Lasst die Spiele beginnen

von Charlott

Heute Abend wird die Eröffnungsfeier in London die 30. Olympischen Sommer­spiele einläuten.  Dieses Mal werden zum ersten Mal alle teil­nehmenden Länder weibliche und männliche Athlet_innen entsenden. Noch vor zwei Wochen sah es so aus, als würde Saudi-Arabien keine Athletin finden, die sich qualifiziert. Nun werden aber 800-Meter-Läuferin Sarah Attar und Judoka Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shahrkhani antreten. Ebenfalls neu: Für Frauen ist erstmals Boxen olympisch.

Dass wir uns über diese Dinge im Jahr 2012 freuen sollen/müssen, macht aber auch deutlich, dass gerade eine Veranstaltung wie die olympischen Spiele und alles, was darum passiert, in sexistischen (und anderen *istischen) Strukturen stecken. Es fängt natürlich an mit der vehementen Tei­lung in Frauen- und Männerwettbewerbe und die damit immer stattfindende Zu- und Einteilung der Athlet_innen in diese.

Dass weibliche Athletinnen darüberhinaus auch immer an anderen Maßstäben gemessen werden, erfuhr die australische Schwimmerin Leisel Jones. Eine Zeitung hatte online dazu aufgerufen, darüber abzustimmen, ob ihr Körper denn olympia-angemessen (also schlank genug) sei. Glücklicherweise gab es daraufhin einen Aufschrei, was das denn solle. Und auch scheinen sportliche Leistungen oft im Hintergrund zustehen, so mussten die japanische Fuß­baller­innen (die aktuell Weltmeisterinnen sind) in der Economy Class fliegen, die Männer aber flogen Business Class. Auch in anderen Teams gibt es solche Unterscheidungen nach Geschlecht.

Abgerundet wird das ganze durch sexistische Werbungen, die die Spiele begleiten und auch zum Verfestigen von Stereotypen beitragen. Das US-amerikanische Bitch Magazine hat einige davon zusammengetragen. So gab es bei den Qualifizierungsturnieren für die olympischen Spiele QR-Codes, die auf den Bikini-Hosen der Beachvolley-Ballerinnen angebracht wurden als Werbegag. Für die Spiele an sich wurden sie verbannt, aber Bitch schrieb ganz richtig: „Der Schaden ist angerichtet.“ In einem anderen Werbespot wird die Hingebung der Mütter der Olympionik_inn_en „zelebriert“. Selbst­ver­ständlich wird das Bild aufrechterhalten, dass Frauen eben Re­pro­duktions­arbeit leisten und gerne für ihre Kinder Druck und Leid ertragen. Das auch Olympionikinnen Mütter sein könnten wird schonmal ganz unsichtbar gemacht.

Aber es treten Mütter an. Und überhaupt Frauen mit unterschiedlichsten Hintergründen. Für viele von ihnen werden diese Spiele ein wichtiger Punkt in ihrer Sportlerinnen-Karriere sein und die Möglichkeit vor großem Publikum anzutreten und ihre beeindruckenden Leistungen zu präsentieren.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 27. Juli 2012 um 13:00 Uhr unter Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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8 Kommentare

  1. Johannes sagt:

    Hrm. „Es fängt natürlich an mit der vehementen Tei­lung in Frauen- und Männerwettbewerbe und die damit immer stattfindende Zu- und Einteilung der Athlet_innen in diese.“ – fändest Du es sinnvoller, die Wettbewerbe z.B. beim Boxen oder Radrennen zusammenzuwerfen, bzw. wäre Athletinnen damit gedient? Beim Reiten, Bogenschießen usw., wo koordinative Fähigkeiten dominieren, finden die Wettbewerbe zusammen statt, aber Ausdauerwettkämpfe sind sozusagen die Inkarnation des Biologismus – 1-2% höhere maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit oder ein paar Myofibrillen mehr entscheiden in der Weltspitze über Sieg oder „ferner liefen“ und die Trainierbarkeit hat genetische Grenzen. Dieser genetische Faktor ist im Breitensport ziemlich wurscht, weil er durch bessere Technik, Taktik, mehr Trainingsstunden, bessere Trainingsplanung ausgeglichen werden kann, aber im Spitzensport sind all diese beeinflussbaren Faktoren bei allen Athlet_Innen optimiert und was bleibt, sind im Wesentlichen – Biologismen. Da würde das Zusammenlegen vermutlich bedeuten, dass die ohnehin um Geld und Sponsoren kämpfenden Frauen ihre Spitzenplatzierungen verlören und noch weniger Aufmerksamkeit bekämen.

    Ich bin der Meinung, dass Geschlechts“zuordnungen“ nach Pass bzw Selbstidentifikation erfolgen sollten und nicht nach irgendwelchen willkürlichen Kriterien, das habe ich in den Kommentaren im entsprechenden Beitrag auch geäußert – und die Behandlung als zweitklassig (Flug, Geld, Aufmerksamkeit, Wettkampfdauer, …) ist ein dickes gesellschaftliches Problem. Aber gemeinsame Wettkämpfe in allen Disziplinen halte ich nicht für ne gute Idee, Charlott. Hast Du konkrete Ideen dazu?

    Danke für die Zusammenstellung!

  2. Ariane sagt:

    Ich sehe es ähnlich wie Johannes. Geschlechtseinordnung nach Pass und Selbstidentifikation und ansonsten gleiche Behandlung beider Sportarten, aber gegen eine Zusammenlegung von Männern und Frauen wäre ich in den meisten Sportarten auch.
    Ich hab nach dem letzten Olympiaartikel mal ein paar Finalzeiten in der Leichtathletik gibt es einfach in diesen Bereichen des Spitzensports Leistungsunterschiede. Würden diese Wettbewerbe zusammengelegt, hätte man wahrscheinlich zwangsläufig das Problem, dass viele Frauen schon an der Qualifikation scheitern würden und in den ersten Vorrunden hängen bleiben würden. Damit wäre ja auch niemandem gedient. Ich sehe hier auch keine andere Möglichkeit, eine Gleichbehandlung durchzusetzen.

  3. Elaria sagt:

    Die Sterotype machen ( gerade) vor Olympia nicht halt. Habe gestern den Einlauf der deutschen SprotlerInnnen gehen. Die Herren in babyblau und die Damen in rosa! Nebenbei auch furchtbar einfallslos.

  4. Ariane sagt:

    Ja die deutschen Outfits waren wirklich grausam.
    Dafür ist mir beim Showteil wirklich positiv aufgefallen, wie integrativ alles angelegt war. Die Hymne durfte ja dieser Kinderchor singen mit gesunden Menschen, gehörlosen und Menschen mit anderen Behinderungen. Aber schöner fand ichs sogar, dass zb in einigen Tanzszenen ganz beiläufig Menschen mit Behinderungen eingebunden waren (zb eine Rollstuhlfahrerin auf der Diskotanzfläche) Und eine kurze Sequenz bei den Kussszenen war auch mit einem lesbischen Paar. Gerade bei so einem Event, das vermutlich auch in den restriktivisten Ländern live ausgestrahlt wird, fand ich das klasse :)

  5. Johannes sagt:

    @Ariane: Zustimmung. Wenn die Tories ausfällig werden, müssen die Organisator_innen was richtig gemacht haben. ;)

    http://www.guardian.co.uk/politics/2012/jul/28/olympics-opening-ceremony-multicultural-crap-tory-mp

  6. Angelika sagt:

    „Aber es treten Mütter an.“ was mir auffiel : die wurden vom dt. kommentar z.t. auch erwähnt, wenn’s die flaggenträgerin war („35 jahre alt und 3fache mutter) – und wieso wurde das dann im falle von vätern n i c h t erwähnt ?

    gerade habe ich „pregnant athlete at olympic games“ und dann „schwangere athleten olympiade“ gegugelt.
    bei meiner dt. suche kommt als erstes lediglich links zur SZ „Exotische Athleten in London : Hochschwanger, einhändig und halbblind“.
    d a s ist für mich jenseits von worten und deshalb verlinke ich das auch nicht – der titel sagts ja bereits.

    ansonsten sind (nicht nur meiner anaylyse nach) kyriarchische strukturen weiterhin im leistungs-/sport fest verankert, sichtbar und werden weiterhin reproduziert.

    @Elaria : // die bekleidung des dt. teams in blau und pink und bitte nicht übersehbar : mit den farblich passenden schuhen dazu ! // (mir ist übel wenn ich sowas sehe)

    andere teams traten in mix-und-match kombis auf; spontan erinnere ich mich an Venezuela, Yemen, Niederlande.

  7. Vicky Amesti sagt:

    Ich pflichte Johannes und Ariane bei, was die Mischung in allen Disziplinen angeht und die Möglichkeit, nach Selbstidentifikation zu wählen.

    Beim Einlauf des deutschen Teams konnte ich kaum hinsehen. Es ist einfach furchtbar. Klar, furchtbar einfallslos. Und man muss ja immerhin davon ausgehen, dass Menschen auch noch Geld dafür bekommen haben, das Outfit in der Form zu entwerfen. Und Menschen ihr OK dazu gegeben haben. Aber es ist so unnötig, überhaupt die Outfits nach Geschlecht zu ordnen und dann auch noch in eben diesen im Geschlechterkontext eindeutigen Farben. Die Hölle.

  8. Angelika sagt:

    @Vicky Amesti : „Aber es ist so unnötig, überhaupt die Outfits nach Geschlecht zu ordnen“ – tja, das meinst du, das meine ich und eine, so von mir wahrgenommene, minderheit. aber ebend nicht „die mehrheit“ (und die, die z.b. solche outfits entscheiden) die ja weiterhin interesse/n daran hat, stereotypen u.a. weiter zu re-produzieren.

    (sofern ich das bei dem gezeigten sehe konnte, gabs ein team, bei dem alle bermuda-shorts trugen – auch eine möglichkeit, wenns um vermeiden von sog. rock/hose geht).

    „diesen im Geschlechterkontext eindeutigen Farben.“
    blau/pink und deren zuordnung zu gender/geschlecht hat jedoch eine vergleichsweise kurze (neuzeitliche, kapitalistische) geschichte.
    (maedchenmannschaft hat dazu diverses hier.
    vgl. auch – englisch :
    http://www.smithsonianmag.com/arts-culture/When-Did-Girls-Start-Wearing-Pink.html?c=y&page=1