Lust für Frauen

von Verena
Dieser Text ist Teil 40 von 130 der Serie Die Feministische Bibliothek

Weißes Titelbild des Buches X (prangt groß in pink in der Mitte) - Lust für Frauen von Erika Lust (klein, ebenfalls in pink über dem X) Diese Buch lässt man sich besser vorlesen. Weil man beide Hände braucht, um entweder an sich herum zu spielen, oder um schon mal die Kamera in Stellung zu bringen. Denn „X – Lust für Frauen“ liefert nicht nur eine umfangreiche Anleitung zum Pornokonsum, auch macht es schlicht Lust auf Sex, Begehren und Sinnlichkeit.

Die eigene Vorstellung von Sex im Porno zu verarbeiten, das ist das Ziel der Autorin und Produzentin Erika Lust. Weil sich die Schwedin selbst im herkömmlichen Porno kaum repräsentiert fühlte – zu stereotyp, mit billiger Deko, schlechter Musik und unfreiwilliger Komik – folgt sie nun ihrer eigenen visuellen Vorstellung, ohne dabei den Weichzeichner zu bemühen. Stattdessen: Weg vom Mainstream-Gerammel, in denen Frauen auf die Rollen der lüsternen Lolita oder aufs Fieberthermometer geilen Krankenschwestern reduziert werden. Weg von den auch auf Männer projizierten Klischees der Zuhälter, Multimillionäre oder „megamuskulösen Sexmaschinen“. Hin zu mehr Vielfalt und weiblicher Definitionsmacht darüber, wie Pornographie aussehen kann. Denn das ist bei einer aktuell mehrheitlich von weißen heterosexuellen Männern dominierten Branche auch dringend notwendig.

„Informierte Masturbatorinnen“ nennt Lust ihre Zielgruppe; Frauen, die herausfinden wollen, was sie sexuell anspricht und erregt. Schlapplachen ist nicht. „Wir werden ihn schöner“ machen, verspricht Lust zu Beginn und das klingt gefährlich nach weiblicher Stereotypisierung, immer alles hübsch und schön anzusehen haben zu wollen.
Aber keine Sorge, die Autorin lässt eigentlich alles gelten und will keinerlei Beschränkungen auferlegen. Was zählt ist das, was jede_r Einzelne_r für sich entdecken will. Lust liefert dafür nur die theoretisch reichhaltigen Grundlagen.

In elf Kapiteln widmet sich die Schwedin, die mittlerweile in Barcelona lebt, dem pornographischen Film von allen Seiten, Um uns zu informieren, gräbt Lust tief: Über die Klischees des „Männerpornos“, Historisches, Pornographie und Feminismus schreibt sie genauso wie über die Grundlagen des Genres. Sogar ein kleines Lexikon hat sie zusammen gestellt, in dem Blowjob und Cunnilingus genauso erklärt werden wie Kokigami – eine japanische Sexspielart, in der der Penis mit Papier geschmückt wird, so dass er wie ein Origami-Tier aussieht.

Sie stellt RegisseurInnen und ihre Klassiker vor, erklärt Trends und Genrespezifisches und gibt Antworten auf Fragen „warum Männer ihn immer herausziehen, bevor sie abspritzen“ oder welche Maßnahmen zur Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten unternommen werden.

In einem Kapitel heißt der Untertitel: „Am Schluss […] weißt du mehr über Porno als viele Kerle.“ Stimmt, denn dieses aufklärende Detailreichtum in Verbindung mit zahllosen Tipps für Filme, Internetseiten und Brancheninterna bereichert absolute Pornoneulinge genauso wie die bereits besser Informierten unter uns. Hinzu kommt, dass Lust zwar humorvoll aber nicht zotig schreibt. Es gibt keinerlei Verlegenheiten, die umspielt werden müssten; keine Begrifflichkeiten, die anstandshalber hübsch umschrieben werden. Der Mann hat einen Schwanz, die Frau eine Möse und beides können sie beliebig einsetzen.

Lusts unverkrampfte Offenheit zeigt sich auch in der Fotoreihe zu Beginn des Buches, in der sie herumalbert und Grimassen und Fratzen schneidet. Wohltuende Glaubwürdigkeit, denn nichts ist frustrierender als diese Ratgeberbuch-Frauen, die sagen, „du kannst alles schaffen“ und aussehen wie eine gecastete Wonderwoman. Erika Lust lässt ihren LeserInnen genug Raum, sich individuell zu definieren.

Aber, und das ist ein Manko des Buchs, „X – Lust für Frauen“ will um jeden Preis Spaß am Sex suggerieren. Das nämlich setzt fast ein bisschen unter Druck, wenn die moderne „.informierte Masturbatorin“ merkt, dass sie zwar mit Vibrator und Fetischporno ausgerüstet ist, dem gemütlichen Onaniestündchen zuhause aber noch dieses oder jenes Toy fehlt. So droht der Solo-Sex genauso unter die Kategorien Leistung und Konsum zu fallen wie die meisten anderen Bereiche unsere Lebens. Aber klar, Erika Lust will natürlich auch ihre eigenen Produkte verkaufen. Selbst ein Online-Netzwerk zum Erfahrungsaustausch haben Verlag und Autorin ins Leben gerufen. Das Feld pornobewusster Frauen und Produkte ist mittlerweile vermutlich so groß, das für die eigentliche Sache die Zeit knapp werden dürfte. Aber dafür lässt sich „X – Lust für Frauen“ ja bequem aufbewahren, um immer mal wieder reinzublättern – es lohnt sich unbedingt!

Erschienen bei Heyne, kartoniert, 224 Seite, 15 Euro

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Eintrag geschrieben: Dienstag, 2. Februar 2010 um 13:25 Uhr unter Kultur, Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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10 Kommentare

  1. shein sagt:

    Verena, habe ich das richtig verstanden, dass es in dem Buch ausschließlich um Pornos für Heterosexuelle geht?

  2. jj sagt:

    Klingt cool – wenn die Frauenstereotype in ihren Filmen wegfallen, gilt das auch für die Männer? Wie werden die dargestellt? Welche Rolle nehmen sie ein?

  3. Verena sagt:

    @ JJ – du kannst ja mal einen Blick auf Erika Lusts Filme werfen. Auf ihrer Produktionsseite gibt es ein paar Filmbeispiele. Aber letztlich gibt es kein verbindliches Rollenbild und sicherlich auch mal den Typ Zuhälter oder Muskelprotz – aber eben nicht ausschließlich

  4. steve, the pirate sagt:

    @teresa: Danke für den link mit dem Interview.

    Im Interview betont sie ja einige Male, dass sie weiß was „wir Frauen“ mögen. Ist das im Buch auch so?
    Ich persönlich mag es ja nicht so, wenn mir jemand sagt, von was ich heiß zu werden habe und was ich abartig zu finden habe.

  5. Verena sagt:

    @ steve, the pirate

    Im Buch schreibt sie mehrfach, dass sie keinen allgemeinen Anspruch darauf erheben will, was Frauen wollen und mögen. Aber trotzdem kommen natürlich schon mal Passagen, in denen man den Eindruck hat, ne, also das soll sie mal ein bisschen individueller betrachten zum Beispiel die Aussagen mit dem „schöner machen“, die ich auch oben anspreche. Aber es ist auch müßig, bei jedem Statement auf Ausnahmen-sind-die-Regel hinzuweisen…

  6. steve, the pirate sagt:

    @Verena: Danke für die Anwort. Das Buch hört sich eben sehr interessant an, aber durch das verlinkte Interview bin eben eher wieder abgeschreckt.
    Werde dann doch wohl mal reinschnuppern…

  7. illith sagt:

    @shein:
    der fokus ist schon dahingehend, es werrden aber zb transpornos vorgestellt oder hetera-pornos mit boy/boy-szenen.

    zum buch:
    ich bin noch nicht durch damit, kann aber soweit sagen, dass es sehr positive aspekte hat (gerade die optik und aufmachung des ganzen find ich total anpsrechend – abgesehen von der echt unlesbaren courierschift), allerdings ist mir neben dem ständigen gerede davon, was „wir frauen“ angeblich (nicht) wollen (und das wird stellenweise sehr explizit umrissen – auf sowas bin ich ja hoch allergisch) die kritiklosigkeit gegenüber einiger themen aufgefallen, wie suicide girls, deep thorat (der film), schulmädchen report, russ meyer filme und burning angel productions. die werden hier alle neutral bis überschwenglich dargestellt, obwohl da teils so richtig eklige dinge drunter laufen.
    die abwertende sprache gegenüber huren (bzw „nuttigkeit“) ist auch nciht so das gelbe vom ei.

  8. QSymm sagt:

    „Der Mann hat einen Schwanz, die Frau eine Möse“…ein Buch, das Lust heißt und die Klitoris vergisst?….och nee, danke, lieber nicht;-)
    Von allem anderen, was da vergessen wird, mal ganz abgesehen…aber das finde ich selbst im standardhetero-Kontext einen Klopfer.

  9. illith sagt:

    hm – vlt hat sie „möse“ dahingehend annektiert, dass vulva gemeint ist, nicht nur vagina?^^