Nein, ich knete keine Vulva

von Susanne

Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht wissen muss. Zum Beispiel, wie man einen Uterus strickt.

Das entscheide ich, als ich in einem Blog das Bild einer faustgroßen rosa-plüschigen Gebärmutter sehe. Mit zwei Eileitern als Armen sieht sie ganz witzig aus, aber irritiert mich sehr.

Nun könnte man sagen: Schau dir halt solche Blogs nicht an.

Aber ich bin gern dort, wo sich Feminismus und Do it yourself treffen. Feministisches Selbermachen hat nämlich einen vermeintlichen Widerspruch gelöst: Ich bin Feministin. Und ich nähe, stricke, koche, gärtnere gern. „Trotzdem“ habe ich immer gesagt, wenn das Gespräch darauf kam. „Ich bin trotzdem Feministin.“ Oder andersherum: „Ich backe trotzdem gern.“ Ich schämte mich ein bisschen für meine Hobbys. Ich fand, ich erfüllte damit ein altmodisches Frauenbild. Und jeden Schwiegermuttertraum – von einer haushaltlich begabten Schwiegertochter. Das Einzige, worauf ich mich immer herausreden konnte: dass ich nicht nur die Nähmaschine bedienen kann, sondern auch einen Schlagbohrhammer – dass ich einfach gern mit meinen Händen arbeite.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Dann entdeckte ich US-amerikanische Feministinnen, die Handarbeit ein neues Image verpassten, sie aus der bürgerlichen Umklammerung befreiten und stattdessen gegen Konsum und Kapitalismus anstrickten. Ich entdeckte auch: „revolutionäre Strickzirkel“ und „bad-ass“-Nähkränzchen und abonniere enthusiastisch all die Do it yourself-Blogs, die mir nicht marthastewartesk auf die Nerven gehen mit Vorschlägen wie, ich müsse mal wieder für meine Sofakissen neue Bezüge nähen, weil es doch da jetzt diese wunderschönen Rosenprints gibt.

Aber dann ist da auch die Sache mit den gestrickten Gebärmüttern. Vulven aus Gips. Oder Nähanleitungen für Hygienebinden. Dann vielleicht doch lieber marthastewart.com?

Ich kann gar nicht so genau sagen, warum mich so ein Strick-Uterus nervös macht. Eigentlich ist doch alles schön – Stricken: super. Blogs: super. Gebärmütter: super. Nur die Kombination aus allen dreien: irgendwie unsuper.

Vielleicht weil sich Feministinnenhasser so wohl die Freizeitgestaltung von Feministinnen vorstellen. Ich habe viele Abende damit verbracht, Menschen zu erklären, dass Feministinnen nicht so sein müssen. Wenn sie es dann doch sind, wenn sie in jedes Klischee passen – einen Selbstfindungsfeminismus betreiben, der bei gestrickten Gebärmuttern und Ratgebern „Entdecke die Göttin in dir“ anfangen und bei Seminaren à la „Menstruieren in den Waldboden“ aufhören –, ist mir das irgendwie unangenehm. Ich kann sie nicht mehr ernst nehmen. Und sie sind mir peinlich.

Aber genau das ärgert mich. Die können doch machen, was sie wollen; so ein Waldmenstruationswochenende tut niemandem weh. Ich wünschte, ich müsste nicht immer lachen oder genervt die Augen verdrehen, wenn ich dem Selbstfindungsfeminismus begegne. Ich meine, ich bin nicht Welten davon entfernt: Meine Tochter wird von mir spätestens mit Beginn der Pubertät einen Spiegel in die Hand gedrückt bekommen, um sich ihre Architektur da unten genauestens anzuschauen. Trotzdem werde ich ihr zum Geburtstag eher eine Bohrmaschine schenken als ein Gipsbastelset für eine selbstgemachte Vulva.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz.)




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 18. August 2010 um 9:13 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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7 Kommentare

  1. inFemme sagt:

    DANKE! DANKE! DANKE!
    mir gehts genauso. ich mag häkeln und stricken und nähen und backen und ich mag nicht, dass ich mich dafür immer rechtfertigen muss oder eben solche dinge handarbeite, die mich aus der schwiegertochter-ecke holen (eine kettensägen-spieluhr zum beispiel).
    aber genauso bin ich verstört von den selbstfindungsfrauen und muss über sie auch meistens sehr lachen. vielleicht liegt da der knackpunkt: meistens ist dieser selbsterfahrungsfeminismus so schrecklich humorlos.
    aber ich weiss es auch nicht. dafür weiss ich, dass mir dein text fantastisch gefallen hat!

  2. Elke sagt:

    Ihr zwei: das Fremdschämen für Formen der weiblichen Selbstfindung, die nicht meine sind, kann ich ja nachvollziehen. Aber ehrlich gesagt, die gestrickten Gebärmütter und Gipsvulven find ich sehr humorvoll. Die sind so schön profan im Vergleich zur Waldmenstruation. Aber ich mag eben auch stilisierte Penisse in Kunst.

  3. DrNI sagt:

    Ganz dem Rollenbild entsprechend konnte ich mich als Mann mit Stricken und Häkeln nie anfreunden und Schlagbohrmaschinen machen mir kein Problem. Ich wäre nun aber wirklich auf die Reaktionen gespannt, wenn ich als Mann öffentlichkeitswirksam männliche Körperteile stricken würde.

    Was das Rechtfertigen angeht, so möchte ich aber auch nicht rechtfertigen müssen, als Mann in einem eher technischen Beruf zu arbeiten. Auch wenn ich öfter das Gefühl habe, genau das zu müssen.

    Penisstricken zur männlichen Selbstfindung, das hätte schon auch was Kabarettistisches.

  4. legal_beagle sagt:

    Ganz einfach: aufhören, sich zu schämen. Wieso sollte ich mich dafür schämen kochen zu können und es gerne zu tun?!? Diejenigen die nicht kochen können sind doch viel ärmere Würstchen – die sind abhängig von denen, die es können…

  5. Morjanne sagt:

    Sehr schöner Text, ich kann dir nur zustimmen.
    Ich will ja irgendwie sagen, jede Frau soll selbst sehen, wie sie glücklich wird – aber wenn das in Göttinnengerede und Menstruationskult ausufert, finde ich das mehr als albern. Und auch irgendwie dem Anspruch einer intelligenten Frau nicht mehr gerecht.

    Dafür finde ich gehandarbeitete Geschlechtsteile zwar seltsam, aber doch irgendwie witzig – so eine getöpferte Gebärmutter wäre bestimmt ’ne gute Vase.

  6. E. sagt:

    „Ganz einfach: aufhören, sich zu schämen. Wieso sollte ich mich dafür schämen kochen zu können und es gerne zu tun?!? Diejenigen die nicht kochen können sind doch viel ärmere Würstchen – die sind abhängig von denen, die es können…“
    Weisste, den zweiten Satz haets nicht gebraucht, ich find kochen scheisse und bin froh dass es Menschen gibt die das gerne machen. Trotzdem ist niemand von uns ein Wuerstchen und ein armes schon gar nicht.

  7. bigmouth sagt:

    esoterik ist nun mal dummer reaktionärer quatsch – ob der jetzt mit feministischem anspruch daher kommt oder nicht. deswegen isses doch total ok, gegen göttinnen-selbsterfahrung und „(menstruations)blut und (wald)boden“ opposition zu betreiben

    die feminsitische buchhandlung hier am ort, die vor einigen jahren schloss, hatte am ende auch nur noch bildbände über kraftorte im schaufenster stehen…