Mit dem Taxi zur Revolution

von Hannah

Zu Beginn des libyschen Aufstands befanden sich Frauen in der ersten Reihe. Mittlerweile bestimmen die Männer das Bild in Bengasi. Doch auch Frauen kämpfen weiterhin gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi. Wie feministisch ist die libysche Revolution?

In der Mitte des Tahrir Square, des »Platzes der Befreiung«, in Bengasi versammeln sich Männer zum Gebet. Die älteren von ihnen halten ein Schwätzchen in einem der Zelte, die den Platz umgeben. Dahinter tanzen junge Männer zum neuesten Revolutions-Rap. Halbstarke fahren etwas abseits Rennen auf Quads. Frauen sieht man hingegen nicht. Zu Beginn des libyschen Aufstands waren sie noch hier und schrien am 17. Februar gemeinsam mit den Männern vor dem Gerichtsgebäude nach »Freiheit«. Bis spät in die Nacht hinein saßen sie mit ihren männlichen Freunden auf dem Platz und diskutierten, nachdem die Stadt am 20. Februar aus der Herrschaft von Muammar al-Gaddafis Leuten befreit worden war.

Aber vor vier Wochen war Schluss damit. Die Frauen bekamen ein mit Brettern abgesperrtes Areal an der Strandpromenade zugewiesen. Nachmittags organisieren dort junge Frauen Kinderspiele: Kegeln, Malen, Türme Bauen. Abends ist der Platz verwaist. »Nach der Revolution kamen immer mehr Frauen zum Tahrir Square«, erzählt Dina al-Gallal. »Vielleicht haben einige der Jugendlichen Frauen belästigt. Deshalb brauchten wir einen sicheren Ort.« Die 27jährige arbeitet ehrenamtlich im Pressezentrum. Sie und ihre Kollegin Nada tragen kein Kopftuch. Das ist in Bengasi so selten wie eine Niqab tragende Frau in Berlin. Dina sagt, es gebe keine Probleme. »Niemand zwingt mich. Es ist hier gar nicht so streng. Wir können arbeiten. Wir können Auto fahren.«

Das mit dem Autofahren hört man oft. Tatsächlich sitzen viele Frauen am Steuer. »Ohne Auto kann man sich als Frau nicht bewegen«, erzählt Seham al-Elamani. Die 30jährige Englischlehrerin hat keines. Allein mit dem Taxi zu fahren, hält sie für zu gefährlich. Wenn sie zum Gerichtsgebäude will, wo sie als Übersetzerin arbeitet, kommt ihr Mann im Taxi mit. Zu Freundinnen kann sie nur, wenn eine sie abholt. »Das ist so wegen der Sicherheitssituation«, sagt sie.

Es gibt keine Polizei in der Stadt. In den Straßen, die zum Tahrir Square führen, stehen junge Männer in verschiedenen Uniformen: in grünen, blauen, in Camouflage. Dass sie tatsächlich zum revolutionären Sicherheitsdienst gehören, erkennt man an den Namensschildern, die um ihren Hals baumeln. Der Rest der Stadt wird nicht überwacht. Man erzählt sich von Überfällen. Gaddafis Getreue sollen vor ihrer Flucht Schwerkriminelle aus den Gefängnissen gelassen haben.

Lange galt »Bruder Führer« vielen westlichen Beobachtern als der Feminist unter den arabischen Diktatoren. Nur drei Monate nach dem Militärputsch von 1969, der Gaddafi an die Macht brachte, stellte er Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich. 1972 verbot er Zwangsehen. Damit war er den anderen Diktatoren der Region einen Schritt voraus. Heutzutage allerdings unterscheidet sich die Familiengesetzgebung in Libyen nicht maßgeblich von der in Ägypten oder Syrien. Anders als in Tunesien wurde in Libyen die islamische Familiengesetzgebung nie vollständig aus den Gesetzbüchern verbannt. So blieb etwa Polygamie erlaubt. »Gaddafi hat nur so getan, als setze er sich für Frauen ein«, sagt Intisar al-Agileh, die juristische Beraterin des Übergangsrats. Als Beispiel nennt sie Gaddafis weibliche Bodyguards: »Das war eine Riesen-Show.«

Die 44jährige Rechtsanwältin ist eine derjenigen, die die libysche Revolution angestoßen haben. Am 15. Februar – zwei Tage vor den ersten Massenprotesten in Bengasi – wurde ihr Kollege Fathi Terbil verhaftet. Er vertrat die Hinterbliebenen der politischen Gefangenen im Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis. Dort wurde 1996 ein Aufstand blutig niedergeschlagen. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Toten auf 1 200, die meisten sollen aus der Cyrenaika, dem Ostteil Libyens, gestammt haben. Erst vor zwei Jahren erfuhren die Angehörigen davon.

Nach der Verhaftung des Gefangenenanwalts zogen seine Mandantinnen und Mandanten sowie befreundete Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte vor das Sicherheitsdirektorat, in dem er gefangengehalten wurde. Diese sogenannte Frauendemonstration gilt vielen als Beginn der Revolte. »Es waren mehr Frauen als Männer, weil unter den Mandanten einfach viele Mütter und Ehefrauen waren«, stellt Agileh jedoch klar. Sie hält nicht viel von dem »Gerede über die Gleichheit von Männern und Frauen«. Sie seien schon gleich. »Ich bin eine starke Frau. Ich brauche keine Gesetze, die mich bevorzugen«, sagt sie. Als Grund für ihre Ansicht nennt sie die Religion: »Der Islam hat uns Gleichheit gegeben, bevor es die Menschenrechte gab.« Doch gilt die Gleichheit auch in Familienangelegenheiten, bei Scheidung, im Erbrecht, bei der Polygamie? »Das sind keine Gesetze, sondern das ist der Islam. Das können wir nicht ändern«, sagt die Anwältin.

Sie ist überzeugt, dass nun die Zeit der Frauen in Libyen gekommen ist. »Bisher haben die Leute ihre Töchter nicht in Führungspositionen gedrängt, weil sie es beschämend fanden, für Gaddafi zu arbeiten. Aber jetzt bin ich sehr optimistisch, weil die Männer uns sehr offen begegnen.« Sie selbst habe keinen Doktortitel, weil sie dafür Gaddafis Ideologie hätte vertreten müssen. Gerade den Frauen der Cyrenaika hat das Gaddafi-Regime häufig eine Karriere verbaut. Die Bevölkerung im Osten Libyens war dem neuen »islamischen Sozialismus« von Anbeginn nicht gewogen. Der 1969 gestürzte König Idris kam aus der Region. Gaddafi hingegen soll Tripolitanien, das Gebiet seiner Herkunft, immer bevorzugt haben.

Majda Zahli wollte Lehrerin werden und ging 1973 nach Tripolis, um dort Mathematik zu studieren. In ihrem dritten Studienjahr schloss sie sich Studentenprotesten an. »Wir wollten, dass Gaddafis Revolutionskomitee die Studentenvertretung in Ruhe lässt«, erzählt sie. Sie flog von der Universität, jegliche Ausbildung war ihr fortan verboten. »Wir waren Studenten aus allen Landesteilen, aber nur die aus der Cyrenaika flogen von der Uni.«

Zahlis Traum von einem eigenständigen Leben war zerstört. »Ich musste sofort heiraten«, sagt sie. Mit ihrem Mann ging sie nach Großbritannien. Als sie 1984 wiederkam, nahm sie Kontakt zu früheren Mitstreiterinnen auf. »Ich habe nur mit ihnen telefoniert«, versichert sie. Die Gruppe von zehn Freundinnen wurde verhaftet. »Nachts stülpten sie uns Tüten über und schleiften uns durch die Gänge«, berichtet Zahli. Vier Jahre saß sie im Gefängnis, ohne jede Verbindung zur Außenwelt. Ihre Zwillinge waren zum Zeitpunkt der Verhaftung sechs Jahre alt.

Zahli gehört seit der Revolution in Bengasi dem Organisationskomitee für soziale Aufgaben an. Dieses trifft sich in einer Schule weit vom Zentrum. In dem Theaterraum des schmucklosen Flachbaus koordinieren etwa 30 Frauen und einige Männer Freiwilligendienste: Besuche von Kriegswitwen, die Verpflegung der Soldaten an der Front, die Versorgung von Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten.

Auch die Ingenieurin Maryam Swissa und die Zahnärztin Jamila Hamid sind zu der Sitzung gekommen. Swissa hält diese Arbeit für den ersten Schritt zur Demokratie. Zivilgesellschaftliche Arbeit sei lange nicht möglich gewesen, berichtet sie. Erst nach den Reformen, die Muammar al-Gaddafis Sohn Saif al-Islam in den vergangenen vier Jahren eingeführt habe, sei es Frauen möglich gewesen, sich wohltätig zu engagieren. »Aber wir durften nur Geld sammeln und es den Armen geben. Wir durften nicht fragen, warum sie arm sind.«

Swissa hält Gaddafis Feminismus für zynisch: »Als er Gleichheit für Frauen forderte, wusste er, dass die Leute das Gegenteil machen würden. Wenn er uns einfach in Ruhe gelassen hätte, hätten wir uns wie andere Gesellschaften entwickeln können.« Die hochgewachsene Ingenieurin trägt einen langen, weißen Hijab und schwarze Handschuhe – man könnte sie für eine stramme Islamistin halten. Will sie denn überhaupt, dass es in Libyen wird wie in Tunesien oder Ägypten, wo junge Frauen gemeinsam mit Männern im Kaffeehaus sitzen und Wasserpfeife rauchen? »So Gott will«, sagt sie. Ihre Mitstreiterin, die Zahnärztin Jamila Hamid, verspricht: »In einem Jahr wird Libyen ein neues Land sein.« Werden Frauen dann in Cafés sitzen? Die beiden lächeln und wiegen den Kopf. »So Gott will.« Die Übersetzerin Elamani wirft ein: »Wir werden Einkaufszentren haben wie in Ägypten. Dort gibt es respektable Cafés und Restaurants, wo auch Frauen hinkönnen.« Die Zahnärztin und die Ingenieurin halten das für eine gute Idee.

Der Artikel erschien zuerst in der Jungle World Nr. 23.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 17. Juni 2011 um 9:06 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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