afropolitaner Roman der Berliner Aktivist*in, Performer*in und Autor*in SchwarzRund über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin.

Musik steht im Mittelpunkt der Hauptprotagonistin Tue, eine dreißigjährige queere Schwarze Musikerin, die mit drei Elternteilen aufgewachsen und Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band ist. Mit dieser verbindet sie eine konfliktreiche Hass-Liebe: Die Liebe zur Musik trifft auf unsensible Bandkollegen, die Tue zwar gerne als Aushängeschild sehen, aber ihre politischen Botschaften lieber nicht hören wollen. Zu Schwarz, zu queer darf ein Aushängeschild nicht sein.

Dann ist da noch der fürsorgliche, unendlich sympathische und super-stylische Matthew sowie später auch die jugendliche Sarah (Pronomen: sie oder gar nichts), die Tue stets liebevoll einen Spiegel vor die Augen hält und ihren eigenen Rucksack an Familiengeschichte zu tragen hat. Die beiden stellen die engsten Verbündeten oder Freund_innen oder so etwas wie eine Familie für Tue dar. Genau kann mensch das nicht sagen, denn Tue ist viel für sich allein und hat zuweilen Mühe, zwischen Panikattacken, einem schwierigen Verhältnis zum Essen, einem Klinikaufenthalt, das absehbare Ende der Band sowie erlebter rassistischer und sexualisierter Gewalt Verbindungen zu ihrem sozialen Umfeld aufzubauen. Ihre wichtigste Beziehung pflegt Tue weiterhin zur Musik, zu ihren immer politischer werdenden Texten und ihren vollgekritzelten Zetteln, die sie säckeweise sammelt und wochenlang sortiert, bis sich der Staub zwischen ihren Zehen sammelt.

Ihre Herkunftsfamilie existiert in ihrem Leben nur in Form von Rückblenden, Briefen und Erinnerungen. Referenzpunkt ist das kleine Biskaya, eine eigenständige Schwarze europäische Insel vor der Küste Europas. Blicke in die Vergangenheit geben dem Roman die historische Tiefe und einen Twist am Ende, der die Widersprüchlichkeiten und Tragiken des Lebens aufzeigt. Deutscher Kolonialismus und heteronormative Familienkonstellationen spielen im Roman genau so eine Rolle wie Krisen und Ängste, wobei die Protagonist_innen nur selten belehrend oder moralisierend erscheinen. Es ist Platz für Imperfektion und für gegenseitigen kritischen Austausch.

Messerscharfe Witze, die gleichzeitig Situationen aufdecken und verstörend wirken. Sarkastische Kommentare, die den Nagel auf den Kopf treffen, und oft genug auch zielgenau in die Wunde. Ich weiß nicht, ob ich alle Zwischentöne dieses komplexen Zusammenspiels menschlicher Höhen und Tiefen und allem, was dazwischen liegt, einfangen oder begreifen konnte (das muss mensch auch nicht, um gefesselt zu sein). Ich weiß nur, dass mir in den letzten Jahren oftmals die Konzentration dafür fehlte, ein Buch von vorne bis nach hinten zu verschlingen, und dieses gehörte sicherlich zu denen, die ich ungern aus den Händen legte.

Schwarzrund: „Biskaya,“ erschienen 2016 im zaglossus Verlag.




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Vom gescheiterten NPD-Verbot zu AfD-Hetz-Reden, von Trumps Vereidigung zu Europas Rechten

24. Januar 2017 von Charlott

Letzte Woche: Das Verfassungsgericht lehnte (vorerst) ein NPD-Verbot ab, auf einer AfD-Veranstaltung in Dresden hielten Politiker eine völkische Rede nach der anderen, Donald Trump wurde als US-Präsident vereidigt und propagierte „America First“ und Europas Rechte traf in Koblenz zusammen. Im Internet stattdessen große Diskussionen darüber, ob ein Nazi wie Richard Spencer geschlagen werden darf.

Die NPD ist antisemitisch, völkisch, verfassungs- und demokratiefeindlich – aber noch nicht erfolgreich genug

Mit Blick auf allein die letzte Woche, aber auch insgesamt die gesellschaftlichen und politischen Tendenzen der letzten Jahre ist die Begründung des Bundesverfassungerichts zu mindestens äußerst irritierend. In der Erläuterung des Gerichts heißt es:

[Die NPD] will die bestehende Verfassungsordnung durch einen an der ethnisch definierten „Volksgemeinschaft“ ausgerichteten autoritären Nationalstaat ersetzen. Ihr politisches Konzept missachtet die Menschenwürde und ist mit dem Demokratieprinzip unvereinbar. Die NPD arbeitet auch planvoll und mit hinreichender Intensität auf die Erreichung ihrer gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichteten Ziele hin. Allerdings fehlt es (derzeit) an konkreten Anhaltspunkten von Gewicht, die es möglich erscheinen lassen, dass dieses Handeln zum Erfolg führt [.]

Es wird also einerseits festgestellt, dass die NPD verfassungsfeindlich, menschenfeindlich und völkisch agiert, aber andererseits (noch) nicht erfolgreich genug um dafür auch verboten zu werden. Das auch obwohl im Weiteren das Verfassungsgericht den konkreten Bezug zu historischen Formen des Nationalsozialismus zieht:

Die NPD weist eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus auf. Das Konzept der „Volksgemeinschaft“, die antisemitische Grundhaltung und die Verächtlichmachung der bestehenden demokratischen Ordnung lassen deutliche Parallelen zum Nationalsozialismus erkennen. Hinzu kommen das Bekenntnis zu Führungspersönlichkeiten der NSDAP, der punktuelle Rückgriff auf Vokabular, Texte, Liedgut und Symbolik des Nationalsozialismus sowie geschichtsrevisionistische Äußerungen, die eine Verbundenheit zumindest relevanter Teile der NPD mit der Vorstellungswelt des Nationalsozialismus dokumentieren.

Die Frage, die bleibt: Woran wird der „Erfolg“ der NPD gemessen? Wie „erfolgreich“ müsste die NPD sein, um verboten zu werden? Und was heißt es diesen „Erfolg“ abzuwarten, für all jene Personen, die konkret von den Rhetoriken und Politiken der NPD betroffen sind? Die NPD allein an beispielsweise Landtags- und Kommunalwahl-Ergebnissen zu messen wäre fatal. Allein die Existenz der NPD, ihre Teilnahme an Wahlkämpfen und öffentliche Organisation bietet Raum für ihre völkischen, rassistischen, anti-semitischen Thesen. Diese Politiken sind natürlich nicht nur in der NPD zu finden, die AfD beispielsweise ist der NPD in vielen nah bzw. identisch (nur werden ab und an andere rhetorische Formen gewählt). Und Parteien wie die CDU wiederum wollen Wähler_innen von der AfD abjagen – und bedienen sich ebenfalls munter rechter Rhetoriken und Forderungen. Dass Parteien, wie die NPD (und auch AfD), existieren und am alltäglichen Politikbetrieb partizipieren können, normalisiert deren politische Vorstellung, es legitimisiert menschenfeindliche Forderungen als debatierbar, Rassismus, Anti-Semitismus, Sexismus und Ableismus als eine gleichberechtigte Meinung unter vielen, die abstimmbar sei. Die Ablehnung des Verbots (und bei all den Begründungen wird trotzdem dieser Fakt eben in Erinnerung bleiben) hat somit Signalwirkung.

Gratulation an die NPD von der AfD

Auf einer Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ in Dresden gratulierte sogleich der AfD-Bundestagskandidat Jens Maier der NPD zum gescheiterten Verbot. Maier, der in seiner weiteren Rede von „Mischvölkern“ und einem deutschen „Schuldkult“ sprach, ist übrigens Landrichter. Als die NPD den Politikwissenschaftler Steffen Kailitz im letzten Jahr aufgrund seines NPD-kritischen Artikels „NPD-Verbot – Ausgrenzen, bitte“ verklagte, entsprach Maier der Forderung der NPD nach einer einstweiligen Verfügung ohne auch nur eine mündliche Verhandlung. Nach diesem urteil durfte Kailitz, der zu dem als Sachverständiger im Verbotsverfahren beim Verfassungsgericht auftrat, seine Äußerungen aus dem Artikel nicht wiederholen ohne ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro oder ein halbes Jahr Haft zu befürchten. (Im November hoben die Berlinder Landrichter das Urteil auf und entschieden gegen die NPD.)

Noch mehr Aufmerksamkeit als Maiers Rede aber generierte die Rede von Björn Höcke, der gleich zu Beginn Maier als „aufrechten Patrioten“ würdigte. Höckes Rede bediente sich von Beginn bis Ende durchgehend nationalistischer, völkischer Ideen. Der Bezug auf eine „Volksgemeinschaft“, wie das Verfassungericht auch der NPD attestierte, wurde fortwährend hergestellt, nicht zuletzt als er seine ZuhörerInnen aufforderte Kinder zu bekommen, da diese nötig seien für die Zukunft des Volks. In Formulierungen wie „vollständigen Sieg der AfD“ war das Echo seiner rechten Vorgänger laut hörbar. Und wie er zum Nationalsozialismus und der Shoa steht, machte der Geschichtslehrer Höcke mehr als deutlich: Er stilisierte sich selbst als Kind aus einer „Vertriebenenfamilie“, bezeichnete die Bombardierung Dresdens als Kriegsverbrechen, monierte die „systematische Umerziehung“ nach 1945, die zum Ziel gehabt hätte den Deutschen ihre kollektive Identität zu rauben, bezeichnete das Berliner „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ als „Schande im Herz der Hauptstadt“ und forderte Geschichtsunterricht, der deutsche Geschichte nicht „mies und lächerlich“ macht und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die wahren Opfer nach Höcke waren weiße, christlich-sozialisierte Deutsche.

Rechtes Klassentreffen in Koblenz

Höcke wiederholte auch Rhetoriken, die gut bekannt sind, aus dem Trump-Wahlkampf und dann auch in Trumps Antritssrede wiederkehrten, beispielsweise der inszenierte Kampf gegen das so genannte Establishment. Als sich am Wochenende Partei-Mitglieder rechter Parteien in Europa,die Mitglieder der „Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit“ (ENF) sind, in Koblenz trafen, war das Lob und die Anerkennung für Trump ebenfalls nicht weit. Bei diesem Klassentreffen der Rechten liefen unter anderem die Front-National-Vorsitzende Marine Le Pe, der Vorsitzende der niederländischen Freiheitspartei PVV, Geert Wilders, FPÖ-Politiker Harald Vilimsky und AfD-Politikerin Frauke Petry auf. Vom Wahlsieg Trumps fühlten sie sich alle bestärkt und Wilders verspricht/droht: „Wir werden unsere Länder wieder groß machen.“

Höckes Rede bei der AfD-Jugend war so direkt extrem, dass sich selbst einige AfDler genötigt sahen, Höcke zu kritisieren. Dieser Fakt sollte aber nicht dazu verleiten, Höcke als unfassbares Extrem innerhalb der AfD anzusehen (dass nicht einmal ein Partei-Ausschluss-Verfahren eingeleitet wurde, spricht ja auch gegen diese These) und damit wohlmöglich augenscheinlich weniger radikale Positionen in der AfD zu normalisieren. Höcke ist keine Ausnahme in der AfD, sondern ein klares Produkt dieser Partei, eine Facetten der unterschiedlichen Spielarten von Rassismus, Anti-Semitismus und Geschichtsrevisionismus.

Ähnliches gilt auch beim Blick auf verschiedene nationale rechte Parteien und Bewegungen. Dabei nützt es nur bedingt etwas einzelne Extreme aus der Masse herauszuheben und als Spezialfall zu deklarieren. NPD und AfD müssen in ihren Zusammenhängen betrachtet werden, AfD im Kontext anderer rechter Parteien in Europa, die europäischen rechten Parteien in Bezug zu Trumps Politiken gesetzt werden. Das heißt nicht, dass (regionale) Unterschiede rechter Bewegungen und Parteien negiert werden sollen, aber wir müssen unsere Blicke schärfen für Parallelen und Netzwerke, aber auch für unterschiedliche Äußerungsformen von Rassismus, Sexismus, Anti-Semitismus etc. und wie diese Formen einander bedingen und aufeinander aufbauen, um rechten Bewegungen sinnvoll etwas entgegenzusetzen.




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Samstagabendbeat mit Künstlerinnen, die Trump einen Korb gaben

21. Januar 2017 von Charlott

Gestern war der Amtsantritt von Donald Trump als neuer us-amerikanische Präsident. Drum feiert der heutige Samstagabendbeat einige der Künstler_innen, die angefragt wurden bei dieser Veranstaltung aufzuspielen, die aber empört abgelehnt haben. Denn: Egal wie groß die Bühne und das potentielle Publikum, nichts rechtfertigt sich für Trump einspannen zu lassen und ihn und seine Politiken zu normalisieren.

Dixie Chicks

Rebecca Ferguson

Charlotte Church




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Trump im Weißen Haus und Hunderttausende auf den Straßen #WomensMarch

20. Januar 2017 von Magda

Heute steht die Amtseinführung des 45. Präsidenten der USA an, Donald J. Trump. Das sollte nicht das wichtigste Ereignis dieser Woche bleiben, denn nur einen Tag später – morgen! – am 21. Januar, finden der Women’s March in Washington D.C und über 600 so genannte Sister Marches statt, die weltweit Hunderttausende (vielleicht Millionen?) von Menschen auf die Straße bringen werden und genau jene menschenfeindlichen Positionen kritisieren, die Trump verkörpert. Am ersten Tag der neuen Regierung soll die klare Botschaft gesendet werden, „dass Frauenrechte Menschenrechte sind“, so das Organisationsteam. Auch in Deutschland formierten sich Gruppen (teilweise Facebook-Links):

Nach Kritiken an dem ursprünglichen Namen für die Veranstaltung (Million Women’s March und später March on Washington) sowie der Zusammensetzung der Organisationsgruppe (anfänglich ausschließlich weiße Frauen), findet sich heute sowohl im Team als auch innerhalb der politischen Forderungen ein intersektionaler Anspruch wider. Zu den Hauptorganisierenden gehören erfahrene Aktivistinnen, die sich gegen Polizeigewalt, Masseninhaftierungen und für Gewaltprävention und eine umfassende Gesundheitsversorgung einsetzen.

Die Zustimmung kommt aus den unterschiedlichsten Ecken: So unterstützen den Women’s March in den USA Künstler_innen wie Beyoncé, Harry Belafonte und Katy Perry; Schauspieler_innen und TV-Persönlichkeiten wie Scarlett Johansson, Uzo Aduba und Melissa Harris-Perry; Autor_innen und Wissenschaftler_innen wie Angela Davis und Janet Mock (mit einer Kritik an der gelöschten Solidaritätsbekundung für Sexarbeiter_innen) sowie zahlreiche Politiker_innen, Aktivist_innen und eine lange Reihe an Partnerorganisationen wie zum Beispiel Planned Parenthood.

Die politischen Forderungen berühren unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche: Gefordert wird ein Ende geschlechtsspezifischer Gewalt sowie Polizeigewalt und des Strafjustizsystems wie es heute existiert; reproduktive Rechte sowie HIV-Prävention und eine umfassende Sexualerziehung; körperliche Selbstbestimmung von LGBTQIA; Lohngleichheit, eine umfassende Gesundheitsversorgung, Mindestlöhne und die Möglichkeit zur gewerkschaftlichen Organisation für alle; uneingeschränktes Wahlrecht, Redefreiheit und ein Equal Rights Amendment zur US-amerikanischen Verfassung; Barrierefreiheit; Rechte für Einwanderer_innen und Geflüchtete; sowie Zugang zu sauberem Trinkwasser und Nutzung öffentlichen Landes für alle.

Die Demo ist nicht die einzige Aktion, die geplant ist: Bereits einen Tag später organisiert der Woman’s March mit einer ihrer Partnerorganisationen einen Workshop mit rund 500 Frauen, die selbst in die Politik gehen möchten, getreu dem Motto: „Don’t just march, run (for office)!“

Die Vorgeschichte der Demonstration, die politischen Konflikte darüber, welche Themen Teil der Forderungen sind (und welche nicht) sowie die politische Ausrichtung einiger Sister Marches, die beispielsweise antirassistische Perspektiven ignorieren bzw. gar verhindern – wie zum Beispiel im Zuge der Organisation des Women’s March in Portland, OR – generieren weiterhin öffentliche Kritik. Das gemeinsame Engagement für breite Allianzen mit klaren politischen Positionen, die die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen mitdenken, ist kein Automatismus, sondern bleibt Teil lokaler Aushandlungsprozesse.

Was bleibt, ist Protest,“ schrieb ich nach der US-amerikanischen Wahl im November des letzten Jahres. Mit dem Women’s March am 21. Januar 2017 wird der erste Massenprotest stattfinden, der in Trumps Amtzeit fällt. Es wird nicht der letzte sein.




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Neu erschienen: „Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag“

19. Januar 2017 von Julia

Meistens schreibe ich hier ja Rezensionen zu lesbisch_queeren Büchern, am liebsten zu solchen, die eine anti-klassistischen Dimension haben. Heute will ich euch stattdessen mein eigenes Buch ans Herz legen, das eben erschienen ist:

Klassenunterschiede im feministischen Bewegungsalltag. Anti-klassistische Interventionen in der Frauen- und Lesbenbewegung der 80er und 90er Jahre in der BRD.

Ich habe mich dafür auf die Suche nach verschiedenen Formen des Eingreifens gemacht, die darauf abzielten, den Umgang mit Klassenunterschieden im feministischen Miteinander zu verändern. Es ging den Akteurinnen* dabei also um den je eigenen Bewegungsalltag. Sie verteilten Geld um. Sie gründeten eigene Gruppen. Sie verfassten Texte. Sie boten Workshops an. Sie tauschten sich mündlich über Diskriminierungserfahrungen aus. Sie formulierten Kritik, stellten Forderungen und entwarfen Visionen. Sie verteilten Flyer … Auf verschiedenen Wegen widmeten sie sich so Themen wie Geld, Armut und Umverteilung, feministische Projektarbeit und Ziele, klassistische Sprachnormen, Rassismus und Kapitalismus, Anerkennung und Identität – um nur einige Stichworte zu nennen.

Die intervenierenden Akteurinnen selbst entstammten meist der Arbeiter_innen- oder Armutsklasse und nicht-akademischen Herkunftskontexten – oder aber es handelte sich um klassengemischte Gruppen. Ausgangspunkt ist häufig die eigene Klassenherkunft.

Klassistische Normen und Dominanzen im feministischen Bewegungsalltag wurden problematisiert: von Partizipationsfragen über die politische Kultur und Organisierungsweisen bis hin zu feministischen Zielen. Ein großes Thema ist das unmittelbare bewegungsalltägliche Miteinander zwischen Feministinnen unterschiedlicher Klassenherkunft. Bestimmte Denk- und Handlungsweisen vonseiten bürgerlicher oder Mittelschichtsfeministinnen werden in ihrer Klassenspezifik aufgezeigt – und kritisiert, zum Beispiel: Rededominanz; Desinteresse an den Lebensrealitäten von Frauen aus der ArbeiterInnenklasse; die Verschleierung von Reichtum; die Tabuisierung des Themas; abwertendes Verhalten. Gefordert wurden stattdessen Anerkennung und Solidarität.

Ich möchte allen Akteurinnen*, mit denen ich für die Entstehung dieses Buches gesprochen habe, danken: für ihre anti-klassistisches Eingreifen damals und für ihre Bereitschaft, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen, heute. Ich bin überzeugt davon, dass ihre Interventionen dazu beitragen können, den Umgang mit Klassenunterschieden in aktivistischen Räumen und in sozialen Bewegungen auch heute zu verbessern: indem sie auf Klassismus aufmerksam machen und Inspirationen für Wege der Veränderung liefern.




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Winnetou vergessen, WoC lesen und Wedeln mit Nebelkerzen – kurz verlinkt

18. Januar 2017 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

Rassistische Nebelkerzen„: Nadia hat auch noch einmal für neues deutschland über die Kölner Silvesternacht geschrieben und stellt fest, über vieles wird diskutiert nur einer Kritik am Patriarchat wird aus dem Weg gegangen.

Bina von WOCreads möchte eine englischsprachige Study Group gründen und akademische Non-Fiction Bücher von Frauen of Color lesen. Interessiert?

Christiane Link formuliert bei der ZEIT, warum Sexualassistenz für behinderte Menschen eine Scheinlösung für Probleme, die ganz woanders liegen ist.

ISD online schreibt über das Projekt (De-)koloniale Bilderwelten.

englischsprachige Links

Einmal gute Nachrichten: Chelsea Manning wird am 17. Mai aus dem Gefängnis freikommen.

Forget Winnetou! ist ein Dokumentarfilm über Stereoytpe und Diskriminierung von Native Americans in Deutschland. Einen Trailer gibt es hier zu sehen:

Meryl Streep hielt bei den Golden Globes eine Rede, die sehr gefeiert wurde. Emily Ladau hingegen schreibt bei The Establishement: „I’m A Disabled Woman Who’s NOT Celebrating Meryl Streep’s Golden Globes Speech

CHOICE/LESS ist ein Podcast von Rewire zu reproduktiver Gerechtigkeit. In der Folge vom 10. Januar spricht Jack RR Evans über Erfahrungen mit Schwangerschaft und Abtreibung als nonbinary trans Person.

Gender (und race) bias führt u.a. dazu, dass einige Menschen wesentlich schlechtere medizinische Versorgung erhalten als andere. NY Times schreibt über das Phänomen und wie Checklisten die Situation verbessern können.

Termine in Berlin, Göttingen, Hamburg, Köln und Stuttgart

19.01. in Berlin: Vortrag von Hannah Tzuberi zu „Die Befreiung der Anderen. Feminismus zwischen Alice Schwarzer und postkolonialer Kritik„. (FB-Link)

19.01. bis 10.03.2017 in Berlin: Protestkörper / Queerfeministische Körperpolitiken im EWA e. V. Frauenzentrum

21.01.-22.01. in Göttingen: „write & fight“ – Empowerment-Workshop für Menschen, die in Deutschland Rassismuserfahrungen machen

26.01. in Köln: Maisha Eggers, Katja Kinder und Peggy Piesche sprechen über „Generation Adefra 30 Jahre Schwarzer Feminismus„. (FB-Link)

30.01. bis 29.5.2017 in Berlin: Der lange Weg zur Gleichheit – Lebensrealitäten lesbischer Frauen weltweit. im EWA e.V. Frauenzentrum.

31.01. in Köln: Lesung „Hegememory“ der Autorin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo. (FB-Link)

02.02. in Hamburg: Workshop „Queerkommunistische Beziehungsformen“ von 14 bis 18 Uhr mit Bini Adamczak. Anmeldung unter: ich@anti-id.de.

17.02. in Berlin: Fachgespräch: „Wer hat Angst vor Geschlechterforschung? Strategien für ein Forschungsfeld unter Druck„. Anmeldung bis zum 14.02. über die Webseite.

21. bis 25.02. in Stuttgart: meccanica feminale findet statt mit einer ganzen Reihe von Kursen, einige gehen einen Tage, andere eine halbe Woche.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?




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Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.




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Future Girls feat. Bernadette La Hengst

14. Januar 2017 von Magda

Ein Musikprojekt mit den ‚Future Girls‘ und Bernadette La Hengst, das den besten Satz der Musikgeschichte enthält: „Ich kann sehr gut Pizza essen“.

Durchgeführt von TRITTA e.V. – Verein für feministische Mädchenarbeit Freiburg.




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