„Mädchen haben lange Haare und Jungs klettern auf Bäume“ – wie 10jährige ihr Geschlecht sehen

von Anna

Es gibt sie, diese Zeitungsartikel, nach deren Lektüre man sich am liebsten gleich wieder im Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen würde. Einer von dieser Sorte fand sich heute im Tagesspiegel: „…weil ich im stehen Pinkeln kann“
Gleichzeitig ist es auch einer der Artikel, für die ich am liebsten einen Lesebefehl aussprechen würde. Den ich gerne als Flyer auf der Straße verteilen und auf Spielplätzen antackern würde. Weil ich ihn für ungemein lesens- und nachdenkswert erachte.

Worum geht es? Der Berliner Tagesspiegel hat Grundschullehrkräfte gebeten, Kinder im Alter von ungefähr zehn Jahren einen Text zum Thema „Warum ich gerne eine Mädchen/Junge bin“ schreiben zu lassen. Diese 100 Aufsätze wurden mit 181 Aufsätzen aus dem Jahr 1980 verglichen und so versucht, Veränderungen in den 30 Jahren dazwischen zu beschreiben.

Die Ergebnisse bergen einiges an „Grusel-Gefahr“ (wie Alba im Selbermach-Sonntag meint):

Die Annahme, die Kinder seien heute weit weniger von alten Stereotypen beeinflusst, erwies sich als falsch. Im Gegenteil sind ihre Aussagen stark von Rollenklischees geprägt. So schreibt David, er sei gerne ein Junge, „weil Jungen sterker sind. weil ich beser mit Holtz bauen kann. ich kann beser schwimmen. dann kann ich beser mit Jungen spielen. und weil ich beser auf Bäume kletern kann. weil ich schneler rennen kann, weil ich weiter springen kann“. Immer wieder betonen die Jungen körperliche Eigenschaften.

[…]

Stereotyp sind auch die Antworten der Mädchen: „Als Mädchen bekommt man Kinder. Mädchen können sich um Kinder kümmern. Mädchen sind meistens ordentlicher als Jungs. Als Mädchen kann man schöne Sachen anziehen. Als Mädchen kann man sich schminken. Als Mädchen kann man die Haar schön frisieren. Mädchen sind nicht so brutal wie Jungs. Manchmal möchte ich ein Junge sein. Jungs sind manchmal sportlicher als Mädchen. Jungs haben später keine Regeln.“

[…]

Mit deprimierender Regelmäßigkeit liest man: „Ich bin gern ein Mädchen, weil ich lange Haare habe“, „weil ich mich schminken kann“, „weil ich schöne Sachen anziehen kann“. Praktische, auf Hausarbeit bezogene Tätigkeiten werden 2010 nicht mehr genannt. Dafür gibt es nun einen neuen Aspekt: „weil Mädchen besser als Jungen schoppen gehen“ können. Seltener geworden sind auch Äußerungen, die auf das angepasstere Verhalten von Mädchen zielen: „weil die Mädchen vernünftiger sind“, „Mädchen haben ein besseres Benehmen“, „Wir brechen uns nicht so viel wie Jungs, zum Beispiel beim Boxen oder Fußball“. Mädchen halten es also nicht mehr für so wichtig für ihre Rolle, angepasst zu sein und Fähigkeiten im Haushalt zu beherrschen. Attraktiv zu sein hat für sie hingegen deutlich gewonnen.

[…]

Die Jungen empfinden, dass sie zum bevorzugten Geschlecht gehören. Sie unterliegen weniger Zwängen: „immer schön aussehen müssen“, „sich immer waschen müssen“, „sich schminken und Röcke oder Kleider tragen müssen“. Und sie haben größere Freiheiten: „weil Jungen wilder spielen und toben dürfen“, „Jungen dürfen mehr Faulheit zeigen“, „für Jungen gibt es coole Spiele, die es für Mädchen nicht gibt“.

Aber warum ist das alles so? Die Autorin Renate Valtin, Professorin für Grundschulpädagogik an der Humbold Universität, gibt folgende Antwort:

[…] In allen Kulturen gilt das Geschlecht als wichtige Kategorie für die soziale Differenzierung. Mit ihr verbindet sich eine Vielzahl geschlechtsbezogener Erwartungen und Vorschriften. Kinder lernen schon sehr früh, welche Merkmale in ihrer Kultur als „männlich“ und welche als „weiblich“ angesehen werden – und welches Verhalten vor diesem Hintergrund als abweichend gilt.

Da fiel mir die das Abschusspanel „Mode und Feminismus“ des Barcamp wieder ein, die Diskussion um rosa Mädchenkleider, blaue Jungsklamotten und Glitzeroberteile für erwachsene Frauen und leicht naiv anmutende Frage eines Diskussionsteilnehmers, was denn daran „so schlimm“ wäre, sich „weiblich“ zu kleiden.
Eine von vielen Antworten auf diese Frage könnte folgender Absatz des Artikels sein:

Allerdings – so zeigt unsere von der DFG geförderte Längsschnittstudie „Aida“ an über 3000 Berliner Jugendlichen – wirken die Stereotype des Selbstbildes nach: Weibliche Jugendliche sind unzufriedener mit ihrem Äußeren, weil sie offenbar von dem zunehmenden Schönheitswahn der Erwachsenenwelt beeinflusst werden. Sie entwickeln weniger Ich-Stärke als männliche Jugendliche, das heißt, sie verfügen über ein weniger positives Selbstbild und eine geringere psychische Stabilität, auch ihr Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihre Erfolgszuversicht sind im Schnitt geringer ausgeprägt. Und: Obwohl sie in stärkerem Maße für die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Familie und Beruf eintreten als die männlichen Jugendlichen, wählen sie in der großen Mehrheit geschlechterstereotype Berufe mit geringen Aufstiegschancen.

Leider endet der Artikel kurz danach und lässt uns Lesende so zwar aufgewühlt aber gleichzeitig recht hilflos zurück. Deswegen die Frage an euch: Was tun?




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 2. November 2010 um 14:21 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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41 Kommentare

  1. Christian sagt:

    Ein Satz aus dem Artikel scheint mir wichtig: „Während Kinder im jüngeren und mittleren Alter aufgrund ihres Entwicklungsstands recht starr Geschlechterstereotypen folgen, können Jugendliche sich kritisch mit der Norm auseinandersetzen.“ Offenbar glaubt die Autorin selbst nicht, dass gegen Klischeevorstellungen bei 10-Jährigen ein Kraut gewachsen ist. Setzt dann aber später bei Jugendlichen die Kritikfähigkeit, so kann diese dann ja auf die Geschlechterstereotypen gelenkt werden. Ist etwas in dieser Richtung eigentlich irgendwo in Lehrplänen verankert?

    Vielen Dank übrigens für dieses Blog, in dem ich mich heute zum ersten Mal auch traue, etwas zu schreiben.

  2. Nadine sagt:

    Traurig die Ergebnisse (obwohl ich an der Aussagekraft zweifele). Erstaunlich allerdings, dass Jungen und Mädchen immer so einfach unterscheidbar scheinen ;)

  3. Anna sagt:

    Hallo Christian, danke und willkommen im Kommentarbereich! Bitte bald wieder trauen ;)

  4. Morjanne sagt:

    @Nadine: Das fiel mir auch auf. Alleine anhand der Rectschreibfehler, die Mädchen anscheinend gar nicht erst machen.

    Der Artikel stimmt mich sehr nachdenklich. Auch weil ich es selbst kenne: Meine Schwester als überzeugte Feministin ist immer wieder „entsetzt“, dass ihre Tochter nur mit Dingen spielt, die rosa sind, dass sie Prinzessin und Fee sein möchte, während ihr kleiner Bruder am liebsten im Matsch wühlt und Dreck isst.

    Kann mans also als Eltern überhaupt „besser machen“? Kann man tatsächlich Kindern in einem so jungen Alter bereits verständlich machen, dass sie diesen Rollenbildern nicht entsprechen müssen, sondern dass Mädchen auch toben dürfen?

    Und noch viel wichtiger: Dürfen sie das denn überhaupt? Also zumindest aus meiner Jugend kann ich mich gut an „Ein Mädchen tut sowas nicht“ erinnern, vor allem aus Kindergarten und Schule. Was hat sich dahingehend eigentlich geändert?

    @Christian: In unserem Lehrplan kam so etwas wie Geschlecht überhaupt gar nicht vor, nicht mal in Ansätzen. Ich musste schon mit meinem sonst sehr einsichtigen Deutschlehrer streiten, damit wir wenigstens EINE Frau mit in die Leseliste aufnehmen.
    Gemeinschaftskunde (anderswo Sozialkunde, aber ich bin aus Sachsen) war auch eher Politik und Wirtschaft, und ansonsten fiele mir kein Fach ein, was so etwas beinhalten könnte.

    Wir hatten auch Philosophie, wo traditionellerweise eh nur Männer zählen, aber wo die großen Denkerinnen eigentlich geblieben sind, wusste da auch keiner. Ebenfalls auf meinen Protest hin (ich glaub, an der Schule hab ich meinen Ruf weg ;-)) musste sich zumindest Simone deBeauvoir nicht mehr hinter Sartre verstecken.

  5. Thomas sagt:

    „Kann mans also als Eltern überhaupt “besser machen”?

    Diese Frage stelle ich mir ehrlich gesagt auch immer wieder.

    Angesichts einer ziemlich „übermächtigen“ Klischeewelt in den Schulen, die sich mit den Feststellungen im Thread deckt, stehe ich mit meinem Versuch, meine Tochter aufgefächert und vielseitig interessiert Leben zu führen, manchmal ziemlich auf dem Schlauch. Schönseinwollen ist im Moment in, aber ich versuche dies zu unterstützen und nicht gegen zureden, sondern zu moderierend auf „dezentes wesentlich wirkungsvolleres Schminken“ hinzuwirken – was bisher gut funktioniert hat – und über die Anreicherungsschiene einzuflechten dass Vielseitigkeit und viele Interessen gut sind.

    Als Vater habe ich bei meiner jetzt 12-jährigen den „Nachteil“, dass sie sich anfängt loszulösen. Von daher ist der Grat der zwischen dem um Rat gefragten Vater und „uncoole Bevormundung“ durch die „Alten“ auch ein sehr schmaler.

  6. PetraK sagt:

    Aus irgendeinem Grund haben in meinem Bekanntenkreis oft die Väter die Schlüsselrolle inne, wenn es denn mal anders läuft – also, die Jungen doch glatt kaum Rechtschreibfehler machen und die Mädchen gerne Fussball spielen und technikverliebt sind.
    Das sind dann halt Väter, die mit den Jungen auch gerne lesen und mit den Mädels auch gerne raufen und experimentieren etc., während die meisten Väter mit den Jungens hauptsächlich körperlich agieren, und die Mädels mit einer gewissen Scheu für Personen ausserhalb ihres Zuständigkeitsbereichs halten.

    Warum das so ist – keine Ahnung. Auch nicht, ob diese Beobachtungen aus meinem Bekanntenkreis verallgemeinerbar sind.

  7. Patrick sagt:

    Tatsächlich spielt in den didaktischen Lehrwerken, die ich kenne, Gender Mainstreaming durchaus eine Rolle.

  8. bubi zitrone sagt:

    ein schönes positiv-beispiel gefällig? there you go: http://www.youtube.com/watch?v=8fPTEJ-gyf0

  9. pia sagt:

    ich habe zwei Töchter (4 und 5) und einen Sohn (7), und sie sind einander ähnlicher als ihren jeweiligen GeschlechtsgenossInnen. Der Sohn kann Fußball spielen, kann Computerspielen, kann mit Werkzeug umgehen – das können seine Schwestern auch. Er sitzt aber auch völlig selbstverständlich glücklich und talentiert mit mir am Tisch und macht mit, wenn ich was nähe oder stricke oder filze.
    Die Schwestern lieben rosafarbene Sachen – mein Zugeständnis diesbezüglich war ein von mir mit allen Kindern gemeinsam hergerichteter und rosa angemalter Schrank im Mädchenzimmer. Der Sohn hat für sich selbst blauen Boden ausgesucht und ansonsten keine Farbwünsche gehabt. Als er drei war, wollte er als Prinzessin zum Kindergartenfasching, das hat ihm die Kindergärtnerin ausgeredet.
    Wobei wir beim Punkt wären: wir haben die Kinder (aus völlig anderen Gründen) aus dem Kindergarten genommen. Sie sind miteinander größer geworden, mit mir als Mutter, die den Haushalt schmeißt und die Hoheit über den heimischen Werkzeugkasten und das heimische Büro samt technischem Gerät darin hat, und einem Vater, der mit ihnen ins Freibad geht, die „gefährlichen“ Sachen macht und abends Lieder singt zum Einschlafen.
    Seit die Mädchen, nach einem Umzug, wieder im Kindergarten sind, gibt es Gezicke, Kindergartensätze, Debatten über Schminkkoffer zu Weihnachten und so weiter. Ihr könnt euch meine Begeisterung vorstellen.

    Ihres Geschlechtes sind sie sich nicht sooo sehr bewusst, wohl aber der Unterscheidung. So haben sie alle zusammen vor kurzem Männchen gemalt, und die Jüngste sagte „ich mal kein Männchen, meins ist nämlich eine Frau“ und die Schwester sagte dann, ein Männchen sei es, weil es gemalt ist, also muss es ein Damenmännchen sein.

    Ich weiß nicht, woran es liegt, wenn Jungs sich so sehen wie die Kidner aus dem Artikel, vielleicht ist meiner irgendwie anders – bewusst anders erzogen haben wir ihn nicht. Die Mädchen auch nicht.

  10. Tina sagt:

    Also ich finds aber auch eine schwierige Aufgabe eine so stereotype Frage nicht-stereotyp zu beantworten. Es wird ja gefragt was man an seinem Mädchen- oder Jungendasein mag. Und nicht wie man selbst ist.
    Ich war ein kleiner Raufbold, immer streitsüchtig, draußen im Wald unterwegs, Klamotten kaputt und Dreck im Gesicht. Aber auf die Fragestellung ‚Ich bin gerne ein Mädchen, weil…‘ hätte ich dennoch niemals mit zehn Jahren geantwortet ‚weil ich dreckig im Wald rumrennen kann‘ – denn das war für mich was, was einfach geschlechtslos ist, also nix was in diese Aufgabe gehört. Stattdessen hätte sich auch mein 10-jähriges Mädchen-Ich auf die Suche nach Dingen an mir die typisch weiblich/Mädchen sind begeben und hätte somit auch Stereotype hervorgezerrt.

    Bin ich da die einzige?

  11. bumsfallera sagt:

    das ergebins dieses experimentes verwundert mich leider gar nicht. schaut man sich in den medien um, in der werbung, auf der straße und in einschlägigen diskussionen, dann fällt seit einigen jahren genau das auf: ein auseinanderdriften des grabens zwischen den geschlechtern.
    zwangsläufig betrifft das auch die kinder. da gibts kaum noch kleidung in neutralen farben, dafür aber geschlechtsspezifische lehrbücher – wenn auch „außerschulisch“. sogar der „geschlechterkrieg“ wird auf die kinder ausgedehnt und die debatte um jungs als schulverlierer instrumentalisiert, um im zuge dessen vermehrt erziehung auf männliche stereotype hin zu fordern. polulistische ratgeberliteratur und tendenziöse berichterstattung über „den großen unterschied“ oder „wie das geschlechts ins gehirn kommt“ usw. tun ihr übriges.

    ein weites betätigungsfeld für den feminismus.

  12. A.B. sagt:

    Ein Grund für diese Situatiobn ist:
    Man denkt, das sei „heutzutage nicht mehr so“. Ein Blick ins TV, in die Geschäfte etc genügt, diese Illusion aufzugeben. In der Mädchenabteilung jedes Kleigungsgeschäftes ist 80% rosa und stark sexualisiert (Mini-Stretchröcke für Zwei- bis Fünfzehnjährige etc), in der Jungenabteilung findet man fast nur dunkle Farben mit martialischen und/oder sportlichen Aufdrucken, es gibt keine einzige nichtstereotype Kindersendung mit Ausnahme von Pipi Langstrumpf (aus den 70ern).
    Der Druck auf die Kinder wird von den meisten Eltern einfach toleriert , indem sie keine Alternativen suchen, nach dem Motto „Heute ist das ja so, ich bin ja alt und verstehe nichts von der Jugend“, ähnlich wie beim ungeregelten Internetkonsum, „Das gabs ja früher nicht“.
    Noch ein Grund:
    Die meisten Mütter stecken selbst in der Genderfalle. Eine Mutter muss eben stereotyp weiblich sein, sonst ist sie keine gute (deutsche?) Mutter. Durch die Geburt des ersten Kindes sind Frauen (und Männer) oft verunsichert und lassen zu, dass sie in alte Muster zurückfallen, eben um ihre neue Rolle „richtig“ zu leben. Das Mutterbild (Vaterbild) ist leider ausgehöhlt, es beschränkt sich grösstenteils auf den Blick von Aussen auf die Familie. Dass man sich als Mutter auch mal ans Fahrradflicken machen muss, egal, ob man es gern macht oder kann (analoges Vaterbeispiel einfügen), ist in der Öffentlichkeit kaum Thema.

    Ich karikiere das bewusst, weil ich es selbst an mir auch bemerkt habe, weil es Kraft kostet, dagegen anzugehen und weil ich hier keinen Roman abliefern möchte.

  13. v_f sagt:

    @ Tina
    Nein, du bist nicht die Einzige.

    Genau das Gleiche habe ich mir gedacht, als ich den Artikel gelesen habe: Dass die Aufgabenstellung insofern suggestiv ist, als sie von Kindern, die womöglich aus ihrem jeweiligen „Mädchen“ oder „Junge“ sein gar nicht so viel ableiten, genau das verlangt: sich einem Geschlecht zuzuordnen und irgendetwas Positives daraus ableiten, was für das andere Geschlecht nicht gilt!

    Ich mein, sorry, aber wenn mich das jemand fragen würde – und das in einem Setting, in dem Nichtbeantwortung sanktioniert würde (Schule) … [und ich noch nicht gelernt hätte, dass ich dem durch Wechsel auf die Metaebene ausweichen könnte] … dann würde ich mir auch irgendwas aus den Fingern saugen …

    Das heißt nicht, dass ich nicht auch vieles, was da steht, bedenklich finde (nämlich in erster Linie alles das was aufgeschnappt und wiederholt klingt). Nur: Bedenktlich finde ich auch die Fragestellung … und treudoof.

  14. bumsfallera sagt:

    Bedenktlich finde ich auch die Fragestellung

    ich glaube kaum, dass 10-jährige die frage danach, warum sie selbst gern mädchen / junge sind, abstrahieren auf „warum man gern mädchen / junge ist“, sondern ich gehe davon aus, dass die kinder dort von sich sprechen, statt sich mit blick auf eine zensur allgmeines „aus den fingern zu saugen“.

    wir sollten auch nicht in die überliche argumentationssspirale verfallen, ein ergebnis als solches bzw. methodisch anzuzweifeln, nur weil das ergebnis nicht wünschenswert ist.

  15. Morjanne sagt:

    Vielleicht wäre es aber aussagekräftiger, wenn die Frage stattdessen „Was ich gern mache“ oder so geheißen hätte. Allgemeine Hobbies, Beschäftigungen. Ich glaube auch dass „Warum ich gern ein Mädchen bin“ suggestiv ist, ich hätte mir vermutlich überlegt, was mich denn zum „Mädchen“ macht, und das aufgeschrieben. Dass das (vor allem in dem Alter) eigentlich nur ein kleiner körperlicher Unterschied ist, sagt den Kindern aber auch niemand.

  16. Kantorka sagt:

    Wundert mich nicht, wenn ich viele Eltern heute beobachte. Kinder werden sehr „geschlechtergerecht“ ausgerüstet, und das fängt bei der Kleinkindausrüstung nur an…

    Ich finde die Befragung von Kindern allerdings schwierig – sie haben diesen Impuls gemein, oft das zu antworten, von dem sie annehmen, daß die Befrager -selbst wenn sie ihnen nur auf dem Papier begegnen- es so hören wollen. Daß wieder mehr geschlechter-sortiert wird bei Kindern ist mir aber im Laufe meiner letzten Jahre als Elternteil schon öfter aufgefallen – alleine die zwangsweise Farbgebung, derzufolge ausnahmslos alle Mädchen in der diesjährigen ersten Schulklasse eindeutig als Mädchenschulranzen erkennbare Ranzen haben (rosa in allen Varianten, oder wenigstens Feen Schmetterlinge etc) und alle Jungs eindeutige „Jungsranzen“ (Piraten, Spiderman) gab es bei uns so nicht.

    Ich glaube man kann mit seinem Kind nur offen für alle Aktivitäten sein -undzwar sämtliche Bezugspersonen- dann kann auch ein Mädchen interesse am Fußball entwickeln. Ansonsten sagen wir halt offen, wenn wir etwas doof finden, sagen unserer Tochter aber auch, daß wir nicht immer das selbe gut finden müssen, und setzten uns auseinander. So findet sie weiter Hannah Montana Klasse, wenn uns auch die Haare zu Berge stehen, hat aber schon früh einen Blick dafür entwickelt, daß Mütter UND Väter selbst in ansonsten unterhaltsamen Kindercartoons oft ziemlich üble (Geschlechterrollen-) Karikaturen sind, und uns kürzlich mitgeteilt, daß sie doch nicht Prinzessin werden kann, weil die nicht fluchen dürfen.

  17. v_f sagt:

    dass die kinder dort von sich sprechen, statt sich mit blick auf eine zensur allgmeines “aus den fingern zu saugen”

    Ich hab nicht die Zensur gemeint, sondern das Gegenteil: Dass sie in der Schule hocken, also antworten müssen, ob ihnen was einfällt oder nicht. Und: Dass sie womöglich – völlig unzsensuriert – alles aufschreiben, was z.B. von der Lehrperson zur Erläuterung der Aufgabenstellung gesagt wird bzw. was ihnen einfällt, was je zu ihnen in Bezug auf ihr „Geschlecht“ gesagt wurde.
    Dementsprechend heißt das dann mindestens, dass die Sätze teil des Mülls sind, den sich Kinder so anhören müssen … und ja, das ist schlimm genug …
    Wovon ich aber nicht ausgehen würde, ist,

    dass die kinder dort von sich sprechen

    In dem Artikel wurde z.B. zitiert …

    Als Mädchen bekommt man Kinder. Mädchen können sich um Kinder kümmern. Mädchen sind meistens ordentlicher als Jungs. Als Mädchen kann man schöne Sachen anziehen. Als Mädchen kann man sich schminken. Als Mädchen kann man die Haar schön frisieren. Mädchen sind nicht so brutal wie Jungs. Manchmal möchte ich ein Junge sein. Jungs sind manchmal sportlicher als Mädchen. Jungs haben später keine Regeln.

    Ich finds bezeichnend, dass da (für die Schreiberin in der Zukunft liegende) körperliche Unterschiede (Gebärfähigkeit und Menstruation) am Anfang und am Ende stehen. Und bei Sätzen wie „Mädchen können sich um Kinder kümmern. … Als Mädchen kann man sich schminken.“ wär ich mir auch nicht sicher, ob sie von SICH spricht. … Überhaupt ist der ganze Absatz ins Allgemeine („man KANN“), Relative („manchmal“, „meistens“) getaucht. …

    wir sollten auch nicht in die überliche argumentationssspirale verfallen, ein ergebnis als solches bzw. methodisch anzuzweifeln, nur weil das ergebnis nicht wünschenswert ist.

    Ja und Nein.
    Klar, du hast recht, da steht einiges, was sehr aufschlussreich ist …
    Aber: es war doch gar kein anderes Ergebnis möglich!

    Dass das (vor allem in dem Alter) eigentlich nur ein kleiner körperlicher Unterschied ist, sagt den Kindern aber auch niemand.

    die Jungs, die geschrieben haben, dass sie im Stehen pinkeln können, sind im Artikel aber auch nicht sonderlich gut weggekommen …

  18. Andrea sagt:

    Gesellschaftliche Normen, Diskurse, Ideologien spielen eine große Rolle. Darüber haben kritische Wissenschaftlerinnen ja viel geforscht und geschrieben. Was leider unterbelichtet ist, ist die Tatsache, daß die Eltern die ersten Identifikationsfiguren für Kinder sind, bevor die Welt außerhalb der Familie eine Rolle spielt. Die meisten Frauen und Männer, auch Feministinnen, leben die Klischees ja selbst vor.

    Gramsci hat schon beobachtet, daß Menschen, die in bestimmten Breichen fortschrittlich denken, trotzdem in anderen Bereichen genauso reaktionären, menschenfeindlichen Ideologien anhängen wie die angepaßten Nicht-Denker. Er nannte das „bizarres Bewußtsein“.

    Interessanterweise findet man heute in bestimmten Subkulturen (besonders im Sportbereich) wesentlich fortschrittlichere Verhältnisse als sonstwo. Auch der feministische mainstream – „sozialverträglicher Alltagsfeminismus“ (Gabriele Dietze)- ist da nicht smarter.

    Wenn Väter ihre Töchter genauso zu aktivem Weltzugriff und „männlichen“ Verhaltensweisen ermutigen, hat das Wirkung. Wenn Eltern unbewußt an Mädchen andere Erwartungen haben als an Jungen, hat das Folgen. Solche unbewußten Botschaften sind viel einflußreicher, als alle bewußten fortschrittlichen oder reaktionären „Ansichten“. Die Psychoanalyse hat diesbezüglich viel (traurige) klinische Erfahrungen zu bieten.

    Wenn Eltern etwas anderes leben als sie propagieren, darf man sich nicht wundern, wenn die Kinder sich an dem orientieren, was die Eltern vorleben, nicht an den fortschrittlichen Phrasen, die sie dreschen. „We don’t need no education“, wie der Psychologieprofessor Klaus Holzkamp trefflich dargestellt hat. Man könnte auch sagen: „Be the change that you want to see in the world“.

    Ich selbst war ein „unnormales“ Mädchen: Habe mit den Jungs Fußball gespielt und Ringkämpfe mit ihnen gemacht (und bei letzteren fast immer gewonnen).
    Mit Puppen spieln? Cowboyfiguren mit Pferden und Waffen! Mein erstes weibliches Vorbild war Barbara Stanwyck in „The Big Valley“. Eine kämpferische Rancherin, die sich Angreifer mit der Winchester vom Leib hält.

    Woher ich die nötige Stärke für mein „abweichendes Verhalten“ hatte, weiß ich nicht, meine Eltern und Erzieher waren da keine „alternativen Vorbilder“ und ich war kein besonders selbstbewußtes Kind. Aber bockig. :-)
    Wahrscheinlich war ich damals schon sehr empfindlich gegenüber Demütigungen.

    Die Abenteuer haben in der populären Kultur ja immer die Männer gelebt.
    Frauen haben hilflos gekreischt und sich retten lassen. Heute ist das zum Glück etwas anders: „Kill Bill“ von Tarantino ist ein schönes Beispiel.
    This pissed me off! Und mit solchen kastrierten Wesen sollte ich etwas gemeinsam haben?
    Also, so lange Eltern nicht leben was sie predigen, sondern eben Gender klischees, erwarte ich mir keine große Veränderung.

  19. Thomas sagt:

    @Pia : „Tisch und macht mit, wenn ich was nähe oder stricke oder filze.“

    Als ich damals sah, wie meine Mutter strickte oder häkelte, wollte ich das auch mal machen. Und während ich das hier schreibe habe ich ein leises Unbehagen ob Jemand mitliest und denkt „kein richtiger Mann“…

    Ich finde das fast etwas erschütternd, wie verinnerlichte „Werte“ und Selbstbeschränkungen wirken können.

    Meine Tochter hat mich ganz so nebenbei am Grill abgelöst, und ein einfacher „Nachahmereffekt“ führt dazu, dass sie den Raclette aufbaut, auch Kartoffelpürree stampft u.a.

  20. Thomas sagt:

    @bumsfallera :

    “geschlechterkrieg” wird auf die kinder ausgedehnt und die debatte um jungs als schulverlierer instrumentalisiert, um im zuge dessen vermehrt erziehung auf männliche stereotype hin zu fordern. “

    Ich habe hierzu einige Erkenntnisse gefunden. Ich kann nur vorschlagen, diese so gut es geht weiterzupublizieren statt das Feld populistischen pädagogisch-dilettantischen Grüppchen zu überlassen, die stereotyp verbreiten „Jungs wollen Fußball spielen und Mädchen mit Puppen spielen“ :

    Hr. Dr. Gesterkamp beschreibt auf S. 76 seines Buches “Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere” erläuternd,

    “2/3 aller Schulabbrecher sind männlich. Jungen stellen den größeren Anteil der Verweigerer, Sitzenbleiber und Störer des Unterrichts. “Von Ihnen wird erwartet, cool, witzig und faul zu sein, weshalb sie häufig dem widerständigen und sozial auffallenden Schülertypus entsprechen.” analysiert Michael Cremers in seiner Expertise für das Bundesfamilienministerium. “Kein Streber sein”gilt als ein Teil von Männlichkeit, mit dem sich Jungen abgrenzen und von Mädchen unterscheiden können.”(ebd., S.76)

    Ich kenne sogar aus meiner Schulzeit noch das Schimpfwort “Streber” für den Klassenbesten, der allerdings physisch stark genug war, sich gegen Übergriffe zu wehren.

    Fazit : Es sind nicht die Lehrerinnen oder “feminisierten” Institutionen Verursacher des Umstandes, sondern ein eher trotziges Klammern an ein konservatives Männerbild. (s. auch S.78)

    Darauf deuten auf die folgenden Erkenntnisse :

    http://www.gwi-boell.de/web/denkraeume-fachtagung-jungen-die-schwachen-starken-1158.html

    http://www.bildungsnetz-berlin.de/download/inter_nl_0609.pdf

    s.S. 3 : “Von dieser widersprüchlichen Ausgangslage sind viele Jungen überfordert, vor allem weil neue, alternative Männlichkeitsentwürfe oftmals abgewertet werden.”

    Ich kann nur empfehlen, hier gewissen Leuten zuvorzukommen und diese Erkenntnisse über die verschiedensten Kanäle so gut es geht zu verbreiten.

  21. Andrea sagt:

    Die Veränderungen von „Männlichkeiten“ im gesellschagtlichen Diskurs und in der Lebenspraxis gehen langsamer, als man denkt. Der Soziologe Michael Meuser beobachtet seit Jahren die Veränderungen herrschender Männlichkeitsvorstellungen und Männer-Kulturen. . Ob und wie und in welchen widersprüchlichen Prozessen sich da was ändert. ch finde seine Texte aufschlußreich. Meuser ist skeptisch bezüglich der Veränderungen.
    http://www.uni-due.de/imperia/md/content/ekfg/michael_meuser_maennerwelten.pdf

    Solange in gesellschaftlichen Diskursen das „Männliche“ als überlegen und höherwertig gilt, kann man nicht erwarten, daß Jungen sich nicht entsprechend orientieren. Und Mädchen auch, wenn sie den Mut dazu haben: Frauen als Soldatinnen, Polizistinnen, Sportlerinnen in „Männersportarten“, Frauen als Naturwissenschaftlerinen und Technikerinnen, Frauen als Extrembergsteigerinnen usw.

    „Fürsorgliches Verhalten“ und soziale Angepaßtheit („brave Mädchen“) halte ich für genauso problematisch und defizitär wie brutale Gewalttätigkeit, wenn sie aus Verleugnung der eigenen Depression und Ohnmacht erfolgt. (Identifikation mit dem Aggresor – Anna Freud). Also Mangel an gesunder Aggressivität zwecks Selbstbehauptung (Donald Winnicott). Eigene Ohnmacht und Konfliktscheu durch Selbstaufgabe zu kompensieren – nein danke, muß ich nicht haben.

    Auch manche Mädchen weichen von ihren Rollenzumutungern ab (lieb, schwach, fleißig, angepaßt). Siehe hier: Gewalttätige Mädchen:
    http://www.amazon.de/Gewalt-Aggression-Weiblichkeit-psychoanalytische-Auseinandersetzung/dp/3830027036

    Alle sozialpädagogischen „Maßnahmen“ sind gesellschaftliche Disziplinarinstitutionen. Subjekte zu Objekten von „Erziehung“ zu machen ruft bei halbwegs gesunden Menschen Widerstand hervor. Wenn bessere Mittel nicht zur Verfügung stehen, dann halt in destruktiver Form. „Geschlechtergerechte Pädagogik“ – würg! Da spiel ich doch lieber Counterstrike, also ehrlich.

    Der Text „Wer braucht Erziehung“ von Psychologieprofessor Morus Markard macht klar, warum nicht die „auffälligen“ Jugendlichen das Problem sind, sondern gesellschaftliche Zumutungen.
    http://www.linksnet.de/de/artikel/19876

    Ich halte sozialpädagogische Manipulationsversuche an Jungen, die unangepaßte und „störende“ (wen?) Verhaltensweisen wegpädagogisieren wollen, für gut gemeint, aber wenig hilfreich und effektiv – außer bei denen, die sowieso in ihrer Geschlechtsidentität stark versunsichert sind und sich den traditionellen Anforderungen nicht gewachsen fühlen.

  22. Irene sagt:

    Andrea, was meinst Du denn mit „aktivem Weltzugriff“? Die Formulierung klingt leicht größenwahnsinnig…

    Vieles, was heute als männlich gilt (dicke Autos fahren, Länder erobern), funktioniert ja sowieso nicht für die Menschheit als Ganzes. Schon das lärmende Moped, das vielen Jungs so wichtig ist, wird bald zusammen mit dem Benzinmotor verschwinden.

  23. Irene sagt:

    (Die Anschlussfrage wäre: Ist es „weiblich“, einen leisen Elektroroller zu fahren? 60 Millionen Chinesinnen und Chinesen tun das bereits…)

  24. Andrea sagt:

    „Aktiver Weltzugriff“ als Gegensatz zur depressiver Konfliktvermeidung, ängstlichem Sich-Bescheiden mit dem, was einem gnädig gewährt wird, sich gegen Zumutungen nicht zu wehren, sondern in autoaggressive Verhaltensweisen auszuweichen (Sucht, Selbstverletzung, Rückzug von der Welt). Undsoweiter.

  25. Irene sagt:

    Konfliktvermeidung mit Depression gleichzusetzen ist doch sehr willkürlich. Konflikte zu vermeiden kann je nach Situation sehr gesund sein, zum Beispiel im Straßenverkehr. Ein LKW-Fahrer sagte mir mal sehr treffend zum Nachgeben: Dass ich Recht habe, bringt mir überhaupt nichts! Wenn es mir darum ginge, käme ich keinen Tag ohne Unfall heim.

  26. Eric sagt:

    Ich fühle mich gerade sehr an einige Kapitel aus Cordelia Fines (sehr empfehlenswertem) „Delusions of Gender“ erinnert, auf die sie angenehmerweise auch in einem Interview auf Neuroanthropology zu sprechen kam:
    http://blogs.plos.org/neuroanthropology/2010/09/28/cordelia-fine-and-the-delusions-of-gender/

  27. klingonische oper sagt:

    Konfliktvermeidung mit Depression gleichzusetzen ist doch sehr willkürlich.

    das hat andrea auch nicht gleichgesetzt. „depressiv“ ist ein adjektiv, als o eine eigenschaft wie z.b. das grün in „grünes blatt“. auch bei „grünes blatt“ werden grün und blatt nicht „geichgesetzt“.

    sie hat auch mit konfliktvermeidung nicht gemeint, man solle im straßenverkehr amok fahren.

  28. Irene sagt:

    Ich geh jetzt vor die Tür und übe Zugriff auf das schöne Wetter aus, ich hoffe, das reicht, um für heute eine Depression zu vermeiden ;-)

  29. Irene sagt:

    So, nochmal im Ernst: Eine Depression ist ja eine psychische Erkrankung und keine Allerwelts-Eigenschaft. Es ist eine Pathologisierung, die ich unnötig finde, zumindest auf so pauschale Weise.

  30. klingonische oper sagt:

    nochmal: dort steht „depressiv“ nicht depression. und da gibt es in diesem kontext einen bedeutungsunterschied.

  31. Irene sagt:

    Deutschlehrerin ist auch kein einfaches Schicksal…

    Hier noch was zum eigentlichen Thema:
    http://www.taz.de/digitaz/.tom/tomdestages?day=2005/06/09

  32. klingonische oper sagt:

    Depressiv (lat. deprimere „niederdrücken“) bezeichnet umgangssprachlich einen Zustand psychischer Niedergeschlagenheit. In der Psychiatrie wird die Depression den affektiven Störungen zugeordnet.“(wikip)

    daraus ergibt sich ein eindeutiger bedeutungsunterschied, den auch deutschlehrerinnen kennen sollten. dann klappts auch mit dem verstehnden lesen.

  33. Andrea sagt:

    @Eric: guter link. Danke. :-)

    Für die Biologisten (oder vielmehr gegen sie): Es gibt eine Korrelation zwischen hohem Testosteronspiegel und mehr Neigung zu kämpferischem/dominantem Verhalten (nicht zu physischer Gewalt) sagen Forscher. Hier die Pointe: Bei Männern UND bei Frauen!
    „Higher testosterone levels are related to criminal violence and aggressive dominance among women in prison, says a Georgia State University study released today. “
    http://www.pslgroup.com/dg/3a046.htm

    Und wie isses mit der Risikofreudigkeit?
    „A new study of 500 graduate business students showed that women with higher testosterone levels take more risks and are more likely to choose a finance career than women with low testosterone levels. But testosterone levels made no difference in men’s career choices in the study. “
    http://a.abcnews.com/Health/MindMoodNews/story?id=8403904&page=1

    Die Forscher haben auch keine Ahnung, ob der hohe T-Spiegel Ursache oder Folge von sozialen Faktoren ist. Sie vermuten beides.

    Mike Mahler ist Experte darin, den Hormonhaushalt zu optimieren. Mike hat viel Testosteron und ist nicht hyperaggressiv oder gewalttätig sondern ein netter Kerl. Er macht sich gerne lustig über übertriebenes Macho-Gehabe – „No pain no gain“ mentality is dumb.

    Fakt: Man kann durch Ernährung, Training, Streßreduktion usw. seinen Hormonhaushalt verändern. Also nichts mit „Biologie als Schicksal“.
    Und unbefriedigende Lebenslagen versauen immer den Hormonhaushalt. „You can’t have optimal hormones if you hate your life“ (Mike Mahler).

    „I began my investigation into hormonal balancing for personal reasons. I’m now 35 years old with the hormonal profile of a healthy eighteen-year-old. (…)
    Back in 2000 I experienced many of the signs and symptoms of andropause, i.e., my sex drive was low; my mood was poor; my zeal for life was so non-existent (..) Both undesirable–and avoidable–andropause is all the same considered normal for men in their fifties. But I was only twenty-eight! Unfortunately, I was far from alone: I have many chronologically young male and female clients whose hormone levels would be unhealthy for men and women in their fifties. Epidemiologically, this problem is becoming more widespread for reasons beyond the scope of this article.“
    http://www.mikemahler.com/articles/andropause.html

    Power-Training (fast twitch fibers, anaerobes Training) erhöht Testosteron, Dopamin, Wachstumshormon und was man so an Power-Hormonen hat. Nach einer anstrengenden Runde Kampfsport-Training habe ich mich immer super stark, ausgeglichen und lebendig gefühlt – und eben deshalb kein bißchen aggressiv und gewaltätig. Letzteres ist doch mehr Ohnmacht, Frust und Schwäche.

    Ganz anders diese Mädchen: Hormonproblem oder Statusproblem? :-)

  34. sasa sagt:

    Ich habe eher den Eindruck, dass das in den letzten Jahren schlimmer geworden ist. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann sehe ich vor mir Jungs wie Mädchen in orangenen, grünen, gelben oder roten Latzhose. Heute gehe ich in einen Kinderkleiderladen und sehen nur rosa, lila, rot für Mädels, blau, braun, grau für Jungs. Ich habe auch schon Mütter gehört die sagten: Endlich bekomme ich ein Mädel, dass kann ich dann mal so richtig hübsch anziehen. Aha. Auch die Darstellung von Spielzeug in Werbung wird immer hübsch fein nach Jungs (Bagger, Werkbank, Feuerwehrauto) und Mädchen (Puppen, Spielküche) aufgeteilt. Frage ist: Wer will das? Offensichtlich genügend Leute. Denn wie meine Schwägerin sagte: „Ich schenke Eurem Sohn zu Weihnachten mal was Ordentliches (Kran, Bagger, Feuerwehrauto) wenn ihr ihm einen Spieleherd schenkt.“ Viele Menschen fühlen sich mit Schublade eben einfach wohler, und eine Schublade für Jungs und eine für die Mädchen zu haben enthebt sie der Notwendigkeit mal gezielt darüber nachdenken zu müssen was das Kind als Individuum wirklich will. Egal ob männlich oder weiblich.

  35. Thomas sagt:

    @Andrea :

    Den Beitrag des Soziologen Meuser der Uni Essen habe ich mir mal angeschaut. Es finden sich dabei folgende wesentliche Kernaussagen im Zusammenhang mit der Ent-Traditionalisierung :

    S.10 : „Walter Hollstein (1988) meint, die Männer seien mit einer selbst verursachten, gleichwohl nicht intendierten Entmännlichung konfrontiert. Die Technisierung der Welt richte sich gegen ihren Erfinder. „Mit der Erfindung der Technik hat sich der Mann sukzessive selbst entmännlicht. Er hat Kraft, Stärke, Persönlichkeit, Autorität, Unverwechselbarkeit und Pioniergeist an immer effizientere Geräte und Instrumente delegiert“ (Holl-stein 1988, 25).“

    Genauso ist es – entgegen Verlautbarungen von Einzelaktivisten. Denn diese Positionen offenbaren immer wieder den folgenden Effekt :

    „Eine zweite Entwicklung, welche die Entmännlichung befördere, seien die Veränderungen, die sich auf der weiblichen Seite des Arrangements der Geschlechter ereignen. Gemäß der Logik eines Nullsummenspiels sieht Hollstein als Folge des historischen Aufstiegs der Frauen einen historischen Abstieg der Männer. Beide Entwicklungen brächten die Männer in eine Identitätskrise und mache das Männerbild „brüchig, unklar und defensiv“ (ebd., 27).“

    Hier werden insbesondere bei „Abgrenzungsmännlichkeiten“ Gefärdungen und Verlust-Ängste vor dem „Weiblichen“ aktiviert.

    Eine integrative Sozialisation von Kindern, die die Weiblichkeitsanteile nicht zu fürchten brauchen, ist angesichts der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte, die auch Dr. Gesterkamp in „Krise der Kerle“ beschrieben hat, notwendig geworden.

    S.10 : „Hollstein zufolge kulminiert die Krise des Mannes in einer Unterdrückungs-erfahrung; anders als die Frauen seien die Männer jedoch nicht in der Lage, den Unterdrücker zu benennen. (!!) Das, was die Männer unterdrücke, sei eine „gesellschaftliche Superstruktur““.

    Diese Aussage ist m.E. schlüssig.

    Wenn hier keine erweiterten Optionen für Mädchen und Jungen salonfähig werden und mangels akzeptierter Alternativen an traditionellen Vorstellungen oder Vermutungen festgekrampft wird, wird dies für viele Männer m.E. vermehrt zu einer Geschlechterrollenfalle.

    Auch bei Peter Jelineck las ich einen Kernsatz : „Die Abschaffung der Männlichkeit“. Das bedeutet, dass es die eine klar VORGEGEBENE Männlichkeit nicht mehr gibt. Bei nicht wenigen meiner Geschlechtsgenossen wird diese Aussage jedoch sicherlich unmittelbar Ängste hervorrufen.

    Ego-Shooter und virtuelle Realitäten dienen dann als Auffang- und Kompensationsmechanismen, die ich nach neuen Erkenntnissen ebenfalls vermehrt kritisch sehe – insbesondere wenn die Grenze zwischen virtuell und real mehr und mehr schwammig wird.

    Durch eine ins Visier nehmende empathische Sozialisation ohne einengende Rollenvorgaben werden m.E. Verlustängste aufgefangen und verhindert, und die moderne Geschlechterpolitik nicht als Verlust, sondern als Chance für neue Lebensqualitäten aufzutun.

    Dieser breit-wirkende Prozess steht m.E. aus.

    Es gibt zwar Einzel-Betroffenheiten und -ambitionalitäten, die jedoch im Tagesgeschäft wieder schnell untergehen können.

    Dieser Umstand ist anknüpfenswert :

    S.26 : „Das zeigen aber auch Berichte von Managern darüber, wie sie ihre z. T. extrem anstrengende und kräftezehrende Arbeit erleben (vgl. Behnke/Liebold 2001).Mit diesem Resümee soll nicht insinuiert werden, es gäbe keine Männer, die unter der Wettbewerbs-Männlichkeit leiden. Es gibt sie, und möglicherweise nimmt ihre Zahl zu. Diesen Männern wird die Welt der homosozialen Männergemeinschaft mit ihrer kompetitiven Struktur fremd; sie gewinnen dort nicht (mehr) die habituelle Sicherheit, die diese Welt anderen Männern vermittelt.“

    Diese Chance zur Individualität und Authentizität sehe ich gegeben – bisher m.E. auf männlicher Seite noch recht ungenutzt.

    Wirtschaftliche Ambitionen, die Spielzeug in rosa und blau einteilen, bieten leider vielen Menschen bequem nutzbare und Sicherheit suggerierende Schubladen an, ohne zu wissen, welche Nachteile diese Actionfiguren-Puppen-Polaritäten haben.

  36. Änna-Banäna sagt:

    @ Christian:

    Ich traue mich dann jetzt auch mal. =)

    Es ist prinzipiell vorgesehen, dass Schüler in der Schule neben dem Fachwissen der einzelnen Fächer sogenannte „soziale Kompetenzen“ erlernen sollen. Dazu gehört unter anderem auch die Kritikfähigkeit. (Der Deutsche Bildungsserver hat ’ne wiki-Seite, wenn Du magst, kannst Du Dich da ja mal reinlesen. :-) http://wiki.bildungsserver.de/index.php/Soziale_Kompetenz )

    Ich denke, dass die Kritikfähigkeit von 10-Jährigen vielleicht wirklich noch nicht genügend ausgeprägt ist, um sich mit der eigenen geschlechtlichen Identität und/oder geschlechtlichen Rollenmodellen auseinander zu setzen. Kritikfähigkeit erfordert ja, dass man sich selbst und andere hinterfragt und im Alter von 10 Jahren ist das nicht zuletzt aufgrund der starken Abhängigkeiten von anderen (gerade von Erwachsenen, die im Rahmen der Erziehung diese Geschlechterrollen an ihre Kinder weitergeben) gar nicht wirklich möglich. Erst im Rahmen der Pubertät, in der man sich ja generell von Eltern und „Erwachsenen“ zu lösen beginnt und in der man auf der Suche nach der eigenen (geschlechtlichen) Identität ist, kann man diese Kritik an sich und anderen ausüben.

    Der Artikel hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt und speziell die Aussage eines Mädchens, dass „Jungs weniger Regeln haben“, fand ich ziemlich erschreckend. Aber wenn ich mir das, was ich oben geschrieben habe, durch den Kopf gehen lassen, frage ich mich halt auch, ob die Ergebnisse wirklich relevant sind, ob sie tatsächlich die Sichtweise der Kinder widerspiegeln, oder eher die Sichtweise jener, die den Kindern Geschlechterrollen vorleben.
    Ich musste in der Grundschule auch mal einen Aufsatz über „typisches Jungen- und Mädchenspielzeug“ schreiben. Obwohl ich Barbie wirklich furchtbar fand, habe ich es zu den Mädchenspielzeugen geschrieben, weil mir ja klar war, dass Mädchen eigentlich damit zu spielen haben. Da meine Mutter Barbie ähnlich grottig fand, bin ich nie in den zweifelhaften Genuss einer solchen Puppe gekommen. Ich bin mir aber sicher, wenn meine Mutter mir eine Barbie geschenkt hätte, hätte ich damit ebenso gerne gespielt wie mit meiner Ritterburg von Playmobil. Die Tatsache, dass ich nicht mit typischem Mädchenspielzeug gespielt habe, verdanke ich also meiner Mutter und ihrer Erziehung und nicht meiner eigenen Kritikfähigkeit, denke ich.

  37. klingonische oper sagt:

    Er hat Kraft, Stärke, Persönlichkeit, Autorität, Unverwechselbarkeit und Pioniergeist an immer effizientere Geräte und Instrumente delegiert“

    das hört sich an, als hätten frauen kein anrecht auf diese attribute. also keine kraft, stärke, persönlichkeit, unverwechselbarkeit usw.

    Ich traue mich dann jetzt auch mal. =)

    glückwunsch: das ist zwar nur ein kleiner schritt für die menschheit, aber ein ganz großer schritt für dich, heraus aus dem rollenklischee: „frauen sind konfliktscheu und halten lieber den mund.“

    Der Artikel hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt und speziell die Aussage eines Mädchens, dass “Jungs weniger Regeln haben”, fand ich ziemlich erschreckend.

    das mädchen schrieb: „Jungs haben später keine Regeln.“ ganz sicher meinte sie damit nicht, dass es für jungs keine verhaltensregeln gibt, sondern dass sie keine periode bekommen.

    frage ich mich halt auch, ob die Ergebnisse wirklich relevant sind, ob sie tatsächlich die Sichtweise der Kinder widerspiegeln, oder eher die Sichtweise jener, die den Kindern Geschlechterrollen vorleben.

    das läuft auf das gleiche hinaus: da 10-jährige ihre geschlechterrolle noch nicht kritisch reflektieren können, geben sie zwangsläufig das wieder, was ihnen im zuge ihrer bisherigen sozialisation vermittelt wurde. und das ist überaus relevant.

  38. Judith sagt:

    „das mädchen schrieb: “Jungs haben später keine Regeln.” ganz sicher meinte sie damit nicht, dass es für jungs keine verhaltensregeln gibt, sondern dass sie keine periode bekommen.“

    Ahhh. Deine Interpretation halte ich für gar nicht mal so abwegig, allerdings wär ich da im Leben nie drauf gekommen. Danke!

  39. Anna sagt:

    @Andrea: Ich hab deinen zweiten langen Beitrag eben erst aus dem Spam gefischt, sorry dafür.

  40. Änna-Banäna sagt:

    @ klingonische oper

    Aaaaaaaah! Okay, so habe ich diesen Satz gar nicht gesehen.^^ Danke!

  41. Thomas sagt:

    „Was tun?“

    Diese Frage hat mich noch etwas beschäftigt, da ich bei meiner 12-jährigen Tochter die von manchen Einzelaktivisten aufgestellte Vermutung bzgl. der so überbordenden Mädchenförderung nicht beobachten konnte.

    Ich telefonierte dazu gestern mit einer Gleichstellungsbeauftragten. Es war nicht so umfassend, wie manche behaupten, aber es waren interessante Initiativen genannt :

    Es werden in der Gesamtschule (wo sogar meiune Tochter ist) eine Initiative zur MINT-Förderung und Berufsvorbereitungen etabliert

    Für die mich interessierte Altersgruppe gibt es einmal jährlich einen Mädchentag, wo eine bunte Mischung angeboten wird wie z.B. eine Kosmetikerin. „Ohne die gehts nicht, sonst kommen die Mädchen nicht, weil sie sich mit 12 damit befassen“ konnte ich nur zustimmen, zumal so die Möglichkeit besteht das Schminkverhalten zu moderieren. Meine Tochter erzählte mir, dass einzelne Mädchen schon extrem geschminkt in die Schule kommen, ich verweise immer auf das „dezente Untermalen natürlicher Scxhönheit“. Clever finde ich die Strategie Pluralisierung und Vielseitigkeit, die doch erheblichen „weiblichen Attitüden“ in diesem Alter anzureichern und zu erweitern. Z.B. kam dann eine Glasbläserin, die Glasperlen erstellte, um so auf handwerkliche Aspekte hinzuweisen. Oder der ortliche Reiterclub wurde besucht und eine Hufschmiedin vorgestellt um so auch zu vermitteln, alles ist möglich und alles ist auch „weiblich“.

    Weiterhin gibt es Drogenberatung, Kompetenzchecks und Präventivinformationen zum Thema Frühschwangerschaften.

    Hat den Vorteil, hier kommen Infos aus erster Hand von betroffenen Mädchen, die auch ihre Kinder mitbringen.

    Ich erläuterte humorvoll, dass meine Tochter jetzt doch in der Loslösungsphase ist und Ratschläge vom peinlichen Papa befolgen „uncool“ ist. Meinungen von anderen und Außenstehenden sind mir da eine wertvolle Unterstützung.

    Interesse an MINT-Themen zumindest teilweise etwas zu wecken gelang mir mit „Kristalle züchten“

    http://www.kosmos-shop.de/Experimentierkasten/Kosmos%20Kristalle%20z%C3%BCchten/kosmos_740/

    und einem Chemiekasten, wo sie selbst Bonbons karamelisieren konnte und Jodtinktur herstellen, die sie aus dem Alltag kennt.

    Ich denke, hier Gleichstellungsbeauftragte nach Programme und Aktivitäten zu fragen, ist hilfreich um alltägliche Erfahrungen mitzuteilen genauso wie die Hilfe von Außenstehenden, hier Gruppendruck-Effekte, was jetzt in dem Alter Mädchen und Jungen zu tun haben, etwas zu neutralisieren.

    Wieder habe ich den Eindruck bekommen, mit Anfragen an die Gleichstellungsbeauftragten läuft frau/man offene Türen ein….

    Denn ich habe das Gefühl, in der aktuellen Debatte geht das Thema Tochter-Väter oder Mädchenförderung etwas unter.