Konsens – Basis jeder Form von Beziehung?

von Nadine

Ich gehöre ehrlicherweise nicht zu den Menschen, die sich viele Gedanken um Konsens machen. Ich verstehe Konsens breiter als nur bezogen auf Sex_ualität, körperliche Nähe. In meinen Beziehungen habe ich oft die Grenzen anderer überschritten, konnte oft eigene nicht (gut) wahrnehmen, artikulieren und wahren, wurden meine Grenzen überschritten. Auch heute passiert mir das noch (wenn auch sehr viel seltener als früher). Mit dem Unterschied, dass Gespräche und Auseinandersetzungen darüber meistens möglich sind. Ich glaube nicht daran, dass Grenzüberschreitungen komplett aus Beziehungen verbannt werden können.

Leah hat für unser gemeinsames Buch einen Text über Beziehungen verfasst. Sie schreibt darin:

„für mich ist die basis jeder beziehung konsens. und das will gelernt werden, denn konsens ist nicht teil mehrheitsgesellschaftlicher vorstellungen von der ausgestaltung von kommunikation. […] welche machtverhältnisse und hierarchien strukturieren unsere […]beziehung_en? welche dynamiken entstehen daraus? wie können wir gemeinsam damit umgehen? wie wollen wir kommunizieren? wie kommen wir dahin, so miteinander kommunizieren zu können, wie wir es gerne wollen?“

Ergänzen möchte ich hier, dass Leah und ich eine breite Definition von Beziehungen haben, also nicht nur Liebes/romantische Beziehungen meinen, sondern auch die zu Freund_innen oder genereller formuliert: Menschen, die Teil unseres Lebens sind und auf die wir uns in unserem Alltag und in unserem Handeln immer wieder beziehen. Sei es referierend (im Sinne von: to refer to sb.), in der Interaktion und Austausch miteinander, durch Impulse, Ideen, Gedanken, oder oder… Also Menschen, die immer wieder „mitlaufen“ im eigenen Handeln, ohne in der jeweiligen Situation physisch anwesend sein zu müssen und auch erstmal ungeachtet dessen, welche „interne“ miteinander geteilte Position sie für mich innehaben (bspw. Partner_in, Freund_in, politische Verbündete, etc.) und wieviel und welche Form der Nähe ich mit ihnen teile. Menschen, zu denen wir uns in Beziehung setzen und mit denen wir zueinander in Beziehung stehen.

Leahs Fragen sind für die Ausgestaltung meiner Beziehungen fundamental. Sie eröffnen Raum für das Nachdenken über Konsens. Ein Konsens, der mehr umfasst als das „Vermeiden“ oder den Umgang mit (sexualisierten, emotionalen, verbalen, physischen) Grenzüberschreitungen, Übergriffen und Gewalt innerhalb von Beziehungen. Trotzdem habe ich gemerkt, dass diese Fragen für mich kein bzw. selten ein „Thema“ sind, das ich am Anfang und während und innerhalb einer Beziehung immer wieder auf die Agenda setze. Kein „Thema“, über das ich zunächst mit der Person gesprochen haben muss, um mich „danach“ auf sie und Nähe einlassen zu können.

Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist bei mir und warum ich so selten über Konsens nachdenke, Texte dazu lese und so wenig innerhalb meiner Beziehungen Konsens von mir aus thematisiere. Gerade auch vor dem Hintergrund sexualisierte Übergriffe und emotionale Gewalt im herkunftsfamiliären Kontext erlebt und eine mehrjährige Beziehung mit einer (an mir) gewaltausübenden Person geführt zu haben. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass ich selbst diejenige war und sein kann, die die Grenzen von anderen innerhalb von Beziehungen verletzt.

Eine mögliche Antwort liegt für mich darin, wie und mit wem ich Beziehungen mittlerweile eingehe. Im Kontakt stellt sich für mich sehr schnell heraus, ob eine Beziehung zu einer Person möglich ist oder nicht. Ich kann nicht genau sagen, woran ich das festmache. Es ist mehr ein Spüren, intuitiv geleitet, geprägt durch meine Erfahrungen mit Menschen, meine politischen Perspektiven und meine Haltungen zu Selbst_Verantwortung und Verantwortungsübernahme. Meine Bewegungen in diesem Kontakt und meine Gedanken auf Welt finden in und mit der anderen Person sehr viel Resonanz, bilden eine Fläche von gegenseitigen Spiegelungen, ohne darauf zu verzichten sich gegenseitig herauszufordern, ohne Differenzen zu leugnen und mit dem Zulassen von Widersprüchen.

Kürzlich tauchte folgender Gedanke und Definitionsversuch von Konsens in meinen Kopf auf, den ich eigentlich schon sehr lange mit mir führe, ohne ihn je konkret gew_ortet zu haben. Ich glaube, es ist auch ein Grund, warum ich Konsens so selten (für mich) zum Thema mache. Es ist meine Basis, auf der ich Beziehungen eingehe und führe und die ich in meinen Beziehungen mit und durch andere immer wieder als bestätigt wahrnehme. Der Defintionsversuch tauchte zunächst in englischer Sprache auf, weil es wahrscheinlich sprachlich besser fassen konnte, was ich unter Konsens verstehe. Ich versuche mich darunter an einer Übersetzung, die deshalb nicht exakt wortwörtlich, sondern eher sinngemäß ist.

I think consent is neither a status nor a process alone. For me it is creating a space, in which our wishes and desires can be truly articulated, and our emotions and feelings encounter curiosity, affection and empathy. In which assumptions are replaced by understanding. In which we don’t have to know everything, with and without generating insecurity and fear in ourselves and in others. In which we can stand still and move on, hesitate and question (each other) again and again. In which violation and failure are seen as ‚part of‘ instead of constructing it as ‚happening outside‘. In which the effects, consequences and wounds they might re/create are treated with the biggest amount of self/responsibility we are able to bear. Because we can trust in how we relate to each other as persons.

Ich denke, dass Konsens weder ein Status noch ein Prozess allein ist. Für mich bedeutet Konsens, einen Raum zu schaffen, in dem unsere Wünsche und Sehnsüchte aufrichtig und ehrlich artikuliert werden können, und unsere Emotionen und Gefühle auf Neugier, Zuneigung/Zugewandtheit und Empathie treffen. In dem Verständnis/Verstehen Vorannahmen ersetzen. In dem wir nicht alles wissen müssen, mit und ohne Unsicherheit und Angst zu generieren; in uns selbst und in anderen. In dem wir stehenbleiben/anhalten und uns (fort/weiter) bewegen, zögern und (uns gegenseitig) immer wieder (in) frage(n) (stellen)/herausfordern fordern können. In dem Verletzung/Grenzüberschreitung und Scheitern als „Teil von“ gesehen werden kann, anstatt sie als etwas zu konstruieren, das außerhalb stattfindet. In dem Effekte/Auswirkungen, Konsequenzen und Verletzungen/Wunden, die sie möglicherweise (erneut) hervorrufen/wieder aufreißen/triggern/schaffen, mit dem größten Maß an Selbst/Verantwortung begegnet wird, was wir aufbringen können. Weil wir Vertrauen darin haben, wie wir uns aufeinander als Personen beziehen/zueinander in Beziehung stehen.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 19. November 2013 um 8:50 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Pepper sagt:

    Danke für diesen großartigen Beitrag. Du fasst damit in Worte, was ich selbst fühle, ohne es je konkret formuliert zu haben.

  2. Laura sagt:

    Kann mich Pepper nur anschließen, ganz genauso ging es mir auch beim Lesen. Ganz viele Aha-Erlebnisse und immer wieder dieses „ja, _genau_ das!“-Gefühl. Danke!