Jackie – ein Mädchen, das ein Mensch ist

von Helga

Nach Jahren des Versteckens und langer Diskussionen ändert sich derzeit das Leben von jungen Transgendern. Auch wenn oft noch kontrovers diskutiert wird, unter Eltern wie Ärzt_innen, erhalten die ersten Kinder Präparate, die das Einsetzen der Pubertät verhindern. Stattdessen bekommen sie die „anderen“ Geschlechtshormone.

ABC News hat eine amerikanische Familie begleitet, deren Tochter Jackie zu den Pionier_innen gehören wird. Interessant: Während sie als Jack für weibliches Verhalten gehänselt wurde, wird Jackie in der Schule und von ihren Freundinnen akzeptiert. So betonen auch der Artikel und das Video ein sehr weibliches Bild (mag pink, Röcke, Schminke), das Transgender in die Übererfüllung von Klischees drängt. Am Ende steht aber immer noch Jackie und es wird klar, dass sie einfach ein sehr glückliches Kind ist.

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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 14. September 2011 um 17:07 Uhr unter Familien_politik, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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74 Kommentare

  1. Bei solchen Berichten frage ich mich immer, ob das wirklich Transgender ist, oder nur eine Folge davon, dass Männerbilder so unflexibel sind: Jungen dürfen nicht Pink tragen, nicht mit Puppen spielen etc. Wenn sie das tun, gibt es nur eine Erklärung: Sie sind in Wirklichkeit Mädchen. Nicht, dass ich das nicht verstehen könnte: Eine Frau zu sein bietet – der Frauenbewegung sei Dank – einfach viel mehr Möglichkeiten. Du kannst mit Puppen und mit Panzern spielen, und alle sind zufrieden. Du kannst Hosen und Röcke tragen.

    Aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass es so etwas wie eine „Gender Identity“ gebe. Auch wenn es natürlich gut ist, dass es für Jackie jetzt eine bessere Lösung gibt als den Drill zur Männlichkeit. Aber die Erklärung, dass Jungen, die sich nicht typisch männlich verhalten, in Wirklichkeit gar keine Jungen sind, ist doch eine Kapitulation vor gesellschaftlich fixen Männerbildern. Und gerade nicht deren Aufweichung. Jedenfalls in diesem Film ist das ganz auffällig so.

  2. Mary Scherpe sagt:

    Ich finde den Punkt, den Antje macht, gut und wichtig. Der Film präsentiert nur Anzeichen für die Weiblichkeit des Kindes, die mehr als klischeehaft, fast schon dämlich sind: schminken, pinke Kleider tragen, mit Barbies spielen.

  3. @Antje Schrupp Ich bin froh, dass diesen Zweifel mal jemand ausspricht. Denn es ist ja sehr schwer, hier „von außen“ zu unterscheiden. Man muss die Aussagen von Betroffenen ernst nehmen. Andererseits ist eben nicht auszuschließen, dass sie ein Selbstbild konstituieren, das sich eben genau an den Geschlechterrollen entlang entwickelt und diese sogar übererfüllt, um „das Andere“ überhaupt in die eigene Identität integrieren zu können. Ich bin unsicher in dieser Frage, sehr.

  4. Helga sagt:

    @Antje Schrupp: Das kommt in diesem Film jetzt (natürlich) nicht vor, aber auch von Trangendern wird kritisiert, dass sie oft genug Klischees erfüllen müssen, damit sie jemand ernst nimmt. Dass z.B. Trans-Frauen nur dann die erforderlichen Gutachten bekommen, wenn sie total stereotyp sind, selbst wenn sie lieber „Butch“ wären.

    Ich denke schon, dass Kinder einschätzen können, was Genderidentitäten betrifft und was Äußerlichkeiten. Ich selbst war als Kind extrem unglücklich mit den weiblichen Stereotypen um mich herum und bin gerne als Junge aufgetreten – es war immer noch etwas anderes, als ein Leben in einem männlichen Körper führen zu wollen.

  5. Lukas R. sagt:

    Wann können wir endlich die Rollenbilder für Jungen und Mädchen, für Männer und Frauen, aufgeben und jeden Menschen als einzigartig, als Individuum zu betrachten?! Wenn ich selber unter meinem Körper leide sollte ich das Recht und die Möglichkeit haben, diesen zu verändern, aber wenn die Außenwelt mein Verhalten ständig nach meinem Körper bewertet läuft etwas gehörig falsch!

  6. Miriam sagt:

    @Antje Schrupp: Ich glaube, ein Stück weit ist es für z.B. die Eltern am einfachsten, ihre Überzeugung, dass Jackie weiblich ist, damit zu begründen, dass sie gerne pink trägt, sich schminkt, etc… Ja, das sind Stereotype und Klischees, aber viele Menschen hinterfragen diese Klischees eben nicht. Und denen das dann zu erklären geht wahrscheinlich am einfachsten mit eben diesen Klischees.

    Ähnlich wie Helga habe ich mich als Kind auch mit vielen Rollenklischees nicht wohlgefühlt, wusste aber gleichzeitig, dass ich gerne ein Mädchen bin. Jackies Wunsch, als Mädchen zu leben nur an Rollenklischees festzumachen, weil sich ihr Wunsch eben vordergründig darin äußert, dass sie Mädchenkram lieber mag als Jungenkram, halte ich für zu einfach. Wenn ich deinen Kommentar richtig verstehe, dann denkst du, gäbe es keine Geschlechterstereotype, gäbe es auch keine Transgender?

  7. delilah sagt:

    miriam, oder noch einfacher ausgedrückt: gäbe es keine gender, gäbe es auch keine transgender. hört sich logisch an.

  8. Miriam sagt:

    delilah, das halte ich für eine gewagte These und würde dazu gerne die Meinung eines/einer Transgender hören…

  9. lizzy sagt:

    Ich verstehe den Einwand von Antje Schrupp und anderen hier, ist es doch einer, der mich auch oft beschleicht.
    Besonders seit mein Freund in seinem gerade laufenden Praktischen Jahr als angehender Arzt seit Praktikum in Chirurgie in einem Krankenhaus macht, dessen chirurgisches Fachgebiet die Geschlechtsangleichung von Transgendern ist. Wir haben beide viel darüber diskutiert, weil ich in die Richtung argumentiert habe, dass diese (oft, aber sicher nicht generell vorkommende) Überhöhung der Geschlechterklischees doch letztlich ein Hinweis/Beweis/wie auch immer für die Unumstößlichkeit unser binären Geschlechterrollen mit all ihren Inhalten ist.
    Er hielt stark dagegen und meinte, ich könne mir die Aufgeregtheit und Freude von der Patienten nicht vorstellen, wenn sie zum ersten mal nach der OP ihr neues Geschlechtsteil sehen dürfen. Die Freude eines jetzt von einem Mann als nun Frau angeglichenen Menschen, der es nicht erwarten kann seine „Neovagina“ (so heißt es medizinisch) zu sehen und berühren zu dürfen. Für ihn sei das mehr, als nur die Beschränktheit unserer gesellschaftlicher Codes, dass Männer keine Röcke tragen und Lipgloss auftragen dürften. Eine so schwierige OP auch in hohem Alter (teils sind die Frauen und Männer über 50) zeuge doch wohl von so tiefen inneren Wunsch, auch körperlich anders zu sein.
    Insofern weiß ich nicht.. bin gespannt auf andere Wortmeldungen!

  10. TOHUWABOHU sagt:

    Fernab der Transgender-Debatte: Was mich beim Film geschockt hat, ist, dass es anscheinend in der US-amerikanischen Gesellschaft normal zu sein scheint, dass sich Mädchen mit 10 Jahren schminken (Makeup, Lidschatten, das ganze Programm) und auf der anderen Seite gleichzeitig kindgemäß noch mit Barbie-Puppen spielen. Ich habe die Vermutung, dass solche gesellschaftlichen Regelungen nicht gerade zu einer Identitätsfindung (in jeglicher Hinsicht) zu einem freien Menschen vereinfachen.

    Aber es sei nochmal daran erinnert (und damit schließe ich mich einigen Kommentaren hier an), dass kein Kind der Welt, sich einfach aus Spaß der psychischen Grausamkeiten anderer Kinder aussetzt. Wenn ein Kind also sagt ‚Ich kann die mir zugewiesene Geschlechterkategorie nicht mehr erfüllen‘, dann hat das einen massiven Grund und spricht für die durchaus vorhandene Entscheidungsgewalt eines Kindes, IMHO.

  11. let sagt:

    Ich kann zwar den Zweifel einiger hier zwar verstehen, aber ehrlich gesagt finde ich das hier ist ein ziemlich schlechter Anlass das zu diskutieren.

    Einerseits sind wohl Allgemein Kinder bezüglich des Diskurses um Geschlechterrollen unter besonderer Beobachtung und dabei besteht auch immer die Gefahr ihnen die Autonomie über ihre Identität abzusprechen bzw. sie zu entmündigen.

    Andererseits sind es doch auch gerade Zweifel wie der „ob das wirklich Transgender ist“, die dazu führen könnten, dass Transgender denken Rollenbilder übererfüllen zu müssen. Anschaulich im Sinne von:
    “ – Ich gehöre doch in die andere Schublade.
    x Hm. Vielleicht ist Deine Schublade einfach nur zu klein.
    – Nein. Ich gehöre so richtig in die andere Schublade. “

    Abgesehen davon kommt die Kritik doch aus einer sehr privilegierten Position. Ich (heterosexuell) sage ja zu einer Person die sich als homosexuell geoutet / gefunden hat auch nicht: „Hm. Ich mag den Gedanken, dass es feste sexuelle Orientierungen gibt irgendwie nicht. Möglicherweise sind manche Personen nur lesbisch oder schwul, weil die heterosexuellen Rollenbilder zu eng sind?“

    (Zusätzlich nehme ich natürlich an, dass die fürs Fernsehen ein relativ „plakatives Beispiel“ gewählt haben. Den „Effekt“ den Antje Schrupp unterstellt müsste man ja übrigens auch messen können indem man in „represiveren“ Gesellschaften mehr Transgender findet als anderswo.)

  12. oraZ sagt:

    „Ob das wirklich Transgender ist“ – Frau Schrupp, ihr medizynisches Man-Speak ist wirklich respektlos. Es gibt kein „wirkliches Transgender“, weil es nicht nachweisbar ist und alles nur auf Wahrscheinlichkeitsvermutungen von Gutachtern beruht.

    Gilt das dann auch fürs Lebischsein, demnach müssten Lesben gar keine mehr sein, wenn die Gesellschaft ein weniger repressives Frauenbild einfordert, oder wenn Lesbe keine schlechten Erfahrungen mit Männern macht?

    Dass nach zig Jahren Frauenbewegung Frauen Rechte für sich reklamieren auf Grund von weiblichen Geschlechtsorganen und Sozialisation (was immer das auch ist!) , diese aber Anderen absprechen, weil sie nicht ins Klischee passen, ist Backlash.
    Seit über 30 Jahren hat sich nicht viel geändert, was bestimmte Teile der Frauenbewegung anbelangt.

    Ich war der Meinung dass Frauenbewegung Dominanz, Separation und Fremddefinition von Frauen ablehnt. Sieht nicht so aus.
    Patriarchale Gewalt- und Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen sind lebendig und werden kopiert – selbst von Feministinnen.

    Warum diskutieren wir eigentlich dieses „richtige Frau/richtiges Mädchen“ überhaupt? Ordnungszwang? Oder heimlicher Wunsch über andere zu bestimmen? Oder deutsches Schwarzweiß-Denken?

    Solange eine einzige Frau sich in irgendeiner Weise vor anderen rechtfertigen muss, ob und warum sie eine (egal was das jetzt für eine Rolle/Eigenschaft sein kann) ist, bleibt die Unfreiheit der Frauen bestehen.

    Wenn das Weiterkommen darin besteht, Denkweisen und wissenschaftliche Ideen des Patriarchats zu übernehmen, um damit andere zu separieren und zu unterdrücken, ist das kaum feministisch zu nennen.

  13. alex sagt:

    @lizzy
    ich hab deinen kommentar jetzt ein paar mal gelesen, ich verstehe nicht, welche position du vertrittst.
    „weil ich in die Richtung argumentiert habe, dass diese (oft, aber sicher nicht generell vorkommende) Überhöhung der Geschlechterklischees doch letztlich ein Hinweis/Beweis/wie auch immer für die Unumstößlichkeit unser binären Geschlechterrollen mit all ihren Inhalten ist.“
    das steht jetzt inwiefern im gegensatz zu dem, was dein freund meint? ich sehe da nämlich keinen unterschied.

    ansonsten, was oraz sagt. finde das schon bemerkenswert, wie schnell hier tg-personen nicht mehr ernst genommen werden. realistisch betrachtet ist lieschen müller die verursacherin des problems, die sich mit ihrer schubladenwirtschaft verzettelt hat und gerade krampfhaft versucht, wieder ordnung zu schaffen.

  14. Nadine sagt:

    Ich habe mit folgenden zwei Dingen ein Problem, das eine lässt sich lösen, das andere scheint mir schwieriger.

    Mich stört extrem, dass die Ärztin in dem Beitrag irgendwas erzählt von „Gender-Identity“, die biologisch vorgeprägt sei, die nicht wählbar oder wandelbar wäre. Was für ein grober Unfug. Damit wird doch gerade wieder festgeschrieben, was die Gründe für Jackies Wunsch ,“ein Mädchen“ zu sein, sind. Sex ist natürlich vorgegeben, Gender hat sich diesem anzupassen. Alles, was von dieser Vorstellung abweicht, ist anormal und wird sanktioniert – als „schwul“ (wie im Beitrag von den Eltern selbst zu Protokoll gegeben), „krankhaft“, „weibisch“, „männlich“. Dieser Kategorisierungszwang in eine vermeintlich natürliche Ordnung ist das Problem.

    Weiter, und da bleibe ich hängen, die Diskussion hier. Einerseits wird davon gesprochen, dass es nicht „Transgender“ sei, bei „Unbehagen mit der eigenen Geschlechterrolle“ in das jeweils gegenteilige „Geschlecht“ zu wechseln, sondern vielmehr die Bilder von Männlich- und Weiblichkeit vervielfältigt werden sollten, um einzelnen freie Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Ja, aber: Die Sollbruchstelle liegt hier mMn in der rigiden Auffassung alles in eine zweigeschlechtliche Ordnung bringen zu müssen oder – etwas „progressiver – Geschlecht als ein Kontinuum zu sehen, das an beiden Enden trotzdem jeweils „Frau“ und „Mann“ stehen hat. Ohne jemals zu konkretisieren, was Männlichkeit, Weiblichkeit, Frau und Mann in diesem Zusammenhang bedeuten. Obwohl doch klar sein sollte, wem die Definitionsmacht über solche Begriffe obliegt und welches diskursive Gewicht diesen Begriffen beiwohnt. Diese Debatte lässt sich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen führen.
    Die da wären, dass Cis-Menschen Trans-Menschen diskriminieren, in dem zweitere gezwungen werden, sich so „cis wie möglich“ zu artikulieren. Cis kann hierbei freilich bedeuten, sich zur „progressiveren“ „Kontinuum-Gruppe“ zu zählen, trotzdem in Mann/Frau-Schemata zu denken. Ich halte es da mit Butler, die sex und gender wieder zusammenwirft und beides als Konstrukte entlarvt, denen die gleiche Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit oder irgendwie Zuordenbarkeit von Geschlecht zu Grunde liegt.

    Wenn Jackie „ein Mädchen“ sein will, dann hat sie das zu dürfen, ohne von anderen (auch hier in der Diskussion) als „Junge, der seine Gender-Identity pluralisiert“ fremddefiniert zu werden. Was Transgender ist und was nicht, sollte nicht in der Definitionsmacht der hegemonialen Gruppe liegen. Wobei ich nochmal den Punkt unterstreichen möchte, die Begriffe Transsexuell und Transgender etwas schärfer getrennt zu betrachten, um Missverständnisse zu vermeiden. Und wohlgemerkt artikulieren sich die Eltern natürlich auch in einer sehr hegemonialen Vorstellung von Geschlecht.

    Was mir auch negativ aufstößt ist die Abwertung, die die „Gender-Spielarten“ von Jackie erfahren. „Zu Mädchen“, zu stereotyp, Überbetonung von Weiblichkeit – solange nicht geklärt ist, auf welchem Begriffslevel und welcher Gegenstandsebene hier argumentiert wird, sind solche Äußerungen diskriminierend und triggernd für Mitlesende.

    Ich stimme überein, dass zu kritisieren ist, dass „nicht-männliches“ Verhalten eine fremddefinierte Zuordnung in die „Frauen-Schublade“ erlaubt. Ich glaube aber, dass diese Diskussion nicht auf Kosten von Selbstbezeichnungen und Selbstartikulationen von Individuen geführt werden sollten.

  15. alex sagt:

    @nadine
    ich checks nicht, was lässt sich lösen, was ist schwieriger?

  16. delilah sagt:

    miriam, ich finde, mit der antwort weichst du der frage aus. ich denke sogar, du versuchst damit, mich indirekt in ne miese ecke zu stellen (macht transgender unsichtbar, bla). ich dachte, meine „these“ würde sich schon durch den sprachlichen aspekt erklären, aber gut: wenn du dir eine gesellschaft vorstellst, in der es tatsächlich keine gender mehr gibt, ist es schlicht unmöglich, transgender zu sein. wenn es keine norm mehr gibt, gibt es auch keine abweichung von derselben mehr. mehr kann ich dazu ohne gegenargument leider nicht sagen, weil es für mich so offensichtlich ist.

  17. alex sagt:

    @delilah
    das ist nicht unmöglich, das ist nur etwas, das du behauptest.
    ok, dann stell dir mal die genderfreie welt vor und einen mensch, dem da was zwischen den beinen baumelt, was mensch da nicht haben will. dann haben wir halt keinen transgender, weils ja kein gender mehr gibt, aber einen mensch, der seinen penis nicht haben möchte.

  18. Nadine sagt:

    @alex

    ich meinte: einige in dem video vorkommende phrasen lassen sich leicht auflösen. die problematiken, die hier in der diskussion angesprochen wurden wohl eher nicht so.

  19. Miriam sagt:

    Was hier in der Diskussion abgeht, empfinde ich tatsächlich ein Stück weit als ‚Negieren der Existenz von Transgender‘. Selbst wenn es keine Gender mehr gäbe, dann gäbe es sehr wohl noch primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale. Laut Wikipedia ist transgender auch die „Selbstbezeichnung für Menschen, die sich mit ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen nicht oder nicht vollständig identifizieren können.“
    Aus der privilegierten Position heraus, dass der biologische Körper mit der Identität kongruent ist, zu argumentieren, man müsse einfach nur Geschlecht dekonstruieren und schon gäbe es keine Inkongruenz mehr, ist meiner Meinung nach diskriminierend. Es geht dabei, wie ich oben schon schrieb, meiner Meinung nach gar nicht so sehr um Geschlechterrollen oder-klischees, aber wie soll man einem Menschen, der nie diese Inkongruenz verspürt hat, erklären, warum man diesen Penis oder diese Brüste einfach nicht mag. Das geht wahrscheinlich am einfachsten über Klischees.

  20. Ich möchte nur mal die Idee in die Runde werfen, dass es hier um ein Kind geht. Ich habe gerade dieser Tage das alte Lied von Bettina Wegner mal wieder gehört, mit dem Text „Ach, wenn ich doch als Mann auf diese Welt gekommen wär“. Sie meinte das ganz sicher nicht im Sinne von Trans, sondern als Kritik an Geschlechternormen. Und es ist doch durchaus eine Möglichkeit, dass dieses Kind das Unbehagen daran, dass es nur weil es als „Junge“ identifiziert wird, nicht rosa Kleidchen anziehen darf, so ausdrückt, dass er sagt „ich wäre gerne ein Mädchen“. Ein Kind hat doch noch gar keine Erfahrung mit den kulturellen Settings, in denen wir Erwachsene diesen Diskurs führen.

    Worum es hier also geht ist, zu entscheiden zwischen diesen beiden Möglichkeiten: Ob es wirklichi der Besitz eines Penis ist, der Jack Unbehagen bereitet, oder ob es eben die kulturelle Erwartung ist, die an diesen Penis geknüpft wird. Die Erwachsenen haben da wohl durchaus die Verantwortung, ihm auch klar die Möglichkeit aufzuzeigen und vorzuleben, auch „als Junge“ alles machen zu können, was er will. Und das trau ich den Eltern in diesem Fall nicht zu. Und natürlich auch nicht unseren Gesellschaften insgesamt, die ja in den letzten Jahren im Bezug auf Mädchen- und Jungs-Klischees nicht besser, sondern wesentlich schlimmer geworden sind.

    Und genau auf diese Unterscheidung bezog sich mein erster Kommentar, dass ich mir nicht sicher bin, ob es hier um Transsexualität geht (sorry, ich schrieb Transgender), oder nicht doch eher um Geschlechterstereotype. Und ehrlich gesagt, bin ich mir auch nicht sicher, ob ein Kind das schon unterscheiden kann. Es gibt ja schließlich auch die Möglichkeit, dass erwachsene Transsexuelle etwas von ihrem eigenen Begehren in ein Kind hineininterpretieren. Oder das eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, binäre Stereotyen aufzulösen, sich auf diese vermeintlich „natürliche“, biologische Erklärung rausredet. (womit ich ausdrücklich nicht sagen will, dass es sie nicht gäbe, aber es gibt sie eben nicht in jedem Fall).

  21. Nadine sagt:

    Antje,

    ich glaube, dann liegen hier wohl unterschiedliche Definitionen zu Transgender vor. Sich in der eigenen, kulturell und von außen zugeschriebenen Geschlechterrolle unwohl/unpassend zu fühlen und performativ widerständig damit umzugehen (wie Jackie) kann durchaus transgendering sein. Ob Jackie transsexuell leben möchte, wird ja im Beitrag gar nicht geklärt. Aber diese „Mädchen-Performance“ ist eben ihre Artikulation und sollte keiner Wertung unterliegen (was ja trotzdem leider von außen erfolgt). Ich denke, das passt nicht immer in die Vorstellung von Mann/Frau, ganz egal, ob Kinder jetzt mit Diskursen und bestimmten Praxen vertraut sind oder nicht.

  22. Miriam sagt:

    Eine Frau zu sein bietet – der Frauenbewegung sei Dank – einfach viel mehr Möglichkeiten. Du kannst mit Puppen und mit Panzern spielen, und alle sind zufrieden. Du kannst Hosen und Röcke tragen.

    Heißt das im Umkehrschluss, dass es Frau-zu-Mann-Transgender gar nicht gibt, weil einem als Cis-Frau ja auch das Rollenrepertoire der Männer zur Verfügung steht?

    Und einem 10-jährigen Kind aufgrund mangelnder Lebenserfahrung und zuwenig theoretischer Auseinadersetzung mit der Gender Theory abzusprechen, seine Identität definieren zu können halte ich für verdammt arrogant. Ab wann ist ein Mensch denn reif genug, solche Entscheidungen zu treffen? Wieviel theoretisches Wissen und Erfahrungen mit den kulturellen Settings bedarf es denn, bis man ernst genommen wird. Was qualifiziert dich dazu, das Gefühlsleben dieses Kindes derart zu hinterfragen? Dein Alter? Deine universitäre Ausbildung?
    Auf der einen Seite sagst du: Das Kind hat gar nicht die Erfahrung, beurteilen zu können, was es bedeutet, Mann oder Frau zu sein. Auf der anderen Seite sprichst du den Eltern, ohne die eigene Erfahrung der Elternschaft, die Kompetenz ab, dem Kind „vorzuleben, auch “als Junge” alles machen zu können, was er will.“ Woher kannst du das beurteilen?

  23. alex sagt:

    @antje schrupp
    jackie ist nicht das erste kind, ich kenne auch „so“ ein kind, das mittlerweile mitte zwanzig ist und auch schon als kleinkind artikuliert hat, dass es ein bestimmtes geschlecht IST und die erwachsenenwelt dazu aufforderte, die entsprechenden schritte einzuleiten, dass das auch mit dem körper passt.

    ich glaub, der fehler im system liegt darin, dass du das genderdrumherum, das schminken und so, mit der identität, die das kind artikuliert, vermischst. wäre das umfeld des kindes nicht so *seltsam*, würde das kind eben nicht angemalt wie ein clown herum laufen, seine „andere“ identität aber trotzdem äußern.

  24. Cassandra sagt:

    Schrupp schrieb:

    „Worum es hier also geht ist, zu entscheiden zwischen diesen beiden Möglichkeiten: Ob es wirklichi der Besitz eines Penis ist, der Jack Unbehagen bereitet, oder ob es eben die kulturelle Erwartung ist, die an diesen Penis geknüpft wird“

    Genau, es kann in einer Kommentarspalte eines deutschen Blogs an einem Donnerstagabend, nur darum gehen ob eine Person am anderen Ende der Welt, von der wir nur ein paar grobe Infos aus einem kurzem Einspieler haben, die richtige Entscheidung getroffen hat. Schon klar.
    Weil wir ja alle soviel über den Fall wissen. *headdesk*


    *sarcasmmodeoff*

    Es wurde ja schon von anderen festgestellt, aber wieso nicht nochmal wiederholen: Die Kommentare zeichnen sich hier teilweise durch eine ziemliche Übergriffigkeit aus.

    Außerdem wurde der Fall „Junge übernimmt „weibliche“ Eigenschaften, nimmt aber keine Geschlechtsanpassung vor“ auch schon behandelt. Im selben Programm, welches auch Jackie vorgestellt hat:

    http://abcnews.go.com/Nightline/video/princess-boy-transgender-kids-primetime-nightline-14425305

    Was man ja auch selber hätte recherchieren können, wenn man nicht so damit beschäftigt wäre die eigenen Cis-Privilegien raushängen zu lassen.

    *maldemFrustLuftmach*

  25. Lina sagt:

    Möchte erstmal sagen, wie gerührt ich war, darüber, dass Jackie so aufblühte, sobald sie als Mädchen aus dem Haus durfte, und wie, wie toll dass die ganzen Leute um sie rum nicht mehr diesen bescheuerten Vorurteilen unterwegs sind, die ihr vor ein paar Jahren noch das Leben zum Spiessrutenlauf gemacht hätten. Dass also Feminismus und verwandte Politik jetzt das Leben von Kindern so viel lebenswerter macht, sehr cool! Was für eine tolle Sache!

    Und klar, ich finde auch, dass die Überlegungen, ob es zu diesem Phänomen kommen würde, wenn nicht mehr diese Geschlechterapartheit herrschte, ziemlich auf den Punkt sind. Wenn es für Jungs grad so normal wäre rosa Kleidchen anzuziehen, wie irgendetwas anderes, wenn hier vielmehr Freiraum in den Rollen möglich wäre, dann müssten sich Kinder und alle vielleicht tatsächlich viel weniger entscheiden.

    Und ich kann aber auch gut verstehen, dass hier Einwände kommen, wir würden mit solchen Argumenten Transgender schon wieder paternalisieren und sie in ihren Gefühlen nicht ernst nehmen. Ich denke aber, dass ich diesen Vorwurf gerade wieder zurückgeben kann. Ich selber fühle mich zwar durchaus als eine Frau, aber diese Kategorie und Identifikation ist längst nicht so wichtig für mich, wie ich es bei anderen beobachte, und wie es hier für/von Transgendern behauptet wird. Über die ganzen Jahre hat sich die Stärke dieses Identifikationsbedürfnis auch immer wieder gewandelt. Es gibt auch noch andere Einflussfaktoren, denke ich, aber in der Tendenz war es so, dass je mehr feministische Theorie von der Butler-Sorte ich gelesen habe und je besser mein Selbstwertfefühl wurde, desto egaler ist mir dieser – aus meiner Sicht – „Kram“ geworden und habe ich in meinem Fühlen an Freiheit gewonnen. Schliesslich bin ich mir auch längst nicht mehr so sicher über meine straighte Heterosexualität, die ich mal gefühlt habe. Zuerst war ich natürlich irritiert, aber dann hab ich mich eigentlich nur gefreut darüber wie interessant das Leben doch ist.

    Offensichtlich gibt es beides, Leute für die ist die Identifikation mit Sex, Gender oder sexueller Orientierung und weiteren Kategorien sehr wichtig, und dann gibt es solche, denen ist das viel weniger wichtig… Und ich denke alle haben ihre guten Gründe dafür, und gehören als Menschen einfach mal so akzeptiert. Ich würde dafür plädieren, dass wir uns in unseren Gefühlen respektieren, ob sie für uns von tief, tief innen kommen, wie oben geschrieben wurde, oder ob wir eher glauben, dass sie von aussen stark geformt werden, und dass wir uns nicht immer gleich gegenseitig in Frage stellen und in Frage gestellt fühlen, wenn darüber unterschiedliche Ansichten aufeinandertreffen.

  26. let sagt:

    @Lina

    Es geht doch hier nicht um die Gefühle von Transgender sondern um ihre Identität. „Gefühle“ klingt ja so als ob ihnen jemand auf den Fuß gestanden wäre und gesagt hätte „Du bist hässlich“…

    Den zweite Teil Deinen Postings halte für ziemlichen „privilegierten Quatsch“. Natürlich braucht Leute denen Ihre Identität nie von der Gesellschaft nie abgesprochen wurde bzw. die nie deswegen ausgegrenzt wurden nicht viel darauf geben. „Was interessiert mich meine Hautfarbe. Die ist ja weiß…“

    Und die Unterscheidung sollte man korrekterweise auch nicht ziehen zwischen Menschen denen eine gewisse Identität „wichtig ist oder nicht“, sondern zwischen denen die deswegen diskriminiert wurden oder nicht.

  27. @Cassandra – Ich habe nicht gesagt, ich wüsste, wie meine Frage zu beantworten ist, sondern nur, dass ich finde, dass sie gestellt werden muss.

    Du, @Alex, hingegen scheinst ja sehr genau zu wissen, was das Kind machen würde, wenn… Ich frage mich, woher.

  28. Mira sagt:

    Bei allem hin und her und unklaren/ungenauen, verwirrenden Kommentaren zeigt diese Diskussion doch vor allem: das Thema Transgender/-identität interessiert, verwirrt und wühlt auf. Deswegen habe ich diese Kommentare gerne gelesen, weil sie Porbleme aufdecken, typische (?) Denkfehler aufweisen, aber auch korrigieren und einfach zum Nachdenken anregen. Nach diesem Film hatte ich zwar einen kleinen Einblick in Jackies Leben gewonnen, aber wenig „Fakten/Theoretisches“ über Transgender erfahren und deswegen blieben bei mir am Ende mehr neue Fragen offen, als alte geklärt wurden. Die Kommentare habe ich größtenteils so interpretiert, dass es den meisten ähnlich ging. Aber eben, dass man diese Fragen auch klären möchte und verstehen und begreifen will! Wie wäre es mit einem Dossier über Trans*, liebe mädchenmannschaft? :) Ich würde mich sehr, sehr freuen.

  29. alex sagt:

    @antje
    aus erfahrung.

  30. Arte Povera sagt:

    Ich finde es wichtig, dass man sehr vorsichtig ist, wenn Menschen die Deutungshoheit derjenigen, um die es geht und die sich selbst als Mädchen oder Junge oder.. definieren, in Frage stellen. Auch wenn es Kinder sind. Das hat eine unrühmliche Geschichte und kann sehr verletzen (nehm ich an – ich bin in der privilegierten Position, es nie erlebt haben zu müssen)

    Aber Vorsicht heißt nicht, dass man hier Antje gleich „Übergriffigkeit“ vorwerfen muss, und umgekehrt kann man denjenigen, die sofort fraglos auch bei einer Zehnjährigen annehmen, dass das Kind genau weiß was es ist (in einem begrifflich ziemlich verworrenen Feld) auch vorwerfen, sich aus der Verantwortung für ein Kind zu stehlen. Weil „das Kind wird es schon wissen“ natürlich auch der einfachste Weg ist, die Frage zu beantworten. Damit will ich nicht (!) sagen, dass jemand anderes die „wahre“ Identität des Kindes beurteilen soll. Wenn irgendjemand, dann das Kind. Aber dass man doch ein bisschen vorsichtig auch mit der Selbstidentifikation des Kindes sein kann, denn: Jackie bekommt demnächst Hormone, sagt der Beitrag am Ende, und dann ist der Weg zurück schwer, sollte sie sich je wieder anders identifizieren. Regelmäßig ins Krankenhaus zu müssen und vielleicht doch irgendwann mal gemobbt zu werden macht auch keinen Spaß, es gibt also Lasten und Risiken. Deshalb finde ich schon, dass man in der Verantwortung ist, so als gesamte Gesellschaft ;), sich die Fragen zu stellen, ob man dem Kind die Lasten und Risiken evtl. (!!) erspart hätte, wenn man buntere Schubladen bereit gestellt hätte. Und die Hormontherapie nicht quasi eingefordert hätte, weil man nur zwei enge Schubladen kennt und wenn das Kind nicht in der ersten ist, muss es in der zweiten sein, und darf (wie der Beitrag beschreibt) erst dann Röcke anziehen, wenn es sich als Mädchen identifiziert hat.

  31. Helga sagt:

    @Mira: Wir sind selbst keine Transgenderexpert_innen. Unter dem Tag Transgender gibt es einige Beiträge und weitere Links. Z.B. die Frage nach den Klischees, die hier bereits einmal diskutiert wurde. Außerdem gibt es einige Blogs, die meist viele weiterführende Informationen verlinken, z.B. Bad Hair Days, Svenja and the City, My-dentity oder (t)-Girl Diana.

  32. Lina sagt:

    @ let

    Was willst du in dem ersten Absatz genau sagen? Dass es viel schlimmer, ja so unerträglich ist für Kinder über Jahre gedemütigt und beschämt zu werden, wenn sie „verraten“ sich mit der ihnen zugeschriebenen Geschlechtsidentität nicht wohl zu fühlen, dass sich viele umbringen oder umbringen wollen. Und du findest meine Formulierungen nicht angemessen dieses Leid einzuholen? Bei mir hört es sich an, willst du sagen, wie wenn jemand ihnen einfach mal auf den Fuss gestanden wäre ohne sorry zu sagen? Also so etwas wollte ich auf keinen Fall sagen, ich weiss um das Ausmass dieses Leids ziemlich gut Bescheid.

    Nun ja, ein bisschen hast du Recht mit deinem zweiten Punkt: ich weisser Mittelschichtsglückspilz litt nur mein halbes Leben an schrecklichen Depressionen und bekam lange überhaupt keinen Fuss auf den Boden, was mir gottseidank auf den ersten Blick aber keiner ansah, uff, Schwein gehabt. Glaub mir, ich weiss genau wie es ist zu denken: Ihr Scheiss-Normalos mit eurem einzigen Problem, ob morgen die Sonne scheint, verpisst euch.

    Meiner Privilegien bin ich mir so halb bewusst. geworden als ich mich näher mit den Bildungschancen von Kindern von Migrantinnen und aus sozial schwachen Familien näher auseinandersetzte, und da ist mir das wie Schuppen von den Augen gefallen, nämlich welchen Formen von Diskriminierung ich nicht ausgesetzt war und bin. Aber verstanden habe ich das meiner Meinung nach nur, weil ich ja die Erfahrung mache, dass fast alle da draussen mir meine Andersartigkeit in meinem „Frausein“ glauben anzusehen, und ich weiss, wie es ist, in diese Schubladen gesteckt zu werden, und wie es meine Entwicklung beeinflusste. Und hier ist mein Weg, eben weil ich auch nicht wirklich aus mir heraus fühle, dass das meine Identität ist, sondern ich finde, dass mir das jeden Tag einfach alle vor Augen führen wollen, dass ich mich erstmal irgendwie „privat“ davon verabschiede., und von mir anfange als Mensch zu denken, und von den anderen auch und versuche offen zu bleiben dafür, was das sein könnte. Aber ob das so einfach ginge, wenn ich täglich offen und persönlich Verachtung verspüren würde von meinen Mitmenschen aufgrund meiner „Andersheit“, nein, bestimmt nicht. So wollte ich das nicht verstanden haben.

  33. Galumpine sagt:

    @ Lina:

    Der ganze Genderkram kann einer Person doch erst dann egal werden, wenn sie in ihrer Geschlechtsperformance erkannt und anerkannt wird und ihr Passing nicht ständig prekär ist.

    @ Antje Schrupp:

    Dein erster Post stellt die Echtheit und Eigentlichkeit von Transidentitäten auf eine Weise in Frage, die ich von dir nicht erwartet hätte. Deswegen halte ich die teilweise harschen Reaktionen für absolut berechtigt.
    Selbstverständlich werden Menschen aufgrund unserer patriarchalen Geschlechterrollen Trans. Sie werden aber aus den selben Gründen auch Cis, was dann schnell unter den Teppich fällt.
    Wenn ich frage, ob eine flexiblere Männerrolle zu einer Cis-Identifikation geführt hätte, mache ich Transidentitäten an sich zum Problem und impliziere damit eine Werthierarchie zwischen Cis und Trans, die sich über eine mysteriöse Wirklichkeit der Cis-Identitäten legitimiert. Die Echtheit der eigenen Normalidentität wird vorausgesetzt, um die Echtheit abweichender Identitäten von oben herab zu beurteilen.
    Es fragt schließlich auch niemand umgekehrt, ob eine Cis-Person durch bessere Geschlechterverhältnisse, Trans hätte „werden“ können. Es macht auch auf den ersten Blick wenig Sinn, zu fragen, ob ein Kind oder seine Eltern, die nötige Reife haben, die Konsequenzen einer Cis-Identifikation einzuschätzen. Dabei find ich solche Fragen viel interessanter.

    Die Antworten würden uns dann nämlich sagen, dass wir alle zu einem gewissen Grad kapitulieren müssen, und dass wir uns alle zu einem gewissen Grad assimilieren lassen müssen um gesellschaftsfähig zu bleiben (Passing), uns aber trotzdem Mittel und Möglichkeiten erkämpfen können/müssen, damit umzugehen (Coping). Egal, wie alt wir sind, und egal ob wir Cis oder Trans sind, wobei klar sein sollte, welches von beidem der privilegierte Part ist, für den das alles ein Bisschen einfacher ist.
    Das ganze natürlich ohne Anspruch auf Natürlichkeit und wasweisichwie-theoretisch belegte Wahrheit… Aber mit einem berechtigten Anspruch auf Anerkennung, die in der Diskussion hier häufig (unabsichtlich) verweigert wurde.

  34. TOHUWABOHU sagt:

    @Galumpine: Merci für den Beitrag! und auch @Arte Povera: gut gesagt!
    Weil, das trifft nämlich ziemlich meine Vermutung, dass der binäre Status Quo leider so ist, dass man wählen soll/muss und das dadurch immer noch Privilegien vorherrschen und die Vorstellung von ‚das Andere‘ auch immer noch herrscht. Wäre das nicht so, wäre wohl vieles einfacher und freier (z.B. das körperlich-geschlechtliche Veränderungen vlt. nicht getroffen werden müssten oder aber zur Norm gehören könnten). Aber das ist natürlich ein Allgemeinplatz, der bei diesen Fragen im Jetzt leider auch nicht wirklich weiter hilft. Aber Entscheidungen und Wahlen zu treffen, tut der Mensch doch die ganze Zeit. Vielleicht würde man bei der Frage nach nötiger Eigenverantwortung eines Kindes weiterkommen, wenn man sich die generelle Frage stellte, wie Mensch eigene Wahlen entscheidet bzw. an was man eine Wahl als ‚überzeugend‘ festmacht.

  35. Lina sagt:

    @Galumpine

    Ich werd nochmals drüber nachdenken. Denke bin in meinem vorherigen Schlusssatz, den du wahrscheinlich noch nicht gesehen hattest, aber schon drauf zu sprechen gekommen, dass sich das in meiner Darstellung viel zu einfach angehört hat, wenn das auf Menschen bezogen wird, die tagtäglich dieser Verachtung für ihre schiere Existenz ausgesetzt sind. Naürlich geht das nur, wenn eine seine Kräfte einigermassen beisammen hat und sich sicher fühlen kann.

    Allerdings: du schreibst an Antje sie stelle „die Echtheit und Eigentlichkeit von Transidentitäten auf eine Weise in Frage“, die nicht hinnehmbar sei. Verstehe ich dich richtig, wenn du dann auf der anderen Seite „Echtheit und Eigentlichkeit von Cisidentitäten“ postulierst, die nicht hinterfragbar seien. Falls ja, dann ist das genau der Punkt, mit dem ich nicht einig ging in meinem ersten Kommentar, weil ich finde Identität überhaupt und Geschlechtsidentität im Speziellen ist weder etwas Stabiles noch hat sie irgendeine Substanz vor der Existenz von Beziehungen zwischen Menschen, den gesellschaftlichen Konventionen, die sich herausbilden und sprachlichen Konzepten, in denen wir erst darüber reden können. Wir sollten doch wirklich mal aufhören, dieses absolute, ich meine von allem Bezug auf Gemeinschaft abgeschnittene Subjekt zu denken, und dann glauben, an diesem Menschen an sich könnten wir seine „echten“ und „eigentlichen“ Eigenschaften bestimmen. Und die einen sind dann echt cis und die anderen echt trans…

    Falls du diese Echtheit von Cis nicht selbst postulierst, betrachtest du dies dann quasi als Warhheit des Diskurses über Geschlecht, und siehst einfach keine Hoffnung, dass sich dieser common sense aufweichen und transformieren lässt, und müssen deshalb diese genauso echten Transidentitäten postuliert und muss auf ihre Anerkennung als stabile und eigentliche Identitäten hingewirkt werden? Als politische Stratgie im heutigen Umfeld kann ich diesen Versuch ja nachvollziehen, und ich habe sehr viel Respekt für Betroffene, die sich das sicher lang und breit überlegt haben, und zum Schluss kommen, dass ihr Leid so am besten verringert werden kann. Und ja klar, genau das sehen wir ja eigentlich bei Jackie, dass sie genau mit dieser Anerkennung ein Leben in Wertschätzung und Geborgenheit für sie möglich wird… ok, ich glaube, ich habe den Punkt jetzt einigermassen verstanden.

    Aber das kann doch nichts als ein Zwischenschritt sein, und deshalb muss es auch weiterhin möglich sein zu sagen, dass weder cis, trans, bi, hetero, frau, mann… irgendeinen essentiellen Kern haben, bzw. dass diese Unterschiede für irgendwas gut sein sollen. Denn ich habe einfach keine Lust mit einem Haufen Verwirrter auf dieser Welt zu leben, die in diesen Kategorien eine naturgegebene Ordnung sehen, und das so immer die Gefahr birgt, dass an ihnen entlang Hierarchien wieder schärfer gezogen werden. Das Ziel muss es doch sein, dass diese Unterschiede total egal werden, bis sie uns gar nicht mehr auffallen, weil wir uns alle als Menschen in unserer Angewiesenheit auf die anderen ineinander wiedererkennen.

  36. Galumpine sagt:

    @ Lina:

    Stimmt… das klingt etwas widersprüchlich… Bitte lasst euch auch vom akademischen Stil nicht verwirren… Das ist bloß meine Meinung… Ich verbringe meine Nächte nur grad mit Hausarbeit schreiben…

    Es geht mir nicht darum Trans-Identitäten zu essentialisieren. Die sind nicht mehr und nicht weniger diskursiv/sozial konstruiert als Cis-Identitäten. (Theorie) Es geht darum, dass es einfach ziemlich gewaltförmig ist, einer Person zu sagen, dass ihre Identität weniger authentisch ist als andere. (Praxis) Besonders, wenn eine privilegierte Person das über eine Person sagt, deren Geschlechtsidentität andauernd nicht nur durch Einzelpersonen, sondern durch einen gesellschaftlichen Mainstream angezweifelt und pathologisiert wird.

    Achso… und bitte kein Kollektivmitleid… Es ist ein uraltes Missverständnis Identitätspolitischer Debatten, dass Angehörige gesellschaftlich benachteiligter Gruppen den ganzen Tag nichts besseres zu tun haben, als ihre Benachteiligung zu betrauern und zu „leiden“…

  37. Cassandra sagt:

    @Antje Schrupp

    Auch ein „Ich möchte doch bloß eine Frage stellen“ kann, je nach Kontext, völlig unangebracht sein.

  38. TOHUWABOHU sagt:

    @Galumpine: Also „Kollekivmitleid“ hab ich hier in der Diskussion bis jetzt nicht erkennen können.

  39. Es geht mir bei der Frage, ob das Kind das entscheiden kann, nicht um „Reife“ im Sinne von Kenntnissen über Gender-Diskurse, sondern darum, dass ein Kind prinzipiell erst einmal in die symbolischen Diskurse einer Gesellschaft eingeführt werden muss, und dafür haben nun einmal die Erwachsenen die Verantwortung.

    Jackie hat ja nicht gesagt: „Ich will Hormone nehmen, damit sich meine sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale nicht ausbilden“. Sondern das ist die Antwort, die die Gesellschaft (die beteiligten Erwachsenen), auf ihr geäußertes Unbehagen am „Junge sein“ gibt. Aber diese Antwort ist nicht eine irgendwie „natürliche“ oder „normale“ Antwort, sondern eine, die eben auf dem Hintergrund eines bestimmten Diskurses gegeben wird. Das unverfälschte, von kulturellen Codes gereinigte Begehren von Jackie ist nicht zugänglich – uns, die wir nur den Film kennen, sowieso nicht, aber auch nicht den Eltern und der Schwester oder den beteiligten Ärzten. Und daraus ergibt sich eine Verantwortung. Weil Jackie zwar das eigene Begehren kennt und diesbezüglich die einzige legitime Autorität ist, aber sie kennt noch nicht die Spielregeln, nach denen eine Welt von Erwachsenen Dinge aushandelt, diskutiert, etc.

    Und deshalb @galumpine – stelle ich diese Frage. Ich stimme dir natürlich zu, dass auch Fragen Stellen unangebracht sein kann. In diesem Fall ist es das aber nicht.

    Um es noch einmal zu betonen, weil mir in den Kommentaren immer wieder Gegenteiliges unterstellt wird: Ich habe NICHT „die Echtheit und Eigentlichkeit von Transidentitäten“ generell in Frage gestellt. Sondern ich habe gesagt, dass ich diese Diagnose für diesen konkreten Fall hinterfragenswürdig finde. Weil in der Klischeehaftigkeit, die der Film zeigt, nun einmal sehr viele Ansatzpunkte dafür gegeben sind, dass Jackie möglicherweise nie eine realistische Möglichkeit dazu aufgezeigt bekommen hat, dass man auch auf eine freie Weise männlich sein kann.

  40. alex sagt:

    @mira
    eva fels: auf der suche nach dem dritten geschlecht: bericht über eine reise nach indien und über die grenzen der geschlechter

    @nadine
    ach so, ich dachte, der satz bezieht sich auf deinen kommentar und bin da natürlich nicht fündig geworden

    @TOHUWABOHU
    „(z.B. das körperlich-geschlechtliche Veränderungen vlt. nicht getroffen werden müssten oder aber zur Norm gehören könnten)“

    nicht oder, UND ! :)

    kollektivmitleid: dann lies dir doch nochmal den kommentar von lina durch, der trieft vor mitleid.

    @lina
    ich habe nicht das gefühl, dass du irgendwas verstanden hast.

    es ist mir völlig gleich, ob „diese unterschiede“ für irgendetwas gut sind, sie sind. was hast du für ein problem, sie nicht gleichwertig nebeneinander stehen lassen zu können? warum wertest du menschen als „zwischenschritt“ ab? das problem ist nicht, dass es unterschiedliche identitäten gibt, das problem ist, dass menschen wie du andere nicht ernst nehmen. du scheinst irgendwie nicht trennen zu können zwischen dem, wie das für dich ist und dem, wie das für andere ist. diese versuche, allgemeingültige erklärungen zu finden und über andere drüber zu stülpen, sind das problem.

    „Als politische Stratgie im heutigen Umfeld kann ich diesen Versuch ja nachvollziehen, und ich habe sehr viel Respekt für Betroffene, die sich das sicher lang und breit überlegt haben, und zum Schluss kommen, dass ihr Leid so am besten verringert werden kann.“

    welches leid? worunter leidet deiner meinung nach eine transidente person?

  41. Wobei, Korrektur nachdem ich meinen ersten Post nochmal gelesen habe – ich habe die Echtheit nicht nur für den vorliegenden, sondern auch für alle ähnlichen Fälle in Frage gestellt. Im Bezug auf meine Einwände scheint er mir aber auch tatsächlich typisch zu sein.

  42. alex sagt:

    @antje

    also deine argumentation ist folgende: da ist ein junge, der gerne kleider tragen würde und mit puppen spielen möchte. das soziale umfeld sieht so etwas aber nur für mädchen vor. deshalb sagt der junge, weil er mit puppen spielen will und kleider tragen möchte, dass er ein mädchen ist. verstehe ich dich richtig?

  43. @Alex – Genau. Ich sage natürlich nicht, dass es so ist (das kann ich ja nicht wissen), sondern ich sage, dass man diese Möglichkeit in Erwägung ziehen und mit einer gewissen Sorgfalt ausschließen sollte, bevor man bei Kindern mit Hormonen etc. anfängt. Was mich geärgert hat ist, dass diese Möglichkeit in dem Film überhaupt nicht zur Sprache kommt.

  44. alex sagt:

    @antje
    ich kann das hier nicht anschauen, deswegen bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir vom gleichen film sprechen:

    http://www.youtube.com/watch?v=aXrM0unYvRY

    da reden nämlich dauernd erwachsene darüber, dass es ja auch nur eine „phase“ sein könnte…

  45. alex sagt:

    und noch was, antje, hast du da irgendwelche konkreten fälle, wo das von dir befürchtete szenario eingetreten ist, also ein kind „chemisch-medizinisch“ behandelt wurde und sich heute darüber beschwert, dass es sich eigentlich ja nur anders kleiden, bzw. mit etwas anderem spielen wollte?

  46. Cassandra sagt:

    @Antje Schrupp

    Und wieder: Du weißt also, dass man das hätte in Betracht ziehen sollen und die Leute, die sich um Jackies Fall gekümmert haben und Jackie selber, wussten das nicht?

    Woher nimmst Du diese verdammte Sicherheit es besser zu wissen als die Betroffenen?

    Und hier mal ein paar Auszüge aus der Homepage der Klinik, die sich um Jackie gekümmert hat (Link ist im abc-news-Artikel zu finden, der oben auch im Blogeintrag verlinkt ist):

    http://www.transyouthla.com/about_us.html
    http://www.transyouthla.com/TGservices.html
    http://www.transyouthla.com/faq.html

    http://www.wpath.org/publications_standards.cfm

  47. alex sagt:

    @cassandra
    mich überrascht mehr, dass antje anscheinend annimmt, dass das bedürfnis mit puppen spielen und kleider tragen wollen so stark wäre, dass ein kind bereit sei, dafür seine geschlechtsidentität zu wechseln. das finde ich hochgradig irritierend.

  48. @alex – Naja, das „mit puppen spielen und kleider tragen“ ist hier ja nur der Platzhalter für das gesamte „das ist weiblich“-Universum. Und das ist sehr groß und umfasst so ziemlich alle Bereiche des Lebens. Das Bedürfnis dort dazuzugehören (und nicht nur Zaungast zu sein), ja, das kann schon sehr stark sein.

  49. @Alex – Ja, es ist derselbe Film. Was meinst du, sie reden „auch“ davon, dass es nur eine Phase sein könnte? Ich rede nicht von einer „Phase“. Ich rede von der offenbar (dauerhaft) nicht vorhandenen Möglichkeit, sich als Junge nichtjungenkonform zu verhalten. Zum Beispiel das Versteckspiel mit zuhause Mädchenkleider tragen und in der Schule Jungenkleider. Ist doch klar, dass das für das Kind keine gangbare Lösung ist und es sich eine klare „Entscheidung“ wünscht. Kinder wollen dazugehören, und das war für Jackie offenbar als Junge nicht möglich. Ich könnte mir aber eine Gesellschaft vorstellen, in der das möglich wäre.

    Natürlich sehe ich das Dilemma, dass man diese Verkorkstheit unserer binären Denkweise im Bezug auf Geschlechter nicht auf den betreffenden Kindern abladen kann. Aber zufrieden macht mich diese Lösung, die hier gefunden wurde, nicht.

  50. Cassandra sagt:

    @Antje Schrupp

    Ja, es ist wirklich schade, das es in der Sendung in der Jackie vorgestellt wurde keinen Bericht über nichtgenderkonformes Verhalten ohne Geschlechtsanpasung gegeben hat:

    http://abcnews.go.com/Nightline/video/princess-boy-transgender-kids-primetime-nightline-14425305

    Schade auch, das bisher in diesem Thread noch niemand daruf hingewiesen hat, dass das in der Senung gar nicht angesprochen wurde:

    http://abcnews.go.com/Nightline/video/princess-boy-transgender-kids-primetime-nightline-14425305

    und um’s nochmal deutlich zu machen:
    http://abcnews.go.com/Nightline/video/princess-boy-transgender-kids-primetime-nightline-14425305

    Und wo ich grade dabi bin, Links zusammen zu suchen: Sollte ich mal auf Jackies E-Mailadresse stossen, werde ich Sie gleich an dich weiter leiten, damit Du deine Unzufriedenheit mit ihrer Entscheidung Luft machen kannst.

    Kann ja nicht angehen, dass Du bei dieser Entscheidung gar nicht angehört wurdest. m(

  51. alex sagt:

    @antje

    was du schreibst ist so, wie wenn du bei einem schwulen mutmaßt, dass der ja nur schwul wurde, weil er seine „weiblichkeit“ nicht als heteromann ausleben konnte in dieser dominierenden zweigeschlechterwelt um ihn herum.

  52. @Ales – Nein, das ist nicht dasselbe. Ich weiß auch nicht, wer jemals auf die Idee gekommen ist, Schwulsein könnte etwas mit Weiblichkeit zu tun haben.

  53. Ich weiß allerdings, dass es viele Lesben gibt, die deshalb lesbisch wurden, weil sie ihre Vorstellungen von Weiblichkeit nicht als Heterafrauen ausleben konnten. Und die reflektierten, dass sexuelle Identität auch etwas mit patriarchalen Strukturen und Traditionen zu tun hat und nicht nur ein biologisches Dings ist. Aber das scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein.

  54. let sagt:

    @Antje S.
    Wohl nicht direkt so wie alex schreibt. Aber es gibt gewisse Verhaltensmuster die in Teilen der Gesellschaft Homosexuellen zugeschrieben werden / wurden. Frauen mit kurzen Haaren, Männer die sich schminken, … Analog zu Deiner Argumentation könnte man folgern: „Viele Lesben sind nicht wirklich Lesben, sondern ihnen ist einfach die „gesellschaftliche Heteronorm“ zu restriktiv.“

    Man müsste dann fragen ob ihnen nur nicht das richtige, befreiende Heteroleben vorgelebt wurde. Vielleicht hatten sie auch einfach die „falschen“ Sexualpartner. Und beim richtigen Mann / Frau wären wir alle wieder hetero?

  55. Nadine sagt:

    Antje,

    ich glaube, du missverstehst den Punkt deiner Kritiker_innen. Du maßt dir an über die Trans*identität eines Kindes zu urteilen und hättest den Fall lieber als „Geschlechterrollenpluralisierung“ ohne Trans* verhandelt gesehen. Ok. Aber warum eigentlich? Und aus welcher Position heraus argumentierst du hier? Inwiefern spielen deine Vorannahmen über Trans* da mit hinein, inwiefern deine Privilegien als Cis-Person, die gerade deswegen keine Diskriminierung fürchtet. Und was ist überhaupt so schlimm daran, wenn Menschen an ihrem Körper herumwerkeln, damit sex und gender matchen?! Weil das arme Kind nicht mehr zurückkann? Welche Fälle davon gab es bisher, wo Menschen sich „falsch“ entschieden haben? Wenige. Wieviele Fälle gab und gibt es, wo Menschen ein Geschlecht aufoktroyiert wird, das sie nicht haben wollen?

    Du sprichst davon, nicht urteilen und werten zu wollen, legst dann aber fest, welche Fragen in diesem Zusammenhang gestellt werden müssen. Fragen, die sich andere hier gar nicht stellen (wollen). Trans*identitäten und das Aufbrechen von Rollenklischees über Mann/Frau sind zwei verschiedene Paar Schuhe. In vielen Blogs feiern Eltern sich selbst ab, wenn sie ihren Jungen mit Röckchen in die Schule schicken, weil ‚er‘ sich das so ausgesucht hat und sie ihn machen lassen, was er will – vielleicht denken sie sich sogar, dass das ja noch ein Kind ist und sicher nur ne Phase, wo er sich mal austoben darf. selbst, wenn nicht: Wow. Willkommen im 21. Jahrhundert. Allerdings: Fragt den Jungen jemand, ob er nicht lieber ein „Mädchen“ sein will? Ob er überhaupt mit „Junge“ zufrieden ist? Ob er die tägliche Zurichtung seiner Umwelt mit Geschlechtergedöns nicht eigentlich total satt hat? Vielleicht will er sich gar nicht markieren lassen als irgendwas. Komisch, diese Eltern vernachlässigen ihre Aufgaben ja sträflichst. Urteilt aus Trans*-Perspektive über die Cis-Menschen, die lieber geschlechtlich eindeutig markiert bleiben und somit ähnlichen Mechanismen des „Passen-Müssens“ ausgesetzt sind? Nö. Wäre ja auch merkwürdig, wenn Minorisierte über die Mehrheit urteilen könnten.

    Ein Junge, der sich ab und zu in Fummel wirft, wirft sich ab und zu in Fummel. You were born naked, the rest is drag, wie mensch so schön sagt. Menschen, die trans* leben, als anderes Geschlecht anerkannt werden wollen, Geschlecht als fluid begreifen oder sich gar nicht der heteronormativen Zwangslogik unterwerfen wollen, haben diese Entscheidungsgewalt über ihren Körper und über ihr Geschlecht nicht. Die wird ihnen ja ständig von anderen abgesprochen, in Frage gestellt, sie sehen sich permanenter Einordnungszurichtung, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.

  56. alex sagt:

    was let sagt.

    antje, wie kommst du auf die idee, transident habe was mit weiblichkeit zu tun?

    wenn es solche lesben gibt, fein, hab ich kein problem damit. aber wie du das schreibst, dass die das reflektiert haben – pffft. also wenn ich jetzt mein lesbisch sein anders begründe, bin ich einfach nicht reflektiert genug oder einfach unmodisch?

    kannst du mir irgendwas in die richtung verlinken? ich möchte mal etwas über diesen typ lesbe erfahren, der sich für sein lesbischsein entschieden hat. der war mir bisher nämlich nicht bekannt.

  57. @let – Was ist denn der Unterschied zwischen einer Lesbe sein und „wirklich“ eine Lesbe sein?

    @Alex – Ich komme auf die Idee, weil „ein Mädchen sein“ dasselbe ist wie „weiblich“ sein. Zu dem anderen kannst du mal das Stichwort „Bewegungslesben“ googeln. Außerdem finde ich nicht, das man lesbisch sein überhaupt irgendwie begründen muss, mir fällt jedenfalls nichts ein, was dagegen spricht, wenn Frauen Frauen lieben. Man braucht dazu ganz bestimmt keinen Rückgriff auf eine irgendwie geartete „Identität“.

    @Nadine – Den Anteil deine Argumentation, der mit Diskriminierung, Privilegierung etc. zu tun hat, verstehe ich, und das macht das Ganze ja so kompliziert. Aber es geht ja nicht um Freiheit und individuelle Wahl. Wenn es das wäre – okay, ich bin dafür, dass alle machen können sollen, was sie wollen, und ich als Privilegierte oder ohne eigenes Zutun Passende engagiere mich solidarisch für eine diskriminierungsfreie Welt.

    Aber wird hier ja gerade davon ausgegangen, dass es eine biologisch vorherbestimmte „Gender Identity“ gebe. Es geht also eben NICHT darum, was Jackie als Individuum will oder begehrt, sondern darum, was sie IST. Und das, was sie IST, heißt im Fall von Jackie „Mädchen“ oder „weiblich“. Und das ist der Punkt, an dem ich – eine Frau – selber betroffen bin. Denn es wird darüber verhandelt, was „Weiblichkeit“ bedeutet. Und das, glaube ich, ist der Punkt, der mir Unbehagen bereitet, denn ich bin der Ansicht, dass es keine ontologische, fixe, undiskutierbare „Weiblichkeit“ gibt.

  58. alex sagt:

    @antje

    eine „richtige“ lesbe ist eine, die es sich nicht aussuchen kann, wenns ihr mal zu homophob wird, bewegungshetera zu werden.

    ich würds ja super finden, wenn ichs nicht begründen müsste, aber wenn du solche sätze schreibst: „Man braucht dazu ganz bestimmt keinen Rückgriff auf eine irgendwie geartete “Identität” dann zwingst du mich zur begründung, denn für mich ist es so und dann muss ich begründen, warum ich das nicht „brauche“, sondern es bei mir so ist.

    sag mal, merkst du eigentlich, wie ausschließend und abwertend die sprache ist, die du verwendest?

  59. let sagt:

    @Antje Schrupp
    Sag Du es mir. Ich habe auch nicht verstanden was Du meintest mit „ob das wirklich Transgender ist“ und nur eine (aus meiner Sicht) analoge Schulssfolgerung gezogen.

  60. @Alex – Wenn eine einen sehr starken Wunsch, ein sehr starkes Begehren hat (etwa das, frauenidentifiziert zu leben und sich nicht von einer patriarchalen Logik einverleiben zu lassen, aber es kann auch jedes mögliche andere Begehren sein), dann kann sie das auch nicht mal eben ablegen, wenn es homophoben (oder sonst irgendwelchen) Gegenwind gibt.

    Vielleicht liegt unsere Differenz ja vor allem in der Begrifflichkeit.
    Mir ist es einfach sehr wichtig, diese ganze Thematik im Bereich des politisch Verhandelbaren zu halten und nicht auf eine biologistisch-ontologisch-naturalistische Ebene zu verschieben. Deshalb sperre ich mich gegen den Verweis auf fixe „Identitäten“. Dass ich eine Frau bin, ist eine Tatsache, keine Identität. Dass ich gegen Atomkraft bin, ist eine Tatsache, keine Identität. Dass ich Deutsche bin ist eine Tatsache, keine Identität. Ist das irgendwie verständlich?

  61. @lev – Ja, schon klar, aber die Analogie funktioniert eben nicht. Auch eine Frau, der die gesellschaftliche Heteronorm zu restriktiv ist, und die sich deshalb in ihrem Begehren ausschließlich auf Frauen bezieht, ist eine „wirkliche“ Lesbe. Aber hier in der Diskussion wurde ja gesagt, dass es nicht sein kann, dass Jackie nur deshalb ein Mädchen sein will, um mit Puppen zu spielen und Kleidchen anzuziehen. Dass es nichts ist, was sie entscheidet, weil sie ein Mädchen IST (im Sinne von Identität).

    Vielleicht ist auch das ein Grund für unsere Differenzen. Ihr scheint davon auszugehen, dass eine Entscheidung (im Unterschied zum Zwang, der aus einer Identität hervorgeht), etwas schwächeres ist, etwas, das man jederzeit auch wieder widerrufen kann. Aber manchmal ist eine bestimmte Entscheidung notwendig (für die betreffende Person). Das heißt zwar, die Person entscheidet, aber nicht in dem Sinne, dass sie eine Wahl hätte, denn sie folgt mit ihrer Entscheidung einer Notwendigkeit.

  62. alex sagt:

    @antje

    nein, ich verstehe nicht.

    ich merke nur, dass sich in mir alles quer stellt, wenn ich lese, was du schreibst, schon allein, weil du schreibst, dass „man“ zum lesbisch sein keine identität brauche, da frage ich mich, woher du weißt, was ich brauche und was nicht und auch, wie du dazu kommst anzunehmen, „man“ könne einfach lesbisch sein wie man deutsche oder atomkraftgegnerin sein kann. das ist wirklich lustig, (ich habe tränen gelacht) in meiner welt nur nicht so.

    du scheinst dich da auf irgendeinem feldzug zu befinden? *dir das schwert reiche* gibs ihnen!

    „Ich weiß allerdings, dass es viele Lesben gibt, die deshalb lesbisch wurden, weil sie ihre Vorstellungen von Weiblichkeit nicht als Heterafrauen ausleben konnten.“

    lesbe „werden“? ich glaube, das ist dann wohl eine andere lesbengattung als ich. ich bin nicht lesbisch geworden, ich war es immer schon. was willst du da jetzt mit mir politisch verhandeln?
    und was ist eine fixe identität? was bedeutet das für mich? ich kann mein lesbisch sein verändern oder das ist bedingt durch was genau?

  63. Lina sagt:

    @galumpine:

    „Es geht darum, dass es einfach ziemlich gewaltförmig ist, einer Person zu sagen, dass ihre Identität weniger authentisch ist als andere. (Praxis)“

    Stimm ich vollkommen mit dir überein…

    Ich glaube bloss, dass wir überlegen sollten, ob so etwas wie Gewalt nicht schon da einsetzt, wo Kleinkindern (und dann immer weiter durchs Leben durch) durch alle um sie rum vermittelt wird, dass sie aufgrund der Tatsache, was zwischen ihren Beinen ist, so und so sind, und sich gefälligst entsprechend verhalten und fühlen sollen, und dass irgend eine eigene Mischung aus dem was „Jungs“ und „Mädchen“ zugeschrieben wird, verboten ist, und gleichzeitig ein Bekenntniszwang männlich/weiblich gesetzt wird. So gesehen wären Kinder wie Jackie einfach sehr unabhängige Kinder, die sich nicht von ihrem Umfeld vorschreiben lassen wollen, wie sie zu sein haben, und die darauf dringen, dass wir sie auch dann lieben, wenn sie sich nicht vorschreiben lassen, ob sie lieber mit Autos spielen oder sich als Prinzessin phantasieren.

    Und sie hätten völlig recht, es ist eigentlich so leicht einzusehen, dass es grausam ist, aus der Tatsache, was zwischen den Beinen ist, einen Befehl abzuleiten, was die richtige Beschäftigung und was das richtige Verhalten und Fühlen ist.

    Der Grund wieso ich hier so ewig lange Kommenare schreibe scheint mir damit verwandt zu sein. Ich mag es auch überhaupt nicht in Schubladen gesteckt zu werden, damit mir dann mit Liebesentzug und im nächsten Schritt mit Verachtung gedroht wird, wenn ich anderer Erwartungen bezüglich meines Verhaltens oder Fühlens nicht erfülle. Aber ich mache das natürlich selber auch, ist mir klar, aber es erscheint mir irgendwie so kleinmütig.

  64. @Alex – Vielleicht brauchst du zum Lesbischsein eine Identität, aber „man“ braucht sie nicht (im Sinne von: Nur wer eine lesbische Identität hat kann lesbisch sein).

    Ja, es gibt Frauen, die Lesben WERDEN. Zum Beispiel alle, die vor der Frauenbewegung aufgewachsen sind, und für die das lesbisch SEIN in der Kindheit und Jugend überhaupt keine Option war, weil sie gar nicht auf die Idee kommen konnten, Frauen könnten mit Frauen zusammenleben, sich auf Frauen beziehen und Frauen lieben. Erst als die Frauenbewegung diese Denk- und Lebensmöglichkeiten geschaffen hat, konnten diese Frauen Lesben WERDEN. Und ob das dann nun so war, dass sie „Es“ immer schon irgendwie gewesen waren oder ob sich ihnen dadurch einfach neue Möglichkeiten eröffneten, freier zu leben – so what.

    Nein, ich mache hier keinen Feldzug, sondern ich bin nur einfach anderer Ansicht als du und finde das Thema interessant zu diskutieren. Findest du das so ungewöhnlich? Heute aber nicht mehr, weil ich jetzt meinen Computer für den Rest des Tages verlasse.

  65. Lina sagt:

    @alex
    Ich bin gerade an dem Punkt, wo ich mich frage: Frau? AM I THAT NAME? (ich habe gerade nicht mehr im Kopf von wem das Zitat stammt) (Und in ein paar Jahren werden andere Überlegungen wichtig sein, und darum bin ich der Meinung, dass ICH nichts Stabiles ist.) Im hier und heute komme ich zum Schluss, dass ich gar nicht verstehe, was das überhaupt sein soll, eine Frau, und wozu alle diese Kategorien wichtig sind, und, ja – wir machen diese Unterschiede, und damit gibt es sie – aber wozu lohnt es sich, sie weiter aufrecht zu erhalten? Und klar, das impliziert, dass ich den Grossteil meiner Mitmenschheit, für die die Identifikation mit einer Geschlechtsidentität sehr wichtig ist, und diese Kategorien drum nicht mithelfen wollen abzubauen, in diesem Punkt in einem Wahn wähne, ah, und jetzt wird mir grad klar, wieso meine Kommentare etwas sehr vom hohen Ross daher kommen könnten. Nun gut, ich steh dazu.

    Stichwort Kollektivmitleid: Ich bin froh, dass du und auch @let diese Sorge äussert. Ich glaube so etwas zu kennen, von feministischen oder profeministischen Männern, die sich mit dem Leid das Frauen im Rahmen von Diskriminierung oder Gewalt mit einer Geschlechtsdimension solidarisch zeigen. Da bin ich auch misstrauisch, weil ich befürchte, dass derselbe am nächsten Tag wieder von seinen Privilegien freudenstrahlend gebrauch machen wird ohne es überhaupt zu merken. Ist so etwas gemeint? Ich bin natürlich nicht perfekt, und kann nicht garantieren, dass mir so etwas nicht auch passiert, aber mein Bemühen mutig zu sein und solidarisch mit Menschen, die verachtet werden für ihr blosses Dasein ist aufrichtig und ein tiefer Wunsch von mir.

    Und andererseits möchte ich Einspruch erheben, gegen eine Auffassung des Begriffs „Mitleid“, als etwas immer Verlogenens und Unaufrichtiges. Dass „Mitleid“ in unserer Sprache diese Verschiebung erfährt, hat meiner Meinung nach viel damit zu tun, dass wir unser Selbst gesellschaftlich bedingt als verachtenswert konzipieren, und also so etwas wie Mitleid gar nicht verdienen können. Und das wiederum hat viel mit den ganzen Kategorien zu tun, in die wir uns einteilen, zwischen denen wir diese Gräben aufreissen und hasserfüllt rüber schauen.

  66. alex sagt:

    @lina
    „wir machen diese Unterschiede, und damit gibt es sie – aber wozu lohnt es sich, sie weiter aufrecht zu erhalten?“

    was heißt das jetzt für mich? ich soll mein lesbisch sein abbauen und darauf hin arbeiten, männer zu begehren?
    in welchem wahn wähnst du mich? in welchem wahn leben transidente? sollte sich da einer von *denen* deiner philosophie anschließen wollen, was müsste diese person tun? sagen wir ein mensch mit penis möchte den nicht, sondern eine vagina, der penis fühlt sich für diese person falsch an, welche handlungsanweisungen würdest du dieser person geben, dass sie in deiner kategorielosen welt ankommen kann? was wäre dieser mensch in deiner idealen kategorielosen welt? den würde es nicht geben? wie ist das mit mir, wie würde es mich geben?

    mitleid: wofür bemitleidest du transidente? für das postulieren einer echten transidentität als weg, um geschlechterrollen zu kompensieren? wenn du annehmen könntest, dass das kein äußerer zwang ist, dem transidente folgen, sondern etwas, das von innen kommt, müsstest du transidente dafür nicht bemitleiden.

    @antje
    ich brauche nichts dazu. ich bin das. und zu deiner klammer: ich spreche nur von mir. ich habe nicht den drang, andere in irgendwelche theoriesystem einzupassen oder sie politisch zu verhandeln, ich zweifel auch nicht die „echtheit“ von anderen lesben oder transidenten an.

    „Und ob das dann nun so war, dass sie “Es” immer schon irgendwie gewesen waren oder ob sich ihnen dadurch einfach neue Möglichkeiten eröffneten, freier zu leben – so what.“

    ja. genau. warum spielt es dann eine rolle, ob jackie „es“ immer schon irgendwie gewesen ist oder sich ihr dadurch einfach neue möglichkeiten eröffnen, freier zu leben – so what?

  67. Joke sagt:

    Ich möchte hier mal ein paar Punkte in den DiskussionsRaum werfen, die mir beim Lesen der Kommentare aufgefallen sind.

    1. Ich hab mir den Film da oben nicht zu Ende angesehen, weil mich solche Dokus über Trans*leute meist nerven/langweilen/ärgern/weiteres negatives Wort. Es gibt eine Menge Texte/Filme/andere Dinge _von_ Trans*leuten zu Trans*. Die sind auch nicht unbedingt alle das Gelbe vom Ei, aber sie sind eben nicht _über_ Trans*, wie der Film oben. Natürlich möchte ich niemandem vorschreiben, welche Filme sie_er hier posten soll, aber ich glaube, dass sich viele Diskussionen anders entwickeln könnten, wenn die besprochenen Filme selbst etwas emanzipativer wären.

    @Antje Schrupp
    Ich finde es auch total interessant, den Film oben zu diskutieren ob seiner Darstellung von Trans*, Männlichkeit, Weiblichkeit, Genderkonformität etc. Aber das wäre in meinen Augen eine Diskussion, die sehr viel Erklärung und Vorlauf und lange Texte braucht, sonst passiert genau das, was hier läuft. Und was hier auch meiner Meinung nach zurecht läuft. In Anbetracht des Themas finde ich Deinen schnellen kritischen Einwurf fahrlässig (was das falsche Wort ist, ich hoffe, Du verstehst, was ich meine).
    Und nebenbei: Trans*leute und Leute, die zu Trans* forschen und schreiben und wasweißich kümmern sich schon sehr lange um solche Themen. Das ist also nicht neu.

    2. Achtung: Bei Trans* dreht sich nicht in erster Linie immer alles um die Genitalien. Viele Beiträge hier landen sehr schnell bei der Frage, was eine_r zwischen den Beinen hat. Das ist verkürzt. Trans*leute sind dann doch sehr unterschiedlich.

    3. Ach ja, und: Trans*leute sind sehr unterschiedlich. Es gibt die, die schon immer trans* waren, bzw. die, die schon immer das *andere* Geschlecht waren. Und die, die irgendwann trans* geworden sind. Und die, die sich auf zwei Geschlechter beziehen, weil es für sie Sinn macht und die damit wunderbar trans* sein können. Und die, die Sex, Gender, Gender Identity etc. kritisch in Frage stellen und damit wunderbar trans* sein können.

    4. Transsexuell – transgender – transident – it’s not so easy.
    Eine Annäherung (und meiner Meinung nach auch wieder eine streitbare… ;)) findet sich in den FAQ von TransMann e.V. unter 1.3.:

    http://www.transmann.de/informationen/transfaq.shtml

    Wenn ihr möglichst wenig Fettnäpfchengefahr wollt, dann haltet euch an trans*.

  68. Nadine sagt:

    Antje,

    dass es eine fixe Gender Identity gebe, die biologisch begründbar sei, sagt der Beitrag, nicht die Kommentare hier. Wir verwehren uns alle dem Biologismus. Wenn Menschen aus ihren Entscheidungen etwas Identitäres ziehen, ist das erstmal ihre Sache und obliegt nicht deiner Anerkennung.

    Frage ist doch nicht, wie und warum Menschen was mit ihrem Gender oder Sex tun, sondern welche Politiken sie daraus entwickeln. Ich weiß allerdings auch nicht, was das mit dem Thema zu tun hat, offenbar scheinst du dich lediglich am Transgender-Begriff zu stören.

  69. Cassandra sagt:

    Ich bin mir nicht sicher ob ich das hier reinschreiben , oder es in eine Beitrag für den Selbermach-Sonntag umwandeln sollte, aber jetzt ist es erstmal hier:

    Die GLAAD hat hier:
    http://www.glaad.org/2011/09/02/glaad-reviews-abcs-my-extraordinary-family-transgender

    eine Kritik der Sendung, in der auch Jackie aufgetreten ist, verfasst.

    Außerdem gibt es noch zwei Fernsehauftritte von Johanna Olson, der Doktorin aus dem Jackie-Beitrag:

    http://www.youtube.com/watch?v=9_Z8SzUEmlo

    http://www.youtube.com/watch?v=3VOX7zEnKzg

    Inhaltlich am Substanziellsten dürfte aber dieser 6-Seitige Artikel sein, den Olson verfasst hat:

    http://www.imatyfa.org/practioners/ManagementTGAdol_Olson.pdf

    Allgemein geben diese Quelle noch einen besseren Überblick über Olsons Arbeit als es das abc-nightline Interview getan hat.

  70. Luna sagt:

    @Antje: Die Frauenbewegung hat sicher viel dazu beigetragen, Frauen, die andere Frauen mehr/eher begehr(t)en als Männer, sichtbar werden zu lassen und ihnen Autausch/Treffmöglichkeiten zu bieten, gleichgesinnte Frauen kennen zu lernen. Allerdings gab es schon viel früher Möglichkeiten, zumindest einen Teil des Lebens lesbisch zu leben (sagen dir die „Bostoner Ehen“ etwas? Ich empfehle dir mal das Buch „Berühmte Frauenpaare“ ) Aber dass Frauen lesbisch wurden, weil sie in dieses „Hetenschema“ nicht passten- was ist dann bitte mit all den emanzipierten, feministischen Heteras, die es doch schaffen, nicht in dieses Schema zu passen und doch eine heterosexuelle Beziehung/ ein heterosexuelles Leben zu führen?

  71. AnnaChristina sagt:

    Hi,
    Ich habe eben das Video gesehen und auch die Kommentare hier durchgelesen.
    Zum Video:
    Ich finde das Thema für amerikanische Verhältnisse gut dargestellt, klar, das doch recht krasse Schminken in dem Alter ist für unsere Augen ungewohnt, aber wohl in den USA eher normal.

    Da ich selbst von der Thematik betroffen bin, glaube ich, auch etwas dazu beitragen zu können.

    Ich bin inzwischen 31 und für mich steht die Frage an, ob und wann ich eine OP machen möchte. Ich lebe inzwischen seit fast zwei Jahren meine richtige Identität und fühle mich dadurch extrem befreit und glücklich.
    Allerdings wußte ich eigentlich auch schon seit dem Grundschulalter, daß genau dies eigentlich meine Identität ist und nicht eine männliche, die ich leider fast 30 Jahre leben mußte.
    Hätte ich damals einerseits die Kraft gehabt, dies auch richtig zu artikulieren und wären meine Eltern auch so offen gewesen und für mich dagewesen, wie es Jackies Eltern sind, wäre mir sehr viel Leid erspart geblieben (allein schon alles, was mit fehlenden bzw. zu vielen Haaren zu tun hat (je nach Körperstelle), ist die Hölle).

    Daher kann ich aus meiner Situation heraus sagen:
    Ja, ein Kind kann durchaus in einem solchen Alter selbst sagen, welche Identität es hat und welchem Geschlecht es angehört.

    Zu den Kommentaren hier:
    Ich habe die meisten gelesen, einige nur überflogen. Und ich finde es interessant, wie abgehoben und somit von oben herab hier debattiert wird.
    Für mich interessant war die Theorie, man könne ja vielleicht bei einer offeneren Gesellschaft trotzdem ohne Angleichungen o.ä. mit der falschen Identität weiterleben.
    Ich kann sagen: Ich habe so etwas versucht. Ich habe einige Jahre versucht, in einigen Bereichen mit männlicher Identität zu leben, in anderen in rein weiblicher und hauptsächlich in meiner Freizeit in einer sehr offenen und toleranten Umgebung auch in einer Art „gemischten Identität“, also genau so, wie es hier postuliert wird.
    Es klappt nicht. Irgendwas fehlt immer.

    Daher: So, wie unsere Gesellschaft zur Zeit ist (und das wird sich nicht so schnell ändern, was dieses Thema betrifft), gibt es kaum gangbare Alternativen dazu, sich für eine der beiden Rollen zu entscheiden. Wie man diese dann allerdings ausgestaltet, da bleibt ja glücklicherweise Spielraum.
    Ich für meinen Teil bin zwar laut Aussage meiner Partnerin schon eher ein „girly-girl“, mag aber „trotzdem“ Technik und Computer sehr und sammle 25 Jahre alte Rechner.

    Viele Grüße,
    Anna Christina

  72. Ich hoffe nicht, dass ich so spät komme, dass es nicht mehr gelesen wird.

    @Antje:
    > Aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass es so etwas wie eine “Gender Identity” gebe.

    Warum um Himmels Willen eigentlich? Folgt aus einem instinktiven Wissen um die eigene geschlechtszugehörigkeit automatisch die patriarchale Minderbertung alles weiblichen oder Geschlechtsrollen wie wir sie in den nach wie vor vorhandenen patriarchalen Strukturen kennen?

    Geschlechtsidentität als instinktives Wissen um das eigene Geschlecht ist nicht das selbe wie Geschlechtsidentität als identifizierung mit einem vorgegebenen Rollenmuster.

    Ich denke, deine gesamte Argumentation basiert auf diesem Unbehagen und ich bitte dich zum zweiten mal (einmal Bereits in deiner Kommentarsektion mit Aufbereitung in meinem Blog) dich mal näher damit auseinander zu setzen.

    Was die medizinische Behandlung von Transkindern betrifft. Bis zum Pubertätseintritt ist ja gar nichts nötig. Und das sollte es völlig egal sein, ob ein Kind nur eine Phase durchmacht oder nicht, es ist doch nicht falsch, ein Kind in der entsprechenden Rolle auftreten zu lassen (wobei ich persönlich wetten würde, dass „nur eine Phase“ bei der Konfrontation mit der Realität ganz schnell vorbei wäre)

    Dem Behandlungsprotokoll nach wird die Pubertätsverzögerung erst nach ersten sichtbaren Pubertätsmerkmalen eingeleitet. Hält die geschlechtsidentität über diesen Zeitpunkt heraus an, erst dann werden die GnrH Analogika gegeben. Und nicht als „Umwandlungsmassnahme“ sondern als Sicherheitsnetz. Das „Kind“ muss erst eine wirklich entscheidung treffen, wenn es das 16. Lebensjahr erreicht, da liegt dann eine Grenze.

    Dieses gigantische Sicherheitsnetz, das kann man ganz klar sagen, ist allerdings auch der besorgten Gesellschaft geschuldet, und nicht der realen Sorge um eine Falsche Entscheidung: Den bislang gab es kein Kind, das nach Pubertätseintritt noch mal umgekehrt wäre. (Neurologisch übrigens ziemlich klar begründet).

    Zum Thema Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentität bei Kindern habe ich übrigens mal eien Betirag auf meinem Blog geschrieben, der für viele interessant sein könnte:
    http://badhairdaysandmore.blogspot.com/2009/10/pritty-in-pink.html

  73. Noch eine Hinweis:

    > Ob Jackie transsexuell leben möchte

    Was bitte ist „transsexuell leben“? Transsexualität ist doch kein Lebensstil, es ist ein Problem, das man überwinden will, um dann eben nicht mehr damit Konfrontiert zu sein, also das exakte Gegenteil der darin enthaltenen Aussage.

  74. Kati sagt:

    Danke Bad Hair Days.
    Nur ein paar kurze Worte…
    Transkindern wollen das Alles nicht, es passiert mit ihnen. Es ist einfach so und sie verstehen es selbst nicht. Sie wünschen sich nichts mehr, als “ normal“ zu sein, sie fühlen sich falsch.
    Sie hübschen sich teilweise ( insbesondere anfangs ) überstriebem auf, weil sie nach Außen zeigen/ beweisen wollen, was sie sind. Sie selbst wissen in jeder Sekunde ihres Lebens und sehen bei jedem Toilettengang, dass sie körperlich nicht so sind wie sie sich fühlen. Sie haben Angst aus diesem Grund abgelehnt zu werden.
    Manchmal lieben sie aber einfach auch Pink und Glitzer ein Zeit lang besonders, genauso wie andere ( Biomädchen ) auch. Und da machen es auch nicht die Eltern, es ist eben einfach reizvoll und schön.
    Und es stimmt…Kein Kind tut sich die Reaktionen in Kita, Schule, Nachbarschaft übere längere Zeit an, wenn es nicht Trans ist. Soll heißen…wenn ein Kind über lange Zeit ( Jahre hinweg) den Wunsch das Geschlecht zu wechseln als oberste Priorität ( z.B. erster Wunsch auf Wunschliste beim Weihnachtsmann oder Geburtstag) hat, sollte ihm dies auch Niemand absprechen. Diese Kinder und deren Eltern gehen jahrelang durch Gutachten, bevor Entscheidungen getroffen werden.

    Mutter eines 5 jährigen Transkindes.