Lesbisch_queere Bücherwelten: Ländliche und weitere Trans-Realitäten

von Julia
Dieser Text ist Teil 93 von 121 der Serie Die Feministische Bibliothek

Zwiespältig: Rose Tremains Gesellschaftsportrait „Die Verwandlung der Mary Ward“.

Mit dem englischsprachigen Original „Sacred Land“ veröffentlichte die (soweit bekannt: Nicht-Trans-)Bestseller­autorin Rose Tremain 1992 einen Roman, der kurz darauf ins Deutsche übersetzt wurde. In queerer Forschung fand das Buch Anerkennung für die Repräsentation queerer Männlichkeit. Nun wurde das Buch erneut auf Deutsch verlegt, unter dem Titel Die Verwandlung der Mary Ward.

Der Buchtitel täuscht in mehrerer Hinsicht: Denn Mary Ward versteht sich seit ihrem_seinem sechsten Lebensjahr, und hier setzt die Erzählung an, als Martin. Erste Zeugin dieser Selbst­erkenntnis ist Martins Perlhuhn Marguerite, das Martins zunehmend gewalt­tätiger und alkoholisierter Vater später töten wird. Es ist Martins – oder zu Beginn vielleicht: Mary_Martins – Geschichte, die der Roman erzählt. Zudem, das ist die zweite Täuschung des Buchtitels, ist seine_ihre Geschichte nur eine von vielen. Darin liegt durchaus eine Stärke des Buches: Tremain zeichnet anhand mehrerer Charaktere ein kleinstädtisch-weißes Gesellschafts­portrait Großbritanniens seit den 1950er Jahren. Sie liefert Einblicke in Lebens­konzepte und Alltag zwischen gesellschaftlichen Zwängen, Resignation, Emanzipation und Auflehnung. Martin Ward wird nicht zum ‚Anderem‘ stilisiert, sondern als eine von mehreren Personen und Männlich­keiten repräsentiert, die darum kämpfen, zu überleben, Zwängen zu entfliehen und ein selbstgewähltes Leben zu führen.

Die Überzeugung, dass eine Zukunft als Martin auf sie_ihn wartet, verleiht ihr_ihm die Kraft, einem einengenden und zunehmend gewaltvollen Herkunfts­umfeld zu entfliehen. Martin findet UnterstützerInnen, zieht in eine Großstadt, lebt und zeigt sich mehr und mehr als Martin. Dem Medizin­system, das auf geschlechtliche Vereindeutigung aus ist – im Sinne einer zu vollendenden Männlichkeit –, wird er mit einer guten Portion Skepsis, Einfalls­reichtum und Wider­ständigkeit begegnen.

Neben Mary_Martins Leben erzählt Tremain die Geschichten weiterer Personen aus ihrer_seiner Heimatstadt. Da wäre etwa Estelle, Mary_Martins Mutter, die dem Leben mit ihrem alkohol­abhängigen und zunehmend gewalttätigen Ehemann Sonny durch Aufenthalte in einer psychiatrischen Einrichtung zu entfliehen versucht. Oder Walter, dessen Familien­tradition vorsieht, dass er die Metzgerei seiner Eltern übernimmt – der aber am liebsten mit seinem Onkel Pete Country Music hört und vom Auswandern in die USA träumt. Oder der Zahnarzt Gilbert, der mit seiner Mutter zusammen in einem Haus lebt, das immer näher an die Klippen rückt, und der eine Affäre mit Walter beginnt …

Die meisten Biografien sind über weite Strecken bedrückend: Die Protagonist_innen sind eingezwängt in ein Leben und Umfeld, das ihnen nicht behagt und nicht bekommt. Doch einige von ihnen werden ihren Wünschen und Träumen doch noch folgen, mal radikal, mal ein Stückweit und in kleinen Schritten.

Politische Schwachstellen verstecken sich in vereinzelten Sätzen oder Halbsätzen, die deshalb so ärgerlich sind, weil es ein Leichtes gewesen wäre, sie auszuräumen. Da ist das Klischee vom lispelnden schwulen Zahnarzt, der bei sämtlichen (!) männlichen Patienten die Behandlung länger ausdehnt als nötig; da ist die Andeutung einer sexistischen Blickweise Martins auf Frauen und von gewaltvoll-sexualisierter Grenz­verletzung; da sind die rassistischen und kolonialistischen Denkmuster einzelner Protagonisten. Manches davon mag im Sinne eines realistischen Gesellschafts­portraits Sinn machen. Das Wohlwollen jedoch, mit dem Rose Tremain ihre Figuren zeichnet – über weite Strecken eine Stärke des Romans –, droht hier bisweilen in eine Verharmlosung gewaltvoller Realitäten zu kippen.

Tremains Erzählweise ist detailliert, ihre Charaktere sind originell, es gelingt ihr offenbar mühelos, viel­schichtige und sich fort­entwickelnde Biografien zu erzählen. Was der Roman indes nur bedingt bietet, sind Identifikation und emotionales Berührt­werden. Das muss nicht zwangsläufig schlecht und kann durchaus so gewollt sein. In diesem Fall aber verlor ich beim Lesen zunehmend das Interesse – anstatt mich in den Geschichten der Protagonist_innen zu verlieren. Es bleibt ein distanziertes Verhältnis zwischen den Leser_innen und den Protagonist_innen des Buches: Gleichwohl er ohne Pathologisierungen und Voyeurismus auskommt, ist es ein Blick von außen, ein beobachtender Blick, kein identifikatorischer.

 

 

 

 

 

 

 

Im vergangenen Jahr sind viele weitere und überzeugendere Trans-Bücher Bücher erschienen, die unterschiedliche Lebenswelten von Trans-Menschen thematisieren (*siehe Kommentar von yori) – und das heißt auch: aus Trans-Perspektive. Zum Beispiel: die auf der Mädchenmannschaft bereits vorgestellte Auto­biografie „Redefining Realness. My Path To Womanhood, Identity, Love & So Much More“ von Janet Mock (hier findet ihr eine Paneldiskussion mit Schwarzen Künstler_innen und Aktivist_innen inklusive Janet Mock und bell hooks zu Rassismus, Feminismus, Ökonomie …); der ebenfalls bereits rezensierte Sammelband „Begegnungen auf der Trans*fläche“, mit 76 Zeichnungen und Kurzgeschichten aus einem transnormalen Alltag; oder der sehr umfangreiche und thematisch breite Informationsband „Trans Bodies, Trans Selves. A Resource for the Transgender Community von und für Trans-Personen.

Im frischen neuen Jahr 2015 wird das autobiografische Buch Goodbye Gender (Vorschau) der kanadischen Trans-Künstler_innen Rae Spoon und Ivan E. Coyote erscheinen. Im Moment ist Rae Spoon übrigens auf Europatournee und performt dabei auch in verschiedenen Städten der BRD (Website von Rae Spoon mit Tourdaten).




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 29. Januar 2015 um 9:00 Uhr unter Körper, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. yori sagt:

    vielen dank erstmal für die rezension.

    allerdings würde ich mir eine andere wortung bezüglich trans(*)(gender/sexuellen)-spezifischen inhaltes wünschen.
    die bezeichnungen „trans-roman“, bzw. „trans-bücher“ finde ich eher daneben. bücher mit z.b.-cis-spezifischen inhalten werden ja auch eher selten bis gar nicht als „cis-bücher“ bezeichnet. das nur als beispiel.
    andere vorschläge, die meines empfindens weitaus weniger andernd/exotisierend wären z.b. formulierungen wie: „bücher mit trans(*)(gender/sexuellen) protagonist_innen“, „bücher, die unterschiedliche lebenswelten von trans(*)(gender/sexuellen) menschen thematisieren“ oder einfach „bücher“.

  2. Magda sagt:

    hey yori,

    danke für deinen kommentar!

    ich habe eine deine formulierungen übernommen, ich hoffe, das ist so in ordnung :)

    liebe grüße
    magda

  3. Julia sagt:

    Hi Yori,

    danke dir!

    Nur zur Erklärung: Ich (Cis-Lesbe) schreibe auch immer „Lesbenbücher“ und „Lesbenromane“ – mir geht es dabei um eine affirmative Begriffsverwendung und darum, diese Bücher und damit Lesben sichtbar zu machen. Auf die Existenz von Hetero-Büchern muss ich ja nicht extra hinweisen … ;-)

    Aber das alles kann in Zusammenhang mit dem Begriff „Trans“ natürlich anders „funktionieren“ und wahrgenommen werden – und das ist nicht an mir zu entscheiden.

    Danke dir also für den Hinweis!