Fette Doppelmoral

16. Oktober 2014 von Magda

Diäten so richtig scheiße finden und zu betonen, dass mensch ja soooo viel esse – ein bisschen gehört das zu einer coolen Feministin™ heute dazu. Ein fettes veganes Buffett und die obligatorischen (Vulva-)Cupcakes – eröffnet mit dem Spruch “Riot, not Diet!” – finden sich auf vielen queer-feministischen Partys. Viele kritisieren mit erhobener Faust Schönheitsnormen und beißen mit Genuss in den zweiten Double Chocolate Muffin.

Seit nun auch in hiesigen queer-feministischen Kontexten verstärkt über Themen wie der Diskriminierung von dicken_fetten Menschen gesprochen wird, generiert fat shaming – also das Abwerten und Beschämen von dicken_fetten Menschen und ihren Körpern – immer öfter öffentlich Kritik (aktuelles Beispiel: SPIEGEL ONLINE). So befassen sich mehr und mehr Menschen selbst_kritisch mit eigenen Vorstellungen eines – Achtung, Achtung: es folgen große, gesellschaftlich aufgeladene Wörter! – gesunden, fitten und schönen Körpers (argh, wie die Finger beim Tippen schmerzen!).

In meinem Comic „Fat Double Standards“ thematisiere ich etwas, was für viele Menschen schwieriger zu erkennen ist, nämlich wie unterschiedlich die Kritik an Schönheitsnormen gehört wird, je nachdem, wer welche Kritiken formuliert. Kurz beschrieben hatte ich das schon einmal in meinem Text “Fett am Strand. Ist das nicht voll ungesund?“:

Eine dünne Frau isst eine Pizza und findet Diäten “voll blöd”? Voll feministisch! Eine dicke Frau schleckt ein Eis und trägt einen hotten Bikini? Ab zur Ärztin, ist ja voll ungesund!!!

Irgendwann in den letzten Jahren ist es mir aufgefallen: Berühmte Schau­spielerinnen oder Künstlerinnen wie z.B. Lady Gaga, Lena Dunham oder Jennifer Lawrence werden medial und auch von feministischen Aktivist_innen kräftig abgefeiert, wenn sie öffentlich darüber sprechen, dass sie gerne Pizza essen oder Schönheitsideale auch nicht so knorke finden. Schwupps landen sie in viel rezipierten Listen, wie z.B. “Zehn Berühmtheiten, die großartige Ansichten zu Körperbildern vertreten” (in denen, hüstel, fast nur weiße, schlanke und normschöne Frauen vorgestellt werden, quelle ironie!).

Hier wird Körpervielfalt gefeiert, ohne die Leute in den Mittelpunkt zu stellen, die auf Grund von Fettenfeindlichkeit und anderen Diskriminierungen ausgelacht, belästigt, pathologisiert und ausgegrenzt werden. Und ja, es ist toll, wenn Prominente aller Konfektionsgrößen sich feministisch äußern. Und trotzdem wünsche ich mir mehr fette Vorbilder, weil dann andere Lebensrealitäten und Perspektiven sichtbar werden.

queer fat double standards - september 2014

“Fat Double Standards” von Magda Albrecht (zur Großansicht: Klick!)

Übersetzung des Comics: Links: Schlanke_r Queer-Feminist_in mit T-Shirt, wo draufsteht: “Große_r Esser_in”, umgeben von Zuschreibungen wie “Krawall, keine Diäten – so subversiv – Normen bekämpfen – isst zwei (!!!) Cupcakes – wirklich coole_r Feminist_in – so heiß, so radikal!” Rechts: Dicke_r Queer-Feminist_in; umgeben von Zuschreibungen wie: “Faul – beste_r Freund_in (aber nicht Liebhaber_in) – nicht sexy genug für queere Sex Party – inaktiv – aufdringlich – ungesund – gierig – undiszipliniert – zu gewagt”

Das Comic ist im zweiten Teil von “Straying from the Big Q” erschienen, ein Comic zu queeren Normen (in der Berliner queer-feministischen Szene), welches von der Comic-Künstlerin Henna Räsänen ins Leben gerufen wurde.




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Yes mean Yes, Mos Maiorum, Ferguson – kurz verlinkt

15. Oktober 2014 von der Mädchenmannschaft

deutschsprachige Links

Die liebreizende Band Respect My Fist hat ein Musikvideo zu ihrem Song “Ich blute” gedreht.

Was Feminist_innen quasi schon immer predigten, wird nun in Kalifornien Gesetz: Das neue Gesetz “Yes means Yes” besagt, dass von allen Seiten Einvernehmlichkeit herrschen muss, wenn es zu sexuellen Handlungen kommt. Viel bescheuerte Kritik kam darauf hin und Margarete Stokowski kommentiert das in der taz.

Über die wegweisende Arbeit der Wissenschaftlerin Nikita Dhawan und die Versuche, postkoloniale Perspektiven in der deutschen Unilandschaft zu etablieren, berichtet die Frankfurter Rundschau.

Klingt erschreckend, ist aber nur die Spitze des Eisbergs” – Tupoka Ogette schreibt beim MiGAZIN über Rassismus an Schulen.

Seit Anfang der Woche (und bis zum 26. Oktober) läuft die europaweite Polizeiaktion “mos maiorum”, welche Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus aufspüren soll.  Das Projekt Map Mos Maiorum sammelt seitdem Informationen zu den Kontrollen. Auf Travel Warning EU gibt es eine Reisewarnung in vielen Sprachen zum Weiterverteilen.

englischsprachige Links

Schon etwa ein jahr alt, aber immer noch aktuell ist ein Bericht von Al Jazeera: Die inzwischen zehnjährige Nabila Rehman verlor ihr Großmutter durch eine US-amerikanischen Dronenangriff, ihre Geschwister wurden verletzt. Für ihre Geschichte interessierte sich bei einer Anhörung in Washington jedoch kaum jemand.

Ein Gespräch zwischen bell hooks und Laverne Cox zu Feminismus gibt es nun als Videomittschnitt.

Die Proteste in Ferguson werden von Frauen getragen, analysiert MSNBC: “Since Aug. 9, when a police officer shot and killed unarmed 18-year-old Michael Brown in broad daylight, women have made up a significant number of the protesters in the streets. Many of the women heard their voices go hoarse after spending hours leading chants and making up rhymes. A number of them have been arrested — even more than once.”

Gestern war Ada Lovelace Day. Dazu passend fragte der Guardian mit einem Quiz “Was wisst ihr über Frauen in der Wissenschaft?“.

Termine in Berlin, Frankfurt-Bockenheim und Wien
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Wenn eine Feministin einen Vortrag absagen muss, weil Waffen zugelassen sind…

15. Oktober 2014 von Charlott

Anita Sarkeesian, die Macherin hinter Feminist Frequency, hat heute einen Vortrag an der Utah State University abgesagt. Mit Gewaltandrohungen (eigentlich ein seltsamer Begriff ist doch die “Androhung” an sich bereits eine Form von Gewalt) kennt sich Sarkeesian leider sehr gut aus. Als sie vor zwei Jahren über eine Crowdfunding-Kampagne 6000 Dollar einwerben wollte, um Youtube-Videos (“Tropes vs. Women in Videogames”) zu erstellen, in denen sie typische sexistische Darstellungen in Videospielen analysiert, brach eine Hasswelle über sie herein. Hier hieß es dazu:

In diversen Foren organisierte sich Widerstand. Dass sich eine Frau erdreistete und auch noch die langweilige, eindimensionale und klischeebehaftete Darstellung von Frauen in Computerspielen analysieren wollte, war zuviel. Die YouTube-Kommentare, über die Sarkeesian sich auf Twitter schon lange auslässt, wurden noch einmal richtig mit Hasskommentaren überschwemmt, ihr YouTube-Kanal als „Terrorismus“ gemeldet. Außerdem wurde ihre Wikipedia-Seite verunstaltet, damit die Google-Suchergebnisse eklig und die Ergebnisse von beidem als „Trophäen“ zurück durch die Foren gereicht.

Mit dem (monetär äußerst erfolgreichen) Ende der Kampagne endeten natürlich nicht die Angriffe gegen Sarkeesian (und andere Frauen, die es wagen sich zu Computerspielen und Geekkultur zu äußern), sie gehen ununterbrochen weiter, besonders bei jeder Video-Neuveröffentlichung, bei angekündigten Vortägen und immer wieder Zwischendurch, in solchem Ausmaß, dass Sarkeesian im August nach einigen Drohungen ihre Wohnung verließ. Nun erhielt auch die Utah State University eine Mail, in der ein Massaker angekündigt wurde, würde Sarkeesians Vortrag wie geplant stattfinden. So hieß es in der Drohung: “Feminists have ruined my life, and I will have my revenge, for my sake and the sake of all others they’ve wronged.” (Übersetzung: Feminist_innen haben mein Leben ruiniert, und ich werde meine Rache haben, mir zuliebe und all jenen anderen zuliebe, denen sie Unrecht getan haben.) Der Absender nannte sich “Marc Lepine” nach dem Mann, der 1989 an der École Polytechnique in Montréal 14 Frauen ermordete. Die Universität wollte den Vortrag trotzdem halten lassen – nur sahen sie und die eingeschaltete Polizei sich nicht einmal gesetzlich nicht in der Lage Waffen im Universitätsgebäude zu verbieten. Als Sarkeesian dies erfuhr, entschied sie die Veranstaltung nicht wahrzunehen.




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7 Jahre Mädchenmannschaft: Ein Jubiläums-Podcast

14. Oktober 2014 von der Mädchenmannschaft
Essen, planen, podcasten beim Mädchenmannschaftstreffen

Essen, planen, podcasten beim Mädchenmannschaftstreffen

Sieben Jahre Mädchenmannschaft. 3894 Blogposts auf dieser Seite.  Über 40.000 Kommentare. So haben wir mit Saft und Kaffee angestoßen und uns zusammengesetzt, um in einem kurzen Podcast aus dem Nähkästchen zu plaudern. Wir blicken gemeinsam auf unsere jeweiligen Anfänge bei der Mädchenmannschaft zurück und erzählen, wie wir auf die Mädchenmannschaft aufmerksam wurden und zum Team dazugestoßen sind, ob mit Bewerbung inklusive Lebenslauf oder auf Anfrage nach intensiver Kommentiertätigkeit auf der Seite. Kleine Vorwarnung: trotz mehrfacher Kritik an unserem Gekicher in Podcasts haben wir auch bei diesem viel gelacht.

[Download: mp3, 22,2 MB, 27 Minuten und 40 Sekunden]

Erste Beiträge:

Im Podcast sprechen wir auch über unsere (manchmal vermeintlich) ersten Beiträge für die Mädchenmannschaft. Bei nicht allen funktionierte die Erinnerung so lückenlos, darum erzählten Nadine und Charlott von Artikeln, da gar nicht wirklich ihre ersten auf der Seite waren. Hier verlinkt sind jeweils die Texte, über die wir sprachen – und wenn es sich um “Fehler” handelte, noch jeweils der tatsächlich erste Artikel. (Die Reihenfolge entspricht der, in der wir Teil des Mädchenmannschaftsteams geworden sind.)




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Friedensnobelpreis für Malala Yousafzai

13. Oktober 2014 von Charlott

Fast auf den Tag zwei Jahre nachdem Malala Yousafzai auf ihrem Weg nach Hause aufgrund ihres Engagements für Zugang zu Bildung für Mädchen_Frauen angeschossen wurde, sprach das Nobelpreiskomittee ihr (gemeinsam mit Kailash Satyarthi) am Freitag den Friedensnobelpreis zu. In der Bekanntgabe wurde das Engagement beider gegen die Unterdrückung von Kindern_jungen Menschen hervorgehoben. Malala Yousafzai ist nicht nur die erste Person aus Pakistan, die den Preis erhält, sondern mit 17 Jahren auch die jüngste Preisträger_in, die es jemals gab.

Seitdem Yousafzai in den öffentlichen Fokus gerückt ist, versuchen immer wieder Menschen sie und ihr Engagement für sich zu vereinnahmen. Da sie sich vehement gegen die Praxen und Gewalt der Taliban in Pakistan einsetzt, wird sie von Politiker_innen und Journalist_innen im Westen gern als das Gesicht einer Gruppe inszeniert über  welche militärische Eingriffe gerechtfertigt werden (Es müssen doch die Mädchen gerettet werden!). Sie selbst hat sich aber auch wiederholt zu Drohneneinsätzen und den Auswirkungen der Militäreinsätze kritisch geäußert. Oder sie wurde  als Islamkritikerin ™ vorgeschoben, obwohl sie betont, wie wichtig ihr ihr  muslimischer Glauben ist. Ihr Interesse für marxistische und sozialistische Vorstellungen? Selten einer Erwähnung wert.

Der Gewinn des  Friedensnobelpreises könnte also zum Anlass genommen werden, direkt Texte von Yousafzai zu lesen, Reden anzuhören, ihre eigenen Wort wahrzunehmen und sie in ihrer Komplexität zu betrachten. Und Yousafzais Ziele? Zu einem möglichen Nobelpreisgewinn sagte sie im letzten Jahr im Interview mit Christiane Amanpour:

A Nobel Peace Prize would help me to begin this campaign for girls’ education…But the real call, the most precious call, that I want to get and for which I’m thirsting and for which I want to struggle hard, that is the award to see every child to go to school, that is the award of peace and education for every child. And for that, I will struggle and I will work hard.




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Auf zum Trans*March in Berlin!

13. Oktober 2014 von Magda

Am 19. Oktober findet in Berlin ab 15 Uhr ein Trans*March statt. Im Aufruf heißt es:

Gemeinsam für: mehr Sichtbarkeit, Solidarität, Selbst­bestimmung, Respekt, gemeinsames, verantwortungs­volles Handeln und Kämpfen, freie geschlechtliche Selbst­definition,…

Gemeinsam gegen: Trans*Diskriminierung, Rassismus, Dis_Ableismus, Alters­diskriminierung, Kriminalisierung von Sexwork, Behinderungs­diskriminierung, (Psycho)Pathologisierung, Migratismus, Sexismus, Genderismus, Inter(*)Diskriminierung, (Homo)Nationalismus.

Wie auch immer du dich identifizierst, wenn du dies unterstützt, bist du willkommen!

Bitte keine Partei-, oder Nationalfahnen; keine Militär, oder Polizei­uniformen auf der Demo.

Die Route wird wie folgt aussehen: Jannowitzbrücke – Brückenstrasse – Heinrich-Heine Straße – Dresdenerstrasse – Oranienplatz – Oranienstrasse – Mariannenstrasse – Mariannenplatz.

Trans*March Berlin Screenshot

Den Aufruf findet ihr auf deutsch, französisch, englisch, spanisch und arabisch auf transmarchberlin.wordpress.com. Es gibt auch ein Facebook-Event. Falls ihr Fragen habt, könnt ihr transmarch.berlin[at]riseup.net kontaktieren.




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Selbermach-Sonntag (12.10.2014)

12. Oktober 2014 von Charlott

Sepiabild eines kleinen Mädchens beim Spielen Das Team der Mädchenmannschaft hat sich über dieses Wochenende in Berlin zum Diskutieren und Planen (sowie Essen und Singen) zusammengefunden. Sogar einen kleinen Podcast haben wir aufgenommen – seid gespannt! Aber wir sahen eure letzten Tage aus? Welche Themen haben euch beschäftigt? Was habt ihr gelesen oder selbst an Texten verfasst? Wart ihr auf guten Veranstaltungen oder plant demnächst auf welche zu gehen?




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Samstagabendbeat mit Dai Burger

11. Oktober 2014 von accalmie

Dai Burger (Dai ausgesprochen wie “Day”) aus Queens, New York, ist nicht nur Stylistin (die mit der Designerin Patricia Fields, die unter anderem die HBO-Serie “Sex and the City” ausstaffierte, zusammenarbeitet), sondern war auch Back-Up-Tänzerin auf Tourneen verschiedener US-Musiker_innen.

Dieses Jahr hat Dai ihr Debüt-Album “In Yo Mouf” herausgebracht, das bei Soundcloud angehört werden kann. Einige Singles stehen dort auch kostenlos zum Download zur Verfügung.




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13 wirklich gruselige Halloween-Kostüme

9. Oktober 2014 von Gastautor_in

Heng ist freie Autorin, bloggt auf Tea-Riffic – wo auch der folgende Text bereits erschienen ist – und twittert unter @sassyheng. Bei der Mädchenmannschaft hat sie zuletzt das aktuelle Buch von Laurie Penny besprochen. 

Bis Halloween sind es zwar noch ein paar Wochen hin, aber die Geschäfte preisen ihre kackscheiszigen Perücken und Kostüme jetzt schon aggressiv an. Dass es rassistisch ist, sich als Schwarze Person, Mexikaner_in, Sinti und Roma, People of First Nations, Inuit, you name it, zu verkleiden, ist bei vielen in Deutschland noch nicht angekommen. Auch sind gegenderte Kostüme in der Regel sexistisch: Als Frauisierte ist es schwer, ein Kostüm zu finden, dass nicht “sexy” ist.

Deshalb habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und mir einfach umsetzbare D.I.Y.-Kostüme ausgedacht. Horror habe ich für mich selbst definiert und an alltägliche Dinge gedacht, die mir kalte Schauer von Angstschweiß verpassen. 

1) White Tears

Ob in Flaschen- oder Eimerform, als Raumspray oder einzeln verpackt – scary sind White Tears immer. Gerade an Halloween scheint es Hauptsaison zu sein, wenn weißen Leuten empfohlen wird, lieber keine rassistischen Kostüme zu wählen.

2) Nice Guy™

Kinnbart, Fedora und optional ein T-Shirt mit “witzigem” (sexistischem) Spruch und dein Outfit für den Abend ist fertig: Der Nice Guy™. Wer so richtig auf die Kacke hauen will, wirft mit unangenehmen Aufreißsprüchen um sich und zwinkert dabei immerzu. Netzfeminist_innen und OkCupid-User_innen werden schreiend weglaufen (oder dich beleidigen).

3) FEMEN-Aktivistin

Schlanke, weiße, ableisierte Cisfrauen ziehen in Puncto Last-Minute-Verkleidung mal wieder das längere Streichholz: Einfach den Oberkörper mit einem essentialistischen_rassistischen Spruch bemalen, Blumenkranz auf den Kopf, Gruppengespräche sichten und sie durch zielstrebiges Einrennen zersprengen. Pro-Tipp I: Oberteil erst auf der Party ausziehen. Pro-Tipp II: Am besten auf einer Party mit Sexismus-Awareness tragen, da sonst die Wahrscheinlichkeit auf Übergriffe noch höher ist.

4) Mon Chérie

Das wahrscheinlich ekelhafteste Produkt aus dem Hause Ferrero: Mon Chérie. Werbung hat selten so gelogen. #TeamNonCherie Von rosa-rotem, holographischen Stoff umwickelt, mit Kirsche auf dem Kopf (oder in dir drin), notfalls Label auf den Bauch schreiben. Obacht: Den Anlass, als Schokolade verkleidet zu sein, nicht dazu nutzen, die eigene Haut dunkler zu malen. Wenn dein Kostüm ohne dieses Detail nicht erkennbar ist, hast du es nicht gut genug gebastelt, just deal with it.

5) Alice Schwarzer

Mindestens so beliebt wie die FEMEN-Aktivistin ist die Urform der FEMEN-Aktivistin: Alice Schwarzer. Zumal sie “in den 70ern ja richtig gute Arbeit geleistet hat!!11″™, gibt es Menschen, die das Kostüm als empowernd betrachten werden. Wer aber seit den 70ern weitergedacht hat, wird sich fürchten. Und den Kopf tief in die Hände vergraben.

6) Kläffender Schäferhund

Story of my Middle Eastern Childhood tbh: Wir hatten damals so weißdeutsche Nachbar_innen mit einem großen Schäferhund, den sie nicht unter Kontrolle hatten. Immer, wenn wir ihn auf dem Weg nach draußen im Treppenhaus gehört haben, blieben wir noch einen Moment länger in der Wohnung, um nicht von dem Rex II angesprungen zu werden. Mit den Jahren zeigte sich, dass weiße Deutsche mit aggressiven Schäferhunden ein übliches Ding hier in Schland ist. Help.

7) Lesbian Drama

Die Ex der Ex daten? Tegan and Sara CD-Kollektion ausgeliehen und nie wiederbekommen? Bei der Trennung der große Streit um das Adoptionsrecht der gemeinsamen Katze? Der Flüsterfunk ist außer Kontrolle geraten? Das Ex-Dreieck-aus-der-Hölle sitzt beim Sonntagsbrunch zwei Tische weiter? Das Lesbian Drama kennt kein Erbarmen. Einfach sämtlich Szenarios auf kleine Zettel schreiben und an die Klamotten pinnen, tadaaaa: Gruseloutfit.

8) BHs und Binder

Zu eng, zu groß, gerissen, der Bügel bohrt sich in die Brust, die Preise schießen in den Himmel: HELP! HELP! (Umsetzbarkeit: Sämtliche BHs_Binder, gerne mit kaputtem Bügel u.Ä., an die Kleidung hängen. Vielleicht sogar mit überteuerten Preisschildern.)

9) PMS

Aufgequollene Leak-Tampons, vollgerotzte Tempos und Uterus-Rage-From-Hell: Still not loving PMS. Dank zahlreicher Synonyme lässt sich das ganze gut verbildlichen, zum Beispiel als hungriger Hai (#SharkWeek), als Erdbeerstrauß (#ErdbeerWoche) oder als der altbekannte Homie Tante Rosa.

10) Gitarren-Dude

Lerne Wonderwall, Let It Be und Seven Nation Army auf Gitarre und spiele die Songs ungefragt vor der Crowd. Sobald sich andere Leute um dich herum scharen und mitsingen, hast du dein Ziel erreicht. Wenn ein_e wütende_r Feminist_in auf dich zukommt und die Gitarre zerschmettert, hat er_sie ihr_sein Ziel erreicht.

11) Barista mit Bart

Klebe dir einen langen Bart an (am besten rotblond), träge ein Jeanshemd mit einem weißen T-Shirt darunter und lasse die oberen drei Knöpfe offen. Dazu eine enge Hose und Chelsea-Boots, ein Sack Kaffeebohnen und triviales Wissen über den Café-Betrieb – schon bist du genau richtig dafür ausgestattet, Leute ungefragt mit Kaffee-Fun-Facts zu versorgen. Denn viele von uns kennen zu gut diese Situation, in der sie einfach eine Tasse Filterkaffee auf drei Stunden strecken um in der Zeit Wifi zu schnorren und einen auf Public Office zu machen, aber ständig vom nervigen Barista-Dude und seiner Wertschätzung für guten Kaffee genervt werden. NO ONE CARES ABOUT IT.

12) Extra-Gebühr für Soßen

Das schlimmste Imbisserlebnis ist, wenn Soßen extra berechnet werden. Und dann bestenfalls noch in geizigen Portionen herausgerückt werden. Ein Pappkarton kann hier gut zu einer Tafel umfunktioniert werden. Wichtig ist, dass gut zu erkennen ist, dass Soßen 30-50 Cent kosten. Wer so richtig auf die Kacke hauen will, schreibt vielleicht sogar 1€.

13) Kürbis

Mag vielleicht ausgelutscht klingen, vielleicht auch unlogisch, weil Kürbisse superlecker sind. Der Horror beginnt allerdings beim Aushöhlen, Schälen und Schneiden.

Habt ihr noch mehr Ideen für gruselige Halloween-Kostüme? Dann raus mit der Sprache!




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Heterokultur in Zeiten von Grindr

8. Oktober 2014 von Gastautor_in

Frederik bloggt auf  Techno Candy und twittert auch.

“Der niederländische Künstler Dries Verhoeven hatte in Zusammenarbeit mit dem Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU) in der Aktion ‘Wanna Play? Liebe in Zeiten von Grindr’ über die schwule Dating-App Grindr zu anderen Männern Kontakt aufgenommen und diese Chat-Gespräche für Zuschauer lesbar an eine LED-Wand projiziert. Dass die Dialoge ebenso wie ihre Profilfotos veröffentlich wurden, wussten die Gesprächsteilnehmer nicht.” (Morgenpost)

Was dann geschah: Grindr-Nutzer_in Parker versetzte Dries einen Faustschlag und machte online gegen die Kunstinstallation mobil. Das HAU veranstaltete am Sonntag eine Diskussion, zu der über 300, teils wütende, Menschen auftauchten, und beendete danach das Projekt vorzeitig.

Eines der Anliegen von Dries war offenbar, dass durch Onlinedating der Kontakt zwischen schwulen Männern oberflächlich werde. Dries, im Ernst?

Cruising ist schon immer™ Teil der queeren und vor allem schwulen Kultur gewesen. Anonymen Sex gibt es immer, die Orte an denen er stattfindet und an denen sich die Leute suchen und finden können, verändern sich mit der Zeit. Cruising-Kultur und andere Elemente queeren Socializens stellen nach wie vor eine Bedrohung der christlichen, bürgerlichen Familienwerte dar.

So scheint mir “Liebe in Zeiten von grindr” eine Mischung aus dem hinter Mitgefühl verstecktem Vorwurf, dass schwule Männer™ keine Family Values suchen (sondern nur oberflächliche Ficks) und dem neugierigen Sezieren einer der Heterokultur vorenthaltenen Geheimgesellschaft. Schon lange flüstern sich Heten auf Schulhöfen, in Kaffeepäuschen und durch den Telefonhörer zu, was sie für verruchte Geschichten über grindr und vor allem dessen Nutzer_innen gehört haben. Endlich kommt mal jemand und hält die Taschenlampe drauf!Endlich werden all unsere klemmigen Hetenfragen an diese Schwulen™ beleuchtet!

Sollen Leute, die diese App zum Cruisen nutzen, eines Besseren belehrt werden, nämlich den keuschen Freuden des Pfannkuchenbackens? Sollen Leute lieber mit einem weißen cis Typen über Philosophie quatschen als ihm Fotos ihrer Genitalien zu schicken ? Wieso? Wieso ist das besser? Wieso glaubt Dries, dass die Leute sich heimlich, innerlich doch irgendwie nur wünschen, mit jemand (das heißt: mit Dries!) reden zu dürfen?
Kuscheln, kochen und Kinderplanung statt anonym cruisen – wieso? Ich kann es nur immer wieder fragen, wieso? Welche Werte stecken hinter so einem Projekt? Wer soll sich mit dem Blick des Künstlers identifizieren? Wie undurchdacht ist ein solches Projekt? Und seit wann ist die Perspektive eines weißen europäischen cis Typens interessant, nur weil er auf Typen steht? Als Mann Männer zu begehren macht noch lange keine interessante Perspektive, keine radikalen Erkenntnisse aus schwulen Communities oder gar schwules bzw. queeres Geschichtsbewusstsein.
Und nur ohne jenes Geschichtsbewusstsein lässt sich so eine Schnapsidee auch nach der Ausnüchterung immer noch unbedarft verfolgen.

Mich erinnert die johlende Menschentraube vor Dries’ Installationsbox in Kreuzberg, die von vielen Betroffenen grindr-Nutzer_innen geschildert wurde, an die Reaktionen auf den Hollywood-Charakter der Sissy. Eine männliche Figur, die zu schwul to be true sein sollte, girly, schwuchtelig, tuntig, nicht ernst zu nehmen und eine Erheiterung für (hetero-) Mann und Frau! Die Sissy ist, ebenso wenig wie der alte Kumpel Heterosexismus, nicht ausgestorben, sondern hat sich weiterentwickelt. Nicht umsonst wurde noch dieses Jahr mit der Komödie G.B.F. – Gay Best Friend die Objektifizierung und Stereotypisierung schwuler Menschen parodiert.

Welches Schwulenbild und welches Selbstbild steckt hinter diesem Versuch, zu zeigen, dass Schwule auch Menschen sind? Wem muss das gezeigt werden? Schwule, Lesben, Heten und alle Anderen wissen am besten selbst, wer sie sind. Schwule haben, wie Lesben, Heten und alle Anderen, kaum Möglichkeiten, der Warenförmigkeit, Leere und Einsamkeit ihrer Existenz zu entrinnen. Schwule, wie Lesben, Heten und alle Anderen, brauchen keine Nachhilfe in traditionellem Mensch-sein, wie Dries es sich (voller Nostalgie? Mich schüttelt es!) ersehnt.

Nicht so lustiger Funfact: Auf grindr hängen nicht nur schwule cis Typen ab. Auf der Plattform lässt sich unter anderem die Option trans auswählen und nach trans Personen suchen. Sehr viele trans Frauen sind auf grindr unterwegs, auch einige trans Männer und non-binary trans Personen. Häufig fällt die Diskriminierung von trans Personen, insbesondere trans Weiblichkeiten noch gewaltvoller aus als die, die schwule cis Männer erfahren. Dieser Aspekt macht die Fahrlässigkeit, die der Missbrauch einer anonymen Plattform dieser Community mit sich bringt, nur noch deutlicher.

PS: Dries ist übrigens schon früher durch Einfallslosigkeit und die daraus entstandene Instumentalisierung von Menschen aufgefallen: Er stellte Menschen im Glaskasten aus und bot eine Art Safari in das „Niemandsland“ durch das Hamburger Bahnhofsviertel an.




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