Oh (Hurrel)Mann! – Da kriesch Plack!

von Katrin
Dieser Text ist Teil 19 von 59 der Serie Meine Meinung

Klaus Hurrelmann ist „Senior Professor of Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und hat unter anderem die Shell Jugendstudie 2006 und die World Vision Kinderstudie 2007 geleitet“. Klaus Hurrelmann lief auch mir schon in meinem Studium der Erziehungs- und Sozialwissenschaften so einige Mal über den Weg. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich sein wissenschaftliches Gesamtwerk achte und respektiere. Aber dieser Artikel, der mir bei Freitag.de ins Auge sprang, der hat es wirklich in sich: Panikmache und kleine Unwahrheiten verstecken sich zwischen wissenschaftlichen Analysen. So schreibt Hurrelmann in „Kompetenz, Kinder und Karriere“:

„Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.“

In Wahrheit sind Frauen in der Schule besser, seit sie genauso mitmachen, wie die Männer: Seit dreißig Jahren und länger. Dennoch wirkte sich das noch lange nicht auf ihre späteren beruflichen Chancen aus. Na klar: Durch die Ansozialisation vermeintlich „weiblicher“ Eigenschaften in allen Sphären der Gesellschaft (eigene Herkunftsfamilie, Kindergarten, Schule) waren sie besser auf das eingestellt, was in sturen Schulstunden am besten bei Lehrern ankommt – wohingegen kleine Jungen eher dazu tendieren, dagegen zu rebellieren (und das vielleicht auch mit Recht!). Doch das Gegenteil ist der Fall, wenn es darum geht, in einer Berufswelt zu bestehen, die aus Konkurrenz, Machtstreben und vielleicht auch ein gutes Portiönchen Rebellentum „Helden“ schmiedet (mache ich sonst nicht, aber diese Mechanismen hat Susan Pinker so gut in ihrem „Geschlechterparadox“ beschrieben, dass man es erwähnen sollte – wenngleich ich nicht mit ihr übereinstimme, was die Ursache dafür angeht). Aber hey – machen wir weiter mit Hurrelmanns Prophetie des Untergangs der Männer:

„Seit dem Start der vergleichenden Untersuchungen im Jahre 2000 haben Mädchen und junge Frauen ihre Position in der Lesekompetenz gehalten oder sogar weiter ausgebaut. In diesem Kompetenzbereich sind sie durch ihre hohen kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten schon immer besser als die jungen Männer gewesen. Aber in der früheren Männerdomäne der naturwissenschaftlichen Fächer haben sie sich seit 2000 ebenfalls kontinuierlich verbessert und liegen heute über weite Strecken vor dem männlichen Geschlecht. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der jungen Männer die der jungen Frauen, wenn auch nur noch sehr knapp. Schreibt man die Tendenzen fort, ist bei der nächsten oder übernächsten Erhebung auch in diesem Bereich der Durchbruch der jungen Frauen denkbar.“

So weit – so richtig. Hurrelmann zeigt sich hier doch wieder von seiner wissenschaftlich-analytischen Seite. PISA zeigt uns tatsächlich, dass mit Bildungsgerechtigkeit in Abhängigkeit vom Geschlecht zum Nachteil der Jungen einiges schief läuft. Nicht nur PISA, auch andere Studien, wie die von Jürgen Budde (PDF, ca. 700 KB), die er im Jahr 2008 für das Bundesministerium für Bildung und Forschung erstellt hat, legt nahe, dass etwas schief läuft, dass wir etwas ändern müssen. Budde bleibt aber nüchterner und schreibt trotz aller Sorge:

„Eine ausschließliche Orientierung auf leistungsschwache und verhaltensproblematische Schüler wiederholt den negativen Blick der aktuellen (medialen) Debatte und übersieht, dass es ebenso durchschnittliche und erfolgreiche Schüler gibt. Zwar liegt der Anteil der Risikoschüler mit 11,9% um 2,2 Prozentpunkte über dem der Mädchen – darunter überdurchschnittlich viele Jungen mit Migrationshintergrund und aus kapitalienarmen5 Familien. Allerdings finden sich auch bei den kompetenzstarken Schülern – dies wird häufig vergessen – mit 11,8% mehr Jungen als Mädchen (10,4%). Um dieses Dilemma zu minimieren, stellt die Expertise ebenfalls Erfolge und Stärken von Jungen im Bildungssystem dar.“

Zurück zu Hurrelmann – um dem auch endlich ein Ende zu machen: In meinen Augen erweist er ernsthaft an diesen Themen arbeitenden Menschen wie Jürgen Budde und Hannelore Faulstich-Wieland eine Bärendienst, die gerade in erziehungswissenschaftlichen Diskussionen viel intensiver besprochen werden, als öffentlich-medial, die sich dafür aber umso ernsthafter um eine Klärung der ungeklärten Fragen und eine Perspektive für die tatsächliche Lösung der bestehenden Probleme bemühen, wenn er leicht hysterisch anmutend schreibt:

„Bisher sieht es nicht so aus, als ob an irgendeiner Stelle in der Karriereleiter aktiver männlicher Widerstand gegen den Vormarsch der Frauen geleistet würde. Die meisten Männer in Führungspositionen und etablierten Berufsetagen haben den Ernst der Lage offenbar noch nicht erkannt. Die jungen Männer im Bildungssystem sehen mit Irritation und teilweise mit Wut, wie die jungen Frauen in Schule, Hochschule und Berufsausbildung an ihnen vorbei ziehen. Solange sie nicht gegen ihre strukturellen Benachteiligungen aufbegehren und nur resigniert maulen, wird die nächste Runde im Geschlechterkampf an ihre weiblichen Mitbewerber gehen. Und es ist vielleicht die entscheidende.“

Na geil – endlich haben wir ihn wieder: Den Kampf der Geschlechter gegeneinander. Hat er uns nicht schon total gefehlt???

Und weil es besser ist, „die Guten“ zu lesen, sei deswegen hier als Alternative zu Hurrelmanns Hysterie das wirklich wunderbare Buch Walter Hollsteins empfohlen, das ich gerade lese und dessen Titel schon wesentlich mehr verspricht: „Geschlechterdemokratie – Männer und Frauen: Besser miteinander leben“ [Hervorhebung KR].




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 1. Oktober 2009 um 17:56 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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26 Kommentare

  1. sm sagt:

    solange die bestehenden macht- und wirtschaftsinstitutionen aufrechterhalten werden wie sie sind, werden sich die männer sich nicht aktiv dagegen wehren müssen, wie Hurrelmann das sich scheinbar wünscht. das ist ja der witz an der hegemonialen männlichkeit: die kann sich hinter begriffen wie „individueller Freihneit“, wirtschaftliche effektivität, nationalen interessen etc. verbergen und muss nicht einmal über männer/frauen reden. Steht bei R.W. Connell sehr gut beschrieben.

  2. Nina sagt:

    Naja, solange das neue Managermagazin eine Gehaltslücke zwischen Frauen und MÄnnern von sage und schreibe 27 Prozent (herausgekommen bei einer Online-Befragung von 91.000 Erwerbstägigen) lediglich in einem Mini-Absatz erwähnt und alle Graphiken geschlechterindifferent herausgibt, kann ich mich nicht wirklich darum sorgen, dass die Mädels mittlerweile im Durchschnitt die besseren Schulabschlüsse machen. Von daher finde ich die Analyse sehr treffend, dass man mit den Methoden, die einen in der Schule voranbringen, noch lange nicht gut gerüstet für die Jobwelt ist.

    Ach ja: http://www.manager-magazin.de/koepfe/karriere/0,2828,650881,00.html

  3. Jeanette sagt:

    „Na geil – endlich haben wir ihn wieder: Den Kampf der Geschlechter gegeneinander. Hat er uns nicht schon total gefehlt???“

    Sagt eine Feministin deren Wirken hauptsächlich die Situation von Frauen verbessern soll. Wenn es dir um alle Menschen geht, kannst du dich auch Humanistin statt Feministin nennen, und dementsprechend handeln.

    @sm

    „das ist ja der witz an der hegemonialen männlichkeit: die kann sich hinter begriffen wie “individueller Freihneit”, wirtschaftliche effektivität, nationalen interessen etc. verbergen und muss nicht einmal über männer/frauen reden.“

    Was man nicht wiederlegen kann, diskreditiert man also pauschal als „untauglicher Versuch“ ? Allein das „hegemonialer männlichkeit“ legt schon dein Denkmuster offen.

  4. jj sagt:

    Seht ihr nicht ein logisches Problem darin, zu behaupten, daß die schulischen Leistungen das individuelle Leistungevermögen korrekt anzeigen (also es keine Benachteiligung von Jungs gibt) während ihr gleichzeitig argumentiert, daß das spätere schlechtere Abschneiden von Frauen im Job ein soziales Phänomen sei? Nur so als Frage…

  5. Neeva sagt:

    jj, du solltest diesen Satz nochmal lesen:

    „PISA zeigt uns tatsächlich, dass mit Bildungsgerechtigkeit in Abhängigkeit vom Geschlecht zum Nachteil der Jungen einiges schief läuft.“

    Und dann erkläre bitte nochmal, wo die Benachteiligung der Jungen im Schulsystem ignoriert oder abgestritten wird.

  6. Katrin sagt:

    ja jj, ich verstehe grade auch nicht, woher die Frage kommt, ich behaupte das im Text nicht – im Gegenteil. Es ist jetzt nicht das Hauptthema, aber ich unterschlage es nicht, dass Jungen in der Schule qua Geschlecht bildungsbenachteiligt sind – im Gegenteil. Und wie oft schreibe ich: „es läuft etwas schief“ – „es gibt Probleme“ usw? – Damit meine ich ja gerade die Situation von Jungen an den Schulen. Ich gebe aber zu, dass ich wieder mal ne Schachtelsatzeritis hatte beim Schreiben – vielleicht geht es deswegen etwas unter?

    (und „ihr“: das ist ein „Meine Meinung“-Text, also „ich“, Katrin.)

    @Jeannette – nur in aller Kürze, ein Zitat von Walter Hollstein, das vielleicht deine Frage beantwortet: „Dass Männer in der offiziellen Geschlechterpolitik bisher fast nur als Objekt der Kritik ins Visir geraten sind, ist vielfach problematisch. Grundsätzlich läuft es der demokratischen Verfasstheit eines Staatswesens zuwider, wenn ein ganzes Geschlecht aus politischen Bemühungen ausgespaart bleibt. Überdies hat sich diese Praxis auch als kontraproduktiv erwiesen, weil Frauenpolitik ohne Männerpolitik nicht wirklich vorankommen kann. Wenn Männer kein Terrain räumen und keine Machtaufgaben mit Frauen teilen, wenn Männer sich nicht auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum eigenen Thema machen, dann können sich Frauen nicht wirklich befreien.“(Hollstein: „Geschlechterdemokratie – Männer und Frauen: Besser miteinander leben“ (2004) S. 12)

  7. Katrin sagt:

    ach und: „hegemoniale Männlichkeit“ hat weniger mit Denkmustern zu tun, sondern ist einfach ein wissenschaftlicher Begriff – einfach mal informieren.

  8. Hanna sagt:

    Sehr gut auf den Punkt gebracht, Katrin. Und danke für den Lesetipp!
    Übrigens finde ich es generell zu zweifelhaft, dass „gute Leistung“ in der Schule als ein Indikator für Erfolg im späteren Leben genommen wird oder es ist zumindest verwunderlich, dass Wissenschaftler versuchen, dort einen Zusammenhang zu suchen. Denn Schulen sind als Bildungs- und Erziehungsanstalt ja gerade darauf ausgelegt, fleißig zu sein und den Mund zu halten. Genau das Verhalten, das kleinen Mädchen von Geburt an eingeimpft wird (ich weiß, ich verallgemeinere. Trotzdem.). Da wird dann ein paar Jahre lang von hilflosen Lehrern belohnt, schlägt aber bei Gehaltsverhandlungen später, wo forsches und selbstewusstes Verhalten gefragt ist, negativ zu Buche.
    Ich glaube, die „Leistungs“unterschiede in der Schule sagen fast nichts über tatsächliche intellektuelle Kapazitäten von Jungs im Gegensatz zu Mädels in welchen Fächern auch immer aus.

  9. Rahab, Kanaan sagt:

    @Katrin
    was mich in dem Hollstein-zitat stört, ist,
    1. dass er einen sehr kleinen teil von politik (nämlich das, was er geschlechterpolitik nennt) als indikator dafür nimmt, dass männer in der politik nicht, und falls doch dann „fast nur als Objekt der Kritik“ vorkämen. selten so gelacht! nicht zu reden davon, dass er die kritik von frauen an diesem sehr kleinen teil von politik völlig unterschlägt.
    2. dass sein demokratie-begriff erst da beginnt, wo er meint, dass nun ein geschlecht, und zwar das männliche, von (aus) “ politischen Bemühungen ausgespaart bleibt.“

    ganz platt gesagt, kritisiert er, dass geschlechterpolitik sich nicht ausschließlich an interessen von männer orientiert. nun frag ich dich! was sollte mich an einem solchen herr-schaftlichen gestus begeistern?

  10. Turbo sagt:

    Also ich kann mich nicht wirklich mit dem Klischee anfreunden, Mädchen hätten es heutzutage in der Schule leichter, da sie angeblich braver und fleißiger als Jungs seien. Das ist doch ein typisches radikal-maskulistisches Argumentationsmuster, das Jungs angeblich in der Schule für jungentypisches Verhalten (was auch immer das sein mag) bestraft, während Mädchen umgekehrt belohnt würden. Entsprechend würden Jungs zu Mädchen „umerzogen“ und erlitten großen seelischen Schaden.
    Dagegen spricht m.E. zum Beispiel der Umstand, dass vor 50 Jahren (also als Mädchen in der höheren Schulbildung noch unterrepräsentiert waren) Disziplin in der Schule eine viel größere Rolle spielte. Damals mussten die Buben auch brav sein und stillsitzen, ja wurden richtiggehend gedrillt – also nix mit „weiblichen“ Verhaltensweisen, eher mit „preussischen“.
    Es ist ja auch so, dass vor allem Jungs aus sog. bildungsfernen Familien bzw. Jungs mit Migrationshintergrund Probleme in der Schule haben. Handelt es sich nicht also eher um ein soziales Problem, dass durch geschlechterspezifische Aspekte verschärft wird?

  11. Turbo sagt:

    Nachtrag: ich glaube auch nicht, dass alle Schulen/Lehrer_innen darauf aus sind, dass ihre Schüler_innen fleißig sind und die Klappe halten. Das ist vielleicht auch nur so ein Vorurteil.

  12. Katrin sagt:

    Hallo Turbo,

    es gibt da ein ganz tolles Buch von Hannelore Faulstich-Wieland, das nennt sich „Doing Gender im heutigen Schulalltag“ und genau der Titel nennt schon den Knackpunkt: Natürlich inszenieren Jungen und Mädchen in der Schule ihr Geschlecht und das nicht zu wenig. Auch Budde (siehe Link im Artikel zu seiner Studie“ beschreibt ausführlich, wie Jungen zum Beispiel die Schule als „Bühne“ zur „Aufführung von Männlichkeit“ nutzen und wie sich das dann auf den Schul(miss)erfolg auswirkt. Budde fasst diese verschiedenen Verhaltensaspekte und wie Lehrer auf Jungen und Mädchen reagieren sehr gut zusammen – ich kann die oben verlinkte Studie in all deinen Punkten deswegen sehr empfehlen. Von maskulistischen Argumenten ist das weit entfernt.

    Rahab: dass Hollstein Geschlechterpolitik zu reiner Männerpolitik machen will ist nicht wahr. Das steht so auch überhaupt nicht in diesem Zitat. Er sagt nur – und ich finde nicht zu unrecht – dass Geschlechterpolitik heute oft reine Frauenpolitik ist. Dass es bislang kaum geschlechter-demokratisch gedachte Politik gibt, die die Männer genauso berücksichtigt.

  13. steve, the pirat sagt:

    Wenn ich mir in meinen Bekanntenkreis die Ingenieure und Naturwissenschaftler ansehe, die alle einen guten Job haben in dem sie sehr erfolgreich sind so waren alle auch in der Schule sehr gut. (stichwort Nerds und Streber)
    In meinen Physikstudium war ich mit meinen Abischnitt von 2,0 stark unterdurchschnittlich, obwohl 80% meiner Mitstudenten Männer waren.
    Was ich damit sagen will: Mich stört nur ein wenig diese Rechnung „Schlecht in der Schule als Junge -> erfolgreich im Beruf, weil da Durchsetzungsfähigkeit gefragt wird und sonst nichts“

  14. Rahab, Kanaan sagt:

    @Katrin
    es könnte gut sein, dass wir beide uns in der kritik an derzeitiger geschlechterpolitik sehr schnell einigen könnten. u.a. darauf, dass sie, bei lichte besehen, oft immer noch eine ist, die an traditionell männlich genannten interessen und modellen ausgerichtet ist. kurzum: alles andere als geschlechter-demokratisch.
    ob wir uns darüber auch mit Hollstein einigen könnten, das ist die frage.

    kann aber sein, dass mir dabei etwas im wege steht, wie mir Hollstein in der rezeption durch männer bislang begegnet ist. nämlich auf der schiene von misogyn fundierter schuldzuweisung und mit dem nachsatz „Hollstein sagt das auch“. also Hollstein als kronzeuge dafür, dass es ja eigentlich die frauen sind, welche die männer unterdrücken usw.usf. auch vor dieser erfahrung habe ich das zitat gelesen. und vor der erfahrung, dass meine versuche, eine etwas andere lesart von Hollstein denen näherzubringen, welche ihn als kronzeugen bemühten, nicht gerade goutiert wurde.

  15. stadtpiratin sagt:

    oh. wie. traurig. klugheit und weitblick lässt herr hurrelmann vermissen, denn: wer sich das interview bei zeit online mit dem soziologen carsten wippermann anschaut, wird sehen müssen, dass die frauen noch lange nicht in der position sind, männer im berufsleben unterdrücken zu können, es ist vielmehr umgekehrt (das interview: http://www.zeit.de/karriere/2009-09/interview-carste-wippermann ), noch immer sehen sich viele frauen beim versuch, die karriereleiter zu erklimmen, mit der vielzitierten gläsernen decke konfrontiert, die sie nicht selten gänzlich hindert, weiter aufzusteigen.
    dass jungen in der schule oft schlechter dastehen als mädchen ist ein problem, die schlüsse die hurrelmann zieht sind jedoch enttäuschend und falsch. es ist sicher für keines der geschlechter zielführend, wenn man wieder damit anfängt, sich gegenseitig zu unterdrücken, insofern gebe ich dir völlig recht. toller und wichtiger artikel.

  16. jj sagt:

    Katrin,

    dann ist ja alles gut ;)

  17. Katrin sagt:

    Rahab, vielleicht ist das so, ja. In der Tat wird er auch von den Maskulisten viel rezipiert – kritisiert aber zugleich MannDat und richtet sich sehr direkt gegen Frauenfeindlichkeit – in allem, was ich bisher von ihm gelesen habe. Ich habe gerade entdeckt, dass es das Buch auch bei google books gibt, wer also mal reinlesen möchte – ich kann es nur empfehlen.

  18. Mat sagt:

    Man kann an Hurrelmann natürlich die Verwendung des Begriffs „Kampf der Geschlechter“ kritisieren, tatsächlich fordert er aber das Aufbegehren gegen ihre strukturellen Benachteiligungen. Hurrelmann stellt die Einschränkungen im Freitag-Artikel komplexer dar als die ansozialisierte Unterordnung der Mädchen, diese Erklärung greift auch für mich viel zu kurz. Interessannt wären die konkreten Ergebnisse seines Forschungsprojektes mit Gudrun Quenzel an der Uni Bielefeld, dazu habe ich noch nichts gefunden. Die Shell- Studie 2006 wird er ja nicht meinen.

    Budde schreibt nüchterner, weil Budde keinen Zeitungsartikel, sondern eine Studie schreibt. Natürlich gibt es auch gute männliche Schüler, nur ist die soziale Mobilität nach oben für Jungen offenbar erheblich eingeschränkter als für Mädchen. „Hysterisch“ ist leider ein Wort, das sich in beinnahe jedem Rubuttal zu dem Thema findet.

    „Hegemoniale Männlichkeit“ ist ein Konzept (eine Vortheorie), und die Verwendung des Begriffs läßt durchaus Schlüsse auf Denkmuster zu. Aber Hollstein hat ja dazu auch was geschrieben.

  19. Zoe sagt:

    Was ich mich schon frage, seit ich „Doing gender im heutigen Schulalltag“ gelesen habe, ist Folgendes:

    Ja, ich halte es für plausibel, was dort als Theorie aufgestellt wird, nämlich dass genau die Eigenschaften, die Jungs im sozialen Umfeld verstärkt entwickeln und die ihnen in der Schule schaden, im Beruf später doch eher nützlich sind. Das natürlich nicht als vollständiges Konzept, sondern eher als erklärendes Modell (also ich behaupt nicht, dass es die einzige Ursache ist und auf alle zutrifft).

    Insofern finde ich in der bildungspolitischen Szene auch nichts unsympatischer als diese Jungenförderungs-Menschen, die jetzt plötzlich Angst haben, die Jungs würden von den Mädchen „überholt“ und meinen, die müssten deswegen jetzt ganz doll gefördert werden. Denn, das liest sich glaube ich auch in dem gleichen Buch, und ist glaube ich dort von Zinnecker zitiert, Mädchen haben Jungs nicht überholt sondern sind ihnen seit der Einführung der koedukativen Oberstufen (also irgendwie seit den 60ern) überlegen.

    Aber andererseits: Wenn die Jungenförderung Wirkung zeigen soll, dann muss es ja darum gehen, dass Jungs dadurch besser in der Schule werden. Und dafür müssten sie ja dann auch diese Eigenschaften entwickeln (Fleiß, etc.), die Mädchen anscheinend in der späteren Berufswelt schaden. Und das wäre dann ja aus feministischer Sicht auch ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung, gerade auch im Sinne jener FeministInnen, die vertreten, dass es nicht das Ziel sein kann, dass sich die Mädels an die Jungs anpassen, sondern dass es eben auch mal andersrum geschehen muss.

    Ich hoffe, das ist irgendwie grade verständlich. Also ich frag mich halt, ob dieses Modell „die Mädels sind brav und fleißig und deswegen in der Schule gut, haben aber zu wenig Durchsetzungsvermögen für den Job“ und „die Jungs sind wild und schlecht in der Schule, dafür aber gut im Job wegen dieses Rebell-seins“ nicht auch gerade ein Argument FÜR die Jungenförderung liefert?? Was ja nichts schlechtes sein muss…

  20. Kathrin sagt:

    Was mich sehr an dieser Aussage stört, dass Mädchen fleissiger und dadurch besser sind, ist, dass unterschwellig durchkommt, dass Mädchen eben nicht wirklich besser sein können, sondern ihr Wissen nur durch (Auswendig!)Lernen erreichen. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern wird so tatsächlich vorhandene Intelligenz doch irgendwie in Abrede gestellt.
    (Ich erinnere mich auch nur zu gut an einen Satz von meinem Physiklehrer: „Mädchen sind sowieso Plinsen“.)

  21. steve, thje pirate sagt:

    @Kathrin: Ich stimme dir absolut zu. Vorhin schrieb ich eben dazu etwas:
    Ich habe immer zu den Mädels gehört, die sehr gut in Mathe und Physik waren. Leider hat daraus kein Lehrer irgendeine Begabung für die Fächer erkannt, sondern ich bekam den Stempel der Fleißigen aufgedrückt.

  22. Mat sagt:

    Gut, man kann das Problem auch nur aus feministischer Sicht betrachten wollen, dann ist es eben Legitim daß „Unterschicht-“ und Migrantenjungen benachteiligt werden.

    Nur soll man doch dann bitte nicht so tun, als habe das irgendetwas mit Chancengleichheit oder Gerechtigkeit zu tun. Für die Politik ist das ein unbrauchbarer Ansatz, und man soll sich bitte nicht wundern wenn der Widerstand gegen eine derartige Geschlechterpolitik wächst.

    Was Hurrelman betrifft ist die Reduktion auf den „Fleiß“ der Mädchen Thema verfehlt, da Hurrelman gerade die Kombination aus Schule, Freizeit und Werten untersucht, und in all diesen Bereichen schon im Grundschulalter massive Einschränkungen feststellt. Und diese Einschränkungen führen im Beruf eben nicht zum Erfolg, sondern dazu daß eine immer größer werdende Gruppe von meist männlichen „Abgehängten“ entsteht. Wenn einem das sonstwo vorbeigeht dann sollte man sich lieber zum Thema gar nicht äußern, und denjenigen das Feld überlassen, die sich um die Probleme kümmern wollen.

  23. Kathrin sagt:

    @Mat:
    Ich habe nicht den Eindruck, dass den hier mitschreibenden Personen die Probleme von „Unterschichts- und Migrantenjungen“ egal wären. Eher das Gegenteil. Die Problematik wird eben nicht ausschliesslich „pro-weiblich“ angegangen. Nur muss natürlich die Bereitschaft dies herauslesen zu wollen auch da sein.
    Dein letzter Satz hingegen spricht Bände!!!

  24. Mat sagt:

    Na dann..

  25. Piratenweib sagt:

    „Solange es formale Erziehungsinstitutionen gibt, solange dominierte bisher das männliche Geschlecht in ihnen, sowohl was die Anzahl der Plätze als auch was die Qualität der Abschlüsse betrifft. Diese Epoche nähert sich dem Ende.”

    In Wahrheit sind Frauen in der Schule besser, seit sie genauso mitmachen, wie die Männer: Seit dreißig Jahren und länger.

    Ja hey, wisst ihr denn nicht, dass früher – als sowieso alles viel besser war – die Erziehungsarbeit zuhause von den Männern geleistet wurde? Die Mütter durften doch gar nicht an ihre Kinder ran, oder?
    Hurrelmann ist mir in letzter Zeit öfters negativ aufgefallen. Hat er vielleicht ein Finanzierungsproblem und sucht neue Geldgeber für seine „Forschungen“?

  26. Jan sagt:

    Es gibt auch ein sehr lesenswertes Interview mit Hannelore Faulstich-Wienand und Klaus Hurrelmann, in dem sie seine dünnen Argumente zerpflückt.