Opfer-Abo.

von Charlott

Ich hatte in meinem Kopf schon einen halben Artikel. Ich wollte über die Verleihung des „Unwort des Jahres“ berichten, kurz beschreiben, welches Wort es geworden ist und dann den Anlass nutzen um über die Kampagne der „Initiative für Gerechtigkeit bei sexuelle Gewalt“ für das Wort „Opferindustrie“ zu schreiben. Stattdessen eine freudige Überraschung – Überraschung auch deswegen, da die meisten Mainstream-Medien Vorschläge wie „Opferindustrie“ und „Opfer-Abo“ ent_wähnten. Also aus ihrer Berichterstattung wegließen. Unsichtbar machten.

Zwar wurde nicht die von der Initiative vorgeschlagene „Opferindustrie“ gewählt, aber das aus dem gleichen Kontext stammende „Opfer-Abo“. Die Jury begründet die Wahl wie folgt:

Im Herbst 2012 sprach Jörg Kachelmann in mehreren Interviews (z.B. im Spiegel vom 8.10.2012) davon, dass Frauen in unserer Gesellschaft ein „Opfer-Abo“ hätten. Mit ihm könnten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen – unter anderem der Vergewaltigung – gegenüber Männern durchsetzen. Das Wort „Opfer-Abo“ stellt in diesem Zusammenhang Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein. Das hält die Jury angesichts des dramatischen Tatbestands, dass nur 5-8 % der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen tatsächlich die Polizei einschalten und dass es dabei nur bei 3-4 % der Fällen zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren kommt, für sachlich grob unangemessen. Das Wort verstößt damit nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer. Die Jury urteilt damit in keiner Weise darüber, ob und inwiefern Einzelpersonen von Verleumdungen betroffen sein können und somit auch nicht über den Fall Kachelmann. Sie kritisiert vielmehr einen Wortgebrauch, der gängige Vorurteile in Bezug auf eine Vortäuschung von Vergewaltigungen oder eine Mitschuld der Frauen bestätigt. Ausdrücke dieser Art drohen letztlich den zivilgesellschaft-lichen und juristischen Umgang mit sexueller Gewalt in bedenklicher Weise zu beeinflussen.

Und warum freue ich mich nun über die Wahl? Es hat ein Begriff geschafft, der gerade durch feministische Kritik problematisiert wurde. Die Wahl zeigt ein Wort auf, welches zum einen durch die auch in Deutschland herschende rape culture ermöglicht wird (vor allem in der ständigen Re_produktion) und zum anderen diese Kultur mit verfestigt. Die Begründung kritisiert dies eindeutig. Es geht hier nicht um ein ästhetisch wenig ansprechendes Wort, sondern gegen den sexistischen Normalzustand.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 16. Januar 2013 um 9:19 Uhr unter Aktivismus, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. […] Unwort des Jahres 2012 wurde gestern bekanntgegeben: Opfer-Abo. Charlott von der Mädchenmannschaft findet das eine richtige […]

  2. (^o.o^)~ sagt:

    Gute Sache!

  3. […] Mir gefällt es, wenn fähige Menschen Stellung beziehen. Vorallem wenn sie kundig und sachlich freche, dreiste Mythen auseinander nehmen, die vor allem dazu… […]

  4. Oliver sagt:

    Das Abo-Dankeschöngeschenk gibt’s von der katholischen Kirche: http://www.ksta.de/politik/erzbistum-koeln-katholische-klinik-weist-vergewaltigte-ab,15187246,21481786.html (TW Vergewaltigung – und unterlassene Hilfeleistung?)

  5. Bäumchen sagt:

    Das ist tatsächlich mal ne gute Nachricht.

  6. anni sagt:

    Nachschlag in der unerträglichen causa der Kölner Krankenhäuser in katholischer Trägerschaft:

    http://www.ksta.de/politik/hilfe-nach-vergewaltigung-kirche-setzt-aerzte-unter-druck,15187246,21483320.html

    Hat mir ganz schön den Tag versaut.

  7. Maria Salsa sagt:

    Unter diesem Link gibt es eine Petition gegen die Verordnung in den Kölner Krankenhäusern und für die Möglichkeit, die Pille danach dort als Notfall- Kontrazeption zu erhalten:
    https://secure.avaaz.org/de/petition/Kirche_verbietet_vergewaltigten_Frauen_Pille_danach/?aRLQRdb

  8. Oliver sagt:

    Die katholische Kirche und ihre Einrichtungen sollte kategorisch von öffentlichen Geldern (Kranken- und Pflegeversicherungen, Steuerbefreiung) abgeschnitten werden, solange sie sich Sonderrechte in der Behandlung sowohl ihrer Beschäftigten (Scheidung, Abtreibung, Homosexualität als Kündigungsgrund?!? Gewerkschaftsverbot?!?) als auch ihrer Patienten herausnimmt.