„Just go inside!“ – 2 Jahre nach dem Einsturz von Rana Plaza

von Charlott

Heute jährt sich zum zweiten Mal der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesh. In der Fabrik produzierten Menschen Kleidung für Marken wie Benetton, Mango, C&A, Kik und Primark. Es starben 1,134 Menschen. Viele mehr wurden schwer verletzt. Tote und Verletzte, die es nie hätte geben dürfen. Die Arbeiter_innen wurden bereits am Vortag nach Hause geschickt, nachdem einigen von ihnen Risse in den Wänden aufgefallen waren und bereits Beton auf sie nieder rieselte. Rana Plazas Baustruktur war an sich sehr schwach, mehrere illegale Etagen waren aufgesetzt. Generatoren, die bei Stromausfall einsprangen, um keinen Produktionsausfall zu haben, zerrütteten durch die Vibrationen das Gebäude weiter. Doch am nächsten Tag sollten die Arbeiter_innen wiederkehren – ansonsten würde ihnen ihr Monatsgehalt nicht gezahlt. In dem Buch „Women in Clothes“ berichtet Reba Sikder, eine der Textilarbeiter_innen, in einem Interview über den 24. April 2013:

The next morning [on the 24th] when I came, I saw that many of my coworkers are standing outside the building and everybody is in fear – wether they should go inside or not. I was standing with them outside, too, and then some of them were going inside and then our middle management, they started screaming at us, yelling, „Just go inside! Why are you standing here? You have to go inside.“ One of our production managers was slapping female workers -Go inside- and they are threating us that if we don’t go inside, we will lose our job and they will not pay our salary. And then we went inside, and I saw that nobody even started work because people wer talking more … What is going to happen? There was a crack in the building. Then our general manager announced that everybody should go back to work because there is a rush for shipment – the buyer is putting pressure. He says we have to hit our production target, then we can go home. We start our work because, you kknow, they are shouting at us, and I think I worked twenty minutes and then the power was gone. And within two or three minutes they start the generator, and when they start the generator I hear this huge sound, like BOOM, and everything collapsing. My coworkers ran to the stairs and I was following them, and then I fall, and I’m stuck under a machine.

Reba Sikder verdiente in der Rana Plaza Fabrik 90 Dollar im Monat. Sie arbeitete dort von 8 Uhr morgens bis 10 uhr abends, sieben Tage die Woche. In dem Interview betonte sie, dass sie bisher keine finanzielle Entschädigung erhalten hat (und natürlich auch, dass diese nicht den Verlust ihrer Mitarbeiter_innen, die sie als Schwestern und Brüder benennt aufrgund des engen und vielen Zusammenarbeitens und das Trauma der gesamten Erfahrungen vergessen machen könnte). Bis heute hat der „Rana Plaza Donors Trust Fund“, der von der Internationalen Arbeiter_innen Organisation (ILO) eingerichtet wurde, nicht die 30 Millionen Dollar erhalten, die benötitgt würden, um alle Familien ansatzweise gerecht (Was ist hier schon Gerechtigkeit…) zu entschädigen. Die Clean Clothes Campaign führt eine Liste mit allen Firmen, die sich beteiligen sollten und zeigt, wer bishe zahlte und welche Summen. Arbeiter_innen haben außerdem in dieser Woche in Bangladesh bei Demonstration nochmals auf diesen Missstand hingewiesen.

Und Rana Plaza ist selbstverständlich kein kontextloser Einzelfall. Fabriken dieser Bauart gibt es weiterhin. Die Arbeitsbedingen vieler Arbeiter_innen in der Textilindustrie gleichen denen von Rana Plaza und die Sicherheit und körperliche Versehrtheit dieser wird tagtäglich weiter aufs Spiel gesetzt, in einem globalen Rennen um ‚billige‘ Produktionskosten und hohe Gewinnmargen.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 24. April 2015 um 9:00 Uhr unter Ökonomie, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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4 Kommentare

  1. Julia Stein sagt:

    Eine provisorische deutsche Übersetzung der Aussage von Reba Sikder, denn sonst ist der Artikel für nicht englischsprechende Menschen wertlos:

    „Am nächsten Morgen (am 24.4.) als ich kam, sah ich viele meiner Kolleg_innen vor dem Gebäude stehen und alle hatten Angst – ob sie hineingehen sollten oder nicht. Ich stand auch mit ihnen draußen, und dann gingen einige von ihnen hinein und unsere Vorgesetzten begannen uns anzuschreien; sie brüllten: „Geht einfach rein! Warum steht ihr hier? Ihr müsst reingehen.“
    Einer unserer Produktionsaufseher schlug weibliche Arbeiterinnen – Geht rein – uns sie drohten uns, wenn wir nicht reingehen würden, würden wir unseren Job verlieren und sie würden unseren Lohn nicht zahlen.
    Und dann gingen wir hinein und ich sah, dass noch niemand zu arbeiten begonnen hatte, weil die Leute immer noch redeten – Was wird passieren? Es gab einen Riss in dem Gebäude.
    Dann kündigte unser General Manager an, dass alle zurück an die Arbeit gehen sollen, weil die Waren dringend verschickt werden müssen – der Käufer macht Druck. Er sagt, wir müssen das Produktionsziel erreichen, dann können wir nach Hause gehen.
    Wir beginnen mit der Arbeit, denn, nunja, sie schreien uns an, und ich glaube, ich habe zwanzig Minuten gearbeitet, dann war der Strom weg. Und innerhalb von zwei oder drei Minuten starten sie den Generator, und als sie den Generator starten, höre ich dieses laute Geräusch, wie BOOM, und alles bricht zusammen.
    Meine Kolleg_innen rannten zu den Treppen und ich folgte ihnen, dann falle ich hin und bin unter einer Maschine eingeklemmt.“

  2. Lea sagt:

    Man kann und sollte den Opfern dieser Katastrophe helfen, auch sollte und kann solch ein Ereignis in Zukunft vermieden werden. Wenn jetzt aber alle diese Mindeststandards der Menschlichkeit eingehalten würden, was würde ein T-Shirt dann kosten? Das ist doch die Frage, die viele Leute sich nicht zu stellen trauen: Will ich überhaupt, dass die Näher_innen in der Fabrik gut bezhalt werden? Kann/Will _ich_ mir das überhaupt leisten? Meiner Ansicht nach, können wir (die Konsument_innen) _auch_ helfen, indem wir nicht nur die Arbeitsbedingungen aufzeigen und Politik und Wirtschaft in die Verantwortung zwingen, sondern auch unser eigenes Kaufverhalten hinterfragen und ggf. verändern. Lieber ein fair gefertigtes und gehandeltes T-Shirt als drei billige aus solch einer Quälanstalt. Wäre das nicht ein Beitrag, den nahezu alle leisten könnten?

  3. Magda sagt:

    Hey Lea (und alle anderen Mitlesenden),

    vielleicht ist für dich das Buch, das Charlott vor einiger Zeit rezensierte, interessant:
    Mode in Zeiten des Kapitalismus.

    Liebe Grüße
    Magda

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