Mimosen an die Macht

von Gastautor_in

Bild: Botanischer Garten Uni Potsdam

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von homosphäre. Der Autor des Blogs ist schwuler Student der Gender Studies in Berlin und befasst sich auf seinem Blog mit der Frage, wie individuelle Erfahrungen von queeren Menschen mit gesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen. Der Blog ist aus schwul-weiß-männlicher Perspektive verfasst und enthält die Einladung an alle, zu ergänzen oder zu widersprechen!

In letzter Zeit hab ich mir einen Spaß draus gemacht, Leute zu berichtigen, wenn sie die Vokabel „empfindlich“ verwenden, und sie aufgefordert, stattdessen „empfindsam“ zu sagen. Inzwischen hab ich dabei eine interventionistische Penetranz entwickelt, die ich sonst gar nicht von mir kenne. Eigentlich bedeuten beide Wörter dasselbe, nämlich „sensibel“. Aber im einen Fall schwingt dazu eine klare Abwertung mit: „empfindlich“ assoziiert der Duden neben „leicht beleidigt“ und „gereizt“ auch mit körperlicher Schwäche, während er zu „empfindsam“ hehre Tugenden wie „rücksichtsvoll“, „taktvoll“ und „romantisch“ aufführt.

Warum die Wortkunde?  Weil mir die Verwendung von „empfindlich“, vielmehr die dahinterstehende Intention gewaltig auf den Zeiger geht. Ich bin da einfach sensibel.

Empfindlich-sein ist ein machtvoller Vorwurf, mit dem Personen, die aufbegehren wirkungsvoll unschädlich gemacht werden können. Schwarze und People of Color müssen sich so nennen lassen, wenn sie auf Alltagsrassismen hinweisen. Für Frauen gilt qua Sexismus die Empfindlichkeitsvermutung ohne dass sie irgendwas sagen und Männer – naja, zur Reproduktion von Männlichkeit gehört die ständige Gefechtsstellung gegen die Gefühlsduseligkeit auch dazu. Schwule Männer sehen sich zudem oft in dem Dilemma, ermüdende Klischees hervorzurufen, wenn wir uns feinfühlig geben.

Allgemein gilt Sensibilität als Schwäche und ist nur für bestimmte Lebensbereiche zugelassen oder erwünscht: Sorgetätigkeiten und Kunst etwa. Aber überall sonst bedeutet empfindlich- sein eher sowas wie „Zustand fehlender Dickhäutigkeit mit verheerenden Folgen für Leib und Seele, sowie Augenrollen für alle Umstehenden“.

Falsch gedacht. Sensible Menschen müssen die ganzen Empfindungen, die dauernd ungefiltert auf sie einströmen irgendwie verwalten, sie aushalten lernen oder versuchen, sie in einer Gesellschaft zu kanalisieren, die dafür kein Ohr hat. Daran tagtäglich nicht zugrunde zu gehen zeugt von Stärke. Halt nicht die Art von Stärke mit der sich Stahlblech wälzen lässt, sorry dafür.

Außerdem ist Empfindlich_samkeit eine unverzichtbare Fähigkeit in fast allen Tätigkeiten. Das unbewusste Abschätzen feiner Nuancen in der Wahrnehmung und das entsprechende intuitive Handeln sorgen zum Beispiel dafür, dass wir im Straßenverkehr mehr als anderthalb Sekunden überleben- Trotzdem würde niemand sagen „du bist ein_e empfindliche_r Autofahrer_in“ und das anerkennend meinen.

Im Europa des 18. Jahrhunderts war Empfindsamkeit auch mal total en vogue. Was ist passiert? Ist das der Kapitalismus mit seinem Anspruch an ein gehärtetes, arbeitsames Subjekt, der da den ganzen Spaß verdorben hat? Vielleicht erklärt es mir ein_e  Historiker_in mal irgendwann.

Punkt ist: Ob du empfindlich_sam bist ist keine Frage von Sex/Gender oder sonstigen Determinismen. Wir reagieren alle unwillkürlich emotional auf die Umwelt und das ist auch gut so, weil wir sonst nämlich nicht nur keine Freunde mehr hätten, sondern auch draufgehen würden. Der entscheidende Unterschied ist, ob wir eine Not oder eine Tugend draus machen.Hier ist ein kleiner Selbsttest für dich, um festzustellen, ob du empfindsam bist:

1. Du gehst oft aus einer sozialen Interaktion mit dem komischen Unbehagen raus, dass etwas wichtiges nicht zur Sprache gekommen ist.
2. Mantras wie „Das ist doch nicht mein Problem!“ und „Darüber zerbrech ich mir jetzt nicht den Kopf !“ funktionieren bei dir eher mäßig.
3. Du beantwortest Fragen gerne mit der Gegenfrage „Wie meinst du das?“
4. Du beginnst gerne Sätze mit „Vielleicht geht das nur mir so, aber…“
5. Wie es anderen geht ist dir einfach nicht scheißegal.

Einer oder mehrere dieser Punkte kommen dir zumindest vage bekannt vor? Glückwunsch. Du bist empfindsam, feinfühlig, zartbesaitet, eine Mimose wie sie im Buche steht. Oder anders: Du bist nicht innerlich tot. Eine Mitgliedskarte mit Button bekommst du in den nächsten Tagen per Post.So, und wenn wir jetzt festgestellt haben, dass wir ja doch eigentlich alle Sensibelchen sind, können wir im nächsten Schritt anfangen, uns zu solidarisieren. Zum Beispiel indem wir uns demnächst irgendwann mal verkneifen zu sagen „Ach, da komm ich schon mit klar.“ oder indem wir uns vornehmen, den Leuten zuzuhören, die offensichtlich in dem ein oder anderen Bereich etwas empfunden haben, das uns entgangen ist. Oder, ganz basic, indem wir die Vokabel „empfindlich“ positiv neu belegen.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 16. August 2013 um 9:00 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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12 Kommentare

  1. Mia sagt:

    Was für ein toller Artikel, genau das ist es, das Wort „empfindlich“ zu hinterfragen, damit einhergehende und als überall selbstverständlich geltend kursierende Vorstellungen von Empfindlichkeit bewusst machen, werden lassen. Vielleicht lässt sich so im Umkehrschluss eine neue, eine positive, eine wertschätzendere Besetzung/Belegung des Begriffs finden.

    Spricht mir aus der (zartbesaiteten, empfindsamen, hochsensiblen) Seele.

  2. lalala sagt:

    Ich schätze den Ansatz in diesem Artikel sehr, es ist wichtig, solche Dinge aufzuwerten, statt sie nur zu vermeiden, da stimme ich zu. Ich (cis-weiblich, queer, weiß) empfinde dabei aber ein leichtes Unbehagen wegen eines nicht unbedeutenden Widerspruchs: Meiner Erfahrung nach wird Empfindsamkeit von Frauen ohnehin geradezu gefordert. Sie wird dabei oft nicht als revolutionäre Kraft und Mittel zur Solidarisierung gesehen, sondern als Werkzeug der Aufopferung, Mutter-Theresa-Im-Alltag-Style, das die empfindsame Frau dem eigentlich menschlichen enthebt und zur unwirklichen, schwebenden Heiligen macht, die eh keine eigenen Bedürfnisse oder gar Körperlichkeiten mehr hat… Oder wird, wenn nicht spektakulär umgesetzt, halt wieder als empfindlich/crazy bitch herabgesetzt. Während mir klar ist, dass es (neben der offensichtlichen Unsinnigkeit) die patriarchale Zuschreibung fortführen würde, deshalb der Empfindsamkeit zu entsagen, möchte ich sie doch gründlich entmystifiziert sehen.

    Anderes Thema: Der ironische letzte Teil mit den Fragen spielt auf die Diskussionen um Hochsensibilität an, wenn ich mich nicht irre? zumindest ist die Sprache sehr ähnlich und die Indikatoren stimmen auch überein. Da bitte nicht zu vergessen, wie oft in den Beschreibungen dieser, ich sag mal, Wahrnehmungswelt, die eigene Besonderheit ableistisch konstruiert wird, durch Abwertung von Menschen mit AD(H)S und Autismus.
    Zugleich aber auch, wenn wir Hochsensibilität als A Thing annehmen und akzeptieren, dass das ein nicht-pathologisierendes Label ist für Menschen, die Wahrnehmungen anders filtern (was in dieser Welt nun mal Nachteile mit sich bringt- Überforderung), kann es als verletzend und trivialisierend gelesen werden, einfach zu sagen „wir sind ja alle so“.
    Tut mir Leid, falls die Parallele zu diesen Geschichten nicht beabsichtigt war.

  3. homosphaere sagt:

    @lalala danke für deine Kritik und dass du meinen Artikel offentsichtlich mit Interesse gelesen hast. Vielen deiner Gedanken kann ich zustimmen, andere sind für mich neu und spannend (die „Anspielung“, die du gelesen hast war tatsächlich unbeabsichtigt). Wie du erkannt hast geht es mir darum, zu zeigen, wie alltäglich und wie wenig pathologisch Sensibilität wirklich ist. Wo dabei die ableistische Konstruktion anfängt muss ich wohl noch dringend reflektieren.

  4. […] Ein kleiner schöner Artikel über Empfindsamkeit, inklusive Selbsttest, von homosphare. […]

  5. gloria sagt:

    Danke, sehr schöner Artikel. Ich hab dich mal mit mir vernetzt…

  6. alinde sagt:

    Moin, danke für alle Beiträge, ich (58, weibl, hetero, weiß) lerne!

    Nun mal etwas weniger Intellektuelles, so was kann ich leider nicht, aber eine Anekdote aus dem Alltag möchte ich erzählen. Denn gerade gestern hatte ich ein solches Erlebnis, das in mir noch nachhallt:

    Nette Runde, Menschen von 35-60, weiß, Frauen und Männer. Wir redeten über dieses und jenes bis Eine sagte: „Und nun dürfen wir noch nicht mal mehr Zigeunersoße sagen, das finde ich doch blöd!“ (an homosphaere, es war Anne). Allgemeines Zustimmen. Eine ca. 50jährige, sehr sympathische Frau neben mir meinte versöhnend, es sei aber doch eher gut gemeint, denn es würde doch auf Tradition einer Volksgruppe hinweisen und deren gute Gerichte (also dieses glibberige Zeug von Hengstenberg aus dem Gläschen, das man übers Schnitzel kippen kann). Andere sagten, dann dürfen man auch nicht mehr „Frankfurter Würstchen“ sagen und so ging es hin und her. Ich wartete einen Moment ab, bis die Sache sich zu beruhigen schien und ging in die Diskussion mit dem LANGSAM gesprochenen Hinweis: Wir müssen von einer ganz anderen Warte darüber nachdenken. (Alle hörten zu): „Wir alle kennen die Situation, dass und jemand verletzt hat. Wir sagen dann demj., das hat mir weh getan. – Und dann sagt derj. wiederum: Sei doch nicht so empfindlich, ich hab´s doch nicht böse gemeint. Wie haben wir uns DANN gefühlt?“ Betretenes Schweigen in der Runde, bis die Nette neben mir sagte: noch verletzter. Leichtes Nicken rundum.
    Genau! Verletzt, machtlos, obendrein gedemütigt.
    Nehmt mal dieses Gefühl mit und denkt jetzt neu über alles nach, was ihr sagt, über Menschen, die gerade mal hier nicht dabei sind. Der, der sich verletzt fühlt darf bestimmen, ob er verletzt ist. Nicht der Verletzer darf das.

    Einige aus der Runde haben es begriffen, andere nicht. Am wenigsten die, die das Gespräch aufgemacht hatte. Sie wurde schriller und richtig böse.

    Dann kam ein älterer Herr noch mit der Homo-Ehe heraus (Zusammenhang unklar). Ich quer über den Tisch: Hermann, das müssen wir beide jetzt mal besprechen, ich komm`mal rüber zu dir. (Ich wendete dann eine bewährte Taktik an, die bei einem Onkel von mir schon einmal gute Ergebnisse gebracht hat.) Noch während ich liebevoll und geduldig auf Hermann einredete, aber auch nicht locker ließ, stand die „Zigeunersoßendame“ auf und sagte: „Also, ich gehe jetzt“. Die Runde verabschiedete sie knapp, denn inzwischen hingen alle am Gespräch mit Hermann und mir, waren gespannt was da kommt, und, was soll ich euch sagen: Bei Hermann wurde ein Schalter umgelegt, ob das nun hält weiß ich nicht. Aber sein Gesicht zeigte, dass er auf einmal eine Erkenntnis hatte. Dann spiegelt ein Gesicht eine gewisse „Weichheit“ und ich glaube, wenn wir schon mal bei Sprachforschung sind, das Wort „Weisheit“ ist eng damit verwandt.

    Als ich ging sagte Hermann: Ich habe heute etwas Neues gelernt. Und ein anderer, der das Biertrinken sogar vergessen hatte: Ich glaube, so habe ich das noch nie gesehen. Darum geht es mir, dass jemand etwas mal von einer ganz anderen Warte betrachtet.

    Die Dame, die vorzeitig aufgebrochen war, weiß, dass mein Sohn schwul ist und weiß, dass die Kinder ihrer ebenfalls anwesenden Freundin einen schwulen Vater haben. Etwas mehr Unterstützung hatte ich mir von ihr erhofft. Ich musste es wieder einmal alleine machen. Aber die Unterstützung kam, wie meist, aus den ganz unerwarteten Ecken.

    Danke, dass ich das hier erzählen durfte.

    Auf die Empfindlichkeit! Wir sollten sie uns bewahren.

  7. kersolq sagt:

    @alinde: Was verstehst du darunter „worte sind verwandt“. So wie ich den Begriff kenne bezieht sich das auf etymologische Verwandtschaft, vielleicht meinst du aber auch, dass diese Worte für dich in einer inhaltlichen Beziehung stehen, so wie Weisheit ergibt sich aus Weichheit oder umgekehrt. weil etym. verwandt sind diese beiden Wörter nicht, oder? Wobei die die Verwandtschaft (neugecointer begriff von mir) hinsichtlich der Bedeutungsfeldüberlappung (oh je weeins weiß schon was ich mein) in einer Sprachkritik IMO mehr Gewicht haben sollte.
    @lalala hm irgendwie versteh ich deinen Einwand als Ausdruck genau einer solchen von homosphaere beschriebenen Empfindsamkeit.

  8. Spatzentisch sagt:

    Witzig. Mir ging es genau so wie lalala, ich habe gleich an „Hochsensibilität“ gedacht als ich den Text las. Für mich ist das momentan ein großes Thema, da meine Mutter sich viel damit beschäftigt.

    Wir unterhalten uns viel darüber und ich weiß, dass ihr das immer tiefere Eintauchen in die Thematik sehr gut tut, da sie vermutet, dass sowohl sie als auch ich (cis-männlich) und mein Bruder hochsensibel sind. Und wenn man die in Hochsensibilitäts-Literatur einschlägig beschriebenen Symptome betrachtet kann ich ihr nicht widersprechen, dass eine erstaunliche Evidenz vorliegt. Ihr Interesse rührt daher, dass ihre beiden Geschwister mittelschwer und schwer psychotisch sind, dass mein Bruder mittelschwer depressiv ist, und sich mit Anfang dreißig immer weiter zurückzieht und dass ihr Vater vor vierzig Jahren recht jung in der Psychiatrie gestorben ist (Ursache schleierhaft); ihr Verdacht liegt also nahe dass etwas genetisch veranlagtes dazu führt, dass ihre Liebsten reihenweise von dieser rauen gnadenlosen Gesellschaft überfordert sind. Und es tut ihr gut in dem Label „Hochsensibilität“ eine Art Rechtfertigung und einen Zugriff für diese Begebenheit zu finden.

    Ich hingegen bin immer etwas skeptisch ob vermeintlicher kapitalistischer Interessen welche ohne Zweifel hinter der Thematisierung dieses Labels stecken. Und dass wir alle sensibler veranlagt sind als unsere Umgebung ist mir spätestens in der Pubertät klar geworden. Ich brauche kein Label dafür.

    Wenn ich mir allerdings vorstelle, dass eine wissenschaftlich solide Basis gefunden wird (was momentan definitiv nicht der Fall ist); dass es, meinetwegen hirnphysiologische, Beweise gäbe: So und so viele Menschen sind hochsensibel, dann würde mich das irgendwie erleichtern.

    So oder so: Diese Gesellschaft ist scheiße noch mal zu unsensibel, zu rücksichtslos, gnadenlos und zu ausschließend. Und ich danke dem Autor sehr für die Thematisierung. Und bei dem Ruf nach Solidarisierung würde ich am liebsten schon wieder heulen. Wenn ich nur könnte…

    (Übrigens, ich bin nicht sicher ob du das so gemeint hast, homosphäre, aber deine Überschrift ist besonders gut gewählt, weil unser politisches System nun gerade so ist, dass Mimosen nicht an die Macht kommen, sondern vor allem Rücksichtslose, die wenn sie sich gegen die anderen Rücksichtslosen durchgesetzt haben, schon lange die Mimosen niedergetrampelt haben.)

  9. name(requiriert) sagt:

    zum thema ADHS&Asperger, mal so als „betroffene“(im sinne von etwas, das mich betrifft, neutrale gemeint)
    Jeder Mensch ist unterschiedlich, das gilt auch für Aspie und/oder ADHSler(und alle anderen auch) daher kann ich hier nur für mich sprechen:
    das „Problem“ ist nicht Empfindsamkeit, sondern eher das adäquate ausdrücken. Wie erkenne ich Emotionen bei anderen und wie artikuliere ich meine Emotionen angemessen. Woran erkenne ich, dass die Ausführung meiner Zustände gerade der Situation angemessen ist und wann nicht (bsp:auf einer Beerdigung lachen, da ein Bild im Kopf oder ein Sprachbild in einer Rede lustig wirkt:nicht angemessen)

    will sagen:idr sind Menschen empfindsam nur eben nicht jedem Menschen gleichmäßig gegenüber. (es gibt natürlich Menschen, im Volksmund Psychopathen genannt, die so zumindest die Wissenschaft, nicht in der Lage sind Empathie zu fühlen. Oftmals sind diese aber in der Lage, solche Emotionen darzustellen und zu verstehen,was angemessen ist und was nicht.(das kann dann zu prädatorenverhalten führen) Aber abgesehen von diesen würde ich sagen, dass jede_r_* empfindsam ist. Vielleicht in unterschiedlichen Abstufungen, es ist z.b bekannt dass oftmals Menschen gegenüber Menschen „andere Gruppen“ gegenüber weniger Empathie haben. (man hat z.b auch einmal festgestellt, dass Menschen Gesichter von Leuten schlechter erkennen können, wenn die ihnen körperlich unähnlicher sind.(was dann zu so unschönen Auswüchsen führt, dass „Schwarze“ ja alle gleich aussehen würden. Je mehr Kontakt zu diversen Menschen gesucht und aufrechterhalten wird, desto besser wird die Gesichtserkennung und vermutlich auch die Empathie. Ich las in einem text einmal, dass eine PoC aus den USA schrieb, dass sie dadurch dass sie idr Medien konsumiert in denen weiße Menschen hauptsächlich vorkommen, Empathie gefühlt hat.(was aber verschwindet durch die unsäglich rassistischen arten der Berichterstattung und die Auswahl an „lohnenswerten“ Berichtssubjekten. meint,weiße werden dargestellt, weiße werden betrauert, der Rest besteht nur als Nummer im Hinterkopf)

    daraus würde ich schließen, dass Diversität überall schon deshalb so wichtig ist, um Empathie zu erlernen. Wenn Menschen „unter sich“ bleiben, ist es leichter andere gedanklich auszuschließen, d.h rassistisch sein aus Nachlässigkeit und Gewohnheit was irgendwann zur dehumanisierung/Entmenschlichung der „anderen“ führt. Wir brauchen Diversität. Das ist so wichtig um Menschen kennen zu lernen um damit emotionale Verbindungen aufzubauen, denn scheinbar funktioniert es nicht nur indem man will. Menschen sind irrational, immer wieder (unwohl fühlen in Situationen, in denen Mensch statistisch sicher ist, aber subjektives Sicherheitsgefühl in Situationen, in denen es, gemäß Statistik&Erfahrung sinnvoll wäre, eben sich unsicher zu fühlen.)

  10. lalala sagt:

    @Spatzentisch ich kenne diese Faszination für das Thema auch, ebenfalls mit Depression und ein paar anderen Sachen in der Familie. Auf den Begriff aufmerksam wurde ich durch eine befreundete Therapeutin, danach stieß ich auf die einschlägigen Communities. Es scheint eine Art „freie Selbstdiagnose“ zu sein: Ich kann damit beschreiben, was mein Erleben ausmacht, ohne mir andere Begriffe ableistisch anzueignen. Das Sprechen darüber gibt Halt, da sind plötzlich andere, denen es gleich geht. Da ich allerdings in meiner Jugend auch in Foren zu Hochbegabung, Asperger und ADHS umtriebig war (bzw mitgelesen habe), fielen mir irgendwann riesige Überschneidungen in der jeweiligen Rhetorik auf, im Selbstverständnis der Communities und, ja, auch in den „Selbstdiagnosekriterien“ (note: dass Asperger und ADHS ganz andere Grundlagen haben als zB die auf ein einziges Testergebnis basierende Hochbegabung, ist mir klar, in eher offenen Foren sind aber natürlich viele Mitglieder „auf Verdacht“ dabei, egal, worum es geht, dementsprechend ist „könnte ich so sein wie ihr“ immer ein Thema, das nicht immer rein sachlich behandelt wird). Hochsensibilität wirkt nun wie genau dieses Onlinedrumherum, aber ohne den +/- klar definierten Hintergrund. Das ist erstmal was gutes, es gibt ua die Macht, in einer ableistischen Umgebung selbst zu entscheiden, wie weit eins „in Ordnung“ ist. Leider werden in entsprechenden Checklisten, besonders, wenn es um Kinder geht, zu oft Abgrenzungen a la „mein Kind hat doch keine Lernstörung, was für eine Unterstellung!“ oder „es ist nicht blöd, es ist halt zu sensibel!“ vorgenommen, die eben schon so ein bisschen ekelhaft klingen… Im Gegenzug werden genau diese Formulierungen bei der esoterischen Indigokinder-Sache verwendet. Daher meine ambivalente Einstellung dem Thema gegenüber: Es ist eine wertvolle Selbstdefinitionsmöglichkeit, in der auch ich mich wiederfinde, aber die Abgrenzungen und Anschlussmöglichkeiten lassen Zweifel an den Hintergründen des Konzeptes aufkommen.
    Spannend dazu uU auch dieser Text von Nicole Karafyllis, die die gegenseitige Bedingtheit von Männlichkeit und der gesellschaftlichen Auffassung von Autismus nachzeichnet: http://pdfcast.org/pdf/karafyllis-2010-extreme-male-brains-eine-gendertheoretische-diskursanalyse-zum-pha-nomen-autismus — Achtung, beim Lesen bitte im Kopf zu behalten, dass das kein medizinischer Artikel ist, sondern eher ein diskursanalytischer, und dass es deshalb nicht um Wahrheiten geht, sondern eher um Einstellungen. Im Vergleich dazu könnte Hochsensibilität fast als weibliche Gegenkonzeption des „extreme female brain“ gesehen werden.

    @name(requiriert): Dazu, ob „Empfindsamkeit“ an sich ein Problem ist, gibt es wohl verschiedene Auffassungen, ich dachte jetzt spontan an http://realitaetsfilter.com/2012/01/08/barrierefreiheit-barrieren-und-autismus/ (was eine ganz andere Facette beschreibt- spannend, meist geht es wenn wir über Aspies sprechen eher um diese Bedeutung, obwohl Empathie, worum es bei den Mimosen wohl eher gehen soll, auch ein riesiges Thema ist)

    …ach, ich weiß nicht, mir geht es wohl im Kern darum, dass wir Empfindsamkeit nicht im leeren Raum hypen. Das Thema ist in so vielen anderen Bereichen/Diskursen auf verschiedenste, teilweise ähnlich besetzte Arten von Bedeutung, die auszuklammern mir so nicht ganz in Ordnung erscheint.

    @kersolq: „irgendwie versteh ich deinen Einwand als Ausdruck genau einer solchen von homosphaere beschriebenen Empfindsamkeit.“ — das ist, auch wenn du es anderes meinst, eines der wirksamsten Stilmittel, um die Positionen anderer abzuwerten. Wollte ich drauf hingewiesen haben, ist deshalb meist nicht ok, weil es eben nichts zur Sache tut.

  11. female sagt:

    Danke!!!