Krisenbewältigung nicht zulasten der Frauen

von Franziska

Im Europäischen Parlament wird zurzeit ein Bericht des spanischen Grünen-Abgeordneten Raül Romeva zu den geschlechtsspezifischen Aspekten der Rezession und Finanzkrise diskutiert. Raül Romeva macht in seinem Bericht darauf aufmerksam, dass, obwohl die Krise besonders nachteilige Auswirkungen auf Frauen hat, das Hauptaugenmerk der Krisenbewältigung und somit auch die finanzielle Unterstützung auf männerdominierten Branchen wie der Bau- und der Automobilindustrie liegt.

Der Grünen-Abgeordnete fordert in seinem Bericht unter anderem, dass die derzeitige Krise als Chance genutzt wird, das von der EU gesetzte Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verankern. So sollten die Mitgliedstaaten dem norwegischen Beispiel mit einer AG-Vorstandsquote von 40 Prozent Frauen folgen. Außerdem sollte in den Strukturfonds der EU (Europäische Sozialfonds und Europäische Fonds für regionale Entwicklung) Finanzreserven für Maßnahmen zur Chancengleichheit bereit gestellt werden.
Romeva verlangt ferner, dass ein Gleichstellungskapitel in die „EU 2020“-Strategie eingebaut wird und die geplanten und teils schon durchgeführten Kürzungen in öffentlichen Haushalten nicht zulasten der Frauen und deren Berufstätigkeit gehen dürfen. Das passiert zum Beispiel, , indem Betreuungseinrichtungen geschlossen werden und dadurch die Betreuung auf die Frauen (zurück) verlagert wird.
In eine neue Finanz- und Wirtschaftsarchitektur gehöre eine Gleichstellungsperspektive und -politik eingebunden, um zu gewährleisten, dass Konjunkturprogramme und Strukturanpassungsprogramme einer geschlechtsspezifischen Folgenabschätzung unterzogen werden und eine Gleichstellungsperspektive beinhalten. So müsse auch in allen Politikbereichen die Veranschlagung von Haushaltsmitteln für Gleichstellungsfragen obligatorisch sein. Im Gegenzug sollten Regression und finanzielle Einsparungen keine nachteiligen Auswirkungen auf die Politik und das Funktionieren der Strukturen zur Gleichstellung von Frauen und Männern haben.

Raül Romevas Bericht ist zwar „nur“ ein Initiativbericht, das heißt, aus ihm resultiert direkt keine Gesetzgebung, aber dennoch gibt er die Richtung für wichtige Maßnahmen vor, die zur Gleichstellung der Geschlechter nötig sind. Wenn auch nur einige seiner Forderungen verwirklicht werden, zum Beispiel die Veranschlagung von Haushaltsmitteln für Gleichstellungsfragen in allen Politikbereichen, kommen wir der Gleichstellung ein ganzes Stück näher.

Aber es ist nicht einmal sicher, dass diese Forderungen durchkommen. Romevas Forderungen wurden von den Abgeordneten der konservativen Fraktion (Europäische Volkspartei/EVP) scharf angegriffen; der Bericht bestehe aus Behauptungen und Thesen, die unbegründet seien. Raül Romeva suche die Löcher im Käse, so Astrid Lulling, eine luxemburgische EVP-Abgeordnete. Die EVP-Abgeordneten, unter ihnen auch die deutsche CDU-Abgeordnete Christa Klass, beantragen – statt inhaltlicher Änderungen – die Streichung der meisten Forderungen aus Romevas Bericht und praktizieren somit eine neue Blockade-Politik im Frauenrechtsausschuss des Parlaments (FEMM).

Auch wenn klar ist, dass einige der Forderungen – etwa die ausgewogene Präsenz von Frauen und Männern in Entscheidungspositionen – nicht in den nächsten Monaten erreicht werden können, werden wir uns weiter dafür einsetzen. Denn nur wer für etwas kämpft, kann auch etwas erreichen!




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 22. April 2010 um 13:27 Uhr unter Ökonomie, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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15 Kommentare

  1. M.S. sagt:

    Warum soll sowas erreicht werden?

  2. Verena sagt:

    @ M.S. – äh, aus dem selben Grund, aus dem wir hier bloggen: Gleichberechtigung von Frauen und Männern…

  3. stepe sagt:

    „Raül Romeva macht in seinem Bericht darauf aufmerksam, dass, obwohl die Krise besonders nachteilige Auswirkungen auf Frauen hat, das Hauptaugenmerk der Krisenbewältigung und somit auch die finanzielle Unterstützung auf männerdominierten Branchen wie der Bau- und der Automobilindustrie liegt.“

    Wieder und wieder hat man gelesen und gehört, das besonders Männerbranchen in der Industrie und dem Transport von der Krise besonders stark betroffen sind, es wurden und werden deutlich mehr Arbeitsplätze von Männern als von Frauen abgebaut.

    Wie kommt nun Herr Romeva auf den Gedanken, das die Krise besonders nachteilige Auswirkungen auf Frauen hat?

  4. stepe sagt:

    Wird mein Kommentar noch freigeschaltet?

    Ich probier es nochmal, etwas gekürzt und entschärft:

    Meine im vorherigen Post gestellte Frage beantwortet Herr Romeva in seinem Bericht u.a. wie folgt:

    “in der Erwägung, dass Untersuchungen gezeigt haben, dass sich Gewalt gegen Frauen verschlimmert, wenn Männer infolge der Wirtschaftskrise mit Entlassungen und Eigentumsverlusten konfrontiert sind; in der Erwägung, dass wirtschaftlicher Druck oft zu häufigeren, brutaleren und gefährlicheren Misshandlungen führt,”

    Nochmal:
    Frauen sind also besonders von der Krise betroffen, weil Männer(!) mit Entlassungen und Eigentumsverlust konfrontiert sind und deshalb zu brutalen Mißhandlern werden (laut Herrn Romeva).

    Was soll man dazu sagen?

  5. Anna sagt:

    stepe, nein, der andere Kommentar wird nicht freigeschaltet. Aber du kannst es ja auch so, wie ich sehe. Bitte bleibe dabei.

  6. Piratenweib sagt:

    Auch wenn klar ist, dass einige der Forderungen – etwa die ausgewogene Präsenz von Frauen und Männern in Entscheidungspositionen – nicht in den nächsten Monaten erreicht werden können, werden wir uns weiter dafür einsetzen. Denn nur wer für etwas kämpft, kann auch etwas erreichen!

    Oh ja! Auch wenn es Rückschläge gibt, müssen wir die Öffentlichkeit informieren und weiter für eine wirkliche Gleichstellung aller Geschlechter eintreten. Nicht resignieren, niemals.
    Wann wird es endlich mal Konsens, dass die Unterdrückung von Frauen und Minderheiten, stets auch die Unterdrücker in ein Korsett zwingt? Warum sollten nicht alle dafür eintreten, die Zwangsjacken endlich abzulegen und wirklich gleich und frei zu sein? Das muss kein Traum bleiben.

  7. stepe sagt:

    @Piratenweib

    Ich sags ja nicht gern, aber Freiheit und Gleichheit (zumindest Ergebnisgleichheit) schließen sich meiner Meinung nach aus. Je freier, desto „ungleicher“ wird eine Gesellschaft. Da muß man sich entscheiden oder einen vernünftigen Mittelweg finden.

  8. @stepe
    weshalb meinst du, dass freiheit und gleichheit sich ausschließen?
    was verstehst du denn unter „freiheit“?

  9. stepe sagt:

    @verena

    Freiheit bedeutet für mich in erster Linie eine möglichst gernge Einmischung des Staates in das Leben seiner Bürger, also im extremen Fall eine Gesellschaft völlig ohne „Staat“.

    Gesellschaften, die sich „Gleichheit“ als oberstes Ziel auf ihre Fahnen geschrieben haben, also in erster Linie sozialistische Gesellschaften, haben dies mit einem Verzicht auf Freiheit bezahlt.

    Auch bei uns bedeutet Gleichheit (Gleichstellung) einen Verzicht auf Freiheit, indem man z. Bsp. Quotenregelungen oder Anti-Diskriminierungsgesetze erlässt, die die persönliche Freiheit eines jeden einschränkt. Diese Freiheit beinhaltet auch, andere zu diskriminieren, wenn diese anderen einem selbst nicht gefallen.
    Ob das nun gut oder schlecht ist, will ich hier nicht beurteilen.

    Inwieweit dieser Verzicht auf Staat einer Gesellschaft guttut, kann ich so pauschal nicht sagen. Die Amerikaner haben da z.Bsp. andere Vorstellungen als wir Europäer, die Chinesen sehen das dann komplett anders.

    Aber eine sehr große „Gleichheit“ aller Menschen bei gleichzeitiger möglichst großer „Freiheit“ halte ich persönlich einfach nicht für umsetzbar.

    Was verstehst Du eigentlich unter „Gleichheit“, verena elisabeth?

  10. Nadine sagt:

    @stepe:

    Quotenregelungen und Antidiskriminierungsgesetze mögen vielleicht die Freiheit von Menschen einschränken, die gern diskriminieren bzw. sich für eine Diskriminierungskultur stark machen, vergrößern aber die Freiheit von Diskriminierten bzw. benachteiligten Gruppen. Ich kann gut damit leben, wenn die Freiheit derer durch normative Bestimmungen eingeschränkt ist, die auf Freiheit und Gleichheit anderer pfeifen, solange ich mich gleichberechtigt fühlen und das auch leben kann. Das ist Freiheit.

  11. Red Riding Hood sagt:

    @stepe: sozialistische gesellschaften hatten sich „kollektivismus“ auf die fahne geschrieben. das hat rein gar nichts mit der kommunistischen idee einer egalitären gesellschaft zu tun, die ja gerade für die berückstichtigung individueller fähigkeiten stehen soll. frei können menschen nur dann sein, wenn sie trotz ihrer unterschiede als gleichwertig(!) gelten.

  12. @stepe
    bezüglich „gleichheit“ in bezug auf diesen blog zitiere ich die andere verena: „Gleichberechtigung von Frauen und Männern“. das meint: chancengleichheit. geschlechter-gerechtigkeit.
    bezüglich „freiheit“ schließe ich mich dem post von nadine an.

  13. Marcie sagt:

    Was denn jetzt?
    Gleichheit, Gleichberechtigung oder Gleichstellung?
    Da gibt’s Unterschiede.

  14. Piratenweib sagt:

    In egalitären Gesellschaften lebt es sich besser. Je mehr Gleichheit, desto mehr Zufriedenheit und Gesundheit. Das wurde bereits wissenschaftlich ermittelt. Ich empfehle die Lektüre von Wilkinson/Pickett „Gleichheit ist Glück“. Hier ist eine Rezension der FAZ (sorry für den langen Link): http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E2E5BBA6046D345D4AAA1D01481545212~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  15. Anna sagt:

    Hallo zusammen,
    auch bei diesem Text gilt: Bitte _nicht_ auf Beiträge reagieren, die offensichtliche Netiquetteverstöße darstellen.
    Danke und Gruß.