Lieber daheim bleiben
von BarbaraDann bleib ich doch zuhause und leb auf Staatskosten! So kann eine noch nicht veröffentlichte Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft über Alleinerziehende ausgelegt werden. Viele seien mit Hartz IV besser dran sind als mit einem Arbeitsplatz. Die Taz zitiert dazu den Ökonomen Klaus Schrader, einer der Autoren der Studie:
Eine Mutter mit zwei Kindern und ohne Job erhält durch Sozialleistungen 1.500 Euro. Würde sie im Dienstleistungssektor arbeiten, etwa als Friseurin, würde sie genauso viel verdienen oder sogar weniger. Und eine Alleinerziehende mit Hartz IV und einem Minijob hätte sogar 1.600 Euro monatlich. Klaus Schrader nennt das “perverse Anreizstrukturen”.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mag die Nutznießer dieser Strukturen nicht sonderlich und nennt sie die “Hätschelkinder der Nation”:
„Alleinerziehend – alleingelassen.“ So tönt es quer durch alle politischen Parteien und Verbände. Dabei ist nichts so falsch wie dieser Satz. Alleinerziehende mögen arm oder traurig sein, von der Gesellschaft alleingelassen sind sie nicht. Im Gegenteil: Sie sind die Hätschelkinder des Wohlfahrtsstaates.
Dass alleinerziehend nicht gleich alleinerziehend bedeutet, ebenso wie Hartz IV-Empfänger nicht gleich Hartz IV-Empfänger ist, wird in diesem Pauschal-Urteil, das an den sozial Schwächeren wenig Gutes findet, außer Acht gelassen. Das kritisiert auch die taz:
Alleinerziehend zu sein, auch mit Hartz IV, ist mitnichten eine Erfolgsstory, wie uns die FAS weismachen will. Damit bedient das Blatt eine konservative Familienpolitik, die aufgrund der ökonomischen Missstände zwar immer öfter thematisiert wird, am realen Leben aber vollkommen vorbeigeht. Und das noch zur Erinnerung: Vor der Einführung von Hartz IV wurde das Modell immer damit gepriesen, dass es Alleinerziehenden damit nicht schlechter gehen wird.
Zu glauben, dass Partnerschaft und Lebensmodell nur von staatlicher Geldförderung abhängig sind, ist mit Verlaub gesagt ganz schön billig. Und wieder sind es strukturelle Ungereimtheiten, die den Schwächeren in Rechnung gestellt werden. Dabei sind sie für die Strukturbildung nicht unbedingt verantwortlich.
(Dank an Hanna für den Hinweis!)
Facebook | | Tags: Alleinerziehende, Hartz IV, Studien
Eintrag geschrieben: Mittwoch, 27. Januar 2010 um 10:31 Uhr unter Alltag, Familienleben, Frauenfakten. RSS 2.0. Kommentieren. Trackback.







Na ja, wenn ich wüsste, dass ich als Alleinerziehender mit einem Job schlecht bezahlt werde, dafür aber Probleme mit Kinderbetreuung bekommen könnte (Kindergartenplätze, KiTa, o.ä.) und Probleme, wenn ich wegen der Kinder mal meinen Job vernachlässigen muss, und dazu noch erst abends nach Hause komme und die Kids erst dann sehe… tja.
Vielleicht ist das Anreizmodell falsch, aber die Frage ist doch, auf welcher Seite? Sollte man möglicherweise eher Kinderbetreuung verbessern, Löhne erhöhen – Friseure sind ja nun auch nicht gerade “Großverdiener” – und Teilzeitangebote verstärken… oder Hartz IV verringern?
Was die Leute gerne vergessen sind die Bruttobezüge, die man nicht ausgezahlt bekommt. Wer arbeitet tut gleichzeitig was für seine Rente. Zudem hat derjenige, der schnell wieder arbeitet auch weniger Nachteile im Beruf, also zB bessere Chancen auf Beförderung, Gehaltserhöhung etc.
Das ist jetzt völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Die Hetze auf die Alleinerziehenden findet im Kontext einer allgemeinen Hetze auf Hartz IV Empfänger statt, die gerade mal wieder quer durch die Medien geht und schier unerträglich ist (Bild titelte etwa vor ein paar Tagen “Macht Hartz IV faul? Für immer mehr Menschen lohnt es sich nicht zu arbeiten” oder so in etwa).
Und diese Hetze bereitet eben schon mal auf Kürzungen bei den Sozialleistungen vor. Die Tatsache, dass es Jobs, wie etwa die erwähnte Friseurin, gibt, bei denen man weniger verdient als den Hartz IV Satz wird dabei völlig fallen gelassen. Da ist nicht das Hartz IV zu viel, sondern die Löhne schlicht und ergreifend zu niedrig. Allerdings sehe ich diesen Aspekt auch in dem Beitrag von Barbara nicht. Im Taz-Artikel ist es teilweise noch drin.
Dass das aber IfW generell dafür bekannt ist, auf mehr Steuersenkungen zu pochen (was ja zu Kürzungen von Sozialleistungen führen muss) und bei ihren eigenen Studien die Zusammenhänge nicht zu erkennen, wird aber auch da nicht erwähnt. Zum IfW und deren interessanten Studienergebnissen siehe unter anderem http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ueppige-staatliche-stuetze-fuehrt-zu-hoher-arbeitslosigkeit;2091763 (“Die Sozialpolitik seit Beginn der 70er Jahre dürfte mit verantwortlich für den Anstieg der Arbeitslosigkeit in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewesen sein, lautet das Fazit einer Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.”) und http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,561682,00.html (“Lieber den Verbrauch senken und die Zinsen erhöhen”)
Also, ich z.B. mache als promovierte Postdoktorandin in einer renommierten Forschungseinrichtung gerade eine nach außen hin glänzende Karriere. In Zahlen ausgedrückt liegt mein Stipendium nach Abzug diverser notwendiger Mindest-Versicherungen aber auch beim Einkommen einer eher niedrig durchschnittlich verdienenden Verkäuferin. Dabei ist mein Job strikt befristet, und ich habe weder Anspruch auf Arbeitslosengeld oder sonstige Sozialleistungen. Das ist die Realität für viele Hochqualifizierte.
Trotzdem würde ich keineswegs lieber aufs Amt gehen – dass ich es nicht muss, hängt damit zusammen, dass ich eben gut ausgebildet bin. Dieses Glück wiederum hat nicht jeder.
Objektiv hätte ich vielleicht Grund, ganz im Sinne der FAZ, mißgünstig auf die angeblichen “Hätschelkinder” herabzuschauen oder aber mir zu überlegen, ob ich nicht auch Hartz IV beantragen sollte, wenn ich innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Kind haben will.
Ja, auch ich finde diese Konstellation pervers.
Aber das ist doch um Himmels Willen nicht die Schuld der alleinerziehenden Mütter und Väter da draußen!
Ich könnt bei diesen Verlautbarungen aus der rechten Ecke (FAZ etc) so die Wut kriegen. Schonmal versucht, von Hartz IV sich und seine Kinder gesund zu ernähren? Schon mal versucht, Kindern kulturelle Anreize zu bieten mit Armutseinkommen?
Und zuguterletzt gibt es alleinerziehende Mütter, die kein Hartz IV bekommen, weil sie aufgrund der Kinder (bzw. der fehlenden Kinderbetreuung) gar nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen können und somit nur Grundsicherung bekommen.
Boah, mich regt diese Debatte so auf.
Übrigens ist 2010 das Jahr zum Kampf gegen Armut und das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen und ihrer Kinder wird explizit benannt. …
http://www.2010againstpoverty.eu/opencms/?langid=de
Der faz-Artikel bringt die Realität wirklich auf den Punkt.
Wusstet ihr übrigens ( also, die, die sich über das angeblich hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden aufregen ), dass unsere Bundesregierung in den Armutsberichten die Armut von weissen unterhaltszahlenden Männern aus der Mittel- und sogar Oberschicht herausrechnen lässt?
Das geht so: Ist jemand zu Unterhaltszahlungen gezwungen, wird er automatisch als nicht arm definiert, ungeachtet der Tatsache, dass diese Zahlungen bei sehr vielen dafür sorgen, dass sie vom verfügbaren Einkommen her arm sind. Unterhalt wird der offiziellen Lesart nach diesen Männern als Konsum ausgelegt.
Allerdings möchte der Staat offenbar unbedingt vermeiden, dass Männern kollektiv bewußt wird, dass Familiengründung/Kinderzeugen für sie das mit Abstand das Armutsrisiko Nr. 1 – so sind viele Obdachlose durch die finanziellen Folgen von Scheidungen obdachlos.
Es ist absolut richtig, dass Verhalten des Staates als Auszahlung von Trennungsprämien zu bezeichnen.
@Andreas: Das ist ja interessant. Hast du dazu eine Quelle, die das genauer beschreibt, dass Männern Unterhalt als Konsum ausgelegt wird?
@Johannes:
Klar, hier:
http://manndat.de/fileadmin/Dokumente/Stellungnahme_zu_OECD-Studie.pdf
Übrigens liegt der Selbstbehalt von 890,- € von Männer (Vätern) über der Armutsgrenze, allerdings ist dies der Selbstbehalt von BERUFSTÄTIGEN Männern – aus dem Geld sollen also auch Fahrtkosten ( Auto ), eventuell nötige Berufskleidung etc. bezahlt werden. Ziehst Du die Kosten auch noch ab, liegt der Selbstbehalt deutlich unter der Armutsgrenze.
Ach so, aus den 890,- € ist natürlich auch noch der Umgang mit den eigenen Kindern zu finanzieren – es sind immer 890,- €, egal ob man in München oder in Berlin lebt, ob man drei Kinder hat oder eines, ob die Kinder 100 km weit weg wohnen oder nebenan.
Man muss allerdings fairerweise sagen, dass viele Männer sich nicht um ihre Kinder kümmern, schon allein, weil sie das Geld nicht haben.
@ Andreas
Das Verhalten der Statistiker der entsprechenden Stellen ist ja nur brutal konsequent. Schliesslich sieht auch das Deutsche Finanzamt in Einklang mit dem Gesetzgeber den Unterhalt als Privatvergnügen des Unterhaltsverpflichteten indem es den Unterhalt nicht etwa vom Bruttolohn abzieht und eine Versteuerung beim Empfänger gemäß dessen Leistungsfähigkeit vornimmt, sondern es dem Verpflichteten schön vom Nettolohn leisten lässt.
So verschleiert man geflissentlich das jedem armen Alleinerziehenden Haushalt ein armer Unterhaltsverpflichteten Haushalt gegenübersteht, und das vielen nicht armen Alleinerziehenden HH trotzdem ein armer Unterhaltszahler Haushalt gegenüber steht.
Andreas und Udo,
in diesem Post ging es ausdrücklich um die Alleinerziehenden, nicht die Unterhaltspflichtigen. Wenn ihr euch jetzt lieber darüber unterhalten wollt, dann macht doch euren eigenen Blog/Forum/Facebookgruppe auf.
@Andreas: Danke.
Manndat ist jetzt zwar nicht das, was ich als unabhängige Quelle bezeichnen würde, aber das Kriterium der genaueren Beschreibung ist erfüllt ;-)
@Udo:
Absolut richtig – und vor allem darf man das dann mal kontrastieren mit den “Alleinerziehenden” – Haushalten, die in der Regel dann Hartz-IV auch für die Kinder kassieren, wenn der Unterhaltspflichtige finanziell ganz unten angekommen ist und noch nicht einmal der Lohn desselben pfändbar ist.
Natürlich handelt es sich dabei um “Trennungsprämien” – frage mich echt, wie das abgestritten werden kann.
@Helga:
Sorry, aber den Alleinerziehenden geht es vergleichsweise gut, weil es den Unterhaltspflichtigen vergleichsweise schlecht geht. Die Themen lassen sich nicht unabhängig voneinander diskutieren – ausserdem geht es ja darum, den Horizont über den eigenen Tellerrand hinaus zu erweitern, nicht wahr ;-) …
@Helga:
Da muss ich dir widersprechen. Ich finde, man kann die Gruppe der Alleinerziehenden nicht betrachten, wenn man die Gruppe der Unterhaltspflichtigen ausblendet und umgekehrt. Dazu sind diese beiden Gruppen zu sehr miteinander verbunden.
Um nur eine von beiden zu betrachten, bedarf es meiner Meinung nach ziemlich enger Scheuklappen. Die würde ich bei Manndat oder bei Emma erwarten, aber nicht bei Euch.
Nein Andreas, den Horizont zu erweitern und Kommentare völlig ab vom Thema zu schreiben sind zwei verschiedene Dinge. Das kann man unabhängig voneinander diskutieren und wurde hier auch schon gemacht.
Nun ist die Frage, ob die Einbringung der Komponente “Unterhaltspflicht” hier eine konstruktive Diskussion eröffnet hat. Eigentlich gehts doch nur darum, das Thema, das ursprünglich angesprochen wurde, zu negieren. Und wer Manndat-Links als Quelle nennt, naja das wissen die Mädels hier einfach schon vorher, woher der Wind weht.
Wie gut das Gegeneinander-Ausspielen doch immer wieder funktioniert in solchen Diskussionen.
Bellum omnium contra omnes
Funktioniert doch immer wieder prächtig!
Auch ich sehe das so wie Andreas: Die staatliche Alimentierung von Alleinerziehenden ist eine Art Trennungsprämie. Allerdings muss der Rahmen hier weiter gesteckt werden- alles ausschliesslich auf sozialstaatliche Fehlanreize zu setzen, halte ich für verwerflich.
Ich finde es sehr schade, wenn man, statt sich zu freuen, eine interessante Diskussion ausgelöst zu haben, diese lieber mit aller Kraft zu unterdrücken versucht.
Hier ist übrigens ein wesentlich besserer Kommentar zum FAZ-Artikel aus der Jungen Welt: http://www.jungewelt.de/2010/01-29/020.php?print=1