Nippelfreie Zone

von Susanne

In den letzten Tagen wurde es immer unvorstellbarer, das Wochenende ohne Besuch am See überleben zu können. Ich brauchte dringend einen neuen Bikini, mein alter ist zehn Jahre alt. Also versuchte ich, einen zu kaufen. Bei dem Versuch blieb es allerdings. Dabei habe ich keinen ausgefallenen Geschmack und auch keine überzogenen Preisvorstellungen. Ich habe nur nicht den Wunsch, meinem Busen eine Rundumabdichtung zu verpassen – gepolstert und abgeschirmt gegen Gefahren jeder Art, die am See auf mich warten.

Aber das Designvorhaben der Bekleidungsindustrie scheint zu sein: meine Brüste zu beschützen. Warum sonst gibt es nur noch dick gepolsterte Bikinioberteile? Oder Büstenhalter. Auch hier das gleiche Bild, zum Beispiel im Prospekt, der mir aus der Zeitung entgegenflattert. Vermutlich wurden durch den frustrierenden Shoppingversuch meine Sensoren geschärft, normalerweise schmeiße ich Prospekte einfach ungesehen weg. Aber diesmal starren wir uns gegenseitig an: die gepolsterten Brüste mich und ich sie. Stramm stehen sie da, durch die unveränderliche Form der Schalen, wie eine Armee. Und neben den Dekolletés der Models steht die Erklärung für die Erfindung gepolsterter Unterwäsche: Es geht nicht um Schutz, sondern darum, etwas „unsichtbar“ zu machen. Wer sich die Worte „T-Shirt-BH“ und „Pulli-BH“ ausgedacht hat, sollte mit ebensolchen geknebelt werden, der Erfinder von „unsichtbar“ für seine Doofheit gleich mit. Ein unsichtbarer BH wäre: kein BH.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Deswegen kann diese Erfindung nur heißen: Irgendjemand hat ein Problem mit Brüsten, wie die Natur sie wachsen lässt. Weibliche Nippel sollen unsichtbar werden. Und in wattierte Förmchen eingepackt, wird die weibliche Brust normiert. Kleine, große, spitze, hängende, runde, schiefe, lustige oder flache Brüste sieht man immer weniger. Mit Pulli- und T-Shirt-BH sieht jede Brust, die einem auf der Straße entgegenkommt, gleich aus: fest, rund und mittelgroß. So wird Frauen eingeredet, das, was sie schon haben, sei nicht ganz so super wie das, was sie haben können. Und ihnen wird auch eingeredet, auf keinen Fall dürfe man unter dem T-Shirt oder Pulli „etwas“ sehen. Ein Pulli-BH muss her, denn egal ob normaler BH oder kein BH, solange keine Watteschicht eingebaut ist und auch nur ein kleiner Wind weht, sieht man bei Brüsten Nippel. Bei Frauen wie bei Männern.Die Skandalisierung von Nippeln will nur so gar nicht in unsere Umwelt passen, in der einem alle paar Meter von einer Werbeanzeige eine weibliche Brust entgegenspringt. „Brustwarzen scheinen nur okay zu sein, wenn mit ihnen etwas verkauft werden kann“, sage ich zu meiner Freundin P. Sie scheint sich auch schon ihre Gedanken über die Keuschheitsunterwäsche gemacht zu haben und verkündet radikal: „Kopftücher verbieten wollen, aber Watte-BHs herstellen!“ Ich schaue sie fragend an. „Na ist doch wahr. Das Gekreische um Kopftücher und verhüllte Frauen wird immer hysterischer, Freiheit und so. Und dann soll eine Brustwarze unterm Pullover plötzlich ein Problem sein?“

Vielleicht braucht es BH-verbrennende Feministinnen. Auch wenn es die nie gegeben hat, sie immer nur ein Symbolbild waren, gefällt mir die Vorstellung, sie Realität werden zu lassen. Für die Brüste dieser Welt zum Streichholz zu greifen. Eine Frage aber bleibt : Woher kriege ich jetzt den Bikini?

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der in der Taz)




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Eintrag geschrieben: Freitag, 23. Juli 2010 um 9:54 Uhr unter Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. ubarto sagt:

    Was vor allem äußerst nervig ist: Diese dämlichen Polster im Bikini trocknen total schlecht… äußerst unangenehm, stundenlang nasse Wattierung an den Brüsten kleben zu haben.
    Da hilft meiner Meinung nach nur eins: der Übersexualisierung der Brüste in der Gesellschaft den Stinkefinger zeigen und einfach komplett oben ohne gehen :-)

  2. Stefanie sagt:

    Ganz übel wird es, wenn auch die großen Größen immer öfter gepolstert werden. Das sieht dann so richtig schlimm aus. Und es ärgert mich, weil ich mir die dann kaufen muß. Aber Gottseidank ist das noch nicht überall so. Ich darf noch Nippel zeigen ;-

  3. Laura_2 sagt:

    Ich geb dir sehr recht, ich trag seit etwa 5 Jahre einen alten BH meiner Mutter auf, weil er einfach so extrem bequem ist, und ich seither keinen anderen mehr gefunden hab, der so toll ist: ohne Bügel, ohne Polster, Baumwolle. Genial, vorallem im Sommer, wenn ichs sehr, sehr eklig finde, in die Polster hineinzuschwitzen, und dann den ganzen Tag den alten Schweiss vom BH-Polster am Körper zu tragen.

    Zudem machen die gepolsterten BHs, wie du ja geschrieben hast, allen Frauen die gleichen Brüste. Wie langweilig. Ich find mein natürliches Dekolleté viel hübscher (und viel weniger: hey, schau her, ich hab Brüste!!).

    Zum eigentlichen Problem: Zumindest bei meinem Bikini liessen sich die Polster ganz einfach entfernen. Eine eher pragmatische Lösung: Damit unterstützt frau den Polsterwahn zwar auch noch, aber immerhin trocknet das Bikinioberteil wieder genauso schnell, wie das Unterteil.

    Apropos Unterteil: wann kommen wohl die ersten gepolsterten Badehosen für Männer? :D

  4. E*phi sagt:

    Susanne, du sprichst mir wirklich aus dem Herzen mit dieser frustrierenden Bikinisache. Ich brauch auch ganz dringend einen neuen (der alte ist verwaschen und durch’s Eingehen in der Waschmaschine mittlerweile größentechnisch maximal für hypothetische DIY-Pornoproduktionen zu gebrauchen). Mein Problem ist allerdings eher, dass ich eigentlich gern was hätte, das auch beim Ins-Wasser-Springen und Tauchen etc. richtig platziert bleibt. Irgendwie scheint’s überall nur diese Miniatur-Triangel-Dinger uä. Minimalistisches zu geben, was besonders bei oberweitenmäßig nicht so von der Natur Gesegneten (wie mir zB.) nur schwer am Ort der Bestimmung bleibt (Hallo, Bikiniverlustparanoia!). Zumindest wenn man im Bikini mehr vorhat, als sich am Strand zu bräunen. (Sport(artige)bikinis scheinen in meinem Umfeld grad voll out oder nur in Oma-Design und völlig überteuert zu haben sein).

    Davon abgesehen finde ich diese Nippelphobie auch eigenartig.Und diese Unterwäschekatalogmodels (zB in durchsichtigem Netznegligé usw) mit wegretuschierten Brustwarzen sind meiner Meinung nach eigentlich eher ziemlich verstörend als sonst was.

  5. ubarto sagt:

    für die Suche nach dem passenden BH (auch ohne Polster), und Rat zu den richtigen Größen erlaube ich mir mal auf folgende Seite hinzuweisen:
    http://www.busenfreundinnen.net

    es gibt nämlich Hersteller, die sowohl für „unübliche“ Größen und auch ohne Wattierung herstellen, wo man sowas bekommt und vor allen in welcher Größe (die meisten Frauen tragen nämlich die falsche Größe) erfahrt Ihr dort.

  6. Evamaria sagt:

    *Daumen hoch* für den ganzen Artikel – ich hab diese Nippelphobie noch nie verstanden und fand es immer etwas seltsam, wenn Freundinnen mich entsetzt ansahen, so ganz „Oh NEIN, du trägst keinen BH, nicht wahr?“ Und sogar wenn ich einen BH trage, dann so einen Anfänger-BH, ohne Schale und möglichst ohne Bügel… Ernsthaft, die Welt ist noch nicht untergegangen!

    Was das Bikini-Kaufen angeht, so hab ich bis jetzt immer welche gefunden, bei denen ich die blöden Einlagedinger rausnehmen konnte. So trocknet der Bikini erst noch schneller!

  7. boxi sagt:

    auch also mann kann ich dem beitrag nur zustimmen. vorallem dieser „einheitswahn“ ist doch ganz schön anstrengend, vorallem weil ja gerade auch die „nicht von den medien als perfekt geltenden brüste“ deutlich mehr reize haben.
    und von der einheitsbrust ist es auch nicht sehr weit bis zur einheits-silikon-brust. schade wärs.

  8. off topic sagt:

    @E*phi: Was spricht gegen einen einteiligen Badeanzug? Vor allem mit entsprechendem Rückenteil sind die für sportliche Aktionen besser geeignet. (Ich meine sowas hier: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/en/wiki/Racerback)

  9. maria sagt:

    also erst einmal stört mich, dass hier schon wieder ein seitenhieb auf die kopftuchdebatte und gegnerinnen dieser verhüllung stattfindet (ich denke nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat, außer um wieder mal die pro-seite ein wenig zu stärken) und auf der anderen seite muss ich sagen gab es die bh-verbrennenden feministinnen durchaus. meine mutter war eine davon. und sie stand nicht alleine auf einem platz und verbrannte ruhig ihren bh. es gab durchaus sehr viele mitstreiterinnen. schade wenn diese bewegung vergessen wird.