ohne Inspirationporn bleibt nur die Geduld (?)

von Hannah C.

„Hannah hatte ja selbst gesagt, dass sie nie gelernt hat freundlich zu sein – dann soll sie es jetzt mal langsam lernen.”.

Natürlich hatte Hannah das nicht gesagt.
Hannah hat gesagt, dass sie soziale Kommunikation nicht gut lesen, verstehen, performen kann und deshalb oft nicht so wirkt, als wäre sie an Freundschaften oder Kontakt interessiert.
Aber sei’s drum.
Nerviges Wörtergeklaube. Rumgewühle. Gekratze. Voll autistisch, ey.

Nur für etwas Wahrheit.
Wen kümmerts. Außer mir.
Uns*.

Geduld beginnt da, wo man glaubt, man hätte keine mehr.
Das ist ein guter Satz.
Ich habe ihn aus einem Video, in dem ein Poetry Slam–Text [YT-Link] vorgetragen wird, den ich erst lustig und dann schräg an der 10 von 10 Punktemarke vorbeifliegen sah.
Er beginnt als slice of life mit einem Geschwist, das behindert ist wird und einem Moment, in dem die Person mit dem Wort “behindert” als Synonym für “mag ich nicht/scheiße/wertlos/schlecht/verachtenswert” konfrontiert wird.
Es endet mit dem gleichen Sermon aus: „Wir hier – die da – das muss doch nicht sein – guckt doch mal, wie toll die sind und was wir uns nehmen, wenn wir uns so von ihnen abschotten…” wie ich ihn schon so oft gehört habe.

Ich habe Geduld mit diesem Poetry Slammer.
Ich habe Geduld mit meinen Mitschüler_innen.
Ich habe Geduld mit meinen Lehrer_innen.
Ich habe Geduld für all die Menschen, die welche Rolle auch immer in meinem unserem Leben spielen.
Obwohl ich jeden Tag glaube, keine mehr zu haben.
Und von Zeit und Zeit auch keine mehr aufbringen will.

Manchmal überflutet mich die Selbstverständlichkeit mit der die Norm nicht hinterfragt wird, sondern einfach lieber gleich abgeschafft und für irrelevant erklärt werden will. Mir – uns, dem Fremden, Anderen, Behinderten – zu liebe. Natürlich immer uns zu liebe und dem, was wir mit den Menschen teilen. Das macht man immer nur für uns, weil es für niemanden sonst wichtig erscheint – man selbst passt ja hinein. Leidlich bis üblich.

Neulich hatte ich einen Moment mit eine Freundin, die uns auf einen Text, in dem wir uns mit der Behinderung in unserem Leben befassten, sagte, dass ja alle Menschen anders seien.
Und ich war geduldig. Ihr zuliebe. Unserem Kontakt zuliebe.
Wie soll ich denn formulieren, dass ich nicht “wie andere Menschen, aber mit diesem einen kleinen Extra bin, das ja dann doch aber jede_r irgendwie ein bisschen hat”, ohne an etwas zu rühren, was nicht mit ganz grundlegender Definition von Norm, Andersartigkeit und auch Behinderung und Menschsein zu tun hat. Mal eben so.

Obwohl es nur in diesem einen Moment wehgetan hat. Nur an dieser Stelle irgendwie macht, dass ich mich fern, fremd, allein, ungesehen … behindert fühle und denke: Geduld. Atmen. Es ist egal. Das ist es nicht wert.
Mein Fühlen ist es nicht wert. Das so viel kaputt geht.

Letzte Woche hatten wir ein Gespräch mit der Klasse, bei dem mein begleitender Unterstützer versuchte näher zu bringen, was Autismus bedeutet.
In diesem Gespräch fiel der Satz, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe und der mir schmerzhaft aufzeigte, wie viel mehr Geduld noch von mir aufgebracht werden muss.

Ich verließ das Gespräch und dachte, dass es gut so wäre. Denn eigentlich ist dieses Gespräch nicht für mich passiert. Natürlich sehen das die Lehrer_innen und Schüler_innen anders. Und wer weiß noch.

Aber.
Wäre es um mich gegangen, wäre ich mit mehr als dem Wissen dort rausgegangen, dass allein meine Anwesenheit und das Nichtverschweigen von etwas reicht, um Angst und Fremdheitsgefühle auszulösen, die mit Ausschluss belegt werden.
Wäre es um mich gegangen, dann hätte man mir mehr gezeigt, als die Ansprüche, die man an mich stellt, weil man sie an sich selbst stellen kann.

Wäre es um mich gegangen, hätte man sich bei mir entschuldigt und mich in meinem Sein und Fühlen als in Ordnung, als üblich, als auch normal anerkannt.

Aber nein.
So läuft das nicht.
In diesem Spiel geht es darum, sich möglichst lange nicht zu widmen. Möglichst lange meine Fremdheit zu markieren, ohne je zu sehen, dass das eine Art negative Wirkung haben könnte.
Nämlich die, dass ich sie immer weiter aus meiner Norm herausdefinieren kann.
Nur ohne ihre Möglichkeiten und Chancen, das aufzulösen.

Es gibt so viel Wissen um das Fremde – aber über die allgemein akzeptierte Norm verliert kaum jemand ein Wort.
Und doch erwarten alle ™, dass man sie kennt, ihr folgt, mit ihr umgehen kann.
Ich bin geduldig über diese Dissonanz.
Suche einfach weiter. Stelle meine kleinen Feldforschungen nicht ein. Wachse. Verstehe. Begreife.
Langsam – aufreibend langsam.
Aber stetig.

Die Lehrer_innen sagten nach dem Gespräch, dass sie nicht aufgeben wollen. Der unterstützende Begleiter will weiterhin unterstützen und helfen, wo es sinnvoll erscheint.
Ich bin neidisch auf ihre Ressourcen.
Will das auch gerne können. Geduldig sein und die Hoffnung nicht verlieren.

Daneben frage ich mich, was ich denn eigentlich will. Warum es mir immer noch so wichtig ist, nicht aufzuhören und diesen Weg weiter zu gehen.
Was haben sie mir denn zu geben. Diese Menschen, die so ganz anders aufgebaut sind als ich. Wir.
Was haben sie mir mehr zu geben, als ein Stück ihrer Macht über Ausschluss und Gruppenstärke.

Mir fällt spontan nichts ein.
Ich kann mich nicht irgendwo hinstellen und sagen, mir ginge so wahnsinnig viel wichtig wertvolles verloren, hätte ich nicht mehr so viel mit Menschen zu tun, die anders sind als ich.

Mich inspiriert es nicht, zu beobachten, wie sie sich durchs Leben bewegen. Mich ermutigt es nicht, zu sehen, was sie in einer Welt, die von ihnen für sie gemacht ist, für sich herausholen oder erreichen. Mir verlangt es keine Hochachtung ab, zu erfahren, wie der Lebensweg von Anneliese Müller ohne Gewalterfahrungen, ohne durchgehende Diskriminierungen und so weiter ausgesehen hat. Ich wüsste nicht, was ich für sie erstreiten, erkämpfen, erschaffen müsste, damit ihr Leben, die gleichen Chancen und Qualitäten wie meins haben kann.

Die ganze Schose mit der für den Umgang und die Gleichberechtigung für behinderte /Menschen/ mit Behinderung geworben wird, funktioniert für mich nicht am Leben von Menschen, die anders gebaut sind und anders leben als ich.

Wo ist er also. Mein Anreiz. Meine Motivationsquelle.
Meine Ressourcen für Geduld und Hoffnung.

Wo wenn nicht in dem Wunsch, dass es irgendwann auch mal aufhört, überwiegend Kampf, Schmerz, Zwang, Verletzung, Kränkung… Not zu sein.

 

 

*Steht hier für mich, als ein Mensch, di_er sich als viele begreift.




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Eintrag geschrieben: Montag, 22. Mai 2017 um 15:52 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. L sagt:

    Den Beitrag würde ich so gerne so vielen zu lesen geben, aber ich fürchte, dass er nicht (so) verstanden wird (wie ich ihn verstehe) [0]…

    GEDULD… so viele Menschen, die nicht sehen, wie unfassbar, unendlich, scheinbar unerschöpflich geduldig kind ist und auch ich sehe es zu oft nicht. So viele Szenen, die ich ganz ähnlich kenne.

    Brauche ich persönlich einen konkreten Anreiz, eine Hoffnung auf das Ende seiner Benachteiligung? (Neulich sah ich wieder, sosehr ich unter dem leide, was ihm zugemutet wird – ich bin nicht mein Kind und würde mir selber das widerfahren, wäre es alles noch so viel schwerer für mich [Entschuldigung, dass ich mich überhaupt äußere].) Bei kind sehe ich die Neugier auf und Freude über alles mögliche. Unabhängig von den Zumutungen, die Menschen ihm abverlangen und ihm antun. Seine Neugier bezieht sich meistens nicht auf sein Behindertwerden_sein. Man muss sich ja nicht auf andere, konkrete Menschen und ihre Dinge beziehen.

    Hoffen auf Verbesserung finde ich aber auch hilfreich und „die Revolution“ wirkt für mich vielleicht immer so greifbar, weil es nicht um das Bauen von Babeltürmen, sondern das Verstehen in Menschenköpfen geht. Und das ist theoretisch eine Frage von Augenblicken, bis die Welt besser wäre für kind und mich.

    Und ich für mich muss mich nicht für die Menschenrechte meiner konkreten Nachbarin einsetzen – trotzdem ist mir wichtig, dass alle sie effektiv genießen dürfen, auch sie. Ja, warum? Ich glaube, das ist Kern meiner Überzeugungen und Erfahrungen. Wirklich alle Menschen sollen es gut haben können, jede_r einzelne.

    „Und wo können wir Euch noch unterstützen?“ – „Fange bitte damit an, uns nicht zu benachteiligen. Danach können wir irgendwann über Unterstützung reden.“

    Danke für das Veröffentlichen dieses ‚Textes.

    [0] Hey, ich prangere immer an, dass man mir die Chance nimmt, dazuzulernen, wenn sie_er sich über mich ärgert und mir nicht sagt, warum – also teile ich den Beitrag.

  2. Hannah C. sagt:

    Du bewortest da genau, was mich gerade umtreibt: „Und ich für mich muss mich nicht für die Menschenrechte meiner konkreten Nachbarin einsetzen – trotzdem ist mir wichtig, dass alle sie effektiv genießen dürfen, auch sie. Ja, warum? Ich glaube, das ist Kern meiner Überzeugungen und Erfahrungen. Wirklich alle Menschen sollen es gut haben können, jede_r einzelne.“ genau das ist mein Punkt.
    Niemand soll etwas für mich verändern – sondern für alle.
    Aber es lässt sich offenbar leichter vermeiden anzufangen, sich zu widmen, mitzudenken, etwas zu tun, wenn man sagt: „Wir sollen jetzt hier alles verändern? Wegen wegen XY – die behinderte /Person/mit Behinderung, die wir in unserem direkten Umkreis kennen (weil sie die Behinderung nicht versteckt oder verstecken kann)? Nä- wieso denn? Was macht die denn anders als uns – besser als uns wertvoller als uns – was haben wir denn davon, dass es dieser einen Person besser geht…“
    Das macht mich fertig.
    Weil ich das in meiner Klasse erlebe und manchmal auch an anderen Stellen.
    Immer da wo ich auf mein Recht auf Gleichstellung poche oder die Behinderung nicht verschweige/verstecke.

  3. Miria sagt:

    Hallo Hannah,

    es tut mir so leid, was du erfahren musstest! Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich bin selbst Asperger Autistin – habe meiner Diagnose allerdings erst im Erwachsenenalter bekommen.
    Ich hatte oft auch Probleme und habe einfach nicht verstanden, warum andere Menschen mich nicht verstehen bzw. ich in deren Augen immer alles falsch mache (besonders problematisch daher das Verhältnis mit meiner Mutter).
    Mittlerweile bin ich erwachsen und stehe zu mir selbst und zu dem, wer ich bin. Ich versuche nicht mehr, mich gezwungnermaßen an die Konventionen anzupassen bzw. das zu erlernen, was andere als „höflich“ erachten – ist es doch oft einfach Lügen und Heuchelei, was mir persönlich zuwider ist.
    Bei mir war der Knackpuntk der Moment, als ich mein Leben beenden wollte, kurz danach war mir klar, dass es nicht so weitergehen kann.
    Ich hoffe, dass du es auch irgendwann schaffst, einfach du selbst zu sein und damit glücklich zu sein! Das Leben ist so viel leichter und schöner, wenn man sich nicht ständig unter Druck setzt, es anderen Recht zu machen, weil man das sowieso nie schaffen wird, weil man das einfach nicht kann. Und der Versuch raubt einem so viel Energie, dass man kaum noch andere Dinge schafft, schwach und müde – und unglücklich ist.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und dass du glücklich wirst!

  4. Hannah C. sagt:

    HAllo Miria
    heißt das, dass du jetzt „unhöflich“ zu anderen Menschen bist oder … naja „unfreundlich“?
    Ich meine: in Konventionen werden ja alle irgendwie gezwungen – für mich ist immer mehr die Frage, welche Konventionen für mich Sinn ergeben. In dem Sinne: Wie gehen wir miteinander um, dass es für alle okay ist?
    Für mich stellt sich da im Moment mehr die Frage, ob ich die Konvention permanent und dauernd irgendwelche Menschen um mich zu haben, mit denen ich mich obendrauf auch oft nicht verbunden fühle und immer wieder Probleme habe… vielleicht aufgeben muss.
    Also „ich selbst sein“ und eben auch „auf mich selbst gestellt zu sein“ (also allein leben, autark, ganz ohne direkte Kontakte)

    Vielleicht ist das gerade nur eine extreme Phase. Keine Ahnung. Aber Konvention erlebe ich gerade sehr mit „andere Menschen“ verflochten.

    Viele Grüße!

  5. Miria sagt:

    @Hannah C.

    „heißt das, dass du jetzt „unhöflich“ zu anderen Menschen bist oder … naja „unfreundlich“?“

    Nicht bewusst unhöflich und so allgemein bekannte Regeln wie „bitte, danke“ „Guten Tag, Auf Wiedersehen“ usw. kann ich natürlich und wende ich auch an.
    Aber dann gibt es eben haufenweise Konventionen, die ich einfach in dem Moment nicht merke, nicht durchblicke. Und statt an dem Versuch, mich hier anzupassen, kaputt zu gehen, ist es mir einfach egal.
    Möglicherweise mag das manchmal unfreundlich wirken – obwohl nicht beabsichtig. Aber Menschen, die mir wichtig sind, wissen wie ich bin und wie etwas gemeint ist, andere können mir dann tatsächlich egal sein.
    Um vielleicht verständlich zu machen, was ich meine, mal eine Situation, die fast jeder kennt und ich habe auch nicht verstanden, warum ich da angeblich unhöflich war, daher habe ich das ausführlich mit meiner Therapeutin besprochen: Beim Einkaufen an der Kasse hat mich die Kassiererin gefragt, ob ich noch einen Euro habe. Das habe ich verneint. Daraufhin war ihr Gesichtsausdruck sehr grimmig und sie hat sich nachher nicht mal freundlich verabschiedet (so wie ich es als Konvention eben kenne, wenn man mit dem Einkauf fertig ist). Auch ein Freund, der mich begleitet hat, meinte, warum ich denn so unhöflich war? Aber auf Nachfragen konnte er mir auch nicht erklären, was genau jetzt unhöflich war.
    Meine Therapeutin meinte später, dass es ungewöhnlich ist, den Inhalt seines Geldbeutels genau zu kennen und die Kassiererin deshalb eine Art Beweis erwartet, woher ich weiß, dass ich keinen Euro mehr habe. Für mich persönlich ist es schlicht unsinnig, im Geldbeutel rumzuwühlen, um dann die gleiche Aussage zu tätigen, wenn ich schon zuvor weiß, dass da nichts ist.
    Das solche Dinge dann, nur weil man eben eher praktisch denkt (Rumwühlen wäre Zeitverschwendung) als unhöflich wahrgenommen werden, damit kann ich leben und ich sehe wenig Sinn darin, das beim nächsten Mal zu ändern.

    Und von solchen Situationen gibt es eben haufenweise. Du selbst hast in deinem Text ja geschrieben, dass andere dich offenbar auch als „unhöflich“ empfinden, auch wenn das nicht der Fall ist. Fakt ist einfach, das kannst du nicht ändern, denn manche Dinge werden wir einfach nie so schnell durchblicken und verstehen. Und am Versuch, das zu können möchte ich nicht mehr kaputt gehen, mir ist es da in dem Moment einfach wichtiger, dass es mir gut geht – sollen die Menschen doch denken, was sie wollen.

    „Ich meine: in Konventionen werden ja alle irgendwie gezwungen – für mich ist immer mehr die Frage, welche Konventionen für mich Sinn ergeben. In dem Sinne: Wie gehen wir miteinander um, dass es für alle okay ist?“

    Die Frage stellt sich nicht für die Tausende Konventionen, die für andere selbstverständlich sind, man selbst aber nicht versteht. Wenn einem eine solche Konvention nicht bewusst ist, hat man keine Chance, damit umzugehen…

    „Fürr mich stellt sich da im Moment mehr die Frage, ob ich die Konvention permanent und dauernd irgendwelche Menschen um mich zu haben, mit denen ich mich obendrauf auch oft nicht verbunden fühle und immer wieder Probleme habe… vielleicht aufgeben muss.“

    Ich weiß nicht, wie deine Situation konkret ist: Permanent Menschen um sich zu haben, raubt enorm Energie. Das vermeide ich so gut es geht. Aber es gibt auch so genug Möglichkeiten: Beispielsweise beruflich eher etwas, wo man nicht so viele mit Menschen zu tun hat. Freizeitlich alleine Wandern etc.
    Dann fühle ich mich mehr „ich selbst“.
    Konventionen sind natürlich meistens mit anderen Menschen verflochten, wenn man alleine ist, kann man machen, was einem beliebt. Und gute Freunde werden einen immer so nehmen, wie man eben ist.

    Viele Grüße ebenfalls!