iZelle und „social freezing“ – Plötzliches Interesse an reproduktiven Rechten im Kapitalismus

von Charlott

Mitarbeiter_innen von Google und Facebook in den USA sollen bei den Kosten für das Einfrieren von Eizellen unterstützt werden („Social Egg Freezing“). Letzte Woche löste diese Tatsache eine große Debatte auch in deutschsprachigen Medien aus. Bei der Süddeutschen wurde getitelt „Gefrierschrank macht noch keine Gleichberechtigung“ und durchaus etwas differenzierter die Tatsachen betrachtet, bei Spiegel Online wurde in einem Kommentar verkündet „Warum ich den Eizellen-Plan von Apple und Facebook pervers finde„. Bei der Zeit wurde mit „Ein Hoch auf die Produktivität“ plötzlich so etwas wie Kapitalismuskritik geübt und dann nur zwei Stunden später biologistisch-ätzend und androzentrisch von der „Herstellung des Menschen“ gefaselt. Der Medienkompass des Spiegels zeigt, dass sich die Berichte der größeren deutschsprachigen Medien irgendwo einpendeln zwischen „Angebot schafft keine Gleichberechtigung“ und „es ist eh eine risikoreiche Technik“.

Sicher ist eine Verknüpfung von (finanziellem) Zugang zu reproduktiven Technologien und dem eigenen Arbeitgeber keine großartige Lösung. Aber als vor einigen Monaten in den USA Gerichtsurteile gefällt wurden, die Firmen zugestanden, aus „Gewissensgründen“ ihren Mitarbeiter_innen den Zugang zu bestimmten Verhütungsmitteln zu verwehren, da fiel das Medienecho doch bedeutend verhaltener aus und die wenigsten Journalist_innen stürzten sich auf das grundlegende Problem der Verbindung zwischen Arbeitgeber und reproduktiven Rechten. Ich möchte keine Lobeshymnen auf die Firmen, um die es hier geht, singen  – Angestelltenstruktur, Datenschutz u.ä. geben ja genug Anlässe zur Kritik. Aber die finanzielle Unterstützung beim Einfrieren der Eizellen ist nicht die einzige Maßnahme, die es dort hinsichtlich des Komplexes „Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie“ gibt. Sie bieten u.a. bezahlte Elternzeiten, finanzielle Boni oder Unterstützungen bei Adoptionen.

Fakt ist auch, dass diese reproduktive Technik kein Garantie dafür ist, dass Menschen zu einem späteren Zeiptunkt im Leben Kinder bekommen können (und es natürlich auch ein für viele unangenehmer medizinischer Eingriff bleibt) – in Medienberichten wird das manchmal so verkündet, als wüssten die betroffenen Personen dies nicht. Für einige aber mag es trotzdem eine gute Option und manchmal gar die einzige sein (beispielsweise bei Erkrankungen). Dann ist es doch gut, wenigstens nicht auf den (nicht zu unterschätzenden!) Kosten allein sitzen zu bleiben.

„Social Egg Freezing“ ist nicht die Antwort auf alle Fragen. Das hat aber meines Erachtens tatsächlich auch niemand behauptet. Worum geht es also wirklich? Auffällig ist, dass die Debatte gerade an dem Punkt ausbricht, wo es plötzlich um reproduktive Technologien geht. Und nicht nur in den Mainstreammedien,  auch bei einigen Feminist_innen schwingen da Vorstellungen mit von „natürlicher (=richtiger) Schwangerschaft“ und damit einhergehend auch implizit darüber, welche Familienmodelle als richtig und möglich erachtet werden. Es werden zum einen besonders Frauen (andere Möglichkeiten potentiell schwangerer Menschen werden ausgeblendet) angegriffen für Entscheidungen über ihren Körper (natürlich auch nichts Neues), aber zum anderen wird in der Debatte auch außen vor gelassen, für wen reproduktive Technologien eine der wenigen Optionen überhaupt sein können. Nämlich für Menschen, die gerade weil sie keine ableisierten Cis-Hetero-Paare mit dem nötigen finanziellen Polster sind, eh vielerorts keinerlei Zugang haben. Und sicher ließen sich auch bestimmte Praxen reproduktiver Techniken komplexer diskutieren, aber wenn sie unter dem (sehr dünnen) Mäntelchen der Kapitalismuskritik pauschal abgewertet werden, lohnt sich schon der genauere Blick, wer hier angegriffen und augeschlossen wird.




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 21. Oktober 2014 um 9:03 Uhr unter Körper, Medienkritik, Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. Nadine sagt:

    Liebe Charlott, vielen Dank für den Artikel.

    Mir fiel noch ein: Es ist ungewöhnlich, dass Unternehmen Gesetzgebung und Staat voraus sind in Sachen Reproduktion und Familienpolitik oder generell Rücksichtnahme auf Lebensrealitäten der Angestellten/Lohnabhängigen. Es gibt sicherlich Ausnahmen, aber sie dienen immer nur einem Zweck: Der Erhöhung der Verwertbarkeit und Ausbeutung von Arbeitskraft. Da brauchen wir uns im Kapitalismus nichts vormachen. All die „tollen“ Gleichstellungsmaßnahmen und Diversity-Management-Gedönse ändern daran nichts, sondern wurden genau (auch) dafür geschaffen. Den Lohnabhängigen das Gefühl zu geben, sie würden als Menschen wahr- und in ihren Bedürfnissen ernstgenommen. Ablenkungstaktiken.

    So ist auch social freezing, bezahlte Elternzeit, Boni und Support bei Adoptionen zu werten in meiner Wahrnehmung. Trotzdem kann es für den_die Einzelne_n eine notwendige und willkommene Unterstützung im Konkreten sein. Warum nicht nehmen, was eine_r kriegen kann?

    Im Hinblick darauf, dass freezing eine teure und nachweislich nicht sehr effiziente ergänzende Maßnahme zum „Schwanger werden“ ist, frage ich mich, was der Mehrwert dieses Entgegenkommens ist für die Menschen, die das in Anspruch nehmen können. Ist es deshalb nicht eher ein Signal an eben diese Personen Schwangerschaften/Familiengründung mit Kind den Akkumulations-Bedürfnissen des Unternehmens unterzuordnen? Ist es nicht ein weiterer Zugriff auf die individuelle Lebensplanung/Lebensvorstellung, ein weiterer Regulierungsversuch in Bezug Selbstoptimierung und Entgrenzung von Lohnarbeit/Nicht-Lohnarbeitsphäre?

    Was die anderen Maßnahmen angeht, frage ich mich zudem, wer davon eigentlich profitieren kann. Wenn wir uns anschauen, wessen Reproduktion im Nationalstaat ideologisch und tatsächlich erwünscht ist und gefördert wird, wie Reproduktion gesetzlich geregelt ist, also wen der Gesetzgeber mitdenkt und ausschließt und wer letztlich in solchen in Unternehmen angestellt wird, die diese Unterstützungen anbieten, dann wären diese Maßnahmen auf einen deutschen Kontext übertragen fast nur denen zugänglich, die sowieso erwünscht sind im Sinne der Reproduktion des „Volkskörpers“. Da verweise ich gerne auf unseren tollen Podcast zu reproduktiven Rechten: http://maedchenmannschaft.net/reproduktive-rechte-im-kontext-der-winterpodcast/

    Was ich mich noch gefragt habe: Wieso gehen Unternehmen eigentlich nicht auf sogenannte potentielle „Väter“/Spermaspender zu? Einfrieren von Sperma ist keine Option? Insemination anyone? Wieso werden im Hinblick auf Reproduktion ständig „Frauen“ adressiert? #rhetorischefragen

    Zur bisherigen feministischen Kritik an „social freezing“: Danke für den Überblick. Mir kam sofort der Gedanke, dass es auch darum geht die vermeintlich ursprünglichen Bastionen und Marker von Frau-Sein und Weiblichkeit zu schützen: Ovarien, „natürliche Schwangerschaft“… Neben dem, dass hierbei wieder nur der sexistische Gedanke, der eigentliche Sinn von „Frauen“ und ihren Körpern bestünde in der Reproduktion, unkritisch wiederholt wird, zeigt sich für mich auch eine spezifische heterosexuelle Angst. Du schreibst ja bereits, dass die Kritik bisher cisnormierend daher kommt. Wenn „natürliche Schwangerschaften“ so hervorgehoben werden, so als seien sie durch Reproduktionstechnologien bedroht (was Quatsch ist, sonst gäbe es ja schon längst die Möglichkeit für alle schwanger zu werden und/oder Kinder zu bekommen), geht es nicht auch darum den Vorgang der heterosexuellen Kopulation (LOL) hervorzuheben? „Mann“ und „Frau“ und ihre sexualisierte Bezogenheit aufeinander? Ihre Untrennbarkeit voneinander? Ich sehe in Reproduktionstechnologien auch die sinnstiftende Ideologie von Heterosexualität bedroht. Nicht umsonst ist bis heute eine gängige heterosexistische Argumentation geblieben, dass „Homosexuelle“ (meint oft: alle, die nicht als hetero gelten im Sinne von „eindeutig“ Mann und „eindeutig“ Frau beziehen sich /körperlich/ aufeinander) unwertes Leben sind, weil sie sich angeblich nicht „fortpflanzen“ könnten.

  2. Lozen sagt:

    Ich bin über diesen Beitrag doch recht irritiert. Sollte es nicht darum gehen, Möglichkeiten zu schaffen, die nicht der Logik kapitalistischer Verwertbarkeit und männlicher Erwerbsbiografie entsprechen?? Also eine Gesellschaft, in der für die unterschiedlichen Phasen des Lebens Platz geschaffen wird? Dieses social egg freezing widerspricht diesem eklatant!

    Es sollte nicht vergessen werden, dass diese Unternehmen (wie das sillicon valley insgesamt) von weißen, heterosexuellen Männern dominiert wird, die die Welt nach ihren Prägungen und Vorstellungen (weiß, männlich, heterosexuell) gestalten.

    Und was passiert, wenn die Mitarbeiterin nicht mehr bei diesem Unternehmen arbeitet?? Darf die dann ihr Ei mitnehmen?

  3. Charlott sagt:

    @Nadine: Vielen vielen Dank für deine Ergänzungen und Erweiterungen.

    @Lozen: In meinem Text (und auch in Nadines Kommentar) steht direkt drin, dass auffällig ist, dass nun gerade beim Thema „social freezing“ die Kapitalismuskritik angebracht wird, weil ja auch eigentlich alle anderen Maßnahmen im Rahmen von Kapitalismus stattfinden. „Social Egg Freezing“ widerspricht der Logik kapitalistischer Verwertbarkeit nicht viel mehr oder weniger wie viele, viele andere „Vereinbarkeitsmaßnahmen“. Auch streitet hier keine_r ab, dass diese Firmen auf eine bestimmte Art und Weise strukturiert sind, dass die Belegschaften männlich und weiß dominiert sind etc. Aber gerade bei „Social egg Freezing“ wird die Debatte eröffnet. Die Gründe hinter diesem Fakt versuchte ich offenzulegen.

    Zu deiner letzten (vielleicht auch nur polemischen?) Frage: Die Eizellen werden ja nicht im Firmeneisfach aufbewahrt, sondern die Firmen beteiligen sich an den Kosten…

  4. Jane sagt:

    Eine Frage hierzu: Ich bin kein Experte, aber ich dachte bis jetzt, dass Gesundheitsversorgung, die in Deutschland über die Krankenversicherung läuft, welche sich – von der Zweiklassengesellschaft aufgrund der privaten Krankenversicherung mal abgesehen – nicht sehr stark in ihren Leistungen unterscheiden, in den USA stärker vom Arbeitgeber abhängig ist. So bestimmt quasi der jeweilige Arbeitgeber auch den Umfang der Leistungen (korrigiert mich bitte), was von Zahnersatz über Anzahl bezahlter Krankheitstage (sick leave) bis hin zu Empfängnisverhütung geht. In diesem Licht scheint mir die Maßnahme bei den o.g. Unternehmen etwas weniger sensationell. Wenn sie diese Leistungen in ihren Versorgungskatalog mit aufnehmen, wie andere Formen „künstlicher“ Reproduktion, ist das für mich noch nicht unbedingt ein Statement von derartigen politischen Dimensionen. Wie Nadine bereits gesagt hat, wäre für mich allerdings auch sehr interessant zu wissen, ob sie zb auch Reproduktionskosten bei einer Samenspende o.Ä. mit einschließen, auch das sind ja teilweise Leistungen, die die Krankenkassen übernehmen.

  5. Naomi sagt:

    Anscheinend versteht das in Deutschland kaum jemand: ‚egg freezing‘ ist in der Tat eine Zusatzleistung in einem umfassenden Katalog, den diese Unternehmen anbieten. Frau kann – muss aber nicht – ihre Eizellen einfrieren. Dieses Angebot als besonders kapitalistischen Auswuchs anzusehen scheint mir eine sehr deutsche Sichtweise basierend auf den Erfahrungen mit einem System indem durch Krankenkassen, staatlichen Rentenversicherungen und Kindergeld/Ehegattensplitting der Zusammenhang zwischen Lohnarbeit und sozialen Leistungen entkoppelt scheint. In amerikanischen Unternehmen sind diese Versicherungsleistungen ein ganz wichtiger Teil des Arbeitsvertrags, genauso wichtig wie das eigentliche Gehalt oder die Stock options. Egg-freezing ist eher ein Lockungsangebot das für eine bestimmte Klientel interessant ist. Viele Frauen wünschen sich solche Angebote nicht nur aus Karrieregründen, sondern weil während des ‚besten Gebäralters‘ nicht die richtige LebenspartnerIn in Sicht ist. Ob das Einfrieren von Eizellen nun so ein schlauer Weg zur Lebensplanung ist bleibt dahin gestellt.
    Ich glaube, dass diese ‚egg freezing‘ Aktion eine gezielte Werbung ist, mit der diese Unternehmen potentielle Arbeitnehmerinnen ansprechen wollen und ihr eigenes Image als männliche Nerd-Domäne aufpolieren wollen. Wie weit dies mehr als eine Werbegag ist bleibt abzuwarten.
    Spermien- freezing wird einfach deshalb nicht angeboten, weil Männer dies weniger wünschen. Männer hören ihre biologische Uhr einfach nicht so laut ticken wie Frauen und haben daher selten Angst, dass ihre Spermien gammeln.
    Interessant finde ich – genau wie die Verfasserin – wie dieses Thema im deutschen Blätterwald behandelt wird. Eine Kapitalismuskritik wird angeheuchelt um dann sehr schnell festzulegen, wie eine normale, natürliche Familienplanung auszusehen hat (Mann, Frau, zwei Kinder, alles mit Mitte zwanzig, ungeachtet dessen das Männer mit Mitte zwanzig eigentlich nie verrückt nach Babies sind – warum wird Familienplannung eigentlich immernoch so ausschließlich als ein Frauenproblem diskutierte?)
    Silicon Valley ist in der Tat männerdominiert. Nach meiner Erfahrung ist es jedoch keineswegs ‚weiß‘. Jede durchschnittliche kalifornische Tech-Firma ist multiethnischer aufgestellt als beispielweise dieser Blog. Auch für Frauen ist die US tech Branche keine schlechte Option, Frau wird gut bezahlt, kann schnell Verantwortung übernehmen und oft an wirklich innovativen Sachen mitwirken. Auf jeden Fall besser als in einem Praktikum oder internship herumzuwurschteln – da kann Frau sich nämlich ganz schlecht eine Lebensplanung zusammen basteln – nicht nur egg freezing ist da kein Thema.