Mythen aus der Frauenwelt

von Thomas

Auf Guardian.co.uk ist vor ca. 2 Monaten ein etwas sonderbarer Artikel mit dem Titel „’Useless stay-at-home men‘ a female myth“ (zu Deutsch: „‘Nutzlose Hausmänner‘ ein Frauenmythos“) erschienen. Es geht um die Anfang November 2009 veröffentlichte Studie ‚The Female Breadwinner: Phenomenological Experience and Gendered Identity in Work/Family Spaces‘ der University of Missouri (durchgeführt in den USA von Dr. R. Meisenbach) über Familien bzw. Partnerschaften, in denen die Frauen den größten Teil des Einkommens verdienen.

Quotenmann

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Schon die Lektüre der ersten Zeilen lässt nichts Gutes ahnen:

If there is one thing on which many working mothers agree, it is that their partners do not pull their weight on the domestic front.
But research to be published this week reveals that men are being unfairly accused and working women are advancing the myth of the „useless man“ so they can feel more feminine.

zu Deutsch: Wenn es eine Sache gibt, über die sich viele arbeitende Mütter einig sind, dann ist es die Tatsache, dass sich ihre Partner nicht ausreichend im Haushalt beteiligen. Allerdings enthüllt nun eine Studie, die in dieser Woche veröffentlicht wird, dass Männer zu Unrecht beschuldigt werden und arbeitende Frauen den Mythos des „Nutzlosen Mannes“ propagieren, um sich weiblicher fühlen  zu können.

Das ist eine unglaublich pauschale Behauptung, die zum einen meinen eigenen Erfahrungen widerspricht und andererseits in dieser Form ganz sicher nicht aus einer seriösen Studie stammen kann. Es folgt ein Zitat von Dr. Meisenbach, welches die Angelegenheit rechtfertigen soll:

„Working women who provide the majority of the household’s income to the family continue to articulate themselves [in den Interviews] as the ones who ’see‘ household messes and needs as a way to retain claims to an element of a traditional feminine identity,“ said Dr Rebecca Meisenbach, whose research paper, The Female Breadwinner, will be published this week in the journal Sex Roles.

zu Deutsch: „Arbeitende Frauen, die den Großteil des Einkommens für den Haushalt beisteuern betonen [in den Interviews] immer wieder, dass sie diejenigen sind, die die Unordnung und Notwendigkeiten im Haushalt ‚sehen‘, um dadurch ein Element traditioneller weiblicher Identität zu bewahren“, sagte Dr Rebecca Meisenbach, deren Studie ‚‘The Female Breadwinner‘ diese Woche im Journal ‚Sex Roles‘ veröffentlich wird.

Diese ‚Behauptung-Beweis-Struktur‘ zieht sich durch den ganzen Artikel hindurch. Eines fällt allerdings hier schon auf: Der Beweis beweist eigentlich nichts. Frau Dr. Meisenbach erklärt nur, wie sich die Frauen in den Interviews darstellen, und warum sie es tun. Wie deren Männer in Wirklichkeit geartet sind, ist offenbar nicht von Bedeutung – es kann daher kein Ergebnis dieser Studie sein, dass sie in Wirklichkeit furchtbar tüchtig im Haushalt sind. Hier stimmt einfach etwas nicht!

Auch das Weiterlesen bringt, außer der Information, dass für diese Studie nur 15 Personen befragt wurden, nicht viel Neues. Ich entschließe mich also, lieber mal einen Blick in das veröffentlichte Paper zu werfen.

18 zweispaltige Seiten später sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Einerseits wird deutlich, dass sich die Studie mit ganz anderen Kernthemen beschäftigt und zudem stelle ich fest, dass sich der gesamte Guardian-Artikel im Grunde genommen nur auf eine viertel Spalte in diesem Paper bezieht, und versucht diese neu zu interpretiert. Leider fiel diese Neuinterpretation zu Gunsten des Sensationswertes aus und ist ein trauriges Beispiel dafür, wie aus wissenschaftlichen Arbeiten Unsinn gestrickt wird. Hier ist der Ausschnitt aus dem Paper, welcher angeblich beweist, dass Frauen Mythen erfinden (die fett-gedruckten Wörter sind von mir formatiert worden):

One interesting possibility for gendered identity research is that the FBWs’ [Female Breadwinner] continued articulation of themselves as the ones who “see” household messes and needs is a way to retain claims to an element of a traditional feminine identity. By highlighting stories of how the men have to be told or asked to do specific chores in the home, these FBWs still fit gender boundaries of a wife as someone who manages the home and children (Buzzanell et al. 2005; Chapman 2004). […] This path of expressing control of and responsibility for both home and paid work may be essential for working moms to manage competing discourses of ideal worker and intensive mothering (Johnston and Swanson 2007).

Zu deutsch: Eine interessanter Ansatzpunkt für Genderforschung ist die Tatache, dass sich die FBWs wiederholt als diejenigen darstellen, die die Unordnung und Notwendigkeiten im Haushalt ‚sehen‘, um dadurch ein Element traditioneller weiblicher Identität zu bewahren. Indem sie Geschichten, in denen die Männer erst aufgefordert oder gefragt werden müssen bestimmte Arbeiten im Haus zu erledigen, besonders hervorheben, können sich die FBWs immer noch in die Geschlechter-Rolle der Ehefrau, welche sich um Haushalt und Kinder kümmert, einpassen. […] Diese Art und Weise, Kontrolle und Verantwortung für Haushalt und Beruf auszudrücken könnte für arbeitende Mütter essentiell sein, um den Beruf und die Mutterrolle unter einen Hut zu bringen.

Wie der Autor des Guardian-Artikels hieraus seine eingangs erwähnte These ableiten will, ist mir ein Rätsel. Es steht nirgendwo, dass sich die Frauen nur einbilden, dass die Männer zu Hause zu wenig tun. Das ist auch nicht der Punkt – es geht hier, wie der Titel der Studie schon andeutet, darum, wie sich Frauen fühlen, die den Hauptteil des Einkommens beisteuern. Bei den arbeitenden Müttern, deren Kinder noch zu Hause wohnen, hat die Studie nun festgestellt, dass diese in besonders hohem Maße betonen, dass sie mit der Arbeit ihrer Partner zu Hause nicht zufrieden sind. Die Frauen ohne Kinder messen der Hausarbeit offenbar keine so große Bedeutung bei, da sie etwaige Konflikte nicht erwähnen. Warum ist Ersteren das dann so wichtig? Diese Frage und nur diese Frage versucht Dr. Meisenbach wenigstens auf hypothetischem  Wege zu beantworten. Ob die Männer zu Hause nun wirklich zu wenig tun ist hier völlig unwichtig, sonst hätte man es ja überprüfen müssen.

Schade, dass der Guardian nicht über die eigentlichen Inhalte der Studie berichtet hat, denn sie war an sich sogar recht interessant. Im Wesentlichen stellt die Studie eine Art Pionier-Projekt dar, denn Untersuchungen über arbeitende Frauen, die (alleine) eine Familie ernähren, gibt es vergleichsweise wenig. Es ging hierbei vor Allem darum, wie diese Frauen ihre Lebenssituationen wahrnehmen und welche Erfahrungen sie machen. Insbesondere wurde auch untersucht,  in wie weit sie mehr gesellschaftlichen Erwartungshaltungen ausgesetzt sind, als es Männer in ihrer Situation wären. Man sollte sich allerdings bewusst sein, dass das Hauptaugenmerk auf der Art der Selbstdarstellung in den Interviews liegt – die Untersuchung wurde schließlich vom Department of Communication durchgeführt.

Die Moral der ganzen Angelegenheit –  man muss sich wohl sicherheitshalber bei jedem Zeitungsartikel über eine Studie oder etwas Ähnliches erstmal fragen, ob dort nicht in ähnlicher Weise ‚gepfuscht‘ wurde. Die einzige Alternative ist, die Berichte über die Experimente selber zu lesen – was natürlich nur selten möglich ist, da man entweder keine Zeit hat oder die Studien einen Haufen Geld kosten. In Zukunft werde ich es jedenfalls lieber vermeiden, Studien zu zitieren, über welche ich in der Presse gelesen habe.

Zum Nachlesen:
The Female Breadwinner: Phenomenological Experience and Gendered Identity in Work/Family Spaces, Sex Roles, Rebecca J. Meisenbach
DOI: 10.1007/s11199-009-9714-5




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Eintrag geschrieben: Freitag, 8. Januar 2010 um 11:28 Uhr unter Familien_politik, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. way_up_north sagt:

    vielen dank für diese differnzierte auseinandersetzung.

    ich selbst arbeite auch in der sozialforschung mit dieser art von methoden, und es hat sich gezeigt, dass die vermittlung der ergebnisse an journalistInnen oft problematisch ist – denn diese wollen häufig am liebsten einfache „beweise“ oder (angeblich) nachgewiesene kausalbeziehungen, die möglichst noch „skandalös“ sind… (übrigens z.b. auch wenn sie interviews mit wissenschaftlerInnen machen, oft wollen sie nur eine legitimation für die behauptungen, die sie gerne in dem artikel aufstellen wollen) das ist besonders problematisch bei dieser art von forschung, die nicht auf diese art und weise arbeitet (und weniger nach „beweisen“ und „kausalbezügen“ sucht).

    nur eine kleine bemerkung: dass die ergebnisse „nur“ auf 15 interviews beruhen ist in dieser art von forschung kein manko… denn hier wird nicht nach kriterien der repräsentativität gearbeitet. egal ob 15, 30 oder 50 interviews – qualitative forschung kann und will keine repräsentativitätsansprüche erfüllen. (auch handelt es sich nicht um „experimente“) [sorry für die erbsenzählerei, wie schon geschrieben, insgesamt finde ich diesen beitrag sehr diffenziert!]

  2. CARMENCITA sagt:

    @way_up north: danke für den wertvollen kommentar! du sprichst mir aus der seele.
    ich möchte jedoch ergänzen, dass auch in wissenschaftlichen umfragen die interviewerInnen oftmals fragen stellen, welche zur bestätigung ihrer ganz bestimmten sicht auf die verhältnisse führen (können). um dieser falle zu entgehen, ist eine selbstreflexion notwendig, zu der nur die wenigsten bereit sind..das betrifft nicht nur in journalistenInnen..

    @maedchenmannschaft: toller post!

  3. Thomas sagt:

    @CARMENCITA: Danke für deinen Kommentar und die Ergänzung.

    @way_up_north: Vielen Dank für deinen sehr interessanten Kommentar.

    Das mit dem „nur“ war im Artikel etwas missverständlich formuliert – es war nicht als Kritik an der Studie gemeint, sondern sollte eigentlich nur noch einmal unterstreichen, weshalb der Guardian aus ihr nicht solche allgemeinen Aussagen ableiten kann.

  4. Danke für die Auseinandersetzung! Liest sich gut und Deine Kritik berechtigt. :-)

  5. stadtpiratin sagt:

    vielen dank für den artikel, die studie in ihrer ursprünglichen form ist tatsächlich sehr interessant. und wie oberflächlich-bescheuert-mainstreamig-mies-sensationsgeil das guardian-fazit dazu. mehr von euch, bitte :)

  6. Diese Studie widerspricht so ziemlich allem, was sonst an Forschung zu dieser Frage veröffentlicht worden ist. So ziemlich jede andere seriösen Studie kommt zu den Schluß, daß (in den USA, wo auch diese her stammt) Ehefrauen unabhängig davon, ob sie erwerbstätig sind oder nicht, ca. 70% der Hausarbeit übernehmen (und daß es sich bei der Mehrheit der von den Ehemännern bewältigten Aufgaben um unregelmäßig oder saisonsmäßig anfallende Aufgaben handelt). Auch medizinische Studien haben ergeben, daß die Ehe für Frauen (im vergleich zu unverheirateten Frauen) eine zusätzliche Belastung mit erheblichen gesundheitlichen Folgen ist, während sie für Männer eine erhebliche Entlastung ist.

    Hierbei ist zu bemerken, daß Missouri sowas wie ein Hort rechtsextremer Politik in den USA ist. Vor allem die Familie Schlafly, deren bekannteste Tochter (Phyllis Schlafly) vor 30 Jahren die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Frau kippen ließ und heute für die Legalisierung der innerehelichen Vergewaltigung eintritt. Ohne Schlafly-Mittel kommt so ziemlich keine Universität oder sonstige Einrichtung des Staates aus.

  7. Thomas sagt:

    @Élise Hendrick: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich deinen Kommentar richtig interpretiere.

    Was du der Studie vorwirfst hat sie nicht getan, denn sie hat sich mit ganz anderen Themen beschäftigt. Der Guardian hat dieses Komische Ergebnis an den Haaren herbeigezogen, welches du ja in deinem Kommentar kritisierst. Es handelt sich dabei aber nicht um das Ergebnis der Studie.

  8. Thomas: Danke, ist die Studie selbst irgendwo online zu finden?

  9. Helga sagt:

    DOI-Bezeichnungen kann man auf http://dx.doi.org/ eingeben, dann wird man automatisch weitergeleitet. Diese Studie ist aber leider nicht frei verfügbar, sondern kostenpflichtig.