Neue Männerpolitik!?

von Helga
Dieser Text ist Teil 20 von 59 der Serie Meine Meinung

Im Zweifel gegen den Mann
Neulich noch die Schlagzeile des Focus – jetzt schon Thema der Koalitionsgespräche von Union und FDP. Dass auch für Jungen und Männer nicht überall Friede, Freude, Eierkuchen herrscht, ist also auch in der Politik angekommen. Daher soll es jetzt eine „eigenständige Jungen- und Männerpolitik“ geben. Die immer noch im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend angesiedelt ist. Haben die Initiativen für Familien (stehen immerhin an erster Stelle) und die Jugend bisher nur die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen beachtet?

Anscheinend:

So widmet sich die Bundespolitik auch fast ausschließlich den Frauen: Frauen im Aufsichtsrat, Abschaffung des Ehegattensplittings, Elterngeld, Kitaplätze – all das soll die Arbeits- und Familienwelt fairer machen. Die Benachteiligung von Männern spielte bislang dagegen kaum eine Rolle.

Fragen über Fragen tun sich auf. Das Ehegattensplitting wurde abgeschafft und eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte wie in Norwegen eingeführt? Habe ich was verpasst? Und seit wann hilft eine faire Arbeits- und Familienwelt nur Frauen? Dürfen alleinerziehende Väter ihre Kinder nicht in Kitas geben? Dass das Ehegattensplitting überwiegend Männer in die Rolle des Versorgers zwängt, habe ich mir wohl auch nur eingebildet.

Das Elterngeld war immerhin ein Anfang, aber viele Väter trauen sich immer noch nicht, die Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Schief angesehen zu werden ist vielfach das kleinste Problem, das Abrutschen auf der Karriereleiter ein größeres. Eltern, denen ein Jahr mit dem Kind nicht reicht, empfahl die Familienministerin dieses Jahr, einfach Schulden zu machen.

Was also wird nun kommen? Zeit wäre es für eine Reform des Schulsystems, damit nicht immer mehr Jungen die Schule ohne Abschluss verlassen. Ein weiterer Vorschlag ist die Höherbewertung und bessere Bezahlung typischer Frauenberufe wie Kindergärtnerin oder Altenpflegerin, um diese Berufe auch für Männer attraktiv zu machen.

Konkrete Maßnahmen für die kommende Legislaturperiode seien noch nicht diskutiert worden. Ihrer Meinung nach ist es Aufgabe der Politik, „junge Männer verstärkt für soziale Berufe zu begeistern“. Eines sei aber klar: „Ein Boys Day allein genügt nicht – aber eine Quote für Kindergärtner wird es sicher auch nicht geben.“

Die neue Männerpolitik wird also aussehen wie die alte Familienpolitik: ein bißchen Substanz und viel heiße Luft.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 20. Oktober 2009 um 11:24 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Ben sagt:

    Es ist doch schon einmal ein Anatz, wenn die Politik (und in der Folge hoffentlich ein einigermaßen großer Teil der Gesellschaft) dafür senibilisiert werden, dass nicht nur Frauen Opfer von (struktureller) Diskriminierung sein können und dass die Genderdikussion durchaus auch mit Blick auf die Männer geführt werden kann.

    Was Deinen Pessimismus bezüglich der Politik angeht: I second that. Aber ich erwarte grundätzlich von unserer aktuellen Regierung nicht mehr als heisse Luft.

  2. Thomas sagt:

    „Die neue Männerpolitik wird also aussehen wie die alte Familienpolitik: ein bißchen Substanz und viel heiße Luft.“. Die Gefahr besteht in unserer ziemlich traditionell wirkenden Republik.

    Ich finde gute Ansätze im Hollstein „Geschlechterdemokratie“. Der Kapitel III 6 „Die Angst der Männer vor der Weiblichkeit ist eine ziemlich gute und substantielle Analyse. Wer sich davon Betroffen fühlt, bekommt schnell die Wahrnehmung, daß er von traditionellen Männlichkeitsvorgaben „betrogen“ wird. Prof. Hollstein hat auch keine Hemmungen, tradierte Erziehungsmethoden von frauenbewegten Frauen auf S. 102 zu erwähnen wie auch die „männliche Wunde“ auf S. 94 bzw. die hervorragende Beschreibung der double-bind-Situation.

    Daß eine erfolgreiche Geschlechterpolitik beide Geschlechter auf dem Weg mitnehmen muß, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken, ist wohl schlüssig und die erfolgreicheren skandinavischen Länder hat Prof. Hollstein schon 2008 erwähnt.

    Auch die männliche Renitenz bzgl. der Haus- und Familienarbeit dürfte eigentlich angesichts jahrzehntelanger Abwertung dieses Bereiches und einfacher Forderung an die Männlichkeit leicht nachvollziehbar sein.

    Trendsetter sind da Männer und Väter, die gegen bestehende Normvorgaben rebellieren und gerne Vater sind, wobei als Nebenprodukt Familien- und Beziehungsarbeit mit realisiert und hoffentlich aufgewertet werden.

    Hier sehe ich die größten Chancen, nämlich daß eine von Umweltkommentaren resistente und vielleicht auch trotzige Klientel hier neue Trends setzt, die die gesellschaftliche Mitte erreichen. Nach Prof. Hollstein auf S. 84 werden Männer in der traditionellen Situation in einem diffusen weiblichen festgehalten bzw. in ein sehr diffuses Männlichkeitsbild entlassen, was sich schließlich ausschließlich über externalisierte Erfolge in harter Arbeit, Leistung und Erfolg festmacht.

    Auswirkungen auf unterschiedliche Erwerbsbiographien der Geschlechter werden vor diesem Hintergrund verständlich.

    Eine Lebenswelten-Erweiterungs- und Angebotsstrategie im Sinne einer konstruktiven Männerpolitik sollte ein eindimensionales Männlichkeitsbild endlich erweitern.

    Ob hier Aufklärungsarbeit für Männer und Frauen ausreicht, vielen Männern das Loslassen zu erleichtern und Frauen auch durchaus die karriereorientierte Haupternährerrolle aufgrund des höheren Einkommens einzunehmen, ist diskussionsfähig.

    Das Thema Ehegattensplitting wird übrigens auch im Positionspapier des BDA zum „Equal Pay“ kritisch angemerkt.

  3. Udo sagt:

    @Helga

    „Fragen über Fragen tun sich auf. Das Ehegattensplitting wurde abgeschafft und eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte wie in Norwegen eingeführt? Habe ich was verpasst? “

    Ich denke damit ist einfach nur gemeint das sich die Politik den Problemen der Frauen bzw vieler Frauen viel stärker zuwendet. Selbst wenn sie sie nicht löst, so hat sie diese erkannt und thematisiert sie viel stärker, als umgekehrt der Fall. Sie schenkt den Problemen also Beachtung. Gibt wenigstens Hoffnung auf Veränderung.

    „Und seit wann hilft eine faire Arbeits- und Familienwelt nur Frauen?“

    Das hilft auch den Männern, zum Beispiel bei der Lebenserwartung, aber nur als Nebeneffekt, nicht als eigenständig formuliertes Ziel.

  4. Marcel sagt:

    Kann mir mal jemand erklären, was man in Deutschland unter Ehegattensplitting versteht?

    In vielem muss man Katrins letztem Artikel

    http://maedchenmannschaft.net/frauen-und-kinder-zuletzt/

    recht geben. Auch wenn ich manchmal nicht weiss, warum trotz aller praktischen Erkenntnisse im Hintergrund immer noch die altbekannte, feministische Matrix aufflackert…

    Schluss mit Vollzeit für Männer! Aber: „Geschlechterdemokratie muss man sich leisten können.“

    Ein schon fast unauflösbar scheinender Wiederspruch- aus Sicht von Otto- und Emma NormalverbraucherIn!

  5. Helga sagt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ehegatten-Splitting

    Deswegen können sich deutsche Paare zwei Verdienste nicht so gut leisten wie einen Hauptverdiener.

  6. Thomas sagt:

    Auch der Väterblog hat das Thema aufgegriffen :

    http://vaeter-und-karriere.de/blog/index.php/2009/10/20/bundesregierung-mochte-sich-von-traditioneller-gleichstellungspolitik-emanzipieren/

    „Aber an dieser Stelle hat die Politik dem Koalitionsbeschluss schon vorgegriffen. Seit Anfang September gibt es das Vernetzungsprojekt zur Bildung eines Bundesforums Männer.“

    http://www.bundesforum-maenner.de/

    Daß eine erfolgreiche Geschlechterpolitik beide Geschlechter ins Visier nehmen muß, zeigt sich auch hier :

    http://vaeter-und-karriere.de/blog/index.php/2009/10/06/medienschlacht-um-das-recht-mutter-zu-werden-und-vorstand-zu-bleiben/#comments

    Das Thema Ehegattensplitting und Begünstigung der Alleinverdienerehe im Statement des BDA :

    „Das Steuer- und Sozialversicherungsrecht begünstigt teilweise noch immer die sog. Alleinverdienerehe und setzt damit falsche Anreize für Frauen, für kürzere oder längere Zeit auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten.“ (s.o., S. 9)“.

    Mit diesem Statement würde ich mir wünschen, eine Klientel zu erreichen, die neue Maßstäbe setzt und auf Vielseitigkeit wert legt :

    „Die guten alten Zeiten der 50`er bietet für vielseitig interessierte und moderne Männer, die ein facettenreiches und abwechslungsreiches Mannsein leben wollen, keine Lebensalternative mehr.“

    @Marcel : “Geschlechterdemokratie muss man sich leisten können.”

    Es liegt meinem Eindruck mitunter daran, daß Vater Staat nur in begrenztem Umfang bereit ist, für seine Kinder Verantwortung zu übernehmen und Kosten gerne abwälzt. Schon vor Jahren sah ich einen Bericht über die wesentlich bessere Infrastruktur in Dänemark.

  7. Thomas sagt:

    Hier habe ich noch ein paar für Frauen und Männer verwertbare Hinweise gefunden :

    http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,656550,00.html

    Die interessantesten Statements sind auf S. 2 :

    „Ich persönlich würde mich überdies freuen, wenn es mehr Frauen und Männern gelänge, sich aus dem alten Rollendenken zu lösen, und demzufolge Männer in privaten Verbindungen nicht zwangsläufig der statusstärkere Partner sein müssten, sondern eine gleichberechtigte, gleichgestellte Partnerschaft leben könnten. “

    „Weil sich für Frauen durch diesen Versuch, die traditionelle Rollenverteilung wiederherzustellen – die sie im Beruf ja gerade ablegen wollen – die verfügbare Auswahl an Partnern stark einschränkt, und sich Männer immer in der Rolle der allzeit funktionierenden Versorgers bewähren müssen. Das ist für beide nicht fair. In einer Zeit wie dieser, in der lebenslange Karrieren auch für Männer längst nicht mehr garantiert sind, ist dieses starre private Rollendenken eigentlich überholt“

    Ähnliches habe ich auch bei Hr. Dr. Woinoff gelesen. Hier bestehen ungenutzte Chancen.

  8. Ti_Leo sagt:

    Genau meine Meinung. Wer Kitaplätze usw als Frauenpolitik versteht, von dem ist keine gute Familienpolitik zu erwarten, weil er immer noch nicht verstanden zu haben scheint, dass Kinder nicht Frauensache sind. ^^

    Fürchte stattdessen wird man etwas „Männerpolitik“ machen, gegen „Frauenpolitik“, am Ende hat es keinem was genutzt. Hoch lebe die Differenz und das Gegeneinander. Das wird sich wohl noch länger in den Köpfen halten. Hoffentlich bin ich zu pessimistisch.