Nelken in Aspik, Mariam Lau und Feminismus

von Charlott

Morgen ist Frauenkampftag, kaum ein besserer Anlass für Mainstream-Medien um mehr oder (und das viel eher) weniger qualifizierte Menschen sich zu diesem Feminismus ™ äußern zu lassen. Kompetenten Personen, die sich sich täglich mit feministischen Themen auseinandersetzen, eine Bühne zu bieten, wäre wirklich viel verlangt, stattdessen hat zum Beispiel die ZEIT Feminismus-Expertin Mariam Lau um einen Kommentar gebeten.

Es ist ja nicht das erste Mal. Im August 2012 attestierte Lau „Der Feminismus ist nicht tot, aber traurig.“ und Nadia fasste hier an dieser Stelle das große breite „Hä?“, was alle etwas themennaheren Menschen wohl im Kopf hatten, perfekt in ihrem Text „Jo, Frau Lau, ich check Ihren Feminismus nicht“ zusammen.

Jetzt ist 2014 und jo, ich checke Frau Laus Feminismus immer noch nicht. Aber, und ich denke, da lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, das könnte auch daran liegen, dass Frau Lau immer noch nicht diesen Feminismus gecheckt hat. Angefangen von ganz grundlegenden Dingen, wie denen, dass es den Feminismus ™ nicht gibt. Das hat Nadia auch schon versucht vor zwei Jahren zu erläutern, aber der Gedanke ist vielleicht zu komplex.

Und mit Komplexität hat es Mariam Lau nicht ganz so. Als Aufmacher für ihren Artikel zieht sie die Prostitutionsdebatte heran, die bei ihr aber mit einfachen Fronten verläuft: Feminist_innen gegen Sexarbeiter_innen. Wir wissen ja: Prostitution, ein Thema, wo sich alle Feminist_innen super einig sind. (Mal ganz abgesehen von der künstlich aufgemachten Dichotomie, die ja auch quasi verneint, dass es Sexarbeiter_innen geben könnte, die sich als Feminist_innen identifizieren.)

Wenigstens hübsche Sprachbilder zieht sie heran und so heißt es im Text: „Die europäische Frauenbewegung ist dabei, zu einer Art Staatsfeminismus zu werden, einer Nelke in Aspik.“. Das große Zittern kann beginnen, wenn da mal wieder ein feministischer Einfluss auf quasi alles herbei imaginiert wird von dem viele Feminist_innen nicht einmal zu träumen wagen. Wir Nelken in Aspik.

Dann versucht Lau noch eine ganze Reihe von Untergangsszenarien in ein paar kurze Absätze zu hauen: Frauen, die keine Männer finden (oh nein!) und keine Kinder wollen (the horror!) und überhaupt. Quoten wäre ja noch ganz hübsch, die hätten „in viele verschmockte Herrenrunden frische Luft gebracht“, aber ansonsten sprechen diese Feminist_innen auch von Gewalt und das würde quasi (Paar)Beziehungen (die natürlich immer nur heterosexuell sind) verunmöglichen. Eigentlich also eben das, was sie schon 2012 beweinte und wo Nadia schrieb:

Sie meinen das [auch Männer leiden], glaube ich, in Bezug auf Feminismus und so. Hab ich mir aber nur deswegen mal so zusammen gereimt, weil es ja einige kognitiv benachteiligte Exemplare Mensch gibt, die immer Schiss haben dass keine_r mehr die Toilette zuhause putzt, wenn der Feminismus noch mehr Erfolg hat, oder sich keine_r mehr die Haare kämmt, oder Männer alle in eine Schlucht gejagt werden. Oder, noch schlimmer, Frausein und Mannsein irgendwie aufhört und deswegen dann niemand mehr Sex oder Beziehungen hat. Oder dass der Planet dann explodiert.

Feminismus gehört für Mariam Lau nach „Ägypten, Saudi-Arabien oder dem Iran“. Klar die muslimische Frau ™ muss befreit werden, die West-Europäerin steht längst auf der „historischen Bühne“. In der Welt von Mariam Lau ist alles ganz einfach. Gut, dass bei solchen Weltbildern auch immer gleich Feindbilder so passgenau mitgeliefert werden: z.B. „die nervige Feministin“. Lau möchte, dass endlich mal die richtigen Fragen gestellt werden. Würde sie auch nur mal ein paar Texte feministischer Aktivist_innen und Autor_innen lesen (und verstehen wollen), dann könnte sie feststellen, dass seit langem viele Fragen gestellt werden – und auch Antworten entworfen werden. Nur kommen die bei ihren ZEIT-Leser_innen vielleicht weniger an, da diese ja eher eine Mariam Lau vorgesetzt bekommen, nicht wahr.

Was will di_er Feminist_in? Es zeigt sich immer wieder – eine Mariam Lau kennt die Feminist_innen eigentlich nicht besonders gut.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 7. März 2014 um 17:06 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Sophie sagt:

    Der Link zu dem Text von Nadia funktioniert bei mir leider nicht.

  2. Charlott sagt:

    @Sophie: Sollte jetzt gehen, habe es gefixt.

  3. C. sagt:

    bisher habe ich noch keinen einzigen intelligenten artikel zum thema feminismus auf zeit online gelesen. und ich hoffe noch nicht mal darauf, mit einem text einig zu sein, sondern lediglich auf eine kritischere auseinandersetzung. stattdessen gibt es haufenweise dieser „kommentare“. grausig.

  4. Inken sagt:

    Danke für diesen Kommentar, er spricht mir aus der Seele! Es scheint ja so richtig Mode zu sein, Feminismus als homogene autoritäre Struktur darzustellen, um jedes Nachdenken auszuschalten. Und gleichzeitig gab es in Zeit vom 6.3. so viele andere Themen, die feministische Perspektiven verdienen und verlangen: Cyborg-Entwicklungen, die SItuation von Hebammen etc.