Kita-Kritik braucht Geschlechter-Kritik

von Lisa

Nicht alle Krippen sind super – und nicht alle Kinder gehen gern in die Kita, mögen ihre Erzieher_in oder lassen sich innerhalb der vorgesehenen Zeit eingewöhnen. In vielen Kitas ist der Betreuungsschlüssel zu groß, oft fehlen Erzieher_innen – nicht zuletzt weil diese ausgesprochen schlecht bezahlt werden. Beim Kita-ausbau wird vielmals Qualität zugunsten von Quantität vernachlässigt. Eine Kritik am derzeitigen System von Kitas und Krippen, wie sie etwa in der taz zu lesen war, ist also mitunter durchaus gerechtfertigt. Das Problem ist allerdings, dass diese Kritik schnell in eine reaktionäre Richtung geht. Auch wenn sich die meisten Texte oberflächlich aufgeklärt geben, schwingt in vielen implizit trotzdem die Idee des ‚früher-war-alles-besser‘ und das Ideal der Hausfrau & Mutter als einzigem Garant frühkindlichen Wohlbefindens mit. Ein Beispiel dafür ist ein Interview mit dem bekannten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul in der Zeit (dessen Erziehungsratschläge meiner Meinung nach sowieso auf Gemeinplätze hinauslaufen).

Hier findet sich ein typisches Argumentationsmuster konservativer Kita-Kritik: Offiziell zielt sie auf die Qualität von Krippen und Kitas, also auf Dinge wie den Betreuungsschlüssel, pädagogische Konzepte und die Ausbildung von Erzieher_innen. Inoffiziell geht es in den Texten aber meist nicht um den Vergleich von guten versus schlechten Kitas –  der eigentliche Maßstab bleibt weiterhin die Betreuung der Kinder zuhause in der Familie. Beispielsweise fordert Juul eine Langzeitstudie, die zwischen Kindern in Kita- und Familienbetreuung vergleicht (und nicht etwa zwischen verschiedenen Kita-Konzepten). Als sein vermeintlich progressives Vorbild nennt „eine kleine Bewegung von Eltern, die sagen: Wir wollen ein Recht darauf haben, unsere Kinder von der Geburt bis zur Einschulung selber zu erziehen“ (und nicht etwa eine Bewegung von Eltern, die sich für einen kleineren Betreuungsschlüssel in ihrer Kita einsetzen).

Problematisch ist zudem, dass die Kita-Probleme oft als Folge der privaten Entscheidung von Eltern erscheinen: Diesen Eltern kümmerten sich eben zu wenig um die spezifischen Bedürfnisse ihres Kindes, ihre  ‚Karriere‘ sei ihnen wohl wichtiger, sie  liessen sich zu sehr vom heutigen Leistungsdruck stressen und interessierten sich auch noch viel zu wenig für das pädagogische Konzept der jeweiligen Kita. Dadurch werden gesellschaftliche Probleme individualisiert. Denn der größere politische Zusammenhang wird ausgelassen oder nur gestreift. Dass Faktoren wie sinkende Löhne, der Abbau von Sozialsystemen, einkommensabhängiges Elterngeld und das Ideal der Vollzeit-Arbeit vielen Eltern wenig Raum für Entscheidung oder Zeit für Kita-Konzept-Diskussionen lassen, bleibt außen vor.

Vor allem aber fehlt in vielen Anti-Kita-Polemiken auffallend häufig die Dimension von Geschlecht – oder wird allenfalls in einem Nebensatz kurz angeschnitten. Vordergründig beschreiben die Texte neutral beide ‚Eltern‘ und unterschlagen so, dass ein zentraler Teil des Problems vor allem geschlechtspezifische Ungleichbehandlung betrifft. Denn zum einen ist die scheinbar kindgerechtere Vergangenheit, die beschworen wird, eng mit dem traditionellen Mutterideal verbunden. Zum anderen haben genderpolitische Aspekte entscheidenden Einfluss sowohl auf die Betreuung Zuhause als auch in der Kita. Strukturelle Faktoren wie der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen und das Ehegattensplitting bewirken, dass es in heterosexuellen Paaren meist die Frau ist, die den Großteil der Erziehungsarbeit übernimmt. Somit ist es in der Realität vor allem die Mutter, der die kritisierte ‚Entscheidung‘ zur Kita angelastet wird. Zudem spielt die Dimension von Geschlecht eine entscheidende Rolle bei der Quanität und Qualität von Kita-Betreuung. Schließlich gilt Erzieher_in nach wie vor als sogenannter ‚Frauenberuf‘ – und solche Berufe zeichnen sich traditionell dadurch aus, dass viel altruistisches Geben erwartet wird, während die Bezahlung ausgesprochen schlecht ist. Eine informierte Kita-Kritik schließt also immer auch eine Kritik der hegemonialen Geschlechterordnung ein.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 14. Juni 2013 um 12:00 Uhr unter Familien_politik, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Miria sagt:

    Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, verschiedene Kita-Modelle und das Modell, dass ein Kind Zuhause erzogen wird miteinander zu vergleichen. Vielleicht gibt es ja auch etwas, was Zuhause besonders gut funktioniert und bei Kitas noch zu wenig bedacht wurde, wodurch dann eben wieder Kitas profitieren könnten.

  2. jana freudling sagt:

    Hey,
    guter Artikel.
    Nur eine Nachfrage, ich glaub ich versteh den ersten Teil vom letzten Absatz nicht so richtig. Also dass mit den Erzieherinnen schon, das mit den Eltern nicht. Finds aber voll spannend, kannst du das vielleicht nochmal n bisschen anders bzw. ausführlicher erklären was du meinst?

    Vor allem das hier, ich glaub ich versteh was hier steht, aber krieg irgendwie den Zusammenhang nicht hin….
    :
    „Zum anderen haben genderpolitische Aspekte entscheidenden Einfluss sowohl auf die Betreuung Zuhause als auch in der Kita. Strukturelle Faktoren wie der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen und das Ehegattensplitting bewirken, dass es in heterosexuellen Paaren meist die Frau ist, die den Großteil der Erziehungsarbeit übernimmt. Somit ist es in der Realität vor allem die Mutter, der die kritisierte ‘Entscheidung’ zur Kita angelastet wird. “

    Danke

  3. Anna-Sarah sagt:

    @Miria: Ich glaube das ist in dieser Form ein schwieriger bis unmöglicher Vergleich, weil die unterschiedlichen „Zuhauses“ ja mindestens so verschieden sind wie KiTas. Aber die Idee, das verschiedene Betreuungsformen sozusagen von einander lernen, finde ich prinzipiell gut.

  4. Guckguck sagt:

    Danke für diesen Beitrag! Juul wird immer so hochgelobt, und genau aus dem von dir beschriebenen Grund nerven mich seine Aussagen. Ich konnte es bisher nur selbst nicht so gut auf den Punkt bringen.

    Interessanterweise bekomme ich immer gesagt, ich solle doch zu Hause bleiben, obwohl jeder weiß, dass mein Partner wesentlich weniger verdient als ich. Dass ER zu Hause bleiben soll, schlägt niemand vor!
    Geld ist bei dieser Argumentation nur ein Vorwand…

    Es wäre so wichtig, mehr über die Kriterien guter Krippenbetreuung zu hören, als über den Gegensatz Krippe – zu Hause.

  5. Cindy sagt:

    Schöner Beitrag.

    Schade, dieser westdeutsche Bias.
    Dieser „Früher war alles besser Vorwurf – als die Mutter noch zu Hause blieb“ funktioniert nur in einem Teil Deutschlands.